{"id":2261,"date":"2017-06-20T21:09:33","date_gmt":"2017-06-20T19:09:33","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2261"},"modified":"2017-06-20T21:11:01","modified_gmt":"2017-06-20T19:11:01","slug":"kritisches-denken-zwischen-postmoderne-und-klassenkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2261","title":{"rendered":"Marxistische Denkvernetzung zwischen Indien und Europa"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Projekt des Mangroven Verlags m\u00f6chte Mahaboob Hassan den Boden f\u00fcr einen Kontinente \u00fcbergreifenden Austausch schaffen, der insbesondere die marxistische Tradition gesellschaftskritischen Denkens als Br\u00fccke der Verst\u00e4ndigung<!--more--> zwischen Europa auf der einen und S\u00fcd- wie Ostasien auf der anderen Seite nutzt. Dies k\u00f6nnte sich in beide Richtungen produktiv entwickeln, haben die europ\u00e4ischen Metropolengesellschaften nicht zuletzt in Sicht auf ihre Kolonialgeschichte doch nicht weniger Bedarf an der &#8222;Selbstreproduktion und Selbstbefruchtung kritischen Denkens&#8220; <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> wie die Klassengesellschaften des indischen Subkontinents und der Versuch Chinas, auf der Basis einer st\u00fcrmischen kapitalistischen Entwicklung doch noch die Kurve in einen Sozialismus chinesischer Pr\u00e4gung zu nehmen.<\/p>\n<p>Auf der Linken Literaturmesse beantwortete der Wissenschaftler und Verleger dem Schattenblick einige Fragen zum Selbstverst\u00e4ndnis seines Verlagsprojektes.<\/p>\n<p>Schattenblick (SB): Herr Mahaboob Hassan, worauf gr\u00fcndet sich Ihr Verlagsprojekt?<\/p>\n<p>Mahaboob Hassan (MH): Schon w\u00e4hrend meines Studiums der Politikwissenschaft, Literatur und Philosophie in Kassel habe ich mir Gedanken dar\u00fcber gemacht, welchen Beitrag ich dazu leisten k\u00f6nnte, um beide Kontinente, Europa und den indischen Subkontinent, einschlie\u00dflich Bangladesch, l\u00e4ngerfristig zusammenzubringen. Als Student fiel mir auf, da\u00df man hier viel auf Englisch lesen mu\u00df, aber kaum auf deutsche Fachliteratur zur\u00fcckgreifen kann. \u00dcbersetzungen f\u00fcr das deutsche Lesepublikum wie auch umgekehrt vom Deutschen ins Englische schienen mir daher wichtig zu sein. Aus eigener Erfahrung wei\u00df ich zudem, da\u00df auf dem indischen Subkontinent nur ein literarisches Genre verf\u00fcgbar ist, n\u00e4mlich poststrukuralistische und postmoderne Literatur, aber keine soziologisch-marxistischen Publikationen. In dieser Hinsicht gibt es wirklich eine Riesenl\u00fccke, die ich schlie\u00dfen wollte.<\/p>\n<p>Ein anderer Punkt, der mich angetrieben hat, ist die zunehmende Anonymisierung bzw. Entfremdung zwischen den Fachdisziplinen beider Kontinente, die Wissenschaft generieren, aber einander nicht kennen. Dies zeigt sich auch daran, da\u00df indische Publikationen hier an der Universit\u00e4t nicht zug\u00e4nglich sind. Ich sehe meine Verlagsaufgabe darin, hiesige Autoren in Indien bzw. Asien und umgekehrt bekanntzumachen, um dar\u00fcber ein kleines Forum anzubieten f\u00fcr den Gedankenaustausch und so gemeinsam Wissenschaft generieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>SB: Verstehe ich Sie recht, da\u00df in Indien und Bangladesch nur die angloamerikanische Wissenschaftstradition pr\u00e4sent ist?<\/p>\n<p>MH: Absolut. Es ist nicht hinnehmbar, wenn insbesondere postmodernistische Literatur den indischen Markt \u00fcberflutet, aber keine rein soziologisch-marxistische Literatur vorhanden ist.<\/p>\n<p>SB: Aber hatte Indien nicht immer schon eine relativ starke KP, die f\u00fcr eine marxistische Theoriebildung auf dem Subkontinent gesorgt hat?<\/p>\n<p>MH: Das mag schon sein, aber dennoch finden Subaltern oder Cultural Studies wesentlich mehr Resonanz als die kleine Zahl marxistischer Theoretiker, die Wissenschaft generieren.<\/p>\n<p>SB: Nun geh\u00f6rt die marxistische Tradition auch im europ\u00e4ischen Kultur- und Sprachraum nicht gerade zu den prominenten Wissenschaftsschulen. Halten Sie es f\u00fcr m\u00f6glich, gar f\u00fcr eine gesellschaftliche Notwendigkeit, da\u00df die marxistische Theoriebildung noch einmal eine Renaissance erlebt?