{"id":2381,"date":"2017-08-05T09:14:36","date_gmt":"2017-08-05T07:14:36","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2381"},"modified":"2017-08-05T09:14:36","modified_gmt":"2017-08-05T07:14:36","slug":"der-finale-sieg-ueber-den-is-in-mossul-noch-lange-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2381","title":{"rendered":"Der finale Sieg \u00fcber den IS in Mossul? Noch lange nicht!"},"content":{"rendered":"<p><em>Hassan Abu Haniyeh. <\/em><strong>Der IS wird in seinem Kampf nun zu Guerilla-Taktiken \u00fcbergehen und wird sich auch weiterhin aus dem institutionalisierten Sektierertum des Staates n\u00e4hren \u2013 solange bis die irakische Regierung endlich die konfessionellen Spaltungen \u00fcberwindet und an einem Strang zieht.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Am 17. Oktober 2016 begannen in Mossul blutigste K\u00e4mpfe, die mehr als acht Monate andauern sollten und die meisten Viertel der Stadt in ein Tr\u00fcmmerfeld verwandelten. Am 10. Juli schlie\u00dflich verk\u00fcndete der irakische Premierminister Haider al-Abadi den Sieg \u00fcber den Islamischen Staat (IS).<\/p>\n<p>Nach dem v\u00f6lligen Kollaps der irakischen Armee sowie der irakischen Polizeikr\u00e4fte und nach deren Flucht am 10. Juni 2014 konnte der IS innerhalb von acht Stunden Mossul \u00fcbernehmen, mit minimalem Aufwand an Kombattanten und Ausr\u00fcstung.<\/p>\n<p>Die Eroberung der Stadt f\u00fchrte zu zwei wichtigen Entwicklungen. Erstens erlie\u00df der h\u00f6chste schiitische Kleriker des Iraks, Gro\u00dfayatollah Ali al-Sistani, am 13. Juni 2014 eine heilige Fatwa \u2013 \u201e<a href=\"http:\/\/www.sistani.org\/arabic\/in-news\/24908\/\">Jihad al-Kafai<\/a>\u201c \u2013, die zur Unterst\u00fctzung von Armee und Polizeikr\u00e4ften die Gr\u00fcndung einer Schiiten-Miliz forderte. Und zweitens wurde im September 2014 die von den USA gef\u00fchrte Internationale Anti-ISIS Allianz ins Leben gerufen mit dem Ziel, den IS aus Mossul und anderen St\u00e4dten zu vertreiben, die er im Irak und Syrien kontrolliert.<\/p>\n<p>Sichtlich gl\u00fccklich \u00fcber die Niederlage des IS verk\u00fcndete Pr\u00e4sident Abadi Ende Juni und bei seinem Besuch in Mossul diese Woche das \u201eEnde der Terroristen vom IS\u201c und versicherte, dass die irakischen Streitkr\u00e4fte den IS auch weiter bis zum letzten Mitglied im Land verfolgen werden.<\/p>\n<p>Die IS-Bombardierung der al-Nuri-Moschee und des al-Hadba-Minaretts, so sagte er, seien \u201evielmehr das Einl\u00e4uten des Endes des kleinen und nichtigen IS-Staats\u201c.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t zeigt jedoch, wie unglaubw\u00fcrdig Abadis Aussagen sind. Die Niederlage und Vertreibung des IS aus Mossul bedeutet noch lange nicht das Ende des IS. Angesichts des politischen Tauziehens im Lande scheint es viel zu fr\u00fch f\u00fcr Abadi, davon zu reden.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberf\u00e4lle, Explosionen und Selbstmordattentate<\/strong><\/p>\n<p>Vom Ende des IS im Irak zu sprechen, ist nichts als Wunschdenken und offenbart die Unkenntnis \u00fcber die Natur des IS.<\/p>\n<p>Es ist durchaus legitim, von einem vor\u00fcbergehenden Ende des politischen Projekts des IS als \u201eStaat\u201c zu sprechen, von den Macht- und Verwaltungsstrukturen, die gro\u00dfe urbane Gebiete wie Mossul und Raqqa dominierten, und von dem Regierungssystem, welches auf der Grundlage der klassischen Kriegsf\u00fchrung durch milit\u00e4rische Gewalt implementiert wurde.<\/p>\n<p>Doch wird der IS nun zu seinem urspr\u00fcnglichen Design zur\u00fcckkehren und seine Pr\u00e4senz als \u201eOrganisation\u201c \u2013 mitsamt Ideologie, Organisationsstruktur und Finanzierung \u2013 aufrechterhalten, die haupts\u00e4chlich auf den Taktiken des Guerillakriegs und der Zerm\u00fcrbung basiert.<\/p>\n<p>Neben der F\u00e4higkeit des IS, sich wieder und wieder dem Verlauf des Krieges anzupassen, kontrolliert er noch immer gro\u00dfe Gebiete. Die irakischen Streitkr\u00e4fte und die Internationale Allianz bereiten sich nach Mossul auf viele weitere Schlachten vor, um den IS aus seinen im Irak kontrollierten Territorien zu vertreiben. Hinzu kommt die Komplexit\u00e4t der Schlachten in Syrien und der Kampf, dessen Zeuge wir im Moment im syrischen Raqqa werden.<\/p>\n<p>Der IS kontrolliert noch immer eine Reihe von Gebieten im Irak, vor allem Hawija im Kirkuk-Gouvernement im Norden des Landes, und Teile von al-Shirqat im Saladin-Gouvernement, Tal Afar im Westen Mossuls in der Provinz Ninive und al-Qa\u2019im im al-Anbar-Gouvernement.<\/p>\n<p>Wenn der IS diese Gebiete verliert, wird er sich einfach wieder in eine bewaffnete Organisation umwandeln, die sich in unkonventioneller Kriegsf\u00fchrung ergeht.