{"id":2157,"date":"2017-05-22T09:22:35","date_gmt":"2017-05-22T07:22:35","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2157"},"modified":"2017-05-22T12:49:24","modified_gmt":"2017-05-22T10:49:24","slug":"2157","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2157","title":{"rendered":"Hilferdings fatales M\u00e4rchen vom organisierten Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Reiner Zilkenat.<\/em> <strong>Ende Mai 1927 beriet die SPD auf ihrem Parteitag in Kiel \u00fcber ihre \u00adzuk\u00fcnftige Politik. Ihr \u00bbChefideologe\u00ab w\u00e4hnte den Kapitalismus in einem \u00bborganisierten\u00ab Stadium und deshalb schon fast im Sozialismus angekommen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Hilferding verstand Rationalisierungen und Kartellbildungen insbesondere in der Elektro- und Chemieindustrie weniger als Ma\u00dfnahmen zur Profitsteigerung, sondern erblickte darin vielmehr \u00bbden \u00adprinzipiellen Ersatz des kapitalistischen Prinzips der freien Konkurrenz durch das sozialistische Prinzip planm\u00e4\u00dfiger Produktion\u00ab.<\/strong><\/p>\n<p>Zwischen dem 22. und dem 27. Mai 1927 kam die SPD in Kiel zu ihrem Parteitag zusammen. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihm durch ein ausf\u00fchrliches Referat zum Thema \u00bbDie Aufgaben der Sozialdemokratie in der Republik\u00ab des Reichstagsabgeordneten und Mitglieds des Parteivorstandes Dr. Rudolf Hilferding zuteil. Der Redner galt allgemein als der \u00bbChefideologe\u00ab der Partei. Mit seinem 1910 ver\u00f6ffentlichtem Werk \u00bbDas Finanzkapital \u2013 Eine Studie \u00fcber die j\u00fcngste Entwicklung des Kapitalismus\u00ab hatte er, weit \u00fcber die Reihen seiner Partei hinaus, gro\u00dfe Resonanz gefunden. In dieser volumin\u00f6sen Untersuchung, die 1947 in der Sowjetischen Besatzungszone vom Dietz Verlag nachgedruckt wurde, hatte er u.\u2009a. die Prozesse der anwachsenden Konzentration und Zentralisation des Kapitals analysiert und dabei die immer offener zu Tage tretende Tendenz zu unverh\u00fcllt reaktion\u00e4ren politischen Entwicklungen in den L\u00e4ndern des Kapitals nachgewiesen. Auch Lenin sch\u00f6pfte f\u00fcr sein 1917 erschienenes Werk \u00bbDer Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u00ab vor allem aus dem bei Hilferding ausgebreiteten empirischen Material.<\/p>\n<p><strong>Relative Stabilisierung<\/strong><\/p>\n<p>1927 lagen der Erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution in Russland, die revolution\u00e4re Nachkriegskrise und die Gr\u00fcndung der Kommunistischen Internationale hinter den insgesamt 415 Delegierten, die sich im Kieler Gewerkschaftshaus versammelten. Der Kapitalismus in Deutschland hatte sich inzwischen wieder stabilisiert. Gespannt warteten die Parteitagsteilnehmer darauf, welche Perspektiven der Redner f\u00fcr die Sozialdemokratie in der Weimarer Republik aufzeigen w\u00fcrde. Besonders interessierte sie, welche Schritte Hilferding zur Realisierung der im Heidelberger Parteiprogramm von 1925 formulierten sozialistischen Zielstellung vorschlagen w\u00fcrde. F\u00fcr eine Einsch\u00e4tzung der Rede Hilferdings wird indes die \u00f6konomische und politische Situation in Deutschland Mitte\/Ende der 1920er Jahre skizziert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Seit