{"id":2464,"date":"2017-08-28T09:21:11","date_gmt":"2017-08-28T07:21:11","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2464"},"modified":"2017-08-28T09:21:11","modified_gmt":"2017-08-28T07:21:11","slug":"15-tage-auf-dem-schlachtfeld-nato-uebung-in-sueddeutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2464","title":{"rendered":"15 Tage auf dem Schlachtfeld: Nato-\u00dcbung in S\u00fcddeutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Bayern \u00fcben Nato-Soldaten den Krieg. Unsere Autorin war als eine von 250 StatistInnen dabei. Wer ist der Feind? Russland?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>HOHENFELS\u00a0<em>taz<\/em>\u00a0| Eine feindliche Armee ist in eine Stadt an der baye\u00adrisch-tschechischen Grenze eingefallen. Nato-Truppen sollen sie zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Meine Nachbarn und ich fl\u00fcchten im Fahrzeugkonvoi. Stra\u00dfensperren, verminte Wege \u2013 dabei meinte das Rote Kreuz doch, das sei eine sichere Route. In der n\u00e4chsten Stadt sagt uns eine Frau vom UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerk, wir k\u00f6nnten dort nicht bleiben.<\/p>\n<p>Wir fahren zur\u00fcck in unsere Stadt. Dort h\u00f6ren wir: Vier Menschen wurden von Nato-Kr\u00e4ften erschossen, w\u00e4hrend sie angeblich auf einer nicht freigegebenen Stra\u00dfe fuhren. Au\u00dferdem gab es einen Anschlag auf eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft, 20 Tote. Steckt die rechtsradikale Vaterlandspartei dahinter? Wir versammeln uns zu einer Schweigeminute.<\/p>\n<p>Eine Woche vorher: ein Sonntag, zehn Uhr abends am zentralen Omnibusbahnhof in Berlin. Zwei Busse der Firma Schmetterlingsreisen fahren vor, im Fenster ein handgemaltes Schild: \u201eCOB\u201c \u2013 Civilians on the Battlefield. Mit 100 Fremden steige ich ein, wir alle sind von da an COBs, Statisten in einem Kriegsszenario, das die US-Armee ein\u00fcben will. 15 Tage auf dem Schlachtfeld liegen vor uns.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz habe ich auf Face\u00adbook eine Stellenanzeige der Firma Optronic entdeckt: \u201eStatisten gesucht f\u00fcr Rollenspiele bei Trainingseins\u00e4tzen der U.S. Army! Durch die Statisten wird die Zivilbev\u00f6lkerung in Krisengebieten dargestellt. Dadurch wird ein realit\u00e4tsnahes \u00dcbungsszenario f\u00fcr die Soldaten und somit eine optimale Vorbereitung f\u00fcr deren Auslands\u00admis\u00adsio\u00adnen erreicht.\u201c Das Ganze findet statt auf dem Truppen\u00fcbungsplatz Hohenfels: ein 160 Quadratkilometer gro\u00dfes US-Milit\u00e4rgel\u00e4nde in der Oberpfalz, auf dem regelm\u00e4\u00dfig Nato-Truppen \u00fcben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00dcbung werden Leute gesucht, die neben Englisch auch Russisch, Polnisch oder Tschechisch sprechen. Erstaunlich, mit welcher Nonchalance Leute rekrutiert werden, um ein Szenario gegen Russland zu proben \u2013 davon stand da zwar nichts, aber in meinem Kopf setzte sich das sofort zusammen. Facebook-Freunde von mir kommentierten: \u201eunglaublich!\u201c und \u201egruselig!\u201c.<\/p>\n<p>Der russische Politiker Franz Klinzewitsch, der dem Verteidigungsausschuss des F\u00f6derationsrats vorsitzt, sagte russischen Medien: \u201eDiese \u00dcbungen sind von gro\u00dfer Sprengkraft. Sie dr\u00e4ngen Russland geradezu zu spontanen, un\u00fcberlegten Handlungen. Aber unsere Nerven sind stark.