{"id":2295,"date":"2017-06-24T08:38:14","date_gmt":"2017-06-24T06:38:14","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2295"},"modified":"2017-06-24T08:38:14","modified_gmt":"2017-06-24T06:38:14","slug":"der-generalstreik-in-griechenland-blieb-unbemerkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2295","title":{"rendered":"Der Generalstreik in Griechenland blieb unbemerkt"},"content":{"rendered":"<p><em>John Malamatinas. <\/em>Dieser Tage wird auf den Stra\u00dfen Athens viel deutsch gesprochen. Nein, es sind nicht Horden von deutschen Kapitalist_innen, die auf dem Parlamentsplatz ihren Freddo Espresso, erfolgreicher Nachfolger<!--more--> des bekannten Frapp\u00e9, genie\u00dfen, oder im linksalternativen Stadtteil Exarchia auf Erkundungstour gehen.<\/p>\n<p>Es sind Tausende, vor allem deutsche, Kunsttourist_innen, die zur Documenta14, dem neuesten Exportprodukt aus Deutschland, pilgern. \u00bbVon Athen lernen\u00ab ist das Motto der diesj\u00e4hrigen prestigetr\u00e4chtigen Kunstausstellung, die zum ersten Mal au\u00dferhalb Kassels stattfindet. Im Juni soll sie dann wieder zum Gr\u00fcndungsort zur\u00fcckgekehrt und das Gelernte in gewohnter Umgebung pr\u00e4sentiert werden.<\/p>\n<p>Ein Teil der \u00bbIndigenen\u00ab &#8211; Documentasprech f\u00fcr die \u00bbEinheimischen\u00ab, von denen mensch was lernen soll, so eines der Hauptthemen der Ausstellung &#8211; macht keinen Hehl daraus, was es vom deutschen Kunstimperialismus h\u00e4lt. An jedem Venue der Documenta14 und in den Hauptstra\u00dfen Athens h\u00e4ngen die mittlerweile weit verbreiteten \u00bbFuck Documenta\u00ab-Plakate. Ein situationistisches Agitationsmittel, um die gern gesehenen Tourist_innen im Krisenland willkommen zu hei\u00dfen. Es h\u00e4tte in der Tat auch ein beliebiges Wort an der Stelle von Documenta stehen k\u00f6nnen &#8211; z.B. Troika, Sch\u00e4uble oder sogar Lidl.<\/p>\n<p>Nach sieben Jahren Krisenlabor Griechenland wundert so ein Plakat nicht &#8211; vor allem, wenn deutsche Medien in den letzten Jahren Athen als \u00bbdas neue Berlin\u00ab betiteln. Vom kulturellen und wirtschaftlichen Aufstieg bekommt aber vor Ort niemand etwas mit &#8211; au\u00dfer den Betreiber_innen und Besucher_innen von ein paar wirklich schick restaurierten Ausstellungsorten.<\/p>\n<p><strong>Trag\u00f6die und Kom\u00f6die zugleich<\/strong><\/p>\n<p>Sieben Jahre Lohn- und Rentenk\u00fcrzungen, Privatisierungen und 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit haben sieben Jahre Generalstreiks, K\u00e4mpfe und Selbstorganisierung hervorgebracht. Bisher ohne Ergebnis. Was bleibt: Eine zersplitterte Linke, der R\u00fcckzug in die Identit\u00e4tspolitik oder zum allgeliebten Sofa: Mehrere Millionen Menschen nehmen an einer \u00bbMassenhypnose\u00ab namens Survivor teil &#8211; einer erfolgreichen Realityshow, importiert aus den USA, die dem deutschen Dschungelcamp \u00e4hnelt. Und es bleibt: Eine europ\u00e4ische Linke die &#8211; pardon &#8211; einfach die n\u00e4chste Sau durchs Dorf treibt &#8211; Jean-Luc M\u00e9lenchon, Martin Schulz oder Jeremy Corbyn &#8211; anstatt wirkliche Schl\u00fcsse aus der Niederlage zu ziehen und in die Offensive zu gehen, zum Beispiel vor den deutschen Bundestagswahlen.