der \u00dcberwindung der Hyperinflation im November 1923 hatten sich die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse im Deutschen Reich sp\u00fcrbar ver\u00e4ndert. Die Massenarbeitslosigkeit war \u00fcberwunden worden, die G\u00fcterproduktion sprunghaft angestiegen, und der Kriegsverlierer avancierte innerhalb kurzer Frist zu einer der wichtigsten Exportnationen. Der deutsche Anteil an den weltweiten Ausfuhren betrug 1925 bereits 7,1 Prozent, 1926 und 1927 waren es jeweils 8,3 und 1928 sogar 9,1 Prozent. Moderne Produktionsmethoden, vor allem Ma\u00dfnahmen zur Verringerung der Gesamtkosten, wurden aus den USA \u00fcbernommen und fanden rasch Verbreitung. Die j\u00fcngeren Branchen, die Elektro-, die Fahrzeug- sowie die chemische Industrie, prosperierten. Das daf\u00fcr notwendige Kapital war nicht zuletzt in Form von Krediten in den USA aufgenommen worden. Nicht wenige US-amerikanische Konzerne beteiligten sich au\u00dferdem durch den Kauf von Aktienpaketen unmittelbar an deutschen Gro\u00dfunternehmen, wie 1929\/30 die General Electric Company an der AEG. Die Ford Motor Company gr\u00fcndete im April 1925 ein Tochterunternehmen, General Motors erwarb im M\u00e4rz 1929 80 Prozent der Anteile an der Adam Opel AG, dem damals gr\u00f6\u00dften Produzenten von Kraftfahrzeugen in Deutschland.<\/p>\n<p>Vor allem eine Entwicklung sollte bei alledem nicht au\u00dfer acht gelassen werden: Die wieder erwachsene \u00f6konomische Macht des deutschen Staates und die daraus folgenden politischen Konsequenzen. Der kommunistische \u00d6konom und Autor Richard Sorge nannte das im Titel seiner 1928 unter Pseudonym (\u00bbR. Sonter\u00ab) publizierten Schrift den \u00bbneuen deutschen Imperialismus\u00ab.<\/p>\n<p>Seinen wirtschaftlichen Aufstieg und seine Konkurrenzf\u00e4higkeit auf dem Weltmarkt zeigten auch die im Dezember 1925 bzw. im Januar 1926 gebildeten Riesenkonzerne \u00bbIG Farbenindustrie AG\u00ab und \u00bbVereinigte Stahlwerke AG\u00ab (Vestag). Die Vestag verf\u00fcgte \u00fcber das f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse gewaltige Aktienkapital von 800 Millionen Reichsmark und stellte den weltweit zweitgr\u00f6\u00dften schwerindustriellen Konzern dar. Hauptaktion\u00e4r und Aufsichtsratsvorsitzender war Fritz Thyssen, Generaldirektor sein Schwiegersohn Albert V\u00f6gler. Die IG Farben, entstanden vor allem aus den drei Gro\u00dfunternehmen H\u00f6chst AG, BASF und Bayer Leverkusen, z\u00e4hlten gemeinsam mit Du Pont (USA) und Imperial Chemical Industries (Gro\u00dfbritannien) zu den Konzernen, die in der Branche dominierten. Hier war Carl Duisberg, der amtierende Pr\u00e4sident des m\u00e4chtigen Reichsverbandes der Deutschen Industrie (RDI), Vorsitzender des Aufsichtsrates. Zu beachten ist, dass diese Monopole, ebenso wie die Siemens AG und die AEG, ihrerseits in vielen L\u00e4ndern \u00fcber Tochterunternehmen und Firmen verf\u00fcgten, mit denen sie durch Kapitalbeteiligungen verbunden waren. Der Kapitalexport bildete also keineswegs eine Einbahnstra\u00dfe von den USA nach Deutschland, sondern vollzog sich seit der Mitte der zwanziger Jahre ebenso von deutschen Konzernen in alle Himmelsrichtungen. Auch die gro\u00dfen Geldh\u00e4user, die Deutsche Bank und die Dresdner Bank, die Commerz- und Privatbank, die Darmst\u00e4dter und Nationalbank sowie die Berliner Handelsgesellschaft, exportierten Kapital in erheblichen Gr\u00f6\u00dfenordnungen, dienten den deutschen Monopolen als \u00bbHausbanken\u00ab, waren vielf\u00e4ltig durch Aktienpakete an ihnen beteiligt und hatten Sitz und Stimme in deren Aufsichtsr\u00e4ten, kurzum: Sie waren mit ihnen weitgehend verschmolzen.