{"id":2394,"date":"2017-08-09T08:57:33","date_gmt":"2017-08-09T06:57:33","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2394"},"modified":"2017-08-09T08:57:33","modified_gmt":"2017-08-09T06:57:33","slug":"die-usa-dominieren-weiterhin-die-weltwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2394","title":{"rendered":"Die USA dominieren weiterhin die Weltwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Hart-Landsberg. <\/em>Die kapitalistische Globalisierung verst\u00e4rkt nicht nur die soziale und regionale Ungleichheit, sie liefert vom tats\u00e4chliche Geschehen auch ein verzerrtes Bild. Fr\u00fcher gab die volkswirtschaftliche Statistik eines Landes Aufschluss<!--more--> \u00fcber ihre reale Wirtschaftskraft und ihre Postion auf dem Weltmarkt. Heute ist das nicht mehr so.\u00a0Das liegt daran, dass in vielen Wirtschaftszweigen die Produktion transnational arbeitsteilig ist, w\u00e4hrend die Statistiken weiterhin national gef\u00fchrt werden; sie bilden die neue Produktionsweise nicht ab.<\/p>\n<p>In der Vorglobalisierungs\u00e4ra war die Produktion eines Landes nat\u00fcrlich national verwurzelt. Als etwa Japan nach dem Zweiten Weltkrieg zum bedeutendsten Produzenten und Exporteur von Autos und Unterhaltungselektronik aufstieg, bedeutete dies, dass Japan tats\u00e4chlich diese Produkte nahezu vollst\u00e4ndig herstellte und exportierte. Heute ist das nicht mehr so. Dank der Ausweitung transnationaler, unternehmens\u00fcbergreifender\u00a0 Produktionsnetze ist die Produktion vieler G\u00fcter und Dienstleistungen in mehrere Segmente unterteilt, wobei wom\u00f6glich jedes Segment in einem anderen Land produziert wird.<\/p>\n<p><strong>Die Fehler der Statistik<\/strong><\/p>\n<p>Solche Produktionsnetzwerke sind in Ostasien am weitesten entwickelt. China ist heute der f\u00fchrende Produzent und Exporteur von Schl\u00fcsselprodukten wie Mobiltelefone und Laptops, die weitgehend in die USA geliefert werden. Im Unterschied zum Fall Japan sind es heute jedoch nichtchinesischen Firmen, die den gr\u00f6\u00dften Teil der Wertsch\u00f6pfung bei der Herstellung dieser High-Tech-Waren beisteuern. Die Wirtschaftsstatistiken ergeben somit ein verzerrtes Bild: Sie \u00fcberbewerten die chinesische Wirtschaftskraft und \u00fcberzeichnen die Verluste der US-Wirtschaftsmacht.<\/p>\n<p>Nehmen wir das Beispiel der Textilindustrie. Es gibt in diesem Bereich keine einzige chinesische Firma, die gro\u00df genug ist, um es in die \u00abForbes Global 2000\u00bb, die j\u00e4hrlich vom US-Wirtschaftsmagazin\u00a0<em>Forbes<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichte Liste der 2000 gr\u00f6\u00dften b\u00f6rsennotierten Unternehmen der Welt zu schaffen \u2013 obwohl China f\u00fcr 39 Prozent der weltweiten Exporte bei Textilien verantwortlich zeichnet. Aus den USA f\u00fchrt die Bekleidungsindustrie hingegen nur mickrige 1,3 Prozent aus. Dennoch flie\u00dfen 46 Prozent der in diesem Sektor erzielten Gewinne in die Taschen amerikanischer Firmen \u2013 die beiden Topfirmen der Welt, Inditex (Inhaber von Zara) und H&amp;M, sind europ\u00e4isch (spanisch bzw. schwedisch).