<\/p>\n<p>Am 18. Mai 2017 winkte das griechische Parlament das neue Sparpaket durch. Eine Neuheit neben den klassischen K\u00fcrzungen: Sonntagsshopping wird, trotz Protesten des Einzelhandels, auch au\u00dferhalb der touristischen Gegenden erweitert. Ministerpr\u00e4sident Alexis Tsipras bezeichnete die Sparma\u00dfnahmen in seiner Rede als \u00bbschwierig\u00ab, sie tr\u00fcgen jedoch zur Stabilisierung des Landes bei. Die Sparma\u00dfnahmen sollen f\u00fcr die Jahre 2019 bis 2021 gelten; Tsipras hofft so den schwarzen Peter auf die n\u00e4chste Regierung zu schieben.<\/p>\n<p>Eigentlich sollte die erneute &#8211; erzwungene &#8211; Kapitulation Syrizas die n\u00e4chste Welle frischen Kapitals freigeben, die Griechenland bitter braucht: bis zum Juli sieben Milliarden Euro. Aber der lange Kampf zwischen Deutschland und dem IWF verkompliziert die Angelegenheit. Der IWF machte beim dritten Memorandum nicht mit, vor allem, weil man hier der Meinung ist, dass das gesamte Prozedere ohne einen wirklichen Schuldenschnitt nichts bringt. Europas Supersparer, der deutsche Finanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble, blockiert derweil die n\u00e4chste Zahlung, weil er als deren Vorbedingung die Beteiligung des IWF setzt.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich erscheint es vielen langweilig, diese erneuten Reformen und darin wiederholt die Zankerei zwischen IWF, EU und Deutschland zu beschreiben. F\u00fcr Griechenland-Kenner_innen d\u00fcrfte die laufende Berichterstattung zur elenden Qual geworden sein: W\u00fcrden manche Artikel vom Mai 2010 und Mai 2017 ausgetauscht werden, niemand w\u00fcrde es merken.<\/p>\n<p>Die Masken sind l\u00e4ngst gefallen. Es ging den europ\u00e4ischen Politiker_innen nie darum, die griechische Wirtschaft auf Erfolgskurs zu bringen. Was sich abspielt, ist eine epische Trag\u00f6die und Kom\u00f6die zugleich. Eine Trag\u00f6die, weil Griechenland wie Odysseus von Insel zu Insel getrieben wird und dabei immer wieder auf verschiedene Ungeheuer oder listige G\u00f6tter trifft. Eine Kom\u00f6die, weil das Szenario am oberen Ende sich zum x-ten Mal wiederholt. Aristophanes h\u00e4tte es nicht besser entwerfen k\u00f6nnen, allerdings noch mit einen Schuss Zizek-Zynismus.<\/p>\n<p><strong>Unterwegs zum gemeinsamen Suchprozess<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbVor der Abstimmung protestierten nach Polizeiangaben mehr als 10.000, zumeist linke Demonstrant_innen vor dem Parlament in Athen. Einige Protestteilnehmer_innen schleuderten Molotowcocktails auf Polizist_innen; die Sicherheitskr\u00e4fte setzten Tr\u00e4nengas ein. Gegen die Sparma\u00dfnahmen haben abermals Tausende Griechen mit einem 24-st\u00fcndigen Generalstreik protestiert.\u00ab So oder so \u00e4hnlich stand es in jeder beliebigen Tageszeitung.