{"id":2517,"date":"2017-09-09T17:10:44","date_gmt":"2017-09-09T15:10:44","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2517"},"modified":"2017-09-09T17:10:44","modified_gmt":"2017-09-09T15:10:44","slug":"hitzewellen-machen-nordafrika-und-nahen-osten-unbewohnbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2517","title":{"rendered":"Hitzewellen machen Nordafrika und Nahen Osten unbewohnbar"},"content":{"rendered":"<p><em>Klaus Meier. <\/em>Der Sommer macht keinen Spa\u00df mehr. Was Klimawandel bedeutet und wie stark er uns schon auf den Pelz r\u00fcckt, erlebten in diesem Sommer die L\u00e4nder S\u00fcdeuropas: Die Hitzewelle Luzifer produzierte Dauertemperaturen \u00fcber 40 \u00b0C<!--more--> und kaum n\u00e4chtliche \u00adAbk\u00fchlung. In S\u00fcditalien wurden zeitweise Temperaturen von 50 \u00b0C gemessen, die B\u00fcrgermeister haben die Bev\u00f6lkerung aufgefordert, zu Hause zu bleiben. In Portugal leidet fast das gesamte Land unter der Hitze, das Wasser wird knapp. In Bosnien droht ein gro\u00dffl\u00e4chiger Stromausfall, in allen s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern w\u00fcten ausgedehnte Waldbr\u00e4nde. Auch die Landwirtschaft leidet: Bei Soja und Mais werden in Serbien Einbu\u00dfen bis zu 60 Prozent vorhergesagt. Und die Aussichten werden schlimmer.<\/p>\n<p>Im April 2016 hat es eine Ver\u00f6ffentlichung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts in Mainz auf die ersten Seiten der Tageszeitungen geschafft. Die Wissenschaftler hatten mit kalibrierten Klimamodellen ermittelt, wie sich die Temperaturen in der sog. MENA-Region (Mittlerer Osten und Nordafrika) bis zum Ende des 21.Jahrhunderts entwickeln werden.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse sind erschreckend: Selbst wenn sich die Erde im Verh\u00e4ltnis zur vorindustriellen Zeit nur um 2 \u00b0C erw\u00e4rmt, wird die Durchschnittstemperatur in der genannten Region doppelt so hoch steigen. Schon Mitte dieses Jahrhunderts wird in den hei\u00dfesten Zeiten nachts das Thermometer nicht mehr unter 30 \u00b0C fallen und am Tag sogar auf 46 \u00b0C steigen. Bis zum Ende des Jahrhunderts k\u00f6nnte dann die Mittagstemperatur sogar bei 50 \u00b0C liegen, Hitzewellen k\u00f6nnten zehnmal h\u00e4ufiger auftreten als heute.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass sich die Dauer der Hitzeperioden in den besonders betroffenen Gebieten Nordafrikas und des Nahen Ostens deutlich verl\u00e4ngern wird. In der Zeit von 1986 bis 2005 lag sie im Durchschnitt noch bei 16 Tagen. Mitte des Jahrhunderts werden die sehr hei\u00dfen Phasen bereits \u00fcber 80 Tage und am Ende des Jahrhunderts sogar 118 Tage dauern.<\/p>\n<p>Dies gelte selbst dann, wenn ab 2040 die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen wieder sinken w\u00fcrden. Wenn die Freisetzung von Kohlendioxid ungebremst fortgesetzt wird, m\u00fcssen die Menschen in den MENA-L\u00e4ndern sogar mit etwa 200 extrem hei\u00dfen Tagen rechnen. Der Mainzer Atmosph\u00e4renforscher Lelieveld schlussfolgert: \u00abDer Klimawandel wird die Lebensumst\u00e4nde im Nahen Osten und in Nordafrika weiter deutlich verschlechtern. Lang andauernde Hitzewellen und Sandst\u00fcrme werden viele Gebiete unbewohnbar machen, was sicher zum Migrationsdruck beitragen wird.\u00bb<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> In den MENA-L\u00e4ndern leben 550 Millionen Menschen.<\/p>\n<p><strong>Der Syrien-Konflikt und der Klimawandel<\/strong><\/p>\n<p>Wie eine durch den Klimawandel hervorgerufene Krise der Landwirtschaft zum Ausl\u00f6ser f\u00fcr schwere politische Ersch\u00fctterungen eines ganzen Staates werden kann, haben schwedische Wissenschaftler f\u00fcr Syrien untersucht.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Ihre Daten zeigen, dass es in den letzten drei Jahrzehnten in Syrien und im Irak einen R\u00fcckgang des Niederschlags und erh\u00f6hte Temperaturen gegeben hat. Auch die Zahl und die L\u00e4nge der Hitzeperioden ist in der Region \u00f6stlich des Mittelmeers gestiegen. Besonders betroffen ist Syrien, das in einer Region liegt, in der auch fr\u00fcher Wasser ein knappes Gut war. Zwischen 2006 und 2009 kam es zu einer schweren Trockenheit, von der insbesondere der Osten des Landes betroffen war.