\u201c<\/p>\n<p><strong>Keine kurzen R\u00f6cke!<\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fclle das elektronische Bewerberformular aus. Ein paar Wochen sp\u00e4ter ruft mich eine Frau mit russischem Akzent an und fragt, ob ich zu einer zweiw\u00f6chigen \u00dcbung kommen k\u00f6nne. Ich sage zu. W\u00e4hrend der \u00dcbung m\u00f6ge ich keine kurzen R\u00f6cke tragen. \u201eDie Soldaten sollen ja bei der Sache bleiben\u201c, sagt sie lachend. \u201eNat\u00fcrlich\u201c, antworte ich.<\/p>\n<p>Der Lohn: 88,40 Euro brutto f\u00fcr zehn Stunden Arbeit am Tag. Wer gegen Regeln verst\u00f6\u00dft oder fr\u00fcher abbricht, zahlt 150 Euro Strafe. Fr\u00fcher gab es 120 Euro pro Tag, erz\u00e4hlen mir altgediente Statisten.<\/p>\n<p>In Parsberg in der Oberpfalz sammeln sich sechs Busse, in denen Statisten aus ganz Deutschland sitzen. Von hier aus sind es nur noch 15 Kilometer bis zum Truppen\u00fcbungsplatz Hohenfels. Auf dem Parkplatz tummeln sich Rentner mit Wanderschuhen, Junge mit Dreads, viele Westafrikaner, Ruhrpottler, viele Neue, Abenteurer. Russisch h\u00f6rt man aus jeder Richtung kommend. Bekannte<\/p>\n<p>Telefone und Computer sind auf dem \u00dcbungsgel\u00e4nde verboten. Die Neulinge finden das attraktiv. Mal keine Mails, keine Anrufe. Mein nigerianischer Sitznachbar, der schon um die 50 Man\u00f6ver hinter sich hat, findet das nicht mehr so attraktiv und fl\u00fcstert mir, wie man sein Handy reinschmuggelt. Als die Briefumschl\u00e4ge verteilt werden, in die alle ihre Handys stecken, behalte ich meins. Der Gedanke, ein Geheimnis zu teilen, gef\u00e4llt mir.<\/p>\n<p>Wir durchfahren Tore, Schranken, dann kommen wir am St\u00fctzpunkt Albertshof an, eine Stadt aus gelben Baracken und Parkpl\u00e4tzen, auf denen Armeefahrzeuge stehen. Ab jetzt herrscht milit\u00e4rische Ordnung, auch f\u00fcr uns Zivilisten. In Reihen stellen wir unser Gep\u00e4ck auf, Sp\u00fcrhunde riechen dran, mit farbigen Armb\u00e4ndchen teilt man uns einem der f\u00fcnf Orte zu, die wir besiedeln werden.<\/p>\n<p><strong>Hasla, das Fake-Dorf<\/strong><\/p>\n<p>US-Amerikaner ins\u00adpi\u00adzieren unsere P\u00e4sse, nehmen Abdr\u00fccke aller f\u00fcnf Finger und fotografieren jeden Einzelnen der 250 Statisten. In welchen L\u00e4ndern ich in den letzten sieben Jahren gewesen sei, fragen sie. Und ob ich wisse, dass ich keine Details \u00fcber meine Arbeit erz\u00e4hlen d\u00fcrfe. Die Verschwiegenheitsvereinbarung habe ich schon unterschrieben.<\/p>\n<p>Bei all dem Aufwand frage ich mich: Warum war es so leicht, den Job zu kriegen? Sind die \u00dcbung und die Suche nach Statisten nur S\u00e4belrasseln?<\/p>\n<p>Das Fake-Dorf, in dem ich mit 37 anderen Statisten wohnen soll, hei\u00dft Hasla. Mit dem Bus fahren wir \u00fcber Schotterpisten durch die Natur. H\u00fcgel, Wald und Wiesen, die an manchen Stellen aufgerissen sind, umgepfl\u00fcgt von Panzern. Hasla sieht f\u00fcr mich nach Balkan aus: Baracken mit kleinen Fenstern und Mauern drumherum, zweist\u00f6ckige Blocks mit Kioskbuden, ein Minarett mit Halbmond. Hier werden regelm\u00e4\u00dfig Eins\u00e4tze in Afghanistan, Irak oder Kosovo trainiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr unser Szenario wird eine Bayernfahne vor dem Rathaus gehisst. Es gibt ein Hotel, einen Biomarkt, eine Raps\u00f6lverarbeitung, einen Container, auf dem \u201eD\u00fcngelager\u201c steht. Die Bretterverschl\u00e4ge am Hang sind Bauernh\u00f6fe, davor stehen Holzschablonen von Schafen und H\u00fchnern. Ein Haus mit Kreuz dient als Kirche, darin B\u00e4nke, ein Altar und ein Sarg f\u00fcr Beerdigungen. Wir leben in einer Art Lagerhalle, in der sich drei fensterlose Schlafs\u00e4le mit Stockbetten, ein Versammlungsraum und die B\u00fcros der Chefs befinden.