{"id":2355,"date":"2017-07-19T15:20:01","date_gmt":"2017-07-19T13:20:01","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2355"},"modified":"2017-07-19T15:20:01","modified_gmt":"2017-07-19T13:20:01","slug":"digitaler-taylorismus-zum-beispiel-amazon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2355","title":{"rendered":"Digitaler Taylorismus: Zum Beispiel Amazon"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefan Sell.<\/em><strong> Zwischen &#8222;digitalem Taylorismus&#8220;, osteurop\u00e4ischen Ersatzlagern und einer beginnenden Menschenentleerung durch Automatisierung. Ambivalente Arbeitswelten am Beispiel Amazon.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Gewerkschaft ver.di f\u00fchrt seit Jahren einen irgendwie aussichtslos erscheinenden Kampf gegen einen Konzern, in dessen amerikanischer DNA die grunds\u00e4tzliche Ablehnung von Gewerkschaften und deren Tarifvertr\u00e4ge tief eingebrannt ist. Es geht, wie man unschwer erraten kann, um Amazon &#8211; und dieses Unternehmen steht wie kaum ein anderes f\u00fcr die (nett formuliert) Ambivalenzen eines Teils der modernen Arbeitswelt, vor allem aus europ\u00e4ischer, erst recht aus deutscher Sicht. Auf der einen Seite steht dieses sich \u00fcber den Globus ausbreitende Unternehmen f\u00fcr die Schattenseiten einer als menschenfeindlich charakterisierten Arbeitswelt, mit einem totalen Zugriff auf die Arbeitnehmer und einer bis ins Detail optimierten Effiziensteigerungsstrategie, zu der auch das Einatmen und Ausspucken befristet Besch\u00e4ftigter f\u00fcr die Saisongesch\u00e4ftsteile des Online-Handels geh\u00f6rt, inklusive der angesprochenen Verweigerung einer Einordnung in die Tarifwelt. Auf der anderen Seite wird immer wieder auch darauf hingewiesen, dass das Unternehmen nicht die niedrigsten L\u00f6hne zahle und vor allem, dass es auch Menschen, die beispielsweise seit Jahren arbeitslos waren und die in vielen anderen Unternehmen nicht mal in die N\u00e4he eines Vorstellungsgespr\u00e4chs kommen, eine Chance auf Besch\u00e4ftigung gibt.<\/p>\n<p>Man kann allerdings die Entwicklung von Amazon auch als Chiffre verstehen f\u00fcr grunds\u00e4tzliche Fragen, wohin die Reise auf einem Teil des Arbeitsmarktes geht. Und nicht nur dort: Offensichtlich halten aus andere Branchen das Gesch\u00e4ftsmodell von Amazon f\u00fcr eine erfolgversprechende Schablone, hierzu beispielsweise dieser Artikel:\u00a0<a href=\"http:\/\/app.wiwo.de\/unternehmen\/dienstleister\/olearys-plan-fuer-ryanair-aus-dem-aldi-der-luefte-soll-das-amazon-des-reisens-werden\/20024508.html?share=twitter\">Aus dem Aldi der L\u00fcfte soll das Amazon des Reisens werden<\/a>: \u00bbSchnell, billig, r\u00fccksichtslos \u2013 mit dem Konzept hat die irische Fluglinie Ryanair die Luftfahrt revolutioniert. Nun baut Konzernchef Michael O\u2019Leary sie zum digitalen Tourismuskaufhaus aus.\u00ab Dahinter steht auch eine gewisse Bewunderung des bisherigen Entwicklungsmodells von Amazon, dazu beispielsweise dieser Artikel von Thorsten Schr\u00f6der:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2017-06\/amazon-web-services-prime-geschaeft\">Amazon ist \u00fcberall<\/a>: \u00bbEin reiner Onlineh\u00e4ndler? Von wegen. Der Konzern aus Seattle dominiert eine ganze Reihe von Branchen. Das Netz und seine Nutzer sind l\u00e4ngst abh\u00e4ngig von ihm.