{"id":2214,"date":"2017-06-09T14:44:38","date_gmt":"2017-06-09T12:44:38","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2214"},"modified":"2017-06-09T14:44:38","modified_gmt":"2017-06-09T12:44:38","slug":"arbeiterkaempfe-in-der-schweiz-1945-73","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2214","title":{"rendered":"Arbeiterk\u00e4mpfe in der Schweiz 1945-73"},"content":{"rendered":"<p><em>A.V.<\/em><strong> &#8222;Die ganze Welt freute sich, als in Japan der letzte Schuss in diesem Krieg gefallen war. Aber schon verzeichnet die sozialistische Presse triumphierend den ersten Schuss, der an der inneren schweizerischen Front ausgel\u00f6st wurde,<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> noch bevor der Waffenstillstand auf der \u201aMissouri\u2018 besiegelt war.&#8220; (Schweizerische Handelszeitung, Nr. 36, 6. Sept. 45)<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich befreite die Beendigung des zweiten Weltkrieges die Arbeiterk\u00e4mpfe von einer schweren Last, die ihnen \u00fcber Jahre grosse Schwierigkeiten bereitet hatten.<\/p>\n<p>Krieg bedeutet f\u00fcr die Arbeiter, dass sie die Fabriken, wo sie sich organisieren k\u00f6nnen, verlassen m\u00fcssen und vielleicht noch mehr auseinandergerissen werden als bei Arbeitslosigkeit, w\u00e4hrend die Pression ungeheuer versch\u00e4rft wird.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, der oben zitierte b\u00fcrgerliche Schreiberling hatte jedenfalls recht, wenn er eine gewaltige Wiederaufnahme der Arbeiterk\u00e4mpfe nach dem Kriegsende feststellte.<\/p>\n<p>Falsch war seine Ansicht, dass die Arbeiter w\u00e4hrend des Krieges nicht gek\u00e4mpft h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es zu viele Gegenbeispiele. Erreicht hatte der Krieg nur, dass die Kraft der Arbeiter vor\u00fcbergehend zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde: die Reall\u00f6hne waren gesunken, die Arbeitszeit war verl\u00e4ngert worden und die Arbeitshetze immens gestiegen.<\/p>\n<p>Der vierw\u00f6chige Streik bei der SIS (Schweizerische Industriegesellschaft f\u00fcr Schappe) in Arlesheim im Juni 45 k\u00fcndigte eine ganze Welle von K\u00e4mpfen bis zur Konfrontation mit dem Staatsapparat an, die unserem Bewusstsein weitgehend versch\u00fcttet sind. Um zu verstehen, was in den Jahren darauf geschehen ist, sind sie jedoch sehr wichtig. Einige Momente dieser Kampfphase k\u00f6nnen wir bereits heute darstellen, andere werden vielleicht folgen.<\/p>\n<p>Die erw\u00e4hnte SIS in Arlesheim und Augenstein in der N\u00e4he von Basel besch\u00e4ftigte 400 Arbeitskr\u00e4fte, vor allem Arbeiterinnen. Diese Spinnerinnen, die aus Abfallseide billige Garne herstellen wurden mit dem Bedeaux-System (ein extremer Leistungslohn), das sie &#8222;Fotzelsystem&#8220; nannten, zu einer unmenschlichen Arbeitshetze angetrieben. Mit der Parole: &#8222;Allein sind wir nichts, zusammen sind wir alles&#8220; k\u00e4mpften sie erfolgreich f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne, f\u00fcr eine Verbesserung der Akkordpr\u00e4mien und die Bezahlung von Feiertagen und Ferien.<\/p>\n<p>Endg\u00fcltig trat damit ein Gewerkschaftsbund ins Rampenlicht, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, mit der Parole: &#8222;Mehr Lohn, mehr Recht und Freiheit in den Betrieben&#8220; die weitgehend unorganisierten Textilarbeiterinnen und \u2013arbeiter und die Chemiearbeiter in die Arbeiterbewegung zu integrieren. Innert 6 Jahren, n\u00e4mlich von 1940 \u2013 1946 gelang es dem Schweizerischen Textil- und Fabrikarbeiterverband (SFTV), seine Mitgliederzahlen von 7 000 auf 40 000 zu steigern.<\/p>\n<p><strong>Der erste Schuss<\/strong><\/p>\n<p>Dies geschah unter der Leitung des PdA-Genossen Leo L\u00f6w und es war wohl das letzte Beispiel eines von den Kommunisten geleiteten gesamtschweizerischen Gewerkschaftsbundes, einmal abgesehen von einigen wenigen Berufsgruppen im SBHV, wie z. B. den Z\u00fcrcher Zimmerleuten oder von einigen regionalen St\u00fctzpunkten, wie vor allem Genf aber auch einigen Ortschaften wie Pratteln und Nyon.<\/p>\n<p>Nicht verwunderlich deshalb, dass nicht nur die Unternehmer geiferten, sondern auch die sozialdemokratischen Gewerkschafter mit Denunziationen nicht gerade zimperlich hinter dem Laden zur\u00fcckhielten. Doch hinter dieser eher parteipolitischen Auseinandersetzung zweier Fraktionen des Reformismus stand das Problem von Industriezweigen wie gerade der Textilindustrie, deren Produktion auf der Besch\u00e4ftigung vorwiegend un- oder angelernter Arbeiter beruhte und die gerade auch deshalb einen sehr grossen Anteil Frauen besch\u00e4ftigt hatten. 1944 waren von 53&#8217;000 Arbeitskr\u00e4ften in der Textilindustrie 30&#8217;000 Frauen, also mehr als die H\u00e4lfte. Dieser Anteil war w\u00e4hrend des Krieges stark gestiegen.<\/p>\n<p>Der kommunistische Einfluss in dieser Industrie beruhte auf zwei Momenten: einerseits auf seinen traditionellen Facharbeiterst\u00fctzpunkten, wie den qualifizierten Webern. Andererseits auf dem weitgehend unorganisierten Kampfpotential der Masse von un- und halbqualifizierten Arbeitskr\u00e4ften, die ihre Bed\u00fcrfnisse bisher nur sporadisch durchzusetzen vermochten. Leider wissen wir gerade dar\u00fcber fast nichts. Nur wenn man sich z. B. das Fabrikreglement der bestreikten Basler Schappe-Industrie ansieht, weiss man, gegen was die Unternehmer vorgehen mussten und weshalb es ihnen letztlich dann doch noch lieber war, sechs vertraglich geregelte Feiertage und eine Woche Ferien zuzugestehen.<\/p>\n<p>Nach diesem Reglement mussten die Arbeiter eine Kaution von 40 Franken hinterlegen, (was etwa einen F\u00fcnftel ihres Monatslohnes ausmachte!), die z. B. so gebraucht wurde: &#8222;Ebenso verf\u00e4llt ein Viertel der Kaution bei unentschuldigtem Fernbleiben von der Arbeit oder bei nicht sofortigem Wiedererscheinen zur Arbeit nach Genesung von einer Krankheit.&#8220;<\/p>\n<p>Mit den Arbeiterk\u00e4mpfen in der Textilindustrie begannen sich jedoch auch die Bauarbeiter zu regen, die vorerst mal ebenfalls ihre L\u00f6hne auf das Vorkriegsniveau heben und danach dann aber m\u00f6glichst eine reale Lohnerh\u00f6hung durchsetzen sollten. Gleichzeitig gingen sie aber an vielen Orten gegen die Akkordarbeit vor (z.B. im September 45 die Gipser in Schaffhausen oder die Z\u00fcrcher Maurer und Handlanger im Dezember des gleichen Jahres), und vor allem setzten sie eine Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit auf die Tagesordnung.<\/p>\n<p>Allerdings nahmen die K\u00e4mpfe der Bauarbeiter nur in wenigen, jedoch sehr wichtigen F\u00e4llen jenen einheitlichen Charakter wie bei den Textilarbeitern an. Denn im Baugewerbe k\u00e4mpften die einzelnen Berufsgruppen: die Maler, die Gipser, die Schreiner und Zimmerleute, die Anschl\u00e4ger und Parkettleger, die Elektriker, die Isolateure, die Spengler oder die Kranf\u00fchrer zumeist alleine. Nur wenn die Maurer und vor allem die zahlreichen Bauhandlanger auf den Plan traten, nahm das Kampfgeschehen einen einheitlicheren Charakter an.<\/p>\n<p>Doch auch die einzelnen Berufsgruppen wussten ihre K\u00e4mpfe vielfach effektiv zu f\u00fchren: die Schreiner in Lausanne f\u00fchrten ihren Streik im August 1945. kurz vor Er\u00f6ffnung des Comptoirs, was den Schreinermeistern geh\u00f6rig Druck aufsetzte. Gen\u00fcgte das noch nicht, so gingen halt einige Buden wieder kaputt. (In diesem Falle zwei)<\/p>\n<p>Weniger von sich reden machten in diesem Jahr die Arbeiter der Metall- und Maschinenindustrie. Doch im Dezember wollte sich die Motorenfabrik Brozincevic in Wetzikon nicht den SMUVschen Bedingungen des Friedensabkommens unterwerfen. Die weitgehend vorherrschenden Berufsarbeiter wollten ihre L\u00f6hne dem schweizerischen Durchschnitt anpassen. Der SMUV setzte alles daran, die K\u00e4mpfe mit seiner &#8222;Friedensvereinbarung&#8220; zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Beugte sich ein Unternehmer jedoch diesen Bedingungen einmal nicht, so war die Gewerkschaft schliesslich nach langen Verhandlungen bereit, einen Streik zu organisieren, wie in diesem Fall.<\/p>\n<p>Sp\u00e4rlicher sind ebenfalls Beispiele wie das des kurzen und erfolgreichen Kampfs der Arbeiterinnen der Knopffabrik Boutons Helvetia in Adliswil, die ohne jede gewerkschaftliche Hilfe in einem g\u00fcnstigen Moment im November 45 eine dreissigprozentige Lohnerh\u00f6hung durchsetzten. Da mussten die.49 Arbeiterinnen und 28 Arbeiter der Strumpffabrik ARGO in M\u00f6hlin (AG), die am 4. Dezember zu streiken begannen, sechs Wochen im Ausstand bleiben, bis der STFV eine Lohnzulage und weitere Verbesserungen aushandeln konnte.<\/p>\n<p>Aber auch die Chemiearbeiter f\u00fchrten den im Juli 1944 siegreich von den Arbeitern der GEIGY-Werke in Schweizerhalle begonnenen Kampf f\u00fcr mehr Lohn und weniger Arbeit fort. Bereits ein Jahr sp\u00e4ter waren mehr als zwei-hundert STFV-Arbeiter der chemischen Werke in Zofingen (AG) in den Ausstand getreten, um den f\u00fcr die chemische Industrie in Basel g\u00fcltigen Gesamtarbeitsvertrag auch f\u00fcr die Firma in Anwendung zu bringen.<\/p>\n<p>Doch erst das Jahr 1946 sollte zum wohl aufregendsten Jahr in der Arbeitergeschichte der Schweiz w\u00e4hrend der ganzen Nachkriegszeit werden. Allerdings waren in diesem Jahr bei weitem nicht nur die Arbeiter in der Schweiz dabei, offensiv f\u00fcr ihre Bed\u00fcrfnisse gegen die Unternehmer vorzugehen.<\/p>\n<p>In ganz Europa und vor allem in den USA waren die unmittelbaren Nachkriegsjahre Schaupl\u00e4tze eines Kampfzyklus der Arbeiter, der verschiedentlich die Form der bewaffneten Auseinandersetzung erreichte und einen sagenhaften Repressionsapparat des Unternehmerstaats herausforderte, allerdings, wie z.B. in Italien, auch kommunistische Parteien an die Regierung schwemmte.<\/p>\n<p><strong>Der Aufstand der Bauarbeiter<\/strong><\/p>\n<p>Bis in den Mai 46 hinein beherrschten in der Schweiz die Bauarbeiter das Bild: sie n\u00fctzten in der ganzen Schweiz den grossen Boom auf dem Wohnungsmarkt aus, um Lohnerh\u00f6hungen und bessere Ferienregelungen durchzusetzen. Jedoch k\u00e4mpften Z.B. in Z\u00fcrich die Plattenleger und Bauanschl\u00e4ger alleine, in den verschiedenen Ortschaften des Jura wiederum andere Berufskategorien f\u00fcr sich. Ebenso mehrere-hundert Gipser und Maler in Bern. Doch am 13. April demonstrierten 1&#8217;500 Bauarbeiter in Genf und zehn Tage sp\u00e4ter legten sie nacheinander alle grossen Genfer Baustellen lahm.<\/p>\n<p>Die \u00fcberall verteilten Streikposten schmissen Streikbrecher mit Gewalt von ihren Arbeitspl\u00e4tzen und ganz offensichtlich bekam der SBHV grosse M\u00fche, die Bewegung noch zu kontrollieren. Verschiedene Unternehmer, die an sich noch arbeitswillige Elemente zur Verf\u00fcgung gehabt h\u00e4tten, schlossen ihre Betriebe freiwillig, weil ihnen angst und bange um ihre Produktionsmittel wurde. Die Polizei beschr\u00e4nkte sich vorerst einmal darauf, die Kundgebungen zu \u00fcberwachen.<\/p>\n<p>Bei renitenten Unternehmern wurden kurzerhand Maschinen kaputtgemacht, Werkzeuge fortgeschmissen, \u00d6lf\u00e4sser angezapft. Tausend Arbeiter marschierten durch die Stadt, und auf der Mont-Blanc-Br\u00fccke versenkten sie zum Andenken eine liebensw\u00fcrdige Baumaschine in der Rhone. Als die Meister und der SBHV am 26. April wieder zusammen mit dem Staatsrat im Stadthaus um die geforderten 9 Tage Ferien verhandelten, demonstrierten tausende von Bauarbeitern durch die Stadt und zogen schliesslich zum Stadthaus, wo ihre Aktionen der Gewerkschaft endg\u00fcltig entglitten.<\/p>\n<p>Auch Leon Nicole, der wie andere F\u00fchrer der Arbeiterbewegung zur M\u00e4ssigung aufrufen wollte, wurde von militanten Bauarbeitern zum Schweigen gebracht.<\/p>\n<p>Die Demonstranten st\u00fcrmten das Stadthaus, warfen Akten zum Fenster hinaus, und eine Privatwohnung schlugen sie kurz und klein. Die vier bei diesem Angriff verhafteten Arbeiter geh\u00f6rten nicht dem Bau- und Holzarbeiterverband an, und man kann mit Sicherheit annehmen, dass hier aussergewerkschaftliche Strukturen zum Funktionieren kamen, die sich in solchen Situationen voll entfalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Polizei warf die Arbeiter mit Tr\u00e4nengas und Hydranten auf die Strasse zur\u00fcck und versuchte die Demonstration aufzul\u00f6sen. Doch in einer Strassenschlacht wurden vorerst mehrere Polizisten verletzt und zwei Autos umgeworfen. Eines der Autos geh\u00f6rte sinnigerweise dem sozialdemokratischen Staatsrat Rosselet, der sich laut NZZ &#8222;ganz besonders um die Beilegung des Konflikts im Baugewerbe bem\u00fcht hatte&#8220;. Doch die Demonstration l\u00f6ste sich erst auf, als bekannt wurde, dass die Forderungen der Bauarbeiter weitgehend erf\u00fcllt waren und die Streiktage hundertprozentig ausbezahlt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Im Mai stimmte eine schweizerische Bauarbeiterkonferenz schliesslich einem Landestarifvertrag zu, der &#8222;die Gefahr eines Landesstreiks im Baugewerbe abgewandt hat&#8220;.(Vorw\u00e4rts Nr. 113, 17. Mai 1946)<\/p>\n<p><strong>Der Kampf der Textil- und Fabrikproleten<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen entwickelten sich jedoch auch andere kleinere Konflikte, die wichtig waren f\u00fcr die Fortsetzung der zu diesem Zeitpunkt keineswegs abgeschlossenen K\u00e4mpfe der Textil- und Chemieproleten. So streikte die kleine Belegschaft der Korkfabrik Scheidegger in Laufen im Mai. Obwohl nur 28 Frauen und 6 Mann stark verteidigten sich die Streikenden unter Mithilfe von herbeigeeilten Genossen aus umliegenden Betrieben mit Barrikaden gegen in einem Autocar herbeigef\u00fchrte Streikbrecher. Die 150 Gerbereiarbeiter in M\u00e4nnedorf erstreikten sich in einer Woche eine Stundenlohnerh\u00f6hung die gleichzeitig den Druck des Akkordsystems einschr\u00e4nkte.<\/p>\n<p>Doch zum eigentlichen Fanal f\u00fcr die Textilarbeiter wurde der Streik der 400 Arbeiterinnen und Arbeiter der Bindfadenfabrik Flurlingen, der im Mai 1946 spontan begann und den die Gewerkschaft erst nachher unterst\u00fctzte. Der &#8222;Bindistreik&#8220; in Flurlingen (die Fabrik war unter den Arbeitern auch als &#8222;Zwing Uri&#8220; bekannt) wurde zu einer eigentlichen Machtprobe zwischen Textilproleten und Textilkapital.<\/p>\n<p>Sieben Wochen lang standen die Arbeiter im Kampf, dem die Unternehmer prophezeit hatten, er werde schon nach einer Woche zusammenbrechen. Auch Polizeieins\u00e4tze brachten die Belegschaft nicht an die Arbeitspl\u00e4tze zur\u00fcck. Im Gegenteil. Die &#8220; Bindiarbeiter&#8220; erhielten Unterst\u00fctzung aus dem ganzen Land.<\/p>\n<p>An einem 24-st\u00fcndigen Solidarit\u00e4tsstreik beteiligten sich insgesamt 4&#8217;000 Textilarbeiter in Z\u00fcrich, Basel, Liestal, Burgdorf und Schaffhausen. 15&#8217;000 demonstrierten auf dem Helvetiaplatz in Z\u00fcrich. Die PdA, die diesen Kampf am liebsten &#8222;als Warnung an die r\u00fcckst\u00e4ndigen Unternehmer&#8220; gesehen h\u00e4tte, lag sicher neben der Realit\u00e4t. Hier ging es um mehr. L\u00e4ngst war die Parole: &#8222;Anpassung der L\u00f6hne an das Vorkriegsniveau&#8220; \u00fcberschritten, und die Arbeiter ben\u00fctzten die Gelegenheit, um ihre Bed\u00fcrfnisse nach mehr Lohn und weniger Arbeit viel umfassender zu artikulieren, als dies mit dem kapitalistischen Profit zu vereinbaren gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Allerdings, und das war gleichzeitig ihre grosse Schranke, wurden diese K\u00e4mpfe fast ausschliesslich mit dem Ziel gef\u00fchrt, das neue Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen Arbeitskraft und Kapital vertraglich abzusichern. Die Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge weiteten sich fast \u00fcber die ganze Industriestruktur aus. Darin dr\u00fcckte sich der vorwiegend gewerkschaftliche Charakter dieser K\u00e4mpfe aus, der nur in bestimmten Situationen \u00fcberschritten werden konnte. So entwickelte sich die Arbeiterautonomie denn vor allem an den Kampfformen.<\/p>\n<p>Zweifellos war diese Institutionalisierung der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in der Produktion vorerst eine wichtige Errungenschaft f\u00fcr die Arbeiter. Gleichzeitig war sie aber auch f\u00fcr das Kapital notwendig. Vor allem die Verallgemeinerung der Institutionen &#8222;Einigungsamt&#8220; und &#8222;Schiedsgericht&#8220; erlaubte es den Unternehmern immer wieder, Kompromisse durchzusetzen und damit die K\u00e4mpfe zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Diese Konfliktschlichtungsanstalten stellten sich mit der Zeit als grosses Hindernis der K\u00e4mpfe heraus, nicht zuletzt, weil sie gerne genug grosse Bussen verteilten, wenn Vertr\u00e4ge verletzt wurden. Die Gewerkschaften wurden so gerade durch die Art, wie sie die K\u00e4mpfe f\u00fchrten, immer mehr in den Staat integriert und konnten sich dem auf dieser Ebene vorherrschenden Gesetzesfetischismus nicht mehr entziehen. Sie waren f\u00fcr die Unternehmer aber auch lebensnotwendig geworden. Ohne organisierte Arbeiterbewegung w\u00e4re es niemals mehr m\u00f6glich gewesen, die Arbeiter zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Neue Kampfstrukturen ausserhalb der Gewerkschaften zu finden, ist jedoch nicht leicht. Die Arbeiter brauchten mehr als zwei Jahrzehnte, um in verschiedenen Anl\u00e4ufen die Vertragspolitik zu unterlaufen und ihre Wirksamkeit immer mehr zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Im Juni 46 k\u00e4mpften die 350 Zofinger Chemiearbeiter f\u00fcr mehr Lohn und den Ausschluss des gelben Landesverbandes freier Schweizer Arbeiter als Vertragskontrahenten, der fast alle Streikbrecher organisiert hatte. Nach drei Wochen erreichte der STFV seine Forderungen. Es ist bezeichnend wie die Gewerkschaft zu den Arbeitern reden musste: &#8222;Noch nicht alle Forderungen der Belegschaft verwirklicht, wie es eigentlich w\u00fcnschenswert w\u00e4re. Wir m\u00fcssen diesen Kampf als eine Etappe betrachten, der sich neue Aktionen anschliessen werden.<\/p>\n<p>Es gibt zwar Leute, die mit dem was sie im gemeinsamen Kampf erreichten nie zufrieden sind und die erst noch glauben, diese Einstellung sei besonders radikal. Eine solche Meinung hat mit ernsthafter gewerkschaftlicher T\u00e4tigkeit nichts zu tun. Akzeptieren wir deshalb den vorliegenden Vertrag, arbeiten wir unerm\u00fcdlich am Aufbau und an der Konsolidierung unseres Verbandes weiter, dann wird es uns auch m\u00f6glich sein in einem sp\u00e4teren Zeitpunkt die anderen Forderungen ebenfalls verwirklichen zu k\u00f6nnen.&#8220; (Volksrecht Nr. 151, 1. Juli 46)<\/p>\n<p>In der Textilindustrie ging es weiter: Im Juni streikten 450 Arbeiterinnen und Arbeiter der. Tuchfabrik Schild in Liestal; ihnen folgten schon bald 700 W\u00e4denswiler Tuchweber (zweier Fabriken). Damit sie nicht als Streikbrecher gebraucht werden konnten, traten auch die 100 Arbeiter des Berner Schild-Betriebes in den Ausstand. Und nochmals 4 Tage sp\u00e4ter folgte die Tuchfabrik Schaffhausen. Als gleichzeitig in einem der gr\u00f6ssten Textilbetriebe, der Viscose in Emmenbr\u00fccke (1200 Arbeiter), an einer Arbeiterversammlung mit mehr als der halben Belegschaft Kampfmassnahmen diskutiert wurden, gaben die Textilbarone in vielen Betrieben nach.<\/p>\n<p>Mit einem Sitzstreik protestierten im November 46 die Arbeiter und Arbeiterinnen der Spinnereiabteilung der Feldm\u00fchle in Rorschach gegen die Einf\u00fchrung eines neuen Schichtplanes. Der neue Schichtplan sollte auf der einen Seite die grosse \u00dcberzeit w\u00e4hrend des Krieges reduzieren, andererseits den Arbeitern jedoch gleichzeitig einen Lohnabbau einbrocken. Die Feldm\u00fchle produzierte bis vor kurzem Kunstseide und (auch heute noch) Cellux-Klebeb\u00e4nder. \u00dcber die Arbeit schrieb ein streikender Arbeiter: &#8222;Die Ursache, die dem ganzen Konflikt zugrunde liegt, reicht also auf Kriegsanfang zur\u00fcck. Die Belegschaft war durch die damalige Lage gezwungen, mit manchmal nur drei Vierteln oder gar der H\u00e4lfte des Schichtstandes zu arbeiten.<\/p>\n<p>Was das in einem Betrieb, wie es die Feldm\u00fchle ist, heisst, kann nur derjenige voll ermessen, der denselben kennt. Da kann man nicht einfach einige Maschinen abstellen oder beliebig reduzieren. Nein, die Arbeit muss bew\u00e4ltigt werden, ob nun 20 oder bloss 12 Mann im Betrieb zur Arbeit erscheinen. Was dies in einem Betrieb heisst, in dem schon arbeitsbedingt ungesunde Verh\u00e4ltnisse sind, weiss sicher jeder der 180 Streikenden, und zwar besser als Herr Direktor Grauer, der noch nie mit schmerzenden, wunden H\u00e4nden stundenlang in einem heissen und scharfen Schwefels\u00e4urebad arbeiten musste.&#8220; (Volksrecht Nr. 266, 12. Nov. 46)<\/p>\n<p>Der Streik war nicht sofort erfolgreich. Nach einer Woche trat dann auch der \u00fcbrige Teil der 1200-k\u00f6pfigen Belegschaft in den Ausstand. Die Direktion leistete gegen diese Ausweitung der Streikfront Widerstand. Ein Rorschacher Gemeinderat unterst\u00fctzte sie, indem er Streikbrecher organisierte. Diese mussten angesichts der Streikposten aber wieder abziehen.<\/p>\n<p>Der Gemeinderat verliess mit seiner Familie unmittelbar darauf Rorschach in unbekannter Richtung; wohl mit Grund bef\u00fcrchtete er Akte proletarischer Justiz. Doch die Arbeiterfront br\u00f6ckelte nach einer Intervention des BIGA ab, als der SMUV und die christlich-soziale Gewerkschaft ausscherten. Die Belegschaft unterst\u00fctzte so schliesslich einen verschlechterten Einigungsvorschlag mit 494 gegen 455 Stimmen. Gegen eine starke Minderheit musste der Streik aufgegeben werden. Wahrscheinlich erlaubte diese, Spaltung der Belegschaft der Direktion sp\u00e4ter auch aktive Gewerkschafter zu entlassen.<\/p>\n<p>Im November streikten 500 Arbeiterinnen und. Arbeiter der Baumwollbetriebe in Uster (90% waren Frauen). Dieser Kampf wurde besonders hitzig gef\u00fchrt, weil der Unternehmer versuchte, die ebenfalls streikenden Italienerm\u00e4dchen auf seine Seite zu ziehen und ihnen zu diesem Zwecke zum Beispiel vorspiegelte, sie m\u00fcssten die gewerkschaftliche Streikunterst\u00fctzung sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckzahlen. Er versuchte sogar, sie nach einer Spinnerei im Z\u00fcrcher Oberland zu verfrachten.<\/p>\n<p>Da begann die Gewerkschaft eine grosse Solidarit\u00e4tsdemonstration der ganzen Region zu organisieren. 5.000 Arbeiter reisten nach Uster, unter ihnen eine 100-k\u00f6pfige Delegation der damals noch im Streik stehenden Rorschacher Feldm\u00fchlearbeiter. Der Kampf wurde zu einem weiteren Sieg.<\/p>\n<p>Der Unternehmer der Kunstseidenfabrik Steckborn wollte die: Belegschaft seines Betriebes mit deutschen Grenzg\u00e4ngern unterlaufen. Die Arbeiter waren keineswegs grunds\u00e4tzlich gegen Grenzg\u00e4nger eingestellt, sondern nur dagegen, dass ihre Arbeitsverh\u00e4ltnisse mittels diesen verschlechtert wurden. Deshalb verlangten sie vor der Einstellung neuer Grenzg\u00e4nger den Abschluss eines Kollektivvertrages, der ihre Position absichern sollte. Als der Unternehmer die Grenzg\u00e4nger im Mai 47 trotzdem einstellte, trat zuerst (wie bei der Feldm\u00fchle) die Spinnereiabteilung in den Streik. Sp\u00e4ter folgten auch andere Abteilungen der 400-k\u00f6pfigen Belegschaft.