<\/p>\n<p>Diese Brotkorb-Region, die gew\u00f6hnlich zwei Drittel der syrischen Ernte produzierte, brach landwirtschaftlich zusammen. Die Weizenertr\u00e4ge sanken um 47 Prozent, die Baumwollernten um 67 Prozent, und auch der Viehbestand verringerte sich massiv. Etwa 800\u00b4000 Menschen verloren ihre Lebensgrundlage. Ein Gro\u00dfteil der Landbev\u00f6lkerung fl\u00fcchtete in die St\u00e4dte. Diese Migration addierte sich zu den irakischen Fl\u00fcchtlingen, die bereits seit dem Irakkrieg von 2003 im Land lebten. Die Arbeitslosigkeit stieg, und 2010 kam es zum Aufstand breiter Bev\u00f6lkerungsschichten gegen das Assad-Regime.<\/p>\n<p>Sicher hat nicht nur die klimatische Verschlechterung die syrische Krise ausgel\u00f6st. Ein Element waren auch die marktwirtschaftlichen \u00d6ffnungen, die die syrische Regierung nach 2000 einf\u00fchrte. Trotzdem war der heute noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig milde Klimawandel ein wichtiges Element bei der Ausl\u00f6sung der folgenden politischen Ersch\u00fctterungen.<\/p>\n<p><strong>Hitzewellen und ihre Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Es drohen nicht nur hei\u00dfe Tage, sondern auch Hitzewellen, die lebensgef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnen. Die australischen Wissenschaftler Sherwood und Huber haben 2009 erstmalig auf diese Gefahr hingewiesen.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Im Zentrum ihrer Arbeit steht der Begriff der \u00abK\u00fchlgrenztemperatur\u00bb (<em>wet bulb temperature<\/em>). Das ist die Temperatur, die von einem Quecksilberthermometer gemessen wird, das in ein feuchtes Tuch eingewickelt ist. Die K\u00fchlgrenztemperatur bestimmt sich nicht nur aus der Temperatur, sondern auch aus der relativen Luftfeuchtigkeit. Damit liefert sie einen Ma\u00dfstab, ob Menschen m\u00f6gliche Hitzewellen noch \u00fcberleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So kann in trockenen W\u00fcsten unsere Haut auch noch bei Au\u00dfentemperaturen von 45 \u00b0C oder mehr effektiv gek\u00fchlt werden: durch Schwitzen. Aber wenn die Luft au\u00dferdem mit Feuchtigkeit ges\u00e4ttigt ist, zeigt das Schwitzen keine Wirkung mehr. Die Temperaturh\u00f6he allein ist also kein zuverl\u00e4ssiger Ma\u00dfstab daf\u00fcr, welche Temperaturen ein Mensch ertragen kann.<\/p>\n<p>Ein besserer Indikator ist die K\u00fchlgrenztemperatur. Sogar gesunde und sportliche Menschen k\u00f6nnen eine K\u00fchlgrenztemperatur von 35 \u00b0C nicht l\u00e4nger als 6 Stunden \u00fcberleben. Kranke, Alte und Kinder sterben schon viel fr\u00fcher. Eine K\u00fchlgrenztemperatur von 35 \u00b0C bildet damit eine \u00dcberlebensgrenze.<\/p>\n<p>Sherwood und Huber haben berechnet, dass bei einer globalen mittleren Temperaturerh\u00f6hung von 7 \u00b0C, wie sie bei einem weiteren ungebremsten CO2-Aussto\u00df erreicht wird, auch die K\u00fchlgrenztemperatur steigen wird. Ein \u00dcberleben auf einem gro\u00dfen Teil der irdischen Landmasse wird dann nicht mehr m\u00f6glich sein. Dazu geh\u00f6ren die Amazonas-Region, Indien, gro\u00dfe Teile Afrikas, Australien und der gesamte S\u00fcdwesten der USA.<\/p>\n<p><strong>Lebensgefahr am Persischen Golf<\/strong><\/p>\n<p>Aufbauend auf der Arbeit von Sherwood und Huber haben die MIT-Wissenschaftler Pal und Eltahir mit neuen und verfeinerten Klimamodellen die Entwicklung des Mittleren Ostens untersucht.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Sie haben festgestellt, dass bis zum Ende des Jahrhunderts in der Region des Persischen Golfs ein regionaler Hitzehotspot entstehen wird, wenn der Klimawandel nicht gestoppt wird. Es wird dort dann extreme Hitzewellen geben, die alles \u00fcberschreiten, was es in der menschlichen Geschichte bisher gegeben hat. Nach den Rechenmodellen von Pal und Etahier wird diese Situation bereits nach 2070 auftreten.<\/p>\n<p>Eine Temperatur von 45 \u00b0C w\u00fcrde dann in der Golfregion einem normalen Sommermaximum entsprechen. Die Golfregion ist deshalb besonders gef\u00e4hrdet, weil die wolkenlosen Sommertage dazu f\u00fchren, dass sich das Wasser des flachen Schelfmeeres stark aufheizen kann. Die hei\u00dfen Winde, die von der T\u00fcrkei und vom Irak aus \u00fcber den Golf blasen, k\u00f6nnen gro\u00dfe Feuchtigkeiten aufnehmen und tragen dann hohe K\u00fchlgrenztemperaturen zu den meisten St\u00e4dten am Golf.