\u00ab Die bisherige Geschichte von Amazon ist nicht nur eine des gewaltigen Gr\u00f6\u00dfenwachstums und der Realisierung der damit verbundenen Gr\u00f6\u00dfenvorteile, sondern Amazon breitet sich systematisch in vor- und nachgelagerte Bereiche aus, wenn es denn passt. Vgl. dazu am Beispiel der Paketdienste den Beitrag\u00a0<a href=\"https:\/\/aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de\/2016\/02\/42.html\">Die Amazonisierung der Gesellschaft schreitet voran und Amazon stellt die Systemfrage auch bei den Paketdiensten<\/a>\u00a0vom 18. Februar 2016.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu dem hier besonders interessierenden Thema der Besch\u00e4ftigung und der Arbeitsmarktbedeutung von Amazon. Ein Teil der harschen Kritik an Amazon ist eine Folge des bisherigen Gesch\u00e4ftsmodells, in den gro\u00dfen Verteilzentren des Online-H\u00e4ndlers, da, wo also die Welt der Daten in realwirtschaftlichen Distributionsprozesse \u00fcbersetzt werden muss, viel menschliche Arbeitskraft einzusetzen, hoch standardisiert und m\u00f6glichst schnell und m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstig. Und das muss nat\u00fcrlich Folgen haben f\u00fcr die Organisation des Arbeitsprozesses an sich, was aus betriebswirtschaftlicher Sicht und aus Sicht der Betroffenen und der Arbeitnehmervertreter anders bewertet wird.<\/p>\n<p>Die eine, kritische Perspektive kann man beispielsweise diesem Interview mit einem Gewerkschafter entnehmen:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Gewerkschafter-ueber-Jobs-bei-Amazon\/!5426258\/\">\u201eAmazon will alleine entscheiden\u201c<\/a>: \u00bbThomas Voss erkl\u00e4rt, wie die Amazon-Angestellten unter dem digitalisierten Taylorismus leiden.\u00ab Der Mann\u00a0ist Fachgruppensekret\u00e4r f\u00fcr den Versand- und Onlinehandel bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Er beginnt mit einer kompakten Zusammenfassung der beobachtbaren Entfaltung des Gesch\u00e4ftsmodells von Amazon &#8211; und warum dieses Unternehmen so enorm erfolgreich ist:<\/p>\n<p>\u00bbBei Amazon gibt es keine Grenzen, im Gegenteil. Das erkl\u00e4rte Vorhaben von Amazon-Gr\u00fcnder Jeff Bezos ist es, in den entscheidenden M\u00e4rkten ein Monopol durchzusetzen. Daf\u00fcr investiert Amazon auf Teufel komm raus in neue Gesch\u00e4fte: In Deutschland hat Amazon etwa den fr\u00fcheren Baumarktf\u00fchrer OBI abgel\u00f6st, ist unl\u00e4ngst in den Handel mit frischen Lebensmitteln eingestiegen und will bald auch mit Autos handeln. Zus\u00e4tzlich zu den Handels\u00adt\u00e4tigkeiten produziert der Konzern bereits eigene TV-Serien oder Smartphones und vergibt Kredite an Unternehmen &#8230; Bei Amazon erledigen die Kunden zentrale Arbeitsschritte des Einzelhandels per Mausklick. Sie t\u00e4tigen die Bezahlung selbst und beraten sich gegenseitig durch Produktbewertungen. Die Kosten f\u00fcr ausgebildete Fachkr\u00e4fte wie Kassierer oder Berater fallen somit weg. Amazon kann sich dadurch auf die Optimierung der logistischen T\u00e4tigkeiten konzentrieren. Hier verbindet das Unternehmen die Instrumente der Digitalisierung mit einer tayloristischen Arbeitsteilung.\u00ab<\/p>\n<p>Nun wird sich dem einen oder anderen zwei Fragen stellen: Was muss man sich unter der Verbindung von Digitalisierung mit einer tayloristischen Arbeitsteilung vorstellen und warum wird das dann von vielen Menschen gemacht, wo doch ansonsten in der Industrie der Bewegungsimpuls bei standardisierten Prozessen in Richtung Automatisierung geht?