{"id":2311,"date":"2017-07-06T08:59:30","date_gmt":"2017-07-06T06:59:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2311"},"modified":"2018-01-19T17:58:17","modified_gmt":"2018-01-19T15:58:17","slug":"elend-und-spaltung-der-globale-klassenkonflikt-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2311","title":{"rendered":"Elend und Spaltung. Der globale Klassenkonflikt heute"},"content":{"rendered":"<p><em>Werner Seppmann.<\/em> <strong>Hierzulande entwickeln die Lohnabh\u00e4ngigen einen spontanen, aber ortlosen Antikapitalismus. Und noch die extrem Benachteiligten profitieren von der brutalen Ausbeutung in der Peripherie. \u00dcber den globalen Klassenkampf.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Klassenkampf beruht unabh\u00e4ngig von seiner konkreten Erscheinungsweise letztlich auf einer sehr einfachen Grundlage, n\u00e4mlich auf dem strukturellen Gegensatz zwischen den Ausgebeuteten und den Ausbeutern. Struktureller Gegensatz bedeutet, dass Klassenkampf auch dann stattfindet, wenn er in einseitiger Form zum Ausdruck kommt, wenn er, wie gegenw\u00e4rtig in den meisten kapitalistischen Metropolen, fast ohne Gegenwehr als Intervention von oben organisiert wird. Konsequent nutzt das Kapital die Machtgewinne, die ihm in den letzten Jahrzehnten durch die sogenannte Globalisierung, also vorrangig durch die Internationalisierung der Arbeitsm\u00e4rkte zugewachsen sind. Recht problemlos ist es m\u00f6glich geworden, die Arbeitskraftverk\u00e4ufer und -verk\u00e4uferinnen weltweit gegeneinander auszuspielen. Dieser Umstand erschwert, Klassenk\u00e4mpfe dort zu f\u00fchren, wo die Lohnabh\u00e4ngigen den gr\u00f6\u00dften Druck auf das Kapital aus\u00fcben k\u00f6nnen, n\u00e4mlich in den gro\u00dfen Betrieben an der Spitze des arbeitsteiligen Industriesystems, in denen die Vorprodukte aus allen Teilen der Welt zusammenlaufen, also an den Orten, an denen noch immer ma\u00dfgeblich, wenngleich nicht alleinig, die Mehrwertsch\u00f6pfung erfolgt.<\/p>\n<p>An diesen \u00bbSchnittstellen\u00ab der Ausbeutung ist die Konfliktsituation zwischen Kapital und Arbeit f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen auch in besonderer Intensit\u00e4t erfahrbar. So wird die Bundesrepublik trotz des nicht unbetr\u00e4chtlichen Einflusses von Sozialstaatsillusionen und auch individuellen Aufstiegshoffnungen nicht zuletzt aufgrund der arbeitsallt\u00e4glichen Konflikterfahrungen von der Mehrheit der Lohnabh\u00e4ngigen immer noch als Klassengesellschaft wahrgenommen: Trotz des Fehlens eines profilierten Klassenbewusstseins hinterlassen vorrangig in der Arbeitswelt gemachte Widerspruchserfahrungen deutliche Spuren im Gesellschaftsbild.<\/p>\n<p><strong>Kapitalismusskepsis<\/strong><\/p>\n<p>Eine Untersuchung in ost- und westdeutschen Industriebetrieben kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Nicht zuletzt aufgrund zunehmender sozialer Verwerfungen und Ungerechtigkeiten br\u00f6ckelt die Legitimationsgrundlage des kapitalistischen Wirtschaftssystems: Zwei Drittel der Befragten gehen von einer grundlegenden Spaltung der Gesellschaft in ein Oben und ein Unten aus.