{"id":2164,"date":"2017-05-24T12:34:02","date_gmt":"2017-05-24T10:34:02","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2164"},"modified":"2018-01-19T18:07:44","modified_gmt":"2018-01-19T16:07:44","slug":"arbeiterkampf-bei-general-motors-venezuela-modell-fuer-ein-dilemma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2164","title":{"rendered":"Arbeiterkampf bei General Motors Venezuela: Modell f\u00fcr ein Dilemma?"},"content":{"rendered":"<p><em>Labournet.de.<\/em> Die Schlie\u00dfung des Werkes von General Motors in Venezuela, die Art und Weise der Verbreitung dieser Nachricht, die Bestrebungen der Belegschaft und die Aktivit\u00e4ten des Arbeitsministeriums \u2013 die Ereignisse, die sich seit Mitte April<!--more--> regelrecht \u00fcberschlugen, k\u00f6nnen \u2013 etwas \u00fcbertrieben \u2013 als Modell f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Situation und Entwicklung im ganzen Land betrachtet werden. Am 19. April 2017 hatte das Unternehmen \u2013 per Pressemitteilung \u2013 bekannt gegeben, es werde nach 68 Jahren seine T\u00e4tigkeit in Venezuela beenden, aufgrund der illegalen Ma\u00dfnahmen, die von den Beh\u00f6rden gegen GM\u00a0 ergriffen worden seien. Die Belegschaft sieht dies alles ganz, ganz anders \u2013 und dies weitgehend einheitlich. LabourNet Germany sprach am Telefon mit Jesus Duarte Gonzalez, 42 Jahre alt und seit 22 Jahren bei GM, Aktivist der Betriebsgewerkschaft und auch des Gewerkschaftsbundes Unete in der Region. <strong>Das Gespr\u00e4ch \u201eIst die Schlie\u00dfung von GM ein Modell f\u00fcr die aktuellen Probleme in Venezuela?\u201c<\/strong> fand am 20. Mai 2017 statt:<\/p>\n<p><strong>Ist die Schlie\u00dfung von GM ein Modell f\u00fcr die aktuellen Probleme in Venezuela?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jesus, wie ist die aktuelle Situation der Belegschaft, rund einen Monat nach der Werksschlie\u00dfung?<\/em><\/p>\n<p>Nun, jetzt hat es sich etwas beruhigt, denn die Arbeitsinspektion war jetzt mehrmals hier und hat jedes Mal ein paar Hundert Kollegen betreut, hei\u00dft: Nachgepr\u00fcft, wie lange sie im Werk sind, was f\u00fcr Anspr\u00fcche an diverse finanzielle Unterst\u00fctzungen sie haben und daf\u00fcr gesorgt, dass das ausgezahlt wird. Sie haben, soweit ich wei\u00df, bis jetzt etwa 2.400 Kollegen versorgt, fehlen also noch rund 300. Aber es ist halt schon kompliziert, einmal wegen der allgemeinen Situation \u2013 wo schon die eigentlich nicht so schlechten L\u00f6hne unter dem Druck der Inflation standen und stehen, und dann nat\u00fcrlich auch wegen der komplizierten Gesetzeslage.<\/p>\n<p><em>Inwiefern ist die Gesetzeslage kompliziert?<\/em><\/p>\n<p>Nun GM hat, ganz nach Diktatoren Art, K\u00fcndigungen per Post verschickt. Was nach Gesetz in Venezuela nicht geht \u2013 Entlassungen m\u00fcssen m\u00fcndlich verhandelt und besprochen werden und n\u00f6tigenfalls, was die Regel ist \u2013 oder, lass mich lieber sagen: Die Regel sein m\u00fcsste \u2013 , durch Schiedsgerichte geregelt. Die konkret vorgenommenen K\u00fcndigungen sind also rundweg\u00a0 illegal \u2013 was ja aber auch Folgen f\u00fcr die Anspr\u00fcche der also nicht gek\u00fcndigten Belegschaft hat, das ist es, was es kompliziert macht.