{"id":219,"date":"2014-07-19T11:51:48","date_gmt":"2014-07-19T09:51:48","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=219"},"modified":"2017-05-19T18:43:58","modified_gmt":"2017-05-19T16:43:58","slug":"strategie-und-partei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=219","title":{"rendered":"Strategie und Partei"},"content":{"rendered":"<p><b>Daniel Bensaid (2007) <\/b>Heute kehren die Frage und der Begriff der Strategie zur\u00fcck. Das k\u00f6nnte als bedeutungslos erscheinen, aber in den 1980er bis zum Beginn der 1990er Jahre spielte das in den Debatten keine Rolle: man redete damals vor allem vom Widerstand; die Frage der Strategie war praktisch verschwunden. Es ging darum standzuhalten, ohne dabei zu wissen, wie man aus dieser defensiven Position <!--more-->herauskommen w\u00fcrde. Wenn heute erneut eine Diskussion \u00fcber die strategischen Probleme einsetzt \u2013wir werden noch darauf zu sprechen kommen, um was es sich dabei handelt \u2013 so deshalb, weil sich die Situation selbst weiterentwickelt hat. Um es einfach zu formulieren, seit den Sozialforen ist der Slogan\u00a0 \u00ab\u00a0Eine andere Welt ist m\u00f6glich\u00a0\u00bb zu einem weitherum bekannten Slogan geworden. Die Fragen, die sich nun stellen lauten: \u00ab\u00a0Welche andere Welt ist m\u00f6glich?\u00a0\u00bb oder \u00ab\u00a0Welche andere Welt wollen wir?\u00a0\u00bb und vor allem \u00ab\u00a0Wie gelangen wir zu dieser anderen m\u00f6glichen und n\u00f6tigen Welt?\u00a0\u00bb. Die Frage nach der Strategie ist eigentlich dies: nicht nur die Notwendigkeit, die Welt zu ver\u00e4ndern sondern eine Antwort auf die Frage, wie sie zu ver\u00e4ndern sei, und wie dies gelingen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><b>1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Einleitende Bemerkungen<\/b><\/p>\n<p><b>Erstens:<\/b> Begriffe wie Strategie, Taktik und sogar \u2013 in der Tradition der italienischen Genossinnen und Genossen, die mit Gramsci vertraut sind &#8211; Begriffe wir Abnutzungskrieg, Bewegungskrieg, usw., dieses ganze Vokabular, das am Beginn des 20. Jahrhunderts von der Arbeiterbewegung aufgenommen wurde, wurde aus der Sprache der Milit\u00e4rs und vor allem aus den Handb\u00fcchern der Milit\u00e4rgeschichte entnommen. Allerdings sollte man sich da nicht t\u00e4uschen: Wenn man aus der Sicht der Revolution\u00e4rinnen und Revolution\u00e4re von Strategie spricht, spricht man nicht lediglich von gewaltsamen oder milit\u00e4rischen Zusammenst\u00f6ssen mit dem Staatsapparat; es handelt sich um eine Reihe von Losungen, von politischen Organisationsformen, es geht um eine Politik, um die Welt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><b>Zweitens:<\/b> Die Frage der Strategie hat zwei komplement\u00e4re Dimensionen in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Zun\u00e4chst geht es um die Frage, wie man in einem Land die Macht \u00fcbernehmen soll.\u00a0 Die Auffassung, dass die Revolution mit der Eroberung der Macht in einem Land, in mehreren L\u00e4ndern einsetzt, auf jeden Fall aber auf der Ebene der Nationen, in denen die Klassenverh\u00e4ltnisse, die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ausgehend von einer Geschichte, ausgehend von sozialen Errungenschaften, ausgehend von juristischen Verh\u00e4ltnissen organisiert sind. Diese Frage &#8211;\u00a0 die Eroberung der Macht in einem Land, Bolivien, Venezuela, hoffen wir, dass dies morgen auch in einem europ\u00e4ischen Land gelingt \u2013 bleibt eine hochaktuelle und grundlegende Frage. Im Gegensatz zu den Behauptungen gewisser Str\u00f6mungen, wie diejenige, die in Lateinamerika oder in Italien durch Toni Negri [und andere, etwa John Holloway, <i>maulwuerfe.ch<\/i> ] inspiriert sind, die denken, dass die Frage der Eroberung der Macht in einem Lande eine \u00fcberholte und letztendlich sogar eine reaktion\u00e4re Frage sei, da sie die K\u00e4mpfe auf einen nationalen Rahmen beschr\u00e4nke.<\/p>\n<p>Wir denken, dass der Kampf um die Macht auf der Ebene nationaler Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse beginnt, aber dass sie immer enger mit der zweiten Dimension der Frage der Strategie kombiniert wird, derjenigen einer Strategie auf internationaler, kontinentaler und heute auf globaler Stufenleiter. Dies galt bereits f\u00fcr den Anfang des 20. Jahrhunderts \u2013 und dies war gerade der Sinn der Theorie der permanenten Revolution: Damit zu beginnen, die Frage der Revolution in einem oder in mehreren L\u00e4ndern zu l\u00f6sen; die Frage des Sozialismus aber stellt sich von Anfang an als Ausweitung der Revolution auf einen Kontinent oder auf die ganze Welt. Diese Idee war f\u00fcr die Revolution\u00e4re der Generation von Lenin, Trotzki, Luxemburg grundlegend, und sie ist dies f\u00fcr uns noch mehr. Beispielsweise kann man in Venezuela den Erd\u00f6lsektor verstaatlichen, eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit gegen\u00fcber dem Imperialismus erreichen, aber all dies hat Grenzen, sofern keine Ausweitung des revolution\u00e4ren Prozesses auf Bolivien, Ecuador erfolgt und wenn es kein Projekt f\u00fcr Lateinamerika nach der Art der bolivarianischen Revolution gibt. Wir stehen also vor diesem doppelten Problem: Die Macht in einigen L\u00e4ndern zu \u00fcbernehmen, um sich ihrer als Sprungbrett f\u00fcr eine internationale Ausweitung der sozialen Revolution zu bedienen.