{"id":2152,"date":"2017-05-20T08:47:19","date_gmt":"2017-05-20T06:47:19","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2152"},"modified":"2017-05-20T12:58:58","modified_gmt":"2017-05-20T10:58:58","slug":"trotzkistischer-widerstand-im-zweiten-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2152","title":{"rendered":"Trotzkistischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/author\/left-voice\/\"><strong><em>Left Voice<\/em><\/strong><\/a><strong><em>. <\/em><\/strong><strong>Am 8. Mai 2017 war der 72. Jahrestag des Siegs der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Aber es war kein Krieg zwischen Faschismus und Demokratie, sondern ein Krieg zwischen imperialistischen M\u00e4chten<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>um die Neuaufteilung der Welt. In vielen L\u00e4ndern k\u00e4mpften Trotzkist*innen daf\u00fcr, dass der Krieg durch eine sozialistische Revolution beendet wird.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Leo Trotzki war der Zweite Weltkrieg ein imperialistischer Krieg. Unabh\u00e4ngig davon, wer angefangen hat, es war kein Krieg f\u00fcr nationale Unabh\u00e4ngigkeit. Es war ein Krieg zur Neuaufteilung der Welt, durch verschiedene Cliquen des Finanzkapitals. Er f\u00fcgte hinzu: \u201eDas schlie\u00dft nicht aus, dass sich infolge des imperialistischen Kriegs die Situation eines Landes verbessert oder verschlimmert, auf Kosten eines anderen Landes.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frankreich, das gro\u00dfe Experiment<\/strong><\/p>\n<p>Was war die korrekte Politik f\u00fcr Revolution\u00e4r*innen in den besetzten L\u00e4ndern? In der Mitte dieser Diskussion stand Frankreich, ein imperialistisches Land, dessen Bourgeoisie zum Gro\u00dfteil mit den Nazis zusammenarbeitete. Nur ein kleiner Sektor um General de Gaulle leitete Gro\u00dfbritanniens Politik weiter.<\/p>\n<p>Das franz\u00f6sische Proletariat hatte bis zum Krieg noch nie eine gro\u00dfe Niederlage erleiden m\u00fcssen und die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) besa\u00df gro\u00dfen Einfluss \u2013 selbst als dieser 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt abnahm, stieg er wieder an, nachdem die Nazis 1941 in die UdSSR einmarschiert waren und die PCF wieder ins antifaschistische Lager zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>Zum Anfang des Krieges gab es in Frankreich drei trotzkistische Gruppen: Das Komitee f\u00fcr die Vierte Internationale, die Internationale Kommunistische Str\u00f6mung (CCI) und die Barta-Gruppe. Sie waren nicht gro\u00df, aber sie alle verf\u00fcgten \u00fcber dynamische Kader. Vor der Besetzung wurden etliche trotzkistische F\u00fchrer*innen von der franz\u00f6sischen Bourgeoisie verhaftet und zahlreiche Aktivist*innen wurden in die Armee eingezogen, so dass der Trotzkismus g\u00e4nzlich zerstreut wurde.<\/p>\n<p>Nach der Ermordung Trotzkis erschien ein Diskussionspapier vom Komitee f\u00fcr die Vierte Internationale zur Frage der einzunehmenden Position, geschrieben von Marcel Hic und Yvan Craipeau. Die Autor*innen argumentierten dass Frankreich sich in eine unterdr\u00fcckte Nation verwandelt h\u00e4tte, und obwohl sie den reaktion\u00e4ren Charakter der Bourgeoisie erkannten, riefen sie am Ende zu einer gemeinsamen Front mit der Bourgeoisie und der Kleinbourgeoisie auf, f\u00fcr Ziele, die sich am nationalen Befreiungskampf orientierten. Diese Position, die ohne jeden Zweifel opportunistisch war, wurde sp\u00e4ter korrigiert.