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Dieses Widerspruchsbewusstsein ist durch die Krisenerfahrungen gesch\u00e4rft worden und hat sogar einen latenten Antikapitalismus hervorgebracht, der jedoch gleichzeitig \u00bbortlos\u00ab ist, weil er keinen organisatorischen Ankn\u00fcpfungspunkt kennt und keine perspektivischen Orientierungen vermittelt. Die Lohnabh\u00e4ngigen stellen weder an politische Gruppierungen und Parteien und noch weniger an die Gewerkschaften gro\u00dfe Erwartungen: \u00bbMitbestimmung und Gewerkschaften werden [zwar] grunds\u00e4tzlich f\u00fcr n\u00f6tig, sinnvoll und unverzichtbar gehalten. Adressaten f\u00fcr Gesellschafts- und Kapitalismuskritik sind die Lohnabh\u00e4ngigenorganisationen jedoch \u00fcberwiegend nicht. Die verbreitete Kapitalismuskritik bleibt heimat- und orientierungslos\u00ab.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Auch deshalb repr\u00e4sentiert diese Kapitalismuskritik noch kein Klassenbewusstsein: Es handelt sich vielmehr um eine Kapitalismusskepsis als Element einer proletarischen Klassenmentalit\u00e4t, die sich jedoch aus vielen Gr\u00fcnden gegenw\u00e4rtig nicht weiterentwickeln kann. Einmal aus subjektiven Gr\u00fcnden, weil die Kr\u00e4fte die diesen Entwicklungsprozess unterst\u00fctzen und fundieren m\u00fcssten, fehlen. Nicht zuletzt gro\u00dfe Teile der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie haben sich in den letzten Jahrzehnten sogar als Bremser bet\u00e4tigt\u00a0\u2013 um es \u00bbsolidarisch\u00ab auszudr\u00fccken. Aber auch aus objektiven Gr\u00fcnden: Denn die neuen Spaltungslinien, die durch die Betriebe verlaufen, haben bewusstseinsverzerrende Wirkungen. Prekarisierung ist ja nur ein anderer, manchmal auch verschleiernd wirkender Begriff f\u00fcr die Tatsache, dass sich die Arbeitswelt in eine Vielzahl von Zonen mit unterschiedlicher Bezahlung und h\u00f6chst differenzierter sozialer Absicherung aufgegliedert hat. Die Liste der prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsformen ist fast endlos: Die beiden gr\u00f6\u00dften Posten Leih- und Vertragsarbeit bilden dabei nur die Spitze des Eisbergs.<\/p>\n<p>Obwohl sich alle abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten prinzipiell und kollektiv in einer Situation befinden, die durch den objektiven Gegensatz zum Kapital charakterisiert ist, wird es durch die gravierenden Spaltungslinien im Erwerbssystem vor allem f\u00fcr die Benachteiligten immer schwieriger, die gemeinsamen Interessen zu erkennen, weil es eklatante Unterschiede in den Arbeitsbedingungen, hinsichtlich der sozialen Absicherung und der H\u00f6he der Entlohnung gibt\u00a0\u2013 auch dann, wenn man Seite an Seite arbeitet: Es existieren gro\u00dfe Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen, zwischen den Festangestellten, also den sogenannten Kernbelegschaften, und den prek\u00e4ren \u00bbRandbesch\u00e4ftigten\u00ab. Hinzu kommen noch die ethnisch codierten Differenzierungs- und Benachteiligungsformen.<\/p>\n<p><strong>Betriebliche Spaltungslinien<\/strong><\/p>\n<p>Wie deutlich die Spaltungslinien auch innerhalb der einzelnen Belegschaften ausgepr\u00e4gt sind, wurde 2013 durch eine Erhebung der IG Metall deutlich. Die Bestandsaufnahme der Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse in der Automobilindustrie, also im Kernbereich des bundesdeutschen Industriesystems, ergab, dass die tariflich bezahlten Stammbelegschaften mit 763.000 Personen immer noch den gr\u00f6\u00dften Lohnabh\u00e4ngigenblock repr\u00e4sentierten. Im Produktionsbereich verdienten sie zum damaligen Zeitpunkt bei Mercedes beispielsweise 3.400 Euro brutto. Hinzu kommen in guten Jahren teilweise noch Leistungspr\u00e4mien, so dass sich die durchschnittlichen Bruttoeink\u00fcnfte f\u00fcr diese Besch\u00e4ftigtengruppe auf den Monat umgerechnet im Bereich von 4.000 Euro bewegten. Bei VW waren