{"id":2335,"date":"2017-07-12T15:26:24","date_gmt":"2017-07-12T13:26:24","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2335"},"modified":"2017-07-12T15:27:25","modified_gmt":"2017-07-12T13:27:25","slug":"2335","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2335","title":{"rendered":"Endlich eine Opposition in Russland?"},"content":{"rendered":"<p><em>Kai Ehlers.<\/em> Mehr als sechzigtausend Menschen auf Russlands Stra\u00dfen gegen Korruption und B\u00fcrokratismus, davon die H\u00e4lfte unter drei\u00dfig Jahre alt \u2013 ist das eine neue Opposition?<!--more--><\/p>\n<p>W\u00fcnschenswert w\u00e4re es ja, wenn in Russland eine Opposition heranw\u00fcchse, die der Staatsf\u00fchrung das Recht auf Selbstbestimmung, basierend auf einer f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gesicherten Existenz abfordern k\u00f6nnte, denn das ist, bei allen Erfolgen, auf die Wladimir Putin verweisen kann, unverkennbar die Schattenseite der von ihm eingef\u00fchrten vertikalen Stabilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber ist das, was nach den gegenw\u00e4rtigen Protesten gegen Korruption als Opposition in den westlichen Medien dargestellt wird, dazu angetan, einen solchen Impuls in die Wirklichkeit zu bringen? Darin sind sich selbst diejenigen, die jetzt das Hohelied eines nach Freiheit verlangenden Jugendprotestes singen, keineswegs einig.<\/p>\n<p><strong>Kaum soziale Parolen<\/strong><\/p>\n<p>Auffallend, wie schon bei fr\u00fcheren vergleichbaren Massenprotesten, zuletzt denen anl\u00e4sslich der Wahlen 2012, ist auch jetzt wieder, dass neben Forderungen wie \u00a0\u201eNieder mit \u2026\u201c kaum weiterf\u00fchrende politische oder gar soziale\u00a0 Forderungen laut wurden. Dieses Mal wurde der Ruf \u201eNieder mit Putin\u201c sogar noch durch den quasi stellvertretenden Ruf \u201eNieder mit Medwedew\u201c ersetzt. Dies alles geschieht zudem zu einer Zeit, in der Putin von einem Rating zwischen 70 und 80, aktuell sogar 81 Prozent getragen wird.<\/p>\n<p>Auffallend ist in der Tat, dass\u00a0\u00fcberraschend viele Jugendliche an diesen j\u00fcngsten Protesten teilnahmen. Aber wie russische Soziologen durchaus richtig bemerkten, k\u00f6nnten die aktuellen Stra\u00dfenaktionen Strohfeuer sein, die heute aufleuchten und morgen so schnell zur\u00fcckfallen, wie sie hochgekommen sind, mit einem Wort, sie k\u00f6nnten sich als Facebookproteste erweisen, die keine \u00fcber den Moment hinausgehende Basis und \u00fcber das blo\u00dfe Treffen hinausgehende Zielvorstellungen haben.<\/p>\n<p>Zudem stehen die Proteste auf dem sehr fragw\u00fcrdigen Boden einer Kampagne, die mehr Indizienketten als Tatsachen f\u00fcr die Verfehlungen liefert, die Medwedew angelastet werden. Wie fragw\u00fcrdig die Kampagne letzten Endes ist, muss dar\u00fcber hinaus jedem deutlich werden, der bedenkt, dass Alexei Nawalny, ihr Initiator \u2013 durch ihn selbst mit dem Hinweis best\u00e4tigt, dass anders eine solche Kampagne im autorit\u00e4ren Russland nicht m\u00f6glich sei \u2013 wesentlich von den USA unterst\u00fctzt wird. Das ist Hilfe ausgerechnet von der Seite, die in der Person Donald Trumps als neuem Pr\u00e4sidenten Korruption und Clanwirtschaft \u00f6ffentlich zum Prinzip erhebt.