<\/p>\n<p>Der Sekret\u00e4r der Vierten Internationale, Jean Van Heijenoor, in New York City behauptete, dass es keinen Sektor der franz\u00f6sischen Bourgeoisie gebe, mit dem eine solche gemeinsame Front gebildet werden k\u00f6nnte:<\/p>\n<p><em>Die Mehrheit der franz\u00f6sischen Bourgeoisie hat es bereits geschafft sich mit Hitler zu verst\u00e4ndigen. Der nationale Widerstand konzentriert sich in den \u00e4rmeren Schichten der Bev\u00f6lkerung, dem st\u00e4dtische Kleinb\u00fcrger*innentum, den Bauern*B\u00e4uerinnen und den Arbeiter*innen. Aber es sind die Letzteren, die am entschlossensten k\u00e4mpfen und wissen werden, wie sie den Kampf mit dem Kampf gegen den Kapitalismus und der P\u00e9tain-Regierung verbinden.<\/em><\/p>\n<p>Heijenoor kehrt zur\u00fcck zu der zentralen Parole von Trotzki, die zusammen mit demokratischen Forderungen erhoben werden muss:<\/p>\n<p><em>Dem faschistischen \u201aWiederaufbau\u2018 Europas, also der Fortsetzung von Elend und Ruin, setzen wir die F\u00f6deration sozialistischer Staaten Europas entgegen (\u2026) Angesichts von Unterdr\u00fcckung und Diktatur werden die Arbeiter*innen den Kampf f\u00fcr demokratische Freiheiten (Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit etc.) nicht aufgeben, aber sie m\u00fcssen verstehen dass dieser Kampf nicht die verfallende b\u00fcrgerlicher Demokratie erneuern kann, welche diese Unterdr\u00fcckung und Diktatur hervorgebracht hat. Die einzige Demokratie, die derzeit in Europa m\u00f6glich ist, ist die proletarische Demokratie.<\/em><\/p>\n<p><strong>Proletarischer Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>Proletarischer Widerstand gegen die Besetzung der Nazis begann in Holland und Norwegen 1941, mit bedeutenden Streiks, die mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden. Van Heijenoort analysiert die wachsenden Widerspr\u00fcche zwischen dem besetzenden Regime und den eingedrungenen Massen. Wiederholend, dass ein entscheidender Schlag gegen Hitler nur von den Arbeiter*innen kommen kann, warnt er davor die taktischen Herausforderungen zu untersch\u00e4tzen, die die Besetzung an die Revolution\u00e4r*inne stellt:<\/p>\n<p><em>Wir erkennen das Recht der nationalen Selbstbestimmung vollst\u00e4ndig an und bereiten uns darauf vor, es als grundlegendes demokratisches Recht zu verteidigen. Trotz dieser Anerkennung wird dieses Recht von beiden Kriegsparteien mit F\u00fc\u00dfen getreten und im Falle eines imperialistischen Friedens kaum respektiert werden. Der Kapitalismus kann in seinem Todeskampf diese demokratische Forderung immer weniger erf\u00fcllen. Nur der Sozialismus kann den Nationen das komplette Recht zur Unabh\u00e4ngigkeit geben und schlussmachen mit jeglicher nationalen Unterdr\u00fcckung. \u00dcber das Recht der nationalen Selbstbestimmung zu sprechen, aber dabei \u00fcber die einzige M\u00f6glichkeit zu ihrer Verwirklichung, die proletarische Revolution, zu schweigen, ist das Wiederholen flacher Phrasen, Sch\u00fcren von Illusionen und T\u00e4uschung der Arbeiter*innen.