es fast 5.000 Euro. Die Zuschl\u00e4ge erhalten jedoch nur die festangestellten Lohnarbeiter. Nichts davon sehen die ca. 100.000 Leiharbeiter, die durchschnittlich 2.200 Euro brutto, also faktisch die H\u00e4lfte dessen verdienen, was ihre Kolleginnen und Kollegen, mit denen sie Seite an Seite arbeiten, erhalten. Aber damit ist Boden der \u00dcberausbeutung<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> noch lange nicht erreicht. Sage und schreibe 250.000 Kolleginnen und Kollegen waren 2013 in der deutschen Automobilindustrie auf der Grundlage von Werkvertr\u00e4gen besch\u00e4ftigt! Sie erhielten bei Opel, VW, Mercedes oder BMW manchmal nur ein Monatsentgelt zwischen 1.200 und 1.300\u00a0Euro brutto.<\/p>\n<p>Das ist die konkrete Situation, in der die Lohnabh\u00e4ngigen gemeinsame Interessen unmittelbar kaum noch erfahren k\u00f6nnen\u00a0\u2013 obwohl sie nat\u00fcrlich nach wie vor existieren<em>.<\/em>\u00a0Erleben die Prekarisierten die Stammbesch\u00e4ftigten als \u00bbPrivilegierte\u00ab, so wird von diesen die Kollegin (die als Leiharbeiterin nach fester Besch\u00e4ftigung strebt) als den eigenen Arbeitsplatz gef\u00e4hrdende Konkurrentin wahrgenommen. Es haben sich durch diese Spaltungsprozesse mentale Einstellungs- und psychische Reaktionsmuster entwickelt, die widerst\u00e4ndige Haltungen nicht unbedingt f\u00f6rdern, denn soziale \u00c4ngste haben sich nicht nur bei den unmittelbaren Krisenopfern, den \u00bbAusgesonderten\u00ab und an den Rand Gedr\u00e4ngten, festgesetzt, sondern sie wirken einsch\u00fcchternd und disziplinierend bis in die Kernbereiche des Industriesystems hinein.<\/p>\n<p>Das sind die objektiven Voraussetzungen, die es erm\u00f6glichen, dass der Klassenkampf vorrangig von Seiten des Kapitals gef\u00fchrt werden kann. Und das ist w\u00f6rtlich zu nehmen, denn es geht dem Kapital bei den prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsformen nicht nur um \u00bb\u00f6konomische Effizienz\u00ab, also die Intensivierung der Ausbeutung. Ein willkommener Nebeneffekt ist die Verunsicherung aller Besch\u00e4ftigten. Jedem (gerade auch den noch \u00bbIntegrierten\u00ab) wird durch das Heer der Prekarisierten unmissverst\u00e4ndlich vor Augen gef\u00fchrt, dass sie nicht unersetzlich sind. Diese Einsch\u00fcchterung f\u00fchrt zur lohnpolitischen \u00bbBescheidenheit\u00ab und allgemein zu einem beflissenen Verhalten, denn es kann sich in diesem System systematischer Zur\u00fcckstufung und angesichts der sozialen Abstiegsautomatik, die das Hartz-IV-Reglement darstellt, niemand mehr sicher f\u00fchlen.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a><\/p>\n<p><strong>\u00bbDritte Welt\u00ab-Zust\u00e4nde<\/strong><\/p>\n<p>Diese sozialpolitische Kampfanordnung hat zu sozialen Br\u00fcchen und Verwerfungen in einem Umfang und einer Intensit\u00e4t gef\u00fchrt, die sich selbst antikapitalistische Linke vor zwei Jahrzehnten kaum haben vorstellen k\u00f6nnen. In vielen der imperialistischen Hauptl\u00e4nder sind Zonen der Verelendung und der Hoffnungslosigkeit entstanden, wie sie bisher nur aus den \u00bbPeripherie\u00ab-L\u00e4ndern bekannt waren. Nicht ohne Berechtigung wird von einer \u00bbBrasilianisierung\u00ab der Metropolen gesprochen.