<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist einfach: Die in China ans\u00e4ssige Produktion findet in grenz\u00fcberschreitenden Produktionsnetzen statt, die weitgehend von US-Unternehmen dominiert werden. US-Firmen sind es, die sich durch ihre Kontrolle \u00fcber die relevanten Technologien, Produktbranding und Marketing die Gewinne aneignen, die durch den Verkauf dieser Produkte erzielt werden?\u2026<\/p>\n<p><strong>Die anhaltende Dominanz der US-Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich sieht es so aus, als sei die US-Wirtschaftskraft r\u00fcckl\u00e4ufig. Der US-Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich langsam, aber stetig verringert. Mitte der 60er Jahre trugen die USA noch 37 Prozent zum Welt-BIP bei, Mitte der 80er Jahre 33 Prozent, Mitte der 2000er Jahre 27 Prozent und zuletzt etwa 22 Prozent. Auch der Anteil der USA an den weltweiten Warenexporten ist zur\u00fcckgegangen. Er betrug in den 80er und 90er Jahren etwa 12 Prozent und fiel dann schnell auf 8,5 Prozent im Jahr 2010. Aber in einer Welt, in der US-Konzerne einen Gro\u00dfteil ihrer Produktion im Ausland erledigen, sagen diese Zahlen \u00fcber die reale Position der US-Wirtschaft nicht mehr viel aus.<\/p>\n<p>Klopft man die wichtigsten Wirtschaftszweige darauf ab, welche Konzerne hier jeweils f\u00fchrend sind, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dann stellt man fest, dass im Jahr 2014 die USA das einzige Land waren, dessen Konzerne in allen 16 Sektoren zumindest eine der drei Spitzenpositionen einnahmen. In 10 der 16 wichtigsten Sektoren,\u00a0 einschlie\u00dflich der entscheidenden High-Tech-Sektoren, verzeichneten US-Konzerne die h\u00f6chsten Gewinnanteile. Das sind:<\/p>\n<p>\u2013 Luft- und Raumfahrt und Verteidigung,<\/p>\n<p>\u2013 Chemikalien,<\/p>\n<p>\u2013 Computerhardware und Software,<\/p>\n<p>\u2013 Mischkonzerne,<\/p>\n<p>\u2013 Elektronik,<\/p>\n<p>\u2013 Finanzdienstleistungen,<\/p>\n<p>\u2013 schwere Maschinerie,<\/p>\n<p>\u2013 \u00d6l und Gas,<\/p>\n<p>\u2013 Arzneimittel und K\u00f6rperpflege,<\/p>\n<p>\u2013 Einzelhandel.<\/p>\n<p>In acht Sektoren hatten US-Konzerne die Marktkontrolle (definiert entweder als Anteil von 40 Prozent an den weltweiten Gewinnen oder als Ge\u00adwinn\u00adanteil, der mehr als das Doppelte des Zweitplatzierten betr\u00e4gt):<\/p>\n<p>\u2013 Luft- und Raumfahrt und Verteidigung,<\/p>\n<p>\u2013 Chemikalien,<\/p>\n<p>\u2013 Computerhardware und Software,<\/p>\n<p>\u2013 Mischkonzerne,<\/p>\n<p>\u2013 Finanzdienstleistungen,<\/p>\n<p>\u2013 schwere Maschinerie,<\/p>\n<p>\u2013 Arzneimittel und K\u00f6rperpflege,<\/p>\n<p>\u2013 Einzelhandel.<\/p>\n<p>In sechs Sektoren war ein anderes Land f\u00fchrend:<\/p>\n<p>\u2013 Auto, Trucks und Teile:\u00a0<em>Japan<\/em>\u00a0war Erster, die USA waren Dritte,<\/p>\n<p>\u2013 Banking:\u00a0<em>China<\/em>\u00a0war Erster, die USA waren Zweite.<\/p>\n<p>\u2013 Bauwirtschaft:\u00a0<em>China<\/em>\u00a0war Erster, die USA waren Zweite.<\/p>\n<p>\u2013 Forstwirtschaft, Metalle und Bergbau:\u00a0<em>Australien<\/em>\u00a0war Erster, die USA waren Dritte,<\/p>\n<p>\u2013 Immobilien:\u00a0<em>Hongkong<\/em>\u00a0war Erster, die USA waren Dritte,<\/p>\n<p>\u2013 Telekommunikation:\u00a0<em>Gro\u00dfbritanni\u00aden<\/em>\u00a0war Erster, die USA waren Zweite.