<\/p>\n<p>In Hasla leben laut dem Szenario 10.000 Einwohner, Abwanderung lie\u00df die Stadt kleiner werden. Die meisten arbeiten in der Landwirtschaft und der Lebensmittelverarbeitung, Hasla ist ein Logistikdrehkreuz. Seit Beginn der Skolkan-Krise leidet die Wirtschaft unter Treibstoffmangel, viele Fl\u00fcchtlinge aus Osteuropa kommen, die aus Nordafrika sind schon l\u00e4nger da, viele von ihnen leben auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die samst\u00e4glichen Demos der deutschen Vaterlandspartei arten regelm\u00e4\u00dfig zu gewaltt\u00e4tigen Mobs aus. Die Polizei steht im Verdacht, nicht gen\u00fcgend gegen die rechten Brandstifter zu tun, ihr wird Racial Profiling vorgeworfen. Es gibt Nato-nahe und Skolkan-nahe Medien, Fake News und ein eigenes Twitter im Intranet.<\/p>\n<p>Skolkan ist ein B\u00fcndnis aus den L\u00e4ndern Bothnia, Lindsey, Otso und Arnland. Es fiel im vergangenen Herbst in Estland ein, also Nato-Gebiet, wodurch der B\u00fcndnisfall eintrat. Lettland, Litauen, Polen und Tschechien sind bereits in Feindeshand. Nun stehen die Skolkan-Truppen in Bayern, die Nato muss endlich was tun. Und zwar nach den Regeln der Genfer Konvention.<\/p>\n<p>Auch wenn die Chefs es nicht aussprechen, Skolkan passt gut auf Russland. Einigen Statisten wird unwohl dabei. Eine Frau der Firma, die uns rekrutiert hat, beschwichtigt: \u201eNein, wir bereiten keinen Krieg mit Russland vor. Ihr seht ja, es ist alles ausgedacht.\u201c<\/p>\n<p>Lange Briefings: Wir sind p\u00fcnktlich, wir sind aufmerksam. Wir reden nicht \u00fcber Politik. Auch nicht \u00fcber Pers\u00f6nliches. (\u201eDenn wir sind alle erwachsene Leute\u201c, sagt der Supervisor.) Verd\u00e4chtiges melden wir den Chefs. Wir verlassen das Dorf nicht, wir trinken genug Wasser. Wir verstopfen nicht das Klo. Wir gehen nicht ins hohe Gras, denn dort lauern Zecken. Wir st\u00f6ren die Nachtruhe nicht. Wir tragen immer das Miles, au\u00dfer in der Schlafbaracke.<\/p>\n<p><strong>Wir sitzen fest<\/strong><\/p>\n<p>Das Miles ist wie ein Hundegeschirr in Tarnfarbe mit Infrarotsensoren und einem Mini\u00adcomputer. Wird man angeschossen, piept es kurz. Wird man totgeschossen, h\u00e4lt das Piepen an. So lange, bis man mit einer Infrarotpistole wiederbelebt wird. \u201eResurrected!\u201c, meldet dann eine Stimme aus dem Mini\u00adcomputer. Gespielt wird normalerweise nach Vorgaben des Chefs, aber man darf sich auch einbringen.<\/p>\n<p>Nach ein paar Tagen Vorbereitung beginnt das Szenario, neun Tage Krieg. \u00dcber uns kreisen pausenlos Drohnen, Milit\u00e4rfahrzeuge rollen vorbei, nicht alles Panzer. Ich lerne neue W\u00f6rter: Humvee, LAV, Blader, Flakabwehrschirm. Ein Aufkl\u00e4rungshubschrauber landet in der N\u00e4he. Wahrscheinlich sind feindliche Truppen nicht weit. Hacker haben die Bankautomaten lahmgelegt. Wir sitzen fest.