<\/p>\n<p>Die Streikenden forderten einen der Feldm\u00fchle entsprechenden Kollektivvertrag, allerdings mit h\u00f6heren Lohnans\u00e4tzen. Nach 6 Wochen setzten sie ihre Forderungen trotz der Sabotagearbeit kleinerer Gewerkschaftsverb\u00e4nde durch.<\/p>\n<p>Im Windschatten der Textilarbeiterk\u00e4mpfe hatte es der SMUV leicht eine 80-k\u00f6pfige Belegschaft der Farner-Werke in Grenchen mit einem kurzen Streik unter das Friedensabkommen zu bringen. Schwieriger hatten es da noch die 80 Arbeiter einer Baumwolldruckerei in Ennenda (GL), die neben dem Abschluss eines Kollektivvertrages auch die Wiedereinstellung dreier aktiver Gewerkschafter forderten.<\/p>\n<p>Da mussten vorerst alle F\u00e4rberei- und Stoffdruckereiarbeiter des Kantons Glarus mit einem Solidarit\u00e4ts- und Proteststreik drohen, bis dieser Unternehmer nachgab. Doch unterdessen begannen sich die Unternehmer vermehrt auf ihre Mittel zu besinnen. Bei der oben erw\u00e4hnten Viscose in Emmenbr\u00fccke z.B. wurden ebenfalls drei Gewerkschafter entlassen, dagegen kam aber kein Streik mehr zustande. Vermehrt wurden unterdessen auch italienische Fremdarbeiter in die Betriebe geholt, die direkt als Lohndr\u00fccker und Streikbrecher eingesetzt werden sollten.<\/p>\n<p>Offensichtlich ermutigt durch die Vermassung des kollektiven Arbeiterwiderstandes, unterst\u00fctzten im Oktober 46 rund 6o Jugendliche den Streik von 34 Packern und Lageristen bei Oscar Weber in Z\u00fcrich. Sie st\u00fcrmten das Warenhaus und bel\u00e4stigten die Kunden beim Einkaufen womit sie den Direktor herausforderten. Die ausfahrenden Lieferwagen fanden vorerst mal N\u00e4gel auf der Strasse und gleich darauf eingeschlagene Scheiben.<\/p>\n<p>Im Genfer Elna-Produktionsbetrieb Tavaro streikten am 13. November 1350 Arbeiter vorerst einen ganzen Tag mit einem Sitzstreik und nachher weitere 2 Tage, um eine Forderungsbewegung, die durch die ganze Genfer Metallindustrie gegangen war zu unterst\u00fctzen. Der Streik bei Tavaro war von einem PdA-Genossen organisiert worden. Dieser Streik mit seiner bis zu 90% gewerkschaftlich organisierten Belegschaft und die Ganze Bewegung der Genfer Metallindustrie erbrachte L\u00f6hne, die an der Spitze der Schweizerischen Metallindustrie standen.<\/p>\n<p>Wenn wir um dies Kampfbewegung der Arbeiter wissen, so wundert es uns nicht mehr, dass der National- und St\u00e4nderat Sp\u00e4tsommer seine Zustimmung zum neuen AHV-Artikel in der Bundesverfassung gab. Der Artikel wurde allerdings schon gegen Kriegsende vorbereitet, wohlwissend, dass das Ende des Krieges die Klassenkonflikte verst\u00e4rken w\u00fcrde und rein. repressive Man\u00f6ver nicht ausreichen w\u00fcrden, um diese Konflikte in einem ertr\u00e4glichen Rahmen zu halten.<\/p>\n<p>Die Unternehmer gaben deshalb dem Dr\u00e4ngen nach Reformen nach einigem Z\u00f6gern nach, um jene Kreise des Reformismus zu st\u00fctzen die die AHV als &#8222;gr\u00f6sstes Sozialwerk seit Jahrzehnten&#8220; bezeichneten und auch brutal bereit waren Streiks zu unterdr\u00fccken, damit ihre Abstimmungsziele nicht zu Fall kamen.<\/p>\n<p>Wir sehen hier einen Mechanismus in Gang kommen, der schliesslich die Niederlage der Arbeiter bedeuten sollte. Die Unternehmer schlossen sich vorerst mit der sozialdemokratischen Tendenz in der Arbeiterbewegung zusammen, um die Spaltung der organisierten Arbeiterbewegung zu vertiefen und die Ausschaltung der radikalen Kommunisten aus den Gewerkschaftsverb\u00e4nden zu erleichtern. Dieser Mechanismus basiert in letzter Konsequenz auf der Abst\u00fctzung der kapitalistischen Entwicklung in der Schweiz auf die Metall-und Maschinenindustrie, auf den professionellen Arbeiter dieser Branche und seine in repr\u00e4sentierende Gewerkschaftsbewegung: den SMUV und sein Friedensabkommen.<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage gelang es letztlich die K\u00e4mpfe in Branchen wie der Textil- und der Chemieindustrie, im Baugewerbe und Regionen wie Genf zu isolieren und ihre Ausweitung auf andere Industriezweige zu verhindern. Allerdings funktionierte dieser Typ von Reformismus auch nicht ohne materielle Zugest\u00e4ndnisse: auch die Arbeiter der anderen Produktionszweige erhielten 1946 ihre Lohnangleichung und vielfach mehr als das. Die Unternehmer reagierten darauf vorerst einmal damit, die Preise in die H\u00f6he zu jagen, um wenigstens auf diesem Wege einen Teil der zugestandenen L\u00f6hne zur\u00fcckzuerobern.<\/p>\n<p>1947 wurde das Jahr, in dem auch der Bundesrat einen Lohnstopp zu unterst\u00fctzen begann, z.B. indem er die Allgemeinverbindlichkeit gewisser Vertr\u00e4ge ablehnte oder indem er systematisch alle Einschr\u00e4nkungen der Preisbildung aufhob und den Unternehmern in der Preispolitik freie Hand liess. So hatten die Arbeiter mit ihren Lohn- und Arbeitszeitforderungen in diesem Jahr nicht mehr nur die m\u00e4chtigen Unternehmerverb\u00e4nde gegen sich, sondern auch den Staat. Der freisinnige Bundesrat Stampfli wurde zur Verk\u00f6rperung des staatlichen Lohnstopps.<\/p>\n<p>An einer Bauarbeiterdemonstration trugen die Arbeiter ein Transparent mit der Parole:&#8220;Unsere Antwort an Stampfli: Arbeitszeitverk\u00fcrzungen mit Lohnerh\u00f6hungen!&#8220; Doch diese Parole in die Tat umzusetzen, wurde schwieriger. Den Arbeitern zahlte sich jetzt heim, dass sie sich mit den Vertr\u00e4gen an die Friedenspflicht gebunden hatten und ihre Gewerkschaften weitgehend staatliche Struktur geworden waren.<\/p>\n<p><strong>SCHINDLER: der Zeit voraus<\/strong><\/p>\n<p>Ziemlich genau ein Jahr stand in der PdA-Hochburg in Pratteln eine neue Waggonfabrik des Schindler-Konzerns mit rund 47 Arbeitskr\u00e4ften, als die gesamte Belegschaft im Januar 47 in den Streik trat, um mit Erfolg die Wiedereinstellung von drei entlassenen Mitgliedern der Arbeiterkommission zu fordern. Die hundert italienischen Arbeiter streikten solidarisch mit. Die drei PdA-Genossen der Arbeiterkommission waren entlassen worden, weil sie ohne die Zustimmung der Gesch\u00e4ftsleitung eine Betriebsversammlung auf dem Fabrikareal organisiert hatten. &#8222;Nicht uninteressant, dass Nationalrat Ryser, Sekret\u00e4r des SMUV, den Standpunkt der Direktion vertrat.&#8220; (Vorw\u00e4rts Nr. 16, 17. Januar 1947)<\/p>\n<p>Die Waggonfabrik wurde von den Unternehmern als modernste Fabrik ihrer Art gefeiert, da sie gleich zu Beginn auf dem Fliessproduktionsprinzip aufgebaut war, allerdings mit einem Kern von Facharbeitern. So finden wir wieder eine \u00e4hnliche Konstellation wie in vielen Betrieben der Textilindustrie, wo sich die Kombination von PdA-Facharbeitern und Massenarbeitern als zumindest k\u00e4mpferisch, wenn nicht explosiv erwies.<\/p>\n<p>Bereits ein Jahr sp\u00e4ter sollte dieses Potential nochmals durchbrechen und zwar mit einer Reihe von &#8222;ungew\u00f6hnlichen und unhaltbaren Forderungen&#8220; (NZZ). Im Februar 1948 hatten die 120 Italiener n\u00e4mlich die Arbeit niedergelegt und verlangten, dass eine bislang fakultativ ausbezahlte und zur Spaltung der Arbeiter gebrauchte Reiseentsch\u00e4digung obligatorisch ausbezahlt werde und dass ein Akkordzuschlag von mindestens 40% zugesichert werden sollte, was den Antreibermechanismus des Akkords weitgehend ausser Kraft gesetzt h\u00e4tte. Ausserdem gingen sie heftig gegen eine Bussenordnung vor, mit der Zusp\u00e4tkommen und Fernbleiben bestraft wurde.<\/p>\n<p>Die Italiener k\u00fcmmerten sich keine Sekunde um die Gewerkschaft und suchten keine Verhandlungen. Die Schweizer streikten vorerst f\u00fcr dreieinhalb Stunden mit aber nachher blieben die Fremdarbeiter f\u00fcr zehn Tage allein und verloren durch Entlassung auch noch ihren F\u00fchrer Carriera und den Pr\u00e4sidenten der Arbeiterkommission (ein PdA-Genosse), der ihren Kampf aktiv unterst\u00fctzt hatte. Hier zeigten sich noch grosse Grenzen dieser v\u00f6llig antiinstitutionellen Kampfweise und der v\u00f6llig gegen die Produktionslogik und kapitalistische Fabrikdisziplin gerichteten Forderungen.<\/p>\n<p>Es half dem Kampf auch nicht zum Sieg, dass der Kommunistische Gemeindepr\u00e4sident von Pratteln eine Interpellation einbrachte, mit der er verhindern wollte, dass die Schindler w\u00e4hrend des Streiks neue Einreisebewilligungen f\u00fcr ausl\u00e4ndische Arbeiter erhielten.<\/p>\n<p>Das kantonale Einigungsamt veranlasste die Schindler einzig, die Akkordl\u00f6hne zu \u00fcberpr\u00fcfen, wies aber alle Forderungen der Streikenden zur\u00fcck und brachte die Fremdarbeiter schliesslich auch mit einem zehnt\u00e4gigen Lohnausfall in die Fabrik zur\u00fcck. Es ist nicht zu bezweifeln, dass dieser Streik auf die Unternehmer mindestens ebenso grossen Eindruck gemacht hat wie zwei Jahre fr\u00fcher die extrem hohe Aufsplitterung der Arbeitsoperationen und die hohe Produktivit\u00e4t des neuen Schindler-Betriebes.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen der Einf\u00fchrung eines neuen Arbeitertyps und den &#8222;ungew\u00f6hnlichen Forderungen&#8220; ist ihnen sicher nicht entgangen und sie begannen auch gleich ganz allgemein \u00fcber die Fremdarbeiter zu jammern, die viel zu faul seien. So etwa die Zeitung Tat: &#8222;Wenn man auf gewissen Baupl\u00e4tzen etwa Italiener h\u00f6rte, die Schweizer verrichteten ja &#8218;Sklavenarbeit&#8216; und seien d\u00fcmmer als sie angesichts des Reichtums und der Unternehmer sein m\u00fcssten \u2026&#8220; (Tat Nr. 56, 26. Februar 48)<\/p>\n<p>Doch kehren wir vorerst zu den K\u00e4mpfen im Jahre 1947 zur\u00fcck, um besser zu verstehen, wie die Unternehmer ihre Gegenstrategie bez\u00fcglich den Arbeiterk\u00e4mpfen ausbauen konnten.<\/p>\n<p><strong>Bauarbeiter: der Kampf geht weiter<\/strong><\/p>\n<p>1947 waren es wiederum vor allem die Maurer und Bauhandlanger, die die Szene des Klassenkampfes mit ihrer Forderung nach Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit um zwei bis drei Stunden beherrschten. Daneben k\u00e4mpften auch einzelne Berufsgruppen auf den Baupl\u00e4tzen zum Teil sehr hart. Aber in den anderen Industriezweigen war nach aussen hin Ruhe eingekehrt. Allerdings wissen wir z.B., dass der Betriebswechsel in der Metall- und Maschinenindustrie in den Jahren 1946\/47 einen H\u00f6hepunkt erreichte, der nur noch mit 1924 verglichen werden kann und bis heute nie mehr erreicht wurde.<\/p>\n<p>Dieses Beispiel mag daran erinnern, dass die Arbeiter gerade in Zeiten eines Arbeitskr\u00e4ftemangels und Entwicklungsbooms wie 1947 auch andere Waffen als den Streik ben\u00fctzen, um ihre Interessen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Der SBHV hatte seinen Rahmenvertrag auf den 14. Mai gek\u00fcndigt und organisierte schon im April in der ganzen Schweiz grosse Demonstrationen f\u00fcr die aufgestellten Forderungen. Mitte Mai bekam diese Gewerkschaft dann ernsthafte Schwierigkeiten spontane Streiks zu verhindern, die z.T. auch von einzelnen Sektionen unterst\u00fctzt wurden. In Lausanne z.B. streikten 2.000 Bauarbeiter spontan, ebenso in Bern. Nach einer vorzeitigen Arbeitsniederlegung in Z\u00fcrich hatten die sozialdemokratischen Leiter einer Monsterversammlung die gr\u00f6sste M\u00fche einen Streik zu verhindern.<\/p>\n<p>\u00dcberall argumentierten die Gewerkschaftsf\u00fchrer damit, man m\u00fcsse sich m\u00e4ssigen, damit die AHV auch in der Volksabstimmung angenommen werde. Und mit diesem Hauptargument brachten sie auch an einer Landeskonferenz einen sehr schlechten Kompromissvorschlag des Bundesrates mit 90 gegen 67 Stimmen durch.<\/p>\n<p>Das ganze antiproletarische Gewicht dieses gr\u00f6ssten sozialen Reformwerks der Schweizer Nachkriegsgeschichte zeigte sich hier in seiner nackten Brutalit\u00e4t, als es dazu diente, eine von allen Arbeitern mit gr\u00f6sstem Interesse verfolgte Bewegung von einzigartiger Geschlossenheit zu ersticken. Das war der Preis, den das Kapital f\u00fcr die Einf\u00fchrung der Altersrente verlangte und den es durchsetzen konnte, indem es die K\u00e4mpfe auf die Ebene der Institutionen verlagerte.<\/p>\n<p>Offenbar gab es viele Gewerkschafter, die im Anschluss an diesen kl\u00e4glichen Ausgang der Vertragsverhandlungen ihre Mitgliedsb\u00fcchlein fortschmissen, denn die PdA gab sich alle M\u00fche solches Tun als falsch und sch\u00e4dlich hinzustellen. Ob sie es mit Erfolg gemacht hat, wissen wir leider nicht. Die Wut der Arbeiter war auf alle F\u00e4lle berechtigt und da n\u00fctzten die l\u00e4ngsten Rechtfertigungsartikel in der SBHV-Zeitung wenig.<\/p>\n<p>Die Arbeiterfront gegen die Lohnstopperkl\u00e4rung des Bundesrates war zwar noch nicht v\u00f6llig zusammengebrochen, doch schwer angeschlagen und die Arbeiterniederlagen begannen sich zu h\u00e4ufen. Aber es war auch &#8222;das erste Mal in der Schweizer Geschichte, dass der Bundesrat w\u00e4hrend der Parlamentssession seinen Pr\u00e4sidenten und zwei seiner Mitglieder abordnete um eine Lohnstreitigkeit zu beseitigen&#8220;. (SBHV-Zeitung Nr. 25, 19. Juni 47)<\/p>\n<p>Einen brauchbaren \u00dcberblick vom Unternehmerstandpunkt aus \u00fcber die Bauarbeiterk\u00e4mpfe dieser Monate gibt die NZZ: &#8222;Der grosse Arbeitskonflikt im Baugewerbe hat mit seinen Aufm\u00e4rschen w\u00e4hrend der Arbeitszeit und namentlich mit der sogenannten &#8222;gr\u00e8ve perl\u00e9e&#8220;, die an manchen Orten, besonders in Genf, als bewusste Zur\u00fcckhaltung der Arbeitsleistung propagiert wurde, hemmend auf den Wohnungsbau gewirkt. Im Schatten dieser grossen Auseinandersetzung, bei welcher ein Stillstand der Baut\u00e4tigkeit vermieden werden konnte, sind zahlreiche Streiks von kleineren Berufsgruppen vorgekommen, die z.T. \u00e4usserst hartn\u00e4ckig waren und sich in den betroffenen Regionen sehr ung\u00fcnstig auf die Bauvollendung auswirkten.<\/p>\n<p>Die im April ausgebrochenen Streiks der Plattenleger und Gipser in Basel dauern bis zur Stunde noch an und haben bis heute einen Ausfall von mindestens 400 fertigen Wohnungen verschuldet. \u00dcber die Ausartungen dieser Konflikte wurde in der Schweizer Presse bewegliche Klage gef\u00fchrt. Als weiterer gegenw\u00e4rtig laufender Streik im Bauwesen ist die am 11. Juli erfolgte Arbeitsniederlegung von rund 400 Zentralheizungsmonteuren in Genf zu melden. Der Grund besteht in Meinungsverschiedenheiten \u00fcber Anwendung des Gesamtarbeitsvertrages.<\/p>\n<p>Neben den genannten Bewegungen haben aber noch andere dazu beigetragen, dass der R\u00fcckstand im Wohnungsbau gegen\u00fcber dem Vorjahr nur teilweise und nur unter grossen Schwierigkeiten aufgeholt werden konnte. Im Interesse einer richtigen Beurteilung der Lage scheint es geboten, diese offenen Konflikte kurz Revue passieren zu lassen. Den Anfang machte dieses Jahr ein Streik der Plattenleger in` Basel, der vom 2. bis zum 20. Januar dauerte.<\/p>\n<p>Eine starke St\u00f6rung bildete der Malerstreik in Locarno und Lugano, die sich von Anfangs April bis gegen den Sommer hinzog. Es streikten ferner die Steinholzleger in Z\u00fcrich vom 8. bis zum 14. April, die Gipser und Maler in Biel und Umgebung vom 8. bis zum 21. April, die gleichen Gruppen in Bern vor 14. April bis zum 22. Mai und die Maler im Kanton Luzern vom 16. April bis zum 2. Mai. Diese Konflikte bedeuteten eine wesentliche Erschwerung der Baut\u00e4tigkeit&#8220;. (NZZ Nr. 1440, 24. Juli 47)<\/p>\n<p>Noch bevor die Unternehmer mit den Gewerkschaften Ende 1948 das Ende dieser K\u00e4mpfe mit dem sogenannten &#8222;Stabilisierungsabkommen&#8220; zu besiegeln begannen, versuchten im Mai des gleichen Jahres Genfer Bauarbeiter noch einmal auf eigene Faust die Arbeitszeit zu verk\u00fcrzen. Sie erkl\u00e4rten die F\u00fcnftagewoche f\u00fcr verwirklicht, indem sie einfach am Samstag nicht mehr zur Arbeit erschienen und mit Streikposten daf\u00fcr sorgten, dass der Arbeiterwille auch eingehalten wurde.<\/p>\n<p>Mit dieser Aktion hatten die Steinhauer begonnen, ihnen waren die Gipser und die Baumaler gefolgt. Sofort schaltete sich der Arbeitgeberverband ein, damit kein Pr\u00e4zedenzfall geschaffen werde, der es anschliessend erm\u00f6glicht h\u00e4tte, die 40-Stundenwoche einzuf\u00fchren. Vorerst verhinderte die Polizei am 4. Streiksamstag, dass die &#8222;fliegenden Kolonnen&#8220; der Bauarbeiter die Baupl\u00e4tze von Arbeitswilligen befreien konnten. Schliesslich drohten die Unternehmer, dass alle, die am Samstag nicht zur Arbeit erschienen am darauffolgenden Montag auf die Strasse geschmissen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Sie verwirklichten diese Drohung auch und entliessen etwa 200 von 1 000 Gipsern und Malern, etwa 50 von 3 000 Maurern und rund 80 Steinhauer. Gleichzeitig brachte der Regierungsrat ein Gesetz zur Anwendung, das die Behinderung von Arbeitswilligen strafbar machte und allen, die nicht arbeiteten, die Anwesenheit auf den Baupl\u00e4tzen verbot.<\/p>\n<p>Gegen solche Repressionsmassnahmen blieb der Streik einzelner Berufsgruppen erfolglos und auch die Steinhauer mussten sich nach mehr als zwei Monaten Ausstand mit der gleichen Wochenarbeitszeit, allerdings auf f\u00fcnf Tage verteilt, zufriedengeben.<\/p>\n<p>Die 1 000 Schreiner und Zimmerleute, die gleichzeitig streikten, wurden nach 4 Wochen durch die christlichen Gewerkschaften gespalten und mussten sich schliesslich mit l\u00e4cherlichen 7 Rappen mehr Stundenlohn zufriedengeben. Bei der Arbeitszeit blieben die Unternehmer hart.<\/p>\n<p><strong>Repression bis zur Krise<\/strong><\/p>\n<p>1948 waren die Arbeiterk\u00e4mpfe sehr schwierig geworden und nur spezielle Situationen wie z.B. die Persilwerke in Pratteln (!) oder die der Lausanner und anschliessend der gesamten Waadtl\u00e4nder Elektromonteure, die einmal kurz vor der Er\u00f6ffnung des Comptoirs in Ausstand traten, oder der Kampf der Kranf\u00fchrer auf den Z\u00fcrcher Baupl\u00e4tzen, die durch ihre kollektive K\u00fcndigung gleich die ganze Baut\u00e4tigkeit in Frage stellten, f\u00fchrten in kurzer Zeit zum Erfolg.<\/p>\n<p>Die 200 Arbeiter der Dottikoner Sprengstofffabrik dagegen k\u00e4mpften dreieinhalb Monate ohne Erfolg. Nach dieser Zeit hatte der Unternehmer n\u00e4mlich seinen Betrieb schon wieder mit 126 Streikbrechern aufgef\u00fcllt, die offenbar bereit waren die stark, gesundheitssch\u00e4dliche Arbeit zu l\u00e4cherlichen L\u00f6hnen zu machen. So konnte der Unternehmer schliesslich 85 Streikende entlassen, den Rest ausbeuten wie zuvor und der SBHV musste eine seiner h\u00e4rtesten Niederlagen dieser Zeit verbuchen. Nicht einmal mehr eine Solidarit\u00e4tsdemonstration von 8 000 Arbeitern in Aarau half, den Unternehmer in die Defensive zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen Entlassungen und Versetzungen in der Lederwarenfabrik in Schaffhausen war erfolgreich, weil der Unternehmer auch von seinen eigenen Ausbeuterkollegen nicht gesch\u00fctzt w\u00fcrde. Ein Streik von 360 Arbeitern in den Genfer Simar-Werken im September 48 gegen einen Akkordbrecher und gegen Entlassungen misslang jedoch nachdem die Regierung interveniert hatte. Die beiden entlassenen Genossen, die zum Ausstand aufgerufen hatten, wurden nicht mehr eingestellt.<\/p>\n<p>Auf der Basis dieser Arbeiterniederlagen setzte sich die sozialdemokratische Tendenz in den Gewerkschaften immer mehr durch und sogar im ehemals k\u00e4mpferischen STFV gelang es einen Beschluss durchzusetzen, der Mitgliedern der PdA verbot Funktion\u00e4rsposten einzunehmen. Auf dieser Verschiebung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses schlossen Unternehmer und SGB Ende 1948 das bereits erw\u00e4hnte &#8222;Stabilit\u00e4tsabkommen&#8220; ab, das einer gemeinsamen Kommission erlaubte, die L\u00f6hne auf dem erreichten Stand einzufrieren.<\/p>\n<p>Dieses Abkommen wurde vorerst f\u00fcr 12 Monate unterzeichnet und hat die L\u00f6hne auch effektiv weiter eingeschr\u00e4nkt. Doch nach einer Verl\u00e4ngerung um einen Monat weigerten sich die Unternehmer sich dem Abkommen, dem sie einmal so dankbar zugestimmt hatten weiterhin zu unterstellen. Denn sp\u00e4testens seit Ende Januar 1949, zum Zeitpunkt also, als das Abkommen nicht mehr erneuert wurde, hatte ein Grossteil der Unternehmer erkannt, dass das Stabilit\u00e4tsabkommen zwar nicht ganz unn\u00fctz gewesen war, aber die Arbeiterklasse keineswegs so unter das Joch zur\u00fcckgebracht hatte wie das f\u00fcr die Wiederaufnahme eines Entwicklungsbooms n\u00f6tig gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nach den Arbeiterniederlagen in einzelnen Betrieben wollten die Unternehmer die erreichte Vereinheitlichung der Klasse endg\u00fcltig brechen, indem sie zu Massenentlassungen griffen, um die erreichte Akkumulation von Kampferfahrungen auf Arbeiterseite auf diesem Wege zu zerschlagen.<\/p>\n<p>So setzte sich der Stopp des unmittelbar mit Kriegsende begonnenen Entwicklungsbooms, der die Zahl der Fabrikarbeiter innert vier Jahren um rund 100.000 erh\u00f6ht hatte, 1949 voll durch. Innert weniger Monate wurde der brutale Angriff auf die Besch\u00e4ftigung, wurde die Erpressung mit Entlassung und Arbeitslosigkeit wirksame Tatsache. Kaum hatte sich die Arbeiterklasse f\u00fcr den Angriff zu vereinheitlichen begonnen, wurde sie durch die Unternehmer gespalten in Besch\u00e4ftigte und Arbeitslose.<\/p>\n<p>Die Arbeiter hatten nicht mehr die Kraft sich gegen diesen Angriff zu wehren. Innert sehr kurzer Zeit wurden mindestens ein Zehntel der 530 000 Industrie- und Bauarbeiter auf die Strasse gesetzt. Dass keine gr\u00f6ssere Arbeitslosigkeit entstand (1949: 8 000, 1950: 10 000) war allein dem Umstand zuzuschreiben, dass rund 30 000 Fremdarbeiter, die kurz vorher gezielt gegen die einheimischen Industriearbeiter eingesetzt worden waren, das Land kurzerhand verlassen mussten. Doch die Entlassungen verfehlten ihren Zweck nicht: die Reall\u00f6hne wurden sehr schnell gestoppt und schon 1951 gingen sie seit Kriegsende zum ersten Mal wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Widerstand der Arbeiter gegen die Produktionsdisziplin ging zweifellos zur\u00fcck, ganz verschwunden ist er jedoch nicht. So wissen wir z.B. von den Textilarbeitern, dass sie ihre Aufs\u00e4ssigkeit durchaus weiter zu betreiben wussten. Offene Arbeiterk\u00e4mpfe verschwanden jedoch fast v\u00f6llig und die Unternehmer konnten relativ unbehelligt eine ganze Welle von Rationalisierungsmassnahmen durchf\u00fchren. Leider wissen wir gerade dar\u00fcber sehr wenig.<\/p>\n<p>Die Tessiner Schreiner zum Beispiel mussten 1949 einen langen und harten Kampf f\u00fchren, bis sie nur 5 Rappen mehr Stundenlohn erhielten. Ohne gewaltsames Vorgehen gegen Streikbrecher w\u00e4ren sie kaum zum Ziel gelangt. Der kurze aber siegreiche Streik der 48 Arbeiterinnen (z.T. Fremdarbeiterinnen) und Arbeiter bei der Baumwoll- und Leinenweberei Graf in Illnau geh\u00f6rte ebenfalls eher zu den Ausnahmen.<\/p>\n<p>Nach 115 Tagen Streik siegten die 100 Arbeiter der Z\u00fcndholzfabrik in Nyon, das heisst die K\u00fcndigungen wurden zur\u00fcckgenommen und die Lohnerh\u00f6hung in Form einer Pr\u00e4mie ausbezahlt. Solche K\u00e4mpfe finden wir nur noch in vereinzelten Fabriken, in diesem Fall wurden die Streikenden ausserdem unterst\u00fctzt durch eine kommunistische Gemeindeverwaltung.<\/p>\n<p>In Z\u00fcrich mussten sich die Kaminfeger nach einem Streik im Dezember 49 und Januar 5o mit einer bedeutend geringeren Lohnerh\u00f6hung zufriedengeben, dies obwohl sie durch eine Demonstration von 4 000 Arbeitern unterst\u00fctzt worden waren.