<\/em><\/p>\n<p>Er weist auch darauf hin, dass das Kleinb\u00fcrger*innentum dazu neigt, sich dem britischen Imperialismus, hinter General de Gaulle, anzuschlie\u00dfen und einzelne Aktionen der individuellen Spionage, des Terrorismus und der Sabotage auszuf\u00fchren, die der Arbeiter*innenklasse, trotz ihres gro\u00dfen Held*innentums, als Methode fremd sind, isoliert von den Vorbereitung von Massenk\u00e4mpfen. Tats\u00e4chlich schaden sie diesen Vorbereitungen oftmals. Der anhaltende Hass gegen die Besetzung f\u00fchrte bei der Vichy-Regierung unter Marschall P\u00e9tain dazu seine bonapartischen Tendenzen zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Auf dem nicht von Nazis besetzten Gebiet, welches unter der Verwaltung von P\u00e9tain stand, erarbeitete das trotzkistische Regional-Komitee der unbesetzten Zone ein Dokument, welches beide Zonen repr\u00e4sentieren sollte (die besetzte und die unbesetzte Zone). Das Dokument vertieft die Analyse \u00fcber die ver\u00e4nderten Bedingungen in Europa, nach der Besetzung durch die Nazis und die Pauschalisierung von nationalen Widerstandsgruppen als Reaktion darauf.<\/p>\n<p>Die Unifizierung Europas durch die Nazis mithilfe der Methode der Kollaboration hat sich als Reinfall erwiesen, so dass die Nazis ihren Willen gewaltsam durchsetzten. Das Dokument kehrt zur\u00fcck zu der Idee der Europ\u00e4ischen Einheit, die eine objektive Notwendigkeit darstellt:<\/p>\n<p><em>Die Kontinentale Einigung ist unerl\u00e4sslich. Diese Einigung kann auf zwei Wegen geschehen: In Form einer imperialistischen \u201aNeuen Ordnung\u2018, unter der Hegemonie eines siegreichen Imperialismus oder in Form einer sozialistischen Transformation, unter der Hegemonie des europ\u00e4ischen Proletariats (F\u00f6deration der sozialistischen Staaten Europas). Die \u201aneue Ordnung\u2018, in ihrer faschistischen Form, wie auch in ihrer \u201ademokratischen\u2018 Form (im Falle eines angels\u00e4chsischen Siegs) ist eine g\u00e4nzlich konterrevolution\u00e4re L\u00f6sung.<\/em><\/p>\n<p>Im letzeren Falle best\u00e4tigen sie, dass es noch gr\u00f6\u00dferen Zwang und Unterdr\u00fcckung geben wird, indem sie eine Dynamik entfaltet, die zu einem Dritten Weltkrieg f\u00fchrt, der die Zerst\u00f6rung und die totale Unterwerfung der Menschen in Europa zu vollendet. Das f\u00fchrt zum Kampf f\u00fcr nationale Selbstbestimmung, welche nicht isoliert ist, sondern auf engste mit dem proletarischen Sozialismus verbunden ist. In diesem Rahmen orientieren sie sich am nationalen Gef\u00fchl der Massen, welcher Unterschiede zum gaullistischen Nationalismus aufweist, \u201eeinem Anhang des englischen Milit\u00e4rapparats\u201c und Repr\u00e4sentant einer imperialistisch-nationalistischen Fraktion.<\/p>\n<p><strong>Stalinistische Unterst\u00fctzung des Nationalismus<\/strong><\/p>\n<p>Der Widerstand (La R\u00e9sistance) wurde haupts\u00e4chlich von der Kommunistischen Partei Frankreich (PCF) gef\u00fchrt, die nach Hitlers Invasion in der UdSSR im Juni 1941 eine abrupte politische Wendung durchlief. F\u00fcr die Trotzkist*innen waren die Probleme des nationalen Widerstands, die Verteidigung der Sowjetunion und die Kritik des Stalinismus eng miteinander verbunden. Nach dem Einmarsch der Nazis in die UdSSR h\u00f6rte die PCF auf De Gaulle als \u201eeine Bewegung der reaktion\u00e4ren und kolonialistischen Inspiration\u201c zu bezeichnen und begann sie als einen Verb\u00fcndeten zu betrachten, der nicht kritisiert werden darf. De Gaulle hat nur einige Anh\u00e4nger*innen, aber die PCF bildete sofort einen gemeinsamen Block mit ihnen, die \u201eNationale Front des Kampfes f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Frankreichs\u201c.