{"id":2190,"date":"2017-06-02T15:04:45","date_gmt":"2017-06-02T13:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2190"},"modified":"2017-06-02T15:04:45","modified_gmt":"2017-06-02T13:04:45","slug":"frankreich-soziale-polarisierung-weit-weniger-ausgepraegt-als-die-politische","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2190","title":{"rendered":"Frankreich \u2013 soziale Polarisierung weit weniger ausgepr\u00e4gt als die politische"},"content":{"rendered":"<p><em>Fr\u00e9d\u00e9ric Sawicki. <\/em><strong>Die Karte der Wahlergebnisse des 1.Wahlgangs der Pr\u00e4sidentschaftswahlen in Frankreich, aufgeschl\u00fcsselt nach D\u00e9partements, zeigt einen gelben Westen\/S\u00fcdwesten (Macron), <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>einen tiefblauen Osten\/Nordosten (Le Pen), mit drei hellblauen Einsprengseln f\u00fcr den Konservativen Fillon und zwei roten Flecken f\u00fcr M\u00e9lenchon im S\u00fcdwesten. Paris ist dreigeteilt zwischen Macron, Fillon und M\u00e9lenchon. Bei n\u00e4herer Betrachtung ist das Bild viel differenzierter.<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal springt der Gegensatz zwischen den gro\u00dfen St\u00e4dten und dem Rest des Landes ins Auge. W\u00e4re nur in den 20 gr\u00f6ssten Gemeinden gew\u00e4hlt worden, w\u00e4re nicht Marine Le Pen, sondern der Linke Jean-Luc M\u00e9lenchon in die Stichwahl gegen Macron gekommen. M\u00e9lenchon kommt in diesen Gemeinden auf fast 25 Prozent \u2013 fast 5 Prozentpunkte mehr als Fillon und ganze 10 Prozentpunkte mehr als Le Pen, w\u00e4hrend Macron hier 2 Prozent mehr geholt h\u00e4tte, als sein Endergebnis war. Nur Toulon w\u00e4re an Le Pen gefallen.<\/p>\n<p>Le Pen lag daf\u00fcr in 19&#8217;000 (von mehr als 36&#8217;000) kleineren Gemeinden mit 54 Prozent an der Spitze.<\/p>\n<p>Dies Bild wird gern interpretiert als das eines gespaltenen Landes, in dem auf der einen Seite florierende Gro\u00dfst\u00e4dte gedeihen, die an der Spitze einer gelungenen Globalisierung stehen, w\u00e4hrend sich auf der anderen Seite, in der Peripherie, furchtsame, resignierte oder zornige Franzosen sammeln. Eine solche Interpretation vergisst jedoch, dass ein W\u00e4hlervotum mehr ist als ein Kalk\u00fcl, es ist das Ergebnis des Zusammentreffens eines politischen Angebots und sozialer wie kultureller Neigungen, die mit der gesellschaftlichen Position und dem Werdegang eines Individuums zu tun haben.<\/p>\n<p><strong>Wer lebt wo?<\/strong><\/p>\n<p>Das magere Ergebnis, das die Front National (FN) in den Gro\u00dfst\u00e4dten erzielt hat, ist zun\u00e4chst einmal die Folge einer ungleichen r\u00e4umlichen Verteilung der sozialen und Altersgruppen.<\/p>\n<p>In den 20 gr\u00f6\u00dften Gemeinden Frankreichs ist der Anteil der unteren Klassen an der Gesamtbev\u00f6lkerung \u2013 vor allem der Anteil der Arbeiter, die laut dem Meinungsforschungsinstitut IFOP zu 39 Prozent Le Pen gew\u00e4hlt haben \u2013 deutlich schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt. Arbeiterhaushalte sind hier mit 12 Prozent vertreten, in Gesamtfrankreich hingegen mit 17 Prozent. Dem steht gegen\u00fcber, dass migrantische Arbeiter hingegen sich in den Gro\u00dfst\u00e4dten konzentrieren (die h\u00e4ufig kein Wahlrecht haben und von daher das Gewicht der Arbeiterbev\u00f6lkerung noch einmal dr\u00fccken).<\/p>\n<p>Personen unter 30 Jahren sind in den Gro\u00dfst\u00e4dten mit 43 Prozent um 6 Prozentpunkte st\u00e4rker vertreten als im Rest des Landes, w\u00e4hrend die Rentner nur 21 Prozent der Gro\u00dfstadtbev\u00f6lkerung ausmachen (27 Prozent im gesamten Land). Das Votum der Rentner tendiert aber nach rechts. Hinzu kommt, dass der Unterschied in der Lebenserwartung der verschiedenen sozialen Gruppen bewirkt, dass wohlhabendere Menschen in dieser Alterskategorie \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind \u2013 wie im \u00fcbrigen auch die Freiberufler, Landwirte und aktiven Katholiken.