<\/p>\n<p>MH: Auf jeden Fall m\u00fc\u00dfte man soziale Bewegungen und Theorie st\u00e4rker miteinander verschr\u00e4nken. Das ist, denke ich, in Indien anders als im europ\u00e4ischen Raum. In Indien finden in verschiedenster Art und Weise Emanzipationsbestrebungen statt, sei es bei den Frauen, Landlosen, Adivasi oder innerhalb der Kasten. Enormes Potential ist also vorhanden, was fehlt, ist die Verschr\u00e4nkung von Theoriebildung mit Alltagspolitik.<\/p>\n<p>SB: Es gibt in Indien erhebliche soziale und \u00f6kologische Konflikte um Land, die nach wie vor den Charakter antikolonialistischer K\u00e4mpfe haben. Reicht es da nicht aus, wenn sich die Menschen den Postcolonial Studies zuwenden, oder halten Sie das f\u00fcr ein unzureichendes Konzept?<\/p>\n<p>MH: Definitiv, das ist ihrem Wesen nach eine Herrschaftswissenschaft, die weder die Klassen- noch die Machtfrage stellt. Da\u00df die \u00d6konomie in dieser Art von Theoriebildung \u00fcberhaupt keinen Faktor darstellt, ist ebenso bemerkenswert wie gleichzeitig be\u00e4ngstigend.<\/p>\n<p>SB: Im Westen einigerma\u00dfen bekannt ist eine indische Wissenschaftlerin wie Radhika Desai, die sich stark f\u00fcr die Interessen der indigenen Bev\u00f6lkerung einsetzt. Wie w\u00fcrden Sie die Wirksamkeit an politischer Intervention der Intellektuellen heute in Indien und Bangladesch einsch\u00e4tzen?<\/p>\n<p>MH: Radhika Desai ist eine marxistisch orientierte Wissenschaftlerin, von daher erkenne ich sie als progressive und soziologisch-marxistische Wissenschaftlerin an. Eine Theorie, die die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten versucht, aber die politischen Konsequenzen in der Gegenwart ausklammert, hilft uns hingegen nicht weiter. So gibt es bis heute immer noch kein souver\u00e4nes Erziehungswesen in Indien. Es hat durchaus viele Versuche gegeben, die aber vom IWF oder der Weltbank, hinter denen nat\u00fcrlich die Interessen der Gro\u00dfm\u00e4chte stehen, immer wieder torpediert wurden. Hinzu kommt, da\u00df die indischen Eliten sich den USA oder dem Westen verbunden f\u00fchlen, nicht aber den Bauern und der Arbeiterklasse. Es war schon Verrat gewesen, als Indien 1947 unabh\u00e4ngig wurde und Pakistan und Bangladesch unter der Zweinationentheorie zusammengingen, was aber nicht funktioniert hat. Das Problem ist, da\u00df die indische Avantgarde postmodernistischen Schriften aus Frankreich wie Foucault oder Derrida oder denen der nordamerikanischen Intellektuellen den Vorzug gibt. Das ist Jetset, eine Modewissenschaft, und hat nichts mit der Arbeiterklasse zu tun. Offenbar bek\u00fcmmert es die indischen Eliten nicht, da\u00df so viele Leute in Armut leben und marginalisiert sind.<\/p>\n<p>SB: Es gibt indische Linke, die der Ansicht sind, da\u00df die Bourgeoisie des Landes nach der Unabh\u00e4ngigkeit, die stark im Zeichen Mahatma Gandhis stand, im Grunde genommen ein britisch gepr\u00e4gtes Weltbild fortgeschrieben hat und sich daher nicht viel ge\u00e4ndert h\u00e4tte. Dementsprechend werde auch Gandhi \u00fcberbewertet, weil er im Wesentlichen ein liberaler Denker war und keine Klassenpositionvertreten hat. Sehen Sie das genauso?<\/p>\n<p>MH: Es ist richtig, da\u00df Gandhi nie eine Position vertreten hat, die der Arbeiterklasse wirklich zugutegekommen ist. Seine Positionen waren eher r\u00fcckschrittlich und in der Sache ambivalent. Nat\u00fcrlich hat er mit seinem gewaltfreien Weg Indien retten wollen, aber letztendlich ist er von radikalen Hindus ermordet worden. Die Macht- oder Klassenfrage hat er jedenfalls nicht gestellt, und auch die Eliten in Indien, Bangladesch oder Pakistan wollten nichts davon wissen.<\/p>\n<p>SB: Ist es zutreffend, wenn in dem Buch &#8222;Speak Up! Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien&#8220; <a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> geschrieben wird, da\u00df ungef\u00e4hr auf einem Drittel des indischen Staatsgebietes permanenter Kriegszustand herrscht?<\/p>\n<p>MH: Ja, absolut, das man kann so sagen.<\/p>\n<p>SB: Das ist hierzulande kaum pr\u00e4sent, eher wird Indien als gr\u00f6\u00dfte Demokratie der Welt dargestellt. Stellen diese milit\u00e4rischen Aktionen der amtierenden hindunationalistischen Regierung gegen Teile der eigenen Bev\u00f6lkerung eine Art inneren Kolonialkrieg dar?