<\/p>\n<p>Und einmal mehr reihte sich die Unternehmerpolitik in das Verhalten der Unternehmer in anderen Zentren der Kapitalakkumulation ein; in den USA und in Europa wurde die Krisenpolitik gegen die Arbeiter fast gleichzeitig betrieben.<\/p>\n<p><strong>Mehrfrontenkrieg in den 50er Jahren: Das neue Gesicht der Klasse<\/strong><\/p>\n<p>Auf der Basis dieser brutalen Arbeiterniederlage begannen die Kapitalisten sofort die ganze Struktur der Arbeiterklasse zu ver\u00e4ndern: wo fr\u00fcher einmal Schweizer Arbeiter miteinander Kampferfahrungen gemacht hatten, sollten Emigranten zu stehen kommen und die Resignation auf diese Weise besiegelt werden. Allein von 1950 bis 1951 stieg die Zahl der kontrollpflichtigen Fremdarbeiter (ohne Niedergelassene) von 75 000 auf 137 000 und bis 1956 stieg die Zahl derselben Fremdarbeiterkategorie (Jahresaufenthalter, Saisonniers, Grenzg\u00e4nger) bis auf rund 270 000 im Jahresmittel.<\/p>\n<p>Diese Fremdarbeiter kamen vor allem aus den norditalienischen Regionen und in dieser Zeit verteilten sie sich etwa gleichm\u00e4ssig auf die verschiedenen Qualifikationsstufen (Gelernte, An- und Ungelernte). Ihre Verteilung auf die verschiedenen Industriebranchen war jedoch nicht gleichm\u00e4ssig; vor allem in die stagnierenden Branchen wie der Textil-, Bekleidungs-, Leder-, Holz- und mittleren Chemieindustrie, aber vor allem auch auf den Baupl\u00e4tzen verdr\u00e4ngten sie bald viele Schweizer. In der Textilindustrie z.B. nahm der Anteil der Schweizer Arbeiter zwischen 1950 und 1960 um 45% ab, w\u00e4hrend derjenige der Arbeitsemigranten um 32% stieg.<\/p>\n<p>Der Abgang der Schweizer war in diesen Branchen also gr\u00f6sser als der Zufluss von Emigranten. F\u00fcr die Schweizer Arbeiter waren die ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte eine g\u00fcnstige Gelegenheit in besser bezahlte Posten oder Branchen zu wechseln und sich die L\u00f6hne auf diesem Weg zu verbessern.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu war die soziale Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse in der Metall- und Maschinenindustrie in den 50er-Jahren eher gleichgerichtet. Die Arbeitsemigranten nahmen bis 1960 zwar um 65% zu, die Schweizer jedoch um 69%. Die Metall- und Maschinenindustrie war eine eigentlich expandierende Industrie und wir haben schon fr\u00fcher darauf hingewiesen, dass die Schweizer Patrons in ihrem Ausbeutungsmodell die Metall- und Maschinenindustrie bevorzugt haben, weil sie \u00fcber den Berufsarbeiter dieser Branche ihre soziale Stabilit\u00e4t am besten gew\u00e4hrt meinten. Der Anteil der MM-Industrie an der Gesamtbesch\u00e4ftigung stieg in dieser Zeit denn auch um 3% auf 15,5%.<\/p>\n<p>Mit dieser Politik der sozialen Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse, die das Gesicht des Industriearbeiters in der Schweiz v\u00f6llig ver\u00e4nderte und der vorhergehenden Krisenpolitik ist es den Unternehmern 1951 sogar gelungen, eine Reallohnk\u00fcrzung durchzusetzen, die einzelne Arbeiterschichten sehr hart getroffen hat.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re jedoch falsch, von dieser Phase des Arbeiterkampfs als der Zeit der &#8222;totalen sozialen Friedhofsruhe&#8220; zu sprechen. Es war vielmehr so, dass die Arbeiter in diesen Jahren ein neues Verhalten und neue Kampfinitiativen weiterzuentwickeln versuchten, wie wir es schon von fr\u00fcher kennen. Wir sahen das Beispiel der Schindler-Arbeiter in Pratteln, die einen radikalen Neuansatz des Arbeiterangriffs erprobten. Wir werden weitere Beispiele kennenlernen die zwar nicht sofort verallgemeinert werden konnten, jedoch ungemein wichtige Schritte im Lernprozess der Arbeiter ausmachten &#8211; allerdings auch f\u00fcr die Unternehmer.<\/p>\n<p>Wir haben auch davon gesprochen, dass die Schweizer Arbeiter die Emigranten ausgen\u00fctzt haben, um besser bezahlte Posten zu bekommen. Es gibt weitere Momente der Arbeitergeschichte in dieser Zeit, die wir ansatzweise zu rekonstruieren versuchen und deren Kenntnis uns f\u00fcr die Entfaltung der K\u00e4mpfe im j\u00fcngsten, grossartigen Kampfzyklus des multinationalen Arbeiters in den Zentren der Arbeiterausbeutung und Kapitalakkumulation wichtig erscheinen. Wichtig nicht im Sinne eines Geschichtsfetischismus aber zur Verarbeitung einiger Erfahrungen in den Klassenk\u00e4mpfen, um auf alte Fragen neue Antworten zu finden.<\/p>\n<p>In den Jahren nach 1950 war die Arbeiterklasse also sehr geschw\u00e4cht. \u00dcberall in Europa holten die Arbeiter verh\u00e4ltnism\u00e4ssig h\u00f6here Lohnerh\u00f6hungen heraus. Zwischen 1950 und 1957 mussten sich die Arbeiter in der. Schweiz mit einer Reallohnerh\u00f6hung von 12% zufriedengeben, wobei sie im Vergleich mit anderen L\u00e4ndern allerdings eine bedeutend h\u00f6here Ausgangsbasis hatten, so dass sie trotzdem betr\u00e4chtlich war. Allerdings weiteten die Kapitalisten in dieser Zeit ihre Produktion gewaltig aus, so dass diese Lohnerh\u00f6hung f\u00fcr sie lange Zeit ertr\u00e4glich war.<\/p>\n<p>In diesen Jahren \u00f6ffnete sich die sogenannte &#8222;Lohnschere&#8220; zwischen den einzelnen Industriezweigen. Wir haben gesehen, dass die Kapitalisten in den stagnierenden Branchen verh\u00e4ltnism\u00e4ssig viel mehr Emigranten besch\u00e4ftigten. In diesen Branchen entstand zun\u00e4chst eine grosse Konkurrenz zwischen Einheimischen und Ausl\u00e4ndern, die es den Unternehmern erm\u00f6glichte, die L\u00f6hne gesamthaft zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Viele Schweizer verliessen jedoch diese schlechter bezahlten Branchen und Regionen, um in den besser bezahlten (in erster Linie Metall- und Maschinenindustrie sowie Chemieindustrie) ihr Geld zu verdienen. In diesen Wachstumsbranchen funktionierte die Konkurrenz zwischen Schweizern und Fremdarbeitern vorerst nicht so stark, weil die Emigranten vielfach die schlechten Jobs in der Fabrik \u00fcbernehmen mussten und die Lohnunterschiede besser im Arbeitsprozess begr\u00fcndet werden konnten.<\/p>\n<p>Dies ist etwa der Gesamtrahmen, in dem verschiedene Arbeiterschichten versuchten ihre Bed\u00fcrfnisse gegen die Unternehmer durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>NOVA: bis hier her und nicht weiter<\/strong><\/p>\n<p>Am Streik der 360 NOVA-Arbeiter in Z\u00fcrich im April 1952 lernen wir deutlich das damalige Klima in den Fabriken kennen: die Arbeiter waren bereit, sich ausbeuten zu lassen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Es gab ein klares &#8222;bis hierher und nicht weiter&#8220;, das auch von den Unternehmern zumeist eingehalten wurde. In der NOVA war das Arbeitstempo nicht gerade langsam. Unter den Arbeitern aber herrschte ein stilles Abkommen, sodass keiner \u00fcber ein gewisses Tempo hinaus arbeitete. Damit konnten die zum grossen Teil qualifizierten Arbeiter das Hinuntersetzen der Akkords\u00e4tze verhindern.<\/p>\n<p>Nur zwei deutsche Fremdarbeiter wollten sich nicht an diese Abmachung halten. St\u00e4ndig arbeiteten sie \u00fcber der von den Arbeitern festgelegten Solidarit\u00e4tsnorm. Als sie sich nach kleineren Auseinandersetzungen nicht dem allgemeinen Arbeiterverhalten anpassten, und der eine Deutsche sogar eine zweite Maschine zu bedienen anfing und die anderen Arbeiter als &#8222;faule Kuhschweizer&#8220; titulierte, platzte denen der Kragen. Sie verlangten von der Direktion ultimativ die sofortige Entlassung der beiden Akkordbrecher. Diese lehnte ab. Da fackelten die Arbeiter nicht mehr lange: einm\u00fctig und spontan traten sie in den Sitzstreik. Das heisst, sie blieben bei ihren Maschinen, r\u00fchrten aber keinen Finger, obwohl die Direktion allen die Entlassung androhte.<\/p>\n<p>Der SMUV, in dem fast ein F\u00fcnftel der Belegschaft organisiert war, stellte sich gegen den Streik und verweigerte die Streikunterst\u00fctzung. Seine Aktivit\u00e4ten beschr\u00e4nkten sich auf eine Intervention bei der Fremdenpolizei, um die Ausweisung der beiden Deutschen zu erreichen. Die Polizei kam diesem Ansinnen auch mit der Begr\u00fcndung nach, dass die beiden Ausl\u00e4nder eine &#8222;akute Gefahr f\u00fcr den Arbeitsfrieden&#8220; geworden seien. Nach f\u00fcnf Tagen Streik hatte die NOVA-Belegschaft vollen Erfolg und die Streiktage wurden ausbezahlt.<\/p>\n<p>Dieser zweifellos h\u00f6chste Punkt des damaligen Arbeiterkampfs gegen die Intensivierung der Arbeit gab den Unternehmern Anlass, das Problem des t\u00e4glichen Kleinkriegs in den Fabriken zu diskutieren. In der &#8222;TAT&#8220; wurde das Ergebnis einer Umfrage so zusammengefasst: &#8222;Es herrscht Krieg, nach wie vor Krieg in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.<\/p>\n<p>Es ist ein komischer Krieg; die F\u00fchrenden sitzen an den Pulten und Telefonen und machen einander h\u00f6flich und in gem\u00fctlichem Tonfall auf die eigene Macht aufmerksam. An die \u00d6ffentlichkeit gelangen schliesslich Kompromisse und Abkommen. Dennoch ist es ein Krieg; denn das was z\u00e4hlt, ist letzten Endes nur die Macht des St\u00e4rkeren.&#8220; (TAT Nr.124, 8.Mai 1952)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatte die TAT nicht recht, wenn sie glaubte, dieser Krieg w\u00fcrde nur -von den Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren gef\u00fchrt. Die Arbeiterautonomie gegen die v\u00f6llige Unterordnung der Arbeitskraft unter das Maschinensystem wurde vielmehr weitgehend ausserhalb der gewerkschaftlichen Strukturen bestimmt. Zumeist nur zwischen Arbeitern und Meistern. Heute gilt das noch. viel mehr. Nat\u00fcrlich gab es damals Arbeitergruppen, z. B. die rund 250 Z\u00fcrcher Plattenleger, die ihre Arbeitsnormen direkt gewerkschaftlich organisiert hatten. Aber das waren Ausnahmen.<\/p>\n<p>Dagegen nahmen Auseinandersetzungen auf einer Basis immer gr\u00f6ssere Bedeutung an, die der damalige Chef des Z\u00fcrcher Gewerkschaftskartells, Otto Sch\u00fctz, so beschrieb: &#8222;Die Rationalisierung und Arbeitsteilung haben dieses Tempo zum Teil zu heben gestattet. Das Arbeitsprodukt ist dabei mengenm\u00e4ssig gestiegen, aber die Arbeit ist auch gleichm\u00e4ssiger, oft monotoner geworden.&#8220; (ebenda) Oder der Arbeitsarzt des BIGA: &#8222;Andererseits darf nicht \u00fcbersehen werden, dass Arbeitsteilung und Rationalisierung dazu gef\u00fchrt haben, dass die Fabrikarbeit oft unbefriedigend und kaum ein realer Lebensinhalt, ist&#8220;. (ebenda)<\/p>\n<p>Gerade die Mehrstellenarbeit, gegen die die NOVA-Arbeiter vorerst erfolg-reich Widerstand geleistet hatten, wurde damals in vielen Industriebranchen, vor allem in der Textilindustrie, technisch m\u00f6glich. Und nicht \u00fcberall konnten die Arbeiter ihre stillen Abkommen erfolgreich verteidigen. Schwierig wurde es vielfach dann, wenn die Unternehmer nicht nur zwei Fremdarbeiter gegen sie einsetzten, wie im Beispiel der NOVA, sondern gleich ganze Kontingente einf\u00fchrten, um die Reorganisation der Arbeit durchzusetzen.<\/p>\n<p>Dieser Unternehmergebrauch der Emigration zur Reorganisation der Arbeit ist ein ebenso wichtiger Aspekt wie die Lohndr\u00fcckerei oder Streikbrecherei. Erst er erkl\u00e4rt die eigentliche Grundlage des Fremdenhasses, der 10 Jahre sp\u00e4ter von einer parafaschistischen Bewegung in eine systematisch organisierte und propagierte Klassenspaltung umgesetzt werden konnte, aber ebenso den Fremdenhass der meisten Gewerkschaften. Diese Gewerkschaften verteidigten letztendlich nur die alte Art zu arbeiten, die durch den massenhaften Import von Emigranten bedroht wurde. Gleichzeitig waren sie jedoch nicht gegen eine Steigerung der Produktivit\u00e4t eingestellt. An diesem Widerspruch gingen sie 10 Jahre sp\u00e4ter dann auch in eine ernsthafte Krise.<\/p>\n<p><strong>Fabrikk\u00e4mpfe<\/strong><\/p>\n<p>Im September 1950 setzten die Arbeiter der Papierfabrik Coba in Balsthal mit dem STFV nach einem 24st\u00fcndigen Streik erfolgreich einen neuen Vertragsabschluss durch. Im gleichen Monat versagte jedoch die Organisation von 2.000 Verkaufsangestellten des Textilhandels in Lausanne v\u00f6llig vor den Aufgaben einer geschlossenen Streikdurchf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Aus dem Jahre 1951 kennen wir nur zwei erfolgreiche Aktionen des STFV in kleineren Textilfabriken, Aktionen, die der STFV auch nach der antikommunistischen S\u00e4uberung seiner Leitungsinstanzen immer zu organisieren bereit war, und einen Streik in einer Genfer Uhrenfabrik.<\/p>\n<p>Der 12t\u00e4gige Streik der 175 Tarex-Arbeiter in Genf im Oktober\/November 1952 gegen die Entlassung des Pr\u00e4sidenten der Arbeiterkommission wurde zu einer Arbeiterniederlage. Der Streik wurde von der Arbeitskommission gestoppt und die Gewerkschaft in einem bundesgerichtlichen Entscheid bestraft, weil sich nicht alles versucht h\u00e4tte, um den Streik zu verhindern. &#8222;Die elementaren Pflichten einer Gewerkschaft bei Ausbruch eines Streiks&#8220; sind nach Bundesgericht: &#8222;Die Gewerkschaft (muss) ihr M\u00f6glichstes tun, um den Streik zu verhindern, oder &#8211; wenn sie darin keinen Erfolg hat &#8211; ihn abzuk\u00fcrzen.&#8220; Vom November 1952 an f\u00fchrten 70 Weber und Spinnerinnen der Wolldeckenfabrik Schwendener in Sils-Albula eine verzweifelte Auseinandersetzung um die Wiedereinstellung von drei aktiven STFV-Gewerkschaftlern.<\/p>\n<p>Die gleiche Belegschaft war 1946 in einen Solidarit\u00e4tsstreik f\u00fcr die Arbeiter einer Tuchfabrik im nahen Cazis getreten, was die Polizei zu einer t\u00e4tlichen Auseinandersetzung provoziert hatte. Doch diesmal beschr\u00e4nkte sich die Arbeitersolidarit\u00e4t in der Umgebung und in der Schweiz auf Geldsammeln und papierne Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen. Und das gen\u00fcgte offenbar nicht mehr. Wenn es dem STFV auch hie und da wieder einmal gelang, kleine und erfolgreiche K\u00e4mpfe zu f\u00fchren, so schwand seine Verankerung in der Arbeiterklasse doch immer mehr. Auch die Protestdemonstration von 25.000 Arbeitern der Textil- und Chemieindustrie am 15. Juni vor dem Bundeshaus in Bern hatte offenbar nicht den gew\u00fcnschten Erfolg gebracht. Nach 81\/2 Monaten verloren die B\u00fcndner Arbeiter die Schlacht und die Gewerkschaft wurde zu 6.000 Franken Busse verknurrt.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1953 siegten die Arbeiter der Kalkfabrik Dorner in Walenstadt schon nach einem Tag. Doch die Genfer Tramangestellten, die seit dem Krieg schon mindestens zweimal gestreikt hatten und im Mai 53 einen sch\u00f6nen Sonntagmorgen f\u00fcr einen Proteststreik ausw\u00e4hlten, um gegen Rationalisierungsmassnahmen zu protestieren, hatten wenig Erfolg.<\/p>\n<p>Ein Ausstand im Februar 1954 in der Papierfabrik in Horgen wurde vom STFV wieder kl\u00e4glich abgebrochen.<\/p>\n<p>70 einheimische und ausl\u00e4ndische Arbeiterinnen und Arbeiter der Vestonabteilung der. Herrenkleiderfabrik PKZ in Z\u00fcrich leisteten im Januar 1955 nach dem Abschluss eines Kollektivvertrages Widerstand gegen die Senkung der Akkordans\u00e4tze. Doch die Polizei holte die Streikenden nach einem Tag aus dem Betrieb und der Unternehmer sperrte sie f\u00fcr eine Woche aus. Die Arbeiter mussten den Lohnabbau schliesslich akzeptieren, da sie von der Gewerkschaft (VBLA) v\u00f6llig im Stich gelassen wurden und diese die Position des Unternehmers verteidigte. Der Streik bildete allerdings nur den H\u00f6hepunkt einer l\u00e4ngeren Phase von Auseinandersetzungen \u00fcber Absentismus und Qualit\u00e4tsverweigerung, die der VBLA so beschrieb: &#8222;Durch eine gr\u00f6ssere Zahl von Absenzen zwischen Weihnachten und Neujahr (Italienerinnen, die nach Hause reisten) sowie von Krankheitsf\u00e4llen bedingt, liess die Arbeitsdurchgabe in den letzten Wochen zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass die Betriebsleitung der Belegschaft einige Vorschriften in Bezug auf Ausf\u00fchrung und Qualit\u00e4t der Arbeit in Erinnerung rief, die in letzter Zeit vergessen worden waren.<\/p>\n<p>Diese beiden Umst\u00e4nde, welche nat\u00fcrlich zu Stockungen im Arbeitsprozess und zu Leistungsr\u00fcckg\u00e4ngen f\u00fchrten, versch\u00e4rften nun aber den ohnehin eingetretenen Abbau der Verdienste in der ersten Zahltagsperiode dieses Jahres derart, dass die Belegschaft die von uns an begehrten Verhandlungen nicht mehr abwartete, sondern durch eine spontane Aktion die sofortige Revision der der abgebauten Positionen durchzusetzen hoffte.&#8220; (Volksrecht Nr. 23, 28. Jan. 55) Doch der VBLA war nat\u00fcrlich gegen jeden &#8222;Leistungsr\u00fcckgang&#8220; und wollte nachhaltig beweisen, dass sich ohne ihn nichts durchsetzen liess.<\/p>\n<p>Wenig wirksam war ein Streik von 40 Arbeitern einer Schuhfabrik in Genf im September 1956, denn der Unternehmer schloss seine Fabrik kurzerhand. 1957 gab es Auseinandersetzungen wie den Streik des christlich-sozial organisierten Personals einer Luganese Schifffahrtsgesellschaft, der allerdings von den 15 beim Eisenbahnerverband (SEV) organisierten Arbeitern der gleichen Gesellschaft sabotiert wurde. Trotz dieser \u00fcblen Streikbrecherarbeit siegten die Schiffsarbeiter auf der ganzen Linie. Im gleichen Jahr bewirkten die Arbeiter der Bell-Metzgerei in Basel mit einem halben Tag Streik, dass ein unerw\u00fcnschter Arbeiter, der von der sozialdemokratischen zur christlich-sozialen Gewerkschaft \u00fcbergetreten war, in eine andere Zweigstelle versetzt werden musste.<\/p>\n<p><strong>Die Aufs\u00e4ssigkeit auf den Baupl\u00e4tzen<\/strong><\/p>\n<p>1951 hatten die 750 Gipser in Z\u00fcrich im Mai grossen Erfolg mit einem zehnt\u00e4gigen Streik. Die verschiedenen Handwerkerkategorien hatten bis in die 60er Jahre immer wieder eine Avantgardefunktion \u00fcbernommen. Mit ihren bereits relativ hohen L\u00f6hnen haben sie sich kaum je zufriedengestellt. Diese Tradition des radikalen Handwerkerreformismus ist in der Schweiz eigentlich erst 1963 mit der Niederlage im Gipserstreik in Z\u00fcrich zu Ende gegangen. Allerdings gelang es den Handwerkern auch schon 1951 kaum mehr, grosse Solidarit\u00e4tsaktionen f\u00fcr ihre K\u00e4mpfe in Gang zu bringen. Genauso wie unqualifizierte Arbeiter in der Aluminium- oder Fahrzeugindustrie oder die Saisonniers auf den Baupl\u00e4tzen mussten sie ihre K\u00e4mpfe weitgehend isoliert f\u00fchren.<\/p>\n<p>1952 streikten auch die Holzarbeiter des Kantons Freiburg erfolgreich f\u00fcr eine Lohnerh\u00f6hung. Ebenso die Bauarbeiter im P\u00fcschle.<\/p>\n<p>Vom April bis in den Juni 1953 streikten die 1.000 hochorganisierten Maler in Z\u00fcrich. Mit motorisierten Patrouillen (NZZ: \u00dcberfallkommandos) sorgten sie daf\u00fcr, dass der Streikbeschluss restlos eingehalten wurde. H\u00f6ren wir die Klagen \u00fcber die offensichtlich doch sehr effektiven Kampfformen der Maler: &#8222;Schon bald ereigneten sich dabei auch die aus fr\u00fcheren Jahren in unr\u00fchmlicher Erinnerung stehenden Gewalttaten: N\u00f6tigungen und Hausfriedensbruch am laufenden Band, wobei gelegentlich durch Fenster in die R\u00e4ume eingedrungen wird. Ein Arbeiter wurde mit einem schweren eisernen Hammer traktiert.<\/p>\n<p>Einem 6oj\u00e4hrignen schlug man die Z\u00e4hne ein und drohte ihm, wenn er Strafanzeige erstatten sollte, w\u00fcrde das gleiche &#8218;mit seinem neuen Gebiss&#8216; geschehen! Die Sachbesch\u00e4digungen auf den Werkpl\u00e4tzen gehen in die Tausende von Franken. In einer einzigen Nacht suchte ein Sabotagetrupp auf Autos und Motorr\u00e4dern vier auf das ganze Stadtgebiet verteilte Arbeitsstellen heim und bewarf Hausfassaden, Ladenlokale und Treppenh\u00e4user mit Farbbomben. Als solche wurden Dutzende mit schwarzer und gr\u00fcner Farbe gef\u00fcllte Eier, Gl\u00fchbirnen und Flaschen verwendet.&#8220; (NZZ, Nr.1183, 22.Mai 53) Allerdings funktionierte die Solidarit\u00e4t anderer Berufsgruppen nicht immer.<\/p>\n<p>Doch gen\u00fcgten f\u00fcr den Druck gegen den Meisterverband diesmal die F\u00e4lle, in denen die anderen Arbeiter auf den Baustellen beim Ankommen von Streikbrechern mit ihrer Arbeit aufh\u00f6rten. So einigten sich die Maler und ihre Meister nach acht Wochen auf einen Kompromiss.<\/p>\n<p>Auf der Baustellen Grande Diene im Wallis streikten ein Jahr sp\u00e4ter 100 Arbeiter gegen einen l\u00e4stigen Chef. Sie protestierten gleichzeitig dagegen, dass 20 Ausl\u00e4nder eingestellt worden waren, w\u00e4hrend man im selben Augenblick davon redete, schweizerische Arbeitskr\u00e4fte zu entlassen. In Genf streikten im Sommer 460 Spengler w\u00e4hrend 38 Tagen, um eine Stundenlohnerh\u00f6hung von 15 Rappen durchzusetzen. Nach dem Eingreifen des Staatsrates wurde der Kampf zu einem Teilerfolg.<\/p>\n<p>1955 meldete eine Schicht von Arbeitern ihre Bed\u00fcrfnisse an, die bisher eher ruhig geblieben war, da ihre Unterdr\u00fcckung durch die Fremdenpolizei sehr wirksam war &#8211; allerdings auch nachher immer wieder. Dies nicht zuletzt, weil dieser Repressionsapparat gegen die &#8222;fremdl\u00e4ndischen Arbeitsaffen&#8220; auch von den Gewerkschaften offen unterst\u00fctzt wurde. Am ordentlichen Kongress des SGB 1953 hiess es in einer Resolution: &#8222;Eine loyale Zusammenarbeit zwischen kantonalen Arbeits\u00e4mtern und Fremdenpolizeibeh\u00f6rden ist notwendig, wenn eine wirksame Arbeitsmarktpolitik betrieben werden soll.&#8220; Aus der Sicht dieser Leute ist die unbarmherzige Landesverweisung aufs\u00e4ssiger Arbeiter halt &#8222;Arbeitsmarktpolitik&#8220;.<\/p>\n<p>Auf alle F\u00e4lle streikten im M\u00e4rz 1955 trotz allem die italienischen Saisonniers beim Geleisebau am Hauenstein-Tunnel 24 Stunden lang aus Solidarit\u00e4t mit zwei entlassenen Kollegen, die sich aktive Gewerkschaftsarbeit zu Schulden kommen liessen. Im August streikten wiederum Saisonniers der gleichen Firma, diesmal in Ostermundigen. Ihre Forderungen f\u00fcr mehr Lohn und eine vertragliche Regelung der Arbeitsbedingungen wurden mit der &#8218;Zusicherung auf Unterlassung jeglicher Repressalien seitens der Firma erf\u00fcllt. 1957 forderten die Z\u00fcrcher Gipser als Hauptforderung die 40 Std.-Woche, aber sie waren offensichtlich nicht stark genug, um einen Streik zu organisieren.<\/p>\n<p><strong>CHIPPIS: Angriff der Aluminiumarbeiter<\/strong><\/p>\n<p>Doch alle diese Streiks waren, wenn auch wichtig, geradezu L\u00e4cherlichkeiten gegen den Aufstand von 2.000 Aluminiumarbeitern der AIAG (sp\u00e4ter Alusuisse) in CHIPPIS im Wallis w\u00e4hrend des Sommers 1954. Dieser Kampf sollte zum radikalsten Ansatz einer neuen Kampftaktik der Arbeiter in der Schweiz werden, einer Kampftaktik, die sich zum letzten Male 1947 in der Waggonfabrik Pratteln und einigen kleineren Auseinandersetzungen angek\u00fcndigt hatte.<\/p>\n<p>Wer waren diese radikalen Arbeiter im Oberwallis, die ohne gewerkschaftliche Unterst\u00fctzung direkt gegen die Arbeitsorganisation vorgingen und dabei nicht davor zur\u00fcckscheuten, den Unternehmern einen Millionenschaden zu bilanzieren? Unter den Metallarbeitern war die AIAG bekannt als die &#8222;H\u00f6lle von Chippis&#8220;. W\u00e4hrend durchschnittlich 60 Stunden wurden ehemalige Walliser Bergbauern an die Hoch\u00f6fen gezwungen, harte und schwere Arbeit zu leisten. An diesen \u00d6fen herrschte eine Temperatur von 60 bis 80 Grad Celsius. Die Arbeit erforderte zum allergr\u00f6ssten Teil keine besonderen Qualifikationen. Rund 85 % der Belegschaft waren ungelernte und angelernte Arbeiter.