<\/p>\n<p>Was sind denn \u2013 selbst wenn man der Spur des von Nawalny vorgelegten Materials folgen k\u00f6nnte \u2013 ein paar \u00fcber Mittelsm\u00e4nner gehaltene Villen Dimitri Medwedews in Sotschi oder Italien, was ist selbst die Putin nachgesagte Beg\u00fcnstigung seiner fr\u00fcheren Petersburger Seilschaft gegen das offen zur Schau getragene globale Beziehungsgeflecht des Trump-Clans, der jetzt die USA regiert? Da k\u00f6nnte die Kampagne, wenn die von ihr Aufgerufenen den Kampf gegen Korruption nicht nur lokal, sondern prinzipiell angehen, den Aktivisten Nawalnys sehr schnell auf die eigenen F\u00fc\u00dfe fallen.<\/p>\n<p><strong>Event oder soziale Bewegung?<\/strong><\/p>\n<p>Aber wie auch immer \u2013 das eigene Land ist nicht Amerika, also \u00e4u\u00dfert sich der Unmut \u00fcber die heutigen Verh\u00e4ltnisse zun\u00e4chst einmal in der eigenen Realit\u00e4t.\u00a0 Das gilt vor allem f\u00fcr die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der aktuellen Proteste. Wenn sich\u00a0 daraus mehr entwickeln sollte als ein paar spannende Events,\u00a0 w\u00e4re das gut; kaum etwas w\u00e4re wichtiger f\u00fcr Russlands weitere Entwicklung als eine politisch erwachende Jugend.<\/p>\n<p>Nach allen Erfahrungen mit bisherigen Protesten in Russland ist es allerdings eher ungewiss, ob aus der gegenw\u00e4rtigen Anti-Korruptions-Kampagne mehr entsteht als ein kurzfristiges Aufsch\u00e4umen,\u00a0 auch wenn es Nawalny, unterst\u00fctzt vom Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski, von dem ehemaligen Schachweltmeister Garry Kasparow und anderen vom Ausland her agierenden, ihrem Verst\u00e4ndnis nach liberalen langj\u00e4hrigen Putin-Gegnern gelingen sollte \u00fcber kurzfristige Mobilisierungen hinaus langfristig eine oppositionelle Bewegung zustande zu bringen \u2013\u2013 es sei denn, die Staatsmacht bliese die Funken der gegenw\u00e4rtigen aktuellen Proteste durch Repression zu einem offenen Brand auf. Hier ist nat\u00fcrlich Raum f\u00fcr Provokationen von allen Seiten.<\/p>\n<p>Basis f\u00fcr einen solchen Brand w\u00e4re allerdings durchaus gegeben, wenn sich die eher spielerischen Facebook-Proteste gegen Korruption mit existenziell begr\u00fcndeten sozialen Protesten in verschiedenen Gegenden Russlands verb\u00e4nden.\u00a0 Zu nennen ist da genug. Da sind die Bereiche Bildung \u2013 zu geringe Bezahlung der Lehrkr\u00e4fte, schlecht ausger\u00fcstete Schulen; Gesundheit \u2013 trotz immer noch garantierter Grundversorgung eine Zweiklassenmedizin; Justiz \u2013 Willk\u00fcrurteile im Interesse der Reichen; Wohnungswesen \u2013 mangelnder und zu teurer Wohnraum, aktuell die geplante Zwangssanierungen gro\u00dfen Stils in Moskau, die zu Lasten der Bewohner zu gehen drohen; \u00a0seit Jahren landesweit streikende Fernfahrer; Kleinbauern, die gegen Landraub protestieren; Rentner, die Renten fordern, von denen sie leben und nicht nur vegetieren; Arbeiter, die immer wieder f\u00fcr die Auszahlung ausstehende L\u00f6hne k\u00e4mpfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Kurz, viele Dutzend Einzelaktionen und \u2013proteste finden zur gleichen Zeit im Lande parallel\u00a0zu der von Nawalny\u00a0und seinen ausl\u00e4ndischen Freunden mobilisierten Kampagne statt. Wenn die Nawalny-Kampagne und diese sozialen Proteste sich miteinander verb\u00e4nden, dann k\u00f6nnte daraus ein Fl\u00e4chenbrand entstehen \u2013 wenn, dann.<\/p>\n<p><strong>Verschiedene oppositionelle Wellen<\/strong><\/p>\n<p>Die so entstandene Situation gibt Anlass dar\u00fcber nachzudenken, was in Russland Opposition ist, wenn man nicht schematisch f\u00fcr den Westen geltende Verh\u00e4ltnisse und Vorstellungen auf Russland \u00fcbertragen will. Da kann ein Blick zur\u00fcck in die neuere russische Geschichte helfen. In deren Verlauf gingen sehr verschiedene Wellen von Opposition durch das Land und es macht Sinn sich diese Wellen in ihrer Unterschiedlichkeit in Erinnerung\u00a0zu rufen.