<\/p>\n<p><b>Drittens:<\/b> Mit dem Problem der revolution\u00e4ren Strategie stehen wir vor einer grossen Herausforderung, die durch Marx nicht gel\u00f6st wurde. Wenn man in Betracht zieht, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter im allgemeinen, die Arbeiterklasse k\u00f6rperlich aber auch moralisch und intellektuell durch die Bedingungen der Ausbeutung verst\u00fcmmelt werden \u2013 Marx beschreibt dies \u00fcber viele Seiten im <i>Kapital<\/i>, die Verrohung durch die Arbeit, keine Zeit der Musse, die Unm\u00f6glichkeit Zeit zu finden um einfach zu leben, zu lesen, sich zu entwickeln \u2013 wie kann eine Klasse, die eine derart vollst\u00e4ndige Unterdr\u00fcckung erf\u00e4hrt, gleichzeitig imstande sein, eine neue Gesellschaft zu entwerfen und aufzubauen?<\/p>\n<p>Bei Marx schwingt die Auffassung mit, dass sich das Problem beinahe von selbst l\u00f6sen w\u00fcrde, dass die Industrialisierung vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine immer konzentriertere und damit immer besser organisierte Arbeiterklasse schaffen w\u00fcrde; diese w\u00fcrde ein immer h\u00f6heres Bewusstsein erlangen, und \u00a0dass dieser Widerspruch zwischen ihren Lebensbedingungen, wo sie ausgebeutet und zertreten werden und der Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Welt durch eine Art beinahe spontaner geschichtlicher Dynamik gel\u00f6st w\u00fcrde. Das vergangene Jahrhundert hat aufgezeigt, wie das Kapital die Spaltung unter den Ausgebeuteten andauernd neu schaffen kann, dass die herrschende Ideologie auch die Beherrschten beherrscht. Und dies nicht nur aufgrund von Meinungsmanipulation \u00fcber die modernen Kommunikationsmittel \u2013 welche in der Tat eine immer wichtigere Rolle spielen &#8211; , sondern weil \u00a0die Bedingungen der Herrschaft, einschliesslich der ideologischen, \u00fcber die Ausgebeuteten ihre Wurzeln im Arbeitsverh\u00e4ltnis selbst hat; in der Tatsache, nicht selbst \u00fcber die Arbeitsmittel, \u00fcber die Ziele der Arbeit verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen, ein Instrument der Maschine zu sein &#8211; wie Marx sagte \u2013, anstatt die Maschine beherrschen zu k\u00f6nnen. Aufgrund dieser Verkehrung erscheinen uns, als menschlichen Wesen, die wir sind,\u00a0 viele Ph\u00e4nomene in der modernen Welt als fremde und geheimnisvolle M\u00e4chte. Man sagt uns: Dies darf man nicht tun, weil sonst die M\u00e4rkte b\u00f6se werden, als ob die M\u00e4rkte allm\u00e4chtige Pers\u00f6nlichkeiten w\u00e4ren, als ob das Geld selbst eine allm\u00e4chtige Pers\u00f6nlichkeit w\u00e4re, usw. Ich kann hier nicht weiter darauf eingehen, aber es ist wichtig zu erw\u00e4hnen, dass die gesellschaftlichen Beziehungen im Kapitalismus eine Welt von Illusionen schaffen, die auf den Beherrschten lastet und von denen sie sich befreien m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grunde sind die spontanen K\u00e4mpfe gegen die Ausbeutung, gegen die Unterdr\u00fcckung, gegen die Ausgrenzungen notwendig. Diese sind, wenn Sie so wollen, der Brennstoff der Revolution. Aber die spontanen K\u00e4mpfe gen\u00fcgen nicht, um den Teufelskreis der Beziehung zwischen Kapital und Arbeit zu brechen. Dies erfordert einesteils Bewusstsein, einesteils Willen und ein bewusstes Element \u2013 das ist der Teil des politischen Handelns, der politischen Entscheidung, die durch eine Partei getragen werden. Eine Partei liegt nicht ausserhalb der Gesellschaft, in der man lebt. Selbst in der revolution\u00e4rsten Organisation unterliegt man den Auswirkungen der Entfremdung \u2013 der Entfremdung durch den Sport beispielsweise, da diese diesen Sommer sehr aktuell ist -, aber zumindest gibt sich eine revolution\u00e4re Organisation die Werkzeuge, um gemeinsam der Verhexung, dem Zauber der b\u00fcrgerlichen Ideologie zu widerstehen und diese zu zerbrechen.<\/p>\n<p><b>2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Die Macht \u00fcbernehmen?<\/b><\/p>\n<p>Ausgehend davon sollten wir nun auf einfache Dinge zu sprechen kommen. Uns wird die Frage gestellt: \u00ab Aber was soll das bedeuten, im XXI. Jahrhundert revolution\u00e4r zu sein? Seid Ihr f\u00fcr die Gewalt?\u00a0 \u00bb. Wie\u00a0 Mao einst sagte, ist die Revolution kein Gala- Diner. Der Gegner ist gewaltt\u00e4tig, er ist m\u00e4chtig, also ist der Klassenkampf ein Kampf und ein in vielerlei Hinsicht erbarmungsloser\u00a0 Kampf und es sind nicht wir, die uns daf\u00fcr entschieden haben. Also gibt es eine legitime revolution\u00e4re Gewalt, daraus sollte man aber keinen Kult machen, aber es ist nicht dies, was f\u00fcr uns die Revolution grunds\u00e4tzlich kennzeichnet. Wir w\u00e4ren lieber friedlich und w\u00fcrden uns lieber gegenseitig lieben. Aber daf\u00fcr m\u00fcssen vorerst die Bedingungen geschaffen werden. Demgegen\u00fcber bedeutet f\u00fcr uns eine Revolution gerade eine Welt zu ver\u00e4ndern, die zunehmend ungerecht und zunehmend gewaltt\u00e4tig ist. Und die Welt zu ver\u00e4ndern l\u00e4uft gerade \u00fcber die Eroberung der Macht.