{"id":2541,"date":"2017-09-17T08:22:32","date_gmt":"2017-09-17T06:22:32","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2541"},"modified":"2017-09-17T08:22:32","modified_gmt":"2017-09-17T06:22:32","slug":"die-frauen-in-rojava-und-die-raetedemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2541","title":{"rendered":"Die Frauen in Rojava und die R\u00e4tedemokratie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anselm Schindler berichtet im Interview aus Kurdistan \u00fcber das Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum im Nordirak, den Kampf gegen den IS, basisdemokratische Strukturen und die Selbstorganisierung der Frauen. Das Interview f\u00fchrte Robert M\u00fcller.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Du bist gerade zu Recherchezwecken f\u00fcr einige Monate in Kurdistan, wie sch\u00e4tzt Du die aktuelle Situation ein?<\/strong><\/p>\n<p>Die Lage ist in allen vier Staaten, auf die Kurdistan aufgeteilt ist, also die T\u00fcrkei, Syrien, Iran und Irak angespannt. In T\u00fcrkisch-Kurdistan k\u00f6nnen wir von einem B\u00fcrger*innenkrieg zwischen der kurdischen Bev\u00f6lkerung und den militanten Einheiten der kurdischen Linken auf der einen, und dem t\u00fcrkischen Staat auf der anderen Seite sprechen. \u00dcber die Massaker des t\u00fcrkischen Staates wird ja seit einiger Zeit auch in westlichen Medien berichtet, es kommen aber nur Bruchteile von dem an, was in T\u00fcrkisch-Kurdistan passiert. Das t\u00fcrkische Milit\u00e4r geht seit einigen Wochen wieder dazu \u00fcber, W\u00e4lder an Bergh\u00e4ngen anzuz\u00fcnden, immer wieder kommt es deshalb zu gro\u00dfen Waldbr\u00e4nden. Damit versucht das Milit\u00e4r, die R\u00fcckzugsr\u00e4ume und die Infrastruktur der HPG (milit\u00e4rische Einheit der PKK) einzuschr\u00e4nken. Auch D\u00f6rfer wurden in den vergangenen Monaten immer wieder angez\u00fcndet. Auch im Iran kam es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Massenprotesten und Gefechten zwischen dem bewaffneten Arm der kurdischen PJAK (Partei f\u00fcr ein demokratisches Leben in Kurdistan) und dem iranischen Milit\u00e4r. Ausl\u00f6ser war die gezielte T\u00f6tung von sogenannten Schmugglern an der iranischen Grenze.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die Lage in Rojava, dem kurdischen Nordsyrien?<\/strong><\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Staatschef ist sauer, weil die kurdischen und arabischen Milizen Rojavas immer gr\u00f6\u00dfere Teile Syriens befreien. Es war nicht zuletzt Erdo\u011fan, der den B\u00fcrger*innenkrieg immer weiter angeheizt hat, auch \u00fcber die Unterst\u00fctzung der jihadistischen Opposition. Er hat sich in Syrien einen gr\u00f6\u00dferen Einfluss erhofft, doch der zerrinnt ihm mit der Ausweitung die basisdemokratisch selbstverwalteten Gebiete in Rojava immer mehr zwischen den Fingern. Im nordsyrischen Raqqa haben die von den mehrheitlich kurdischen Volksverteidigungskr\u00e4ften YPG angef\u00fchrten arabisch-kurdischen Syrian Democratic Forces (SDF) inzwischen rund drei Viertel der Stadt vom sogenannten Islamischen Staat (Daesh) befreit. Und vor einigen Tagen haben die SDF auch den Vormarsch auf Deir ez-Zor verk\u00fcndet, einer mehrheitlich arabischen Stadt, die rund 150 Kilometer s\u00fcdwestlich von Raqqa liegt. Inzwischen sind die Einheiten bis auf die Vororte von Deir ez-Zor vorger\u00fcckt, das zur H\u00e4lfte von Daesh, zur andern H\u00e4lfte von Assad-Truppen gehalten wird. Erdo\u011fan versucht gegenzusteuern und den Vormarsch von au\u00dfen zu schw\u00e4chen: In den vergangenen Monaten wurde ja auch immer wieder \u00fcber einen m\u00f6glichen Einmarsch des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs im Kanton Erfrin, im \u00e4u\u00dfersten Nordwesten der Selbstverwaltungsgebiete Nordsyriens spekuliert.