<\/p>\n<p><em>Wie waren denn die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Werksschlie\u00dfung \u2013 oder wurden keine angegeben?<\/em><\/p>\n<p>Ich meine, das hat eine ziemlich lange Vorgeschichte, die Auseinandersetzung geht, gef\u00fchlt, schon ewig. Immer neue Gr\u00fcnde f\u00fchrte GM daf\u00fcr an, dass die Produktion leide \u2013 und immer drohender wurde das Gebaren. Bis dann eben vor einem Monat die Schlie\u00dfung sozusagen bei Nacht und Nebel vollzogen wurde. Begr\u00fcndet wurde dies vor allem in der \u00d6ffentlichkeit: Die Beh\u00f6rden, im konkreten Fall die Justiz, h\u00e4tten durch illegale Ma\u00dfnahmen den weiteren Betrieb der Montage-Anlagen unm\u00f6glich gemacht, das war der Kern der Behauptungen. Wobei zu sagen ist, dass es sich um einen Schadensersatzprozess handelte, bei dem GM zur Zahlung verurteilt wurde, mit einem Betrag, den sie aber locker h\u00e4tten bezahlen k\u00f6nnen \u2013 wenn sie denn irgendwie bereit gewesen w\u00e4ren, der Legalit\u00e4t dieses Landes zu folgen.<\/p>\n<p><em>K\u00f6nnte man dies nicht eigentlich als Wirtschaftskrieg im Kleinen bezeichnen, so wie es die Regierungspartei f\u00fcr Venezuela insgesamt stets sagt, dass es einen Wirtschaftskrieg des Imperialismus gegen das Land g\u00e4be?<\/em><\/p>\n<p>Ja, da hast Du recht, genau das k\u00f6nnte man, denn nat\u00fcrlich gibt es diesen Wirtschaftskrieg, das sieht man jeden Tag, das ist ja in gewisser Weise sogar normal, die lieben es halt gar nicht, wenn man ihnen Gesch\u00e4fte und Entscheidungen aus der Hand nimmt. Und da wird dann jede Chance, so wie es der fallende \u00d6lpreis im Gro\u00dfen oder das Gerichtsurteil jetzt bei GM im Kleinen waren, genutzt, um diesen Wirtschaftskrieg weiter zu eskalieren. Und jetzt kommt nat\u00fcrlich hinzu, wie dies dann in die \u00d6ffentlichkeit getragen wird.<\/p>\n<p><em>Ich wei\u00df, hier in der BRD beispielsweise waren die meisten Medienberichte \u00fcber die GM Schlie\u00dfung von einer entsprechenden Reuters-Meldung gepr\u00e4gt, die dann so bearbeitet wurde, dass laufend Bezeichnungen wie \u201everr\u00fcckt\u201c \u2013 also eine verr\u00fcckte Ma\u00dfnahme der Regierung, GM zu beschlagnahmen \u2013 verwendet wurden, um gleich von vorne herein Abwertung und Parteinahme zu erreichen.<\/em><\/p>\n<p>Ja, so war das im Prinzip selbst hier in Venezuela, vor allem aber auch im benachbarten Ausland, wo dann schon nachgefragt wurde bei uns, was denn los sei, warum gerade jetzt enteignen und so weiter, also, woran man sehen konnte, dass die Propaganda schon wirkt, auch bei Linken, zumindest verunsichernd. Dabei war dies alles rundweg erfunden \u2013 es gab keine Beschlagnahme des Werkes durch irgendwelche Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p><em>Wie, gab es nicht?<\/em><\/p>\n<p>Nein, gab es nicht. Was es wohl gab war, dass wir mehrere Versammlungen der Belegschaft hatten, w\u00e4hrend derer sich die Grundstimmung so nach und nach ver\u00e4nderte: Am Anfang ziemlich vor den Kopf geschlagen, eingesch\u00fcchtert gar, nicht so recht wissend, was jetzt eigentlich zu tun sei. Was daher kommt, dass wir sehr viele Kollegen haben, die schon sehr lange hier gearbeitet haben, also oft gar nicht so viel Anderes kennen und jetzt erst mal in Ruhe \u00fcberlegen und die Sache auf sich wirken lassen mussten. Aber dann kam zunehmend Wut und Emp\u00f6rung \u00fcber diesen Willk\u00fcrakt, so unter dem Motto, ja leben wir denn in einem kapitalistischen Land, dass die das alleine entscheiden und regelrecht diktieren k\u00f6nnen, haben wir denn keine Arbeitsgesetze, die das Walten des Kapitals zumindest einschr\u00e4nken \u2013 doch haben wir, und die verhalten sich illegal, so etwa verlief, grob skizziert, der Stimmungsumschwung.