{"id":2372,"date":"2017-07-31T14:30:59","date_gmt":"2017-07-31T12:30:59","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2372"},"modified":"2017-07-31T14:31:25","modified_gmt":"2017-07-31T12:31:25","slug":"frauenbewegung-heute-in-neoliberalen-gewaessern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2372","title":{"rendered":"Dritte Welle der Frauenbewegung: In neoliberalen Gew\u00e4ssern"},"content":{"rendered":"<p><em>Sonja Grusch<\/em> Frauenunterdr\u00fcckung gibt es auch im 21. Jahrhundert noch \u2013 und immer schon gab es Widerstand dagegen. Vor allem von Frauen, aber auch von M\u00e4nnern. Die Analysen und Forderungen dieser Widerst\u00e4ndigen aber sind nicht abgehoben von Zeit und Raum, sondern stehen in Wechselbeziehung mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen.<!--more--><\/p>\n<p>Die erste Welle der Frauenbewegung\u00a0 fand in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts statt. Obwohl das Frauenwahlrecht f\u00fcr viele im Zentrum stand, war sie alles andere als homogen und es kam bald zu einer Differenzierung in b\u00fcrgerliche und proletarische Frauenbewegung. Diese erste Welle fand vor dem Hintergrund verschiedener b\u00fcrgerlicher Revolutionen sowie der erstarkenden ArbeiterInnenbewegung statt.<\/p>\n<p>Die zweite Welle der Frauenbewegung ist in den 1960er Jahren angesiedelt. Die als \u201eautonome\u201c Frauenbewegung (nicht im Sinne von anarchistisch-autonom sondern unabh\u00e4ngig von den verschiedenen Parteien) bezeichnete Bewegung setzte Themen wie die sexuelle Befreiung von Frauen, Verh\u00fctung, Abtreibung, Sexismus und Gewalt gegen Frauen sowie die Rolle von Frauen in der Familie ins Zentrum. Diese zweite Welle fand vor dem Hintergrund der B\u00fcrgerrechtsbewegung sowie der 68er-Bewegung statt. Auch gab es koloniale Befreiungsbewegungen sowie die revolution\u00e4ren Erhebungen in zum Beispiel Portugal.<\/p>\n<p>Ab den 1990er Jahren spricht man von der dritten Welle der Frauenbewegung. Hierzu geh\u00f6ren Debatten bzw. Themen wie Gender, Intersektionalit\u00e4t, Identity Politics oder Definitionsmacht.<\/p>\n<p>Die dominierenden Trends spiegeln jeweils das Bewusstsein und vor allem den Stand von Klassenk\u00e4mpfen wieder. Ab den 1980er Jahren gab es eine Reihe von Niederlagen der Arbeiterbewegung und der Linken. Das hat auch zu einem insgesamt zur\u00fcckgeworfenen Bewusstsein gef\u00fchrt. Auf der wirtschaftlichen Ebene hat sich das in der Offensive des Neoliberalismus ausgedr\u00fcckt. Auf der ideologischen Ebene war der entsprechende Ausdruck unter anderem der \u201ePost-Modernismus\u201c. Der Begriff dient als Sammelbegriff f\u00fcr verschiedene Ans\u00e4tze, denen unter anderem eine Ablehnung von Wahrheitsanspr\u00fcchen verschiedener philosophischer oder politischer Richtungen gemeinsam ist. Diese, scheinbar kritische, Herangehensweise stie\u00df aufgrund der negativen Erfahrungen mit der dogmatischen Darstellung des (eigentlich sehr flexiblen und undogmatischen) Marxismus durch diverse stalinistische bzw. maoistische Gruppen auf Unterst\u00fctzung auch unter linken AktivistInnen. Reale gesellschaftliche K\u00e4mpfe und Widerspr\u00fcche traten in der Analyse immer mehr in den Hintergrund. Mehr und mehr ging es um deren Erscheinung in gesellschaftlichen Diskursen. Gesellschaftliche Klassen, Klassenherrschaft und Frauenunterdr\u00fcckung wurden zu Produkten von Diskursen. Die Arbeiterklasse wurde als revolution\u00e4res Subjekt abgeschrieben \u2013 \u00fcberhaupt wurde die Idee eines revolution\u00e4ren Subjekts und die M\u00f6glichkeit revolution\u00e4rer gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung angezweifelt. Aus der