<\/p>\n<p>Die Politik der PCF war nationalistisch. Ihre Hauptparole lautete \u201eA chacun son boche\u201c \u2013 buchst\u00e4blich \u201eJedem seinen Boche\u201c (eine chauvinistische Bezeichnung f\u00fcr Deutsche). Es forderte die Verwendung der individualistischen Methoden des Kleinb\u00fcrger*innentums (Sabotage, Terroranschl\u00e4ge) und beg\u00fcnstigte dadurch die Politik der Alliierten. Die trotzkistische Presse ver\u00f6ffentliche 1941 eine Resolution, die sich dieser Politik entgegenstellte:<\/p>\n<p><em>Die Entwicklung einer proletarischen und antikapitalistischen F\u00fchrung der Volksbewegung gegen Hitler ist eine notwendige Voraussetzung f\u00fcr eine Verbr\u00fcderung mit den deutschen Soldat*innen und Arbeiter*innen. Die Partei vergisst nicht, dass ohne eine Kollaboration der deutschen Arbeiter*innen und Soldat*innen keine Revolution in Europa m\u00f6glich w\u00e4re. Darum geh\u00f6rt die Verbr\u00fcderung zu unseren zentralen Aufgaben. Jede Aktion, die den Bruch zwischen den deutschen und den europ\u00e4ischen Arbeiter*innen weiter aufrei\u00dft, ist direkt konterrevolution\u00e4r.<\/em><\/p>\n<p>Die Resolution unterstreicht zudem die Bedeutung der gemeinsamen Kampferfahrung auf lokaler und regionaler Ebene zwischen Stalinist*innen und Trotzkist*innen und erinnert daran dass die PCF der Hauptakteur innerhalb der Arbeiter*innenklasse war.<\/p>\n<p>Die Gruppe in der nicht besetzten Zone hielt den Kontakt mit dem Internationalen Sekretariat der Vierten Internationale in New York City \u00fcber amerikanische Seeleute, die im Hafen von Marseille ankamen, aufrecht. Im Juli 1942 wurde die Mehrheit dieser Gruppe verhaftet und zu Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt. (Einigen Nachforschungen zufolge war ihre Verhaftung Folge einer Provokation von stalinistischer Seite aus. Unter den Gefangenen war Pietro Tresso, der fl\u00fcchten konnte, dann aber verschwand. Sp\u00e4ter wurde bekannt, dass er von Stalinist*innen ermordet wurde.) Der Kontakt zwischen den franz\u00f6sischen und den US-amerikanischen Trotzkist*innen brach ab.<\/p>\n<p><strong>Nationales Problem eigener Art<\/strong><\/p>\n<p>In New York wird Van Heijenoort zum f\u00fchrenden Mitglied des Internationalen Sekretariats Vierte Internationale und versucht auf die dringende Situation in Europa und die neuen Probleme, die sich den Revolution\u00e4r*innen entgegenstellen, zu reagieren. Er leistet wichtige Beitr\u00e4ge zu den strukturellen historischen Problemen Europas, ihrer Beziehung zur nationalen Frage in verschiedenen Epochen und die Rolle der verschiedenen Klassen. Er \u00fcberpr\u00fcfte auch die G\u00fcltigkeit von Trotzkis Charakterisierungen und ihre Beziehung zum Problem der nationalen Befreiung und sozialistischen Revolution. Neben anderen Konzepten argumentierte er:<\/p>\n<p><em>Deutschlands Besetzung von Europa hat das nationale Problem neuen Typs hervorgebracht, es ist die Bewegung des Volkswiderstands in den imperialistischen Nationen die von einer noch m\u00e4chtigeren imperialistischen Nation zerschlagen wurde, in der Phase des Todeskampfs des Kapitalismus.<\/em><\/p>\n<p>Van Heijenoort analysiert den Klassencharakter des Widerstands und kritisiert kleinb\u00fcrgerliche und stalinistische Kampfmethoden und unterscheidet sie von den Sabotageakten, die von den Arbeiter*innen und nationalen Guerillas durchgef\u00fchrt wurden und sich in Mitteleuropa entwickelten. Er betont besonders, dass die Bauern*B\u00e4uerinnen- und Arbeiter*innen-Guerillas in Jugoslawien, die gegen die deutsche und italienische Besatzung k\u00e4mpften, die Initiator*innen der Aufst\u00e4nde in allen Nachbarl\u00e4ndern (Griechenland, Mazedonien, Rum\u00e4nien und Bulgarien) waren.