{"id":2560,"date":"2017-10-02T08:25:24","date_gmt":"2017-10-02T06:25:24","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2560"},"modified":"2018-01-19T17:50:36","modified_gmt":"2018-01-19T15:50:36","slug":"zur-lage-der-arbeiterklasse-im-brexit-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2560","title":{"rendered":"Zur Lage der Arbeiterklasse im Brexit-Land"},"content":{"rendered":"<p><em>Jimmy Meyer.<\/em><strong> \u00abHurra, diese Welt geht unter!\u00bb, triumphiert Henning May in seiner Hook in dem gleichnamigen K.I.Z.-Song und liefert den Soundtrack f\u00fcr die Landschaften des Post-Kapitalismus. Doch davon kann heute noch keine Rede sein:<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> Von Manchester \u00fcber Dresden und Reims bis Detroit \u2013 verlassene Fabrikhallen, rostige Maschinenparks und l\u00f6chrige Stra\u00dfen bilden die Kulisse f\u00fcr die w\u00fctenden Proletarisierten, die sp\u00e4testens seit dem Einbruch der globalen Krise 2008 die politische B\u00fchne der einstigen Industrienationen betreten haben. Sie haben ihre festen Jobs verloren. Oder sie wissen zumindest von Freunden, Familie und Nachbarn, was ihnen jederzeit bl\u00fchen kann. Ein Leben zwischen Arbeitslosigkeit und unsicheren, schlecht bezahlten Jobs ohne die Aussicht auf eine bessere Zukunft. Nach einer globalen Welle von K\u00e4mpfen \u2013 zwischen Occupy, Platzbesetzungen und Massenbewegungen in Griechenland, Spanien und Frankreich, dem arabischen Fr\u00fchling oder dem Gezi-Park Aufstand in der T\u00fcrkei \u2013 wird sp\u00e4testens mit Millionen Stimmen f\u00fcr Brexit, Trump, Le Pen und jetzt auch f\u00fcr die AfD ein Prozess der gesellschaftlichen Regression immer offenbarer. Wahlk\u00e4mpfe und Referenden werden zu Schaub\u00fchnen von neuen Parteien und ihren schrillen Kandidaten, die mit rassistischen Parolen, unmissverst\u00e4ndlichen Drohgeb\u00e4rden und national-chauvinistischen Forderungen das Wahlvieh agitieren. Doch w\u00e4hrend K.I.Z. bereits die frohe Botschaft einer besseren Welt (\u00abAuf den Tr\u00fcmmern das Paradies!\u00bb) verk\u00fcnden, beginnt scheinbar gerade eine neue \u00c4ra der Monster. Der folgende Artikel ist ein Streifzug durch Nordengland, einst die gr\u00f6\u00dfte Industrieregion der Welt \u2013 heute abgeh\u00e4ngt und deindustrialisiert: Welcome to Brexitland!<\/strong><\/p>\n<p>Um in die ehemalige Kohle-Stadt Stainforth zu gelangen, nimmt man die Regionalbahn der Northern Railway von Doncaster nach Scunthorpe. Die Fahrt f\u00fchlt sich an wie eine Reise in die Vergangenheit. Der Antrieb der Bahn erfolgt durch eine alte Diesellok. Bei jeder Anfahrt wird ein h\u00f6llischer L\u00e4rm erzeugt, dazu schleicht im ganzen Waggon der \u00f6lige Geruch des mittlerweile aus der Mode gekommenen Dieseltreibstoffes durch die Luft. Von der Decke h\u00e4ngen mit Schwei\u00df vollgesogene Ledergriffe zum Festhalten. Die schweren T\u00fcren machen beim Schlie\u00dfen noch richtig Krach. Keine Displays, keine Computerstimme, die die n\u00e4chste Station ansagt. Das \u00fcbernimmt der grimmig aussehende Fahrkartenkontrolleur nebenbei. Blechern ert\u00f6nt seine Durchsage: \u201eNext station\u00a0<em>Hatfield &amp; Stainforth\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Der Ausgang des kleinen Bahnhofs f\u00fchrt direkt vom Bahnsteig \u00fcber eine Betontreppe auf eine blaue Eisenbr\u00fccke. Oben angelangt hat man das Gef\u00fchl auf einer Aussichtsplattform zu stehen. Fast unvermeidlich f\u00e4llt der Blick auf das alte Kohlebergwerk,\u00a0<em>The Hatfield Main Colliery<\/em>, das nur weniger hundert Meter entfernt wie eine rostige, tote Krake emporragt: Riesige T\u00fcrme, Speicheranlagen und Kohlef\u00f6rderb\u00e4nder, die jetzt stillstehen. Man k\u00f6nnte denken, dass die \u00dcberbleibsel der alten Zeche<em>\u00a0<\/em>bei Stainforth<em>\u00a0<\/em>als<em>\u00a0<\/em>Denkmal dienen sollen \u2013 als Andenken f\u00fcr eine Zeit, in der Gro\u00dfbritanniens Kohleminen, Stahlgie\u00dfereien, Glaswerke und Autofabriken noch unerm\u00fcdlich f\u00fcr den Weltmarkt produzierten. D\u00f6rfer wurden zu Kleinst\u00e4dten. Ununterbrochen stieg der dunkle Rauch aus den Fabrikschloten, rund um die Uhr wurde malocht. Nach der Schicht ging es in die Pubs, die hier wie Pilze aus dem Boden schossen. Bis zu 5000 Minenarbeiter<em>\u00a0<\/em>sollen zu Hochzeiten alleine in der Kohlemine der Minenarbeiterst\u00e4dte Hatfield und Stainforth gearbeitet haben.