<\/p>\n<p>Aber was heisst das: Die Macht \u00fcbernehmen? Es geht nicht darum, sich eines Werkzeuges zu bem\u00e4chtigen, um die Besetzung von Posten, in die Staatsapparate einzudringen. Die Eroberung der Macht heisst: Die Machtverh\u00e4ltnisse und die Eigentumsverh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern. Daf\u00fcr sorgen, dass die Macht immer weniger die Macht einiger \u00fcber viele ist, sondern aus bewusstem gemeinsamem und geteiltem Handeln besteht. Dazu m\u00fcssen die Eigentumsverh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert werden \u2013 das Privateigentum an den Produktionsmitteln,\u00a0 an den Tauschmitteln, und heute immer aktueller am Wissen; denn \u00fcber den Weg des Patentschutzes oder des geistigen Eigentums findet eine Privatisierung der Erkenntnisse statt, die ein kollektives Produkt der Menschheit sind. So werden bereits Gene, morgen mathematische Formeln und Sprachen patentiert. Es kommt heute immer mehr zu einer Privatisierung des Raumes \u2013 der \u00f6ffentliche Raum wird zunehmend eingeschr\u00e4nkt; so k\u00f6nnen Euch die mexikanischen Genossinnen und Genossen dar\u00fcber berichten, dass es in Mexiko bereits private Strassen gibt, wie dies auch in Europa ansatzweise sichtbar wird. F\u00fcr uns bedeutet also die Eroberung der Macht eine Ver\u00e4nderung der Macht; und f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der Macht m\u00fcssen die Eigentumsverh\u00e4ltnisse radikal ver\u00e4ndert werden und die gegenw\u00e4rtige Tendenz zur Privatisierung der Welt muss gest\u00fcrzt werden.<\/p>\n<p>Wie kann diese Herrschaft des Kapitals \u00fcberwunden werden? Diese reproduziert sich quasi auf nat\u00fcrliche Weise \u00fcber die Organisation der Arbeit, \u00fcber die Arbeitsteilung, \u00fcber die Vermarktung unserer Freizeit, usw. Wie k\u00f6nnen wir aus diesem Teufelskreis ausbrechen, der letztendlich die Unterdr\u00fcckten zu Anh\u00e4ngern eines Systems macht, das sie unterdr\u00fcckt? W\u00e4hrend der letzten Wahlkampagne war am franz\u00f6sischen Fernsehen ein Arbeiter folgendermassen zu vernehmen: \u00ab Wie kommt es, dass es f\u00fcr die Kapitalisten selbstverst\u00e4ndlich ist, dass sie f\u00fcr ihre Interessen stimmen, w\u00e4hrend die \u00a0Arbeiterinnen und Arbeiter oft, ja die Mehrheit von ihnen f\u00fcr die ihnen feindlichen Interessen stimmen?\u00a0\u00bb Dies ist gerade, weil sie unter der Herrschaft der herrschenden Ideologie stehen. Nun, wie k\u00f6nnen wir daraus heraustreten?<\/p>\n<p>Die Reformisten antworten durch ein best\u00e4ndiges Wiederkauen: Eine wenig mehr gewerkschaftliche Organisation, ein wenig mehr Stimmen, usw. All dies ist offensichtlich auch wichtig. Der Grad gewerkschaftlicher Organisation\u00a0 und sogar die Wahlresultate sind Hinweise auf die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. In den entwickelten kapitalistischen Staaten mit einem seit hundert und mehr Jahren bestehenden parlamentarischen System kann man nicht mit einer Gruppe von einigen Hundert oder einigen Tausend Aktivistinnen und Aktivisten zum Angriff auf die Staatsmache ansetzen, wenn nicht auf der gewerkschaftlichen, gesellschaftlichen und auch, selbst wenn sie sehr deformiert ist, auf der elektoralen Ebene entsprechende Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse aufgebaut werden. Es findet damit eine ganz sch\u00f6ne Ver\u00e4nderung statt. Die reformistische Illusion besteht gerade darin, dass die gesellschaftliche Mehrheit sich letztendlich der elektoralen Mehrheit anschliessen w\u00fcrde und dass folglich die gesellschaftliche Ver\u00e4nderung einfach ein Resultat der Wahlen sein k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Alle Erfahrungen des XIX. und des XX. Jahrhunderts zeigen das Gegenteil. Revolution\u00e4re M\u00f6glichkeiten treten nur unter gewissen, relativ seltenen Ausnahmesituationen auf. Es gibt Bedingungen f\u00fcr revolution\u00e4re Krisen, f\u00fcr Revolutionen, wo sich eine wahrhafte Verwandlung abspielt, nicht lediglich ein kleiner Fortschritt sondern eine pl\u00f6tzliche Ver\u00e4nderung im Bewusstsein von Hunderttausenden und Millionen von Leuten. Das letzte Beispiel in Europa war der Mai 68 in Frankreich, der um sich greifende italienische Mai, 1974 \u2013 75 in Portugal, \u2026, man kann dar\u00fcber diskutieren, ob die Situation revolution\u00e4r war oder bis zu welchem Grade. Auf jeden fall handelt es sich um Erfahrungen, wo man sah, dass die Leute innerhalb von wenigen Tagen mehr lernen als in jahrelangen Diskussionen, Bildungskursen, etc. Es findet eine Beschleunigung in der Bewusstwerdung statt.<\/p>\n<p><b>3.