{"id":2512,"date":"2017-09-08T08:12:35","date_gmt":"2017-09-08T06:12:35","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2512"},"modified":"2017-09-08T08:12:35","modified_gmt":"2017-09-08T06:12:35","slug":"katastrophale-zustaende-im-griechischen-gesundheitswesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2512","title":{"rendered":"Katastrophale Zust\u00e4nde im griechischen Gesundheitswesen"},"content":{"rendered":"<p><em>Tino Jacobson.\u00a0<\/em>Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 l\u00f6st in Griechenland ein brutales Sparprogramm das andere ab. Diktiert von der Troika aus Europ\u00e4ischer Kommission, Europ\u00e4ischer Zentralbank und Internationalem W\u00e4hrungsfonds hat die K\u00fcrzungspolitik<!--more--> eine soziale Katastrophe angerichtet, die in Friedenszeiten ohne Beispiel ist. Sieben Jahre nach Beginn der Krise in Griechenland steht die Bev\u00f6lkerung vor den Tr\u00fcmmern des Sozialsystems.<\/p>\n<p>Alle Regierungen, ob unter der konservativen Partei Nea Dimokratia (ND), der sozialdemokratischen PASOK oder der pseudolinken Syriza (Koalition der radikalen Linken), haben die verheerenden Sparma\u00dfnahmen gegen den Widerstand der Arbeiterklasse umgesetzt.<\/p>\n<p>Der Kahlschlag trifft s\u00e4mtliche sozialen Bereiche, Bildung, Renten und \u00f6ffentliche Infrastruktur. Am schlimmsten sind die Folgen jedoch f\u00fcr das griechische Gesundheitssystem. Die \u00f6ffentlichen Gesundheitsausgaben wurden laut den aktuellen Zahlen der europ\u00e4ischen Statistikbeh\u00f6rde Eurostat in nur f\u00fcnf Jahren um 42 Prozent gek\u00fcrzt \u2013 von 14,9 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 8,7 Milliarden im Jahr 2015. Grundlegende Leistungen wurden drastisch eingeschr\u00e4nkt und die finanzielle Eigenbeteiligung der Patienten erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Das moderne staatliche Gesundheitssystem in Griechenland entstand 1983 unter der ersten sozialdemokratischen Papandreou-Regierung und war ein soziales Zugest\u00e4ndnis an die Arbeiterklasse. Obwohl die staatlichen Krankenkassen eine bedeutende Funktion in der Gesundheitsversorgung \u00fcbernahmen, mussten Patienten zahlreiche \u00e4rztliche Leistungen aus eigener Tasche bezahlen.<\/p>\n<p>Diese privaten Zusatzkosten (Out-of-Pocket-Zahlungen) sind als Folge der Sparma\u00dfnahmen dramatisch angestiegen. Machten sie 2010 noch 28 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben aus, waren es 2015 bereits \u00fcber 35 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lagen die Selbstzahlungen 2015 bei 12,5 Prozent. Hinzu kommen in Griechenland hohe Zuzahlungen f\u00fcr Medikamente, die bis zu 25 Prozent des Gesamtpreises betragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ende 2009 setzte die PASOK-Regierung erste K\u00fcrzungen im Gesundheitswesen um, die zu Leistungseinsparungen bei den Krankenkassen und h\u00f6heren Eigenanteilen bei Medikamenten f\u00fchrten. In den folgenden Jahren wurden die Ausgaben noch radikaler gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>2011 fand eine \u201eReform\u201c statt, die die gr\u00f6\u00dften Krankenkassen zu einem einheitlichen Gesundheitstr\u00e4ger, der Nationalen Organisation f\u00fcr die Bereitstellung von Gesundheitsleistungen (EOPYY), zusammenfasste. Die Zusammenlegung der Krankenkassen erm\u00f6glichte einen weiteren Angriff auf die staatliche Gesundheitsversorgung: Die Finanzierung wurde drastisch reduziert, das Leistungsangebot erneut verringert und 25 Prozent des medizinischen sowie 50 Prozent des administrativen Personals entlassen.