<\/p>\n<p>Die Ablehnung der FN in den Gro\u00dfst\u00e4dten und ihre Tendenz, links zu w\u00e4hlen, erkl\u00e4ren sich schlie\u00dflich auch durch den hohen Anteil an Berufen im \u00f6ffentlichen Dienst: \u00f6ffentliche Verwaltung, Lehrer, Gesundheitswesen, \u00f6ffentliche Einrichtungen machen hier \u00fcber 37 Prozent der Arbeitspl\u00e4tze aus (31 Prozent im gesamten Land); Menschen mit h\u00f6herem Abschluss konzentrieren sich hier zu 38 Prozent (27 Prozent im gesamten Land).<\/p>\n<p>Spiegelbildlich sind nicht lohnabh\u00e4ngige Erwerbst\u00e4tige in den Gro\u00dfst\u00e4dten weniger zahlreich (14 Prozent vs. 16 Prozent), ebenso Eigenheimbesitzer (36 Prozent vs. 57 Prozent). Und h\u00e4ufig wird vergessen, dass das mittlere j\u00e4hrliche Haushaltseinkommen in den Gro\u00dfst\u00e4dten um 1300 Euro niedriger liegt als im Rest des Landes und die Zahl der Alleinerziehenden hier gr\u00f6\u00dfer ist.<\/p>\n<p>Die r\u00e4umlichen Unterschiede im W\u00e4hlervotum dr\u00fccken also vor allem eine spezifische Verteilung sozialer Gruppen aus.<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfst\u00e4dte bilden auch keine homogene Einheit. Auf der einen Seite ist da z.B. Paris mit seinen 28 Prozent leitenden Angestellten und Angeh\u00f6rigen gehobener intellektueller Berufe, seinen 5,5 Prozent Arbeiterhaushalten, 57 Prozent Menschen mit h\u00f6herem Schulabschluss und einem mittleren Jahreseinkommen von fast 26&#8217;000 Euro (2013). Auf der anderen Seite ist da z.B. Le Havre, da liegen die Werte respektive bei 6 Prozent, 19 Prozent, 21 Prozent und 18&#8217;100 Euro.<\/p>\n<p>In Paris hat Emmanuel Macron 13,5 Prozentpunkte mehr geholt als in Le Havre, Jean-Luc M\u00e9lenchon und Marine Le Pen hingegen jeweils 10,5 und 15 Prozentpunkte mehr.<\/p>\n<p>Der Vergleich unter den 20 gr\u00f6\u00dfen St\u00e4dten erlaubt, mehr \u00fcber die Korrelation zwischen demografischen und sozioprofessionellen Variablen und den W\u00e4hlerverhalten zu erfahren. Korrelation hei\u00dft nicht Kausalit\u00e4t, und nur, wenn diese Daten mit anderen kombiniert werden, die sich etwa aus Meinungsumfragen, kartografischen Analysen (die eine r\u00e4umliche Perspektive geben), Monografien u.a. ergeben, lassen sich gewisse Tendenzen herausarbeiten.<\/p>\n<p><strong>Die Stimme f\u00fcr Macron<\/strong><\/p>\n<p>Diese Daten best\u00e4tigen, dass unter den W\u00e4hlern von Macron leitende Angestellte und Angeh\u00f6rige intellektueller Berufe \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind. Macron schneidet auch umso besser ab, je h\u00f6her das mittlere Einkommen ist. Sein Wahlkampf hat sich auch explizit an die gehobene Mittelschicht gewendet \u2013 und offenkundig mit Erfolg. Hier war er jedenfalls erfolgreicher als mit seinem Bekenntnis zu den Unternehmern und Selbst\u00e4ndigen: Es gibt eine starke Korrelation zwischen dem Anteil an kleinen und mittleren Unternehmern, Kaufleuten und Handwerkern und der Stimme f\u00fcr Fillon.<\/p>\n<p>Umgekehrt sinkt der Stimmenanteil von Macron in dem Ma\u00dfe, wie den Anteil an Arbeiterinnen und Arbeitern, Angestellten und Alleinerziehenden an der Wahlbev\u00f6lkerung steigt. Die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung stellen die Rentner und die Personen \u00fcber 60 Jahre dar: hier ist die Korrelation zur Stimme f\u00fcr Macron ebenfalls negativ. So erstaunt es nicht, dass der ehemalige Wirtschaftsminister seine besten Ergebnisse in Paris geholt hat \u2013 es folgen die St\u00e4dte Rennes, Bordeaux, Nantes, Lyon und Angers. In all diesen St\u00e4dten liegt das mittlere Haushaltseinkommen \u00fcber 20&#8217;000 Euro im Jahr und der Anteil an Menschen mit h\u00f6herem Bildungsabschluss betr\u00e4gt \u00fcber 42 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Die Stimme f\u00fcr Le Pen<\/strong><\/p>\n<p>Die Stimme f\u00fcr Le Pen ist das Gegenteil von der f\u00fcr Macron. Ihr Anteil ist umso h\u00f6her, je \u00e4lter die Bewohner einer Gemeinde sind, je st\u00e4rker die unteren Schichten repr\u00e4sentiert sind, je geringer der Anteil an Menschen mit h\u00f6herer Bildung und je niedriger das Einkommensniveau ist: Das sind auch die Gegenden, in denen die Wirtschaft weniger dynamisch und weniger attraktiv ist.