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Rhythmen, Selbstorganisation, Eroberung der Macht, Internationalismus<\/b><\/p>\n<p><b>Erstens<\/b> muss also jede Vorstellung von revolution\u00e4rer Strategie von der Idee ausgehen, dass es im Klassenkampf Rhythmen, Beschleunigungen und R\u00fcckfl\u00fcsse gibt, aber insbesondere dass es Perioden von Krisen gibt, in denen sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse sich radikal ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, die die M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung der Welt wirklich auf die Tagesordnung setzen, oder zumindest die Gesellschaft ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die <b>zweite grundlegende Idee<\/b> \u2013 es geht hier um sehr allgemeine Ideen \u2013 besteht darin, dass in allen revolution\u00e4ren Erfahrungen aus dem XIX. oder XX. Jahrhundert, seien sie siegreich oder nicht,\u00a0 seit der Pariser Kommune bis zur Nelkenrevolution oder bis zu den Erfahrungen der Unidad Popular in Chile, also in jeder mehr oder weniger revolution\u00e4ren Krisensituation, Formen von Doppelmacht auftreten, d.h. Machtorgane ausserhalb der bestehenden Institutionen gebildet werden. Das waren etwa die Fabrikr\u00e4te in Italien 1920-21, die Sowjets in Russland, die Arbeiterr\u00e4te in Deutschland, die <i>cordones industriales<\/i> und die <i>comandos comunales<\/i> \u2013 das heisst die Nachbarschaftsverb\u00e4nde \u2013 in Chile 1971 bis 1973, die Aussch\u00fcsse der <i>moradores,<\/i> der Fabrikbesetzungen bis zur Versammlung von Setubal in Portugal 1975. Jede Situation intensiver Klassenk\u00e4mpfe schafft Organe der Selbstorganisation, der eigentlichen demokratischen Organisation der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Bev\u00f6lkerung, die mit ihrer Legitimit\u00e4t den existierenden Institutionen gegen\u00fcbertreten. Das heisst nicht, dass es sich um eine absolute Opposition handelt. Die Bolschewiki haben w\u00e4hrend des ganzen Jahres 1917 die Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung basierend auf allgemeinem Wahlrecht mit der Entwicklung der Sowjets verkn\u00fcpft. Es gibt eine \u00dcbertragung der Legitimit\u00e4t von einem Organ zum anderen, die nichts mit einem Automatismus zu tun hat. Die neuen Organe m\u00fcssen sich in einer Periode der Krise in der Praxis als demokratischer, als legitimer erweisen als die b\u00fcrgerlichen Institutionen. Aber es gibt keine wirklich revolution\u00e4re Situation ohne dass mindestens Elemente einer Dualit\u00e4t der Macht oder einer Doppelmacht auftreten w\u00fcrden.<\/p>\n<p><b>Drittens <\/b>m\u00f6chten wir die Idee erl\u00e4utern, dass die Eroberung einer Mehrheit die Bedingung f\u00fcr die Eroberung der Macht notwendig ist. Was die Revolution von einem Putsch oder einem Staatsstreich unterscheidet, ist dass es sich um die Bewegung einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung handelt. Die Vorstellung, dass die Befreiung der Arbeiterinnen und Arbeiter nur das Werk dieser selbst sein kann, muss beim Wort genommen werden; auch dass so mutig, so entschlossen die revolution\u00e4ren Aktivistinnen und Aktivisten auch sein m\u00f6gen, sie nie anstelle der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung die Revolution machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Darum drehte sich die Debatte der ersten Kongresse der kommunistischen Internationale, vor allem des dritten und vierten, nach der Katastrophe der sogenannten M\u00e4rz-Aktion in Deutschland (1921). Dies war das, was man eine putschistische Aktion nennt, obwohl sich damals in ganz Deutschland einige Hunderttausend Leute daran beteiligten. Dies hat in der kommunistischen Internationale eine Debatte \u00fcber diejenigen er\u00f6ffnet, die glaubten, einfach das russische Beispiel kopieren zu k\u00f6nnen. Dabei ging es darum, dass man die Mehrheit erobern musste, nicht im elektoralistischen Sinne \u2013 es ging nicht darum, legalistisch zu sein, das man nichts ausrichten kann, solange man nicht die Mehrheit im Parlament hat \u2013 sondern um eine mehrheitliche Legitimit\u00e4t in den Massen, was eine unterschiedliche Vorstellung ist.<\/p>\n<p>Diejenigen unter Euch, die die Geschichte der Russischen Revolution von Trotzki lesen k\u00f6nnen \u2013 es ist immer n\u00fctzlich diese zu lesen \u2013 werden sehen, wie aufmerksam er sogar auf die kleinsten Bewegungen in den Gemeinden schaut, auf die lokalen Wahlen als Indiz f\u00fcr das, was als M\u00f6glichkeit in den Massen heranreift. Die Eroberung der Mehrheit, was in der Internationale ab dem dritten Kongress\u00a0 1921 das grosse Problem wurde und was die Vorstellungen der Einheitsfront, der \u00dcbergangsforderungen und sp\u00e4ter, speziell mit Gramsci, derjenigen der Hegemonie aufkommen liess. Das heisst, dass es darum ging eine Hegemonie zu erobern. Die Revolution ist nicht einfach die Konfrontation von Arbeit und Kapital im Betrieb. Sie ist auch die F\u00e4higkeit des Proletariates aufzuzeigen, dass eine andere Gesellschaft m\u00f6glich ist und dass es die wichtigste Kraft ist, um eine solche aufzubauen. Dieser Beweis wird teilweise vor der Machtergreifung gef\u00fchrt. Andernfalls w\u00e4re dies ein Sprung ins Leere, ein Stabhochsprung ohne Schwung, ein Handstreich oder ein Putsch. Also sind die Ideen der \u00dcbergangsforderungen und der Einheitsfront Werkzeuge zur Eroberung der Mehrheit.