{"id":2553,"date":"2017-09-29T10:46:39","date_gmt":"2017-09-29T08:46:39","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2553"},"modified":"2017-09-29T10:46:39","modified_gmt":"2017-09-29T08:46:39","slug":"fluten-und-andere-katastrophen-in-suedasien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2553","title":{"rendered":"Fluten und andere Katastrophen in S\u00fcdasien"},"content":{"rendered":"<p><em>Bahar Sheikh. <\/em>Die Fluten in Indien, Bangladesch und Nepal kosteten gesch\u00e4tzt 1.400 Menschen das Leben, insgesamt 41 Millionen Menschen waren betroffen. Durch den Monsunregen verursachte \u00dcberschwemmungen sind zwar kein neues Ph\u00e4nomen<!--more--> auf dem Subkontinent, jedoch werden sie durch das Schmelzen der Gletscher im Himalaya und dem damit verbundenen Anstieg der Wasserspiegel der Fl\u00fcsse verst\u00e4rkt. Hinzu kommt der vermehrte Niederschlag, der durch die h\u00f6here Feuchtigkeitsaufnahme in der w\u00e4rmeren Luft verursacht wird. Beide Flutursachen k\u00f6nnen auf die Erderw\u00e4rmung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Im Vergleich mit den Hurrikans Harvey und Irma berichteten deutsche Medien \u00fcber die massiven Fluten in S\u00fcdasien nur sp\u00e4rlich. Auf die verz\u00f6gerte und wenig ausf\u00fchrliche Berichterstattung haben vor allem einige Medien im angloamerikanischen Raum in Quasi-Selbstkritik hingewiesen. Eine Repr\u00e4sentationsdebatte, die die unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Berichterstattung in den Vordergrund r\u00fcckt, trifft jedoch noch nicht den Kern des Ungerechtigkeitsproblems, das der Klimawandel und die mit ihm einhergehenden Katastrophenzust\u00e4nde nach sich ziehen.<\/p>\n<p>Umweltgerechtigkeit ist seit der B\u00fcrgerrechtsbewegung in den USA ein Begriff in sozialen Bewegungen und in der Wissenschaft. Er beschreibt die Verteilung von Umweltbelastungen zu Lasten von Menschen, die rassistisch, wegen ihrer Klassenlage und der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Kaste oder anderer Faktoren marginalisiert sind. Aktuell kritisierte Black Lives Matter UK zum Beispiel die vergleichsweise h\u00f6here Belastung der Schwarzen Londoner Bev\u00f6lkerung durch Luftverschmutzung. Umweltgerechtigkeit ist jedoch nicht nur von Bedeutung f\u00fcr marginalisierte Gruppen im globalen Norden. Das Konzept ist auch relevant, um die Flutkatastrophe in ein globales Machtgef\u00e4lle einzuordnen.<\/p>\n<p>Das hierzulande fehlende \u00f6ffentliche Interesse f\u00fcr die Fluten in S\u00fcdasien f\u00fchrt dazu, dass Hilfsgelder und Spenden ausbleiben. Lokale NGOs kennen zwar die Bedarfe der Bev\u00f6lkerung vor Ort besser, sind jedoch finanziell abh\u00e4ngig von gro\u00dfen NGOs aus dem globalen Norden. W\u00e4hrend die europ\u00e4ischen Staaten und die USA vergleichsweise weniger von \u00bbNaturkatastrophen\u00ab betroffen sind und auch ein Monopol auf die Ressourcen besitzen, die n\u00f6tig f\u00fcr den Wiederaufbau sind, fehlen in diesem Fall indischen NGOs die Gelder, um mit der Flutkatastrophe selbstst\u00e4ndig umgehen zu k\u00f6nnen. In diesem Fall verst\u00e4rkt das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zwischen Nord und S\u00fcd die asymmetrische Verteilung von umweltbezogenen Verantwortlichkeiten und Belastungen.<\/p>\n<p>Die im Gerechtigkeitsdiskurs verhandelte These, dass vorwiegend von sogenannten Naturkatastrophen betroffene L\u00e4nder verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig weniger f\u00fcr Emissionen verantwortlich sind, bewahrheitet sich in den j\u00fcngsten Geschehnissen in S\u00fcdasien. Allerdings holen die sogenannten Schwellenl\u00e4nder wie Indien in Sachen Umweltbelastungen auf. Seit seiner wirtschaftlichen Liberalisierung schoss Indien im L\u00e4ndervergleich auf Platz vier der Hauptverursacher f\u00fcr CO\u00b2-Emissionen, wobei die Gesamtemissionen des Landes gemeint sind (Stand 2012), bei den Pro-Kopf-Emissionen erreicht Indien noch lange nicht die alarmierenden Werte der europ\u00e4ischen und nordamerikanischen Staaten und der arabischen \u00d6lstaaten.