<\/p>\n<p>Aber dennoch leben in den Augen gro\u00dfer Teile der Weltbev\u00f6lkerung selbst die Armen auf den \u00bbWohlstandsinseln\u00ab immer noch in beneidenswerten Verh\u00e4ltnissen. Denn tats\u00e4chlich ist es so, und das ist in keiner Weise moralisierend gemeint, dass auch die extrem Benachteiligten hierzulande\u00a0\u2013 wenn auch nur in bescheidender Weise\u00a0\u2013 noch von den Mechanismen des internationalen Ausbeutungssystems profitieren, ihre (wenn auch rudiment\u00e4re) Konsumpartizipation nur vermittelt \u00fcber die elenden \u00bbLebensverh\u00e4ltnisse anderer zustande\u00ab kommt, sie ihre privilegierte Position \u00bbder weniger bevorzugten Stellung anderer in anderen Teilen der Welt [verdanken]\u00a0\u2013 und ihre Privilegien lassen sich auch nur aufgrund dieses Ungleichheitsverh\u00e4ltnisses aufrechterhalten\u00ab<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a>. Mit bitterer Ironie gesagt, treffen sich die Armen und Bed\u00fcrftigen der Metropolengesellschaften regelm\u00e4\u00dfig an den W\u00fchltischen der Textildiscounter, um Kleidung zu kaufen, die die Entwurzelten und Verelendeten der Peripherie unter erb\u00e4rmlichsten Bedingungen zusammengen\u00e4ht haben.<\/p>\n<p>Auch wenn das nur ein randst\u00e4ndiger Aspekt \u00bbin einer Gesellschaft [ist], die sich [\u2026] auf Kosten und zu Lasten anderer stabilisiert und reproduziert und sich \u00fcberhaupt nur auf diese Weise zu stabilisieren und zu reproduzieren vermag\u00ab<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a>, ist er doch von symbolischer Bedeutung. Aber der Sozial\u00adhilfeempf\u00e4nger und der Arbeitslose in den Metropolengesellschaften sind nat\u00fcrlich die falschen Adressaten f\u00fcr irgendwelche Vorw\u00fcrfe und Vorhaltungen, aber auch sie sollten wissen, welchen Preis die Hose f\u00fcr 6,50 Euro und der Rock f\u00fcr 7,80\u00a0Euro tats\u00e4chlich haben. Sie sollten wissen, dass sie so wohlfeil sind aufgrund des menschenverachtenden Ausbeutungssystems in Bangladesch, Indien und anderswo. Nicht selten auch um den Preis des Lebens der Arbeiterinnen und Arbeiter, die oft sklaverei\u00e4hnlichen Arbeitsbedingungen unterworfen sind. Sie zahlen ihren \u00bbPreis\u00ab f\u00fcr die konsumgesellschaftliche Lebensweise auf den \u00bbWohlstandsinseln\u00ab. Und jeder sollte auch wissen, dass Schweinefleisch f\u00fcr drei Euro und H\u00e4hnchenschenkel f\u00fcr zwei Euro das Kilo durch die Zerst\u00f6rung von Naturressourcen und traditionellen Sozialstrukturen (die f\u00fcr die Menschen auch Absicherungssysteme waren) in den Viehfutter produzierenden L\u00e4ndern des \u00bbS\u00fcdens\u00ab erkauft werden.<\/p>\n<p>Also nochmals: Das ist nicht \u00bbnormativ\u00ab gemeint, jedoch muss immer wieder daran erinnert werden, dass der Wohlstand der einen (wie gro\u00df und wie klein er immer auch sein mag) mit dem Elend der anderen erkauft wird. Beispielsweise auch durch die Auslagerung von umweltgef\u00e4hrdenden und gesundheitssch\u00e4dlichen Produktionsverfahren, aber auch durch Giftm\u00fcllexporte. Auf jeden BRD-B\u00fcrger entfallen j\u00e4hrlich alleine 22 Kilo Elektronikschrott mit Bestandteilen von Blei, Quecksilber und Kadmium, die zum allergr\u00f6\u00dften Teil, in den \u00bbPeripherie\u00ab-L\u00e4ndern illegal entsorgt werden<\/p>\n<p>Und es muss betont werden, dass die Armuts\u00adentwicklung gerade in den letzten zwei Jahrzehnten eine besondere Dynamik bekommen hat. Die weltweite explosionsartige Ausbreitung der Slumviertel ist eng mit der Ausbreitung kapitalistischer Verwertungszonen, der Effektivierung peripherer Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse bei gleichzeitiger Zerst\u00f6rung traditioneller Existenzgrundlagen verbunden.