<\/p>\n<p>Schon am ersten Tag werden zwei von uns stundenlang von albanischen Nato-Kr\u00e4ften festgehalten, als sie mit einem Pick-up Wasser holen. Die Soldaten vermuten in den Kanistern Chemie zum Bau einer Bombe. Die erste Sternstunde unseres Polizeichefs schl\u00e4gt: Er verhandelt die Freilassung unserer Leute. Einer der Festgehaltenen ist au\u00dfer sich: \u201eDie haben mich sogar beim Pissen mit der Waffe bedroht!\u201c Er spielt nicht.<\/p>\n<p>Eine Nachricht erreicht uns \u00fcbers Telefon im Rathaus: Ein Vater und sein Sohn sind schwer verletzt, offenbar durch einen fehlgeschlagenen Drohnenabschuss der Nato. Unser Polizeichef will die Nato nun wegen versuchten Mordes anzeigen. Der Chef ist \u00fcberrascht: \u201eOkay, warum nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMan wird quasi f\u00fcrs Rumbl\u00f6deln bezahlt\u201c, sagt Anjo, Pferdeschwanztr\u00e4ger mit Platzhirschgebaren. 2003 beschloss er, f\u00fcr seinen Chef, \u201eden Kapitalistenarsch\u201c, nicht mehr zu arbeiten. So begann seine Karriere als COB. Noch drei Jahre bis zur Rente. \u201eWo treffe ich sonst so viele unterschiedliche Leute?\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>In unserer Gruppe: ein Windows-Systemmanager, ein deutscher Afghanistanveteran, Doktoranden, Selbstst\u00e4ndige, Lkw-Fahrer, ein bayerisches P\u00e4rchen, das Urlaub macht, ein kenianischer Journalist, eine polnische Weltenbummlerin, die f\u00fcr die n\u00e4chste Reise spart, Rentner, Russlanddeutsche und in Deutschland lebende Russen.<\/p>\n<p><strong>Die Amis brauchen ein Feindbild<\/strong><\/p>\n<p>Der einsame Gerhard aus Bayern, der in einer Lebenskrise steckt, gesteht mir: \u201eIch f\u00fchle mich hier mehr zu Hause als daheim.\u201c Der \u00fcberarbeitete Ken hat sich frei genommen, um bei der Armee Verzicht und Durchhalteverm\u00f6gen zu st\u00e4rken. \u00adGeorg, ein in Ostpolen lebender Energieberater aus Hamburg, will sich, angesichts der politischen Entwicklungen, mit dem Ernstfall vertraut machen.<\/p>\n<p>Ken, Gerhard, Anjo und ich pauken unsere Rollen. Anjo: \u201eAls wir Irak- und Afghanistan\u00fcbungen hatten, war das real. Aber mit dem hier kann ich mich nicht identifizieren!\u201c Dann fl\u00fcstert er: \u201eIst ja kein Geheimnis \u2013 der Feind, dieser Skolkan, kommt aus Richtung Russland. Die Amis brauchen halt ein Feindbild.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn Litauen oder Polen f\u00fchlen sich viele bedroht von Russland\u201c, sage ich. \u201eUnd die Ukrainer erst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBist du eigentlich Litauerin oder Polin?\u201c, fragt Gerhard.<\/p>\n<p>Im Kriegsszenario spiele ich eine osteurop\u00e4ische Immigrantin. Arbeitslos und frustriert. Ich bin schon vor der Skolkan-Krise gekommen und \u00e4rgere mich, dass die vielen Fl\u00fcchtlinge die Preise in der Stadt verderben. Die Rechten machen mir Angst.<\/p>\n<p>Wie die meisten Statisten werde ich keine Gelegenheit haben, meine elaborierte Rolle zu spielen. Nur die Schl\u00fcsselrollen \u2013 B\u00fcrgermeister, Arzt, Polizei, Migrationsbeauftragter und die vier Twitterer \u2013 sind spielintensiver.<\/p>\n<p>Instinktiv besetzt der Chef die Rollen: Polizeichef wird ein ehemaliger, korpulent gewordener Polizist aus Bayern, der schon wei\u00df, in welches Bergdorf er sich mit seiner Familie zur\u00fcckzieht, wenn wirklich mal ein Krieg ausbricht. Der zweite Polizist hat im richtigen Leben eine Security-Firma. Anf\u00fchrer der rechten Partei wird Igor, er hat eine gro\u00dfe, schlagfertige Klappe.