Skepsis gegen\u00fcber jeder Form von Gruppenbildung wuchs die Verlagerung gesellschaftlicher Probleme und Debatten auf die individuelle Ebene. Ohne es zu wollen gelangten viele solcher Ans\u00e4tze schlie\u00dflich in ideologische Gew\u00e4sser, in denen der Neoliberalismus herrscht, der ebenfalls die Klassengesellschaft leugnet und das Individuum isoliert. Die Postmoderne f\u00fchrte zur Individualisierung und Beliebigkeit\u00a0und lehnte \u201egro\u00dfe Erz\u00e4hlungen\u201c ab \u2013 folgerichtig formulierte 1989 der neoliberale Francis Fukuyama seine Theorie vom \u201eEnde der Geschichte\u201c.<\/p>\n<p>Das Scheitern der revolution\u00e4ren Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren, die Verb\u00fcrgerlichung der Sozialdemokratie und schlie\u00dflich der Kollaps des Stalinismus bedeuteten eine neoliberale Offensive auf allen Ebenen: in der Wirtschaft wurde dereguliert und privatisiert, was das Zeug hielt \u2013 und ideologisch wurde verk\u00fcndet, dass jedeR f\u00fcr sich selbst verantwortlich ist. \u201eSo etwas wie eine \u201aGesellschaft\u2018 gibt es nicht\u201c, brachte Margaret Thatcher es auf den Punkt.<\/p>\n<p>\u201eFeminismus\u201c oder \u201eFeministinnen\u201c oder \u201eGender Mainstreaming\u201c wurden in Folge der starken vergangenen Bewegungen zwar in Regierungsprogramme\/Regierungen integriert \u2013 doch diese Ma\u00dfnahmen blieben meist auf der formalen Ebene, w\u00e4hrend gleichzeitig auf der sozialen Ebene brutaler Neoliberalismus durchgedr\u00fcckt wurde. Die Zahl der Parteivorsitzenden oder auch Regierungschefinnen stieg, w\u00e4hrend gleichzeitig (auch durch diese) K\u00fcrzungen umgesetzt wurden, die vor allem Frauen trafen.<\/p>\n<p>Doch dieser gesellschaftliche Backlash konnte in Bezug auf Frauen nicht einfach alle Errungenschaften der Vergangenheit zunichte machen. Die Gesellschaft und insbesondere die Frauen selbst hatten sich ver\u00e4ndert. Die reaktion\u00e4re Propaganda musste unterschwelliger werden. In den 1980er Jahren sahen sich Frauen daher mit der Behauptung konfrontiert, es w\u00e4re f\u00fcr Frauen \u00fcber vierzig quasi unm\u00f6glich noch einen Mann \u201eabzukriegen\u201c und man m\u00fcsse sich daher sputen. Beliebt war es auch, Feministinnen mit dem Vorwurf der \u201ePolitical Correctness\u201c Pr\u00fcderie und Lustfeindlichkeit vorzuwerfen. Und Karrierefrauen wurden zwar nicht offen abgelehnt, doch wurde ein Bild gezeichnet, dass Mutterschaft doch letztlich weit erf\u00fcllender w\u00e4re. Der Film \u201eBaby Boom\u201c mit Diane Keaton ist ein Beispiel f\u00fcr diese unterschwellige Propaganda.<\/p>\n<p>Diese Propaganda passt zur Notwendigkeit des Kapitals, Frauen wieder verst\u00e4rkt f\u00fcr Reproduktionsarbeit einzusetzen \u2013 also im Gesundheits- und Bildungswesen zu k\u00fcrzen und diese Arbeit wieder unbezahlt in die Familie, also zu Frauen, zu verlagern. Neoliberale Offensive und konservativer Backlash gingen also miteinander Hand in Hand. Doch es w\u00e4re zu simpel, zu glauben, dass \u201edas Kapital\u201c, als einheitlicher Block, ausschlie\u00dflich ein Interesse an einem reaktion\u00e4ren Frauenbild hat. Tats\u00e4chlich n\u00fctzt Diskriminierung dem Kapital nicht nur \u2013 sie kann sich auch als unwirtschaftlich bzw. nicht profitabel herausstellen, wenn sie zum Beispiel Menschen davon abh\u00e4lt, als Arbeitskr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung zu stehen. Es ist also kein Zufall, wenn in \u00d6sterreich die Industrieellenvereinigung ausreichend Kinderbetreuungseinrichtungen fordert. Hier geht es nat\u00fcrlich nicht um Frauenrechte sondern darum, dass alle potentiellen Arbeitskr\u00e4fte gleicherma\u00dfen zur Ausbeutung zur Verf\u00fcgung stehen m\u00fcssen. Unterschiedliche Fraktionen des Kapitals haben hier also unterschiedliche Interessen und Wertvorstellungen, die sie propagieren.