<\/p>\n<p><strong>Globale Elendsentwicklung<\/strong><\/p>\n<p>Durch die Ausdehnung der Armuts- und Bed\u00fcrftigkeitszonen auch in den Metropolenl\u00e4ndern wird deutlich, dass nun ein Zustand erreicht ist, bei dem diese spezifische Zerst\u00f6rungskraft des Kapitalismus nicht mehr auf separierte Zonen des imperialistischen Weltsystems beschr\u00e4nkt bleibt, weil die \u00bbMarktdynamik\u00ab in Kombination mit der Skrupellosigkeit der Kapitaleliten Widerspr\u00fcche erzeugt hat, die jetzt auch in Form der \u00bbMigrantenwelle\u00ab auf die Metropolen zur\u00fcckschlagen. Und es kann als sicher gelten, dass wir bisher nur den Anfang erlebt haben. Es ist nicht nur vorstellbar, sondern h\u00f6chst wahrscheinlich, dass Massen hilfloser Menschen in noch ganz anderen Gr\u00f6\u00dfenordnungen die \u00bbWohlstandszonen\u00ab erreichen werden, denn die Elendsquartiere beispielsweise in Karatschi, Kalkutta, Mumbai, Delhi und Dhaka, in denen allein 20 Millionen Menschen leben, bieten denen, die dort ihr k\u00fcmmerliches Dasein fristen m\u00fcssen, noch nicht einmal mehr die Illusion eines \u00bbSprungbretts\u00ab zu einem \u00bbbesseren Leben\u00ab, wie das vor zwei Jahrzehnten noch der Fall gewesen sein mag.<\/p>\n<p>\u00bbDie st\u00e4dtischen Elendsagglomerationen sind die Kehrseite des Kasinokapitalismus: ein Auffangbecken f\u00fcr jene Menschen, die aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung\u00a0\u2013 der Technologisierung der \u00d6konomie und der zunehmenden Bedeutung von Spekulationsgesch\u00e4ften\u00a0\u2013 \u00fcberfl\u00fcssig geworden sind.\u00ab<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[vii]<\/a> Sie sind Endstationen, weil die Aufnahmef\u00e4higkeit des globalisierten kapitalistischen Arbeits- und Verwertungssystems an ihr Ende gekommen ist. Es werden zwar immer wieder neue Arbeitskr\u00e4fte ben\u00f6tigt, aber nur noch in einem stagnierenden Umfang. Die Slums, von denen es weltweit \u00fcber 200.000 gibt, und in denen in den am wenigsten entwickelten L\u00e4ndern bis zu 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung leben, sind faktisch zu lebensgeschichtlichen Endstationen geworden.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[viii]<\/a><\/p>\n<p>Die Migranten und Fl\u00fcchtlinge machen sich aus sehr unterschiedlichen Motiven auf den Weg in die vermeintlichen Paradiese. Doch der Anteil derer, die durch die Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen wegen aggressiver Kapitalverwertungsstrategien vertrieben wurden, ist erdr\u00fcckend gro\u00df geworden. Alleine die EU-Staaten nehmen bis zu 35 Millionen Hektar Land au\u00dferhalb Europas in Anspruch.<\/p>\n<p>Die staatlichen Apparate in den imperialistischen Hauptl\u00e4ndern reagieren auf die \u00bbMigrantenwellen\u00ab mit autorit\u00e4rer Formierung: Abschottungen nach au\u00dfen und repressive Strategien nach innen\u00a0\u2013 von denen die \u00dcberwachung und Erfassung aller nur eine Facette ist\u00a0\u2013 bedingen sich wechselseitig. Der Aufwand f\u00fcr die Au\u00dfenkontrolle (deren Kehrseite die innerstaatlichen \u00dcberwachungsexzesse sind) wird immer gr\u00f6\u00dfer, und dennoch werden sich die \u00bbZonen der Prosperit\u00e4t\u00ab durch rigide Grenzregime nicht abschotten lassen.