<\/p>\n<p>Im Frauenschlafsaal: Alena und Galina, Langzeit-COBs. Beide aus Moskau, beide Englischlehrerinnen, leben seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Sie sprechen exzellent Deutsch und verschlingen w\u00e4hrend der \u00dcbung englische Krimis und Thriller.<\/p>\n<p>Alena hat ein Referendariat in Deutschland absolviert, bekam danach aber keine Stelle, hier bessert sie ihre Witwenrente auf. Wenn sie ihre alten Freundinnen in Moskau besuche, f\u00fchle sie manchmal Entfremdung, erz\u00e4hlt sie. Sie habe kein russisches Fernsehen zu Hause, deswegen, sagt sie.<\/p>\n<p>Tiefpunkt ist das Mittagessen am ersten Tag. Ich bin hundem\u00fcde und hungrig. Im Caf\u00e9 bekomme ich eine braune T\u00fcte in die Hand gedr\u00fcckt, auf der steht: \u201eMRE\u201c \u2013 Meal Ready to Eat, Warfighter Recommended. Als ich die T\u00fcte endlich ge\u00f6ffnet habe, sch\u00fctte ich ratlos den Inhalt aus: 10 weitere zugeschwei\u00dfte T\u00fcten mit viel Text auf Englisch. In einer finde ich schwammgleiches s\u00fc\u00dfes Brot, von dem ich nur einen Bissen runterkriege.<\/p>\n<p>Offenbar ist die gr\u00fcne T\u00fcte das Hauptmen\u00fc. Man steckt sie in eine zweite gr\u00fcne T\u00fcte, die ein chemiegetr\u00e4nktes Papier enth\u00e4lt, das hei\u00df wird, wenn man es anfeuchtet. Aber das begreife ich erst am n\u00e4chsten Tag. Kalt schaufle ich mir den Inhalt der gr\u00fcnen T\u00fcte rein, erkenne Makkaroni und So\u00dfe, aspik\u00e4hnlich in der Form, nach Hundefutter riechend. Zum Nachtisch esse ich salzig-s\u00fc\u00dfe Cracker. Danach ist der Tisch bedeckt von einem Haufen Plastikm\u00fcll. Ein MRE gibt es jeden Tag zu Mittag.<\/p>\n<p><strong>Fake-Mahnwache der Friedensbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Das Szenario stiftet zu Gespr\u00e4chen an, die ich sonst so nicht f\u00fchren w\u00fcrde. Wir fragen uns, wer in Deutschland \u00fcberhaupt bereit w\u00e4re, zur Waffe zu greifen. Und welche europ\u00e4ischen L\u00e4nder sich ganz pragmatisch den Russen unterwerfen w\u00fcrden. \u201eIch bin kein K\u00e4mpfer, aber im zivilen Widerstand w\u00fcrde ich mich schon bet\u00e4tigen\u201c, sagt Georg, der Arzt in unserem Spiel. Auf Nato-Seite. \u201eDas sind halt\u00a0<em>unsere<\/em>\u00a0Arschl\u00f6cher.\u201c<\/p>\n<p>Was ist mit mir? Russen oder Amis \u2013 wie k\u00e4me ich aus dieser Nummer raus? Pazifismus? Dabei mache man sich leicht zum n\u00fctzlichen Idioten, sagt der weise Georg.<\/p>\n<p>In unserer Spielwelt h\u00e4lt die Friedensbewegung in der Universit\u00e4tsstadt Raversdorf Mahnwachen ab, klagt unter #notmyarmy das Vorgehen der Nato-Truppen an und wird dabei von den Skolkan-nahen Medien vereinnahmt. Die echte Friedensbewegung ist eine gute Vorlage.<\/p>\n<p>Walter, der \u00c4lteste der Gruppe, war Sportfunktion\u00e4r der DDR und hat sechs Jahre in der Na\u00adtio\u00adnalen Volksarmee gedient. Die sowjetischen Soldaten habe er immer als sehr kameradschaftlich empfunden. Und jetzt ein Szenario gegen Russland? \u201eNa ja, die Weltgeschichte hat sich nun mal gedreht\u201c, sagt er. Es sei wichtig, dass Soldaten etwas \u00fcber die Kultur der Menschen vor Ort lernen. Damit Krieg gesitteter ablaufe. Daf\u00fcr wolle er als COB seinen Beitrag leisten.