<\/p>\n<p>Mit dem Ende des IS als Staatsprojekt wird die Gruppe zu ihrer Realit\u00e4t als Terrororganisation zur\u00fcckkehren, mit den Strategien der Zerst\u00f6rung und der Guerilla-Taktik, die er entwickelt hatte, noch bevor St\u00e4dte im Irak und in Syrien erobert wurden und vor der Staatsausrufung.<\/p>\n<p>Diese Strategien beruhen auf schnellen Killerkommandos, improvisierten Sprengladungen, Autobomben und Selbstmordattent\u00e4tern, die sich in Undercover-Zellen verborgen unter Zivilisten verstecken. Der Milit\u00e4rrat des IS hat ein Modell der hybriden Kriegsf\u00fchrung entwickelt, das sich schnell an ver\u00e4nderte Gegebenheiten auf dem Feld anpassen und von der klassischen Schlacht auf diese Art des Guerillakriegs zur\u00fcckkehren kann, der auf agilen K\u00e4mpfern beruht, die effektiv in der Lage sind, angreifende Kr\u00e4fte zu zerm\u00fcrben.<\/p>\n<p><strong>Die wahre Schlacht<\/strong><\/p>\n<p>Mit seinen taktischen F\u00e4higkeiten k\u00f6nnte man sagen, dass der IS als jihadistische Organisation autark ist. Die tats\u00e4chliche Macht des IS kommt jedoch in erster Linie aus der politischen Krise des Iraks in Folge der US-Besatzung \u2013 aus der \u201eSunnitenkrise\u201c.<\/p>\n<p>Mit dem Auftauchen der \u201ekonfessionellen Frage\u201c und der Dominanz eines diktatorischen schiitischen Regimes wurden die Sunniten vom politischen Prozess des Landes ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die Zukunft des IS im Irak h\u00e4ngt also vom Erfolg des politischen Prozesses in einem ethnisch gespaltenen Land ab.<\/p>\n<p>Die wirkliche Herausforderung beginnt erst mit dem Ende der milit\u00e4rischen Operationen. Es fehlt an einer klaren politischen Vision f\u00fcr die Verwaltung von Mossul und anderen sunnitischen St\u00e4dten, zus\u00e4tzlich zu dem Fehlen von praktikablen Pl\u00e4nen, Ressourcen und finanziellen Mittelzuweisungen, die die Frage des Wiederaufbaus und der R\u00fcckkehr der Vertriebenen auf den Tisch legen.<\/p>\n<p>Es ist unwahrscheinlich, dass die irakische Regierung in der Lage sein wird, ihre Versprechen an die verw\u00fcsteten sunnitischen Gouvernements zu erf\u00fcllen. Die Vertrauenskrise zwischen den sunnitischen und schiitischen Teilen wird sich weiter versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Das Ende des IS im Irak ist in weiter Ferne. In Wirklichkeit tragen die krassen Widerspr\u00fcche des Iraks zu seiner Instabilit\u00e4t bei und k\u00f6nnten dieselben Bedingungen reproduzieren, die zum Aufstieg des IS und seiner Kontrolle \u00fcber gro\u00dfe Territorien f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Die Intensivierung des Schia-Kurden-Konflikts beispielsweise k\u00f6nnte zu einem B\u00fcrgerkrieg f\u00fchren, insbesondere mit dem Beharren von Masud Barzani, Pr\u00e4sident der Autonomen Kurdischen Regionalregierung, am 25. September ein Referendum \u00fcber die kurdische Unabh\u00e4ngigkeit abzuhalten.<\/p>\n<p>Das Referendum wird nicht auf die Grenzen Kurdistans beschr\u00e4nkt sein, sondern auch die umk\u00e4mpften Gebiete umfassen, in denen Kurden vor Ort sind und die derzeit unter der Kontrolle kurdischer Milizen stehen.<\/p>\n<p>Die wachsende St\u00e4rke der schiitischen Milizen, die mit dem Iran verbunden sind und sich in der Nationalen Mobilmachung organisieren, wird die sektiererische Zwietracht weiter befeuern und k\u00f6nnte aufgrund ihres Bestehens auf die Kontrolle der sunnitischen Gebiete an der irakisch-syrischen Grenze gar zu Konflikten mit den US-Streitkr\u00e4ften im Irak f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ende Mai dr\u00e4ngten diese vom Iran unterst\u00fctzten Schia-Milizen darauf, gro\u00dfe Gebiete zu kontrollieren, in denen kein einziger Schiit zu finden ist. Dies ist Teil des iranischen Plans, der darauf abzielt, die Schlachtfelder im Irak und in Syrien zu verbinden und das politische Schicksal beider L\u00e4nder in die Errichtung eines zusammenh\u00e4ngenden Landkorridors vom Iran bis in den Libanon zu integrieren.<\/p>\n<p>Diese komplizierte Problemlage im Irak arbeitet zum Vorteil des IS, sie sichert seinen Fortbestand und seine Zukunftsf\u00e4higkeit. Der IS im Irak ist letztlich das Ergebnis der \u201eSunnitenkrise\u201c. Ohne einen politischen Prozess, der darauf abzielt, die Sunniten zu integrieren und ihren legitimen Forderungen gerecht zu werden, wird der IS in vielen Erscheinungsformen zur\u00fcckkehren \u2013 m\u00f6glicherweise brutaler als je zuvor.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/der-finale-sieg-ueber-den-is-in-mossul-noch-lange-nicht\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 5. August 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hassan Abu Haniyeh. 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