<\/p>\n<p>Die Aluminium-Unternehmer n\u00fctzten die schwierige Situation der ehemaligen Bergbauern reichlich aus, indem sie ihnen sehr schlechte L\u00f6hne bezahlten. Und st\u00e4ndig wurde das Arbeitstempo hinaufgetrieben. So sind nach der Modernisierungswelle nach 1949 praktisch alle alten, kleinen \u00d6fen aus dem Betrieb verschwunden und durch neue, gr\u00f6ssere \u00d6fen ersetzt worden. Hatten an den alten \u00d6fen noch 8 bis 10 Mann gearbeitet, so musste an den neuen \u00d6fen ganz schwere und monotone Arbeit noch von zwei Mann bew\u00e4ltigt werden.<\/p>\n<p>Die Aluunternehmer verf\u00fcgten \u00fcber die modernsten Ausbeutungswissenschaften: alle Arbeiten waren mit der Stoppuhr geregelt und kontrolliert. Wer die geforderte Leistung nicht erbringen konnte oder wollte, fand sich dank dem weiteren Angebot von armen Bergbauern bald auf der Strasse wieder. Ein Pr\u00e4miensystem sorgte daf\u00fcr, dass die Arbeitsauspressung st\u00e4ndig intensiviert wurde.<\/p>\n<p>So ist es dem Unternehmen gelungen, den Ausstoss trotz sinkender Belegschaftsgr\u00f6sse innert 10 Jahren mehr als zu verachtfachen. Die periodisch wiederkehrenden Krisendrohungen taten das ihre, diese Ausbeutung gegen die Arbeiter durchzusetzen. Kein Wunder, dass unter den AIAG-Arbeitern der Spruch herumging:<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind die Wolgaschlepper. Diese treibt man mit der Peitsche an, uns mit der Stoppuhr!&#8220;<\/p>\n<p>Immer wieder hatten sich die Arbeiter gegen die AIAG-Bosse gewehrt. Im Jahre 1942 haben die Ofen- und Giessereiarbeiter in einem Teilstreik die Arbeit niedergelegt. Auch 1948 standen Streikdrohungen ins Haus. Im Sommer 1954 kam es dann zu einer entscheidenden Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>Bereits drei Jahre fr\u00fcher hatten die Arbeiter eine Erh\u00f6hung des Grundlohnes um 25 Rappen verlangt. Immer wieder hatte die Direktion abgelehnt. Ein durch die Gewerkschaft angerufenes Schiedsgericht bestimmte schliesslich eine Lohnerh\u00f6hung von 4 Rappen f\u00fcr Ungelernte, 5 Rappen f\u00fcr Gelernte. Geschlossen wiesen die Arbeiter diesen Schiedsspruch zur\u00fcck, der nicht einmal einen Viertel ihrer Forderungen akzeptierte. Damit hatten sie genug. Der Funke ins Pulverfass war ein Flugblatt am Morgen des 10. August von einer autonomen Arbeitergruppe, das allen Arbeitern der Fr\u00fchschicht verteilt wurde.<\/p>\n<p>&#8222;Einige Arbeiter aus verschiedenen Abteilungen&#8220; luden auf diesem Flugblatt ihrer Kollegen zu einem &#8222;zeitlich befristeten Proteststreik&#8220; ein. Der Funke z\u00fcndete sofort: spontan wurde die Arbeitsaufnahme verweigert. Der Aufruf der Arbeiterkommission und der Gewerkschaft, doch zu arbeiten, blieb wirkungslos. Im Gegenteil: die Arbeiter liessen ihrer Wut freien Lauf: &#8222;Wir schlagen alles kurz und klein, wenn die Kerle nicht nachgeben.&#8220; \u2013 &#8222;Wir bekommen unser Recht, und wenn wir drei Monate streiken&#8220;. Das waren durchaus reale Drohungen.<\/p>\n<p>Jetzt, wo die gewerkschaftlichen Fesseln \u00fcberwunden waren, sahen auch die Forderungen radikaler aus: die Streikenden verlangten jetzt nicht mehr nur 25 Rappen Stundenlohnerh\u00f6hung, sondern die v\u00f6llige Abschaffung der Pr\u00e4mien bei den Stundenl\u00f6hnen und deren Ersetzung durch eine Lohnerh\u00f6hung von 75 Rappen.<\/p>\n<p>Jeder Arbeiter sollte so auf einen minimalen Stundenverdienst von 3 Rappen kommen, w\u00e4hrend der Grundlohn bisher bei zwei Franken lag. Diese egalit\u00e4ren Forderungen beg\u00fcnstigten vor allem die niedrigsten Lohnklassen, die jetzt mindestens 500 Franken Monatslohn nach Hause bringen sollten.<\/p>\n<p>Die AIAG-Bosse lehnten die Arbeiterforderungen entschieden ab: auf ihr Pr\u00e4miensystem wollten sie unter keinen Umst\u00e4nden verzichten, weil seine Abschaffung die Produktivit\u00e4t des Betriebes und damit auch die Ausbeutung der Arbeiter stark angegriffen h\u00e4tten. Am zweiten Streiktag verteilte die Direktion ein Flugblatt gegen den antiproduktivistischen und antiinstitutionellen Arbeiterkampf. Sie k\u00fcndigte fristlose Entlassungen an. Doch nicht genug der Drohungen: die streikenden Arbeiter sollten der Altersrechte in der Pensionskasse verlustig gehen, bei der Berechnung der Gratifikationen w\u00fcrden die Dienstjahre gestrichen, die Streiktage w\u00fcrden nicht bezahlt, die Direktion w\u00fcrde sich weigern, die Alterssparhefte der Arbeiter herauszugeben. Doch die Arbeiter hatten f\u00fcr die Drohungen der Direktion nur Hohn \u00fcbrig. Paketweise schmissen sie den Wisch in die Rohne.<\/p>\n<p>Gegen die Erpressung der Unternehmer setzten sie ein wirksameres Gegenmittel ein: sie drohten, die Hoch\u00f6fen, die sie bisher noch in Betrieb gehalten hatten, ausgehen zu lassen, falls die Direktion ihren Forderungen nicht nachgeben bedienen lassen wollte, um den Streikenden diese Waffe aus den H\u00e4nden zu schlagen, kam die Reaktion der Streikenden prompt: sie vertrieben die Streikbrecher von ihren Posten und die \u00d6fen gingen aus. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis die erkalteten \u00d6fen wieder in Gang gesetzt werden konnten. Die Direktion jammerte \u00fcber eine Million Schaden und schloss die Fabriktore.<\/p>\n<p>Am Abend demonstrierten 2.000 Arbeiter vor dem Hotel in Siders, in dem sich die gesamte Walliser Kantonsregierung mit den AIAG Bossen zu Verhandlungen zusammengesetzt hatte.<\/p>\n<p>Am Mittwochabend, drei Tage nach Streikbeginn, handelte das &#8222;Triumvirat&#8220; aus Betriebsleitung, Walliser Regierung und Gewerkschaften schliesslich einen &#8222;Kompromiss&#8220; aus. Ohne das von den Arbeitern gew\u00e4hlte Streikkomitee zu befragen oder zu den Verhandlungen zuzulassen, vereinbarten sie, dass die Direktion auf Sanktionen gegen die Streikenden verzichtet werde, falls am Donnerstag die Arbeit wieder aufgenommen werde. Auf die Forderungen gingen sie gar nicht ein, sondern bekr\u00e4ftigten nur das von den Arbeitern ja bek\u00e4mpfte Schiedsgerichtsurteil.<\/p>\n<p>Viele Arbeiter waren unterdessen offenbar durch die nach wie vor harte Haltung der Unternehmungsleitung bereits stark resigniert und fanden keine M\u00f6glichkeit mehr, ihren radikalen Kampf zu verarbeiten. In mehrst\u00fcndigen &#8222;Verhandlungen&#8220; wurde das Streikkomitee von der Gewerkschaft gegen Mittwochmitternacht zur Kapitulation gebracht.<\/p>\n<p>An einer Belegschaftsversammlung am n\u00e4chsten Morgen um 06.00 Uhr kamen nur noch rund 700 Arbeiter. Das Streikkomitee hatte sich bereits aufgel\u00f6st! Mit allen m\u00f6glichen Tricks versuchten die Gewerkschaftsfunktion\u00e4re und der herbeigeeilte Nationalrat Giroud (SMUV-Sekret\u00e4r des Welschlands) die Arbeiter zur Annahme der Vereinbarung zu bringen.<\/p>\n<p>Das Verhandlungsprotokoll wurde nur ungenau wiedergegeben. In der Abstimmung stellte sich eine wesentliche Minderheit der anwesenden Arbeiter gegen den Streikabbruch und die Kapitulation konnte nur durchkommen, weil sich viel Arbeiter resigniert der Stimme enthielten. Sie dr\u00fcckten ihre Wut nicht einmal mehr mit einem Pfeifkonzert gegen die Gewerkschaft aus, wie das an den vorhergehenden Streiktagen noch \u00fcblich war. Gerade die vorzeitige Aufl\u00f6sung der autonomen Streikleitung mag einer der wichtigsten Gr\u00fcnde gewesen sein, dass diese gewaltige Arbeiterfront in diesem wichtigen Augenblick zusammenbrach. Bereits um 07.00 Uhr gingen die Arbeiter an ihre Arbeitspl\u00e4tze zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter entliess die Direktion 100 Arbeiteravantgarden der AIAG und besiegelte damit ihren Sieg f\u00fcr lange Zeit. Dieser einzigartige Kampf kurz nach der vierten Erneuerung des SMUV-Friedensabkommens war jedoch nicht nur eine wichtige Arbeitererfahrung, gleichzeitig wurde er von den Unternehmern intensiv diskutiert und sie konnten bald einmal \u00fcberzeugend begr\u00fcnden, weshalb sie an \u00e4hnlichen Arbeitsstellen lieber Ausl\u00e4nder als Schweizer arbeiten liessen, oder die alten Belegschaften in solchen Fabriken systematisch mit Emigranten durchsetzten, um eine einmal erreichte Akkumulation von Widerstandserfahrung zu zersetzen.<\/p>\n<p><strong>L\u00f6hne, Krise, Restrukturierung: welche L\u00f6sung?<\/strong><\/p>\n<p>Um das Jahr 1953 begann ein Prozess, den die Kapitalisten &#8222;Austrocknen&#8220; des Arbeitsmarkts nennen, d.h. von ihrem Standpunkt aus gesehen, bestand das Problem darin, dass sie sich nicht mehr ausreichend und geeignete Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr ihre Ausbeutergesch\u00e4fte beschaffen konnten. Diese Situation wurde ihnen nur deshalb nicht sofort zu kostspielig, weil sie \u00fcber eine ganze Zeit die verschiedenen Arbeiterschichten gegeneinander auszuspielen vermochten. \u00dcber Jahre konnten sie den Mehrfrontenkrieg der Arbeiter in eine gewaltige Expansion der Produktion umsetzen.<\/p>\n<p>Die Facharbeiter konnten sich auf dem R\u00fccken der neuimportierten Emigranten &#8222;zufriedenstellend&#8220; besserstellen, sei es, dass sie in der Fabrikhierarchie nach oben stiegen, sei es, dass sie das Fabrikleben \u00fcberhaupt mit dem B\u00fcro vertauschten oder von schlechter bezahlten Branchen in besser bezahlte wechselten. Die Gewerkschaften funktionierten zur Hauptsache, indem sie die Positionen dieser Arbeiterschichten, aber auch der Handwerker auf den Baupl\u00e4tzen verteidigten. Im Unterschied zum SMUV-Reformismus war der Gewerkschaftsreformismus auf den Baupl\u00e4tzen jedoch bedeutend radikaler und deshalb auch kostspieliger.<\/p>\n<p>Dagegen konnten die Unternehmer das, was sie die Schweizer Facharbeiter und Handwerker kosteten durch die schlechter bezahlten Emigranten kompensieren. Diese waren zumeist vorerst einmal froh, das Geldverdienen in der Schweiz mit der Arbeitslosigkeit oder mit den bedeutend schlechteren L\u00f6hnen in Italien vertauscht zu haben.<\/p>\n<p>Vor allem aber waren sie auf viele kleine und dezentralisierte Betriebe in den verschiedenen Regionen verteilt. Gegen die Kampfans\u00e4tze der un- und halbqualifizierten Arbeiter wie zum Beispiel im Oberwallis oder bei der PKZ setzten die Unternehmer zusammen mit den Gewerkschaften auf die Karte der Repression und Isolierung.<\/p>\n<p>Wenn die Schweizer Arbeiter deshalb in vielen Branchen \u00f6fters den Betrieb wechselten und die Fluktuationsrate um einen Viertel stieg, so war der Betriebswechsel gesamthaft betrachtet Mitte der 50er Jahre in der BRD doch 2-3-mal in Grossbritannien 5-7-mal und in Frankreich sogar 8-9-mal gr\u00f6sser als in der Schweiz. Das beweist, dass sich nur einzelne Arbeiterschichten auf Kosten der anderen besserstellen konnten und es den Unternehmern dadurch gelang, gesamthaft gute Ausbeutungsraten herauszuholen. Selbst der SGB musste zugestehen, dass zwischen 53 und 56 die durchschnittlichen Reallohnerh\u00f6hungen &#8222;zweifellos weniger als die Zuwachsrate der volkswirtschaftlichen Produktivit\u00e4t&#8220; ausmachte. (SGB: T\u00e4tigkeitsbericht 19 3-56R S. 97)<\/p>\n<p>Die Unternehmer reagierten ganz euphorisch und investierten \u00fcberm\u00fctig drauflos. Die Gesamtproduktion wie die Gesamtbesch\u00e4ftigung wurden in diesen Jahren gewaltig ausgeweitet und erreichten neue Rekorddimensionen. Doch was nicht war, konnte noch kommen. 1957 war gleichzeitig das gr\u00f6sste Boomjahr dieser Zeit und der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt einer Teuerungswelle, mit der die Unternehmer auf den sich allm\u00e4hlich doch verst\u00e4rkenden Lohndruck reagierten. Der Bundesrat war dem inflation\u00e4ren Lohnraub noch durch den weiteren Abbau der Preiskontrolle entgegengekommen.<\/p>\n<p>Man f\u00fchrte eine heftige Debatte \u00fcber die &#8222;Lohn-Preis-Spirale&#8220; und es entstanden zwei sich vorerst widersprechende Vorschl\u00e4ge: die Gewerkschaften wollten die Reallohnsteigerungen halten und schlugen einen Fremdarbeiterstopp vor.<\/p>\n<p>&#8222;Die Industrie w\u00e4re gezwungen, ihre Kapazit\u00e4t mehr durch Rationalisierung und weniger durch eine Vermehrung der Zahl der Arbeitskr\u00e4fte zu erh\u00f6hen&#8220; (ebenda, S. 67). Auf der Basis der gr\u00f6sseren Ausbeutungsspanne w\u00e4re es nach Ansicht der Gewerkschaft danach m\u00f6glich gewesen, steigende L\u00f6hne zu erhalten und das Preisniveau zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Die Unternehmer dagegen schlugen dem SGB ein Abkommen zur Stabilisierung von L\u00f6hnen und Preisen vor. Die Gewerkschaften lehnten jedoch im Gegensatz zu zehn Jahren fr\u00fcher ab, um am 26. April nur einen &#8222;Beratenden Ausschuss f\u00fcr Konjunkturfragen&#8220; beizutreten, der schlussendlich vergebens gegr\u00fcndet worden war, um ein Konjunkturd\u00e4mpfungsprogramm zu erarbeiten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Unternehmer in der Schweiz mussten die Signale f\u00fcr. einen Wechsel in der Politik der Arbeiterausbeutung vorerst auf internationaler Ebene gegeben werden, bis sie den Arbeiterreformismus aktiv und unter ver\u00e4nderten Bedingungen an die Programmierung der Entwicklung heranliessen.<\/p>\n<p>Als die Kapitalisten 1958 international zur Krise griffen, um die Arbeiter wieder ausbeutbarer zu machen und ihre Projekte durchzusetzen, entschlossen sich die Unternehmer auch in der Schweiz zu einem kurzen, aber sehr effektvollen Produktionsstopp. Sie schr\u00e4nkten die Gesamtbesch\u00e4ftigung um rund 20 000 Arbeiter ein, allerdings ohne gleichzeitig Arbeitslosigkeit im eigenen Land zu schaffen. Es gen\u00fcgte, die Fremdarbeiter nach Hause zu schicken.<\/p>\n<p>Doch damit war die vorhergehende Debatte \u00fcber den einzuschlagenden Weg der Arbeiterausbeutung noch nicht abgeschlossen, auch wenn die Grundlage f\u00fcr die Durchsetzung einer nachhaltigen Richtungsver\u00e4nderung mit diesem Produktionsstopp gelegt worden war.<\/p>\n<p><strong>Der \u00dcbergang in den 60er Jahren Umw\u00e4lzung des Gesamtarbeiters<\/strong><\/p>\n<p>Der Entscheid zum Produktionsstopp 1958 erlaubte es den Unternehmern ein neues Projekt in Angriff zu nehmen, das auf der einen Seite durchaus dem gewerkschaftlichen Vorschlag, die Produktivit\u00e4t zu steigern, entsprach, auf der anderen Seite jedoch den gewerkschaftlichen Vorschlag, die Emigranten aus dem Land zu schmeissen oder zumindest den fortdauernden Import nachhaltig zu stoppen, sabotierte. Dieses Projekt hiess: Restrukturierung der Produktion. Den Unternehmern war unterdessen n\u00e4mlich bewusst geworden, dass es ihnen langfristig nicht mehr m\u00f6glich sein w\u00fcrde, die Kosten des SMUV-Reformismus und die hohen L\u00f6hne der Handwerker auf den Baupl\u00e4tzen zu bezahlen. Gegen diese Arbeiterschicht, die nach wie vor die Basis des Arbeiterreformismus in seiner liberalen (Sozialdemokratie) und in seiner radikaleren Form (PdA) ausmachen, wollten die Unternehmer vorgehen.<\/p>\n<p>Doch einmal mehr war gerade dieses Projekt nicht zu verwirklichen ohne die Hilfe ebender politischen Str\u00f6mung, deren Arbeiterbasis angegriffen werden sollte. War die, Sozialdemokratie \u00fcber die ganzen F\u00fcnfzigerjahre hinaus systematisch br\u00fcskiert worden und deshalb schon 1953 wieder aus dem Bundesrat ausgetreten, so sollte sie jetzt wieder direkt gebraucht werden, indem die ber\u00fchmte &#8222;Zauberformel&#8220; verwirklicht wurde: die SP bekam zwei Sitze im Bundesrat, neben zwei Vertretern der Freisinnigen, zwei der Christlichen und einem der Bauern.<\/p>\n<p>Dahinter steht nat\u00fcrlich der wichtige jedoch noch viel zu wenig diskutierte Umstand, dass dieses Projekt der Restrukturierung der Produktion gegen die beherrschende Stellung des professionellen Arbeiters von bestimmten, gegen den Widerstand anderer, Kapitalisten durchgesetzt werden musste und dass der Produktionsstopp 1958 nicht zuletzt die relative Vorherrschaft dieser sogenannten &#8222;fortschrittlichen&#8220; Kapitalgruppen mit sich gebracht hatte.<\/p>\n<p>1958 nahm z.B. die vier Jahre fr\u00fcher von den Arbeitern so radikal angegriffene AIAG in Chippis die erste automatische Fabrik f\u00fcr Massenproduktion von Elektroden in Betrieb. Dies als Beispiel der sich anbahnenden Restrukturierung der Produktion, die in der Metall- und Maschinenindustrie ebenfalls durch die Automatisierung gekennzeichnet sein sollte. Doch weshalb wurden die lochbandgesteuerten Maschinen, mit denen bisher von Facharbeitern kontrollierte Arbeitsprozesse weitgehend durch die Maschinen selbst gesteuert werden sollten oder die automatischen Webst\u00fchle in der Textilindustrie wirklich erst Ende der Sechzigerjahre breit eingef\u00fchrt?<\/p>\n<p>Es stimmt nat\u00fcrlich, dass vorerst bedeutsame Neuzusammensetzungen der Kapitalgesellschaften vorgenommen werden mussten, wie zum Beispiel der ber\u00fchmte Zusammenschluss der Genfer Metall- und Maschinenindustrie mit den grossen Z\u00fcrcher Konzernen wie BBC, Sulzer, B\u00fchne oder der Zusammenschluss von BBC und MFO, der es m\u00f6glich machte, die Produktion auf weniger Produkte zu beschr\u00e4nken (in diesem Falle bestimmte Turbinentypen). Aber die z\u00f6gernden Fusionen k\u00f6nnen doch wohl nicht wirklich erkl\u00e4ren, weshalb das ganze Projekt einer Restrukturierung derart schwerf\u00e4llig vorw\u00e4rts kam.<\/p>\n<p>Wir beanspruchen mit diesem Text nat\u00fcrlich keineswegs umfassende Antworten auf diese Fragen geben zu k\u00f6nnen. Sicher ist aber, dass es noch einige deutliche Hinweise auf die Klassenauseinandersetzungen in den Sechzigerjahren gibt, auf die wir im Folgenden eingehen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Die Unternehmer gingen dieses Projekt der Restrukturierung vorerst vorwiegend als bessere Ausnutzung der vorhandenen Arbeitslage an. So wissen wir zum Beispiel, dass 1958\/59 ein H\u00f6hepunkt in der Einf\u00fchrung von MTM-Zeitmessungsverfahren war. Um jenen Arbeitertyp immer mehr zu verallgemeinern, den wir von der fliessenden Waggon-Fertigung in Pratteln, von der Walliser Aluminiumindustrie, aus gr\u00f6sseren Teilen der Textil-, Bekleidungs-, Nahrungsmittel-, oder Schuhproduktion und auch aus Chemiebetrieben wie Schweizerhalle oder Firestone kennen, mussten zuerst einmal die Arbeitsoperationen bis ins letzte Detail rationell organisiert werden. Auch der SMUV unterst\u00fctzte dieses Vorhaben und gab ab 1959 eine Zeitschrift f\u00fcr Vorarbeiter, Zeitnehmer, Arbeitsvorbereiter usw. heraus, damit sein Gewerkschaftskader sich fachm\u00e4nnisch an der Reorganisation der Ausbeutung beteiligen konnte.<\/p>\n<p>Doch, so fragen wir uns, warum kam es 1962 in der Industriegesellschaft Neuhausen (SIG) nicht zu einem gr\u00f6sseren Kampf, als die Direktion in der ausgesprochenen Facharbeiterabteilung zur Waggon-Produktion ein Multi-Stopp-Verfahren einf\u00fchrte, dessen Hauptzweck es war, die &#8222;Verlustzeiten&#8220; zu vertrieben, das heisst jede Bewegung des Arbeiters, alle seine G\u00e4nge zum Werkzeugholen oder zu Kollegen oder aufs WC zu messen und dann f\u00fcr alle seine &#8222;notwendigen&#8220; Arbeitsoperationen einen Durschnittwert vorzuschreiben. (Dieses System der Arbeitsorganisation wird meistens eingef\u00fchrt, wenn man anschliessend umfassender Umw\u00e4lzungen des Maschinensystems plant).<\/p>\n<p>Im Sommer streikten die 80 Arbeiter der betroffenen Abteilung zwei Stunden erfolglos gegen diese Rationalisierungsmassnahmen, die der &#8222;Vorw\u00e4rts&#8220; als &#8222;neuesten Raubzug auf die Berufsehre&#8220; bezeichnete. In der gleichen Abteilung k\u00fcndigte einige Monate sp\u00e4ter ein junger Schweizer Berufsarbeiter gleich selbst, nachdem er mit einem Plakat zum Streik aufgerufen hatte und sein Chef im daraufhin die fristlose Entlassung angek\u00fcndigt hatte. Verlassen von einer arbeiterfeindlichen Gewerkschaft mussten sich die Arbeiter schliesslich f\u00fcgen und man mag sich wundern, weshalb nie einem der Zeitnehmer ein Schraubenschl\u00fcssel an den Kopf geflogen ist oder weshalb diese Ausbeutungshandlanger nie auf andere Weise aus der Abteilung vertrieben wurden.<\/p>\n<p>Auf alle F\u00e4lle wissen wir leider nichts dar\u00fcber. Wir wissen jedoch, wie die Arbeiter sonst reagiert haben. 1960\/61 musste die SIG bei einer Gesamtbelegschaft von 2 000 Arbeitern 800 Arbeiter neu einstellen. 1962 erkl\u00e4rte die Firma: &#8222;Die in der Schweizer Industrie allgemein verzeichnete Wanderbewegung und die Abnahme des Anteils der Schweizer an der Belegschaft verursachten Sorgen. Trotz 737 Neueintritten konnte der Arbeiterbestand nur um 121 erh\u00f6ht werden, wobei der Zuwachs fast ausschliesslich Ausl\u00e4nder betrifft. Gesamthaft ist leider ein langsames Absinken des Ausbildungsstandes der Neueintretenden festzustellen, welches sehr ernst genommen wird.&#8220; (Basler Nachrichten Nr. 198, 12.\/13. Mai 62)<\/p>\n<p>Und auch die Schaffhauser &#8222;Arbeiter-Zeitung&#8220; wunderte sich \u00fcber die Einf\u00fchrung des Multi-Stopp-Verfahrens &#8222;ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo man T\u00fcrken, Spanier und S\u00fcditaliener unbeschwert von Berufskenntnissen importiert.&#8220; Wir lernen an diesem St\u00fcck Arbeiterwiderstand gegen das kapitalistische Projekt der Reorganisation der Ausbeutung einen ungemein wichtigen Aspekt dieser ganzen Auseinandersetzung kennen. Denn um ihr Projekt durchzusetzen gen\u00fcgten den Kapitalisten weder die aktive Unterst\u00fctzung der Gewerkschaft noch Zugest\u00e4ndnisse an den Lohn. Sie holten gezielt einen neuen Typ Emigranten in die Schweiz, genauso wie das der Fiat-Boss Agnelli, aber auch viele andere Unternehmer in Europa zur gleichen Zeit taten.<\/p>\n<p>Es waren vor allem die S\u00fcditaliener, immer mehr Spanier und auch schon die ersten T\u00fcrken. Hatten die Kapitalisten nach 1950 zu fast 100% norditalienische Arbeiter in die Schweiz geholt, so kamen zwischen 1959 und 1964 nur noch etwa ein Viertel der Italiener aus dem Norden, die anderen kamen aus dem S\u00fcden Italiens. W\u00e4hrend der gleichen Zeit stieg auch die Zahl der spanischen Arbeiter in der Schweiz von 8 000 auf 82 000. Die Zahl der neuankommenden Fremdarbeiter mit Qualifikationen stieg zwischen 1959 bis 64 um nur 33% im Gegensatz zu einem Ansteigen der Unqualifizierten um mehr als 120%.<\/p>\n<p>Es waren Arbeiter, die nie einen Beruf gelernt hatten und trotzdem alle m\u00f6glichen Arbeiten ausf\u00fchren konnten, die in den Fabriken und auf den Baustellen die einfachsten, monotonen Arbeiten verrichten sollten. An dieser Presse dr\u00fccken sie einen Hebel, an jener f\u00fchren sie der Bohrvorrichtung das Werkst\u00fcck zu, nehmen es nach ein paar Sekunden wieder weg, zu und weg, zu und weg, immer die gleichen abstumpfenden Bewegungen, tagt\u00e4glich. Es sind die Frauen, die an MTN-Arbeitstischen auf eine halbfertige Uhrenplatte zwei R\u00e4dchen mit einem Schr\u00e4ubchen befestigen, auf jeder Uhr zwei R\u00e4dchen und ein Schr\u00e4ubchen, in der Minute schaffen sie zehn Uhren, in der Stunde sind&#8217;s dann 600, an einem Tag an die 5 000.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Arbeiter der tausend Berufe&#8220; sind die modernen Sklaven der Produktion; zur Arbeit gezwungen, wenn sie leben wollen. Aber auch zu jeder Arbeitsverweigerung bereit, die ihnen effektiv erscheint. Sie, die immer mehr zur beherrschenden Tendenz der Produktion wurden, begannen auch langsam das Bild der Arbeiterk\u00e4mpfe zu bestimmen. Doch wie wir immer gesehen haben sind auch sie nicht ohne Geschichte.