<\/p>\n<p>Die \u00dcbergangsforderungen m\u00f6gen als elementar erscheinen. In Frankreich sind wir sehr zufrieden mit der Kampagne von Olivier Besancenot. Aber, offen gesagt, ein allgemeiner Mindestlohn [SMIC] \u00fcber 1\u2018500 \u20ac und eine bessere Verteilung des Reichtums sind keine sehr revolution\u00e4ren Losungen. Vor einigen Jahren noch w\u00e4ren sie als sehr reformistisch erschienen. Heute scheinen sie als radikal, da die Reformisten nicht einmal mehr diese Arbeit machen. Die Losungen haben keine magische Kraft, sie kommen nicht aus sich heraus zur Geltung sondern in einer gegebenen Situation, als Ausgangspunkt f\u00fcr einen Prozess der Bewusstseinsbildung. Sobald man heute sagt, dass man in einem Land wie Frankreich mit weniger als 1\u2018500 \u20ac im Monat nicht anst\u00e4ndig leben kann, bekommt man zur Antwort, dass man nicht realistisch sei: Wenn man die L\u00f6hne anhebe, w\u00fcrde das Kapital weggehen. Dies stellt ein neues Problem: Wie verhindert man die Kapitalflucht? Man muss deshalb die Finanzspekulation angreifen, man muss das Privateigentum angreifen\u2026. Das Recht auf Wohnen stellt das Problem des Grundst\u00fcckeigentums\u2026. Es geht also um Losungen, die in einem gegebenen Moment Probleme kristallisieren, die verstanden werden k\u00f6nnen und als Hebel f\u00fcr Mobilisierungen f\u00fcr Tausende oder Hundertausende dienen k\u00f6nnen,\u00a0 und anhand von denen man einen weitergehenden p\u00e4dagogischen Beweis in der Aktion und nicht nur sprachlich f\u00fchren kann, was die Logik des kapitalistischen Systems ist, und weshalb solch legitime und elementare Forderungen frontal mit der Logik des Systems zusammenstossen.<\/p>\n<p>Diese Debatte mag f\u00fcr Euch heute als elementar erscheinen. Aber in den Debatten der kommunistischen Internationale brachten diejenigen, die die russische Revolution kopieren wollten, sofort die Losung der Bewaffnung des Proletariats auf\u2026 Ja, sicher, wenn man dem Feind widerstehen m\u00f6chte, gelangt man unweigerlich dahin. Aber vorher muss eine Bewusstseinsbildung herbeigef\u00fchrt werden, die von elementareren Forderungen ausgeht, gegen Teuerung gesch\u00fctzte L\u00f6hne, die Aufteilung der Arbeitszeit, usw. usf. Diese Dinge, die f\u00fcr uns so banal sind, waren weit davon entfernt, erreicht zu sein. Sie waren Themen in den Debatten der kommunistischen Internationale. Und um diese von der Mehrheit der Menschen\u00a0 als notwendig und lebenswichtig empfundenen Forderungen herum wurde die gr\u00f6sstm\u00f6gliche Einheit all derer vorgeschlagen, die bereit sind, ernsthaft daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen. Deshalb sind die \u00dcbergangsforderungen an das Problem der Einheitsfront gekn\u00fcpft. Es ist bekannt, dass die Reformisten nicht bereit sind, bis ans Ende zu gehen. Es ist bekannt, dass sie vor der Erpressung einknicken werden und falls das Kapital ihnen ein Ultimatum stellt, sie kapitulieren werden. Aber im Gegenzug hat der zur\u00fcckgelegte Weg in den Augen derjenigen, die wirklich bis zum Ende f\u00fcr die gesellschaftlichen, kulturellen Bed\u00fcrfnisse, f\u00fcr das Recht auf ein anst\u00e4ndiges Leben, auf die Gesundheit, auf die Bildung, auf Wohnen, usw. k\u00e4mpfen wollen, den Wert\u00a0 einer p\u00e4dagogischen Beweisf\u00fchrung. Ausgehend davon kann man dann weiter gehen.<\/p>\n<p><b>Viertens<\/b> bem\u00fchen wir uns, die internationalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse aufzubauen. Denn wir denken nicht, dass die Revolution in einem einzigen Land, das\u00a0 von Anfang an vom Weltmarkt eingekreist ist, zu einer egalit\u00e4reren Gesellschaft f\u00fchren kann. Die Tatsache des Aufbaus einer internationalen Bewegung \u2013 eine Internationale sofern m\u00f6glich, aber auch Netzwerke, die europ\u00e4ische antikapitalistische Linke, die Zusammenk\u00fcnfte der revolution\u00e4ren Linken in Lateinamerika, usw. \u2013 ist Teil des Programmes und noch kein existierendes technisches Instrument, sondern die praktische \u00dcbertragung einer politischen Vision in die internationale Dimension der Revolution.<\/p>\n<p><b>4.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Strategische Hypothesen und kein Modell<\/b><\/p>\n<p>In den zw\u00f6lf mir verbleibenden Minuten m\u00f6chte ich noch auf zwei verbleibende Punkte zu sprechen kommen.<\/p>\n<p><b>Erstens:<\/b> Wir werden oft nach unserem Gesellschaftsmodell gefragt. Wir haben kein Gesellschaftsmodell. Man kann nicht sagen, die Befreiung der Arbeiterinnen und Arbeiter werde das Werk der Arbeiterinnen und Arbeiter sein und behaupten, wir w\u00fcrden in unserem Gep\u00e4ck die Pl\u00e4ne f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Gesellschaft mitf\u00fchren. Was wir hingegen haben, ist das Ged\u00e4chtnis einer Reihe von Erfahrungen aus K\u00e4mpfen, Revolutionen, von Siegen und Niederlagen, die wir mit uns tragen, weitergeben und nicht ausl\u00f6schen werden. Was wir haben, ist kein Gesellschaftsmodell, aber wir haben Hypothesen zu einer revolution\u00e4ren Strategie.