<\/p>\n<p><em>Und wie hat sich das dann entwickelt?<\/em><\/p>\n<p>Ja, wir haben dann nach etwa zwei Wochen den Betrieb besetzt, den ganzen, mit fast allen Besch\u00e4ftigten zusammen. Und diese Betriebsbesetzung war es, die dann \u00fcberall als Beschlagnahme berichtet wurde \u2013 wobei es zunehmend mehr Kollegen gab, die gesagt haben, na gut, wenn sie schon alle schreiben, wir h\u00e4tten den Betrieb beschlagnahmt \u2013 warum tun wir es dann nicht? Das war nat\u00fcrlich ein Diskussionsprozess, gar nicht so lange, aber sehr intensiv, einige ganze Tage wurde nur diskutiert, so etwas hatte ich auch noch nicht erlebt. Und dann haben wir es gemacht, das ging auch ganz einfach und dann haben wir das dem Arbeitsministerium gemeldet, damit die herkommen, um die Sache zu regeln.<\/p>\n<p><em>Und, sind sie gekommen?<\/em><\/p>\n<p>Ja, aber zuerst kam noch eine weitere Reaktion der Medien, das muss ich dir noch zuerst sagen, weil das genau in das Bild passt, von GM als Modell f\u00fcr die Lage in Venezuela. Die haben fast alle geschrieben: \u201eChavistische Gewerkschaft besetzt Betrieb\u201c \u2013 Verstehst Du? Soll sagen, die machen das doch nicht von sich aus, die machen das auf Befehl der Regierung oder der PSUV, oder beider. So war die Propaganda \u2013 die regelrechte Medienschlacht, die weltweit gegen diese Regierung stattfindet, die findet halt auch anhand solcher Aktionen und gegen solche Aktionen statt. Denn es ist ja wie immer, wie wir auch in der Vorbesprechung zu diesem Telefonat gesagt haben, am Beispiel Brasilien. Obwohl es hier wirklich linker war \u2013 Chavez war eben linker als Lula \u2013 haben die internationalen Konzerne hier in den letzten fast 20 Jahren keine Armut angeh\u00e4uft, jedenfalls nicht in den eigenen Kassen. Aber es geht im Kern nie um Regierungen, die k\u00f6nnen sich ja auch \u00e4ndern, siehe Griechenland, sondern es geht um Rechte und Errungenschaften, die den kapitalistischen Ausbeutungsbetrieb st\u00f6ren.<\/p>\n<p><em>Also, ihr habt den Betrieb besetzt, ganz ohne Befehl. Und wie hat dann das Arbeitsministerium gehandelt?<\/em><\/p>\n<p>Nun ja, das war nun eben nicht erfreulich. Dazu musst Du wissen, dass wir alle schon sozusagen von unserem eigenen Schritt begeistert waren, h\u00e4tten wir uns selbst nicht zugetraut, glaube ich. Und dann hat sich das nat\u00fcrlich in der Debatte im Werk weiterentwickelt und mit jeder Stunde, die verging, waren es mehr, die sich mit dem Gedanken anfreundeten, jetzt, wo wir schon mal alleine drin sind, k\u00f6nnten wir eigentlich das auch alleine betreiben, die Arbeit haben wir sowieso immer alleine gemacht, ein paar Ingenieure stehen auch auf unserer Seite, also, was soll es?<\/p>\n<p><em>Ihr habt von Selbstverwaltung gesprochen?<\/em><\/p>\n<p>Ich meine, es hat glaube ich niemand das Wort Selbstverwaltung benutzt. Aber ja, das war die Herangehensweise, selber machen. Ohne jetzt ein genaues Konzept entwickelt zu haben, aber als Ziel wurde das sehr stark akzeptiert, und nicht nur von den Gewerkschaftsmitgliedern, sondern von den Allermeisten.