<\/p>\n<p>Da haben wir \u2013 noch im \u00dcbergang von der Sowjetunion\u00a0in das nachsowjetische Russland \u2013 die Opposition Michail Gorbatschows, das hei\u00dft, der unteren Parteiebene gegen die konservativen Kr\u00e4fte des Politb\u00fcros. Das war der Versuch, jene Kr\u00e4fte im Lande an die Schalthebel kommen zu lassen, die unzufrieden waren mit der Knebelung der Initiative, und diese Unzufriedenheit in Politik umzusetzen. Diese Opposition hatte eine breite, historisch gewachsene Basis in der Bev\u00f6lkerung und sie wurde unterst\u00fctzt von Kr\u00e4ften an der Spitze der Partei, die die Krise des Landes erkannt hatten. Es ging um die Befreiung\u00a0der pers\u00f6nlichen Handlungsfreiheit vom Joch der kollektivistischen Bevormundung. Von interessierter Seite wurde diese Opposition sogar Revolution genannt. Ihr Ergebnis ist bekannt. Sie f\u00fchrte die Sowjetunion zuerst in die Euphorie, dann ins Chaos.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste oppositionelle Bewegung war die von Boris Jelzin gesch\u00fcrte im Jahr 1991, die zur Abl\u00f6sung Gorbatschows durch Jelzin f\u00fchrte. Als die erste Welle der Reformen aus dem Ruder zu laufen begann und Gorbatschow sich zum Bremser wandelte, trat Jelzin auf das Gaspedal. Unter den Parolen \u201eNehmt Euch so viel Souver\u00e4nit\u00e4t, wie ihr braucht\u201c und \u201eBereichert Euch\u201c mobilisierte er die Unzufriedenheit der Bergarbeiter, die Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen in den Republiken, die Ungeduld der St\u00e4dter, denen die Umwandlung nicht schnell genug gehen konnte. \u00a0Das \u201eProgramm der 500 Tage\u201c mobilisierte eine breite Opposition, vor allem in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten, gegen die M\u00e4chte der Beharrung. Ergebnis war der Zerfall des Landes, des Imperiums als Ganzem wie auch der inneren staatlichen und sozialen Strukturen der gesamten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Dagegen erhob sich 1993 eine dritte Welle der Opposition, diesmal ganz anderer, konservativer Art:\u00a0 Eine stark motivierte, allerdings \u00e4u\u00dferst heterogene Bewegung verschiedenster Kr\u00e4fte wandte sich gegen die Zwangs-Privatisierung der Jelzin-Administration, forderte zumindest eine langsamere Gangart, vermischt mit national-patriotischen T\u00f6nen, die sich gegen eine Okkupation des Landes durch den Westen wandten. Der Widerstand war aber kein allgemeiner mehr wie in den Jahren zuvor; die Auseinandersetzungen konzentrierten sich auf den Kongress der Volksdeputierten, das halbdemokratische, noch aus der sowjetischen Parteistruktur entstandene Volks-Vertretungs-Organ, das Gorbatschow eingef\u00fchrt hatte. Jelzin lie\u00df diesen Widerstand im Haus des Deputiertenkongresses, heute \u201aWei\u00dfes Haus\u2018 genannt, von Panzern zusammenschie\u00dfen. Mindestens 120 Menschen fanden dabei den Tod.<\/p>\n<p><strong>Pr\u00e4sidialverfassung statt Opposition<\/strong><\/p>\n<p>Nach diesen Ereignissen war der Widerstand gegen die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion, insbesondere gegen die Privatisierung im Lande gebrochen, die Bev\u00f6lkerung m\u00fcde. Die von Jelzin eingef\u00fchrte Pr\u00e4sidialverfassung fixierte die neu entstandene Lage. Er regierte\u00a0von da an \u00fcber Verordnungen. Weder auf allt\u00e4glicher, im weitesten Sinne gewerkschaftlicher Ebene noch in der von Jelzin entmachteten kommunistischen Linken konnte sich eine nennenswerte Gegenkraft bilden. Opposition reduzierte sich auf kommentierende Parteiauftritte in dem neugebildeten Parlament, der Duma, die an die Stelle des Deputiertenkongresses getreten war. Neu-Sozialistische und radikaldemokratische Reformans\u00e4tze blieben Splittergruppen au\u00dferhalb der Duma.