<\/p>\n<p>Beginnen wir mit der &#8222;Verbindung von Digitalisierung mit einer tayloristischen Arbeitsteilung&#8220;:<\/p>\n<p>\u00bbDie Waren werden in Lagerhallen so gro\u00df wie mehrere Fu\u00dfballfelder nach dem Chaosprinzip gelagert. Der Computer teilt die Lagerpositionen der Produkte auf den Regalen so ein, dass so wenig Platz wie m\u00f6glich ben\u00f6tigt wird. Folglich gibt es keine Abteilungen f\u00fcr Warengruppen; die Zahnb\u00fcrste liegt neben dem Autoreifen und den Kondomen. Einige Angestellte packen den ganzen Tag die ankommenden Waren aus, registrieren sie per Handscanner und andere r\u00e4umen sie dann auf Anweisung ihres Handscanners in die Regale. Die sogenannten Picker holen die bestellten Produkte aus den Regalen und weitere Besch\u00e4ftigte k\u00fcmmern sich um das Beladen der Lkws. Durch die kleinen, vom Handscanner gesteuerten Arbeitsschritte erzielt Amazon mit viel weniger Menscheneinsatz bedeutend gr\u00f6\u00dfere Ums\u00e4tze als konkurrierende Einzelh\u00e4ndler.\u00ab<\/p>\n<p>Thomas Voss beschriebt die aus seiner Sicht fatalen Folgen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten so: \u00bbSie m\u00fcssen ihren Kopf komplett ausschalten, um die extrem monotonen T\u00e4tigkeiten acht Stunden lang ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Die Leistungsvorgaben sind dabei enorm: Ein Picker muss rund zwei Produkte pro Minute aus den Regalen nehmen und in eine kleine Plastikwanne legen. Er rennt computergesteuert durch die Lagerhallen und wird dabei permanent kontrolliert, denn die Daten des Handscanners stehen den Vorgesetzten jederzeit zur Verf\u00fcgung. \u00dcberdurchschnittlich viele Amazon-Angestellte leiden an psychischen Erkrankungen, was wir unter anderem auf die monoton kontrollierten Abl\u00e4ufe zur\u00fcckf\u00fchren. Die Amazon-Bosse haben darauf ihren Interessen entsprechend reagiert: Sie verteilen Gesundheitspr\u00e4mien, damit man krank zur Arbeit geht.\u00ab<\/p>\n<p>Stichwort &#8222;Gesundheitspr\u00e4mie&#8220;:\u00a0\u00bbFieber, R\u00fccken, Magen-Darm: Krankheiten sind bekanntlich ein Teil des Lebens. Doch der Versandh\u00e4ndler Amazon will sich nicht so mit ihnen abfinden. Mitarbeiter, die nicht so oft krank sind, sollen eine Pr\u00e4mie bekommen &#8211; allerdings nur, wenn das gesamte Team mitzieht\u00ab, so Martin Scheele in seinem Artikel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/karriere\/job-gold-fuer-gesunde-1.3442986\">Gold f\u00fcr Gesunde<\/a>. Um den Krankenstand in seinen Logistikzentren zu senken, gibt es beim Online-Versandh\u00e4ndler Amazon seit vergangenem Jahr eine Anwesenheitspr\u00e4mie f\u00fcr die Mitarbeiter. Die Mitarbeiter bekommen aktuell in f\u00fcnf der neun Versandzentren als Bestandteil einer aus mehreren Komponenten bestehenden Erfolgspr\u00e4mie auch mehr Geld, wenn sie sich seltener krank melden.<\/p>\n<p>Nun kann man schon dar\u00fcber diskutieren, ob solche Pr\u00e4mien f\u00fcr das Fehlen krankheitsbedingter Ausfalltage wirklich sinnvoll sind &#8211; man kann sich viele Gegenargumente vorstellen, selbst betriebswirtschaftliche im engeren Sinne, beispielsweise wenn sich kranke Mitarbeiter zur Arbeit schleppen oder andere Kollegen anstecken, nur um den eigenen Bonus nicht zu gef\u00e4hrden. Aber Amazon legt gleich noch eine ordentliche Schippe drauf:<\/p>\n<p>\u00bbDabei koppelt Amazon diesen Gesundheitsteil an einen Gruppenbonus. Um die maximal m\u00f6gliche Pr\u00e4mie von zehn Prozent des monatlichen Bruttogehaltes zu erhalten, z\u00e4hlen nicht nur die Krankheitstage des einzelnen Mitarbeiters, sondern auch der Krankenstand des gesamten Teams, in dem er arbeitet. Jeder, der sich krank meldet, gef\u00e4hrdet damit nicht