<\/p>\n<p>F\u00fcr die entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder, wo die Lohnabh\u00e4ngigen die grosse Mehrheit der aktiven Bev\u00f6lkerung ausmachen, arbeiten wir mit der Idee eines aufst\u00e4ndischen Generalstreiks. F\u00fcr einige k\u00f6nnte dies eine Idee aus dem XX. oder gar aus dem XIX. Jahrhundert sein. Aber dies heisst nicht, dass die Revolution notwendigerweise die Form eines vollendeten Generalstreiks, eines Generalstreiks mit bewaffneten Streikposten der in einen Aufstand m\u00fcndet annehmen wird. Aber dies heisst, dass unsere Arbeit auf diese Perspektive hin organisiert ist, dass mit den lokalen und regionalen K\u00e4mpfen und Streiks, mit Streiks in ganzen Industriezweigen die Arbeiterinnen und Arbeiter mit der Idee eines Generalstreiks vertraut gemacht werden.<\/p>\n<p>Dies ist sehr wichtig, denn in einer Krisensituation ist es gerade dies, das erm\u00f6glichen w\u00fcrde, dass eine Reaktion der Massen in diesem Sinne erw\u00e4chst. In Chile, im Moment des Staatsstreichs von Pinochet vom September 1973, hat Pr\u00e4sident Allende, der immer noch \u00fcber die Kontrolle des Rundfunks verf\u00fcgte, nicht zum Generalstreik aufgerufen. H\u00e4tte es eine methodische und systematische Arbeit in dieser Richtung gegeben, so w\u00e4re es m\u00f6glicherweise zum spontanen Generalstreik mit Fabrikbesetzungen gekommen, was vielleicht den Staatsstreich nicht verhindert h\u00e4tte, einen solchen aber auf jeden Fall viel schwieriger gemacht h\u00e4tte. Und ein Kampf, den man k\u00e4mpfend verliert, kann viel schneller wieder aufgenommen werden, als ein Kampf, der passiv verloren wird. Dies ist beinahe eine allgemeine Regel \u00fcber alle Erfahrungen des XX. Jahrhunderts hinweg.<\/p>\n<p>Die Arbeit mit der Hypothese des Generalstreiks bedeutet nicht, dass man diesen andauernd proklamiert, aber dass man diese Idee heranreifen l\u00e4sst, so dass eine solche Reaktion dann im Falle einer unternehmerischen Offensive gegen die Lohnabh\u00e4ngigen, angesichts eines Staatsstreichs, im Falle einer antidemokratischen Repression quasi wie ein Reflex einsetzt. Der Aufstand gegen den Staatsstreich in Katalonien vom Juli 1936 und in Spanien w\u00e4re schwer vorstellbar gewesen ohne Vorbereitungsarbeit, ohne die Erfahrung in Asturien von 1934, ohne die Arbeit der POUM und der Anarchisten, usw. Mit der Perspektive eines Generalstreik zu arbeiten heisst, nicht dass man diesen dumm und abstrakt proklamiert, sondern dass man versucht, sich alle Erfahrungen anzueignen, die bereits in den Reflexen der Arbeiterbewegung heimisch geworden sind. Der Aufstand ist nicht notwendigerweise die lyrische Wiederholung des Oktoberaufstandes, so wie er im Film von Eisenstein dargestellt ist \u2013 selbst wenn dieser grossartig ist. Dieser kann aus einfachen Dingen entstehen: Die Selbstverteidigung eines Streikpostens, die Arbeit in der Armee, die Soldatenkomitees, alles was die Repressionsorgane der Bourgeoisie schw\u00e4cht. Das sind also Leitlinien die uns erlauben, Verbindungen zwischen den allt\u00e4glichen K\u00e4mpfen, seien sie auch bescheiden, und unserem Ziel herzustellen.<\/p>\n<p>Viele Genossinnen und Genossen, in Italien, in Frankreich und ich denke beinahe \u00fcberall, bestehen heute auf der Notwendigkeit von Organisationen, die unabh\u00e4ngig sind von den Sozialliberalen, den Sozialdemokraten usw. Aber weshalb wollen wir unabh\u00e4ngige Organisationen?\u00a0 \u00a0Weil wir ein anderes Ziel verfolgen, weil wir andere Vorstellungen haben, wohin wir gehen wollen. Wir wissen, dass die Teilnahme an einer b\u00fcrgerlichen Regierung, neben den Sozialdemokraten \u2013 bei der man vielleicht eine kleine Reform gewinnen kann \u2013 uns von unserem Ziel abbringt, anstatt dass wir uns diesem Ziel n\u00e4hern k\u00f6nnten. Denn dadurch wird die Verwirrung gesteigert und wir schaffen nicht mehr Klarheit. Wenn wir keine Kriterien haben, weder zu welchem Ziel wir voranschreiten wollen noch \u00fcber den Weg dahin, dann werden wir offensichtlich in der kleinsten taktischen Unsicherheit, der kleinsten Entt\u00e4uschung bei Wahlen, der kleinsten Niederlage durcheinander gebracht werden. Um den Aufbau in einem l\u00e4ngeren Zeithorizont anzugehen braucht es eine genaue Vorstellung.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich wird uns die Revolution \u00fcberraschen. Die zuk\u00fcnftigen Revolutionen werden keine einfachen Wiederholungen vergangener Revolutionen sein, ganz einfach weil die Gesellschaften nicht mehr die gleichen sind. Ich wiederhole mich: Wir sind etwa in derselben Lage wie die Milit\u00e4rs. Diese lernen in den Kriegsschulen anhand der vergangenen Schlachten. Aber die neuen Schlachten sind nie die gleichen. Deshalb sagt man, dass die Milit\u00e4rs in einem Krieg immer zu sp\u00e4t sind. Und wir riskieren andauernd, in einer Revolution zu sp\u00e4t zu kommen. Selbst die gr\u00f6ssten Revolution\u00e4re werden \u00fcberrascht. Die Bolschewiki haben sich trotz ihres Ansehens angesichts des \u00dcbergangs zum Oktoberaufstand gespalten. Keine Partei der Revolution ist eine st\u00e4hlerne, monolithische Partei. Der letzte Beweis wird sich bei gegebener M\u00f6glichkeit ergeben.