<\/p>\n<p>Die Textilarbeiter, die Chemiearbeiter, Pratteln, Chippis, Firestone haben eine deutliche Sprache gesprochen. Die Unternehmer werden diese Arbeiter noch mehr f\u00fcrchten als die wandernden Berufsarbeiter und doch waren sie gezwungen, diesen Arbeitertyp massenhaft in die Produktion einzuf\u00fchren, um weiterhin Profite herausschlagen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch die Unternehmer sind auch nicht dumm. Sie verstehen ihre Ausbeuter-gesch\u00e4fte manchmal besser als viele Linke die revolution\u00e4re Politik. Zwar nimmt die Zahl der Schweizer, die in die Industrie arbeiten gehen seit 1959 nun in allen Industriebranchen ab und es vermehren sich die Arbeitsemigranten (um 850), doch so leichtfertig lassen sich die Unternehmer durch diese Emigranten nicht zu einer offenen Konfrontation herausfordern. Das Kapital liess diese Arbeiter nicht direkt an die Juwelen seines Produktionsapparates, die grossen Fabriken wie BBC oder die Basler Chemie, heran. Darauf sollten die unberechenbaren Massenarbeiter zuerst einmal in den dezentralisierten Kleinbetrieben vorbereitet werden.<\/p>\n<p><strong>Die Schweizer Arbeiter<\/strong><\/p>\n<p>In diesen Jahren f\u00fchrte der STFV seine letzten gr\u00f6sseren K\u00e4mpfe. Der Bedeutendste unter ihnen war der massive Ausbruch der Arbeiterwut im Jahr des kurzen. Produktionsstopps 1958, als 750 Arbeiter der Gummireifenfabrik Firestone in der ehemaligen PdA-Hochburg Pratteln streikten. Nach aussen hin war es ein Streik f\u00fcr die Anerkennung des STFV als gewerkschaftlichem Vertragskontrahenten, denn die Firestone-Arbeiter waren bislang weitgehend unorganisiert gewesen.<\/p>\n<p>Doch die Bosse waren mit der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiter nicht einverstanden und schmissen vorerst einen aktiven Organisator, anschliessend 20, die zuerst dem STFV beigetreten waren, und k\u00fcndigten schliesslich die Entlassung von 30 weiteren Arbeitern an. Es bestand bei den Arbeitern jedoch kein Zweifel, dass die Entlassungen nur gegen die gewerkschaftliche Organisierung gerichtet waren.<\/p>\n<p>Doch hinter diesem Organisierungsversuch stand der Widerstand der Arbeiter gegen &#8222;amerikanische Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse&#8220;, die einige wenige Berufsarbeiter der vorwiegend aus unqualifizierten Arbeitskr\u00e4ften bestehenden Belegschaft in eine gewerkschaftliche Organisierung umzusetzen versuchten. Der &#8222;Vorw\u00e4rts&#8220; beschrieb den Hintergrund dieses Kampfes so: &#8222;Aus den USA kamen neue Automaten, mit denen, nach Angaben der Betriebsleitung, \u00fcber 100 St\u00fcck im Tage produziert werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Im Durchschnitt wurden aber nur 80 &#8218;Finken&#8216; erreicht und jeder hatte davon genug. Als dann, durch jene &#8218;Sonderleistung&#8216; angespornt, die Betriebsleitung 100 Pneus herausquetschte, gab es bei der \u00fcberwiegenden Mehrheit nur die Meinung, dass diese Norm unm\u00f6glich sei. Hinzu kam der vorweihn\u00e4chtliche Lohnabbau. &#8218;Neuzeitliche Lohngestaltung&#8216;, sagte im August und September ein Zirkular der Betriebsleitung. Genau wie dr\u00fcben, schon in den dreissiger Jahren: &#8218;Je schneller sie die Arbeit machen, desto weniger verdienen sie&#8216;.&#8220; (Vorw\u00e4rts Nr.5, 13.Jan.58)<\/p>\n<p>Dass diese Arbeiterwut auf den neuen Zeitakkord und auf ein ebenfalls neu-eingef\u00fchrtes Spitzelsystem zur repressiven Durchsetzung der unternehmerischen Ausbeutungsziele sich vorerst in einen geschlossenen Streik mit militanten Streikposten umsetzte, der nur die gewerkschaftliche Organisationsfreiheit forderte, zeigt nur die Schwierigkeiten des damaligen Arbeiterkampfs, der vorerst bedeutend mehr Erfahrungen machen musste, bis er sich wirksam und unvermittelt gegen seinen Feind richten konnte.<\/p>\n<p>Doch im Verh\u00e4ltnis zu seiner Zielsetzung war der Kampf ein voller Erfolg, denn alle Entlassenen wurden wieder eingestellt und der STFV musste als Vertragspartner anerkannt werden. Und als im Mai ein 24st\u00fcndiger Warnstreik beschlossen wurde, um den Kollektivvertrag endlich unter Dach zu bringen, gaben die Bosse am Vorabend des vorgesehenen Streiktages angesichts der entschlossenen Belegschaft nach, so dass die am Morgen bereits Streikposten stehenden Arbeiter wieder zur\u00fcckgepfiffen werden konnten und anstatt einen Streiktag durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, einen gew\u00f6hnlichen Arbeitstag \u00fcber sich ergehen lassen mussten. Die Direktion wusste wohl sehr gut, dass der Streik ohne weiteres die gewerkschaftlich gesetzten Grenzen \u00fcberschreiten k\u00f6nnte, da im Kollektivvertrag entscheidende Fragen wie die des Akkords unseres Wissens nicht enthalten waren.<\/p>\n<p>Ebenso brachte ein vom Solothurner STFV organisierter einst\u00fcndiger Proteststreik in der Kammgarnspinnerei DERENDINGER den Abschluss eines Kollektivvertrages.<\/p>\n<p>In der chemischen Fabrik SCHWEIZERHALLE, in der die Arbeiter ja schon kurz vor Kriegsende einen harten Kampf gef\u00fchrt hatten, kam es zu k\u00fcrzeren Arbeitsunterbr\u00fcchen, weil die Arbeiter den 13.Monatslohn forderten, wie er in der Ciba-Geigy ausbezahlt wurde. Schliesslich erhielten sie dann h\u00f6here Kin-der- und Familienzulagen. Um gegen diesen l\u00e4cherlichen Kompromiss zu effektiveren Kampfformen zu greifen, reichte die Kampfkraft der Arbeiter jedoch nicht aus, obwohl Schweizer wie Italiener solidarisch zusammen gestreikt hatten.<\/p>\n<p>1960 streikten in Basel die HAFENARBEITER, die auch nicht gerade daf\u00fcr ber\u00fchmt waren, ihre schwere und keine Qualifikationen erfordernde Arbeit besonders gerne zu machen. Sie forderten erfolgreich die Wiedereinstellung des Pr\u00e4sidenten der Arbeiterkommission einer kleineren Firma, der sich mit seinem Chef wegen der Pausenzeit verkracht hatte. Die Hafenarbeiter geh\u00f6ren gerade zu jenen Arbeitertypen, die sehr h\u00e4ufig kleine Streiks oder andere Kampfformen anwenden, um ihre schwierige Situation zu verbessern.<\/p>\n<p>Sie sind ein bisschen die Ausgeflippten unter den Basler Arbeitern, da sie jederzeit arbeitslos werden k\u00f6nnen, wenn einmal nichts l\u00e4uft. Leider wird dar\u00fcber nicht sehr viel geschrieben. Und vielleicht waren die Akkordarbeiter im Hafen f\u00fcr die Basler Arbeiterbewegung tats\u00e4chlich nicht von grosser Bedeutung. Wir wissen jedoch, dass sie 1961 gegen die Einstellung von Grenzg\u00e4ngern rebellierten oder f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter eine recht k\u00e4mpferische Bewegung f\u00fcr einen neuen Vertrag f\u00fchrten, die erst ganz kurz vor einem gr\u00f6sseren Streik zum Abschluss kam.<\/p>\n<p>Zu der uns unterdessen bereits bekannten traditionsreichen Handwerkergewalt geh\u00f6rt auch ein Streik der Genfer Plattenleger, die einen frisch von Streikbrechern gelegten Parkettboden kurzerhand wieder zum Fenster hinausbef\u00f6rderten und in einer anderen Wohnung den neuen Parkettboden unter Wasser setzten.<\/p>\n<p>In derselben Tradition stehen die Genfer Elektromonteure, die im Juni 1960 mit einem Streik f\u00fcr mehr Lohn k\u00e4mpften. Fachm\u00e4nnisch zerschnitten sie in neuen Wohnbauten die Haupt- und Zufuhrleitungen wieder. Im gleichen Jahr streikten im Baselbiet 16 Saisonniers einer Baufirma, weil ihre L\u00f6hne nicht rechtzeitig ausbezahlt worden waren und weil sie manchmal zu 13-16 Stunden Tagesarbeit gezwungen wurden. Die Arbeiter wurden dann von einer anderen Firma \u00fcbernommen. Zur gleichen Zeit standen aber auch die Parkettleger in Basel im Ausstand. Die Unternehmer fanden dank ihrer guten Kenntnis der Rechtslage heraus, dass der Streik ungesetzlich sei und die Gewerkschaft war gutm\u00fctig genug, den Kampf abzubrechen. Erfolgreicher waren da schon die Arbeiter der Habasit-Werke in Reinach, wo sie die Ersetzung eines sogenannten &#8222;Hausvertrags&#8220; in einen gewerkschaftlichen Kollektivvertrag durchsetzen konnten.<\/p>\n<p>1962 setzten die Gipser in Schaffhausen in einem eint\u00e4gigen Streik einen neuen Vertrag mit verschiedenen Verbesserungen durch. In einer kleinen Fabrik in Ligornetto im Tessin streikten 24 Arbeiter, weil der Unternehmer sich weigerte, Verhandlungen \u00fcber einen Gesamtarbeitsvertrag aufzunehmen. Da der Unternehmer auch auf den Streik hin nicht reagierte, suchten sich die Arbeiter andere Stellen.<\/p>\n<p>1963 f\u00fchrten die Gipser in Z\u00fcrich den bis heute letzten grossen Handwerkerkampf in der Nachkriegszeit: 15 Wochen lang verweigerten 1.000 Gipser die Arbeit. Unter ihnen war eine ganze Anzahl Italiener aktiv. Es waren besonders PCI-Genossen. Allerdings wurden andere Fremdarbeiter von den Unternehmern auch als Streikbrecher eingesetzt, ebenso wie Schweizer Gipser und Handlanger oder Lehrlinge. Gegen diese organsierten die Gipser wieder erfolgreich ihre motorisierten Patrouillen und in besonders hartn\u00e4ckigen F\u00e4llen gingen sie gleich zu 200-300 los, um die Streikbrecher zu vertreiben<\/p>\n<p>Einmal kam es zu einer Schl\u00e4gerei mit der Polizei, die Streikbrecher sch\u00fctzen wollte. Und wie schon fr\u00fcher gingen mal da, mal dort einige frisch gegipste W\u00e4nde oder ganze Wohnungen zum Teufel. Die Gipser hatten neben einer Lohnerh\u00f6hung vor allem die 40-Std.-Woche auf ihre Fahne geschrieben und verstanden sich durchaus als &#8222;Pioniere des sozialen Fortschritts&#8220;.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurden sie das gemessen an den materiellen Ergebnissen des Kampfes nicht, weil ihr Kampf viel zu isoliert blieb, wogegen die Malermeister selbst den &#8222;Vorort&#8220; im R\u00fccken hatten, um einen enorm gef\u00fcrchteten Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr die 40-Std.-Woche zu verhindern. Die offizielle Arbeiterbewegung mochte sich nicht einmal mehr zu einer Solidarit\u00e4tsdemonstration aufraffen und die Bonzen anderer Gewerkschaften scheuten sich nicht davor zur\u00fcck, die Streikenden als &#8222;St\u00f6rer des Arbeitsfriedens&#8220; zu denunzieren. Zu inoffiziellen Solidarit\u00e4tsaktionen anderer Berufsgruppen auf den Baupl\u00e4tzen kam es sozusagen nicht mehr und so mussten die Gipser ihren Kampf schliesslich mit einer Lohnverbesserung, aber ohne Arbeitszeitverk\u00fcrzung aufgeben.<\/p>\n<p>Kurz nach der Niederlage im Gipserstreik startete die Bundespolizei eine breite Verfolgungsaktion gegen PCI-Mitglieder und -Sympathisanten, die offiziell an der Propaganda f\u00fcr die italienischen Wahlen aufgeh\u00e4ngt wurde. Ziemlich viele Genossen wurden damals ausser Landes verwiesen oder, wenn sie gerade im Ausland waren, mit der Einreisesperre bestraft. Innert zwei, Wochen verliessen aus Protest mehr als 500 italienische Fremdarbeiter mitten in der Arbeitssaison die Schweiz. Durch den Rausschmiss und die demonstrative Ausreise von hunderten von aktiven Genossen aus der Emigration wurde jene M\u00f6glichkeit zerschlagen, die sich im Z\u00fcrcher Gipserstreik angedeutet hatte: die Verbindung der antiinstitutionellen Kampfformen der Handwerker mit der Wut der Arbeitsemigranten.<\/p>\n<p>Die Arbeitszeitfrage wurde vom SGB dann in dem Sinne gel\u00f6st, dass er gegen die Beibehaltung der alten Wochenarbeitszeit von 45 Stunden die Versch\u00e4rfung des Fremdarbeiterstopps von 1963 aushandelte oder zumindest meinte, diese Versch\u00e4rfung ausgehandelt zu haben. Wie wir n\u00e4mlich noch sehen werden, waren auch viele Unternehmer an dieser repressiven Fremdarbeiterpolitik interessiert, die der SGB allerdings schon viel l\u00e4nger vorgeschlagen hatte. Nur h\u00e4tten ihn die Unternehmer fr\u00fcher kaum verkraften k\u00f6nnen, denn vorher waren sie noch voll auf eine Vergr\u00f6sserung der Gesamtarbeitskraft angewiesen gewesen.<\/p>\n<p>Erst nachdem sie den diskutierten Restrukturierungsprozess zumindest innerhalb bestimmter Grenzen vorangetrieben hatten, konnten sie auch einen Fremdarbeiterstopp verkraften, der in Kombination mit der Werkstattflucht der Schweizer seit 1965 eine kontinuierliche Verringerung der industriellen Arbeitskraft mit sich brachte. Nat\u00fcrlich hatte diese Politik auch viele Unternehmer aus dem Rennen geschmissen, die sich nur dank dem unbeschr\u00e4nkten Fremdarbeiterimport am Leben erhalten konnten.<\/p>\n<p>Der verst\u00e4rkte Fremdenhass der Gewerkschaften lag darin begr\u00fcndet, dass der Widerstand der Schweizer Arbeiter, vor allem der professionellen, gegen die Rationalisierungspolitik nicht immer erfolgreich war. Schon der Firestone-Kampf zeigte die Schwierigkeiten unter Verwendung kommunistischer Strukturen gegen die Intensivierung der Ausbeutung vorzugehen, obwohl es damals im Gegensatz zum Kampf in der SIG Schaffhausen noch gelang, die Massenarbeiter in die Front einzubeziehen. Doch dieser Widerstand wurde immer mehr in die Defensive gedr\u00e4ngt und fand seinen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt im Gipserstreik.<\/p>\n<p>Man kann diesen Arbeitern nur aus einem v\u00f6llig moralisierenden Gesichtswinkel vorwerfen, dass sie ihren Hass gegen die Unternehmer konsequent gegen jene Arbeiterschicht zu wenden begannen, mit der ihr das offenbar so notwendige B\u00fcndnis nicht mehr gelang: gegen die Arbeitsemigranten. Diese wurden immer mehr als Hauptfeind betrachtet, weil sie es eben waren, die dort, wo sich die Schweizer weigerten, sich der neuen Art zu arbeiten zu unterwerfen, diese ausf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Andererseits wurde die Konkurrenz zwischen Schweizer Arbeitern und Emigranten der \u00e4lteren Generation nun auch vielfach dort aktuell, wo sie vorher kaum entstanden war, weil die alten Emigranten nun dank der neuen Emigrationswelle vielfach selber die besseren Jobs \u00fcbernehmen konnten.<\/p>\n<p>Die Reaktion der Gewerkschaften auf die Problematik reichte aber offenbar nicht aus, um die Wut der in die Defensive gedr\u00e4ngten Arbeiter in ihre Kan\u00e4le zu lenken. Den Rest der Arbeit \u00fcbernahm eine 1963 gegr\u00fcndete &#8222;Nationale Aktion gegen die \u00dcberfremdung von Volk und Heimat&#8220;, die den Fremdenhass auf faschistische Bahnen zu lenken trachtete. Aber dem Kapital war die Erfahrung der K\u00e4mpfe, die die Schweizer Arbeiter gef\u00fchrt hatten, in die Knochen gefahren: es h\u00fctete sich davor, ihren Lohnanspr\u00fcchen die kalte Schulter zu zeigen.<\/p>\n<p><strong>Die Emigranten<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Zeit hatten sich \u00fcberall in der Emigration Arbeiterzirkel gebildet, vor allem von PCI-Kadern getragen, die zum Teil mit Erfolg f\u00fcr den Eintritt in die Gewerkschaften pl\u00e4dierten. Es waren das jene Emigranten, vielfach mit guten Qualifikationen, die unterdessen das Niederlassungsrecht erhalten hatten oder als Jahresaufenthalter mit mehrj\u00e4hrigem Arbeitsaufenthalt in der Schweiz mit den Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt gleichgestellt waren und Betrieb wie Wohnort jederzeit wechseln konnten. Sie waren durch alle Branchen hindurch t\u00e4tig und bereiteten den Unternehmern wie den Gewerkschaftsbonzen grosse Sorgen, weil sie nat\u00fcrlich nicht in die Gewerkschaften eingetreten waren, um deren Arbeiterfeindlichkeit und Unt\u00e4tigkeit zu erhalten.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig zu sehen, dass der immense Import von neuen Emigranten es dieser Arbeiterschicht der alten Emigration erlaubte, an der Fluktuationsbewegung teilzunehmen und diese dadurch noch verbreitert wurde. Im Jahresbericht 1962 schrieb der Arbeitgeberverband der schweizerischen Maschinen- und Metallindustrie: &#8222;Hatten die Ausl\u00e4nder fr\u00fcher ein stabilisierendes Element gebildet, so sind es nun vor allem sie, die sehr leicht und unbek\u00fcmmert den Arbeitsplatz wechseln, sobald sie mit unseren Verh\u00e4ltnissen irgendwie vertraut sind.&#8220;<\/p>\n<p>Und ein Jahr sp\u00e4ter das gleiche Lied: &#8222;Nach Berichten massgebender Firmen war der Stellenwechsel besonders bei den Ausl\u00e4ndern lebhaft, ja, manchmal um das mehrfache h\u00e4ufiger als bei den Schweizern, und dies, obwohl er f\u00fcr die kontrollpflichtigen Ausl\u00e4nder bewilligungspflichtig ist. &#8230; tats\u00e4chlich beanspruchen die Ausl\u00e4nder&#8230;in \u00fcberreichem Masse ein Recht auf Stellenwechsel, oft nur, um die Jagd nach dem h\u00f6chstm\u00f6glichen Lohn bis zum \u00e4ussersten zu treiben.&#8220; Und Erfolg hatten die Arbeiter zweifellos in einem Ausmasse, der offene Kampfformen vorerst nicht zur ersten Dringlichkeit machte.<\/p>\n<p>Irgendwie mussten die Unternehmer diesen &#8222;Wandergesellen&#8220; wieder Meister werden. In der Metall- und Maschinenindustrie versuchten sie es vorerst mit einem internen Abkommen. So verpflichtete der ASM seine Mitgliedsfirmen in einer Erkl\u00e4rung vom 21.M\u00e4rz 1962 zu folgendem Verhalten: &#8222;Die Firmen stellen keine Arbeiter und Angestellten ein, die innert der letzten zwei Jahre schon dreimal oder noch h\u00e4ufiger den Arbeitsplatz gewechselt haben. Sie verzichten auch auf eine Einstellung, wenn ein Arbeiter oder Angestellter den erst vor kurzem angetretenen bisherigen Arbeitsplatz ohne triftigen Grund aufgeben will oder aufgegeben hat.&#8220;<\/p>\n<p>Allein, da die Kapitalisten unter sich nat\u00fcrlich meistens nicht so einig sind, dass irgendwelche &#8222;Erkl\u00e4rungen&#8220; f\u00fcr eine gemeinsame Strategie gegen die Arbeiter ausreichen w\u00fcrde, n\u00fctzte diese Verpflichtung nicht gerade viel. Sie mussten zu h\u00e4rteren Mitteln greifen, um die Arbeiter wieder ausbeutbarer zu machen: sie mussten den Wandergesellen die Arbeitspl\u00e4tze mit einem Stopp der Fremdarbeiterzufuhr, den der Bundesrat am 1. M\u00e4rz 1963 verf\u00fcgte, verunsichern.<\/p>\n<p>Die Form dieses Fremdarbeiterstopps (betriebsweise Plafonierung) war zweifellos in erster Linie darauf ausgerichtet, die zu grosse und kostspielige Mobilit\u00e4t der Arbeiter wieder in den Griff zu bekommen. Offen verbanden die Kapitalisten mit diesen Beschl\u00fcssen &#8222;die Hoffnung, dass die Massnahmen zur Beschr\u00e4nkung der ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte wenigstens die Fluktuation der Ausl\u00e4nder etwas einzud\u00e4mmen verm\u00f6ge.&#8220; Von 1964 auf 1965, als die Beschr\u00e4nkungen nochmals versch\u00e4rft wurden, wurde die Zahl der kontrollpflichtigen ausl\u00e4ndischen Arbeiter denn auch tats\u00e4chlich um 45 000 auf 676 000 gesenkt, von 1965 auf 1966 um weitere 30 000. Allerdings nahmen daf\u00fcr die Niedergelassenen zu.<\/p>\n<p>Durch diese Massnahmen gelang es effektiv, die Fluktuation etwas einzud\u00e4mmen. 1965 schrieb der ASM: &#8222;Eindeutig ist die Beruhigung gr\u00f6sstenteils auf die D\u00e4mpfung der Wanderlust der ihrer Stelle nicht mehr so sicheren Ausl\u00e4nder zur\u00fcckzuf\u00fchren.&#8220;<\/p>\n<p>Zweifellos waren jedoch nicht nur die Fremdarbeitermassnahmen, sondern auch die bereits erw\u00e4hnte Bupo-Aktion gegen diese alte Emigration gerichtet, um nachhaltig zu verhindern, dass sie eine Vermittlerrolle zwischen den Schweizer Arbeitern und den neu eingef\u00fchrten S\u00fcditalienern und Spaniern \u00fcbernehmen konnte. Doch damals reichte der Protest in der Schweiz nicht zu mehr als zu verbalen Erkl\u00e4rungen, zum Beispiel in der Hispano-Suiza in Genf und in der kommunistischen Presse. Es w\u00fcrde uns allerdings auch nicht wundern, wenn wir Beweise daf\u00fcr f\u00e4nden, dass auch die Gewerkschaften hinter dieser Aktion steckten.<\/p>\n<p>Denn die PCI-Kader, die auf diese Weise vertrieben wurden, waren auch diejenigen, die aktiv f\u00fcr eine Integration der Emigration in die Gewerkschaften eintraten und so der ber\u00fchmten W\u00fcthrich-Alternative: entweder die gleiche oder gar mehr Arbeitszeit oder noch mehr &#8222;Tschinggen&#8220;, einige Schwierigkeiten bereiteten. Auch wenn viele dieser Genossen noch voller Gewerkschaftsillusionen waren, so waren ihre Arbeiterkommunikationsstrukturen: die PCI-Arbeiterzirkel, die Colonie Libere oder \u00e4hnliche Organisationen, doch noch besser als nichts.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verschwanden diese Organisationen nicht, doch in ihrem Kampf gegen eine arbeiterfeindliche Gewerkschaft wurden sie zumindest ein grosses St\u00fcck zur\u00fcckgeworfen. Wichtiger ist jedoch, dass sich danach die Notwendigkeit einer autonomen Arbeiterorganisation jenseits der reformistischen Perspektive viel dringlicher und unmittelbarer, wenn auch nicht leichter l\u00f6sbar, darstellte.<\/p>\n<p>Doch an der L\u00f6sung dieses Problems begannen eben jene Emigranten zu arbeiten, die erst kurze Zeit in der Schweiz ihr Geld verdienten und die durch die defensiven Einheimischen und die Repression gegen die alte Emigration v\u00f6llig in die Isolierung gedr\u00e4ngt worden waren.<\/p>\n<p>Dieser Arbeitertyp hatte von Vornherein kein Interesse mehr an den Gewerkschaften und leistete einen betr\u00e4chtlichen Beitrag an die sich entwickelnde Krise der Gewerkschaft: an den sich beschleunigenden Mitgliederschwund.<\/p>\n<p>Mit diesen Arbeitern begann auf neue Weise ein Typ von kurzem und von der Gewerkschaft nicht mehr kontrolliertem Streik aktuell zu werden, der Ende der 60er Jahre zu einem zentralen Moment des Arbeiterkampfs werden sollte. Damit meinen wir zum Beispiel den vierst\u00fcndigen &#8222;Bettstreik&#8220; von 50 ausl\u00e4ndischen Bauarbeitern im November 64 in Genf. Oder den zweist\u00fcndigen Streik auf einer Baustelle in Cressier ein Jahr sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Wir sind \u00fcberzeugt, dass wir damit nur einige wenige Beispiele einer viel gr\u00f6sseren Wirklichkeit des Kurzstreiks aufgez\u00e4hlt haben. Doch einmal mehr wird dar\u00fcber weder bei den Unternehmern noch bei den Gewerkschaften viel geschrieben, da sie nat\u00fcrlich auch wissen, dass das Totschweigen der k\u00e4mpferischen Seite des Arbeiterdaseins eine in gewissen Zeiten nicht unwirksame Kampfform ist.<\/p>\n<p>Ebenso verhinderte aber auch die Polizei die Entfaltung dieser autonomen K\u00e4mpfe und ihre Verarbeitung durch die Arbeiter. Als im Juni 1966 56 italienische Arbeiter auf der Baustelle des Atomkraftwerkes in Beznau zu streiken begannen, konnten sie von der Presse, von der Polizei, vom kantonalen Arbeitsamt und von der Gewerkschaft ungehindert bek\u00e4mpft werden. Niemand zeigte sich an ihren Bed\u00fcrfnissen interessiert. Diese Bauarbeiter begannen zu streiken, weil eine Lohnerh\u00f6hung individuell aufgeteilt wurde. Einige bekamen sogar weniger.<\/p>\n<p>Die Organisatoren dieser Arbeitsverweigerung waren mobile Genossen, die der Fremdenpolizei schon von einem \u00e4hnlichen Kampf in Filisur bekannt waren. Doch kaum begann der Streik, kam die Kantonspolizei und nahm allen, die nicht arbeiten wollten, ungehindert die P\u00e4sse ab. 20 Arbeiter begannen daraufhin wieder zu arbeiten. Das ebenfalls angekommene Arbeitsamt hatte einen klaren Standpunkt: &#8222;Wer von den Italienern die Arbeit aufnehmen will, soll sie; wer nicht will, soll heimreisen. \u00dcber die R\u00e4delsf\u00fchrer soll die Landesverweisung verh\u00e4ngt werden.&#8220; Diesem geballten Zusammenspiel von Staat und Unternehmern konnten die Arbeiter nichts entgegenstellen.