{"id":2271,"date":"2017-06-22T09:45:03","date_gmt":"2017-06-22T07:45:03","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2271"},"modified":"2017-06-22T09:45:03","modified_gmt":"2017-06-22T07:45:03","slug":"erfolgsmodell-schweiz-soziale-schere-oeffnet-sich-immer-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2271","title":{"rendered":"\u00abErfolgsmodell Schweiz\u00bb: Soziale Schere \u00f6ffnet sich immer weiter"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Marianne Arens. <\/span><\/i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Wie in den meisten L\u00e4ndern Europas und weltweit klafft auch in der \u201ereichen\u201c Schweiz die soziale Schere immer weiter auseinander. Seit der Frankenkrise 2015 sind sowohl die Armut, als auch die Managerl\u00f6hne stark gestiegen.<\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Die Managergeh\u00e4lter wuchsen im letzten Jahr zehnmal st\u00e4rker als die L\u00f6hne der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten. Das hat eine Studie ergeben, die die Gewerkschaft Unia am Dienstag (20. Juni) den Medien vorstellte. Die Studie untersucht j\u00e4hrlich die Lohn- und Gehaltsstruktur von vierzig gro\u00dfen Schweizer Unternehmen. Ihr zufolge wuchsen die Vorstandsgeh\u00e4lter im letzten Jahr um 7 Prozent oder fast zehn Millionen Franken, w\u00e4hrend die Effektivl\u00f6hne der Arbeitnehmer nur um gerade einmal 0,7 Prozent, ein Zehntel davon, zunahmen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">In der Schweiz gab es vor vier Jahren mehrere Abstimmungen, um die \u201eAbzockerei\u201c und die soziale Ungleichheit einzuschr\u00e4nken. Die 1:12-Initiative, die nur knapp scheiterte, hatte vorgeschlagen, dass der h\u00f6chstbezahlte Lohn in einem Unternehmen nicht mehr als das Zw\u00f6lffache des niedrigsten Lohns im selben Betrieb betragen solle. Seither hat sich die Lohnschere weiter ge\u00f6ffnet, und das Verh\u00e4ltnis zwischen dem niedrigsten und den h\u00f6chsten Lohn innerhalb einer Firma betr\u00e4gt heute tats\u00e4chlich 1:165 (im Vorjahr: 1:150).<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Die Vorstandschefs werden offenbar besonders belohnt, wenn sie Druck auf die Besch\u00e4ftigten aus\u00fcben. In mehreren Industriefirmen (Schindler, Sulzer, Georg Fischer) erhielten die CEO Gehaltserh\u00f6hungen und Millionen-schwere Extraboni, nachdem sie Arbeitspl\u00e4tze gestrichen oder den Belegschaften monatelange unbezahlte Mehrarbeit aufgen\u00f6tigt hatten. Bei Georg Fischer mussten die Arbeiter 2015 elf Monate lang w\u00f6chentlich vier Stunden zus\u00e4tzlich arbeiten und erhielten daf\u00fcr eine einmalige Pr\u00e4mie von 1000 Franken, aber keine Lohnerh\u00f6hung. Ihr Vorstandschef Yves Serra erhielt dagegen sowohl 2015 als auch 2016 pro Jahr fast 3 Millionen Franken.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">\u201eIn Europa verdient niemand mehr als die Schweizer CEOs\u201c, schrieb\u00a0<i>Der Bund<\/i>\u00a0am 13. Juni 2017. Im vergangenen Jahr seien demnach vier der zehn meistverdienenden Firmenchefs Europas die CEOs der Schweizer Unternehmen Roche, UBS, Novartis und Nestl\u00e9 gewesen. Die Zeitung st\u00fctzt sich auf eine Untersuchung der Unternehmensberatung HKP \u00fcber die 70 gr\u00f6\u00dften Unternehmen Europas.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Die zwei reichsten der zehn einkommensst\u00e4rksten CEOs waren demnach Roche-Chef Severin Schwan mit 13,24 Millionen Euro und UBS-Chef Sergio P. Ermotti mit 12,29 Millionen Euro.