<\/p>\n<p>Als die EOPYY mitten in der Finanzkrise 2012 ihre Schulden von \u00fcber 1,5 Milliarden Euro bei \u00c4rzten, Krankenh\u00e4usern, Apotheken und Pharmakonzernen nicht mehr begleichen konnte, mussten die Patienten ihre Gesundheitskosten vor\u00fcbergehend selbst zahlen.<\/p>\n<p>Eine weitere Entlassungsrunde im Gesundheitsbereich folgte 2014, als unter dem damaligen Premierminister Antonis Samaras (ND) das Nationale Prim\u00e4re Gesundheitsversorgungsnetzwerk (PEDY) eingef\u00fchrt wurde, das die medizinische Grundversorgung abdecken soll, aber in Wirklichkeit einen neuen Rahmen f\u00fcr massive Einsparungen schuf. Trotz zahlreicher Proteste wurde daraufhin erneut ein gro\u00dfer Teil des medizinischen Personals abgebaut.<\/p>\n<p>Viele Therapien und Behandlungen m\u00fcssen seit 2011 aus eigener Tasche finanziert werden, zum Beispiel bei Atmungserkrankungen oder bei der Entbindung. Mehrere Medikamente f\u00fcr chronisch Kranke, die vorher ohne Zuzahlung erh\u00e4ltlich waren, sind seitdem kostenpflichtig: F\u00fcr Alzheimer-, Demenz-, Epilepsie- und Diabetes-2-Medikamente m\u00fcssen Patienten 10 Prozent zuzahlen, f\u00fcr Medikamente gegen Erkrankungen an pulmonaler Hypertonie (Lungenhochdruck) fallen sogar 25 Prozent an.<\/p>\n<p>Auch die Anzahl der \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4user wurde laut der griechischen Statistikbeh\u00f6rde Elstat von 142 im Jahr 2009 auf 124 im Jahr 2015 reduziert. Damit einher ging eine Verringerung der station\u00e4ren Krankenhausbetten um 8.000 \u00ad\u00ad\u2013 von \u00fcber 38.000 auf knapp 30.000 Betten.<\/p>\n<p>Notwendige Investitionen in Technik und Ausstattung werden seit Jahren, gar Jahrzehnten nicht get\u00e4tigt. Zum Beispiel wurden die Ger\u00e4te zur Computertomographie und Magnetresonanztomographie in den \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern, die ohnehin nur in geringer Zahl vorhanden sind, seit Anfang der 1980er Jahre nicht mehr erneuert und entsprechen nicht europ\u00e4ischen Standards.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen dieses Zerfalls im \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen sind verheerend.<\/p>\n<p>Aufgrund der steigenden Kosten und der hohen Arbeitslosigkeit haben immer mehr Menschen in Griechenland keine Krankenversicherung. 2013 waren es fast 3 Millionen (bei einer Bev\u00f6lkerungszahl von etwa 11 Millionen); die Dunkelziffer d\u00fcrfte weit h\u00f6her liegen.<\/p>\n<p>Besonders arme und sozial benachteiligte Patienten leiden unter den Folgen. Laut aktuellen Elstat-Zahlen gab 2016 mehr als jeder Dritte aus dem F\u00fcnftel mit dem niedrigsten Einkommen an, er k\u00f6nne seinen Bedarf an notwendigen Arztuntersuchungen oder -behandlungen nicht decken. Vor allem im ersten Jahr der Syriza-Regierung stieg die Zahl sprunghaft an \u2013 von 19,7 Prozent (2015) auf 36,5 Prozent (2016). Zu Beginn der Krise 2010 lag sie nur bei 8,1 Prozent.<\/p>\n<p>Verletzliche Personengruppen wie Roma, Fl\u00fcchtlinge, Kinder und Schwangere sowie chronisch kranke Menschen sind ebenfalls stark betroffen.