<\/p>\n<p>Bei diesen Prozessen kommt rechten Gruppierungen, von denen die AfD nur ein Element ist, eine historisch neue Rolle zu; es hat ein regelrechter Funktionswechsel stattgefunden: Angesichts des politischen Bedeutungsverlustes linker Kr\u00e4fte, sind faschistische Formierungen als Schutzwall gegen den Sozialismus, so wie in den 30er Jahren, nicht mehr n\u00f6tig. Sie haben ihre objektive Funktion nun als Brandbeschleuniger und als Katalysator, um die gesellschaftlichen Abwehrhaltungen und die politischen Ma\u00dfnahmen gegen die \u00bbEindringlinge\u00ab zu intensivieren und gleichzeitig autorit\u00e4re Formierungen zu legitimieren.<\/p>\n<p><strong>Menschenw\u00fcrdige Lebensverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n<p>Auf diese Situation in ihrer ganzen Komplexit\u00e4t m\u00fcssen sich die linken Bewegungen einstellen: Sie m\u00fcssen Vorstellungen von internationaler Solidarit\u00e4t in ganz neuer Intensit\u00e4t entwickeln. Konkret bedeutet das, dass jede Zukunftsvorstellung, jedes Konzept einer alternativen Gesellschaft unter dem Vorbehalt steht, dass das gleichberechtigte Lebens- und Entfaltungsrecht aller Menschen ohne Wenn und Aber anerkannt werden muss: Mit Solidarit\u00e4tsbekundungen allein ist es angesichts der globalen Verelendungsentwicklung und der mit ihr verbundenen Ressourcenzerst\u00f6rung nicht getan. Auf die un\u00fcbersehbar gewordene Katastrophendynamik muss theoretisch, konzeptionell und praktisch reagiert werden. Und zwar auch und gerade deshalb, weil gegenw\u00e4rtig noch nicht einmal ansatzweise L\u00f6sungsvorstellungen f\u00fcr die sich auft\u00fcrmenden Probleme existieren: Die Menschenw\u00fcrde und das Lebensrecht aller Menschen sind unteilbar\u00a0\u2013 aber die dringliche Frage lautet, wie sie zur Geltung gebracht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss nicht, eine unreflektierte Politik des Verzichts f\u00fcr die lohnabh\u00e4ngigen Bev\u00f6lkerungsmehrheiten in den Metropolenl\u00e4ndern zu fordern. Das Verzichtspostulat geh\u00f6rt ins Propagandaarsenal der Herrschenden. Sein einziger Zweck ist, von den Massen zu fordern, den G\u00fcrtel enger zu schnallen und im \u00dcbrigen alles so zu lassen, wie es ist. Im Kern geht es bei der Ber\u00fccksichtigung der elementaren Lebensrechte aller Menschen um Prozesse kollektiver Selbstbesinnung, wie einer Lebensweise der Natur- und Gesellschaftszerst\u00f6rung ebenso wie der strukturellen Ungleichheitsentwicklung ein Riegel vorgeschoben werden kann. Es geht bei der Diskussion \u00fcber eine andere Gesellschaft um einen Perspektivwechsel, der Konzepte konsumtiver Selbstbeschr\u00e4nkung einschlie\u00dfen muss<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[ix]<\/a> und der sich konkret auch um solche Fragen dreht wie die, ob es f\u00fcr ein selbstbestimmtes, kreatives und erf\u00fcllendes Leben n\u00f6tig ist, sich mittlerweile im Halbjahresrhythmus ein neues Handy zu kaufen, ob das Lebensgl\u00fcck von der 237.\u00a0Joghurtsorte abh\u00e4ngt, die gerade neu im K\u00fchlregal aufgetaucht ist, und ob der Billigflug nach London f\u00fcr einen sechsst\u00fcndigen Shoppingaufenthalt etwas Erstrebenswertes ist. Mit einem Satz gesagt, geht es um die Wiederentdeckung der Frage, die in der Arbeiterbewegung schon eine lange Tradition hat und heute vergessen scheint: \u00bbWie wollen wir leben?