<\/p>\n<p>Die in den Betrieben der \u00bbneuen Industrien\u00ab in gro\u00dfer Eile realisierten Ma\u00dfnahmen der Rationalisierung f\u00fchrten f\u00fcr die Monopole zu einer bedeutenden Steigerung der Produktivit\u00e4t. Das bereits 1921 unter t\u00e4tiger Mithilfe des Reichswirtschaftsministeriums von Carl-Friedrich von Siemens gegr\u00fcndete \u00bbReichskomitee f\u00fcr Wirtschaftlichkeit in Industrie und Handwerk\u00ab spielte dabei die Rolle eines Kompetenzzentrums, das vor allem seit der Mitte der zwanziger Jahre auch den \u00bbKnow-how-Transfer\u00ab aus den USA bef\u00f6rderte und deutsche Unternehmen bei der Installierung neuer Produktionsmethoden unterst\u00fctzte. F\u00fcr die M\u00e4nner und Frauen an den Flie\u00dfb\u00e4ndern hie\u00df das angesichts ihrer immer st\u00e4rker in kleine und immer gleiche Arbeitsschritte aufgesplitterten T\u00e4tigkeiten und der Anwendung von immer differenzierteren Zeit\u00admessystemen eine dramatische Erh\u00f6hung des Arbeitstempos. Aber auch in den Werken der Eisen- und Stahlindustrie sowie in den Verwaltungen hie\u00df Rationalisierung gesteigerte Arbeitshetze. Hinzu kam, dass der Achtstundentag, eine der wichtigsten sozialpolitischen Errungenschaften der Weimarer Republik, immer st\u00e4rker ausgeh\u00f6hlt wurde, nicht zuletzt im Bergbau und in der Schwerindustrie. Die \u00bbsch\u00f6ne, neue Welt\u00ab der Rationalisierung existierte nur f\u00fcr die Kapitaleigner und deren Manager, die Ausbeutung des Proletariats erreichte hingegen neue Dimensionen.<\/p>\n<p>Und die politische Bilanz? Im April 1925 war der kaiserliche Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der Kandidat der politisch rechten Kr\u00e4fte, zum Nachfolger des Sozialdemokraten Friedrich Ebert in das Amt des Reichspr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt worden. Keine acht Jahre sp\u00e4ter ernannte er bekanntlich Adolf Hitler zum Reichskanzler. Seit Januar 1927 regierte eine \u00bbB\u00fcrgerblock\u00ab-Regierung unter Beteiligung von vier Ministern der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), deren Mitglieder und Repr\u00e4sentanten kein Geheimnis daraus machten, dass sie die Errichtung eines autorit\u00e4ren Regimes anstrebten. Sie tr\u00e4umten von einer Wiederherstellung der Monarchie oder von Verh\u00e4ltnissen, wie sie Benito Mussolini in Italien errichtet hatte. Es war die bis dahin reaktion\u00e4rste Regierung in der Geschichte der Weimarer Republik. Zeitgleich hatte sich die Reichswehr zu einem \u00bbStaat im Staate\u00ab entwickelt, die zusammen mit f\u00fchrenden Industriellen, vor allem Ernst von Borsig und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, insgeheim die Wiederaufr\u00fcstung betrieb und allm\u00e4hlich den zweiten \u00bbGriff nach der Weltmacht\u00ab vorbereitete.