<\/p>\n<p>Tausende Menschen, die vor Krieg und Armut \u00fcber den gef\u00e4hrlichen Seeweg nach Europa geflohen sind, werden in Griechenland in sogenannte \u201eHotspots\u201c gepfercht, die unter der Syriza-Regierung eingerichtet wurden und als Haftzentren f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge dienen.<\/p>\n<p>Die gesundheitliche Versorgung und die Lebensbedingungen in den Hotspots sind katastrophal. Hygieneartikel werden sehr unregelm\u00e4\u00dfig geliefert, das Essen ist miserabel und die M\u00fcllentsorgung findet selten statt. Viele Fl\u00fcchtlinge sind in Zelten untergebracht, wo sie den Jahreszeiten und gef\u00e4hrlichen Tieren wie etwa Schlangen schutzlos ausgeliefert sind.<\/p>\n<p>Es gibt keine R\u00fcckzugs- und Freizeitm\u00f6glichkeiten und kaum psychologische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge, die oft unter Traumata und Depressionen leiden. Dem medizinischen Personal mangelt es an Medikamenten und Ausstattung. In einem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.msf.org\/sites\/msf.org\/files\/msf_lesbos_vulnerability_report1.pdf\"><strong>Bericht<\/strong><\/a>\u00a0im Juli warnte die Hilfsorganisation \u00c4rzte ohne Grenzen vor einer krisenhaften Zunahme physischer Erkrankungen in den Lagern Moria und Kara Tepe auf der Insel Lesbos.<\/p>\n<p>Die Minderheit der Roma leidet in Griechenland unter starker Diskriminierung und den hohen Kosten im Gesundheitswesen. Laut einer Studie der National School of Public Health in Athen sind knapp 80 Prozent der Roma nicht versichert, und ebenso viele wurden noch nie in ihrem Leben geimpft. Wie in vielen anderen L\u00e4ndern leben sie in Armut und prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Die radikalen Lohn- und Rentenk\u00fcrzungen haben zur Folge, dass sich viele chronisch kranke Menschen ihre Medikamente nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Auch die Wartezeiten f\u00fcr Operationen und Behandlungen sind stark angestiegen. Nichtversicherte Krebspatienten k\u00f6nnen ihre lebensnotwendigen Medikamente, die mehr als eintausend Euro kosten, nicht bezahlen. 13.000 Krebspatienten erhalten jedes Jahr keine Strahlentherapie, weil zu wenige Ger\u00e4te vorhanden sind. Im August 2014 wurde ein Gesetz erlassen, dass die Vorsorgeuntersuchungen bei \u00c4rzten stark einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Immer weniger Kinder sind komplett geimpft, weil die Vorsorgeprogramme eingedampft wurden und somit viele Impfungen aus eigener Tasche finanziert werden m\u00fcssen. Eine umfassende Impfung f\u00fcr ein Kind kostet etwa 1.200 Euro. F\u00fcr nichtversicherte Schwangere sind die Vorsorgeuntersuchungen sowie die nat\u00fcrliche Entbindung, die 2014 jeweils etwa 650 Euro kosteten, kaum zu bezahlen.<\/p>\n<p>Die gesunden Lebensjahre bei M\u00e4nnern und Frauen in Griechenland sind seit 2010 deutlich gesunken. Laut Eurostat lagen sie 2010 f\u00fcr Frauen bei 67,7 Jahren und fielen bis 2014 um fast drei Jahre auf nur 64,8; bei M\u00e4nnern sank die Zeitspanne der gesunden Lebensjahre von etwa 66 auf 64 Jahre.