nur seinen eigenen Bonus, sondern schw\u00e4cht auch den Wert, den seine Kollegen erreichen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>Peter Fahrenholz kommentiert die Vorg\u00e4nge bei Amazon unter dieser \u00dcberschrift:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/amazon-perfide-1.3444763\">Perfide. Der Versandh\u00e4ndler stigmatisiert kranke Mitarbeiter<\/a>: \u00bbBestandteil des Systems ist ein sogenannter Gruppenbonus. Wer krank wird, schadet automatisch auch seinen Kollegen, denn er zieht damit den Wert des ganzen Teams nach unten. Auf raffinierte Weise wird die Belegschaft dazu gebracht, selber daf\u00fcr zu sorgen, dass es m\u00f6glichst wenig Krankmeldungen gibt &#8211; da braucht kein Chef mehr den Buhmann spielen. Krankheit ist in der Welt von Amazon nicht nur ein pers\u00f6nliches Schicksal, sondern sie wird zu einem sozialen Makel. Wer krank ist, so die Logik, schadet der Gemeinschaft.\u00ab<\/p>\n<p>Wieder zur\u00fcck zu den Ausf\u00fchrungen von Thomas Voss das System Amazon aus seiner Sicht betreffend:<\/p>\n<p>\u00bbAmazon bezahlt nicht die billigsten Geh\u00e4lter in Deutschland, das muss man sagen. Von den zehn bis zw\u00f6lf Euro Stundenlohn kann man einigerma\u00dfen leben \u2013 wenn man eine Familie hat, wird es schon schwieriger. Bei Amazon ist in erster Linie eine hohe Flexibilit\u00e4t bei der Anzahl der Besch\u00e4ftigten entscheidend, da die Bestellvolumina stark schwanken. Rund 15 Prozent der Belegschaft haben Teilzeitjobs und 20 Prozent sind befristet angestellt, normalerweise f\u00fcr ein Jahr. F\u00fcr die Weihnachtszeit kommen nochmals 100 Prozent Saisonkr\u00e4fte hinzu, um f\u00fcr zwei Monate die Umsatzgipfel zu bew\u00e4ltigen. Amazon hat seine Standorte ganz gezielt in strukturschwachen Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit errichtet. Dort k\u00f6nnen Arbeiter ohne wirkliche Qualifizierung Arbeit finden.\u00ab<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird der Gewerkschafter auch konfrontiert mit der Frage nach den seit Jahren ablaufenden &#8211; und bislang hinsichtlich des eigentlichen Ziels erfolglosen &#8211; Streikaktionen bei Amazon in Deutschland. Er versucht, in einem ersten Schritt die Haben-Seite herauszustellen (\u00bbIn sieben der neun Standorte Deutschlands wird die Arbeit regelm\u00e4\u00dfig niedergelegt. Mittlerweile ist fast ein Drittel der Amazon-Belegschaft hierzulande gewerkschaftlich organisiert. Das ist beachtlich hinsichtlich des hohen Anteils von Angestellten mit Teilzeit- oder befristeten Vertr\u00e4gen\u00ab), um dann zum eigentlichen Kern des Problems vorzusto\u00dfen:<\/p>\n<p>\u00bbUnser Problem ist, dass wir es mit einem globalen Titan zu tun haben: Wenn deutsche Standorte die Arbeit niederlegen, kann Amazon die Lieferungen innerhalb von zwei bis drei Stunden nach Polen oder in die Tschechische Republik auslagern. Die dortigen \u00adStandorte dienen ausschlie\u00dflich der erg\u00e4nzenden Belieferung des deutschen Marktes. Wenn \u00addeutsche Standorte streiken, ist es also gut m\u00f6glich, dass die bestellte Bohrmaschine aus \u00adPolen versandt wurde \u2013 der Kunde merkt keinen Unterschied. Wir k\u00f6nnen Amazon am besten unter Druck setzen, wenn aus unserem deutschen Arbeitskampf ein europ\u00e4ischer wird.