<\/p>\n<p><strong>\u00bbOrganisierte Wirtschaft\u00ab und Staat<\/strong><\/p>\n<p>Das also war die Ausgangslage im Deutschen Reich, als die SPD zu ihrem Parteitag zusammenfand, auf dem Hilferding die zuk\u00fcnftigen Aufgaben seiner Partei beschreiben w\u00fcrde. Der SPD-Theoretiker begann sein Referat mit einer ausf\u00fchrlichen Schilderung der neuen Stufe kapitalistischer Entwicklung, die er mit dem Begriff \u00bbOrganisierter Kapitalismus\u00ab zu definieren versuchte. Dieser sei gepr\u00e4gt durch die Abl\u00f6sung der \u00bb\u00c4ra der freien Konkurrenz, in der der Kapitalismus rein durch das Walten der blinden Marktgesetze beherrscht war\u00ab; nunmehr \u00bbkommen wir zu einer kapitalistischen Organisation der Wirtschaft\u00ab. Es sei vor allem in den neu entstandenen Industrien, besonders in der chemischen, zu beobachten, dass neben der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden innerbetrieblichen Organisation des Produktionsprozesses die Trust- und Kartellbildung nicht nur in Deutschland, sondern bereits auch auf internationaler Ebene vollzogen werde, was \u00bbdie Ausschaltung der Konkurrenz zwischen den nationalen Wirtschaften\u00ab zur Folge h\u00e4tte. Zugleich, so Hilferding, f\u00fchre der h\u00f6here Grad der Vergesellschaftung der Produktion dazu, \u00bbdass auch der Privatbetrieb, die Wirtschaftsf\u00fchrung des einzelnen Unternehmers, aufgeh\u00f6rt hat, Privatsache dieses Unternehmers zu sein. Die Gesellschaft hat verstanden, dass es ihr Interesse ist, wenn die Produktivit\u00e4t in jedem einzelnen Betriebe gesteigert wird, wenn also der betreffende Wirtschaftsf\u00fchrer auch wirklich seine technische und organisatorische, produktionssteigernde Pflicht als Unternehmer erf\u00fcllt.\u00ab Die Frage, zu wessen Nutzen die Steigerung der Produktivit\u00e4t erfolgte und ob bzw. unter welchen Voraussetzungen dies f\u00fcr die arbeitenden Menschen Vorteile mit sich bringen k\u00f6nnte, wurde in diesen vage formulierten Aussagen nicht gestellt. Hilferding konstruierte eine abstrakte \u00bbGesellschaft\u00ab, die ohne Ber\u00fccksichtigung ihrer Klassenstrukturen und der unterschiedlichen Klasseninteressen insgesamt von der \u00bbPflichterf\u00fcllung\u00ab des Unternehmers in der \u00bborganisierten Wirtschaft\u00ab profitieren w\u00fcrde. Dessen prim\u00e4res Interesse an der Maximierung des Profits ist offenbar zur nicht erw\u00e4hnenswerten Nebensache geworden.<\/p>\n<p>Hilferding fuhr fort: \u00bbOrganisierter Kapitalismus bedeutet in Wirklichkeit den prinzipiellen Ersatz des kapitalistischen Prinzips der freien Konkurrenz durch das sozialistische Prinzip planm\u00e4\u00dfiger Produktion.\u00ab Und weiter: \u00bbDiese planm\u00e4\u00dfige, mit Bewusstsein geleitete Wirtschaft unterliegt in viel h\u00f6herem Ma\u00dfe der M\u00f6glichkeit der bewussten Einwirkung der Gesellschaft, das hei\u00dft nichts anderes, als der Einwirkung durch die einzige bewusste und mit Zwangsgewalt ausgestattete Organisation der Gesellschaft, der Einwirkung durch den Staat.