{"id":2489,"date":"2017-09-03T08:59:36","date_gmt":"2017-09-03T06:59:36","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2489"},"modified":"2017-09-03T08:59:36","modified_gmt":"2017-09-03T06:59:36","slug":"usa-putting-the-red-back-in-redneck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2489","title":{"rendered":"USA: Putting the Red back in Redneck"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hillbillys und Rednecks gelten als rechte Hinterw\u00e4ldler, doch in den USA organisieren sich immer mehr wei\u00dfe Arbeiter_innen gegen Kapitalismus und Rassismus.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Gabriel Kuhn. <\/em>Zu Beginn der 1990er Jahre lebte ich in Phoenix, Arizona. Der Bundesstaat stand damals im Kreuzfeuer antirassistischer Kritik, weil Martin Luther King Day nicht als offizieller Feiertag galt. \u00bbSeeing people smile wild in the heat? (&#8230;) What&#8217;s a smiling face when the whole state&#8217;s racist?\u00ab <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> rappten Public Enemy in dem Song \u00bbBy the time I get to Arizona\u00ab, dem Soundtrack meines Aufenthalts. Vor Ort passierte politisch wenig. Selbst eine vermeintlich progressive Bewegung wie Earth First! sprach sich gegen Einwanderung aus &#8211; schlie\u00dflich galt es, die Wildnis zu verteidigen.<\/p>\n<p>In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich in der Sonora-W\u00fcste einiges getan. Der nicht enden wollende Zuzug in die Stadt mit 300 Sonnentagen im Jahr hat eine vielf\u00e4ltige Bev\u00f6lkerung geschaffen. So wurde 2007 die Repeal Coalition gegr\u00fcndet, in der linke Aktivist_innen gemeinsam mit Betroffenen f\u00fcr die Aufenthalts- und Arbeitsrechte von Migrant_innen eintreten. Auch die Kaderorganisation Bring the Ruckus, die von 2002 bis 2012 existierte und den Kampf gegen White Supremacy als Schl\u00fcssel im Widerstand gegen den US-Kapitalismus betrachtete, hatte ihr Zentrum hier.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr ein neues antikapitalistisches und antirassistisches Netzwerk, das zunehmend von sich reden macht. Redneck Revolt wurde im Sommer 2016 gegr\u00fcndet und beschreibt sich selbst als \u00bbantirassistische Organisation zur Befreiung der Arbeiterklasse\u00ab. Was als lokale Initiative mit einer Handvoll von Leuten begann, hat sich ein Jahr sp\u00e4ter zu einer landesweiten Organisation mit Ortsgruppen in 25 Bundesstaaten entwickelt.<\/p>\n<p>Die Schwesterorganisation von Redneck Revolt ist der John Brown Gun Club, benannt nach dem wei\u00dfen Anf\u00fchrer bewaffneter Aufst\u00e4nde gegen die Sklaverei, der 1859 hingerichtet wurde. W\u00e4hrend sich Redneck Revolt politischer \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Projekten wie Tafeln, Gemeinschaftsg\u00e4rten und Polikliniken widmet, f\u00fchrt der John Brown Gun Club Waffentraining zur \u00bbkollektiven Selbstverteidigung\u00ab durch. In Bundesstaaten, in denen Waffen offen getragen werden d\u00fcrfen, marschieren Mitglieder mit ihnen bei antirassistischen und antifaschistischen Demonstrationen.<\/p>\n<p>Auf redneckrevolt.org wird die Absicht der Organisationen wie folgt zusammengefasst: \u00bbWir wollen unter wei\u00dfen Menschen eine Bewegung ansto\u00dfen, die f\u00fcr die Befreiung aller Arbeiter k\u00e4mpft, ungeachtet ihrer Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierung, Nationalit\u00e4t, ihres Geschlechts oder jedweder anderen Kategorie, derer sich Bosse und Politiker bedienen, um Befreiungsbewegungen zu spalten.\u00ab Entscheidend sei, den Missmut von Mitgliedern der wei\u00dfen Arbeiterklasse gegen den gemeinsamen Feind, die Reichen und Herrschenden, zu wenden, nicht gegen People of Color, Migrant_innen oder LGBTQ-Personen. <a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Der heute negativ besetzte Begriff des redneck wird mit einem historischen Verweis auf die Schlacht am Blair Mountain im Jahre 1921 ins Positive gewendet: Die damals revoltierenden Bergarbeiter h\u00e4tten rote Halst\u00fccher getragen, worin der wahre Ursprung des Begriffs liege, nicht in der negativen Verwendung des Begriffs durch \u00bbLiberale aus der st\u00e4dtischen Oberschicht\u00ab. \u00bbF\u00fcr uns\u00ab, so ist auf redneckrevolt.org zu lesen, \u00bbsymbolisiert der Begriff redneck den Stolz auf die Klasse und auf den Widerstand gegen Bosse, Politiker und alle Unterst\u00fctzer von Herrschaft und Tyrannei.