\u00ab<\/p>\n<p>Hier sind wir an einer ganz zentralen Problemstelle angekommen: Die grenz\u00fcberschreitende Organisation der logistischen Welt von Amazon erm\u00f6glicht es, den (m\u00f6glichen) Druck im Inland durch Arbeitskampfma\u00dfnahmen aufzufangen und zu kompensieren. Und dass es den Besch\u00e4ftigten in Tschechien oder Polen noch schlechter geht als den in Deutschland muss wohl nicht besonders herausgestellt werden &#8211; vgl. dazu und den ersten Versuchen einer Gegenwehr bereits den Beitrag\u00a0<a href=\"https:\/\/aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de\/2015\/07\/die-gnadenlose-effizienzmaschine-hinter.html\">Die gnadenlose Effizienzmaschine hinter Amazon wird gefeiert und beklagt. Und in Polen sp\u00fcrt man die handfesten Folgen, wenn man ein kleines R\u00e4dchen in der gro\u00dfen Maschine<\/a>\u00a0ist vom 18. Juli 2015. Nun ist es aber bereits in Deutschland &#8211; wie wir in den vergangenen Jahren haben lernen m\u00fcssen &#8211; schwer, die Besch\u00e4ftigten bei Amazon in nennenswerten Umfang zu organisieren oder gar zu Arbeitsniederlegungen zu bewegen. Da muss man ehrlich bilanzieren. Wenn dann noch, wie von Voss angesprochen, die eigentliche &#8222;L\u00f6sung&#8220; in einem &#8222;europ\u00e4ischen Arbeitskampf&#8220; liegen m\u00fcsste (was man durchaus nachvollziehen kann), dann wird klar, dass das eine nur herkulisch zu nennende Aufgabe ist, deren Realisierungswahrscheinlichkeit nicht besonders hoch angesetzt werden sollte.<\/p>\n<p>Aber da war doch noch eine andere Frage offen: Warum wird das eigentlich von so vielen Menschen gemacht, wo doch ansonsten in der Industrie der Bewegungsimpuls bei standardisierten Prozessen in Richtung Automatisierung geht?<\/p>\n<p>Diesen Impuls kennt und folgt nat\u00fcrlich auch Amazon, wie man diesem Beitrag von Joachim Hofer entnehmen kann:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/logistik-spezial\/amazon-automatisiert-lager-wenn-das-regal-raeder-bekommt\/20057656.html\">Wenn das Regal R\u00e4der bekommt<\/a>: \u00bbWo fr\u00fcher Menschen zu Regalen eilten, um Windeln, Smartphones und B\u00fccher einzusammeln, sind nun Hunderte von Robotern im Einsatz.\u00ab<\/p>\n<p>Das neueste\u00a0Logistikzentrum von Amazon im nordenglischen Manchester\u00a0\u00a0ist eine Blaupause, wie es bald in zahlreichen anderen Verteilzentren des US-Konzerns aussehen wird.<\/p>\n<p>\u00bbDurch die Roboter liefere Amazon schneller, g\u00fcnstiger, zuverl\u00e4ssiger. \u201eAuf derselben Fl\u00e4che bringen wir wesentlich mehr Ware unter\u201c &#8230; Das ist ein enormer Vorteil, denn in vielen L\u00e4ndern tobt ein Kampf um die Grundst\u00fccke. Auch in Deutschland. \u201eGro\u00dfe Einzelh\u00e4ndler suchen gerade gigantische Fl\u00e4chen\u201c, sagt Kuno Neumeier, Chef des M\u00fcnchener Logistikimmobilien-Beraters Logivest. Die quadratischen Regale in Manchester stehen dicht gedr\u00e4ngt, die breiten G\u00e4nge f\u00fcr die Mitarbeiter braucht es nicht mehr. Die orange-schwarzen Roboter fahren einfach unter die gut zwei Meter hohen Regale, heben sie an. Anschlie\u00dfend geht es im Eiltempo zu den Leuten am Rand des Lagers. Die Arbeiter nehmen die bestellten Produkte heraus, reichen sie an jene Kollegen weiter, die dann die Pakete schn\u00fcren. Die Regale samt Roboter sind da schon wieder verschwunden. Die Transportmaschinen &#8230; \u00a0k\u00f6nnen gut 300 Kilo schultern. Mehr noch: statt riesiger, hoher Hallen lassen sich die Regale jetzt in vergleichsweise niedrigen R\u00e4umen anordnen. So lagert Amazon in Manchester die Artikel auf drei Stockwerken und kann dadurch eine gr\u00f6\u00dfere Auswahl vorhalten.