\u00ab Diese Frage dr\u00e4ngt sich auf, weil sie\u00a0\u2013 wenn meist auch in einem ganz und gar unpolitischen Sinne\u00a0\u2013 viele Menschen schon heute umtreibt. Dieses Themenfeld alltagskultureller Alternativen zum Konsumismus und zur \u00bbBeschleunigungsgesellschaft\u00ab (Hartmut Rosa) ist geeignet, die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Notwendigkeit und auch die M\u00f6glichkeit eines Bruchs mit der herrschenden Logik des Wirtschaftens und des Lebens (oder besser des Nicht-Lebens) zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Als Gegenstand der Diskussion solch alternativer Orientierungen dr\u00e4ngt sich auch die Grundeinkommensdebatte auf, die in ihrem Haupttrend die zentralen Fragen verfehlt. Die heute hegemonialen Konzepte laufen darauf hinaus, die Ausgegrenzten nur gesellschaftlich zu alimentieren. Faktisch wird ihr sozialer Ausschluss und ihre Randst\u00e4ndigkeit stillschweigend in Kauf genommen. Die herrschende Diskussion findet sich also letztlich mit der bestehenden soziokulturellen Spaltung ab. Diese kann von den g\u00e4ngigen Konzepten bestenfalls abgemildert, aber nicht beseitigt werden.<\/p>\n<p>Alternativ dazu muss die Grundeinkommens\u00adproblematik so thematisiert werden, dass deutlich wird, es geht nicht um das reformistische Prinzip der Teilhabe, sondern um Selbstbestimmung\u00a0\u2013 und zwar der Selbstbestimmung in der Arbeit und damit zwangsl\u00e4ufig hinsichtlich aller sozio\u00f6konomischen Prozesse.<\/p>\n<p>Es sollte nicht als Nostalgie missverstanden werden, wenn ich in diesem Zusammenhang an die entscheidende Zeile eines alten Arbeiterliedes erinnere, wonach es darauf ankomme, \u00bbdie Arbeit zu befreien\u00ab. Nur durch die Entwicklung einer solchen progressiven und das Gegenw\u00e4rtige \u00fcberschreitenden Perspektive ist es m\u00f6glich, den Menschen eine Zuversicht zu vermitteln, die auch in den aktuellen K\u00e4mpfen unverzichtbar ist, um den rechten Demagogen wenigstens langfristig das Wasser abgraben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/313536.elend-und-spaltung.html\">jungewelt.de&#8230;<\/a> vom 6. Juli 2017<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Vgl.: Klaus D\u00f6rre, Anja Happ, Ingo Matuscheck (Hg.): Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen. Soziologische Untersuchungen in ost- und westdeutschen Industriebetrieben. Hamburg 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Ebd., S. 47<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> \u00bbDie gewaltsame Herabsetzung des Arbeitslohns unter diesen Wert [der Arbeitskraft] [\u2026] verwandelt faktisch, innerhalb gewisser Grenzen, den notwendigen Konsumtionsfonds des Arbeiters in einen Akkumulationsfonds von Kapital\u00ab. (Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen \u00d6konomie. Erster Band. MEW, Bd. 23, S. 626, Berlin (DDR) 1979<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Vgl.: Werner Seppmann: Ausgrenzung und Herrschaft. Prekarisierung als Klassenfrage. Hamburg 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. M\u00fcnchen 2016, S. 65<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> Ebd., S. 25<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[vii]<\/a> C\u00e9sar Rendueles: Soziophobie. Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Utopie, Berlin 2015, S. 17<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[viii]<\/a> Vgl.: Mike Davis: Planet der Slums. Berlin und Hamburg 2007<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[ix]<\/a> Vgl.: Werner Seppmann: Marxismus, \u00d6kologie und Utopie. Wolfgang Harich und das marxistische Verst\u00e4ndnis der Naturzerst\u00f6rung. In: Andreas Heyer (Hg.): Wolfgang Harich in den K\u00e4mpfen seiner Zeit. Hamburg 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Seppmann. Hierzulande entwickeln die Lohnabh\u00e4ngigen einen spontanen, aber ortlosen Antikapitalismus. 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