<\/p>\n<p>Trotzkis Argumentation verwendend, antwortete er denen, die behaupteten, es sei notwendig, eine demokratische Revolution durchzuf\u00fchren als Vorstufe zum Sozialismus:<\/p>\n<p><em>Die Forderung nach nationaler Befreiung und Teilhabe an der gegenw\u00e4rtigen Widerstandsbewegung bedeutet keineswegs, dass wir neue b\u00fcrgerliche nationale Revolutionen oder eine Revolution eines besonderen Charakters erwarten m\u00fcssen, die weder b\u00fcrgerlich noch proletarisch, sondern \u201anational\u2018, \u201avom Volk ausgehend\u2018 oder \u201ademokratisch\u2018 (\u2026) ist. Beide, die franz\u00f6sische Revolution 1789 und die russische Revolution 1917, waren demokratisch, national und gingen vom Volk aus, aber w\u00e4hrend Erstere die Herrschaft des Privateigentum einf\u00fchrte, beendete dies die Letztere. Deshalb war die eine proletarisch und die andere b\u00fcrgerlich. F\u00fcr die kommende europ\u00e4ische Revolution wird ihr proletarischer Charakter von Anfang an sp\u00fcrbar sein. Ist eine demokratische Phase, also eine Erneuerung des b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus, nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes m\u00f6glich? Solch eine M\u00f6glichkeit ist nicht ausgeschlossen, aber ein solches Regime wird nicht aus einer b\u00fcrgerlichen Revolution oder einer \u201ademokratischen\u2018 Revolution ohne Klassencharakter hervorgehen, es w\u00e4re das zeitlich begrenzte und instabile Produkt einer proletarischen Revolution, die nicht zu Ende gef\u00fchrt wurde und noch mit der b\u00fcrgerlichen Konterrevolution zu k\u00e4mpfen hat.<\/em><\/p>\n<p><strong>R\u00fcckkehr der Arbeiter*innenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1941 kam es zu einer R\u00fcckkehr der franz\u00f6sischen Arbeiter*innenbewegung, die gekennzeichnet war durch den Streik der Bergarbeiter*innen im Norden und im Pas-de-Calais, die sich verweigerten f\u00fcr die deutsche Wehrmacht zu arbeiten und forderten, dass die gef\u00f6rderte Kohle, an die Zivilbev\u00f6lkerung geliefert wird. Der Bedarf des deutschen Regimes nach billigen Arbeitskr\u00e4ften veranlasste Laval dazu einen Austausch anzubieten: F\u00fcr drei Arbeiter*innen die in deutsche Fabriken deportiert werden, w\u00fcrde ein*e franz\u00f6sische*r Kriegsgefangene*r zur\u00fcckkehren. Doch diese Politik scheiterte. Am 22. August 1942 verk\u00fcndete der f\u00fchrende Funktion\u00e4r des Reichsarbeitsdiensts, Sauckel, eine Anordnung die die generelle erzwungene Mobilisierung von allen Arbeitskr\u00e4ften, sowohl Frauen als auch M\u00e4nner, aus den besetzten L\u00e4ndern in den Reichsarbeitsdienst begr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Die m\u00e4chtige Reaktion der Arbeiter*innen \u00fcberraschte die Nazis und Vichy-Anh\u00e4nger*innen. Die erste Fabrikbesetzung seit 1937 fand statt und die Zahl von Demonstrationen vervielfachte sich. Als die Z\u00fcge nach Deutschland fuhren wurde die Internationale gesungen. In den Flugbl\u00e4ttern war zu lesen: \u201eDie franz\u00f6sischen Arbeiter*innen werden nicht nach Deutschland deportiert\u201c und \u201eLasst uns unseren Kampf gegen die Abl\u00f6sung organisieren!\u201c. Die franz\u00f6sischen Trotzkist*innen intervenierten in diesem Kampf. Von den 500.000 Arbeiter*innen, die deportiert werden sollten, wurde weniger als die H\u00e4lfte nach Deutschland geschickt. Zu selben Zeit, beginnend 1941, fing vor allem die CCI an, heimlich in den Fabriken zu arbeiten, was 1942 anfing Fr\u00fcchte zu tragen.