<\/p>\n<p><strong>Trotz der Beteiligung der PYD an der internationalen Koalition gegen den IS, gelten die PKK und ihr nahestehenden Organisationen in Deutschland als Terrororganisationen. K\u00fcrzlich wurden in M\u00fcnchen zwei Wohnungen\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/razzia-in-muenchen-usk-stuermt-wohnung-wegen-ypg-fahne-auf-facebook-profil\/\"><strong>von der Polizei durchsucht<\/strong><\/a><strong>, wegen einer Fahne der YPG auf Facebook. Wie reagieren die Menschen in Kurdistan auf die Repression im Ausland?<\/strong><\/p>\n<p>Auf den linken kurdischen Fernsehkan\u00e4len wird viel \u00fcber die Lage der kurdischen Freiheitsbewegung in Deutschland und auch \u00fcber andere Protestbewegungen in Deutschland und anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern berichtet. Die meisten Menschen, mit denen ich hier \u00fcber die Repression in Deutschland spreche, k\u00f6nnen nicht verstehen, weshalb die Bundesrepublik Erdo\u011fan \u00fcber Jahre mit Kapital und Waffen unterst\u00fctzt hat und das teils immer noch tut, w\u00e4hrend linke Kurd*innen in Deutschland wegen angeblicher PKK-Mitgliedschaft oft jahrelang hinter Gitter wandern.<\/p>\n<p><strong>Was ist deine Meinung zum umstrittenen Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum in den kurdischen Gebieten des Irak?<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Referendum sorgt auf jeden Fall f\u00fcr Z\u00fcndstoff: Letztlich haben sich alle Staaten im Westen, aber auch im sogenannten Nahen Osten, gegen das Referendum ausgesprochen \u2013 einschlie\u00dflich die Zentralregierung im irakischen Bagdad, die das Referendum k\u00fcrzlich abermals f\u00fcr illegal erkl\u00e4rt hat. Nur Israel hat sich f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Irakisch-Kurdistans ausgesprochen, weil die rechte israelische Regierung an der Schw\u00e4chung der arabischen Staaten in der Region interessiert ist. Eine Schl\u00fcsselrolle spielt, was das Referendum betrifft, der t\u00fcrkische Staat und sein autokratischer Regierungschef: Erdo\u011fan hat das Referendum immer wieder \u00f6ffentlichkeitswirksam abgelehnt. Die Frage ist aber, inwieweit ihm eine Unabh\u00e4ngigkeit nicht eigentlich gelegen k\u00e4me.<\/p>\n<p><strong>Was spr\u00e4che denn aus Sicht Erdogans f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der kurdischen Autonomieregion?<\/strong><\/p>\n<p>Die vom rechten und neoliberalen Barzani-Klan verwalteten Gebiete im Norden des Irak sind sehr stark von der t\u00fcrkischen \u00d6konomie abh\u00e4ngig. Vor rund zwei Jahren hat Barzani beschlossen, die \u00d6lgesch\u00e4fte k\u00fcnftig nicht mehr \u00fcber Bagdad, sondern \u00fcber die T\u00fcrkei abzuwickeln. Nicht zuletzt ist die Region auch von t\u00fcrkischen Importen und von t\u00fcrkischem Kapital abh\u00e4ngig. Die Strategie des t\u00fcrkischen Subimperialismus war es in den vergangenen Jahren, Barzani gegen die irakische Regierung auszuspielen und die kurdische Region des Nordirak in den Dienst des t\u00fcrkischen Kapitals zu stellen. Fraglich ist also, ob eine m\u00f6gliche Unabh\u00e4ngigkeit Erdo\u011fan nicht eigentlich in den Kram passt, weil er seinen Einfluss dann weiter ausbauen kann, ohne dass Bagdad dazwischenfunkt. Aber die entscheidende Frage ist eigentlich eine andere: Was w\u00fcrde eine Unabh\u00e4ngigkeit der kurdischen Bev\u00f6lkerung des Irak bringen? Vermutlich nicht viel. Denn vom \u00d6lreichtum haben bislang nur die Eliten, die einflussreichen Klans der Region profitiert, die Region befindet sich schon seit einigen Jahren in der Krise, darunter leidet die lohnabh\u00e4ngige Klasse am meisten. Daran wird auch das Referendum nichts \u00e4ndern \u2013 egal wie es ausgeht.