<\/p>\n<p>Eine Opposition, wenn man es so nennen m\u00f6chte, fand Jelzin allein in den strukturellen Machtkonstellationen des Landes, den eigenm\u00e4chtig agierenden Oligarchen, die zu Ende seiner Amtszeit mit dem einflussreichsten von ihnen, Wladimir Beresowski, als Sicherheitsberater an der Spitze faktisch eine Schattenregierung bildeten, mit den von Moskau aus kaum zu kontrollierenden Gebietsf\u00fcrsten in den Republiken, mit den Tendenzen der Sezession, in denen sich\u00a0 der Zerfall der Sowjetunion auf dem Gebiet des neuen Russland fortzusetzen drohte. In den zwei Tschetschenienkriegen (1994 bis 1996 und 1999 bis 2009) fand dieser Konflikt seinen exemplarischen und f\u00fcr das neue Russland existenziellen Ausdruck.<\/p>\n<p><strong>Putins Einstieg: Tschetschenien<\/strong><\/p>\n<p>Die Tschetschenienkriege kennzeichnen aber zugleich auch den \u00dcbergang aus der Phase des Zerfalls in die der Konsolidierung. Der zweite Tschetschenienkrieg ist mit dem Namen Wladimir Putins untrennbar verbunden. Die Beendigung der tschetschenischen Sezession gab ihm die stabile Machtposition, von der aus er die Kr\u00e4fte des Landes neu zusammenzuf\u00fchren konnte. Das war die Disziplinierung der Oligarchen, die Einf\u00fchrung vertikaler Verwaltungsstrukturen in den in Republiken auseinanderstrebenden Organismus des Landes und nicht zu vergessen die Unterwerfung der Gewerkschaften unter ein rigides Arbeitsgesetz. Damit war die strukturelle Opposition aus der Zeit Jelzins in einen Konsens eingebunden, der Modernisierung und Wiederaufbau zusammenf\u00fchrte. Putin war und ist der Manager dieses Konsenses.<\/p>\n<p>Ergebnis war, allgemein gesprochen, eine Differenzierung der nach-sowjetischen russl\u00e4ndischen Gesellschaft, in welche die raue Klassenwirklichkeit wieder einzog. Die Schroffheit dieser Entwicklung wurde dadurch gemildert, dass es Putin gelang die Oligarchen dazu zu veranlassen wieder Steuern, wieder L\u00f6hne zu zahlen und in bescheidenem Ma\u00dfe wieder in die sozialen Verpflichtungen einzutreten, die sie zuvor im gewerkschaftlichen, kommunalen und regionalen Bereich wahrgenommen hatten, als das gesellschaftliche Leben noch von den Betrieben her organisiert war.<\/p>\n<p><strong>Jelzins alte Garde in der Opposition<\/strong><\/p>\n<p>Solange diese Entwicklung zu einem allgemeinen Ansteigen des Lebensniveaus f\u00fchrte, verhielt die Bev\u00f6lkerung sich ruhig,\u00a0weil sie \u2013 wenn auch auf niedrigem Niveau \u2013 einen gewissen Anstieg der sozialen Sicherung gegen\u00fcber der Zeit Jelzins erlebte.<\/p>\n<p>Als neue Opposition entwickelte sich jetzt aber die aus den \u00c4mtern verdr\u00e4ngte liberale Schicht der Jelzinzeit, allen voran mit Vertretern wie Boris Nemzow, gro\u00df geworden als Privatisierungsspezialist in Nischni Nowgorod, daraufhin Minister unter Jelzin, Gary Kasparow und anderen Liberalen. Finanziert wurden ihre Kampagnen anfangs von Beresowski, der sich nach London abgesetzt hatte, sp\u00e4ter von Chodorkowski im Lande selbst. Chodorkowski steht erkl\u00e4rterma\u00dfen jetzt auch wieder hinter den aktuellen Protesten, inzwischen vom Ausland her wie seinerzeit Beresowski.