<\/p>\n<p>Im Juli 1942 ver\u00f6ffentlichte das neugegr\u00fcndete Europ\u00e4ische Sekretariat der Vierten Internationale seine \u201eThesen \u00fcber die nationale Frage\u201c (Diese \u201eThesen\u201c wurden von Marcel Hic geschrieben und im Quatri\u00e8me Internationale Nr. 2 ver\u00f6ffentlicht. Sie wurden daf\u00fcr kritisierst gegen\u00fcber der Nationalbewegung opportunistisch zu sein). Nach der Kriegsjahren, fing das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis an sich zugunsten der Arbeiter*innen zu verschieben. Der wachsende nationale Widerstand, gef\u00fchrt vom Kleinb\u00fcrger*innentum, bot der Arbeiter*innenbewegung die M\u00f6glichkeit, den nationalen Befreiungskampf auf dem Weg zur sozialistischen Revolution anzuf\u00fchren. Aus dieser Perspektive heraus pr\u00e4sentierten sie eine interessante Analyse der Nationalbewegung, die sich in den folgenden Jahren durch die Realit\u00e4t best\u00e4tigte.<\/p>\n<p><em>Belgien, Holland und Norwegen, und noch mehr Frankreich, wegen seiner N\u00e4he zur angels\u00e4chsischen Front, aufgrund seines wirtschaftlichen Verfalls, angesichts der englischen Trusts und Banken, aufgrund des sozialen Gewichts seiner Bourgeoisie und des imperialistischen Charakters seiner wirtschaftlichen Struktur, repr\u00e4sentiert den reaktion\u00e4ren Fl\u00fcgel der Nationalbewegung, in dem die M\u00f6glichkeit des Siegs des Imperialismus sicher ist. Auf der anderen Seite repr\u00e4sentieren die Tschechoslowakei, Polen und Serbien den linken Fl\u00fcgel: Die relative Schw\u00e4che der Bourgeoisie in diesen L\u00e4ndern, die Dringlichkeit der Landfrage und die N\u00e4he zur UdSSR sind einige Faktoren, die den revolution\u00e4ren Charakter der Nationalbewegung betonen.<\/em><\/p>\n<p>Im selben Jahr zeichnet Van Heijenoort die Landung der US-Amerikaner*innen in Nordfrankreich nach, um die Vichy-Regierung abzusichern, diplomatische Beziehungen zu bewahren und um aus dem Nazi-Kollaborateur Admiral Darlan, Leiter der Streitkr\u00e4fte der Vichy-Regierung, den Kommandanten Nordafrikas und den \u201eBefreier\u201c Frankreichs zu machen. Diese Politik, die ihren H\u00f6hepunkt in der Zusammenarbeit zwischen \u201eDemokrat*innen\u201c und \u201eFaschist*innen\u201c zur Unterdr\u00fcckung von Arbeitsk\u00e4mpfen und nationalen Befreiungsbewegungen in Italien und Griechenland fand, war eine Best\u00e4tigung der Vorhersagen von Trotzki \u00fcber die Methoden des \u201edemokratischen\u201c Imperialismus zur Unterdr\u00fcckung der Massen in Europa.<\/p>\n<p><strong>Der revolution\u00e4re Aufstieg von 1943<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Fall Mussolinis unter dem Druck der Partisan*innen sahen die Trotzkist*innen eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung im Kriegsverlauf, die die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine europ\u00e4ische Revolution er\u00f6ffnete. Sie ver\u00f6ffentlichten das \u201eManifest f\u00fcr italienische Arbeiter*innen, Kleinbauern*b\u00e4uerinnen und Soldat*innen\u201c. Die italienische Bourgeoisie, geschockt durch den Kampf der Arbeiter*innen von Turin, Mailand und Genua, ernannte Badoglio, ehemaliger Handlanger Mussolinis, zum Nachfolger, der das Kriegsrecht verh\u00e4ngte und Polizist*innen aussendete, um die Streikenden zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Vierte Internationale rief die italienischen Arbeiter*innen auf, die Tradition der 1920er-Jahre fortzuf\u00fchren, mit Fabrikbesetzungen und Aktionskomitees, um die politisch Macht zu ergreifen. Die Kontinuit\u00e4t dieser Bewegung veranlasste die Amerikaner*innen, die in Sizilien gelandet waren, dazu, ein Jahr zu warten, bevor sie Rom einnahmen, w\u00e4hrend die Nazis und die Faschist*innen den