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr andere Zeitungen schreibst Du \u00fcber Basisdemokratie in Rojava. Welches konkrete Beispiel f\u00fcr Basisdemokratie in Rojava hat Dich auf Deiner Reise am st\u00e4rksten fasziniert?<\/strong><\/p>\n<p>Beeindruckt bin ich immer wieder von den autonomen Frauenstrukturen. Auf allen Ebenen des R\u00e4tesystems gibt es Quoten f\u00fcr Geschlechter, zus\u00e4tzlich k\u00f6nnen die Frauenstrukturen in allen Bereichen Entscheidungen der R\u00e4te kippen, wenn sie dadurch Frauen benachteiligt sehen. Das ist der strukturelle Teil. Aber bemerkbar macht sich der Kampf der Frauen auch im Alltag. Dort m\u00fcssen sie sich immer wieder gegen verkrustete Strukturen und Machogehabe durchsetzen. Ich habe es oft erlebt, dass junge Frauen \u00e4ltere M\u00e4nner unterbrechen, wenn die zu viel oder zu ausschweifend reden oder ihnen das Wort nehmen. Das w\u00e4re in der Region noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Die Erfolge der feministischen Strukturen sind an vielen kleinen Details des Alltagslebens bemerkbar: Am Blick und am H\u00e4ndedruck der Frauen, und daran, dass man in Rojava immer weniger junge Frauen trifft, die ein Kopftuch tragen. Was Geschlechterfragen betrifft, bestehen in einigen Bereichen aus einer linken Perspektive aber auch noch Defizite: Zum Beispiel gibt es bislang kaum Strukturen f\u00fcr Menschen, die homosexuell sind oder sich nicht einem von zwei Geschlechtern zuordnen wollen. Aber auch LGBTI-Fragen werden bereits an der Basis diskutiert.<\/p>\n<p><strong>In Rojava k\u00e4mpfen bewaffnete Frauengruppen gegen den IS. Das ist gro\u00dfartig! Die Organisierung und Bewaffnung von Frauen ist etwas, was alle revolution\u00e4ren Organisationen vorantreiben sollten. Was sind die aktuellen und zuk\u00fcnftigen Herausforderungen der Fraueneinheiten und was ben\u00f6tigen sie, um erfolgreich zu sein?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frauen von Rojava wissen am besten selbst, was sie brauchen und wollen. Als Europ\u00e4er, und dazu noch als Mann ist es eigentlich nicht meine Aufgabe, das zu beantworten. Trotzdem kann ich einige Eindr\u00fccke schildern: Es wird von den Frauen in der Region immer wieder betont, dass sie ernst genommen werden wollen, und dass sie bereit sind, sich dieses Recht zu erk\u00e4mpfen. Diese Bereitschaft haben die Frauen in der Geschichte der kurdischen Freiheitsbewegung auch immer wieder gezeigt: Auch in der PKK, welche die Revolution in Rojava ma\u00dfgeblich beeinflusst hat, mussten sich die Frauen ihren Platz in den Reihen der Guerilla und bei den politischen Arbeiten immer wieder erst selbst erk\u00e4mpfen \u2013 oft gegen den Widerstand der M\u00e4nner. Die Frauen in Rojava k\u00e4mpfen an zwei Fronten: An der gegen Daesh und an der gegen das Patriarchat in der eigenen Gesellschaft. Von Aktivist*innen h\u00f6rt man in Rojava immer wieder, dass es gerade die Frauen sind, die den Aufbau der basisdemokratischen Gesellschaft, der R\u00e4tedemokratie, am st\u00e4rksten vorantreiben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/interview-die-frauen-in-rojava-treiben-die-raetedemokratie-am-staerksten-voran\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 17. September 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anselm Schindler berichtet im Interview aus Kurdistan \u00fcber das Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum im Nordirak, den Kampf gegen den IS, basisdemokratische Strukturen und die Selbstorganisierung der Frauen. 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