<\/p>\n<p>Jedoch sind globale Machtstrukturen nicht die einzige Ebene, die bei den Zerst\u00f6rungen durch Katastrophen mitgedacht werden muss. Umweltungerechtigkeit tut sich nicht nur entlang rassistisch und kolonial konstruierter Linien auf, sondern zeigt sich auch auf lokaler Ebene innerhalb postkolonialer Staaten. Vor allem sind arme Menschen von den Langzeitfolgen der Zerst\u00f6rung durch die Fluten betroffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Wiederaufbau von H\u00e4usern und die medizinische Versorgung fehlen vielen Betroffenen die finanziellen Mittel. Die B\u00e4uerinnen und Bauern, die abh\u00e4ngig von landwirtschaftlichen Ertr\u00e4gen sind, haben durch die Zerst\u00f6rung der Ernte ihre Einkommensquelle verloren.<\/p>\n<p>Derweil plant die indische Regierung 37 Fl\u00fcsse zu vernetzen und ein umfangreiches Kanalsystem zu bauen, das sowohl gegen D\u00fcrre als auch gegen \u00dcberschwemmungen im Land Abhilfe leisten soll. Das Vorhaben steht in der Tradition der Bauprojekte vergangener Jahrzehnte, die oft zu Lasten von marginalisierten Gruppen und der Umwelt durchgesetzt wurden. Das geplante Projekt sieht neben dem Ausbau von Kan\u00e4len auch den Bau von rund 3.000 D\u00e4mmen vor. Am Ende soll ein Netz von Wasserwegen \u00fcber insgesamt 15.000 Kilometer entstehen.<\/p>\n<p>Nicht nur ist die Wirksamkeit des Vorhabens unter Wissenschaftler_innen wegen unklarer Konsequenzen auf D\u00fcrre und \u00dcberschwemmungen in Zeiten des rasanten Klimawandels in S\u00fcdasien umstritten. Auch w\u00fcrde die Umsetzung die \u00bbUmsiedlungspolitik\u00ab fortsetzen, die zu einer Verlagerung Hunderter D\u00f6rfer f\u00fchren w\u00fcrde. In vergangenen Projekten, wie dem kontroversen Bauprojekt rund um den Narmada-Fluss, f\u00fchrten solche Umsiedlungsvorhaben zur Verdr\u00e4ngung von Tausenden Menschen aus ihren D\u00f6rfern, die oft abh\u00e4ngig von den nat\u00fcrlichen Ressourcen in ihrem Umfeld sind und denen die versprochenen Kompensationen systematisch vorenthalten wurden. Das indische Vorhaben zur Pr\u00e4vention von Fluten und D\u00fcrre im Land setzt den ohnehin von Katastrophen st\u00e4rker betroffenen Teilen der Bev\u00f6lkerung weiter zu und unterstreicht, dass die Folgen des Klimawandels mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Gerade in Indien kann man aber auch auf eine lange Geschichte des Widerstands gegen solche Bauprojekte und die Zerst\u00f6rung der Umwelt auch durch ausl\u00e4ndische Investoren zur\u00fcckblicken. Umweltaktivismus auf dem Subkontinent war in den meisten F\u00e4llen ein Kampf f\u00fcr soziale Gerechtigkeit von unten, in dem gesellschaftlich und wirtschaftlich benachteiligte Gruppen ihre Grundrechte gefordert haben. F\u00fcr die Narmada Bachao Andolan (Rettet-den-Narmada-Bewegung), die seinerzeit gegen den Dammbau am Narmada-Fluss protestierte, hingen das Schicksal der Umwelt und das der dort lebenden Menschen zusammen.<\/p>\n<p>Die Fluten selbst, der Umgang mit ihren Folgen, aber auch das fehlende Interesse im den \u00bbwestlichen\u00ab Medien sind Symptome von Umweltungerechtigkeit. Es bleibt daher wichtig, den Klimawandel in seine soziopolitischen Zusammenh\u00e4nge zu setzen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak630\/42.htm\">analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 630<\/a> vom 29. September 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bahar Sheikh. 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