Widerstand im Norden bombardierten. Der revolution\u00e4re Prozess wurde auch beendet durch die Kapitulation der Kommunistischen Partei Italiens im Rom-Protokoll, die ihre Anh\u00e4nger*innen dazu aufrief, ihre Waffen zu \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Furcht der Alliierten war, dass sich der revolution\u00e4re Anstieg nach Deutschland ausweiten k\u00f6nnte, wo sich der Zerfall des Regimes beschleunigte. Deshalb ver\u00f6ffentlicht das provisorische europ\u00e4ische Sekretariat der Vierten Internationale im Dezember 1943 eine Erkl\u00e4rung \u201eIn Solidarit\u00e4t mit dem deutschen Proletariat\u201c. In der Zwischenzeit bombardierten die Alliierten unabl\u00e4ssig die mittleren deutschen St\u00e4dte, t\u00f6teten tausende Einwohner*innen und versuchten die Teilung der Massen in Europa zu vergr\u00f6\u00dfern. Dagegen rief das trotzkistische Manifest die Arbeiter*inne aller L\u00e4nder dazu auf materiell und moralisch ihre Solidarit\u00e4t mit ihren deutschen Klassengeschwistern auszudr\u00fccken und den Kampf zu verst\u00e4rken, um das Hitler-Regime zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Erfahrung der Verbr\u00fcderung in dem Sinne wird die Arbeit der Trotzkist*innen der Internationalistischen Arbeiter*innenpartei (POI) in der franz\u00f6sischen Stadt Brest sein. Unter der F\u00fchrung des deutsch-j\u00fcdischen Exilanten Martin Monath ver\u00f6ffentlichten sie eine geheime Zeitung f\u00fcr deutsche Soldat*innen \u201eArbeiter und Soldat\u201c. Davon gab es sechs Ausgaben, in den Jahren 1943 und 1944. Sie riefen die deutschen Soldat*innen dazu auf, ihre Waffen gegen den wahren Feind zu richten, dem deutschen Imperialismus, und sich dem Kampf gegen jene anzuschlie\u00dfen, die den Krieg zu verantworten haben, die imperialistischen Kr\u00e4fte beider Seiten. Ihr Ziel war eine Zersetzung der Armeen der Alliierten und der Achsen-M\u00e4chte, f\u00fcr ein gemeinsames Ziel, die Macht der Arbeiter*innen-, Kleinbauern*b\u00e4uerinnen- und Soldat*innenr\u00e4ten.<\/p>\n<p>Die Zeitung vereinte etwa 15 deutsche Soldat*innen. Jedoch konnte die Gestapo diese Zelle erfolgreich infiltrieren und die meisten franz\u00f6sischen Revolution\u00e4r*innen wurden eingesperrt und in Konzentrationslager deportiert, wo viele von ihnen starben. Die deutschen Soldat*innen wurden erschossen.<\/p>\n<p>Zwischen 1941, als ein gro\u00dfer Teil der F\u00fchrung der amerikanischen SWP f\u00fcr ihren Kampf gegen den Krieg eingesperrt wurde und 1943-1944, als die meisten Inhaftierungen und Exekutionen europ\u00e4ischer Trotzkist*innen, wie auch ihre Genoss*innen in den Kolonien, unternahmen die imperialistischen L\u00e4ndern gro\u00dfe Anstrengungen um, mit Hilfe des Stalinismus, revolution\u00e4re Prozesse abzuw\u00fcrgen.<\/p>\n<p><strong>Bilanzpapier<\/strong><\/p>\n<p>Der 2003 verstorbene trotzkistische Forscher Al Richardson schrieb:<\/p>\n<p><em>Das bewundernswerteste Beispiel, das f\u00fcr den Mut unserer Bewegung spricht, ist das ber\u00fchmte Buchenwald-Manifest. Die unterschiedlichen internationalistischen Trotzkist*innen ver\u00f6ffentlichten ein internationalistisches Manifest in diesem Todeslager. Ebenso die ber\u00fchmte Zeitung (\u2026) \u201eArbeiter und Soldat\u201c (\u2026) eine kleine Gruppe in Polen schaffte es sogar, w\u00e4hrend des Aufstands im Warschauer Ghetto eine Zeitung herauszubringen (\u2026) und nat\u00fcrlich sind da unsere Genoss*innen, die mit gro\u00dfem Mut in den H\u00e4nden der Nazis und Faschist*innen starben. Der griechische Trotzkist