<\/p>\n<p>Die mobilen Wanderagitatoren zogen die sofortige Ausreise aus der Schweiz vor, weil sie sowieso wussten, dass sie ausgewiesen w\u00fcrden. Dieser Streik ist ein Fall, bei dem die fremdenpolizeiliche Unterdr\u00fcckung des Arbeiterkampfs voll funktionierte. Es ist ein Fall unter vielen. Die Bauarbeitergewerkschaft bemerkte nur, dass die Arbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert gewesen seien und dass das Einziehen der P\u00e4sse &#8222;in solchen F\u00e4llen&#8220;, zu denen sie des \u00d6fteren gerufen werde, un\u00fcblich sei. Wie dem auch sei: nach den Gewerkschaften h\u00e4tten die Arbeiter &#8222;die Sache&#8220; nur nicht richtig verstanden; das \u00fcbliche Argument gegen fremdl\u00e4ndische Barbaren.<\/p>\n<p><strong>Der Einschnitt &#8217;66&#8217;67<\/strong><\/p>\n<p>Trotz allem Gewicht der vielf\u00e4ltigen Unternehmertaktik gegen die Aufs\u00e4ssigkeit und die Bed\u00fcrfnisartikulation der Arbeiter erreichten sie zwischen 1959 und 1966 eine Reallohnsteigerung von 30%. Im Gegensatz dazu betrug diese in den 50er Jahren nur 12%. Die Kapitalisten kam es teuer zu stehen, dass sie sich sozusagen mit den Schweizer Facharbeitern verb\u00fcnden mussten, um die Emigranten zu isolieren, also genau mit jenen Arbeitern, gegen die sie eigentlich hatten vorgehen wollen. Ebenso war ihnen die Mobilit\u00e4t der alten Emigration ans Portemonnaie gegangen.<\/p>\n<p>Es kann uns deshalb nicht verwundern, dass die Kapitalisten Mitte der 60er Jahren in schrilleren T\u00f6nen \u00fcber die &#8222;Lohnkostenexplosion&#8220; zu jammern begannen. Und dies einmal mehr nicht nur in der Schweiz. \u00dcberall f\u00fchrten die Arbeiter den gleichen Kampf, in der BRD und anderswo. Es kam auch nicht von ungef\u00e4hr, dass in diesen Jahren in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern versucht wurde, \u00fcber staatliche Lohnfestsetzungen und Einkommenspolitik die Lohnbewegung wieder in den Griff zu bekommen. Mit wenig Erfolg!<\/p>\n<p>Wir haben schon gesehen, wie der schweizerische Staat mit der Blockierung des Flusses der Emigration den Lohndruck einzud\u00e4mmen versuchte. Dies war mit weiteren Massnahmen verbunden, die ebenfalls die wirtschaftliche Expansion unterbrechen sollten. Sie sollten es den Kapitalisten besser erm\u00f6glichen, aus der verzwackten Situation des blockierten Restrukturierungsprojektes herauszukommen.<\/p>\n<p>Die Krediteinschr\u00e4nkungen wirkten sich zum Beispiel auf die Betriebsstruktur aus: es begann die vielbeachtete Betriebskonzentration. So wurden zwischen 1966 und 1972 4 000 Betriebe geschlossen. Durch diese Betriebsschliessungen, aber auch die vielen ber\u00fchmten Fusionen dieser Jahre nach 1966 wurden die Betriebsgr\u00f6ssen besser den Notwendigkeiten der Reorganisierung der Ausbeutung angepasst.<\/p>\n<p>Dieser erneute Anlauf, die Reorganisation der Ausbeutung gegen die Arbeiter durchzusetzen, wurde wirklich aktuell durch den Produktionsstopp von 1966\/67, fast gleichzeitig wie auf internationaler Ebene. (In der BRD schoben die Unternehmer damals mehr als eine Million Ausl\u00e4nder ab!)<\/p>\n<p>In der Schweiz schufen die Unternehmer 1966\/67 zwar keine Arbeitslosigkeit, aber sie ben\u00fctzten den leichten Produktionsr\u00fcckgang, um die Betriebe von den aufs\u00e4ssigsten Elementen zu reinigen. Wir fragen uns, inwieweit in der Schweiz diese Kurzkrise nicht auch eine Antwort auf die Passivit\u00e4t der Arbeiter nach der Niederlage der Handwerker 1963 war, die auf ihre Art die Fortsetzung des Reorganisierungsprojektes verhindert hatte.<\/p>\n<p>An der Druckindustrie k\u00f6nnen wir sehen, wie die Unternehmer um diese Zeit einen neuen Anlauf gegen die Facharbeiter nahmen, indem neue Produktionsverfahren eingef\u00fchrt wurden. Gegen den mit dieser Zerst\u00f6rung der Berufsarbeit verbundenen Angriff auf den Lohn wollten sich die Typographen damit wehren, dass sie folgenden (von der &#8222;Nationalzeitung&#8220; so umschriebenen) Artikel im Gesamtarbeitsvertrag noch versch\u00e4rfen wollten: &#8222;In allen Sparten des Buchdruckergewerbes d\u00fcrfen nach wie vor die Berufsarbeiten nur durch gelernte Arbeitnehmer (Typographen) verrichtet werden. Ein Hilfsarbeiter mag noch so t\u00fcchtig sein, was er im Betrieb in die Finger nehmen darf, ist genauestens vorgeschrieben.&#8220; (Nationalzeitung Nr.267, 13.6.67)<\/p>\n<p>Doch der Typographenbund musste klein beigeben und die Neuorganisation der Produktion durch ein vom Unternehmerverband vorgeschlagenes &#8218;Statut f\u00fcr Angelernte&#8216; auch vertraglich zugestehen.<\/p>\n<p>In der gleichen Zeit ging der Angriff auf die Berufsarbeiter aber auch in den anderen Hochburgen der qualifizierten Arbeiter (Maschinen, Uhren usw.) weiter. So machte der Verband der Maschinenindustriellen denn auch die ersten Vorst\u00f6sse f\u00fcr eine Reorganisation der Berufsausbildung. Er schlug die Einf\u00fchrung der Kurz- bzw. Stufenlehre vor, die anschliessend immer mehr verwirklicht wurde. Damit sollte die Ausbildung der Arbeitskr\u00e4fte der neuen Produktionsstruktur angepasst werden, die immer mehr einen mobilen und \u00fcberall einsetzbaren Arbeiter erforderte. \u00c4hnliche Beruf Ausbildungsmodelle wurden auch in anderen Branchen entwickelt.<\/p>\n<p>Diese sich durchsetzende Reorganisation der Arbeit und des Arbeitsmarktes machte bereits einen bedeutenden Teil der Arbeiter in den Betrieben der Maschinen- Uhren- und Druckindustrie den Arbeitern der Textil-, Bekleidungs-, Nahrungsmittel- und Aluminiumindustrie immer \u00e4hnlicher, aber auch den ungelernten Arbeitern auf den Baupl\u00e4tzen. Diese un- und angelernten Arbeitskr\u00e4fte waren weiterhin zum \u00fcberw\u00e4ltigenden Teil Arbeitsemigranten. Bereits 1967 war jeder dritte Industriearbeiter in der Schweiz Ausl\u00e4nder!<\/p>\n<p>Die Betriebe mit den gr\u00f6ssten Anteilen von an- und ungelernten Arbeitern blieben jedoch weiterhin in den Regionen aufgesplittert (Typisch vor allem f\u00fcr die Textil-, Bekleidungs-, Nahrungsmittel- und Aluminiumindustrie), so dass alle Versuche, die Vermassung verschissenster Arbeit in offenere K\u00e4mpfe umzusetzen, weitgehend isoliert blieben. Wir werden diesen Mechanismus nachher am Beispiel des Tessins genauer sehen. In den grossen Fabriken wie der BBC, Sulzer, Escher-Wyss usw. blieb die Zusammensetzung der Belegschaften vorerst noch durch die Berufsarbeiter bestimmt.<\/p>\n<p>Das dr\u00fcckte sich nicht zuletzt darin aus, dass z.B. die BBC noch 1970 kaum spanische Arbeiter angestellt hatte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es noch viele andere Mittel, um die Arbeiterk\u00e4mpfe zu kontrollieren, wie z.B. Lohnsysteme, Aufsplitterung in den Abteilungen usw.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite w\u00fcrde es zu weit f\u00fchren, genauer auf diese Mechanismen einzugehen, auf der anderen Seite liegt hier noch eine grosse Forschungsarbeit offen.<\/p>\n<p><strong>Der Durchbruch der Emigranten<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen heute, dass der gewerkschaftliche &#8222;Arbeitsfrieden&#8220; in der ganzen Nachkriegsgeschichte nie absolut gewesen ist. Die &#8222;andere&#8220; Arbeiterbewegung war immer pr\u00e4sent. Sie artikulierte sich allerdings in Formen, die von der offiziellen Linken, aber auch von der sich seit 1968 im Zuge der K\u00e4mpfe der Jungarbeiter, Lehrlinge, Sch\u00fcler und Studenten entwickelnden &#8222;Neuen Linken&#8220; totgeschwiegen oder ignoriert wurden. Die Arbeiter mussten ihren tagt\u00e4glichen Kleinkrieg mit den Unternehmern vorerst viel offener und breiter f\u00fchren, bis sie wieder als treibendes Subjekt der kapitalistischen Gesellschaft anerkannt wurden.<\/p>\n<p>Und wieder haben wir es dabei mit einem internationalen Prozess zu tun, der z.B. im franz\u00f6sischen Mai, im heissen Herbst in Italien, in den deutschen Septemberstreiks 1969 seinen Ausdruck fand. F\u00fcr die Arbeiterk\u00e4mpfe dieser Jahre war zweifellos auch die erw\u00e4hnte Bewegung der &#8222;neuen Linken&#8220; wichtig, und es d\u00fcrfte sich lohnen, einmal die Geschichte dieser Bewegung in diesem Rahmen aufzuarbeiten.<\/p>\n<p><strong>Klassenkampf auf Italienisch<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem in den fr\u00fchen sechziger Jahren die ausl\u00e4ndischen Arbeiter langsam begannen, f\u00fcr das Kapital ein Risikofaktor zu werden, wurde die Immigration 1964 staatlich gestoppt. Nach 1968 wurden die Schleusen f\u00fcr eine n\u00e4chste Einwanderungswelle ge\u00f6ffnet. W\u00e4hrend aber nach 1958 die Italiener das entscheidende Moment waren, waren es jetzt die spanischen Saisonniers. In der deutschen Schweiz wurde dadurch eine Verbindung des Kampfpotentials der zwei Einwanderungswellen massiv erschwert.<\/p>\n<p>Dies gilt nicht f\u00fcr den Tessin, wo weiterhin vor allem Italiener einwanderten, und f\u00fcr die Welschschweiz, wo schon vor &#8217;64 die Spanier einen wesentlichen Teil der Emigration ausmachten. Vielleicht Ist das auch der Grund daf\u00fcr, dass die K\u00e4mpfe zuerst im Tessin und dann vor allem in Genf einen H\u00f6hepunkt erreichen, um mit der Pensionskassenbewegung im Raume Z\u00fcrich einen neuen Schwerpunkt zu finden.<\/p>\n<p>Der Streik der 70 italienischen Grenzg\u00e4nger in der Flaschenfabrik Mignons in Chiasso im Januar\/Februar 1967 f\u00fcr den Abschluss eines Kollektivvertrages war vielleicht tats\u00e4chlich noch eine Ausnahme, wo sich die Arbeiter gegen die brutale Ausbeutung ihrer schwachen Situation auf dem Grenzg\u00e4ngermarkt wehrten.<\/p>\n<p>Der Unternehmer konnte n\u00e4mlich \u2013 wie sp\u00e4ter andere nach ihm &#8211; damit drohen, dass er die ganze Belegschaft entlassen werde. Aber nur mit M\u00fche konnte die Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter ein Jahr sp\u00e4ter einen Streik verhindern. Und die Krise dieser Gewerkschaft ist durchaus exemplarisch: von rund 40 000 Arbeitern der Bekleidungsindustrie &#8211; wovon 80% Frauen und mehr als die H\u00e4lfte Ausl\u00e4nder &#8211; waren nur etwa 2 500 oder lediglich 5% bis 6% gewerkschaftlich organisiert. Wir erw\u00e4hnen sie, weil sie im Tessin besonders ausgepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>Trotzdem waren es vorerst nicht die Bekleidungsarbeiter, sondern die 70 Arbeiter der Kugelschreiberfabrik &#8222;Penrex&#8220; im Menrisiotto, die im Juli 1968 zur Streikwaffe griffen, um drei Wochen Ferien durchzusetzen. Mit Streikposten verhinderten sie den Abtransport fertiger Produkte. Gleichzeitig streikten auch die Arbeiter der Malisa gegen den Akkord. In beiden F\u00e4llen standen die Grenzg\u00e4nger an vorderster Front. (Bei der Penrex waren nur 20% Schweizer besch\u00e4ftigt) Schliesslich besetzten die Penrex-Arbeiter die Fabrik und bewachten sie rund um die Uhr mit Streikposten. Nach einem Monat Streik wurden die Arbeiterforderungen erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Im April ein Jahr darauf streikten wiederum 25 Arbeitsemigranten einer Kugelschreiberfabrik, diesmal in Caslano, f\u00fcr eine Lohnerh\u00f6hung. Alle diese Streiks entwickelten sich im Mendrisiotto, dem untersten Teil des Tessins, wo fast nur Grenzg\u00e4nger arbeiten. Es waren also die italienischen Grenzg\u00e4nger, die eine neue Kampfwelle ank\u00fcndigten, die sich sp\u00e4ter auch in anderen Regionen der Schweiz fortsetzen und die politische Landschaft gr\u00fcndlich ver\u00e4ndern sollte.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal war es einer Schicht von Arbeiter nach Jahren wieder gelungen, ihre Ausbeutungssituation offen anzugreifen und sich nicht mehr durch die Anwesenheit der Bundespolizei von den K\u00e4mpfen abhalten zu lassen. Trotzdem blieb das grosse Problem dieser K\u00e4mpfe ihre Isolation, die durch die \u00dcbermacht der Unternehmer in diesem Gebiet verst\u00e4rkt wurde.<\/p>\n<p>Im Mai 1970 verweigerten die 150 Arbeiter (wiederum vor allem Grenzg\u00e4nger) der Schuhfabrik SAVOY in STABIO (Tessin), eine Tochterfabrik der Bally, w\u00e4hrend drei Wochen die Arbeit. Sie verlangten unter anderem einen garantierten Mindestlohn und die Abschaffung des Akkordlohns. Die Arbeiter w\u00e4hlten eine autonome Streikleitung. Dem Streik waren kleinere spontane Aktionen wie \u00dcberstundenverweigerung und kleine Arbeitsniederlegungen w\u00e4hrend der letzten zwei Jahre vorausgegangen. Doch weil der Streik isoliert blieb, konnte die vereinigte Front von Unternehmern und Gewerkschaft den Kampf zerschlagen: 60 Arbeiter (fast die H\u00e4lfte) wurden entlassen.<\/p>\n<p>Die anderen erhielten l\u00e4cherliche 5% mehr Lohn. Trotzdem hatte dieser Streik grosse Bedeutung und ausserdem: wie immer, eine verlorene Schlacht ist noch kein verlorener Krieg. Die grosse Bedeutung des Streiks lag in der v\u00f6lligen Ablehnung jeglicher gewerkschaftlichen Logik durch die Arbeiter. Sie haben jede Vertragspolitik abgelehnt und die gewerkschaftliche Betriebskommission nicht anerkannt. Dieses Niveau der Arbeiterautonomie (auch durch die Forderungen gegen die Arbeitsorganisation charakterisiert) zerschlug den gewerkschaftlichen Arbeitsfrieden. Gleichzeitig konnte es aber von den Arbeitern noch nicht wirklich getragen werden.<\/p>\n<p>Gleichzeitig f\u00fchrten die italienischen Arbeiter des Stahlwerkes MONTEFORNO in BODIO (ebenfalls Tessin) einen kurzen Streik. Dort hatten die Giessereiarbeiter die Forderung nach einem Franken mehr Lohn f\u00fcr alle verbreitet. Gegen den gewerkschaftlichen Vorschlag einer einmaligen Pr\u00e4mie opponierten die Giessereiarbeiter und verliessen geschlossen die Betriebsversammlung, um eine eigene Arbeiterkommission zu w\u00e4hlen. Sie gingen den ganzen Nachmittag nicht mehr zur Arbeit zur\u00fcck, konnten ihren Kampf jedoch nicht weiterf\u00fchren.<\/p>\n<p>Im August 1968 streikten auch noch Arbeiter des Aluminiumwerkes Martigny gegen gesundheitssch\u00e4dliche Arbeiten. Welcher Typ von Arbeiter das war, wissen wir zur Gen\u00fcge vom Kampf der Oberwalliser Aluminiumarbeiter 14 Jahre fr\u00fcher.<\/p>\n<p><strong>Die Spanier kommen<\/strong><\/p>\n<p>Kaum einen Monat in der Schweiz streikten im April 1970 in Genf 200 spanische Bauarbeiter der Firma MURER vier Tage lang erfolgreich f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen. W\u00e4hrend in der Stadt 4.000 Arbeiter und Jugendliche Solidarit\u00e4t demonstrierten, wurden die Forderungen erf\u00fcllt. Die Leitung des Kampfes lag in den H\u00e4nden eines von den Arbeitern gew\u00e4hlten Streikkomitees. Die Gewerkschaft konnte nur arbeiterfeindliche Parolen verbreiten.<\/p>\n<p>Seit diesem Streik konnte kein Linker mehr am Arbeiterkampf vorbeisehen. Er er\u00f6ffnete eine Welle von Streiks, die von den Saisonniers, den Grenzg\u00e4ngern und sp\u00e4ter auch von den \u00fcbrigen Emigranten getragen werden und seinen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt in den Genfer Metallstreiks finden sollte.<\/p>\n<p>Im Juni 1970 wurde eine Baufirma in Stansstaad von 40 spanischen Fremdarbeitern lahmgelegt. Der Kampf endete mit einer Niederlage. Die Streikenden wurden von der Fremdenpolizei an die Grenze gestellt.<\/p>\n<p>Im Jahre 1971 dauerten die K\u00e4mpfe der spanischen Bauarbeiter fort. Wiederum standen Forderungen f\u00fcr mehr Lohn und bessere Wohnverh\u00e4ltnisse im Vordergrund. Am 27.April begannen 50 Arbeiter der Baufirma VAUCHER ET REY in Genf einen Streik mit der Forderung nach Bezahlung des Transportweges von den Barracken zur Baustelle. Der Kampf weitete sich schnell auf die ganze Baufirma aus. Nach kurzer Zeit standen mehr als 350 Arbeiter im Ausstand. Sie forderten ausserdem, dass der durchschnittliche Lohn zum Minimallohn f\u00fcr alle werde und dass die Streikstunden bezahlt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Streikenden gingen nicht auf die der Gewerkschaft vom Unternehmer schell zugesagten l\u00e4cherlichen Kompromissvorschl\u00e4ge ein und f\u00fchrten den Ausstand autonom weiter. Die Streikfront begann abzubr\u00f6ckeln, als einige gew\u00e4hlte Mitglieder des autonomen Streikkomitees vor dem Streikende entt\u00e4uscht nach Spanien zur\u00fcckkehrten. (Bei diesem Man\u00f6ver hatten auch Faschisten der spanischen Botschaft die Hand im Spiel, die diese R\u00fcckreise finanzierten.) Am 4.Mai begannen 50 Saisonniers der Baufirma ZSCHOKKE mit einem Solidarit\u00e4tsstreik. Sie stellten \u00e4hnliche Forderungen auf.<\/p>\n<p>Obwohl der Kampf mit einer Niederlage endete, nachdem der Unternehmer mit der Ausweisung drohte und insgesamt 80 Spanier die Schweiz wieder &#8222;freiwillig &#8220; verliessen, ist seine politische Bedeutung gross: die Bauarbeiter griffen in einem ersten Schritt das Saisonniersstatut als Bedingung grosser \u00dcberausbeutung an. Dieser Angriff gegen die Gesamtheit der Ausbeutung (Wohnen und Arbeit) ist sicher nicht bloss wegen der Wegreise einiger Arbeiter zusammengebrochen, sondern vor allem auch, weil seine autonome Ausweitung auf andere Baustellen nicht ausreichend funktionierte.<\/p>\n<p>Wieso gab es keine riesige Solidarit\u00e4tsdemonstration mehr wie ein Jahr fr\u00fcher beim Murer-Streik? So konnte der Verband der Bauunternehmer zum Abschluss ein Communiqu\u00e9 herausgeben, in dem er den ins k\u00fcnftigen Gebrauch der Polizei gegen diese &#8222;Analphaten&#8220; ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>Aber wir haben vorgegriffen. Noch vor dem Kampf bei Vaucher et Rey sollte sich die spanische Emigration noch ganz anders bemerkbar machen, auf der Strasse und in der Fabrik.<\/p>\n<p>Im Dezember 1970 organisierten spanische Organisationen (PCE u.a.) eine nationale Protestdemonstration in Bern im Zusammenhang mit den Prozessen gegen baskische Separatisten in Burgos. Es erschienen rund 1.000 Leute, vorwiegend Spanier sowie einige Gr\u00fcppchen von Genossen aus der neuen Linken. W\u00e4hrend sich der Demonstrationszug in Bewegung setzte, wurde von einem Kommando das spanische Arbeitsamt besetzt.<\/p>\n<p>Die Polizei traf erst kurz vor dem Demonstrationszug vor dem Arbeitsamt ein, wo sie sich im Garten in gewohnter voller Ausr\u00fcstung aufstellte.<\/p>\n<p>Bei Zusammenst\u00f6ssen mit der Polizei setzte diese ihre Wasserwerfer auf k\u00fcrzeste Distanz ein, doch schliesslich musste sie die Besetzer des Arbeitsamtes abziehen lassen. Bei der spanischen Botschaft stiess der Zug an die Abschrankung der Polizei. Einzelne Demonstranten bewarfen sie mit Knallfr\u00f6schen u.\u00e4.. Die Polizei setzte ihr ureigenstes Schweizerprodukt: die Wasser\/Tr\u00e4nengasmischung ein. Die Demonstranten wichen zur\u00fcck und antworteten mit Steinen, die, wo n\u00f6tig, mit Pickel und Schaufel beschafft wurden. Die Demonstrationsleitung versuchte vergebens zu bremsen. Doch sie verlor die Kontrolle v\u00f6llig. &#8211; Unterdessen hatte das Radio die K\u00e4mpfe gemeldet.<\/p>\n<p>Die Zahl der Demonstranten wuchs dauernd an. Nach zwei Stunden ging, auf Grund eines Ger\u00fcchtes, eine Frau sei verhaftet worden, eine Verhandlungsdelegation von Frauen an die Abschrankung. Das Ger\u00fccht wurde zwar widerlegt, doch die Demonstranten verhandelten um ein Abkommen, nach dem die Polizei keine Wasserwerfer und die Demonstranten keine Steine mehr einsetzen w\u00fcrden. In einem Triumphzug zogen rund 4 000 Genossen durch die Stadt.<\/p>\n<p><strong>Die Genfer Metallindustrie steht still<\/strong><\/p>\n<p>Drei Monate *sp\u00e4ter, am 26.Februar &#8217;71, traten 160 Arbeiter, etwa drei Viertel spanische Arbeitsemigranten, der Firma VERNTISSA in Genf (ein paar Monate fr\u00fcher von der Sulzer in Winterthur aufgekauft) in den Streik. Sie forderten eine zehnprozentige Lohnerh\u00f6hung f\u00fcr alle, weil der SMUV mit der Direktion ausgehandelt hatte, dass drei Prozent der Lohnerh\u00f6hung individuell je nach Arbeitsleistung ausbezahlt werden sollten.<\/p>\n<p>Bei Beginn der Arbeitsniederlegung versuchten SMUV und Betriebskommission die Streikenden zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Sie wurden von den Arbeitern ausgepfiffen. Die Arbeiter w\u00e4hlten ein autonomes und multinationales Streikkomitee (vor allem Mitglieder der revisionistischen Parteien).<\/p>\n<p>In Genf hatte sich offensichtlich ein eigentlich spanisches Milieu herausgearbeitet, das nicht zuletzt durch die Erfahrungen mit der spanischen Staatsgewerkschaft gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>Sprengkraft erhielt es, weil es im Gegensatz zur Region Z\u00fcrich bis in die Metall- und Maschinenindustrie hineinreichte. Bei der Vorbereitung der K\u00e4mpfe hatten allerdings auch autonome Basisgruppen mitgewirkt.<\/p>\n<p>Ausser der Lohnerh\u00f6hung forderten die Arbeiter, dass der Monatslohn nach Eintritt in die Firma (anstatt erst nach f\u00fcnf Jahren) vergeben werden, dass sie Einsicht in die Berechnung der Lohns\u00e4tze erhielten und dass die Streikstunden bezahlt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Am Nachmittag des 2.M\u00e4rz beschlossen die Arbeiter der HISPANO-OERLIKON (seit einigen Monaten ein B\u00fchrle-Betrieb) aus Solidarit\u00e4t mit den Verntissa-Arbeitern in den Streik zu treten. 200 der 300 Arbeiter folgten dem Streikaufruf. Sie stellten \u00e4hnliche Forderungen wie die Verntissa-Arbeiter. W\u00e4hrenddessen wurde der Verlauf und die weitere Ausweitung des Kampfs in einer autonomen Versammlung der Genfer Metallbetriebe diskutiert.<\/p>\n<p>Einen Tag darauf traten auch die 500 Arbeiter der ATELIERS DES CHARMILLES in den Ausstand. Insgesamt wurden damit f\u00fcnf Werke bestreikt. Die Gewerkschaft stellte sich offen gegen den Kampf, weil er den Arbeitsfrieden bedrohe.<\/p>\n<p>Am 5.M\u00e4rz gelang es den Revisionisten, den Streik bei Charmilles zu brechen, als ein Mitglied des Streikkomitees pers\u00f6nlich einen Vertrag f\u00fcr 9,5% anstatt f\u00fcr die geforderten 10% Lohnerh\u00f6hung unterschrieb. Eine Mehrheit der Arbeiter begann wieder zu arbeiten&#8220;. F\u00fcr das Abbr\u00f6ckeln der Streikfront aber war entscheidend, dass es der Betriebskommission eines weiteren wichtigen Betriebes, der Secheron, gelang, einen Solidarit\u00e4tsstreik der 1400 Arbeiter zu verhindern, weil sie Forderungen streiklos aushandelte. Nach einer Woche entschlossen sich auch die Arbeiter der Verntissa und der Hispano-Oerlikon, sich mit den 9,5% zufrieden zu geben.<\/p>\n<p>Die K\u00e4mpfe bei Savoy, Murer, Vaucher et Rey und in der Genfer Metallindustrie waren eindeutige politische Manifestationen der Arbeiterautonomie gegen Unternehmer und Gewerkschaft. Aber sie fanden sich immer einem Unternehmer gegen\u00fcber, der die Regionen Tessin und Genf zwar gut und gerne f\u00fcr eine grosse Ausbeutung benutzte, aber die Drohung, seine Fabriken zu schliessen und woanders wieder aufzustellen, wo sich die Arbeiter lieber ausbeuten liessen, auch wahr zu machen bereit war.<\/p>\n<p>Diesem Risiko des Arbeiterkampfs war nur die sofortige Ausweitung des Kampfs gewachsen. Dieses Risiko besteht in Regionen wie Z\u00fcrich weniger und es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass die Unternehmer dort sorgf\u00e4ltiger daf\u00fcr besorgt sind, dass die Arbeiter sich nicht zu schnell vereinigen k\u00f6nnen und die Spaltung viel systematischer betreiben.<\/p>\n<p>Eine weitere Schwierigkeit dieser K\u00e4mpfe war die Pr\u00e4senz der Revisionisten in den autonomen Streikleitungen, deren Interessen nicht die Radikalisierung der Auseinandersetzung war, sondern der Gebrauch der K\u00e4mpfe f\u00fcr den Aufbau einer neuen, radikaleren Gewerkschaft. Ihr Einfluss war dort am gr\u00f6ssten, wo auch die Professionalit\u00e4t der Arbeit noch am st\u00e4rksten war (Genfer Metallindustrie) und wo die Zielsetzungen deshalb auch nicht mit der gleichen Radikalit\u00e4t gegen die Arbeitsorganisation gerichtet waren, wie z.B. bei den Massenarbeitern des Bally-Betriebes in Stabio.