<\/p>\n<p><em>Und wie war dann die Reaktion des Arbeitsministeriums?<\/em><\/p>\n<p>Nun wir hatten eine gro\u00dfe Versammlung, es waren ganz viele da, die Delegation des Ministeriums war auch viel gr\u00f6\u00dfer, als angek\u00fcndigt \u2013 und der Minister selbst war dabei, was auch nicht angek\u00fcndigt worden war. Als aber verschiedene Kollegen die Idee der \u00dcbernahme vortrugen, hat er dann selbst das Wort ergriffen \u2013 um uns zu versichern, die Regierung werde alles tun, damit GM den Betrieb weiterf\u00fchrt, denn das m\u00fcsse schon sein, bei diesen komplexen Produktionsbedingungen k\u00f6nnten die Arbeiter alleine das nicht hinbekommen. Und das, obwohl etwa der, der vor ihm geredet hatte, direkt vor ihm und sich f\u00fcr die \u00dcbernahme stark gemacht hatte, der Chefingenieur gewesen war, da hat er einfach so getan, als h\u00e4tte der gar nicht geredet.<\/p>\n<p><em>Und wie war die Reaktion darauf?<\/em><\/p>\n<p>Nun, in Wirklichkeit: Gemischt. Wei\u00dft Du, es war ja nicht so, dass das Konzept \u00dcbernahme jetzt eine ganz felsenfeste, dauerhafte \u00dcberzeugung gewesen w\u00e4re, da ging alles viel zu schnell \u2013 und wenn das noch unsicher ist, suchend, und es kommt dann eine wie auch immer Autorit\u00e4t und sagt nein, geht nicht, dann hat das schon Einfluss auf die Vorstellungen vieler. Ich meine, wir von der Gewerkschaft \u2013 und hier spreche ich weniger von der Betriebsgewerkschaft und mehr vom Regionalverband der Unete \u2013 wir haben uns schon daf\u00fcr stark gemacht, daf\u00fcr argumentiert, die \u00dcbernahme zu machen, aber es blieb im Ergebnis unsicher. Ich meine, es gab keine Abstimmung, es ist auch noch nicht entschieden, der Prozess geht ja noch weiter, aber es ist unklar, unsicher.<\/p>\n<p><em>Also doch, am Ende: Ein Modellfall? Aggression von au\u00dfen, Medienschlacht gegen alles Fortschrittliche \u2013 und eine B\u00fcrokratie, die die Bewegung nicht haben will?<\/em><\/p>\n<p>Ja, das kann man ziemlich genauso so sagen, leider. Und Selbstorganisation ist nun mal viel leichter gesagt, als getan. Erst recht, wenn sie, wie ja eigentlich immer, von verschiedenen Seiten bek\u00e4mpft wird. Die Parteien und auch die Beh\u00f6rden haben eine Vorstellung von Demokratie, wie sie jetzt auch in der Anbahnung der Verfassungsgebenden Versammlung umgesetzt wird: Wir haben eine Idee und ihr d\u00fcrft dazu beitragen. Nicht etwa: Setzt eure Ideen um. Und das ist dann auch einer der wesentlichen Gr\u00fcnde, warum die Regierung von Links und von Gewerkschaften aus kritisiert wird \u2013 also gerade aus Gr\u00fcnden, die denen der rechten Aggression entgegengesetzt sind.<\/p>\n<p><em>Jesus, ich danke Dir f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, ich fand es erhellend.<\/em><\/p>\n<p>Ich bedanke mich f\u00fcr die Gelegenheit \u2013 und, wie gesagt, wir sind noch nicht am Ende.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/venezuela\/gewerkschaften-venezuela\/schliessung-und-besetzung-von-general-motors-venezuela-modell-fuer-ein-dilemma\/\">labournet.de&#8230;<\/a> vom 24. Mai 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Labournet.de. 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