<\/p>\n<p>Die Liberalen entwickelten eine Daueropposition gegen Putin, fanden aber in der Bev\u00f6lkerung keinen R\u00fcckhalt,\u00a0bis dahin, dass sie selbst in der Duma nicht mehr vertreten waren. Sie gingen stattdessen zu einer au\u00dferparlamentarischen Provokationsstrategie \u00fcber, in der sie sich bem\u00fchten, den \u201aPutin-Staat\u2018 mit Gesetzes\u00fcbertretungen, vor allem mit Durchf\u00fchrung nicht genehmigter Demonstrationen zum Eingreifen zu veranlassen und so als autorit\u00e4r vorzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>So d\u00fcmpelten die Kr\u00e4fte w\u00e4hrend der ersten Amtszeit Putins vor sich hin, auf der einen Seite eine mit dem sozialen Gesunden, teils auch nur mit dem \u00dcberleben besch\u00e4ftigte Bev\u00f6lkerung, auf der anderen die kleine liberale Minderheit, die sich mit einer nicht abrei\u00dfenden Serie von provokativen Stra\u00dfenaktionen den R\u00fccktritt Putins forderten \u2013 ohne ihrerseits ein anderes Programm als den Ruf nach dem Wiedereintritt der Jelzinschen Verh\u00e4ltnisse, ohne irgendein Programm zur L\u00f6sung der sozialen Probleme anzubieten.<\/p>\n<p>Eine Z\u00e4sur brachte das Jahr 2005\/2006, als die Regierung Putin einen entscheidenden Schritt in der Monetarisierung von Sozialleistungen vorangehen wollte. Rentner, Sch\u00fcler und Lehrer gingen dagegen auf die Stra\u00dfe, sodass die Regierung es vorzog, diese Ma\u00dfnahmen als ganzes Paket zur\u00fcckzunehmen und in ein Programm der schrittweisen Umsetzung umzugie\u00dfen. Eine Bewegung konnte so nicht entstehen.<\/p>\n<p>Eine weitere Z\u00e4sur wurde das Jahr 2011\/12. Mit ihren Protesten gegen Wahlf\u00e4lschungen trat erstmalig die neu entstandene Mittelklasse Russlands aktiv in Erscheinung. Auch zu der Zeit jedoch nicht mit sozialen Forderungen, sondern \u00fcber die Kritik an Wahlf\u00e4lschungen hinaus vor allem mit Forderungen nach mehr pers\u00f6nlicher Freiheit auf unterschiedlichsten Gebieten. Russische Analytiker \u2013 wie der Reformsozialist Boris Kagarlitzki \u2013 erkl\u00e4rten damals, dass man die Ursache f\u00fcr\u00a0diese Orientierung darin sehen k\u00f6nne, dass diese Mittelklasse, vor allem die st\u00e4dtische, zu der Zeit zu einem gewissen Wohlstand gekommen, nunmehr nach mehr politischer Bewegungsfreiheit, Reisefreiheit etc., verlangte, aber die soziale Lage im Lande \u00fcberhaupt nicht im Blick hatte.<\/p>\n<p>Putin trat dem seinerzeit mit einem Programm entgegen, das einen \u201eZukunftsdialog\u201c zwischen Regierung und Bev\u00f6lkerung vorschlug. Endlich aufgegriffen w\u00fcrden jetzt, lie\u00df er verlauten, die schon nach den Protesten von 2005 verk\u00fcndeten, aber nicht durchgef\u00fchrten, \u201enationalen Programme\u201c, also Ma\u00dfnahmen zur F\u00f6rderung \u201eerschwinglicher Wohnungen\u201c, zur F\u00f6rderung des Gesundheits- und des Bildungswesens sowie\u00a0der Landwirtschaft. Dar\u00fcber hinaus sollte die Verwirklichung der ausstehenden Rentenreformen endlich eingeleitet werden. Dies alles m\u00fcsse zugleich mit einer St\u00e4rkung Russlands gegen die \u00e4u\u00dferen Bedrohungen durch die aus dem Gleichgewicht geratende Weltordnung verwirklicht werden.