<\/p>\n<p><strong>Alle(s) wird zur Ware<\/strong><\/p>\n<p>Im Kapitalismus wird alles zur Ware, und zwar nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch unsere K\u00f6rper \u2013 und Frauenk\u00f6rper ganz besonders. Bei Liberalen finden wir oft vermeintlich fortschrittliche Forderungen zu Frauen oder auch LGBTQ-Fragen, w\u00e4hrend es zu sozialen Fragen eine klare Positionierung auf Seiten der Kapitalinteressen gibt. Wenn hier von Gerechtigkeit gesprochen wird dann geht es nicht darum, die Ausbeutung abzuschaffen, sondern nur sicher zu stellen, dass sich unter den AusbeuterInnen Frauen, Schwarze, LGBTQ-Personen etc. befinden.<\/p>\n<p>Das zeigt sich zum Beispiel auch im Umgang mit der Frage der Prostitution: Die Prostituierte wird nicht als besonders ausgebeutete Frau gesehen, die in Folge massiver Ausbeutung oft keine Wahl hat, sondern als freie Unternehmerin die ihre T\u00e4tigkeit selbstbestimmt ausf\u00fchren soll. Widerstand gibt es daher von liberaler Seite auch nicht gegen Prostitution als solche, sondern bestenfalls gegen Zuh\u00e4lterei die ja letztlich das freie Unternehmertum einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Die diversen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die es in diesem Bereich gibt haben oft nicht prim\u00e4r die Aufgabe, Frauen beim Ausstieg zu helfen, sondern haupts\u00e4chlich, die Folgen dieses brutalen Gesch\u00e4fts im Zaum zu halten. Die Tatsache, dass wohl die meisten der Besch\u00e4ftigten und AktivistInnen in diesen NGOs bem\u00fcht, solidarisch und engagiert sind und gegen die Diskriminierung ihrer KlientInnen aufstehen, \u00e4ndert nichts daran, dass die Zuteilung staatlicher Gelder auch der jeweiligen Interessenlage des Kapitals entspricht. Dem Kapital geht es vor allem darum, die Arbeiterklasse insgesamt gesund genug zu halten, um gen\u00fcgend Arbeitskr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung zu halten. Darum wurden zum Beispiel von staatlicher Stelle in den 1980er Jahren gro\u00dfe Mittel in die Aidshilfe gesteckt, als Aids als stark ansteckende und sich rasch verbreitende Krankheit gesehen wurde, die einged\u00e4mmt werden musste.<\/p>\n<p>In seiner extremsten Form zeigt sich die Warenlogik im gro\u00dfen Markt der Leihmutterschaft. Nat\u00fcrlich ist es wichtig, das Recht von Frauen darauf, Kinder zu bekommen, zu verteidigen. Doch unter Bedingungen des Marktes werden die K\u00f6rper armer (oft \u201enicht-wei\u00dfer\u201c) Frauen benutzt, um reichen (oft \u201ewei\u00dfen\u201c) Frauen den Zugang zu einem biologisch \u201eeigenen\u201c Kind zu erm\u00f6glichen. Die ganze Frage ist mit einem biologistischen und damit letztlich auch rassistischen Zugang verbunden.<\/p>\n<p><strong>Niedergang der Frauenbewegung folgt den Niederlagen der Arbeiterbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Die Frauenbewegung ist in den 1980er Jahren zur\u00fcck gegangen. Grund waren der konservative Backlash in Folge der Niederlagen der Arbeiterbewegung und des Zusammenbruchs des Stalinismus. Erschwerend kamen dabei die oft negativen Erfahrungen von Frauen mit linken Organisationen in den 1960er und 1970er Jahren hinzu. Hier gab es massiven Sexismus \u2013 M\u00e4nner diskutierten dar\u00fcber, wie sie die Revolution machen wollen und behandelten gleichzeitig \u201eihre\u201c Frauen oder auch die Frauen in ihren Organisationen von oben herab.