\u00ab Hier haben wir es nun mit b\u00fcrgerlicher Ideologie in Reinkultur zu tun: Der Staat besitzt diesen Ausf\u00fchrungen zufolge einen klassenneutralen Charakter, und die wissenschaftlichen Planungsprozesse im Betrieb oder innerhalb einer Branche werden nicht im Zusammenhang mit den Kapitalverwertungsinteressen interpretiert, sondern als Ausdruck von abstrakten allgemein-gesellschaftlichen Interessen, ja als geradezu \u00bbsozialistisch\u00ab ausgegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hilferding f\u00fchrte seine Argumentation konsequent zu Ende und gelangte dabei zu Handlungsvorschl\u00e4gen f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Strategie der SPD: \u00bbDas hei\u00dft nichts anderes, als dass unserer Generation das Problem gestellt ist, mit Hilfe des Staates, mit Hilfe der bewussten gesellschaftlichen Regelung diese von den Kapitalisten organisierte und geleitete Wirtschaft in eine durch den demokratischen Staat geleitete Wirtschaft umzuwandeln.\u00ab Durch die \u00f6konomische Entwicklung selbst, so der Redner weiter, sei \u00bbdas Problem des Sozialismus gestellt\u00ab.<\/p>\n<p>Auf welche Weise sollte der \u00bbdemokratische Staat\u00ab veranlasst werden, im Hilferdingschen Sinne t\u00e4tig zu werden? Die schlichte Antwort lautete: Mit Hilfe von Wahlen, in deren Folge die Sozialdemokratie einen dominierenden politischen Einfluss erlangen werde. \u00bbImmer mehr\u00ab, so die Behauptung Hilferdings, \u00bbunterliegt die kapitalistische Gesellschaft dem zunehmenden Einfluss der Arbeiterklasse, immer mehr siegt das politische Prinzip der Arbeiterklasse, den Staat zu benutzen als Mittel zur Leitung und Beherrschung der Wirtschaft im allgemeinen Interesse.\u00ab Vornehmlich ginge es dabei um den Kampf um parlamentarische Mehrheiten, wobei die Beteiligung an Koalitionsregierungen mit b\u00fcrgerlichen Partnern nicht von vornherein abgelehnt werden d\u00fcrfe. Um die Arbeiterklasse, darunter auch die katholischen Proletarier und die Landarbeiter in den ostelbischen Regionen, auf die Sozialdemokratie als ihre berufene Interessenvertreterin zu orientieren, sei die Brechung des Bildungsprivilegs der herrschenden Klasse und eine systematische Schulungsarbeit vonn\u00f6ten, die zur Leitung der Betriebe bef\u00e4hige.<\/p>\n<p>Von au\u00dferparlamentarischen Aktionen (Streiks, Massendemonstrationen und -versammlungen, Fabrikbesetzungen) war allenfalls am Rande die Rede, sie spielten f\u00fcr den Hilferdingschen \u00bbWeg zum Sozialismus\u00ab keine Rolle. Deshalb ist ebenso konsequent wie verst\u00f6rend, wenn er in seinem Referat die Arbeiterklasse darauf orientiert, den Kampf um h\u00f6here L\u00f6hne nicht selbst auszufechten, sondern die Lohnfindung an den Staat und das Parlament zu delegieren. \u00bbWir haben durch unser Tarifvertragswesen, durch die Schiedsgerichte heute eine politische Lohnregelung \u2026 Das pers\u00f6nliche Schicksal des Arbeiters wird bestimmt durch die Politik, die der Staat treibt.\u00ab Namentlich den Arbeiterfrauen m\u00fcsse gesagt werden, \u00bbwenn ihr zur Wahl geht, entscheidet ihr gleichzeitig \u00fcber Brot und Fleisch und \u00fcber die H\u00f6he des Lohnes\u00ab. Insgesamt orientierte Hilferding seine Partei darauf, \u00bbsozialistische\u00ab Verh\u00e4ltnisse mit dem Stimmzettel und durch die Beeinflussung des aus seiner Sicht neutralen Staates zu erreichen. Die entscheidende Frage, die Notwendigkeit einer \u00dcberf\u00fchrung des Privateigentums an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum, um tats\u00e4chlich eine sozialistische Ordnung schaffen zu k\u00f6nnen, hatte er in seinem Grundsatzreferat nicht aufgeworfen.