\u00a0<i>Der Bund<\/i>\u00a0merkt an, dass unter den 20 gr\u00f6\u00dften Schweizer Konzernen im Leitindex SMI nur ein einziger Konzernchef zu finden sei, dessen Lohn inklusive Boni weniger als 2 Millionen Franken betr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Laut Unia-Studie hatte Severin Schwan im Jahr davor 266mal so viel verdient wie die geringsten Lohnempf\u00e4nger bei Roche, und bei UBS-Chef Ermotti war es 264mal so viel. Das bedeutet, dass die am schlechtesten bezahlten Mitarbeiter dieser Firmen und Banken auch in zwanzig Jahren nicht so viel verdienen k\u00f6nnen wie ihre obersten Chefs in einem Monat.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Die soziale Polarisierung hat in den letzten zwei Jahren stark zugenommen. Im Januar 2015 gab die Nationalbank den Wechselkurs frei, worauf der Kurs des Schweizer Frankens in die H\u00f6he schoss. Unternehmer und \u00f6ffentliche Arbeitgeber holten zu einem Rundumschlag gegen die Arbeiterklasse aus. Jeder vierte Betrieb nahm die Frankenaufwertung zum Anlass, Arbeitspl\u00e4tze abzubauen oder L\u00f6hne zu senken, und in der Schweizer Industrie wurden rund 13.000 Stellen abgebaut, w\u00e4hrend die Verbraucherpreise stiegen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Zwar ist die Arbeitslosigkeit im europ\u00e4ischen Vergleich immer noch relativ niedrig (4,5 Prozent nach ILO, 3,5 Prozent nach Schweizer Definition), sie steigt aber schon seit 2012 stetig an. Auch \u00e4ndert sich der Charakter der Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse. Es gibt immer mehr befristete und Projekt-bezogene Jobs und prek\u00e4re Stellen \u00fcber Zeitarbeits-Firmen. Dadurch verschlechtert sich die Lage der Arbeiterklasse, und die soziale Ungleichheit nimmt auch in der Schweiz st\u00e4ndig zu.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Im Jahr 2015 waren offiziell 7 Prozent der Bev\u00f6lkerung, das sind rund 570.000 Personen, von Einkommensarmut betroffen. Das teilte das Departement des Innern am 15. Mai 2017 mit. Diese Zahlen ber\u00fccksichtigen noch nicht die j\u00fcngste soziale Polarisierung seit der Frankenaufwertung. Doch auch laut dieser Studie \u00fcber die Einkommen und Lebensbedingungen (SILC) des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) ist die Armutsquote schon 2015 im Vergleich zum Vorjahr (6,6 Prozent) deutlich angestiegen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Von Armut betroffen sind besonders Familien von Arbeitslosen und Alleinerziehenden, aber auch alleinlebende Senioren \u00fcber 65 Jahren. 1,1 Millionen Menschen sind offiziell \u201earmutsgef\u00e4hrdet\u201c \u2013 das hei\u00dft, sie k\u00f6nnten unerwartete Schl\u00e4ge und Ausgaben nicht verkraften. Auch Menschen, die heute noch Arbeit haben, sind zunehmend von Armut betroffen. 238.000 absolut Arme lebten 2015 in einem Haushalt mit mindestens einer erwerbst\u00e4tigen Person.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Wer seine Stelle verloren hat, ger\u00e4t leicht in eine regelrechte Abw\u00e4rtsspirale. Das Arbeitslosengeld, das sich nach Alter und Besch\u00e4ftigungszeit richtet, l\u00e4uft oft schon nach weniger als einem Jahr, im H\u00f6chstfall nach etwa 520 Tagen aus. Es wird als Taggeld ausbezahlt und schwankt je nach Anzahl Arbeitstagen pro Monat zwischen 20 und 23 (im Mittel 21,7) Tags\u00e4tzen. Dadurch ergeben sich deutliche Unterschiede, z.B. wenn man im M\u00e4rz mit dem Arbeitslosengeld vom Februar 31 Tage lang auskommen muss.