<\/p>\n<p><b>5.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Die Frage der Partei<\/b><\/p>\n<p>Das letzte Thema, das ich anschneiden m\u00f6chte, ist das Problem der Partei. Dies ist keine technische Frage: Man hat eine Strategie und baut daf\u00fcr ein Werkzeug auf. Das Problem der Partei geh\u00f6rt geradezu zum Problem der Strategie. Der Versuch, sich eine Strategie ohne Partei vorzustellen, kommt einem Milit\u00e4r gleich, der in seinem Gep\u00e4ck Karten des Generalstabes und Kriegspl\u00e4ne mitf\u00fchrt, aber \u00fcber keine Truppen und keine Armee verf\u00fcgt. In Wirklichkeit gibt es nur eine Strategie wenn es gleichzeitig eine Kraft gibt, die sie tr\u00e4gt, die sie ergreift, die sie im Alltag in die Praxis umsetzt usw.<\/p>\n<p>Dies ist der ganze Unterschied zwischen der Auffassung \u00fcber die Partei bei den grossen sozialdemokratischen Parteien vor 1914 und Lenin. Heute ist dieser ungl\u00fcckliche Lenin nicht gerade popul\u00e4r. Selbst innerhalb der Linken und sogar innerhalb der radikalen Linken gilt er als autorit\u00e4r; Diesbez\u00fcglich gibt es eine grosse Ungerechtigkeit, aber dies ist nicht das Thema heute. Inwiefern hat Lenin die Auffassung \u00fcber die Partei ver\u00e4ndert, revolutioniert? Die grossen sozialdemokratischen Parteien verstanden ihre\u00a0 Aufgabe vor allem als p\u00e4dagogische, als Aufgabe eines Erziehers, begr\u00fcndet auf der Vorstellung einer Art von Spontaneit\u00e4t der Massenbewegung, wo die Partei mit den sehr interessanten Schulen Ideen einbrachte. Um die Formel eines ber\u00fchmten sozialdemokratischen F\u00fchrers vor 1914 \u00a0aufzunehmen, musste die Partei keine Revolution\u00a0 vorbereiten.<\/p>\n<p>In Lenins Vorstellung l\u00e4uft dies gerade umgekehrt: Die Partei darf sich nicht damit begn\u00fcgen, die Massen in ihren Erfahrungen zu begleiten und aufzukl\u00e4ren. Sie muss Initiativen ergreifen, Ziele f\u00fcr die K\u00e4mpfe formulieren, Leitmotive vorschlagen, die einer konkreten Situation entsprechen, und zu einem gegebenen Zeitpunkt muss sie imstande sein, der Aktion eine Richtung zu geben. In einer Formel zusammengefasst: Die Vorstellung, die bei der zweiten Internationale in ihrer grossen Zeit vorherrschte, war die einer p\u00e4dagogischen und erzieherischen Partei. Ausgehend von Lenin und der Dritten Internationale herrschte die Auffassung einer Partei als Strategin, einer Partei, die die K\u00e4mpfe organisiert, indem sie ihre Ziele definiert und die \u00fcbrigens auch die Niederlagen organisieren und begrenzen kann, indem sie falls notwendig den R\u00fcckzug vorbereitet. Es gibt dazu ein bekanntes Beispiel: Die Arbeiterinnen und Arbeiter von Petersburg und Moskau erlitten im Juli 1917 eine Niederlage; diese h\u00e4tte endg\u00fcltig sein k\u00f6nnen, wenn es keine Partei gegeben h\u00e4tte, die den R\u00fcckzug organisiert und erneut die Initiative ergriffen h\u00e4tte. Die Partei ist also kein x-beliebiges Werkzeug. Sie ist untrennbar mit einem Programm und einem festgesetzten Ziel verbunden.<\/p>\n<p>Und dann noch ein zus\u00e4tzlicher und vielleicht der letzte Punkt, den ich zur Frage der Partei erw\u00e4hnen m\u00f6chte. F\u00fcr uns geht es nicht einfach um eine Partei des Kampfes, des Eingreifens, usw. Es geht um eine demokratische, pluralistische Partei. Gelegentlich kommt es bei uns zu Unzul\u00e4nglichkeiten, es gibt \u00dcbertreibungen, einer Besessenheit der Tendenzenbildung. Oft ist dies n\u00fctzlich, oft weniger\u2026. Aber wir halten viel darauf, denn der Pluralismus in der Organisation bedeutet, dass wir nicht \u00fcber eine definitive Wahrheit verf\u00fcgen, und dass es zu einem andauernden Austausch zwischen der Partei, die wir aufbauen wollen und den Erfahrungen der Massenbewegungen kommt. Und weil diese Erfahrungen unterschiedlich sind, kann sich diese Unterschiedlichkeit auch in der Form verschiedener Str\u00f6mungen innerhalb unserer Partei \u00e4ussern.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch einen anderen Grund: Wenn man f\u00fcr eine pluralistische Gesellschaft ist,\u00a0 wenn man m\u00f6chte, dass die M\u00f6glichkeit der Parteienvielfalt\u00a0 existiert, einschliesslich der Vielfalt von Parteien, die sich auf den Sozialismus berufen, wenn dies eine der Konsequenzen, die man aus der Erfahrung des Stalinismus gezogen hat ist, dann m\u00fcssen wir die Demokratie auf gewisse Weise in unseren Reihen entwickeln. Dies gilt f\u00fcr unsere Jugendorganisationen, f\u00fcr unsere Sektionen der Internationale, aber auch f\u00fcr unsere Praxis in den Gewerkschaften und in den anderen Gruppierungen. Schon heute, denn dies ist wirksam f\u00fcr die K\u00e4mpfe, denn die Einheit geht nicht ohne Demokratie, denn falls wir breite Fronten gegen Sarkozy oder einen anderen aufbauen wollen, m\u00fcssen die verschiedenen Sichten auf die Welt sich darin wiedererkennen k\u00f6nnen. Also ist die Demokratie eine Bedingung f\u00fcr und nicht ein Hindernis gegen die Einheit.