<\/p>\n<p>Ideologisch kreierten die diversen stalinistischen und insbesondere maoistischen Gruppen das \u2013 nicht bei Marx zu findende \u2013 Konzept eines Haupt- und Nebenwiderspruchs. Die Frauenfrage wurde zu einer Nebenfrage abgewertet, die sich dann sp\u00e4ter, im Sozialismus, l\u00f6sen w\u00fcrde. Diese Erfahrungen stie\u00dfen viele Frauen zu Recht ab. Der Postmodernismus schien auch hier eine Alternative zu sein. Es herrschte eine scheinbar gr\u00f6\u00dfere Offenheit f\u00fcr Frauenthemen, die pers\u00f6nliche Betroffenheit wurde ernst genommen. Im Gegensatz zur \u201eVerallgemeinerung\u201c des \u201eMarxismus\u201c setzte der Postmodernismus subjektive, individuelle Beziehungen ins Zentrum. Die unmittelbare Betroffenheit wurde zum Thema und schien \u2013 endlich \u2013 ernst genommen zu werden. Doch wenn die Wahrnehmung von Unterdr\u00fcckung eine individuelle ist, dann wird in Folge auch der Widerstand ein individueller. Solche Konzepte, die sich in den verschiedenen Trends im Feminismus der letzten Jahrzehnte widerspiegeln, sind f\u00fcr das Kapital jedoch weitgehend ungef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>Aufdr\u00f6seln bis zum letzten: Identity Politics<\/strong><\/p>\n<p>Eines dieser Konzepte ist Identity Politics. Der Begriff der Identit\u00e4t stammt aus dem Black Feminism der 1970er Jahre. Doch damals ging es um die soziale Identit\u00e4t armer schwarzer Frauen im Gegensatz zu jener der b\u00fcrgerlichen, meist wei\u00dfen Frauen. Bei der heutigen Identity Politics geht es um eine g\u00e4nzlich individuelle Identit\u00e4t. Menschen werden anhand ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters, ihrer Vorlieben und F\u00e4higkeiten,\u00a0sowie ihrer Herkunft in unterschiedliche Identit\u00e4ten aufgesplittert. Die Unterschiede von Unterdr\u00fcckten werden betont anstatt die Gemeinsamkeit, n\u00e4mlich die Klassenzugeh\u00f6rigkeit \u2013 also die M\u00f6glichkeit weniger, vom eigenen Reichtum (bzw. dem der Familie) gut leben zu k\u00f6nnen, im Unterschied zur einzigen M\u00f6glichkeit der meisten, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Identity Politics bewertet Menschen entlang dessen was sie \u201esind\u201c, und nicht danach, was sie tun. So wird der Fokus verlagert. Nicht die Ursache von Unterdr\u00fcckung ist hier Gegenstand der Analyse, sondern das Individuum wird isoliert von seiner Umgebung, seiner materiellen Grundlagen betrachtet.<\/p>\n<p>Die Ursache von Unterdr\u00fcckung wird im Individuum selbst (und zwar sowohl bei Opfer als auch bei T\u00e4terIn), in seiner\/ihrer \u201eIntoleranz\u201c oder seinen\/ihren \u201ePrivilegien\u201c gesehen. W\u00e4hrend es bei der zweiten Welle der Frauenbewegung um den kollektiven Kampf ging, verlagert die dritte Welle K\u00e4mpfe immer mehr auf die individuelle Ebene: Die Ursachen sind individuell (wegen eines \u201eprivilegierten\u201c Verhaltens von Individuen) \u2013 in Folgen sind auch die Empfindungen der unterdr\u00fcckten Personen individuelle und als logische Konsequenz dieser Analyse m\u00fcssen dann auch die L\u00f6sungen individuelle sein.<\/p>\n<p>Der Ansatz half sicher, Frauen aus der auch als dem\u00fctigend empfundenen Opferrolle heraus zu helfen (\u201eIch bin nicht unterdr\u00fcckt \u2013 du bist privilegiert\u201c). Aber wenn das Individuum vor allem die eigenen \u201ePrivilegien\u201c checken soll dann kann die Konsequenz nur sein, dass sich Menschen zum Beispiel in den entwickelten kapitalistischen Staat oder eben auch M\u00e4nner als \u201eprivilegiert\u201c schuldig f\u00fchlen sollen. Und wenn dann diesen \u201eprivilegierten\u201c das Recht und die F\u00e4higkeit abgesprochen wird, Forderungen oder gar Strategien mit nicht-privilegierten mitentwickeln zu k\u00f6nnen, dann wird der Widerstand erschwert, weil die Unterschiede betont, die Gemeinsamkeiten ignoriert werden. Wenn nur \u00fcber die \u201ePrivilegien\u201c der M\u00e4nner diskutiert wird, wird ignoriert, dass die wirklichen und gro\u00dfen Privilegien jene der herrschenden Klasse sind.