<\/p>\n<p>Abends frage ich Alena, was ihre Moskauer Freundinnen von ihrer Arbeit halten. \u201eGanz normal. Soll ich mich schlecht f\u00fchlen, weil ich f\u00fcr die Nato arbeite?\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>\u201eNein. Aber wir machen diese \u00dcbung ja nicht ohne Grund.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeinst du, die Nato \u00fcberf\u00e4llt Russland wegen Rohstoffen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein. Eher, dass Russland angreifen k\u00f6nnte. In der Ukrai\u00adne sind sie ja schon und auf der Krim.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ich brauche Fronturlaub<\/strong><\/p>\n<p>Die Ukraine sei ein spezieller Fall, sagt Alena. Die Krim war das Sch\u00f6nste, was die Sowjetunion gehabt habe. Die Ukrainer im Westen wollten in die EU, aber auf die im Osten seien Phosphorbomben geworfen worden.<\/p>\n<p>\u201ePhosphorbomben?\u201c, hallt es in meinem Kopf nach.<\/p>\n<p>\u201ePutin musste es tun. Er musste die Krim und unsere Leute retten.\u201c<\/p>\n<p>Alena spricht immer aufgeregter, ich werde auch kurzatmig. Ich m\u00fcsse zum Tischtennis, entschuldige ich mich. Und habe das Gef\u00fchl, ich brauche Fronturlaub. An der Tischtennisplatte wissen sie schon von unserer Diskussion.<\/p>\n<p>Warten auf einen Luftangriff. Kostja, ein Russlanddeutscher um die 50, den einige \u201ePutin\u201c nennen, seiner Glatze und Drahtigkeit wegen, fragt: \u201eWas bringt die EU? Warum wollen die kleinen osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder unbedingt dazugeh\u00f6ren?\u201c<\/p>\n<p>Ich z\u00e4hle ein paar Dinge auf \u2013 europaweite Arbeits- und Studienm\u00f6glichkeiten, g\u00fcnstige Pflegekr\u00e4fte f\u00fcr die Deutschen \u2013 und wundere mich, dass er das selbst nicht sieht. \u201eUnd warum wollen L\u00e4nder, die an Russland grenzen, unbedingt in die Nato?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie bringen sich doch zwischen die Fronten der Gro\u00dfm\u00e4chte!\u201c, klinkt sich Shukrat ein, ein kirgisischer Moskauer, der in Deutschland in Soziologie promoviert. \u201eEs war dumm von der Nato, Russland nicht aufzunehmen.\u201c<\/p>\n<p>Ich bleibe ruhig, obwohl Kostjas Sicht mindestens so weit entfernt von meiner ist wie Alenas. \u201eRussland wird keins der baltischen L\u00e4nder angreifen. Denn wozu?\u201c, sagt Kostja.<\/p>\n<p>\u201eUm wieder gro\u00df zu sein. Schau in die Ukraine\u201c, singe ich mein Lied.<\/p>\n<p><strong>Kein Luftangriff<\/strong><\/p>\n<p>Es endet immer so: Da die strategischen Argumente \u2013 Armeest\u00e4rken, Ostseezugang \u2013 und bei mir die juristischen \u2013 Souver\u00e4nit\u00e4t, V\u00f6lkerrecht.<\/p>\n<p>Kostja hat Kleintransporter mit Versorgung zu den Separatisten in den Donbass geschickt. Sollte es n\u00f6tig werden, werde er hinfahren, um mit der Waffe gegen faschistische Freiwilligenbataillone zu k\u00e4mpfen. Er hat in der Roten \u00adArmee gedient und h\u00e4lt sich f\u00fcr einen guten Krieger. Er sagt das ohne Eifer. Ich bin fassungslos, es f\u00fchlt sich an, als w\u00e4ren wir von verschiedenen St\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Der Luftangriff bleibt aus.<\/p>\n<p>\u201eTagesschau\u201c am Abend, echte Nachrichten: Terroranschlag in London. \u201eViehzeug!