<\/p>\n<p><strong>Die Bewegung ver\u00e4stelt sich<\/strong><\/p>\n<p>Im M\u00e4rz des gleichen Jahres organisierten vor allem spanische und italienische Arbeiter in den drei Werken der PAILLARD in der Waadt (Yverdon, Orbe, Ste.Croix) rotierende Streiks, weil die Direktion sich weigerte, bisher \u00fcbliche Gratifikationen in der H\u00f6he von 100-300 Franken auszuzahlen. Ausserdem forderten die Arbeiter eine zehnprozentige Lohnerh\u00f6hung, die sofortige Einf\u00fchrung des Monatslohns und den Verzicht auf jegliche Repressionen. Auf der Basis dieser Forderungen wurde an einer Versammlung von 700 Paillard-Arbeitern ein 21-k\u00f6pfiges Streikkomitee gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>An einer nachfolgenden Gewerkschaftsversammlung, an der sich auch die an sich nicht eingeladenen Nichtgewerkschaftsmitglieder Zugang verschafften, wurden die Lohnforderungen noch verbessert. Dann wurde der Kampf jedoch an eine Gewerkschaftskommission delegiert und die radikaleren Revisionisten, die vorher die Leitung der Auseinandersetzung innegehabt hatten, wurden ausser Spiel gesetzt. Ein durch die Gewerkschaft angerufenes Schiedsgericht entschied schliesslich, dass etwa die H\u00e4lfte der Forderungen erf\u00fcllt wurden.<\/p>\n<p>Im Juni kam es im Stahlwerk MONTEFORNO in BODIO zum zweiten wilden Streik, um eine generelle Lohnerh\u00f6hung von 70 Rappen und eine Revision der Akkordarbeit durchzusetzen. Nachdem die Gewerkschaft als Sprachrohr der Unternehmer mit Entlassungen drohte, nahmen die Arbeiter am zweiten Streiktag den Vorschlag der Direktion an, der ihnen 40 Rappen Stundenlohnerh\u00f6hung und eine Ferienpr\u00e4mie von 150 Franken einbrachte. Zwei nachtr\u00e4glich versuchte Entlassungen konnten mit einer Streikdrohung verhindert werden.<\/p>\n<p>Alle diese K\u00e4mpfe waren nur die deutlicher erkennbaren Ausdr\u00fccke einer Bewegung der Arbeiter viel breiteren Ausmasses. Im \u00dcbrigen ist auch klar, dass die beschriebenen Aktionen bei weitem nicht alle Produktionsstopps durch die Arbeiter umfasst. Hier noch einige weitere Beispiele aus den drei Monaten Juni, Juli und August 1971: ein Kurzstreik in der Mineralwasserfabrik Arkina in Yverdon f\u00fcr die Respektierung der Koalitionsfreiheit und f\u00fcr eine Lohnerh\u00f6hung von 30 bis 40 Rappen pro Stunde.<\/p>\n<p>Die Arbeiter siegten. In der Hemdenfabrik Feldmann in Biasca legten 115 Arbeiterinnen zweimal f\u00fcr mehrere Stunden die Arbeit nieder. Sie verlangten die Aufhebung der Akkordarbeit und einen garantierten Grundlohn von f\u00fcnf Franken f\u00fcr alle. Beim &#8222;Journal de Geneve&#8220; streikten 20 Typographen w\u00e4hrend einer Stunde f\u00fcr die Erh\u00f6hung des Tarifs im Gesamtarbeitsvertrag um 20%. Mit Erfolg. In der Bagnoud in Vernier f\u00fchrten 100 Spanier einen Kurzstreik durch, weil die Firma ihre Kassenbeitr\u00e4ge f\u00fcr diverse Sozialleistungen nicht rechtzeitig bezahlt hatte. Nach drei Stunden waren die Beitr\u00e4ge bezahlt und der Streik beendet. In einem Gleisbau-Kleinunternehmen in Mettmenstetten trat die Belegschaft von 12 Spaniern in den Streik, um einen 20 Rappen h\u00f6heren Stundenlohn zu erzwingen. Die Erh\u00f6hung wurde ihnen nach einem Tag zugestanden.<\/p>\n<p><strong>Repression<\/strong><\/p>\n<p>Seit September 1971 hatte die Direktion der BOBST in PRILLY bei Lausanne im Verlaufe eines Umstrukturierungsplans rund 70 Arbeiter auf die Strasse geschmissen. Gegen Ende Oktober fanden sich 14 der Entlassenen vor den Fabriktoren ein, um die auch innerhalb der Fabrik erhobenen Forderungen zu unterst\u00fctzen: 1) Auskunft \u00fcber die Gr\u00fcnde der Entlassungen, 2) Abgangsentsch\u00e4digungen von einem Monatslohn pro Arbeitsjahr, 3) das Recht, schon am ersten Tag der K\u00fcndigung eine neue Stelle suchen zu k\u00f6nnen, 4) f\u00fcr die Entlassenen die volle R\u00fcckzahlung der Pensionskassenbeitr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Nach einem Gewalteinsatz von Vorarbeitern gegen flugblattverteilende Genossen und nachdem die Direktion die vor der Fabrik demonstrierenden Arbeiter mit Hydranten abspritzen liess, begannen 400 der 2 000 Bobst-Arbeiter mit einem dreiviertelst\u00fcndigen Streik, der jedoch zusammenbrach, als er nicht auf die ganze Fabrik ausgeweitet werden konnte. Damit hatte der Unternehmer die M\u00f6glichkeit, weitere aufs\u00e4ssige Arbeiter auf die Strasse zu stellen (rund 50). Die Arbeiter waren in dieser Situation gezwungen, ein neues Pensionskassenreglement zu akzeptieren, gegen das sie vorher opponiert hatten.<\/p>\n<p>Der SMUV spielte wie \u00fcblich eine \u00fcble Rolle, indem er die ganze Sache einem Schiedsgericht \u00fcbergab und sie nachher sogar wieder zur\u00fcckzog. Damit war an einem entscheidenden Punkt der Arbeiterwiderstand gegen die Neuorganisation der Produktion besiegt worden. Wie wichtig dieser Fall den Unternehmern war, zeigte sich auch daran, dass die Entlassungen und die unternehmerische Kampff\u00fchrung in direkter Absprache mit dem Verband der Metall-und Maschinenindustriellen durchgef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Unternehmer und Gewerkschaften waren offensichtlich entschlossen, der Bewegung die Spitze zu brechen. F\u00fcr l\u00e4ngere Zeit h\u00f6rte man denn auch nicht mehr viel von offenen K\u00e4mpfen in der Westschweiz. Nur am 2.Juni 1972 streikten 100 Arbeiter der Hispano-B\u00fchrle in Genf eine Stunde f\u00fcr eine einheitliche Lohnerh\u00f6hung von 50 Rappen. Sie opponierten damit gegen individuelle Lohnanpassungen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterinitiative im Tessin wurde in einem weiteren Streik bei Monteforno zusammengestaucht: im Mai 1972 provozierte der Unternehmer mit der Entlassung von drei Arbeitern, darunter den Vizepr\u00e4sidenten einer neu gew\u00e4hlten Betriebskommission, einen Ausstand. W\u00e4hrend des Streiks wurden zwei weitere Arbeiter auf die Strasse geworfen. Der -Unternehmer hatte vor\u00fcbergehend gesiegt: nur ein einziger der Entlassenen wurde wieder eingestellt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Alles Geld zur\u00fcck, sofort&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Aber seit Ende &#8217;71 machte den Unternehmern eine andere Bewegung zu schaffen, die eine breite Massenbasis in der ganzen Schweiz entwickelte und in diesem Sinne tats\u00e4chlich einen qualitativen Sprung in der Arbeiteraufs\u00e4ssigkeit darstellte. Wir meinen die Bewegung gegen die betrieblichen Pensionskassen. Diese Bewegung ist allerdings auch ein Lehrst\u00fcck \u00fcber die Operationen des Arbeiterreformismus.<\/p>\n<p>Die betrieblichen Pensionskassen waren f\u00fcr viele Unternehmer seit langem gute private Kreditanstalten, mit denen sie aus Arbeitergeldern z.B. Werkswohnungen finanzierten, aber h\u00e4ufig auch direkt in den Betrieb investierten. Als die PdA mit einer Volksinitiative vorschlug, die betrieblichen Pensionskassen mit der staatlichen Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) zusammenzulegen und die &#8222;Volkspension&#8220; zu schaffen, ergriffen die Unternehmer die Gelegenheit begierig, aber nicht um die PdA zu unterst\u00fctzen, sondern um einen Gegenvorschlag auszuarbeiten, nach dem die betrieblichen Pensionskassen obligatorisch erkl\u00e4rt werden sollten.<\/p>\n<p>Damit zielten sie im Wesentlichen auf eine M\u00f6glichkeit ab, den Arbeitern durch eine institutionelle Massnahme (wie etwa die Steuern) die L\u00f6hne zu k\u00fcrzen und diese zur\u00fcckbehaltenen Gelder f\u00fcr ihre Produktionsziele zu verwenden.<\/p>\n<p>Doch unterdessen begannen sich die Arbeiter auf ihre Weise mit den Pensionskassen zu besch\u00e4ftigen: mit dem Schlachtruf: &#8222;Alles Geld zur\u00fcck &#8211; aber sofort&#8220; k\u00fcndigten gegen Ende 1971 und bis in den Dezember 1972 hinein Zehntausende von Arbeitern, um die Gelder, die sie bereits in die verschiedenen Kassen einbezahlt hatten, zur\u00fcckzuerhalten.<\/p>\n<p>Manchmal schon am n\u00e4chsten Tag oder eben halt nach einer geruhsamen Pause traten sie ihre alte Stelle wieder an. H\u00e4ufig organisierten sich die Arbeiter, um die K\u00fcndigung kollektiv zu machen und damit eine manchmal gef\u00e4hrdete Wiedereinstellung zu erzwingen.<\/p>\n<p>Die bevorstehenden \u00c4nderungen der Altersvorsorge verursachten in vielen Betrieben auch gr\u00f6ssere Arbeiteraktionen: bei der Georg Fischer in Schaffhausen z.B. legten 200 Arbeiter f\u00fcr kurze Zeit die Arbeit nieder, gingen geschlossen aufs B\u00fcro und verlangten klare Auskunft. In der Micafil in Z\u00fcrich streikten die Arbeiter f\u00fcr kurze Zeit, in der BBC-Oerlikon (MFO) w\u00e4hlte eine Arbeiterversammlung mit rund 500 Teilnehmern ein Aktionskomitee, das sich um die Angelegenheit k\u00fcmmern sollte.<\/p>\n<p>In der Escher-Wyss in Z\u00fcrich stimmten die Arbeiter mit grossem Mehr gegen die Umwandlung der bestehenden Sparversicherung in eine Pensionskasse. Diese Abstimmung machte den Unternehmern offensichtlich grosse Angst. Bei der Wagon Schlieren in Z\u00fcrich zogen 150 Arbeiter mit einer Petition gegen die Pensionskasse mit einem Demonstrationszug durch die Fabrik aufs Direktionsb\u00fcro.<\/p>\n<p>\u00dcberall in der Schweiz kam es zu \u00e4hnlichen Vorf\u00e4llen. So z.B. in der Hasler in Bern. Bei vielen Betrieben wurden autonome Arbeiterversammlungen ausserhalb der Fabrik mit grosser Beteiligung abgehalten. Dabei spielten auch verschiedentlich die linken Gruppen, die aus der Jugendbewegung entstanden, eine treibende Rolle. Jene Arbeiterversammlungen konnten jedoch zumeist bloss f\u00fcr die Diskussion gebraucht werden &#8211; was sicher wichtig war &#8211; das \u00fcberall vorhandene Bed\u00fcrfnis nach effektiveren Kampfformen jedoch nicht befriedigen konnte.<\/p>\n<p>Doch auch die Revisionisten mussten sich zu bewegen beginnen. Die Italienerorganisation Colonie Libere und die Spanierorganisation ATEES starteten im August 1972 eine Petition, um die &#8222;Volkspension&#8220; der PdA zu unterst\u00fctzen. Innert kurzer Zeit sammelten sie \u00fcber 50 000 Unterschriften. Trotzdem hatten sie grosse M\u00fche, den Arbeitern plausibel zu machen, weshalb sie mit den Scheink\u00fcndigungen warten sollten, da die Abstimmung vom 3.Dezember 1972 die Kl\u00e4rung bringen werde.<\/p>\n<p>Doch da schalteten sich die Unternehmer kurz vor der Abstimmung selber wirksam ein. Sie erkl\u00e4rten, man k\u00f6nne die Gelder noch bis Ende 1975 zur\u00fcckziehen, auch wenn der Unternehmer-Vorschlag des Pensionskassenobligatoriums durchkommen werde. Sp\u00e4ter konnten sie dann allerdings sagen, dass jene, die die Gelder noch zur\u00fcckziehen wollten, die Stelle verlieren werden.<\/p>\n<p>Da der Unternehmervorschlag des Pensionskassenobligatoriums auch von den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie unterst\u00fctzt wurde, setzte die Abstimmung vom 3. Dezember den Schlusspunkt unter eine Bewegung, die, weil sie ihr prim\u00e4res Ziel der Zerst\u00f6rung der Pensionskassen nirgends mit anderen Forderungen und effektiveren Kampfformen kombinieren konnte, von der Kooperation zwischen Reformisten und Unternehmern besiegt wurde.<\/p>\n<p>Anfang 1973 entstand in Z\u00fcrich die Assemblea Autonoma degli operai di Zurigo, gegr\u00fcndet vor allem von Arbeitermilitanten der Pensionskassenbewegung. Zwar hat die Arbeiterversammlung w\u00e4hrend der Genfer Metallstreiks oder das Arbeiterkomitee der drei Paillard-Werke auf \u00e4hnliche Weise funktioniert, aber diese Organisationsans\u00e4tze blieben beschr\u00e4nkt auf einen einzelnen Kampf ausgerichtet. Auch waren sie vor allem von revisionistischen Genossen getragen, die die autonome Organisation nur gebrauchten, um von aussen den Druck zum Aufbau einer neuen, radikaleren Gewerkschaft zu entwickeln.<\/p>\n<p>Die Assemblea Autonoma hingegen verstand sich selbst als ein prinzipiell neuer Organisationsansatz. sowohl gegen\u00fcber den Gewerkschaften als auch gegen\u00fcber den neulinken Gruppen. Sie stellte sich das Problem, eine Arbeiterleitung der K\u00e4mpfe aufzubauen. Wegen der dezentralisierten Produktionsstruktur in der Schweiz musste sie von vornherein Arbeiter aus verschiedenen Betrieben umfassen. Es wurde denn auch der Versuch gemacht, sie zu einer gemeinsamen Organisation der Emigration und der Jugendbewegung zu machen. Schliesslich wurde sie durch eine Reihe von Entlassungen mit dem Problem der Repression konfrontiert.<\/p>\n<p>Die Assemblea hatte nicht die Kraft, all diese Probleme zu l\u00f6sen. Im Sommer 1973 brach sie auseinander. Dennoch bleibt sie auf ihre Weise richtungsweisend, da sie bisher am klarsten zeigte, mit welchen Problemen der Kampf der Arbeiter gegenw\u00e4rtig fertig werden muss. \u00c4hnliche Erfahrungen sind z.B. aus der Alfa Romeo in Mailand bekannt.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeiteroffensive im Untergrund<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns auch hier bewusst sein, dass die Arbeiter neben der Waffe des Streiks noch viele andere Mittel besitzen, um ihre Interessen durchzusetzen, Mittel, die manchmal effektiver sind, um mehr Lohn und weniger Arbeit zu erhalten.<\/p>\n<p>Gerade in diesen Jahren nahm die Aufs\u00e4ssigkeit der Arbeiter mit &#8222;verdeckten`&#8220; Kampfformen in einem bisher nur selten gekannten Ausmass zu und f\u00fcr das Kapital wurde dieses neue Arbeiterverhalten, das eine tiefe Ablehnung seiner Ausbeutungsziele und der Grundlage dieser Ausbeutung &#8211; der Arbeit &#8211; ausdr\u00fcckt, zu einem grossen Problem. Die Reorganisation der Arbeit, die Schaffung von Massenarbeitern mit ihrer grossen Mobilit\u00e4t, wie wir schon fr\u00fcher beschrieben haben, zahlte sich dem Unternehmer teuer zur\u00fcck.<\/p>\n<p>So wundert es nicht, dass in den Unternehmerzeitschriften ab 1968, ganz besonders aber um das Jahr 1970, eine Flut von Artikeln erschienen, die sich mit Kampfformen wie Fluktuation, Absentismus, Leistungs- und Qualit\u00e4tsverminderung u.a.m. auseinandersetzten und worin sich die Unternehmer angestrengt \u00fcberlegten, wie sie dagegen vorgehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Denn die Arbeiter setzten in diesen Jahren ihre Waffen der Selbstk\u00fcndigung sehr effektiv ein. So stieg in der Zeit um 1969\/70 die Fluktuation in der Metall- und Maschinenindustrie auf einen H\u00f6hepunkt von fast 30%. Das heisst, fast jeder dritte Arbeiter wechselte in diesem Jahr den Betrieb. Und es waren vor allem die ausl\u00e4ndischen Arbeiter, die diese Waffe am ausgedehntesten zu gebrauchen wussten. In der Textilindustrie z.B. verliessen 26 von 100 ausl\u00e4ndischen Arbeitern pro Jahr den Betrieb wieder, w\u00e4hrend nur 18 von 100 Schweizern j\u00e4hrlich den Betrieb wechselten.<\/p>\n<p>Obwohl die Arbeiter zum Teil f\u00fcr den Monatslohn streikten, haben die Unternehmer gerade diese Arbeiterforderung (als solche gegen den Leistungslohn gerichtet), f\u00fcr die Kontrolle der Mobilit\u00e4t zu verwenden gewusst. Denn nicht vergebens wird bei dieser Entl\u00f6hnungsform die K\u00fcndigungsfrist in den meisten F\u00e4llen von zwei Wochen auf drei Monate hinaufgesetzt, und nicht umsonst haben auch viele Arbeiter gegen den Monatslohn gek\u00e4mpft. Zum Beispiel in der Monteforno, der BBC, aber sicher auch in vielen anderen Betrieben.<\/p>\n<p>Die Unternehmer wussten allerdings auch sonst sehr wohl, weshalb sie um 1970 den Monatslohn geradezu massenhaft einf\u00fchrten. W\u00e4hrend der letzten Jahre war ihnen mit der fortschreitenden Einf\u00fchrung von neuen Produktionssystemen die alte Art, die Arbeiter zu schnellerer Arbeit zu bringen, geh\u00f6rig in die Krise gegangen. Je mehr n\u00e4mlich das Arbeitstempo von der Maschine bestimmt wird, desto mehr verliert der Akkordlohn seine urspr\u00fcngliche Funktion, die Arbeiter zu mehr Leistung zu zwingen. Der Akkordlohn erreichte allenfalls noch, dass die Arbeiter zumindest gleichm\u00e4ssig die Arbeit ausf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Doch das gen\u00fcgte den Unternehmern nicht. Denn sie sahen die Gefahren, die ihnen aus einer weiteren Verallgemeinerung von monotoner und langweiliger Scheissarbeit erwuchsen. Sie wussten die Forderung nach gleichen Lohnerh\u00f6hungen, die da und dort, vor allem im Ausland entstanden waren, sehr wohl zu deuten. Es graute ihnen vor der Gleichmacherei des Arbeiterkommunismus. Deshalb hielten sie ihre Ausbeutungswissenschaftler an den Universit\u00e4tsinstituten nachhaltig dazu an, neue Systeme der Arbeiteraufsplitterung zu erfinden. Diese wurden denn auch entwickelt als Arbeitsplatzbewertung oder Punktlohn, je nach dem.<\/p>\n<p>Im Wesentlichen wurde mit diesen Systemen versucht nicht mehr bloss die Leistung des Arbeiters f\u00fcr die Lohnbemessung he-ranzuziehen, sondern vor allem auch seine Unterw\u00fcrfigkeit und andere Kriterien unternehmerischer Ausbeutung Aus einer ganzen Reihe von Kriterien werden die Arbeiter dann bewertet und der Unternehmer erreicht in vielen F\u00e4llen auf diese Weise, eine neue Aufsplitterung der Arbeiter, die eine Vereinheitlichung ihrer Kampfziele wieder verunm\u00f6glichen sollte. Diese Lohnbemessung nach der Unterw\u00fcrfigkeit des Arbeiters, (z.B. auch, ob er zu viel zu sp\u00e4t komme usw.) geht besser mit dem Monatslohn als mit dem Stundenlohn.<\/p>\n<p>Die verschiedensten Waffen der Arbeitsverweigerung gewannen in dieser Kampfphase vermehrte Bedeutung. Wer kennt nicht die Klage der Unternehmer \u00fcber die &#8222;sinkende Arbeitsmoral&#8220; und \u00fcber das &#8222;Wohlstandsverhalten&#8220;. So z.B. die &#8222;Finanz-Revue&#8220;: &#8222;Die Arbeitsmoral hat in unserem Lande ganz erheblich gelitten. Damit dr\u00fccken wir lediglich eine Binsenwahrheit aus. Da sich das Personal seiner Unentbehrlichkeit weitgehend bewusst ist, stellen nicht wenige Kr\u00e4fte auf permanente &#8222;Langsamarbeit&#8220; um. Wer z\u00e4hlt die durch reichliche Kaffeepausen, private Unterhaltung w\u00e4hrend der Arbeit, unmotivierte &#8218;Boteng\u00e4nge&#8216; verlorenen Arbeitsstunden?&#8220;<\/p>\n<p>Wer weiss nicht um das vermehrte Krankfeiern? Nicht vergebens wurden die \u00c4rzte in der NZZ im Sommer 1973 mit der Begr\u00fcndung, &#8222;die Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung&#8220; sei &#8222;volkswirtschaftlich einschneidend&#8220; aufgerufen, &#8222;hier gelte es, unberechtigten Forderungen &#8220; eine gewisse H\u00e4rte entgegenzusetzen und mitzuhelfen, die heutige Tendenz &#8222;zur &#8218;Flucht in die Krankheit&#8217;&#8230; zu bek\u00e4mpfen&#8220;. Der &#8222;blaue Montag&#8220;, die Verl\u00e4ngerung von Ferien- und Feiertagen sind zu einer fast allt\u00e4glichen Sache geworden. Und wer kennt nicht die Leistungssenkung, die bewusste Sabotierung von Maschinen, die t\u00e4tlichen Angriffe auf verhasste Vorgesetzte und vieles andere mehr?<\/p>\n<p>So viele Linke diese Kampfformen auch als &#8222;unpolitisch&#8220; und &#8222;individuell&#8220; denunzieren m\u00f6gen, die Unternehmer wissen sehr wohl, gegen was sie gerichtet sind: gegen die Arbeit \u00fcberhaupt. Die Unternehmer wissen sehr gut, weswegen sie Schwierigkeiten haben. So erkl\u00e4rte zum Beispiel der Delegierte des Gesamtverbandes der schweizerischen Bekleidungsindustrie: &#8222;Beunruhigend sind die abnehmende Qualit\u00e4t, die sinkende Arbeitsmoral und -disziplin, die steigende Fluktuationsquote, die wachsenden Krankheits- und Kurzabsenzen sowie die missbr\u00e4uchlichen Ferienverl\u00e4ngerungen der Arbeitskr\u00e4fte als Folge des ausgetrockneten Arbeitsmarktes, der Fremdarbeiterregelungen oder der fortgeschrittenen L\u00f6hne und Sozialleistungen.<\/p>\n<p>Was n\u00fctzen Investitionen in teure Spezialmaschinen, wenn diese Kapazit\u00e4ten letztlich wegen mangelnder Arbeitskr\u00e4fte brachliegen, was in manchen zukunftstr\u00e4chtigen Firmen gegenw\u00e4rtig der Fall ist.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Arbeitsverweigerung setzte sich immer mehr um in eine &#8222;masslose Bewegung des Lohns&#8220;. Wie schon in fr\u00fcheren Jahren erreichen die Arbeiter von 1969 auf 1970 eine-Reallohnsteigerung um mehr als 4 1\/2%, ein Jahr sp\u00e4ter sogar eine solche von 5 1\/2%, von 1971 auf 1972 dann wieder &#8211; trotz starkem Widerstand der Unternehmer &#8211; eine solche von 4 1\/2%. Nicht umsonst jammerte die &#8222;Finanz-Revue&#8220; \u00fcber &#8222;masslose Lohnsteigerungen&#8220;: &#8222;Das schlechte Beispiel des Auslandes macht auch hierzulande Schule. Man begn\u00fcgt sich nicht mehr mit j\u00e4hrlichen Lohnverbesserungen von 5%, heute m\u00fcssen 15-20% her, wobei in manchen Betrieben sogar zweimal j\u00e4hrlich Lohnaufbesserungen erfolgen, nur um einen grossen Teil des Personals \u00fcberhaupt zu halten&#8230; von vern\u00fcnftigem Masshalten ist schon weitherum nicht mehr zu reden&#8230; man will einfach die Marktlage r\u00fccksichtslos ausn\u00fctzen&#8220;.<\/p>\n<p>Die Situation wurde f\u00fcr viele Unternehmen prek\u00e4r, denn so die &#8222;Finanz-Revue&#8220;: &#8222;An zahlreichen Orten werden die Gewinne trotz guter Umsatzentwicklung &#8230; durch masslose Lohnsteigerungen massiv beschnitten. Das Kapital war zum Gegenschlag gezwungen. Doch vorerst musste es mit relativ untauglichen Mitteln operieren. Als Junod, Chef des &#8222;Vororts&#8220;, 1971 l\u00e4ngere Arbeitszeit und einen Lohnstopp vorschlug, wagte in der Tat noch niemand, diesen Vorschlag praktisch umzusetzen.<\/p>\n<p>Vorerst mussten die Unternehmer gezielt Aktionen wie die Unterdr\u00fcckung des Bobst-Streikes ausf\u00fchren. Denn auch der Gewerkschaftsbund wusste die Lage ziemlich genau einzusch\u00e4tzen: &#8222;Auch ein getarnter Lohnstopp w\u00fcrde unmittelbar eine Versch\u00e4rfung der sozialen Spannungen provozieren.&#8220; Das einzig wirksame Mittel in dieser Zeit, die L\u00f6hne zu kontrollieren, lag in der st\u00e4ndigen Anheizung der Teuerung. Dieses Mittel zeigte zwar zweifellos seine Wirkung, doch die damit verbundene rapide Geldentwertung machte den Unternehmern aber bald mehr Sorgen als Freude.<\/p>\n<p>Die Teuerung war denn auch zu einem sch\u00f6nen Teil aus dem Ausland importiert worden, wo sie andere europ\u00e4ische und vor allem amerikanische Kapitalisten gegen ihre Arbeiter anwendeten und die anderen L\u00e4nder tributpflichtig zu machen versuchten. Sorgen macht die Inflation den Unternehmern, weil sie nat\u00fcrlich auch K\u00e4mpfe ausserhalb der Fabrik provoziert, die die Unternehmer von dieser Seite her gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>So war der CH-Staat Ende 1972 gezwungen, Massnahmen zu treffen, um die Inflation wieder in den Griff zu bekommen. Diese sogenannten &#8222;Konjunkturd\u00e4mpfungsmassnahmen&#8220; waren im Wesentlichen nichts anderes als der verzweifelte Versuch, die Lohnbewegung von der staatlichen Ebene her wieder in die kapitalistische Entwicklung einzubannen. Die &#8222;Krediteinschr\u00e4nkungen&#8220; z. B. zwangen Unternehmer, die mit ihren Arbeitern nicht mehr zu Rande kamen zur Schliessung ihrer Betriebe, zu einer Fusion oder mindestens zu einer Reorganisation der Produktion.