<\/p>\n<p>MH: Es ist ein Klassenkrieg, der auf einen unbew\u00e4ltigten Klassenkonflikt zur\u00fcckgeht. Von einem Kolonialkrieg im strengeren Sinne w\u00fcrde ich nicht sprechen, zumal die Kriege in Indien oder Bangladesch unter der britischen Kolonialherrschaft nur 200 Jahre in die Historie zur\u00fcckreichen. Tats\u00e4chlich hat das Land eine ungleich l\u00e4ngere Kolonial- oder Unterjochungsgeschichte hinter sich, man denke da an die Fremdherrschaft der Moguln, Turkmenen und Afghanen. Wenn man aber noch weiter in die Historie zur\u00fcck- und von 10.000 Jahren Kolonialgeschichte ausgeht, versteht man, wie sich eine elit\u00e4re Klasse ausbilden konnte, die auch nach der Unabh\u00e4ngigkeit 1947 kein Interesse an einer wirklichen Ver\u00e4nderung hatte. Statt dessen wurden mit Hilfe von IWF und Weltbank die semifeudalen und -kolonialen Verh\u00e4ltnisse noch versch\u00e4rft, was sich auch daran zeigt, da\u00df Indien keine finanzpolitische Hoheit besitzt.<\/p>\n<p>SB: In Indien werden heute insbesondere Konflikte um die Landfrage bzw. die Subsistenzproduktion ausgetragen, die im Zeichen des Kampfes gegen globale Agrarkonzerne wie Monsanto stehen. Wie beurteilen Sie die Bewegung, die Vandana Shiva vertritt? Ist es in Ihren Augen eine progressive Kraft mit der Aussicht auf eine emanzipatorische Entwicklung?<\/p>\n<p>MH: Ja, jede Bewegung hat ihre fortschrittliche Seite. Vandana Shiva beschreibt in erster Linie die Not der Bauern und welche Konsequenzen dies f\u00fcr Indien hat. Jahrzehntelang haben IWF und Weltbank uns Wohlstand f\u00fcr alle vorgegaukelt und im gleichen Zuge die Subsistenz\u00f6konomie kaputtgemacht und damit Monsanto und anderen Konzernen, die auf Monokultur setzen, den Weg bereitet. Dagegen ist eine riesige Bewegung von Dalits, Adivasi bis zu den Naxaliten und Maoisten aufgestanden. Jeden Tag sterben so viele Menschen. Wenn Indien und Bangladesch die \u00f6konomische Frage nicht l\u00f6sen, obwohl enorme Reicht\u00fcmer vorhanden sind, die jedoch nur einer kleinen Zahl von Menschen zugutekommen, werden die Konflikte weiter g\u00e4ren. Im Wesentlich geht es um die Eigentumsfrage.<\/p>\n<p>SB: Indien hegt sowohl regionale als auch Gro\u00dfmachtambitionen und steht damit zu China in starker Konkurrenz. Wie bewerten Sie den Versuch Indiens, sich als Staat zu einem strategischen Akteur von Weltrang hochzuarbeiten?<\/p>\n<p>MH: Das ist eine schwierige Frage. Indien hat so viele Probleme in den Abermillionen marginalisierten Menschen und Landlosen, die kein Obdach und keine Perspektive haben. Als Atommacht ist die milit\u00e4rische Option sicherlich sehr heikel, aber ich denke, wenn Menschen unter solcher Armut in Indien leben, mag der Staat vielleicht weitergehende Ambitionen haben, aber mit Gro\u00dfmachtambitionen geht das nicht zusammen.<\/p>\n<p>SB: Was w\u00fcrden Sie sich von einer europ\u00e4ischen bzw. deutschen Linken im Verh\u00e4ltnis zum indischen Subkontinent w\u00fcnschen, mehr Interesse und Engagement f\u00fcr die dortigen K\u00e4mpfe?<\/p>\n<p>MH: Meine Verlagsgr\u00fcndung zielt ja darauf, europ\u00e4ische Linke, Marxisten, Kommunisten mit indischen Linken und Marxisten zusammenzubringen, damit sie miteinander reden und so alle Animosit\u00e4ten und Vorurteile \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Von einer solchen Zusammenarbeit verspreche ich mir sehr viel.<\/p>\n<p>SB: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/schattenblick.de\/infopool\/d-brille\/report\/dbri0080.html\">schattenblick&#8230;<\/a> vom 20. Juni 2017<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> <a href=\"http:\/\/mangroven-verlag.de\">http:\/\/mangroven-verlag.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/buch\/sachbuch\/busar661.html\">http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/buch\/sachbuch\/busar661.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Projekt des Mangroven Verlags m\u00f6chte Mahaboob Hassan den Boden f\u00fcr einen Kontinente \u00fcbergreifenden Austausch schaffen, der insbesondere die marxistische Tradition gesellschaftskritischen Denkens als Br\u00fccke der Verst\u00e4ndigung<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[18,77,12,13,14,4,17],"class_list":["post-2261","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-imperialismus","tag-indien","tag-lenin","tag-marx","tag-postmodernismus","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2261"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2264,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2261\/revisions\/2264"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}