<\/p>\n<p>Identity Politics haben einen Klassenstandpunkt \u2013 und zwar jenen des \u201elinken\u201c bzw. gesellschaftspolitisch liberalen Neoliberalismus. Die negativen Folgen dieses in die herrschende Klasse integrierten \u201eFeminismus\u201c zeigt sich gut in der Person von Alice Schwarzer \u2013 einst Vork\u00e4mpferin f\u00fcr Frauenrechte, heute auf der Seite der herrschenden Klasse, sogar des brutalen Imperialismus, unter dem Vorwand der Verteidigung von Frauenrechten gegen \u201eden Islam\u201c.<\/p>\n<p>Rasch wurde allerdings klar, dass es nicht nur die eine, sondern in diesem Konzept viele Identit\u00e4ten bei einer Person gibt, wenn das Sein im Zentrum steht \u2013 das Geschlecht, Gender, die Herkunft, die F\u00e4higkeiten und Beeintr\u00e4chtigungen, all das schafft in einer Person viele verschiedene Identit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Das Konzept der Intersektionalit\u00e4t wurde entwickelt, um die verschiedenen Identit\u00e4ten und die \u00dcberlagerung ihrer jeweiligen Unterdr\u00fcckung zu analysieren. Das bedeutet jedoch, davon auszugehen, dass jede Form von Unterdr\u00fcckung ihren eigenen, isolierten Ursprung hat. Homophobie, Antisemitismus, Sexismus usw. werden so als v\u00f6llig voneinander getrennte Ph\u00e4nomene dargestellt, die erst zusammenkommen, wenn ihre \u201eAchsen\u201c sich in einem Individuum, das von ihnen betroffen ist, kreuzen. Im Gegensatz dazu stellt die marxistische Analyse eine gemeinsame Substanz dieser Formen der Unterdr\u00fcckung, n\u00e4mlich die Klassengesellschaft als Gesamtes, voran. Intersektionale Analysen k\u00f6nnen also nur die Konsequenzen von Unterdr\u00fcckung beschreiben, nicht jedoch ihren Ursprung.<\/p>\n<p>All das hat Auswirkungen auf die F\u00e4higkeit zum Widerstand gehabt. Doch der postmoderne Neoliberalismus konnte Widerstand nur verwirren, nicht verhindern. Seit dem Backlash der 1980er Jahre gibt es nicht nur die Anti-Globalisierungs- und Anti-Kriegsbewegung, sondern eben auch die dritte Welle der Frauenbewegung. Dazu k\u00f6nnen die Slut Walks und der Girlie-Kult, in dem Vorurteile bzw. Stereotype aufgegriffen und als (verbale) Waffe \u00fcbernommen werden, gez\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Ein Element aktueller Auseinandersetzungen sind auch K\u00e4mpfe f\u00fcr sichere R\u00e4ume. Die zweite Welle der Frauenbewegung hat zum Beispiel Frauenh\u00e4user erk\u00e4mpft und damit wichtige Schutzorte vor Gewalt geschaffen. Selbstverst\u00e4ndlich braucht es Orte, Einrichtungen usw., wo Menschen, die \u00e4hnliche Unterdr\u00fcckungserfahrungen gemacht haben, sich untereinander austauschen und best\u00e4rken k\u00f6nnen. In einer Klassengesellschaft wie dem Kapitalismus sind solche sicheren R\u00e4ume jedoch \u00e4u\u00dferst begrenzt und kurzlebig. K\u00e4mpfe m\u00fcssen deswegen auch in die ungesch\u00fctzte und brutale Welt, wo wir mit Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Unterdr\u00fcckung konfrontiert sind, getragen werden.