<\/p>\n<p>Das wird lebensbedrohlich. Die K\u00fchlgrenztemperatur wird nach den Berechnungen ab 2070 sehr oft oberhalb von 35 \u00b0C liegen. Davon betroffen sein werden u.a. Abu Dhabi, Dubai, Doha, Dhahran und Bandar Abbas. Kuwait liegt am n\u00f6rdlichen Ende des Golfs und ist daher gegen hohe K\u00fchlgrenztemperaturen etwas gesch\u00fctzter. Gleichwohl werden die maximalen Temperaturen hier bei unertr\u00e4glichen 60 \u00b0C liegen. Am Roten Meer werden die Temperaturen etwas niedriger liegen als im Golfbereich. Doch auch im Jemen, in Jeddah und in Mekka werden die K\u00fchlgrenztemperaturen noch gef\u00e4hrliche Werte bis zu 33 \u00b0C erreichen. Die j\u00e4hrlichen maximalen Temperaturwerte in dieser Region werden sogar 55 \u00b0C \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Die sommerliche moslemische Pilgerreise nach Mekka k\u00f6nnte lebensgef\u00e4hrlich werden. Die Reichen in den Golfstaaten k\u00f6nnten sich in klimatisierten R\u00e4umen vielleicht gegen kritische Werte der K\u00fchlgrenztemperatur sch\u00fctzen. Die Armen m\u00fcssten die Sommerzeit vermutlich in tiefen Erdbunkern verbringen. Wenn es aber zu Stromausf\u00e4llen kommt, w\u00fcrde das Leben aller bedroht sein. Auch das Nahrungsproblem w\u00e4re ungekl\u00e4rt. Und wie w\u00fcrden es sich \u00f6konomisch auswirken, wenn k\u00f6rperliche Arbeit au\u00dferhalb von klimatisierten Geb\u00e4uden zunehmend schwierig wird?<\/p>\n<p>Fr\u00fchere Klimaszenarien haben f\u00fcr die Zukunft durchaus gef\u00e4hrliche Temperaturen vorhergesagt. Aber die Information, dass wichtige Weltmetropolen schon im 21.Jahrhundert unbewohnbar werden, hat selbst Klimaexperten \u00fcberrascht. Dass das realistisch werden kann, zeigen j\u00fcngste Temperaturentwicklungen in der Golfregion. So gab es hier 2015 eine Hitzewelle, die Temperaturen von 50 \u00b0C erreichte und zu einer gro\u00dfen Zahl von Toten f\u00fchrte. Im Juli 2015 lag die K\u00fchlgrenztemperatur im persischen K\u00fcstenort Bandar Mah\u00adshahr vor\u00fcbergehend schon fast bei 35 \u00b0C.<\/p>\n<p>Noch bleibt Zeit, die beschriebenen Klimaextreme zu verhindern. Daf\u00fcr muss der Widerstand gegen die Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger heute vor allem in Europa, Amerika und China gef\u00fchrt werden. Es ist das zentrale Thema, das alle anderen \u00fcberschattet. Aber auch der Gegner sollte klar sein: Es ist der Kapitalismus, der sich an die Profite aus den fossilen Energien klammert. Hoffnung macht eine sich radikalisierende Klimabewegung, die im Wachstum begriffen ist.<\/p>\n<p><em>(Quelle: <\/em>\u00d6kosozialistische Flugschriften, Nr.32, 2016.<em>)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2017\/09\/luzifer-als-dauergast-hitzewellen-machen-nordafrika-und-nahen-osten-unbewohnbar\/\">sozonline.de&#8230;<\/a> vom 9. September 2017<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> <em>\u00abDem Orient droht ein Klima-Exodus\u00bb. <\/em><em>Max-Planck-Institut f\u00fcr Chemie, Mainz 2016.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> <em>U.\u00c5kesson, K.Falk: Climatic change in Syria \u2013 trends, projections and implications. G\u00f6teborg University, Mai 2015.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> <em>S.Sherwood, M.Huber: An adaptabili\u00adty limit to climate change due to heat stress. PNAS, 25 May 2010.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> <em>J.S.Pal, E.A.B.Eltahir: Future temperature in southwest Asia projected to exceed a threshold for human adaptability. <\/em><em>Nature Climate Change 6 (2016).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Meier. Der Sommer macht keinen Spa\u00df mehr. Was Klimawandel bedeutet und wie stark er uns schon auf den Pelz r\u00fcckt, erlebten in diesem Sommer die L\u00e4nder S\u00fcdeuropas: Die Hitzewelle Luzifer produzierte Dauertemperaturen \u00fcber 40 &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[52,82,55,15],"class_list":["post-2517","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-fluechtlinge","tag-irak","tag-oekologie","tag-syrien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2517"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2517\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2518,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2517\/revisions\/2518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}