\u00ab Als Motto der Organisation dient das Wortspiel \u00bbPutting the red back in redneck\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Waffenmessen, Rodeos und Autorennen<\/strong><\/p>\n<p>Vorl\u00e4uferorganisationen von Redneck Revolt und dem John Brown Gun Club existierten unter gleichen Namen bereits Anfang der 2000er Jahre in Kansas. Sie wurden von Dave Strano gegr\u00fcndet, der auch in den Aufbau der landesweiten Organisation involviert ist. Um diese voranzutreiben, ist es ihm zufolge erforderlich, \u00bbdort auf die Menschen zuzugehen, wo sie sich befinden\u00ab. Sich von den \u00bbDemokraten der Mittel- und Oberschicht\u00ab zu distanzieren, h\u00e4lt Strano f\u00fcr wesentlich, sagte er in einem Interview. Es gelte, die Menschen und ihre Probleme ernst zu nehmen und auf akademische Belehrungen zu verzichten. \u00bbEs gibt Arbeiter, die Angst davor haben m\u00fcssen, aus ihrem heruntergekommenen Trailer zu fliegen, weil sie die Miete nicht bezahlen k\u00f6nnen. Das Letzte, was sie brauchen, ist ein College-Kid, das ihnen erkl\u00e4rt, dass sie gerade ein anst\u00f6\u00dfiges Wort gebraucht haben.\u00ab<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Redneck Revolt und der John Brown Gun Club nicht als exklusiv wei\u00dfe Organisationen begreifen, ist ihre Arbeit prim\u00e4r auf die wei\u00dfe Arbeiterklasse ausgerichtet. Aus dieser rekrutiert sich auch der Gro\u00dfteil ihrer Mitglieder. Diese zeigen sich bei Christopher Street Days und betonen die Solidarit\u00e4t mit antirassistischen Bewegungen wie Black Lives Matter.<\/p>\n<p>Ein besonders wichtiger Teil der politischen Arbeit ist das sogenannte counter-recruitment, der Versuch, wei\u00dfe Arbeiter_innen aus den F\u00e4ngen rechter Politik zu befreien und f\u00fcr antirassistische und antifaschistische Projekte zu gewinnen. Mitglieder von Redneck Revolt suchen gezielt Treffpunkte der wei\u00dfen Arbeiterklasse auf, um \u00fcber ihre Organisation zu informieren: Waffenmessen, Rodeos, Country-Musik-Festivals oder NASCAR-Rennen &#8211; Orte, die ihrer Ansicht nach von der Linken aufgegeben wurden.<\/p>\n<p>Dementsprechend sind auch einige der bekanntesten Dokumente der Bewegung adressiert: 2009 verfasste Dave Strano einen offenen Brief an die Tea-Party-Bewegung; in dem Text \u00bbPerspective from a Veteran\u00ab appelliert ein ehemaliger Soldat an Angeh\u00f6rige der US-Streitkr\u00e4fte, f\u00fcr eine gerechte Gesellschaft zu k\u00e4mpfen, anstatt den Befehlen korrupter Politiker zu folgen; und in einer \u00bbMessage to the Patriot Movement\u00ab schw\u00f6rt ein fr\u00fcheres Mitglied rechter Milizen diesen ab und ruft zur Unterst\u00fctzung von Redneck Revolt auf.<\/p>\n<p><strong>Gegen wei\u00dfe Macho-Kultur und linken Moralismus<\/strong><\/p>\n<p>Redneck Revolt ist der aufsehenerregendste, aber nicht der einzige Versuch, die wei\u00dfe Arbeiterklasse aus antirassistischer und antifaschistischer Perspektive zu radikalisieren. In South Carolina st\u00f6rt der fotogene Bastards Motorcycle Club seit 2015 rechte Veranstaltungen und Demonstrationen. Auch die Young Patriots Organization hat sich wieder formiert; sie wurde urspr\u00fcnglich in den 1960er Jahren von wei\u00dfen Migrant_innen aus den Appalachen in Chicago gegr\u00fcndet und arbeitete eng mit den Black Panthers und den puertorikanischen Young Lords zusammen. (ak 618)<\/p>\n<p>Es ist die breite Unterst\u00fctzung Donald Trumps durch die wei\u00dfe Arbeiterklasse, die Initiativen dieser Art eine neue Dringlichkeit verleiht. Dies spiegelt sich auch auf diskursiver Ebene wider. So wurde vor kurzem J. Sakais \u00bbSettlers: The Mythology of the White Proletariat\u00ab neu aufgelegt, und eine Neuausgabe von David Gilberts \u00bbLooking at the White Working Class Historically\u00ab ist in Vorbereitung. Gilbert, ein ehemaliges Mitglied des Weather Underground, verb\u00fc\u00dft nach einer fehlgeschlagenen Aktion der Black Liberation Army, an der er sich 1981 beteiligte, eine lebenslange Haftstrafe im Bundesstaat New York.