<\/p>\n<p>Das au\u00dfenpolitische Ziel, Russland wieder stark zu machen und als Krisenmanager in die Weltpolitik einzubringen, konnte Putin weitgehend verwirklichen. Innenpolitisch sind die meisten Dinge, die er damals versprach bis heute offen. Ja mehr noch, nach dem Fall des \u00d6lpreises ist die innenpolitische Situation merklich schwieriger geworden, besonders auf dem Lande. Die \u00dcbernahme der Krim, die Unterst\u00fctzung des ukrainischen Ostens, die Eins\u00e4tze in Syrien sowie die Sanktionen, mit denen Russland vom Westen belegt wurde, sind weitere Faktoren, die das Land unter Druck gebracht haben und weiterbringen.<\/p>\n<p>Zwar zeigt das Rating von 81 Prozent f\u00fcr Putin, dass die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung dem Pr\u00e4sidenten noch immer, mehr sogar als nach den Wahlen 2012 vertraut, auf Dauer lassen sich die bisher nicht eingehaltenen Versprechungen auf innenpolitische Reformen jedoch nicht durch \u00e4u\u00dfere Erfolge kompensieren.<\/p>\n<p>Wenn nach der relativen innenpolitischen Ruhe der letzten Jahre jetzt die Perspektive aufscheint, auch wenn darin nur eine blasse M\u00f6glichkeit liegt, dass die aktuellen Proteste der Navalny-Kampagne sich mit den sozialen Unruhen zu einer Bewegung verbinden k\u00f6nnten, sieht Putin sich vor die Herausforderung gestellt, sich den vernachl\u00e4ssigten innenpolitischen Problemen jetzt erkennbar zuzuwenden. Jetzt muss er definitiv ein Programm vorlegen, das sich der so lange offen gebliebenen Fragen annimmt, wenn er soziale Verwerfungen in der n\u00e4chsten Amtsperiode, f\u00fcr die er sich inzwischen\u00a0erneut zur Wahl gestellt hat, \u00fcberstehen will.<\/p>\n<p>Es scheint, dass er sich dessen bewusst ist, denn er hat bereits die Erarbeitung eines umfassenden Reformprogramms f\u00fcr die Zeit nach der Wahl 2018 in Auftrag gegeben. Wohin dabei sein W\u00fcrfel rollt, in Richtung des ehemaligen Finanzministers Alexei Kudrin, eines erkl\u00e4rten Liberalen mit entsprechenden neo-liberalen Perspektiven oder zu Sergei Glasjew, der eher konservative Vorstellungen vertritt, oder zu einem Mittelweg zwischen beidem, und wie das konkret aussehen kann, ist dabei allerdings noch ganz offen. Die letzte Entscheidung liegt m\u00f6glichweise entgegen allen \u00f6ffentlich zurzeit vorgebrachten Vermutungen nicht bei Putin allein, sondern in der Frage, wie sich die Protestkultur im Lande weiterentwickelt. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob die \u201aMacht\u2018, auch hier nicht nur Putin, klug genug und bereit ist, Repressionen zu vermeiden, konkret auch Nawalny als Kandidaten in der Reihe der Pr\u00e4tendenten f\u00fcr die bevorstehende Pr\u00e4sidentenwahl zu akzeptieren und den versprochenen offenen Dialog zu suchen, der nach 2005 und auch nach 2012 noch nicht wirklich stattgefunden hat.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/kai-ehlers.de\/2017\/05\/endlich-eine-opposition-in-russland\/\">kai-ehlers&#8230;<\/a> vom 12. Juli 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kai Ehlers. Mehr als sechzigtausend Menschen auf Russlands Stra\u00dfen gegen Korruption und B\u00fcrokratismus, davon die H\u00e4lfte unter drei\u00dfig Jahre alt \u2013 ist das eine neue Opposition?<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[27,37,17],"class_list":["post-2335","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-russland","tag-service-public","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2335","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2335"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2335\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2337,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2335\/revisions\/2337"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}