\u201c, schimpft Anjo \u00fcber die Attent\u00e4ter. \u201eAlle raus!\u201c, raunt Ingo, als die Grafik \u00fcber potenzielle Gef\u00e4hrder eingeblendet wird. Danach: Monopoly, Schach, Kartenspiele.<\/p>\n<p>Seit dem Streit mit Alena sind zwei Tage vergangen. Vorsichtig spreche ich sie an. \u201eNein, ich war nicht beleidigt. Aber schon verstimmt\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>\u201eIch auch\u201c, sage ich.<\/p>\n<p>Ein Ger\u00fccht rollt unser Thema beim Abendessen noch mal auf. Angeblich sind ukrainische Nato-Soldaten zu Skolkan \u00fcbergelaufen. Alenas Kommentar: \u201eF\u00fcrs Seitenwechseln sind die Ukrainer bekannt.\u201c Beata, eine Polin, entgegnet ihr: \u201eDu f\u00fchlst eben wie eine Russin.\u201c<\/p>\n<p>Alena versucht es mit einem Beispiel: Ein deutscher Polizist habe mal einem Kindesentf\u00fchrer Folter angedroht, um das Kind zu retten. Er verlor seinen Job und stand vor Gericht, weil Folterandrohung verboten ist. Alena hat das geschockt. \u201eRecht steht gegen Gerechtigkeit, so ist das auch bei der Krim.\u201c<\/p>\n<p>Alena und ich streiten wieder. \u201eSelbst wenn viele Krimbewohner zu Russland geh\u00f6ren wollten \u2013 von Moskau aus Fakten schaffen geht nicht\u201c, sage ich. Wie die Krim auf korrekte Weise ihre Staatszugeh\u00f6rigkeit h\u00e4tte wechseln k\u00f6nnen, fragt mich Alena zum Gl\u00fcck nicht.<\/p>\n<p><strong>Warten auf die Besatzer<\/strong><\/p>\n<p>\u201eBitte sprich mich nie mehr auf das Thema an\u201c, sagt sie stattdessen und will einen Handschlag darauf.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sagt die besonnene Bea\u00adta: \u201eDie Erde geh\u00f6rt niemandem.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas hat Russland zu bieten?\u201c, frage ich Kostja.<\/p>\n<p>\u201eWertsch\u00e4tzung f\u00fcr seine Armee\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Das scheint mir wenig gegen die Chancen, die viele europ\u00e4ische L\u00e4nder bieten. Aber mir leuchtet ein, dass patriotischen Kriegern etwas fehlt, zumindest in Deutschland. Soldaten schl\u00e4gt oft Verachtung entgegen.<\/p>\n<p>Wir warten auf die Besatzer, jeder wird der Spionage verd\u00e4chtigt: der rote Jeep, der durch die Stadt fuhr? Das M\u00e4dchen, das etwas zeichnete? Habe er verwarnt, sagt der Polizeichef. Manche rollen die Augen, wenn er spricht: Nimmt sich viel zu wichtig. Auch der rechte Parteif\u00fchrer klebt an seiner Rolle. Abends, wenn wir \u201eWerwolf\u201c spielen, wird er dauernd verd\u00e4chtigt, der M\u00f6rder zu sein.<\/p>\n<p>Am sechsten Tag st\u00fcrmen die Skolkan-Soldaten die Stadt mit vier Panzern und bringen sich auf den D\u00e4chern in Stellung. Eine Stunde und die Stadt ist besetzt. Die Spielanweisung: Wir verstecken uns zuerst in den H\u00e4usern, beim \u00dcberqueren der Stra\u00dfe m\u00fcssen wir rennen. Wir d\u00fcrfen nur Deutsch sprechen.<\/p>\n<p>Der Chef der Vaterlandspartei verhandelt mit den Skolkan-Soldaten \u00fcber eine L\u00f6sung f\u00fcr das \u201eFl\u00fcchtlingsproblem\u201c, so hat er es als @lebensraum auf Twitter angek\u00fcndigt. Auch im Haslaer Rathaus \u00fcberlegt man, die Feinde um Hilfe zu bitten, denn es fehlt an allem. Georg, der Arzt, ist entt\u00e4uscht, dass das Rote Kreuz keine Absprachen einh\u00e4lt. Linus, der Migrationsbeauftragte, frustriert: \u201eWir twittern und leiten Anrufe weiter wegen der drohenden humanit\u00e4ren Katastrophe. Aber eigentlich h\u00e4ngen wir fett und zufrieden rum!