\u00ab<\/p>\n<p>Dieser Ansatz wird gerade ausgerollt. In Deutschland baut Amazon f\u00fcr 90 Millionen eine hochautomatisierte Filiale in Winsen, s\u00fcdlich von Hamburg. Der Konzern beteuert, dass durch die Roboter kein Job verloren gehe; zumindest nicht bei Amazon. Das ist ein wichtiger Punkt, den man bei einer korrekten Berechnung der Arbeitsplatzeffekte ber\u00fccksichtigen muss &#8211; der Jobverlust bei den Konkurrenten von Amazon, die sich dessen Effizienz geschlagen geben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nur als Anmerkung sei hier darauf hingewiesen, dass die Frage der Besch\u00e4ftigungseffekte gar nicht so einfach zu beantworten ist. Dazu der Artikel\u00a0<a href=\"https:\/\/www.blogger.com\/blogger.g?blogID=6890905834909695621#editor\/target=post;postID=3153463842796914818\">E-Commerce as a Jobs Engine? One Economist\u2019s Unorthodox View<\/a>: Der \u00d6konom Michael Mandel behauptet, \u00bbthat the move toward e-commerce is creating more jobs than are being lost in the brick-and-mortar retailing industry \u2014 and that these new jobs are paying much higher wages than traditional retail jobs.\u00ab<\/p>\n<p>In den sechs neuen Robo-Standorten, die dieses Jahr in Europa \u00f6ffnen, sollen langfristig 8.000 Arbeitspl\u00e4tze entstehen. In Winsen hat Amazon 1.000 Stellen zu besetzen.<\/p>\n<p>\u00bbDer Konzern verl\u00e4sst sich auf Technik, die er sich durch die \u00dcbernahme des amerikanischen Roboterherstellers Kiva vor f\u00fcnf Jahren ins Haus geholt hat. Die Ger\u00e4te baut Amazon selbst, weltweit drehen in dem Konzern 80.000 Roboter ihre Runden; jedes neue Lager braucht ein paar Tausend zus\u00e4tzlich. Auch die Software entwickelt Amazon selbst. Die Roboter orientieren sich mit Hilfe von QR-Codes auf dem Boden.\u00ab<\/p>\n<p>Aber auch das geh\u00f6rt &#8211; noch &#8211; zur Wahrheit: \u00bbAmazon ist allerdings weit davon entfernt, den gesamten Versand zu automatisieren. So sind die Regale in Manchester nur mit handlicher Ware best\u00fcckt. Wenn es sperrig wird, m\u00fcssen nach wie vor die Mitarbeiter ran, an anderen Standorten.\u00ab Insofern er\u00f6ffnet \u00a0das Fallbeispiel hier auch einen Blick auf das derzeit immer wieder aufgerufen Grundsatzthema Besch\u00e4ftigungsfolgen der Digitalisierung. Die sind gar nicht so einfach und vor allem nicht einseitig zu bestimmen.<\/p>\n<p>Was das f\u00fcr die Arbeitnehmer und die Gewerkschaften bedeutet? Auf alle F\u00e4lle wird am Beispiel Amazon ein mehrfaches Dilemma f\u00fcr die Gewerkschaften erkennbar: Zum einen rekrutiert man in Regionen mit einem noch hohen Arbeitsangebot Arbeitnehmer, grunds\u00e4tzlich oder anfangs befristet, die oftmals froh sind, \u00fcberhaupt wieder einen Job bekommen zu haben, was ihre Bereitschaft, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren oder gar die Arbeit niederzulegen, sicher nicht bef\u00f6rdert. Hinzu kommt ein skizziertes System der Ausweichlager in umgebenden L\u00e4ndern, mit deren Hilfe Amazon Streikfolgen kompensieren kann. Und dann auch noch die mehr oder weniger offene Drohung, dass die Jobs demn\u00e4chst wegautomatisiert werden k\u00f6nnten. Keine gute Ausgangslage f\u00fcr gewerkschaftliche Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Diesen Kontext sollten all diejenigen ber\u00fccksichtigen, die mehr von den Gewerkschaften erwarten oder die Erfolglosigkeit beklagen. Es geht immer auch um die realen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und dazu geh\u00f6rt auch der Organisationsgrad der Gewerkschaften, mithin die Bereitschaft der Arbeitnehmer, sich dort zu engagieren.