<\/p>\n<p>Zudem dient eine demokratische Kultur auch der Zukunft, weil die B\u00fcrokratie und die B\u00fcrokratisierung nicht nur im Stalinismus vorkommen. Einige stellen sich vor, dass die Angelegenheit mit dem Ende des Stalinismus nun vom Tisch sei. Nein ! Was die B\u00fcrokratie hervorruft, ist nicht die Partei, oder wie heutzutage einige sagen die \u00ab Parteiform \u00bb, sondern die Arbeitsteilung, die Ungleichheit. Die gewerkschaftlichen und vereinsm\u00e4ssigen Organisationen sind nicht weniger b\u00fcrokratisch als die Parteien, sie sind dies aufgrund der materiellen Interessen oft noch mehr. Die Nichtregierungsorganisationen in der Dritten Welt, die von Subventionen der Fordstiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung leben, sind weitgehend b\u00fcrokratisiert und oft korrupt. Es ist nicht die Organisationsform, die die B\u00fcrokratie schafft. Die Wurzeln der B\u00fcrokratie liegen in der Arbeitsteilung zwischen Kopf- und Handarbeit, in der Ungleichheit bez\u00fcglich der Freizeit, usw., usf. So ist die Demokratie in der Gesellschaft und in unseren Organisationen die einzige Waffe, die wir haben.<\/p>\n<p>Heutzutage ist dies noch wichtiger, und ich m\u00f6chte damit abschliessen. Die Leute stellen sich vor, dass eine Partei eine Aufstellung in Reih und Glied sei, wie im Milit\u00e4r, das dies Disziplin bedeute, Autorit\u00e4t, der Verlust der eigenen Individualit\u00e4t. Ich denke gerade das Gegenteil. Heute ist man alleine nicht frei, nicht genial, man wird dies nur aus seiner Individualit\u00e4t heraus, aber in einer Organisation des kollektiven Kampfes. Und wenn man die neueren politischen Erfahrungen heranzieht, die Parteien mit all ihren Unzul\u00e4nglichkeiten, ihren Gefahren der B\u00fcrokratisierung \u2013 unsere Partei eingeschlossen \u2013 so sind sie trotz allem die beste Form, den schlimmeren Formen der B\u00fcrokratisierung, der Korruption durch das Geld\u00a0 zu widerstehen. Wir leben in einer Gesellschaft, wo das Geld allgegenw\u00e4rtig ist und alles korrumpiert. Wie kann man sich dem widersetzen? Das geht nicht \u00fcber eine Moral, das geht nur \u00fcber einen kollektiven Widerstand gegen die Macht des Geldes. Zudem haben wir auch, und dies l\u00e4uft oft auf dasselbe hinaus, die Macht der Kommunikationsmittel gegen uns. Die Medien neigen dazu, den sozialen und den revolution\u00e4ren Organisationen die eigenen Losungen und die eigenen Wortf\u00fchrerinnen und Wortf\u00fchrer zu entwenden. Es gibt Mechanismen der Kooptation des politischen Personals durch die Medien. Es sind die Fernsehketten, die entscheiden: Dieser da hat einen guten Kopf, der wirkt gut im Rampenlicht, diese da ist sympathischer, usw.\u00a0 Sie fabrizieren sie. Wir, wir wollen unsere Losungen und unsere Wortf\u00fchrerinnen und Wortf\u00fchrer kontrollieren.<\/p>\n<p>Wir glauben nicht an den grossen Erl\u00f6ser oder an wundert\u00e4tige Individuen. Wir wissen, dass das was wir tun, das Ergebnis einer gemeinsamen Erfahrung und eines gemeinsamen Denkens ist. Dies ist eine Lektion in Verantwortung und in Bescheidenheit. Die Zentralit\u00e4t der Medien in unserer Gesellschaft nimmt den Leuten die Verantwortung weg. Viele Leute verfechten im Fernsehen die flippigsten Ideen und\u00a0 gehen eine Woche sp\u00e4ter zu etwas ganz Anderem \u00fcber, ohne sich je erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, ohne je sich rechtfertigen zu m\u00fcssen \u00fcber das, was sie gesagt haben. Was unsere Wortf\u00fchrer sagen, Francisco Lou\u00e7a in Portugal, Olivier Besancenot in Frankreich oder Franco Turigliatto in Italien, daf\u00fcr sind sie vor Hunderten und vor Tausenden Aktivistinnen und Aktivisten verantwortlich. Es sind dies Pers\u00f6nlichkeiten, die nicht aus ihren momentanen Launen oder Gef\u00fchlen heraus sprechen, sondern im Namen von Kollektiven von Aktivistinnen und Aktivisten. Dies stellt f\u00fcr uns ein Beweis von Demokratie dar. Und im Gegenteil zu dem, was man so sagt, stellen die Parteien \u2013 so wie wir sie uns vorstellen, und nicht die grossen Wahlapparate &#8211;\u00a0 den besten und wirksamsten demokratischen Widerstand gegen eine Welt dar, die dies kaum ist. Und sie sind eines der Glieder, einer der Bestandteile von dem, was wir unter revolution\u00e4rer Strategie verstehen.<\/p>\n<p><b>[Diese Intervention wurde von D. Bens\u00efd\u00a0 gehalten am Sommercamp der Jugend der IV. Internationale vom Sommer 2007. Das Original findet sich unter <\/b><a href=\"http:\/\/danielbensaid.org\/\">http:\/\/danielbensaid.org\/<\/a><b> . Bensa\u00efd verstarb 2010. Er war f\u00fchrendes Mitglied des\u00a0<\/b><a href=\"http:\/\/www.npa2009.org\/\">Nouveau <\/a><a href=\"http:\/\/www.npa2009.org\/\">Parti Anticapitaliste<\/a>\u00a0und der<a href=\"http:\/\/ks3260355.kimsufi.com\/inprecor\/home\"> Internationale<\/a>. \u00a0Die \u00dcbersetzung wurde von der Redaktion <i>maulwuerfe.ch<\/i> besorgt.]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Bensaid (2007) Heute kehren die Frage und der Begriff der Strategie zur\u00fcck. 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