<\/p>\n<p>Ebenfalls in Vorbereitung ist ein Sammelband mit dem Titel \u00bbSetting Sights: Histories and Reflections on Community Armed Self-Defense\u00ab. Dieser soll Texte von Redneck Revolt und verwandten Organisationen in einen historischen Zusammenhang stellen. Der Herausgeber scott crow meint gegen\u00fcber ak: \u00bbRedneck Revolt inspiriert viele von uns Wei\u00dfe, die am Land oder in Arbeitervierteln aufgewachsen sind. Die Aktivisten der Gro\u00dfst\u00e4dte ignorieren uns, und wenn sie das nicht tun, machen sie sich \u00fcber uns lustig. Redneck Revolt wendet sich genauso gegen die wei\u00dfe Macho-Kultur rechter Waffenenthusiasten wie gegen den Moralismus linker Pazifisten.\u00ab<\/p>\n<p>Auch Hy Thurman, Mitglied der urspr\u00fcnglichen Young Patriots Organization und am Neuaufbau der Organisation in Alabama beteiligt, betrachtet Redneck Revolt im ak-Gespr\u00e4ch als Inspiration: \u00bbGerade im S\u00fcden der USA kann Redneck Revolt gro\u00dfen Einfluss nehmen. Waffen sind hier ein Teil des Alltags, viele von uns sind mit ihnen aufgewachsen. Redneck Revolt und die Young Patriots Organization haben eine Menge gemeinsam. Wir verstehen, dass die Herrschenden alle Bev\u00f6lkerungsgruppen ausbeuten und dass wir uns nur gemeinsam befreien k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Die Omnipr\u00e4senz von Schusswaffen<\/strong><\/p>\n<p>Zweifelsohne sind es vor allem die Waffen, die Redneck Revolt auch in Mainstream-Medien Aufmerksamkeit bescheren. Im Guardian wurde die Organisation vor kurzem als \u00bbdie bewaffnete Linke, die den Faschismus zerschlagen will\u00ab pr\u00e4sentiert. Viele &#8211; den Autor dieser Zeilen eingeschlossen &#8211; mag die Omnipr\u00e4senz von Schusswaffen in der \u00f6ffentlichen Darstellung der Organisation irritieren. Dass dabei unterschiedliche kulturelle und gesellschaftliche Kontexte zu bedenken sind, ist richtig, hilft aber nicht viel.<\/p>\n<p>Wenigstens bleibt der Waffenfetisch nicht unreflektiert. So wird im ersten Abschnitt des Redneck-Revolt-Podcasts die \u00bbSensationalisierung\u00ab bewaffneter Demonstrationsz\u00fcge seitens der Mainstream-Medien thematisiert, und Dave Strano gesteht zu, dass es sich um \u00bbschwierige Fragen\u00ab handelt. Aber: \u00bbWenn Rednecks ihre Waffen auf Politiker und nicht auf Migranten richten, wenn Crips sie auf CEOs und nicht auf Bloods richten, und wenn arme Menschen sie auf den gemeinsamen Klassenfeind und nicht auf andere Arme richten, dann wird die kapitalistische Welt, die zu diesen Feindseligkeiten f\u00fchrt, vielleicht ein Ende nehmen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Zukunft wird mehrere Sachen weisen: Wird es gelingen, Redneck Revolt zu einer bleibenden und schlagkr\u00e4ftigen Organisation aufzubauen, oder handelt es sich um einen Hype, der bald verschwinden wird? Kann eine prim\u00e4r auf die wei\u00dfe Arbeiterklasse ausgerichtete Organisation zu einer entscheidenden Kraft in einer breiten antirassistischen und antifaschistischen Bewegung werden? Wird sich die ideologische Vagheit der Organisation als St\u00e4rke oder als Schw\u00e4che erweisen? Dienen die Waffen der Einsch\u00fcchterung des Gegners oder leisten sie aufgesetzter Militanz und entsprechenden Aktionsformen Vorschub? Was Redneck Revolt und verwandte Organisationen allemal belegen, ist die Notwendigkeit, auch die wei\u00dfe Arbeiterklasse aus linker Perspektive zu mobilisieren &#8211; und die Bereitschaft vieler Menschen, dies zu tun.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak629\/16.htm\">ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 629&#8230;<\/a> vom 3. September 2017<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> \u00dcbersetzung: \u00bbSiehst du Menschen wie wild in der Hitze l\u00e4cheln? (&#8230;) Aber was n\u00fctzt dir ein L\u00e4cheln, wenn der ganze Staat rassistisch ist?\u00ab<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> LGBTQ steht f\u00fcr Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender &amp; Queer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hillbillys und Rednecks gelten als rechte Hinterw\u00e4ldler, doch in den USA organisieren sich immer mehr wei\u00dfe Arbeiter_innen gegen Kapitalismus und Rassismus.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[25,11,46,17],"class_list":["post-2489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-rassismus","tag-usa","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2489"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2490,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2489\/revisions\/2490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}