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Wer ausgesteuert wird, f\u00e4llt in die Sozialhilfe. Das betraf vor zwei Jahren 260.000 Menschen. In diese Situation geraten auch viele Rentner, deren AHV (Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung) zum \u00dcberleben nicht reicht. Sie m\u00fcssen bei der Sozialkasse Erg\u00e4nzungsleistungen beantragen und s\u00e4mtliche Kontoausz\u00fcge, Versicherungen und Mietvertr\u00e4ge etc. offenlegen. Das Sozialamt entscheidet dann, was bezahlt wird und was nicht. Wer in einer Wohnung lebt, die als zu teuer gilt, wird zum Umzug in eine billigere Wohnung aufgefordert, die dann wesentlich kleiner, oft heruntergekommen und abgelegen ist. Finanzieren muss man den Umzug selbst.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Die Sozialhilfeempf\u00e4nger werden auch als billige Arbeitskr\u00e4fte missbraucht. Die\u00a0<i>Wochenzeitung<\/i>\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\"><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1640\/zwangsarbeit-in-der-sozialhilfe\/ich-komme-aus-diesem-system-nicht-mehr-raus\"><b><span style=\"background: white;\">berichtet \u00fcber den Fall<\/span><\/b><\/a><span style=\"background: white;\">\u00a0einer alleinerziehenden Mutter dreier Kinder, die nebenbei als Verk\u00e4uferin arbeitet und daf\u00fcr gerademal 100 Franken zur Sozialhilfe hinzubekommt. Die Frau, die fr\u00fcher im \u00f6ffentlichen Dienst besch\u00e4ftigt war, arbeitet bereits seit drei Jahren ohne Bezahlung. Sie kann sich aber nicht weigern, denn sonst droht das Sozialamt mit Streichung der Sozialhilfe und sogar Entzug der Kinder. \u201eIch komme aus diesem System nicht mehr heraus\u201c, wird die Frau zitiert.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Das Niveau der Sozialhilfe ist von Kanton zu Kanton und selbst von Kommune zu Kommune unterschiedlich geregelt. W\u00e4hrend in den letzten 15 Jahren fast alle Kantone die Steuern f\u00fcr die Reichen gesenkt haben, um kapitalkr\u00e4ftige Steuerzahler anzulocken, werden die Sozialleistungen, wie auch die Bildungsausgaben, immer weiter beschnitten. Daran beteiligen sich nicht nur Politiker der rechtspopulistischen SVP von Christoph Blocher, sondern alle Parteien, die den Schweizer Kapitalismus verteidigen, darunter allen voran die Gr\u00fcnen und die SP.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif; background: white;\">Zum Beispiel ist der Regierungsrat im Kanton Bern, dem zwei Sozialdemokraten und ein Gr\u00fcner angeh\u00f6ren, gerade dabei, den Grundbedarf an Sozialhilfe um zehn Prozent abzusenken. Junge Erwachsene und geduldete Fl\u00fcchtlinge sollen sogar 15 Prozent weniger bekommen. Der Kanton Schaffhausen hat letztes Jahr die Beitr\u00e4ge f\u00fcr junge Erwachsene um 23 Prozent auf 755 Franken im Monat gek\u00fcrzt. Der Bund und mehrere Kantone haben beschlossen, die Verbilligung der hohen Krankenkassenpr\u00e4mien f\u00fcr sozial Schwache zu k\u00fcrzen oder abzuschaffen. In Luzern hat der Kantonsrat dem Lehrpersonal eine Woche Zwangsferien ohne Lohnausgleich verordnet. In Z\u00fcrich k\u00fcrzt der Regierungsrat die Gelder f\u00fcr die Sonderschulen und Musikschulen, beschneidet die L\u00f6hne im \u00f6ffentlichen Dienst und streicht die Sozialhilfe f\u00fcr nicht anerkannte Fl\u00fcchtlinge.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt;\"><cite><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/06\/22\/suis-j22.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 22. Juni 1017<\/span><\/cite><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marianne Arens. Wie in den meisten L\u00e4ndern Europas und weltweit klafft auch in der \u201ereichen\u201c Schweiz die soziale Schere immer weiter auseinander. 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