<\/p>\n<p>Die sechs St\u00e4dte, in denen die FN ihre besten Ergebnisse erzielte: Toulon, Nizza, Marseille, Reims, N\u00eemes, Le Havre und Saint-Etienne, z\u00e4hlen alle einen Anteil an Menschen mit h\u00f6herer Bildung von 30 Prozent und darunter. Sie sind \u00fcbrigens die einzigen der 20 gro\u00dfen St\u00e4dte, die dieses Merkmal aufweisen. In keinen von ihnen \u00fcbersteigt das mittlere Haushaltseinkommen 20&#8217;000 Euro im Jahr. Abgesehen von Reims liegt der Anteil der unter 30j\u00e4hrigen unter 40 Prozent.<\/p>\n<p>Hingegen gibt es keine Korrelation zwischen dem Fortbestand einer industriellen Aktivit\u00e4t und der Stimmabgabe f\u00fcr Le Pen. Tats\u00e4chlich sind St\u00e4dte mit Spitzentechnologien wie Grenoble und Toulouse abgeneigter, FN zu w\u00e4hlen, w\u00e4hrend St\u00e4dte, die noch von traditionellen Industriezweigen gepr\u00e4gt und st\u00e4rker von Standortverlagerungen bedroht sind (Reims, Saint-Etienne, Le Havre) dieser Partei st\u00e4rker zuneigen.<\/p>\n<p><strong>Die Stimme f\u00fcr M\u00e9lenchon<\/strong><\/p>\n<p>Anders als bei der vorherigen Pr\u00e4sidentschaftswahl und anders als beim Kandidat der Sozialistischen Partei, Beno\u00eet Hamon, korreliert die Stimme f\u00fcr M\u00e9lenchon mit keiner der sozio\u00f6konomischen Variablen. Mindestens in den gro\u00dfen St\u00e4dten war M\u00e9lenchon nicht dort besonders stark, wo die FN ihre Hochburgen hat. Anders als Macron oder Hamon hat er aber auch nicht in besonderem Ma\u00dfe die Stimmen junger Angeh\u00f6riger der Mittelschichten angezogen, die in aufstrebenden Wirtschaftssektoren oder in den Bereichen Kultur und Kommunikation arbeiten, wo die Hierarchien flacher sind.<\/p>\n<p>Die Stimme f\u00fcr M\u00e9lenchon zieht sich durch alle Generationen und Schichten, das best\u00e4tigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IPSOS, wonach 19 Prozent der leitenden Angestellten, 22 Prozent der Angestellten in mittleren und einfachen Positionen und 24 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter f\u00fcr ihn gestimmt haben, etwas mehr im \u00f6ffentlichen Dienst (23 Prozent) als in der Privatindustrie (20 Prozent).<\/p>\n<p>In den gro\u00dfen St\u00e4dten erzielte M\u00e9lenchon allerdings \u00fcberall bessere Ergebnisse als im nationalen Durchschnitt (eine Ausnahme bilden Paris, Toulon und Nizza). Spitzenwerte erreicht er dort, wo die Linke, auch die PS, traditionell stark ist. Hier hat er Hamon Stimmen weggenommen. Diese St\u00e4dte sind weder besonders proletarisch noch besonders von \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten gepr\u00e4gt, der Anteil an Industriearbeitspl\u00e4tzen ist hier immer noch bedeutend.<\/p>\n<p><strong>Die Stimme f\u00fcr Hamon<\/strong><\/p>\n<p>Sie zeigt dieselben Merkmale auf wie die Stimme f\u00fcr Macron: Hamon schneidet umso st\u00e4rker ab, als die Stadt jung, mittelschichtsgepr\u00e4gt, gebildet und wirtschaftlich aktiv ist; hingegen spielt das Einkommensniveau eine geringere Rolle. Sein bestes Ergebnis erzielte Hamon in Rennes, \u00fcber 10 Prozent erreichte er in Nantes, Lille, Paris, Toulouse, Grenoble und Bordeaux \u2013 in den ersten vier stellt die PS die B\u00fcrgermeisterin. Hingegen verliert er in St\u00e4dten mit einem h\u00f6heren Arbeiteranteil (Reims, Le Havre, N\u00eemes, Marseille) Stimmen an M\u00e9lenchon.<\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">* Fr\u00e9d\u00e9ric Sawicki lehrt Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t Paris 1. Wir entnehmen den hier leicht gek\u00c3\u00bcrzten Beitrag der Zeitschrift Alternatives Economiques, <\/span><\/i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><a href=\"http:\/\/www.alternatives-economiques.fr\/vote-grandes-villes-clivages\/00078538\"><i>www.alternatives-economiques.fr\/vote-grandes-villes-clivages\/00078538<\/i><\/a><i>.<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt;\"><cite><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2017\/06\/frankreich-soziale-polarisierung-weit-weniger-ausgepraegt-als-die-politische\/\">sozonline.de&#8230;<\/a> vom 2. Juni 2017<\/span><\/cite><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00e9d\u00e9ric Sawicki. 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