<\/p>\n<p>Nicht aus Zufall trafen diese Krediteinschr\u00e4nkungen, aber vor allem auch die Baubeschl\u00fcsse in erster Linie &#8218;das Baugewerbe&#8216;. Das Baugewerbe ist nach wie vor die konfliktreichste Branche der schweizerischen Industrie. Auch die wohl h\u00e4rteste institutionelle Arbeiterunterdr\u00fcckung neben den direkten staatlichen Repressionsorganen wie der Polizei, n\u00e4mlich das Saisonnierstatut, haben diese Tatsache nie aus der Welt geschafft.<\/p>\n<p>Und so richteten sich die Massnahmen letztlich gegen die aufs\u00e4ssigen Bauarbeiter, seien das nun gew\u00f6hnliche Saisonniers oder 5.000-6.000 Franken pro Monat verdienende Akkordgruppen auf den Baupl\u00e4tzen, die auf ihre Weise einen guten Teil des &#8222;unkontrollierbaren Lohns&#8220; verursachten. So liess die unkontrollierbare Inflation, d. h. das unkontrollierbare Arbeiterverhalten den Unternehmerstaat eine kontrollierte Krise aufbauen, die sp\u00e4testens 1973 im Baugewerbe. wirksam wurde und zu den ersten Saisonniersentlassungen f\u00fchrte, aber auch allt\u00e4gliche Aktionen wie z. B. das nach-der-Pause-sitzenbleiben schwieriger machte.<\/p>\n<p><strong>Wiederaufnahme der Arbeiterinitiative und Krise<\/strong><\/p>\n<p>Gegen Ende 1973 begannen sich die Arbeiter wieder von ihren Niederlagen im Jahre 1972 und bei der PK-Bewegung zu erholen. \u00dcberhaupt sind die Arbeiter bis Ende 1973 nur schwach aus ihrer Stellung verdr\u00e4ngt worden. Sie verzichteten nur in Ermangelung geeigneterer Instrumente eine Weile auf offene Konfliktaustragung.<\/p>\n<p>In der Schuhfabrik Henke in Stein a\/Rhein streikten die Arbeiter z. B. erfolgreich, um ihre Pensionskassengelder zu erhalten. Im Genfer Spital streikten 1.000 Angestellte f\u00fcr 300 Franken mehr Lohn f\u00fcr alle und die 40 Stundenwoche. In der Gimelli in Zollikofen bei Bern erk\u00e4mpften sich 100 Frauen 20 Rappen mehr Stundenlohn mit Verweigerung der \u00dcberstunden und kollektiver Leistungszur\u00fcckhaltung. In einer kleineren Metallfabrik in Bern verweigerten die Arbeiter die Samstagsarbeit, die sie ohne \u00dcberzeitzuschlag machten sollten, um die Zeit zwischen Weihnacht und Neujahr vorzuholen.<\/p>\n<p>In der Iril in Renens bei Lausanne streikten die 80 Arbeiter der hochautomatisierten Strumpfabteilung vorerst erfolgreich f\u00fcr 20 Rappen mehr Stundenlohn und Abschaffung von Kontroll- und Disziplinierungsinstrumenten. Dabei war dieser Kampf sehr geschickt angelegt, so dass sich die Morgen- wie die Nachmittagsschicht beteiligen konnte. Nachher allerdings entliess der Unternehmer widerstandslos einige Arbeiteravantgarden.<\/p>\n<p>In der Verntissa in Genf drosselte die Montageabteilung w\u00e4hrend zweier Wochen die Produktion um einen F\u00fcnftel, um den Abbau der Belegschaft zu verhindern und die Bezahlung einer Pr\u00e4mie durchzusetzen. In der SRO in Z\u00fcrich streikte ein Teil einer Abteilung kurz f\u00fcr den 13. Monatslohn, allerdings erfolglos.<\/p>\n<p>Hinter diesem Neuauftauchen von offeneren Kampfformen, die fast durchwegs von unqualifizierten Arbeitern organisiert und getragen wurden, stand eine bemerkenswerte Verschiebung zwischen den verschiedenen Fremdarbeiterkategorien, die erkl\u00e4rt, weshalb die Massenarbeiter ihre K\u00e4mpfe diesmal weitgehend ohne die Hilfe revisionistischer Strukturen f\u00fchren mussten. Sp\u00e4testens seit dem Genfer Metallstreik hatten die Unternehmer bemerkt, dass ihnen eine Gewerkschaft, die die Arbeiter nicht zu kontrollieren vermag, wenig n\u00fctzt. Sie machten sich deshalb daran, eine neue Klassenschicht zu privilegieren.<\/p>\n<p>Hatten sie in fr\u00fcheren Jahren ihre Kontrolle \u00fcber die Arbeiterk\u00e4mpfe weitgehend auf einem Kompromiss mit den die Schweizer Facharbeiter repr\u00e4sentierenden Gewerkschaften gest\u00fctzt und alle anderen K\u00e4mpfe brutal zu unterdr\u00fccken versucht, so sahen sie sich in den letzten Jahren immer mehr gezwungen, die Emigranten der \u00e4lteren Generation f\u00fcr diese Zwecke herbeizuziehen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr haben sie ihnen vermehrt das Niederlassungsrecht zugestanden. 1968 wurde mit der ver\u00e4nderten Politik in der Fremdarbeiterzulassung und dem Bundesratsbeschluss, den Arbeitsmarkt langfristig zu vereinheitlichen, die Grundlage f\u00fcr diese Strategie gelegt; 1970, mit der Verbreiterung der Arbeiteraktionen wurde sie wirksam.<\/p>\n<p>Die massive Gew\u00e4hrung der Niederlassungsberechtigung an seit l\u00e4ngerem in der Schweiz arbeitende Emigranten ging allerdings einher mit ihrer Platzierung an bevorzugten Stellen der Arbeitsorganisation (Vorarbeiter, Einrichter usw.). Nicht von ungef\u00e4hr wird deshalb auch das Verbot der PCI in der Schweiz nicht kommen.<\/p>\n<p>Doch all das hat den Unternehmern letztlich nicht viel gen\u00fctzt. Die Arbeiterk\u00e4mpfe gingen im internationalen Rahmen weiter, die K\u00e4mpfe in der Dritten Welt schlugen auf die Rohstoffpreise um und die &#8222;masslose Bewegung des Lohns&#8220; konnte in der Schweiz nur gegen Ende 1973 angegriffen werden und zeigt wahrscheinlich vorerst nicht unbedingt eine grosse Schw\u00e4che der Arbeiter. Den Arbeiterkampf v\u00f6llig stoppen, werden die Unternehmer auch in der Schweiz sicher nicht.<\/p>\n<p>Die Arbeiter m\u00f6gen sich f\u00fcr eine Weile in einen Stellungskrieg zur\u00fcckziehen, wie das Anfang 1973 passiert ist. Der Fortgang der internationalen Arbeiterk\u00e4mpfe in der Krise, aber auch die Neuzusammensetzung der Arbeitererfahrung an entscheidenden Stellen der Arbeiterklasse in der Schweiz, ist die gr\u00f6sste Garantie daf\u00fcr, dass wir schon bald wieder in gr\u00f6sseren K\u00e4mpfen stehen werden. Die Zeichen der militanten Fordarbeiter, der Picketing-Lines der englischen Minenarbeiter, der maskierten Arbeiterdemonstrationen in grossen italienischen Fabriken wurden auch hier geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Nachwort: die Suche nach theoretischen Waffen<\/strong><\/p>\n<p>Im Laufe dieser Arbeit schlugen wir uns permanent mit der Frage herum, welche Rolle die theoretische Arbeit heute im Klassenkampf spielt. Wir glauben nicht, es begriffen zu haben, aber die folgenden Punkte scheinen uns der \u00dcberlegung wert.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig entsteht in Europa ein Netz von autonomen Arbeiterkadern. Es sind Arbeiter, die sich nicht mehr einfach in den traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung wiedererkennen, Arbeiter, die selber K\u00e4mpfe organisieren, die untereinander erst in einem ganz lockeren Zusammenhang stehen. Oft stehen sie im Kontakt mit Gruppen der jungen-Linken, selten ordnen sie sich diesen unter.<\/p>\n<p>Die Entfaltung der Klassenk\u00e4mpfe, in denen diese Militanten sich bilden, verlangt, dass aus diesem Netz eine wirksamere Organisationsstruktur entsteht, dass eine Arbeiterleitung der K\u00e4mpfe aufgebaut wird. Die Art, wie in den letzten Jahren linke Politik gemacht wurde, wird dadurch radikal in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die Art, wie Theorie produziert wurde. Nicht, dass theoretische Arbeit \u00fcberfl\u00fcssig w\u00fcrde. Ohne Theorie keine Revolution, ebenso wenig wie ohne Gewehr. Aber bisher lautete das Problem, wie die Theorie die Massen ergreifen k\u00f6nne. Vielleicht m\u00fcssen wir heute fragen, wie die Massen die Theorie ergreifen k\u00f6nnen. Die revolution\u00e4re Theorie muss dazu zwei Bedingungen erf\u00fcllen, denen nur ein ganz kleiner Teil der linken Literatur gerecht wird. Einerseits muss es f\u00fcr die autonomen Arbeiteravantgarden m\u00f6glich sein, sie zu ergreifen: es darf nicht zu viel Zeit, Geld, Konzentration, Ausbildung usw. erfordern. Andererseits muss die Theorie ihnen etwas n\u00fctzen, sie muss brauchbar sein, um die K\u00e4mpfe zu organisieren.<\/p>\n<p>Das kapitalistische Ausbildungswesen wird gegenw\u00e4rtig in einem noch nie dagewesenen Ausmass massenhaft angegriffen. In dieser Situation kann die revolution\u00e4re Theorie nicht mehr von Leuten entwickelt werden, die von aussen an die Klassenk\u00e4mpfe herantreten. Zwar stehen die meisten Genossen, die Gelegenheit zu theoretischer Arbeit haben, nicht von vornherein innerhalb der Arbeiterk\u00e4mpfe in den Fabriken.<\/p>\n<p>Aber sie stehen von vornherein im Rahmen der K\u00e4mpfe, die in den verschiedenen Abteilungen der kapitalistischen Ausbildungsfabrik ihnen Ausgangspunkt haben. (In der Schweiz hat die Jugendbewegung diese ihre eigentliche Grundlage bis heute verschleiern k\u00f6nnen, weil sie sich an Zielsetzungen wie den Jugendh\u00e4usern festmachte und von da zu den Hausbesetzungen fortschritt. Und doch artikulierte sich gerade in der Betonung der &#8222;Freizeit&#8220; die Verweigerung der Ausbildungssituation.)<\/p>\n<p>Fr\u00fcher konnten Intellektuelle versuchen, in der akademischen Form der b\u00fcrgerlichen Wissenschaft die Fragen der revolution\u00e4ren Theorie zu untersuchen, um sie anschliessend zu popularisieren. Auch f\u00fcr Marx sah die Situation zu einem guten Teil so aus. Heute wird die Kopfarbeit ebenso der kapitalistischen Fabrikdespotie unterworfen wie die Handarbeit.<\/p>\n<p>Darum scheint jener Versuch nicht mehr viel realistischer wie der Versuch, in einer Autofabrik sozialistische statt b\u00fcrgerliche Autos zu produzieren. Der Klassenkampf steht heute ebenso gegen die kapitalistische Kopfarbeit, wie gegen die kapitalistische Handarbeit. Das ist die andere Seite der Tatsache, dass die herk\u00f6mmliche Art der revolution\u00e4ren Theorieproduktion in eine Krise geraten ist.<\/p>\n<p>Das waren auch unsere Probleme. Wir hatten in der Jugendbewegung gek\u00e4mpft, hatten die Nase voll von der kapitalistischen Ausbildungsfabrik. Einige von uns hatten an jenen Nahtstellen politisch gearbeitet, wo die Jugendbewegung mit den K\u00e4mpfen der Arbeiter in Kontakt ger\u00e4t. Wir glaubten nicht mehr an eine theoretische Arbeit, in der die Arbeiter das Untersuchungsobjekt sind, dem man am Schluss mitteilt, was er nun zu tun habe.<\/p>\n<p>Nicht einfach aus moralischen Gr\u00fcnden; sondern weil das nicht mehr funktioniert, weil diese Art von theoretischer Arbeit zunehmend steril wird. Die meisten von uns hatten in einer der politischen Gruppen, die aus der Jugendbewegung entstanden sind, gearbeitet oder arbeiten weiter darin. Wir litten darunter, dass das Gr\u00fcppchenwesen allzu oft die Suche nach Waffen im Klassenkampf lahmlegt anstatt zu f\u00f6rdern. Wir realisierten, dass die Gr\u00fcppchen das Problem verdr\u00e4ngen, dass in der gegenw\u00e4rtigen politischen Arbeit Theorie und Praxis, die doch zusammengeh\u00f6ren, objektiv gespalten sind.<\/p>\n<p>Als wir uns zusammensetzten, um Material \u00fcber Arbeiterk\u00e4mpfe in der Schweiz der Nachkriegszeit zu diskutieren und auszubauen, merkten wir (oder wenigstens die, die es noch nicht wussten) bald, dass es viel interessanter ist, einmal die K\u00e4mpfe der Arbeiter blosszulegen und von daher weiter zu gehen, als zu untersuchen, durch welche Mechanismen der Arbeiter ausgebeutet wird und wie er darauf zu reagieren hat. Wir realisierten, dass das Wissen um solche Erfahrungen n\u00fctzlich ist f\u00fcr die, die K\u00e4mpfe f\u00fchren, kleine und grosse, dass es m\u00f6glich ist, eine Analyse zu machen, die die akademische Form absch\u00fctteln kann.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war es nicht leicht, ein blosses Sammelsurium aller m\u00f6glichen. Fakten zu vermeiden. Aber da n\u00fctzte uns die theoretische Arbeit, die wir vorher gemacht hatten: Sie hatte uns gelehrt, Ordnung in das Gewirr der Erfahrungen zu bringen, indem man sie vom Arbeiterstandpunkt aus betrachtet. Wir hatten gelernt, als Ausgangspunkt das Faktum zu nehmen, dass die Arbeiter in dieser Gesellschaft gezwungen werden, ihre Arbeitskraft zu verausgaben.<\/p>\n<p>Wir hatten gelernt, dass diese Gesellschaft auf der Ausbeutung der Arbeiter beruht, dass ihre Entwicklung begriffen werden muss als Antwort auf die Versuche der Arbeiter, den Zwang zur Arbeit abzuwerfen. So versuchten wir, als Gesichtspunkt bei der Auswahl und Anordnung der Materialien so weit als m\u00f6glich die Bed\u00fcrfnisse der Arbeiter zu nehmen, die Versuche, sie durchzusetzen, die Versuche, sie einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Was das heisst, Arbeiterstandpunkt, hatten wir von jenen Marxisten gelernt, die gerne &#8222;Operaisten&#8220; genannt werden, und die vor allem in Italien vertreten sind. In der Schweiz geh\u00f6ren vor allem die Genossen vom &#8222;Klassenkampf&#8220; dazu. Ohne ihre Untersuchungen w\u00e4re die vorliegende nicht m\u00f6glich gewesen. Aber solche Untersuchungen beruhen nicht einfach auf theoretischer Arbeit: sie w\u00e4ren v\u00f6llig undenkbar losgel\u00f6st vom praktischen Versuch, die Arbeiterk\u00e4mpfe voranzutreiben. Was wir mit diesem Papier versuchten, war Arbeitergeschichte zu schreiben, die Geschichte der Arbeiterk\u00e4mpfe aus der Sicht der Arbeiter. Kampfziele, Parolen, Organisationsversuche, die wir im politischen Kampf brauchten, wurden zu Kategorien, mit denen die Vergangenheit interpretiert wird, und umgekehrt wird die vergangene Geschichte der Arbeiterk\u00e4mpfe Modell f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Taktik.<\/p>\n<p>Man kann den Umschlag, der gegenw\u00e4rtig in der theoretischen Arbeit n\u00f6tig ist, sehen als Umschlag von der Kritik der politischen \u00d6konomie zur Arbeitergeschichte. Wir wollen versuchen, das kurz zu erl\u00e4utern. Was Marx zuerst einmal tun musste, war, den b\u00fcrgerlichen Standpunkt gegen\u00fcber unsrer Gesellschaft zu kritisieren, um in dieser Kritik den Arbeiterstandpunkt herauszusch\u00e4len.<\/p>\n<p>Denn die Arbeiterklasse stand noch keineswegs als autonomes Subjekt da, und deshalb musste Marx &#8211; und das entsprach auch seiner eigenen sozialen Situation &#8211; durchaus vom b\u00fcrgerlichen Standpunkt ausgehen. Er nahm also die offizielle Wissenschaft von der Gesellschaft, die politische \u00d6konomie seiner Zeit, und entwarf ihre Kritik. Aber das war nicht Selbstzweck, es diente auch nicht dazu, die Bourgeois davon zu \u00fcberzeugen, dass sie abtreten sollten, das w\u00fcrden sie sicher nicht von selbst tun, noch sollte die Kritik der politischen \u00d6konomie den Arbeitern erkl\u00e4ren, sie m\u00fcssten jetzt k\u00e4mpfen, das taten sie schon.<\/p>\n<p>Die Kritik der politischen \u00d6konomie sollte es m\u00f6glich machen, diese K\u00e4mpfe zu begreifen, um sie siegreich f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Wenn der Arbeiterstandpunkt einmal formuliert ist, dann muss man fortschreiten von der Kritik der politischen \u00d6konomie zur Arbeitergeschichte, zur Geschichte der Arbeiterk\u00e4mpfe aus der Sicht der Arbeiter. Erst dadurch wird die revolution\u00e4re Theorie zu dem, was sie sein muss: Wissenschaft von der Zerst\u00f6rung des kapitalistischen Kommandos, das uns zur Arbeit zwingt.<\/p>\n<p>Wir lernten Marx besser verstehen, wenn er sagte, f\u00fcr ihn gebe es nur eine Wissenschaft, die Wissenschaft von der Geschichte, und die Geschichte sei Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen. Oder wenn er sagt: die Arbeiterklasse &#8222;sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolution\u00e4ren T\u00e4tigkeit: Feinde niederzuschlagen, durch das Bed\u00fcrfnis gegebene Massregeln zu ergreifen; die Konsequenzen ihrer eigenen Taten treiben sie weiter. Sie stellt keine theoretischen Untersuchungen \u00fcber ihre eigene Aufgabe an.&#8220; (Die Klassenk\u00e4mpfe in Frankreich, MEW, Bd.27, S.19\/2o). Was sie brauchen kann, sind die Erfahrungen fr\u00fcherer K\u00e4mpfe, von Siegen und Niederlagen, Fehlern und Erfolgen.<\/p>\n<p>Nehmen wir den Aufstand der Pariser Proletarier in der Kommune von 1870. Von den heutigen &#8222;Marxisten&#8220; w\u00fcrden die meisten untersuchen, was dort passierte, um sagen zu k\u00f6nnen, was gefehlt hat. Auch manchen &#8222;Operaisten&#8220; wird man diesen Vorwurf nicht ersparen k\u00f6nnen. Anders Marx. Er war der Auffassung, der Kommunismus sei nicht irgendein Hirngespinnst,` sondern eine reale Tendenz in den gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnissen, &#8222;die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.&#8220; Er untersuchte die Kommune, weil sich in ihr der Kommunismus Bahn brach, er versuchte die Stossrichtung der wirklichen Bewegung festzustellen, um sie fortzusetzen, nicht zu belehren.<\/p>\n<p>Wo steht der Kommunismus, die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt, hier und heute? Welche Richtung schl\u00e4gt er ein? Dar\u00fcber wollten wir etwas erfahren, als wir den Kampf der Aluminiumarbeiter von Chippis, die Strassenschlachten der Genfer Bauarbeiter, den massenhaften Arbeitswechsel der Metallarbeiter darzustellen versuchten. Wir wollten Erfahrungen zusammenstellen, die man im Kampf verarbeiten kann, nicht Lehrs\u00e4tze zum weiterpredigen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund haben wir auch K\u00e4mpfe aufgef\u00fchrt, die wir noch nicht einordnen konnten; dadurch ist der Text streckenweise nicht viel mehr als eine anekdotische Aneinanderreihung von Kampfaktionen. Umgekehrt fehlen oft wesentliche Daten: was wissen wir schon \u00fcber die milit\u00e4rische Seite der K\u00e4mpfe? Sowohl im weiteren Sinne, also dar\u00fcber, wie man sich organisierte, wo man angriff, wo zur\u00fcckwich, als auch dar\u00fcber, wie sich die Frage der revolution\u00e4ren Gewalt jeweils stellte, wie sie in Angriff genommen wurde.<\/p>\n<p>Und was wissen wir \u00fcber den Gebrauch der Technik gegen die Arbeiterk\u00e4mpfe, \u00fcber die Ver\u00e4nderungen der Technologien auf den Baupl\u00e4tzen nach den K\u00e4mpfen der Bauhandwerker, \u00fcber die Restrukturierungsmassnahmen in der Maschinenindustrie am Ende der F\u00fcnfziger Jahre? Ein weiterer Mangel dieser Arbeit ist die v\u00f6llig ungen\u00fcgende Ber\u00fccksichtigung des internationalen Zusammenhangs. Wahrscheinlich kommt man nur noch&#8216; weiter, wenn diese Grenze gesprengt wird. Was war in Spanien los, als in Genf die Metallindustrie stillstand? Was geschah in Italien, als sich die Ausgangsbasis der Emigranten nach S\u00fcden verschob?<\/p>\n<p>Die Fragen, die dieser Text offen l\u00e4sst oder er\u00f6ffnet, wollen ein Bet\u00e4tigungsfeld sein f\u00fcr die Phantasie der Leser. Und sie wollen weitere Untersuchungsarbeit anregen, nicht um eine chronologische Enzyklop\u00e4die der Arbeiterk\u00e4mpfe zu erstellen &#8211; die w\u00fcrde die Unternehmer interessieren, nicht uns &#8211; aber indem z.B. zentrale Momente des Klassenkampfs vom Arbeiterstandpunkt aus nach allen Richtungen hin durchforscht und miteinander konfrontiert werden. Die M\u00e4ngel dieser Arbeit k\u00f6nnten einen wichtigen Grund haben.<\/p>\n<p>Die Hypothesen der revolution\u00e4ren Theorie \u00fcberpr\u00fcft man, indem man sie zu organisieren versucht. Vielleicht besitzt heute nur der die Instrumente, um die Wirklichkeit zu erkennen, der die Waffen in der Hand hat, um sie zu ver\u00e4ndern. Die Klassenk\u00e4mpfe liessen sich dann nur noch wirklich begreifen, wenn man f\u00e4hig ist, sie zu organisieren. Damit w\u00e4ren wir wieder am Anfang: Der Versuch, den Arbeiter Standpunkt stellvertretend f\u00fcr die Arbeiter einzunehmen, hat heute keinen Sinn mehr.<\/p>\n<p><strong>Zu den Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Darstellungen \u00fcber die Arbeiterk\u00e4mpfe haben wir keine gefunden. F\u00fcr die Streikberichte konnten wir jedoch auf die umfangreichen Zeitungsartikelsammlungen im Sozialarchiv in Z\u00fcrich und im Wirtschaftsarchiv in Basel zur\u00fcckgreifen. Es gibt jedoch eine ganze Menge, zumeist sehr schlechter b\u00fcrgerlicher Untersuchungen \u00fcber die Entwicklung der Wirtschaft, der Institutionen und der offiziellen Arbeiterbewegung, die man mit der Zeit zu interpretieren lernt. Interpretieren heisst hier, vom Arbeiterstandpunkt zu durchleuchten.<\/p>\n<p>Schweizerischer Gewerkschaftsbund: T\u00e4tigkeitsberichte<\/p>\n<p>Industrielle Organisation (Zeitschrift des betriebswissenschaftlichen Instituts an der ETH Z\u00fcrich)<\/p>\n<p>Schweizerische Handelszeitung<\/p>\n<p>B\u00f6hler, Eugen: Bericht \u00fcber die T\u00e4tigkeit des parit\u00e4tischen Stabilisierungsausschusses der wirtschaftlichen Spitzenverb\u00e4nde, in: Schweizerische Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik, Bern 1950<\/p>\n<p>Hagmann, H.-M.: Les travailleurs etrangers, Lausanne 1966<\/p>\n<p>Maillat, Denis: Structures des salaires et immigration, Neuch\u00e2tel\/Paris 1968<\/p>\n<p>Gasser\/Kneschaurek: Struktur- und Entwicklungsprobleme der schweizerischen Volkswirtschaft, Z\u00fcrich 1957<\/p>\n<p>Kindleberger, Charles P.: Europe&#8217;s Postwar Growth, The role of labour supply, Mussachusetts 1967<\/p>\n<p>Strukturwandlungen der schweizerischen Wirtschaft und Gesellschaft, Bern 1962<\/p>\n<p>Gegen die Pl\u00e4ne des Kapitals in der Schweiz, Genf 1972<\/p>\n<p>Klassenkampf: Nationales Bulletin Nr.6, Dokumente zum 4. Organisationsseminar, Oktober 1973.<\/p>\n<p>Die theoretischen Voraussetzungen diskutierten wir vor allem anhand der Marxschen Schriften und der folgenden Ans\u00e4tze, das Marxsche Erbe gegen eine immense Verst\u00fcmmelung zu verteidigen (Auswahl): Tronti, Mario: Operai e capitale, Torino 1971<\/p>\n<p>Bologna, Sergio: Klassenzusammensetzung und Theorie der Partei an den Anf\u00e4ngen der R\u00e4tebewegung, in: Zusammensetzung der Arbeiterklasse und Organisationsfrage, Westberlin 1973 (vgl. aber auch die anderen Aufs\u00e4tze im Sammelband: Operai e stato, Milano 1972)<\/p>\n<p>Proletarische Front: Arbeiterkampf in Deutschland, M\u00fcnchen 1973<\/p>\n<p>Materiaux pour l&#8217;intervention: les ouvriers contre l\u2019\u00e9tat refus de travail, Paris\/Milano 1973<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Abk\u00fcrzungen:<\/strong><\/p>\n<p>AHV Alters- und Hinterlassenenversicherung<\/p>\n<p>ASM Arbeitgeberverband der Schweizerischen Maschinen-und Metallindustrie<\/p>\n<p>Bupo Bundespolizei<\/p>\n<p>BRD Bundesrepublik Deutschland<\/p>\n<p>CH Schweiz<\/p>\n<p>GB Grossbritannien<\/p>\n<p>MFO Maschinenfabrik \u00d6rlikon<\/p>\n<p>MTM Method for Time Measurement: Verfahren, um dem Arbeiter die Zeiten f\u00fcr die ein-zelnen Bewegungsabl\u00e4ufe der Arbeit vorschreiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>NA Nationale Aktion gegen die \u00dcberfremdung von Volk und Heimat (schweizerische rechtsextreme Organisation) NZ Nationalzeitung<\/p>\n<p>PCE Partido Comunista d&#8217;Espana<\/p>\n<p>PdA Partei der Arbeit (fr\u00fcher Kommunistische Partei der Schweiz)<\/p>\n<p>SBHV Schweizerischer Bau- und Holzarbeiterverband<\/p>\n<p>SEV Schweizerischer Eisenbahnerverband<\/p>\n<p>SGB Schweizerischer Gewerkschaftsbund<\/p>\n<p>SMUV Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiterverband<\/p>\n<p>SPS Schweizerische Sozialdemokratische Partei der Schweiz<\/p>\n<p>STB Schweizerischer Typographenbund<\/p>\n<p>STFV Schweizerischer Textil- und Fabrikarbeiterverband<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.untergrund-bl\u00e4ttle.ch\/politik\/arbeiterkaempfe_schweiz.html\">Untergrundbl\u00e4ttle&#8230;<\/a> vom 9. Juni 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A.V. &#8222;Die ganze Welt freute sich, als in Japan der letzte Schuss in diesem Krieg gefallen war. 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