<\/p>\n<p>Die Arbeitenden wurden bei Hilferding weitgehend auf die Funktion von \u00bbStimmb\u00fcrgern\u00ab reduziert. Die Verantwortung f\u00fcr die Realisierung eines Sozialismus nach Hilferdingschem Modell bzw. f\u00fcr die auf dem Wege dorthin zu erzielenden Ver\u00e4nderungen der politischen und gesellschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse lag offensichtlich bei den sozialdemokratischen Parlamentsabgeordneten und Ministern in Koalitionsregierungen. Die Verzahnung von parlamentarischer Arbeit und au\u00dferparlamentarischer Aktion der Arbeiterklasse befand sich offenbar au\u00dferhalb seines Horizonts. Von der Einsicht, dass die Arbeiter handelnde Subjekte und eben nicht Figuren auf dem Schachbrett parlamentarischer Man\u00f6ver sind, waren Hilferding und die gro\u00dfe Mehrheit der Delegierten in Kiel weit entfernt.<\/p>\n<p><strong>Widerspruch von Parteilinken<\/strong><\/p>\n<p>Immerhin blieb das Referat Hilferdings in der anschlie\u00dfenden Diskussion nicht ohne Widerspruch. Vor allem Toni Sender, Mitglied des Parteivorstandes, und Siegfried Aufh\u00e4user, Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA-Bund), hielten Gegenreden. Sender f\u00fchrte u.a. aus: Die Bourgeoisie habe sich \u00bbmit der Republik abgefunden, weil die Republik noch nicht die Republik der Arbeiterschaft geworden ist, sondern es den Kapitalisten noch erm\u00f6glicht, vielleicht in noch krasserer Form als vorher ihre wirtschaftliche Macht aufzurichten\u00ab. Und zu den von Hilferding vorgetragenen Argumenten f\u00fcr eine Beteiligung an b\u00fcrgerlichen Koalitionsregierungen erwiderte sie, dass dies f\u00fcr die SPD \u00bbnur dann eine Machtstellung\u00ab sei, \u00bbwenn starke, aktive, soziale Kr\u00e4fte in der Gesellschaft hinter der Regierung stehen, wenn wir auch in der Gesellschaft uns eine Machtstellung erobert haben. Sie werden vielleicht entgegenhalten: Das ist eure Scheu vor der Verantwortung! Wir haben keine Scheu, eine Verantwortung f\u00fcr unsere Politik zu \u00fcbernehmen, aber wir scheuen davor zur\u00fcck, eine Verantwortung tragen zu m\u00fcssen f\u00fcr eine Politik, die in starkem Ma\u00dfe von dem b\u00fcrgerlichen Teil in der Regierung beeinflusst ist.\u00ab<\/p>\n<p>Aufh\u00e4user hob in seiner Entgegnung auf Hilferding folgenden Gedanken hervor: \u00bbDer B\u00fcrgerblock ist eigentlich kein Zeichen daf\u00fcr, dass der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft gewachsen ist, sondern daf\u00fcr, dass die Kapitalisten heute mehr als je den Staat beherrschen. (\u2026) Wer heute die Stellungen in unserer Republik erobern will, muss zun\u00e4chst bereit sein, in der Opposition gegen die Widersacher der Republik und ihre falschen Freunde, die dort herrschen, den Kampf aufzunehmen.\u00ab<\/p>\n<p>Sender und Aufh\u00e4user begr\u00fcndeten eine Resolution, die in Abgrenzung zu Hilferdings Referat u.\u2009a. folgende Formulierungen enthielt: \u00bbDie bisherigen Versuche, im Reiche durch Koalitionen mit b\u00fcrgerlichen Parteien die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten, haben zu keinem Erfolge gef\u00fchrt. Die Aufgabe der Sozialdemokratie in der deutschen Republik ist die Vertretung der proletarischen Klasseninteressen gegen\u00fcber der Klassenherrschaft des Kapitalismus, der Kampf f\u00fcr soziale Forderungen und f\u00fcr den Sozialismus. Gegen\u00fcber dieser Aufgabe tritt der Kampf f\u00fcr die Erhaltung der Republik, mit der sich die Bourgeoisie abgefunden hat, an Bedeutung zur\u00fcck.