<\/p>\n<p>Auch in der Entwicklung der Sterbe- und Geburtenraten zeigen sich die Auswirkungen der Krise. W\u00e4hrend sich die Zahl der Todesf\u00e4lle laut Elstat von etwa 109.000 im Jahr 2010 auf \u00fcber 121.000 im Jahr 2015 erh\u00f6hte, gingen die Geburtenzahlen im selben Zeitraum von knapp 115.000 auf weniger als 92.000 zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Allein im ersten Krisenjahr 2010 bis 2011 ist die Sterberate bei Herzerkrankungen (z.B. Herzinfarkt) bei Frauen von 41 Todesf\u00e4llen pro 100.000 Einwohnern auf 67 explodiert \u2013 ein Anstieg von 63 Prozent. Bei M\u00e4nnern stieg sie von 97 auf 146 F\u00e4lle. Bei Schlaganf\u00e4llen haben sich die Sterbef\u00e4lle von 2010 auf 2011 bei beiden Geschlechtern fast verdoppelt.<\/p>\n<p>Die Selbstmordrate, die vor der Krise auf einem niedrigen Niveau lag, ist in den letzten Jahren rapide nach oben geklettert. Im Jahr 2014 haben sich 565 Menschen das Leben genommen, fast 200 mehr als 2010, die meisten davon M\u00e4nner zwischen 40 und 60 Jahren. Zu den h\u00e4ufigen Ursachen geh\u00f6ren Depressionen, oft eine Folge von Armut und Arbeitslosigkeit. Die Statistik zeigt auch einen pl\u00f6tzlichen Anstieg der Todesf\u00e4lle aufgrund von psychischen St\u00f6rungen. W\u00e4hrend daran 2010 nur 98 Menschen starben, waren es 2014 mit 669 mehr als sechsmal so viele.<\/p>\n<p>Eine weitere Folge der Gesundheitskrise ist die Zunahme der HIV-Ansteckungen. Im Jahr 2011 starben 47 Menschen an der Immunschw\u00e4chekrankheit AIDS, 837 Menschen steckten sich mit HIV an und 83 neue AIDS-F\u00e4lle wurden verzeichnet. Die HIV-Rate lag bei 7,4 pro 100.000 Einwohner; 2010 waren es noch 4,7 gewesen. Diese Entwicklung h\u00e4ngt mit dem gestiegenen Drogenkonsum und der Einf\u00fchrung einer Zuzahlung von 25 Prozent f\u00fcr Injektionsnadeln zusammen. Zwar ist die HIV-Rate 2014 aufgrund vereinzelter Ma\u00dfnahmen wieder leicht abgesunken, aber sie liegt weiterhin deutlich h\u00f6her als vor der Krise.<\/p>\n<p>Nach Sch\u00e4tzungen der Initiative Solidarity4all, die\u00a0<em>Spiegel Online<\/em>\u00a0zitiert, sind in den letzten sieben Jahren 50.000 Menschen gestorben, weil sie sich die Gesundheitsausgaben nicht leisten konnten. W\u00e4hrend die Regierungen das staatliche Gesundheitssystem kaputt gespart haben, engagieren sich zahlreiche Menschen ehrenamtlich, um das Leid der Bed\u00fcrftigen zu lindern. Nichtregierungsorganisationen wie Praxis und \u00c4rzte ohne Grenzen oder Initiativen wie die Solidarischen Kliniken bieten kostenlose Gesundheitsversorgung an.<\/p>\n<p>Trotzdem f\u00fchrten Lohnk\u00fcrzungen, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit in den letzten Jahren zu einer massiven Abwanderung hochqualifizierter Personen ins Ausland. Von 2008 bis 2013 haben 7.000 \u00e4rztliche Spezialisten allein aus Athen ihre Heimat verlassen, die meisten von ihnen Richtung Deutschland. Insgesamt hat sich die Zahl der Menschen, die ausgewandert sind, in den ersten zwei Jahren der Krise mehr als verdoppelt. 2012 waren es rund 88.000, von denen 32.700 nach Deutschland gezogen sind.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/09\/08\/grie-s08.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 8. September 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tino Jacobson.\u00a0Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 l\u00f6st in Griechenland ein brutales Sparprogramm das andere ab. 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