<\/p>\n<p>Das kann man derzeit beobachten am Beispiel der Tarifeinigung in der Systemgastronomie. Wer bei Starbucks Kaffee zubereitet oder bei McDonald&#8217;s Burger br\u00e4t, bekommt ab August mehr Geld. Dies sieht ein neuer Tarifvertrag f\u00fcr rund 100.000 Besch\u00e4ftigte der Systemgastronomie vor, auf den sich die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ngg.net\/\">Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gastst\u00e4tten (NGG)<\/a>\u00a0und der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bundesverband-systemgastronomie.de\/\">Bundesverband der Systemgastronomie<\/a>\u00a0in der Nacht zum Freitag einigten &#8211; allerdings erst durch eine Schlichtung. Zum Bundesverband der Systemgastronomie geh\u00f6ren unter anderem McDonald&#8217;s, Burger King, Starbucks, Nordsee, Autogrill, Tank und Rast, Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut. Allein rund 58.000 Besch\u00e4ftigten arbeiten bei McDonald\u2019s in Deutschland.<\/p>\n<p>Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ngg.net\/artikel\/2017\/7\/hart-erkaempft-neuer-tarifvertrag-bei-mcdonalds-burger-king-und-co\/\">Vereinbarung<\/a>\u00a0sieht laut NGG Lohnerh\u00f6hungen zwischen 7,3 und 8,7 Prozent in drei Stufen vor. Die Laufzeit des Tarifvertrags: bis Ende 2019.<\/p>\n<p>Ab dem 1. August liegt das Einstiegsgehalt bei Schnellrestaurants bei neun Euro und damit 16 Cent mehr als der gesetzliche Mindestlohn in H\u00f6he von 8,84 Euro pro Stunde.<\/p>\n<p>Der Verhandlungsf\u00fchrer und stellvertretende Vorsitzende der NGG, Guido Zeitler, wird mit diesen Worten\u00a0<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/tarifeinigung-in-der-systemgastronomie-neun-euro-einstiegslohn\/20063386.html\">zitiert<\/a>: \u201eDamit haben wir ein wichtiges Ziel erreicht: Die anstrengende und verantwortungsvolle Arbeit in der Systemgastronomie ist mehr wert als Mindestlohn\u201c. Nun kann man an dieser Stelle auf den ersten Blick tats\u00e4chlich skeptisch die Frage stellen, ob 16 Cent mehr als Mindestlohn f\u00fcr die Arbeit in der Systemgastronomie als Erfolg gefeiert werden kann &#8211; oder ob das nicht eigentlich viel zu wenig, mithin eine Niederlage ist.<\/p>\n<p>Es war ein langer Kampf. Die NGG war mit einer Forderung von sechs Prozent mehr Geld f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigte und Einstiegsl\u00f6hnen deutlich oberhalb des Mindestlohns von 8,84 in die Verhandlungen gegangen. Nach vier ergebnislosen Tarifverhandlungen hatten sich die Verhandlungspartner auf eine Schlichtung geeinigt, die nun zur Einigung f\u00fchrte. Dabei muss man auch ber\u00fccksichtigen, dass der Organisationsgrad der NGG in der Systemgastronomie &#8211; nun ja &#8211; \u00fcberschaubar ist, was nat\u00fcrlich auch deren M\u00f6glichkeiten, beispielsweise durch Streiks die Arbeitgeber zu beeindrucken, einschr\u00e4nkt. Wenn nur 10 oder 15 Prozent der Besch\u00e4ftigten \u00fcberhaupt organisiert sind, dann wissen auch die Arbeitgeber sehr genau um das tats\u00e4chlich nicht oder nur in Spurenelementen vorhandene Druckpotenzial der Gewerkschaft.<\/p>\n<p><em>Quelle. <a href=\"https:\/\/aktuelle-sozialpolitik.blogspot.ch\/2017\/07\/ambivalente-arbeitswelten-am-beispiel-amazon.html\">aktuelle-sozialpolitik&#8230;<\/a> vom 19. Juli 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Sell. Zwischen &#8222;digitalem Taylorismus&#8220;, osteurop\u00e4ischen Ersatzlagern und einer beginnenden Menschenentleerung durch Automatisierung. 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