\u00ab Und weiter: \u00bbDie Kampffront in der deutschen Republik bildet sich nicht mehr unter der Parole: hie republikanisch \u2013 hie monarchistisch, sondern hie sozialistisch \u2013 hie kapitalistisch. Angesichts dieser Konstellation muss die Taktik der Sozialdemokratie sein: Opposition statt Koalition. Der Parteitag beschlie\u00dft, diese Opposition ohne R\u00fccksicht auf b\u00fcrgerliche Parteien im Geiste des proletarischen Klassenkampfes mit allen geeigneten parlamentarischen und au\u00dferparlamentarischen Mitteln zu f\u00fchren.\u00ab Diese Resolution wurde mit 255 zu 83 Stimmen abgelehnt, f\u00fcr das Referat Rudolf Hilferdings sprach sich die Mehrheit der Parteitagsdelegierten aus.<\/p>\n<p><strong>In der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Hilferdings Analysen und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine politische Strategie, die im Kern die M\u00f6glichkeit eines Hin\u00fcberwachsens des \u00bbOrganisierten Kapitalismus\u00ab in den Sozialismus beinhalteten, wurden zur Leitlinie der Sozialdemokratie. Seine nicht offen ausgesprochene, gleichwohl zu erkennende Anschauung, dass von nun an die wissenschaftliche Planung und Organisation der Produktion auch zu einer Vermeidung, zumindest aber zu einer Abflachung kapitalistischer Krisen f\u00fchren werde, wurde bereits zwei Jahre sp\u00e4ter mit dem Beginn der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise ad absurdum gef\u00fchrt. Und sp\u00e4testens am 30. Januar 1933 wurde offenbar, dass \u00bbdie Demokratie\u00ab (gegen den Gebrauch des Adjektivs \u00bbb\u00fcrgerliche\u00ab hatte Hilferding mit gro\u00dfem Engagement polemisiert) unter bestimmten Voraussetzungen zum N\u00e4hrboden f\u00fcr den Faschismus werden kann. Was aber hatte er unter gro\u00dfem Beifall zu Protokoll gegeben? Es sei dem preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten Otto Braun und seinem Innenminister Carl Severing (beide SPD) gelungen, \u00bbdass die Wellen sowohl des Bolschewismus als des Faschismus sich an Preu\u00dfen gebrochen haben. Das war eine welthistorische Leistung! Die Geschichte wird einst erz\u00e4hlen, was Severing f\u00fcr \u2026 ganz Europa geleistet hat\u00ab. Otto Braun, Carl Severing und Rudolf Hilferding trafen sich nach der \u00dcbertragung der Macht an die Faschisten im Exil. Hilferdings Illusionen \u00fcber den \u00bbOrganisierten Kapitalismus\u00ab hatten dazu beigetragen, dass sich innerhalb der Sozialdemokratie eine Politik durchsetzen konnte, die von Ratlosigkeit und Passivit\u00e4t gepr\u00e4gt war, wo entschlossenes au\u00dferparlamentarisches Handeln gefordert war. Zur Ehrenrettung Hilferdings sei gesagt, dass er viele seiner Positionen, die er auf dem Kieler Parteitag vorgetragen hatte, im Exil revidierte \u2013 leider erst dort.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/311146.hilferdings-m\u00e4rchen.html\">jungewelt&#8230;<\/a> vom 22. Mai 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reiner Zilkenat. 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