\u201c<\/p>\n<p><strong>Die rettenden Soldaten<\/strong><\/p>\n<p>Der Polizeichef der Nachbarstadt wird auf offener Stra\u00dfe von Skolkan-Soldaten exekutiert, weil er Hilfseinheiten der Nato nicht ausgeliefert hat. Die \u00fcbrigen Polizisten haben die Uniform gewechselt.<\/p>\n<p>Am achten Tag zeigen sich endlich Nato-Soldaten am Waldrand. Sie zielen auf die Stellungen der Feinde. Wir verfolgen alles gespannt am Fenster. Maschinengewehrsalven, abgeschossene Panzer blinken.<\/p>\n<p>Irgendwann laufen die Soldaten den Hang runter, auf die Hauptstra\u00dfe. Ich sehe niemanden piepend am Boden liegen. Das St\u00fcrmen der Geb\u00e4ude ist unangenehm, die Soldaten sind grob, ihre Gewehre machen mir Angst, obwohl sie die Befreier sind.<\/p>\n<p>\u201eYes, okay, civilians!\u201c, rufen die Soldaten. \u201eNato? Nato?\u201c, rufen wir mit erhobenen H\u00e4nden. Sie verstehen nicht gleich. Es sind ukrainische Soldaten, die uns retten. Gen\u00fcgt das als Gewissheit, dass sie zu den Guten geh\u00f6ren? Wir z\u00f6gern, dann rufen wir drehbuchgem\u00e4\u00df: \u201eDanke, Nato!\u201c<\/p>\n<p>Die Ukrainer rufen: \u201eSlava Ukrainu!\u201c, \u201eEhre der Ukraine!\u201c Kostja neben mir ruft leise: \u201eSalo Ukrainu!\u201c, eine Verballhornung des Schlachtrufs. \u201eSalo\u201c bedeutet Speck.<\/p>\n<p>Die Soldaten schicken uns raus auf die Stra\u00dfe. Dort unterhalten sich der B\u00fcrgermeister, die Polizisten und der ukrainische Kommandant, ein Soldat \u00fcbersetzt. Dann \u00fcberreichen die Ukrainer uns zwei Kartons MREs, was unser Versorgungsproblem symbolisch l\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>\u201eSind sie Nazis?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Kostja spielt den Neutralen und redet mit den Befreiern, die im echten Leben seine Feinde sind, weil sie mit alten Kalaschnikows gegen die Separatisten in der Ostukraine k\u00e4mpfen. Sp\u00e4ter frage ich ihn: \u201eUnd, sind sie Nazis?\u201c<\/p>\n<p>Er: \u201eNa ja. Nationalisten w\u00fcrde ich sagen. Sie m\u00f6gen keine Russen.\u201c<\/p>\n<p>Ich: \u201eUnd die Russen, die die Ukrainer nicht m\u00f6gen, sind das Nationalisten?\u201c<\/p>\n<p>Er \u00fcberlegt: \u201eWahrscheinlich.\u201c<\/p>\n<p>Abends spielen wir mit den Ukrainern \u201eDurak\u201c, ein russisches Kartenspiel. Das Kriegsspiel ist endlich vorbei.<\/p>\n<p>Zu Hause angekommen recherchiere ich: Unser Szenario wurde schon 2012, also vor dem Ukrainekrieg, erdacht. \u201eWozu die Sprachkenntnisse?\u201c, habe ich eine Frau der Rekrutierungsfirma noch in Hasla gefragt. \u201eVielleicht brauchen wir diese Leute im n\u00e4chsten Jahr\u201c, sagt sie. Sie suchen schon mal.<\/p>\n<p><em>Unsere Autorin schreibt unter Pseudonym. Informationen, die auf sie schlie\u00dfen lassen, wurden ver\u00e4ndert \u2013 ebenso wie alle Namen im Text.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Nato-Uebung-in-Sueddeutschland\/!5435313\/\">taz&#8230;<\/a> vom 28. August 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bayern \u00fcben Nato-Soldaten den Krieg. Unsere Autorin war als eine von 250 StatistInnen dabei. Wer ist der Feind? 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