Poliopoulos beispielsweise rettet einigen j\u00fcdischen Gefangenen der Nazis das Leben. (\u2026) Dann wurde er von italienischen Beamt*innen hingerichtet, nachdem die Soldat*innen sich weigerten, ihn zu erschie\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p>Wie Daniel Bensaid erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p><em>La V\u00e9rit\u00e9, das heimliche Organ der PCI, erschien im August 1940. Das Anliegen, den Chauvinismus unter den Arbeiter*innen zu bek\u00e4mpfen konkretisierte sich in Frankreich 1943 mit der Publikation von Arbeiter und Soldat (\u2026) Ab Anfang 1944 verurteilt La V\u00e9rit\u00e9 die Projekte zur \u201eVernichtung\u201c Deutschlands. (\u2026) F\u00fcr die trotzkistischen Organisationen markiert der Krieg einen Bruch mit der organisatorischen und generationellen Kontinuit\u00e4t. Die Pionier*innen und Gr\u00fcnder*innen sind gr\u00f6\u00dftenteils verschwunden, entweder unter dem Druck der Repression oder durch Nachl\u00e4ssigkeit und Demoralisierung. Zu den Opfern des Faschismus oder kolonialen Unterdr\u00fcckung m\u00fcssen wir die Opfer der stalinistischen Unterdr\u00fcckung hinzurechnen, inklusive Trotzki pers\u00f6nlich, der 1940 in Mexiko von Attent\u00e4ter*innen hingerichtet wurde.<\/em><\/p>\n<p>Als ein Zeichen der Koexistenz mit den Westalliierten l\u00f6ste Stalin 1943 die Dritte Internationale endg\u00fcltig auf. W\u00e4hrend den Jahren 1943 und 1944, die mit dem wachsenden revolution\u00e4ren Aufstieg in Italien, Frankreich und Griechenland, gab es die gr\u00f6\u00dfte Vernichtung von Trotzkist*innen.<\/p>\n<p>Vom strategischen, programmatischen und politischen Standpunkt her wurde das Banner des Trotzkismus von der Vierten Internationale hochgehalten. Ihre Gr\u00fcndung war v\u00f6llig gerechtfertigt, einerseits um die erste Welle des Patriotismus bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen und andererseits um sich auf einen erneuten Anstieg vorzubereiten. Aber die durch Krieg, Verfolgung und Arbeit im Geheimen erzwungene Zerteilung verhinderte, dass sich eine der Gruppen entwickeln konnte, bis der lang ersehnte Aufstieg endlich eintrat. Nur einige wichtige F\u00fchrer*innen, wie Michel Pablo, Ernest Mandel, James Cannon, Joseph Hansen und Jean Van Heijenoort \u00fcberlebten. Die Vierte Internationale begann nach dem Krieg von Neuem. Aber ihre Kontinuit\u00e4t ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/trotzkistischer-widerstand-im-zweiten-weltkrieg\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 20. Mai 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Left Voice. Am 8. Mai 2017 war der 72. Jahrestag des Siegs der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Aber es war kein Krieg zwischen Faschismus und Demokratie, sondern ein Krieg zwischen imperialistischen M\u00e4chten<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[34,18,17],"class_list":["post-2152","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-faschismus","tag-imperialismus","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2152","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2152"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2152\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2156,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2152\/revisions\/2156"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2152"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2152"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2152"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}