<\/p>\n<p>Nur waren es bei weitem nicht so viele Demonstrant_innen wie im Mai 2010 oder Juni 2011 oder Februar 2012, als Hunderttausende das Parlament st\u00fcrmten. Die Generalstreiks, so sieht es auch ein Gro\u00dfteil der griechischen Linken, haben ihre Wirkung entfaltet: genau in die entgegengesetzte Richtung. So etwas kann sich in der deutschsprachigen Linken sicherlich kaum jemand vorstellen: Sind Generalstreiks nicht der st\u00e4rkste Ausdruck von Protest der Welt? Das kann gut sein, wenn der Generalstreik nicht ein Marionettenparlament vor sich hat. Viele erinnern sich an die Jahr 2006 und 2007, an die K\u00e4mpfe gegen die Neoliberalisierung der Universit\u00e4ten. Damals gelang es, mit Tausenden die Reformversuche der damaligen konservativen Bildungsministerin zu blockieren. Diese Zeiten sind aber pass\u00e9. Politische Entscheidungen werden losgel\u00f6st vom \u00f6ffentlichen Druck getroffen. Generalstreiks haben nur noch die Funktion, aus einem Kessel Dampf abzulassen.<\/p>\n<p>Wer in den letzten Jahren kontinuierlich Genoss_innen in Griechenland getroffen hat, wird die Verd\u00fcsterung ihrer Gesichter von Besuch zu Besuch bemerkt haben. Tats\u00e4chlich sind viele unserer Freund_innen, die wir in den letzten Jahren unterst\u00fctzt haben, am Limit: politisch, k\u00f6rperlich und vor allem psychisch. Lohnarbeit bedeutet f\u00fcr viele, wenn sie nicht auswandern, f\u00fcr 2,50 Euro Stundenlohn im Caf\u00e9 zu arbeiten oder in das \u00bbtraute Heim der Familie\u00ab zur\u00fcckzukehren. Einige machen tapfer weiter: in der Selbstorganisierung f\u00fcr und mit Gefl\u00fcchteten, in Kollektiven und sozialen Zentren, in kleineren allt\u00e4glichen K\u00e4mpfen um Brot und \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Eine neue Welle der Kreativit\u00e4t ist bisher nicht eingetreten. F\u00fcr die meisten ist die rituelle Randale an den Grenzen Exarchias keine L\u00f6sung und auch nicht das Warten auf den n\u00e4chsten Messias, wie etwa Dimitris Varoufakis, der mit Diem25 sich nun erstmals getraut hat, in Griechenland Veranstaltungen zu organisieren. Die anarchistische Gruppe Rouvikonas ist gerade die meistgehandelte Aktie am Horizont der linksradikalen Szene. Mit spektakul\u00e4ren Besetzungsaktionen vermitteln sie den Eindruck eines einsamen Robin Hoods, der als letzte Instanz die Rechte der Armen und Ausgeschlossenen verteidigt. Viele schauen nach Frankreich. \u00bbWir sind unregierbar\u00ab war das Motto des diesj\u00e4hrigen Festivals des antiautorit\u00e4ren Magazins Babylonia.<\/p>\n<p>Die kulturelle und politische Hegemonie der Linken vor dem Syriza-Wahlsieg ist nur noch ein zersplitterter Spiegel in der Ecke des \u00fcbersichtslosen Kampffelds. Das Scheinwerferlicht sucht interessantere Schaupl\u00e4tze &#8211; Trump, Terror und Technologieboom. Bei den organisierten Zusammenh\u00e4ngen in Griechenland sucht man derweil nach einer M\u00f6glichkeit, offensive Kampfzusammenh\u00e4nge aufzubauen, die wieder ein Faktor in der Stadt und von der \u00d6ffentlichkeit ernst genommen werden und mit denen sich die Menschen identifizieren k\u00f6nnen: vom kollektivem Sichwehren zum Aufbau einer Vision, die allerdings bisher niemand in Griechenland (re)pr\u00e4sentieren kann. Dann, aber auch nur dann, k\u00f6nnten Generalstreiks in Kombination mit einer wirklichen europ\u00e4ischen Solidarit\u00e4t noch einmal anders wirken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak628\/08.htm\">ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 628&#8230;<\/a> vom 24. Juni 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Malamatinas. Dieser Tage wird auf den Stra\u00dfen Athens viel deutsch gesprochen. 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