<\/p>\n<p>China ist au\u00dfer den USA das einzige Land, das in mehr als einem Sektor auf Platz 1 steht. Bei fast allen chinesischen Spitzenunternehmen handelt es sich um staatseigene Unternehmen, die in stark gesch\u00fctzten inl\u00e4ndischen M\u00e4rkten operieren und nur wenige Aktivit\u00e4ten im Ausland aus\u00fcben (mit Ausnahme jener Firmen, die im Rohstoffsektor t\u00e4tig sind). Keiner dieser gigantischen Staatsbetriebe mischt in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um den Spitzenplatz im globalen Wettbewerb mit. Keiner nimmt technologisch eine Spitzenposition in der Welt ein. Dennoch zeichnen diese Firmen f\u00fcr den Gro\u00dfteil der von nichtausl\u00e4ndischen Firmen erzielten Gewinne aus Produktion und Investition in China verantwortlich.<\/p>\n<p>Kurz gesagt, US-amerikanische Unternehmen sind hoch profitabel und dominieren den Weltmarkt. Und die US-Dominanz ist noch gr\u00f6\u00dfer, als es diese Ergebnisse nahelegen. Das liegt daran, dass das US-Kapital \u00fcberproportional nicht nur im Gebiet der USA, sondern in der ganzen Welt wirtschaftlich aktiv ist. Das schl\u00e4gt sich in den Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnissen nieder: W\u00e4hrend die USA nur 22 Prozent zum globalen BIP beisteuern, bel\u00e4uft sich der Anteil von US-B\u00fcrgern am globalen Verm\u00f6gen auf 41 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Make working people great again<\/strong><\/p>\n<p>Die Lohnabh\u00e4ngigen in den USA haben jedoch nichts von der Macht und dem Reichtum der US-Konzerne. Deren Dominanz ist auch kein Garant f\u00fcr einen guten Zustand oder auch nur f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der Weltwirtschaft. Wichtige Volkswirtschaften verharren weiterhin in einem Zustand der Stagnation und eine \u00c4nderung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, es gibt immer mehr Anzeichen daf\u00fcr, dass die US-Expansion sich ihrem Ende n\u00e4hert und somit das chinesische Wachstum weiter abschw\u00e4chen wird.<\/p>\n<p>Trump zielt mit seinem Aufruf \u00abMake America great again\u00bb darauf ab, unter der US-Arbeiterklasse Nationalismus zu sch\u00fcren und sich bei ihr Unterst\u00fctzung f\u00fcr seine F\u00f6rderung der US-Unternehmensinteressen zu sichern. Gegen diese zerst\u00f6rerische Verwendung einer nationalistischen Rhetorik gilt es, einen Widerstand voranzutreiben, die auf einer fundierten Klassenanalyse gr\u00fcndet, und daraus eine popul\u00e4re, am Bewusstsein der Menschen ansetzende und deren Interessen aufgreifende Politik zu entwickeln.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 21.4.2017 auf Hart-Landsbergs Blog \u00abReports from the Economic Front\u00bb (\u00dcbersetzung: Paul Michel).<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2017\/07\/die-verzerrungen-der-globalisierung\/\">Soz Nr. 07\/2017&#8230;<\/a> vom 9. August 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Hart-Landsberg. Die kapitalistische Globalisierung verst\u00e4rkt nicht nur die soziale und regionale Ungleichheit, sie liefert vom tats\u00e4chliche Geschehen auch ein verzerrtes Bild. 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