<\/p>\n<p><strong>Definitionsmacht (\u201eDefma\u201c)<\/strong><\/p>\n<p>Einen Zugang, der gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge individualisiert, finden wir auch beim Konzept der Definitionsmacht. Aus dem berechtigten Wunsch heraus, den oft verharmlosenden oder relativierenden Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen zu beenden, ist ein Konzept geschaffen worden, dass die Verantwortung in letzter Konsequenz an das Opfer \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dass das Opfer bestimmt, wo seine Grenzen \u00fcberschritten wurden und somit ein \u00dcbergriff stattgefunden hat, ist einleuchtend. Doch oft reicht diese Feststellung alleine nicht. Denn sie wirft beispielsweise die Frage auf, ob ein \u00dcbergriff, der vom Opfer nicht als solcher wahrgenommen wird, auch keiner ist. Ist eine Frau, f\u00fcr die es \u201enormal\u201c ist, wenn sie vom Ehemann geschlagen oder zum Sex gezwungen wird, nicht das Opfer von sexualisierter Gewalt? Wenn die Definitionsmacht ausschlie\u00dflich beim Opfer liegt, dann droht auch eine Verharmlosung von Gewalt. Unterschiedliche Formen von \u00dcbergriffen haben auf unterschiedliche Frauen unterschiedlich schwere Auswirkungen. Wenn nun im Konzept des \u201eeye-rape\u201c sexistisches Gaffen mit Vergewaltigung auf eine Stufe gestellt wird, werden so die Erfahrungen von Frauen, die vergewaltigt wurden, ohne deren Zustimmung mit der Erfahrung, angegafft zu werden verglichen.<\/p>\n<p>Auch bez\u00fcglich des Umgangs mit dem T\u00e4ter wird die Verantwortung ans Opfer delegiert \u2013 f\u00fcr eine Auszubildende wird es in der Praxis schwer sein, sich gegen \u00dcbergriffe des Chefs zu wehren. Der Druck, den \u00dcbergriff nicht als solchen \u201ezu empfinden\u201c und keine entsprechenden Konsequenzen zu fordern, steigt, wenn die Verantwortung auf das Opfer abgeschoben wird und solche \u00dcbergriffe zum Beispiel nicht von der Gewerkschaftsbewegung aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>Aus dem berechtigten Wunsch, die individuelle Betroffenheit ernst zu nehmen, kommt es zu einem Umgang, der letztendlich ineffektiv ist \u2013 weil weder die Ursachen, noch die L\u00f6sungen individuelle sind. Die Schw\u00e4che des Defma-Konzeptes ist die Isolierung der F\u00e4lle vom gesellschaftlichen Rahmen. Und das ist das Problem mit all diesen Zug\u00e4ngen, die sich \u2013 dem zur\u00fcckgeworfenen Bewusstsein entsprechend \u2013 in der letzten Periode entwickelt haben. Sie haben keinen \u201eKlassenstandpunkt\u201c \u2013 und haben damit aber letztlich doch einen. Sie bleiben im Rahmen der existierenden Ideologie verhaftet, die die Ursache f\u00fcr Frauenunterdr\u00fcckung und Sexismus in den Individuen und nicht in der Existenz der Klassengesellschaft sucht.<\/p>\n<p><strong>Die vielen Widerst\u00e4nde zusammen bringen!<\/strong><\/p>\n<p>Dennoch sind all diese Ans\u00e4tze ein realer Startpunkt f\u00fcr die Politisierung von vor allem jungen Frauen. Hunderttausende, die an Slutwalks und anderen Mobilisierungen teilgenommen haben, zeigen eine neue Generation von jungen Frauen, die auf die Barrikaden geht. Viele der Konzepte der letzten Jahre wurden ausgetestet \u2013 und es hat sich gezeigt, dass mehr Managerinnen oder Ministerinnen die Probleme von Frauen aus der Arbeiterklasse nicht l\u00f6sen. Viele der aktuellen Klassenk\u00e4mpfe finden in Bereichen mit einem hohen weiblichen Besch\u00e4ftigtenanteil statt wie zum Beispiel im Gesundheitswesen. Frauen sind hier oft an der Spitze der AktivistInnen und es findet eine massive Politisierung statt, die weit \u00fcber die oft akademisch bleibenden Konzepte der dritten Welle der Frauenbewegung hinausgeht. Die Tatsache, dass viele der Frauen, die jetzt aktiv werden \u201ealte, wei\u00dfe M\u00e4nner\u201c wie Sanders oder Corbyn unterst\u00fctzen, zeigt auch, dass sie verstanden haben, dass es nicht nur um pers\u00f6nliches Verhalten oder Identit\u00e4ten, sondern um gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge und soziale Fragen geht. Als SozialistInnen setzen wir bei der Wut \u00fcber Sexismus an und erg\u00e4nzen diese um eine Analyse der Ursachen von Frauenunterdr\u00fcckung. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist zur\u00fcckgeworfen, aber es gibt Organisationen, die die Debatten, Lehren und Erfahrungen zusammengefasst und \u201egerettet\u201c haben. Wir m\u00fcssen daher nicht wieder bei Null anfangen, sondern k\u00f6nnen die besten Traditionen der bisherigen Frauenbewegungen mit dem Elan und der Wut der jetzigen Frauen verbinden.<\/p>\n<p>Die Ausbeutung von Frauen, der Arbeiterklasse und der Menschen insgesamt kann beendet werden. Das werden wir erreichen, wenn wir das, was uns alle verbindet, n\u00e4mlich dass wir Teil der Arbeiterklasse sind, als zentralen Punkt des Kampfes nehmen. Das bedeutet jedoch nicht, weitere Formen der Unterdr\u00fcckung auszublenden. Die aus der Klassengesellschaft resultierenden Unterdr\u00fcckungen entlang von Geschlecht, Ethnie etc. d\u00fcrfen nicht als \u201eNebenwiderspr\u00fcche\u201c abgetan, sondern m\u00fcssen als zentrale Unterdr\u00fcckungsformen des Kapitalismus ernst genommen werden. Gemeinsamer Klassenkampf wird nicht durch das Hintanstellen der K\u00e4mpfe von Frauen, Nicht-Heterosexuellen oder ethnischer Minderheiten erreicht. Diese K\u00e4mpfe dagegen m\u00fcssen ebenfalls im hier und jetzt gef\u00fchrt werden und d\u00fcrfen nicht auf eine sozialistische Zukunft verschoben werden. Nur so ist ein gemeinsamer, langfristig erfolgreicher Kampf der Arbeiterklasse \u00fcberhaupt m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Homo-Ehe war in Irland gerade in den Arbeitervierteln besonders stark. Dort sind auch die Kampagne f\u00fcr das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und die Kampagne gegen die unsozialen Wassergeb\u00fchren am st\u00e4rksten. Die Frauenbewegung war auch historisch dort am erfolgreichsten, wo sie gemeinsam oder auch als Teil der Arbeiterbewegung aufgestanden ist. Wir sollten keinen Kampf darum f\u00fchren, wer am meisten unterdr\u00fcckt ist, sondern dar\u00fcber, wie wir diese Unterdr\u00fcckung \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen die w\u00fctenden jungen Frauen dort abholen, wo sie stehen, wo ihre Politisierung beginnt, und sie von der Ursache der Unterdr\u00fcckung \u00fcberzeugen und sie f\u00fcr den gemeinsamen Kampf f\u00fcr eine sozialistische Zukunft gewinnen. Die St\u00e4rke der verschiedenen Konzepte der dritten Welle der Frauenbewegung liegt darin, dass sie die jeweilige Betroffenheit ernst nimmt und gelten l\u00e4sst. Das ist ein guter Startpunkt, bei dem man aber nicht stehen bleiben kann, wenn man Antworten und L\u00f6sungen anbieten will, damit Frauenunterdr\u00fcckung bek\u00e4mpft und abgeschafft wird. Dazu braucht es ein Verst\u00e4ndnis der Ursachen, die in der Klassengesellschaft zu suchen sind \u2013 und ein Konzept zum Widerstand, das alle Opfer dieser Klassengesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit und ihren Gemeinsamkeiten zusammenf\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Sonja Grusch ist Bundessprecherin der Sozialistischen LinksPartei (SLP) in \u00d6sterreich und langj\u00e4hrige Aktivistin der dortigen Frauenbewegung.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle\u00a0: <a href=\"https:\/\/www.sozialismus.info\/2017\/07\/in-neoliberalen-gewaessern\/\">sozialismus.info&#8230;<\/a> vom 31. Juli 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonja Grusch Frauenunterdr\u00fcckung gibt es auch im 21. Jahrhundert noch \u2013 und immer schon gab es Widerstand dagegen. Vor allem von Frauen, aber auch von M\u00e4nnern. 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