<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>The making of the english working class\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Stainforth liegt im Nordosten Englands, in der Region Yorkshire s\u00fcdlich von Leeds und \u00f6stlich von Sheffield, Manchester und Liverpool. Hier schlug noch vor wenigen Jahrzehnten das Herz der britischen\u00a0Schwerindustrie, t\u00e4glich wurden tausende Tonnen Kohle und Stahl f\u00fcr den Weltmarkt gef\u00f6rdert. Und hier liegen die \u201eFabrikst\u00e4dte\u201c, die Friedrich Engels schon vor 170 Jahren besucht hat, um sich ein Bild der Lebensbedingungen der neuen Fabrikarbeiter zu machen. Es war die Zeit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. In seinem Buch\u00a0<em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/em>\u00a0zeichnete Engels ein d\u00fcsteres Bild:\u00a0<em>\u201eMan gibt ihnen feuchte Wohnungen, Kellerl\u00f6cher [\u2026] Man hetzt sie ab wie das Wild und l\u00e4sst sie nicht zur Ruhe und zum ruhigen Lebensgenuss kommen [\u2026] Arbeitet sie dagegen t\u00e4glich bis zur g\u00e4nzlichen Abspannung aller geistigen und physischen Kr\u00e4fte ab.\u201c\u00a0<\/em>Hier entstand die kapitalistische Maschinerie mit ihren neuen riesigen Fabrikhallen und damit auch das moderne Industrieproletariat: the making of the english working class. So ist es wohl die k\u00fchle Ironie der Geschichte, dass in den 1970er Jahren ausgerechnet hier die symboltr\u00e4chtige De-Industrialisierung und damit auch der Niedergang der gro\u00dfen Industriearbeiterklasse der westlichen Industrienationen seinen Anfang nahm. Ob in Detroit, Manchester, dem Norden Frankreichs oder dem Ruhrpott, die Bilder sind die gleichen: Verlassene Fabrikhallen, rostige Maschinenparks, l\u00f6chrige Stra\u00dfen und Fabrikarbeiter, die nicht mehr gebraucht werden.<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>Der rust belt von England\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Demontage der Fabriken erfolgte nicht ohne Widerstand. Massive Mobilisierungen gegen die Ank\u00fcndigung der Schlie\u00dfung eines Gro\u00dfteils der Kohleminen gipfelten schlie\u00dflich in den legend\u00e4ren gro\u00dfen Minenarbeiterstreiks gegen Thatcher 1984\/85 und waren \u2013 von heute aus betrachtet \u2013 das vorerst letzte Aufb\u00e4umen der Arbeiterklasse zwischen Liverpool, Manchester und Sheffield. Bekannterma\u00dfen erlitten die Arbeiter dabei auch ihre gr\u00f6\u00dfte Niederlage. Danach schlossen erst die Zechen, dann die Stahlgie\u00dfereien, schlie\u00dflich Glaswerke und Autofabriken. Nach dem die Iron Lady die Macht der Arbeiter gebrochen hatte, war der Weg frei f\u00fcr Thatchers radikale \u00f6konomische Wende: Sozialer Kahlschlag, drastische Privatisierungen staatlicher Unternehmen \u2013 von Bahn, Post, Telekommunikation, Schulen, Krankenh\u00e4usern \u2013 und die Liberalisierung des\u00a0Finanzmarktes.<em>\u00a0<\/em>In k\u00fcrzester Zeit wurde die einstige Stahlregion zum rust belt von England, aus den Minenarbeitern wurden Arbeitslose. Gro\u00dfbritannien, vormals gr\u00f6\u00dfte Industriemacht der Welt, verkr\u00fcppelte zu einem Industrie-Invaliden. Gleichzeitig wurde das Land, und allen voran die Londoner-City, nach Thatchers Deregulierung zu einem der gr\u00f6\u00dften Finanzm\u00e4rkte der Welt.<\/p>\n<p>Am Bahnhof von Hatfield &amp; Stainforth bin ich mit Sheena Moore verabredet. Nach einer herzlichen Begr\u00fc\u00dfung wechselt sie gleich in den Kampfmodus: \u201eToday we get that bitch down\u201c, gemeint ist Theresa May. Es ist der 8. Juni, der Tag der vorgezogenen Wahlen in Gro\u00dfbritannien. May ist nicht nur mit dem Versprechen eines harten Brexits angetreten, sondern auch mit der Ank\u00fcndigung von massiven sozialen K\u00fcrzungen. Der Hass auf die Tories wurde Sheena Moore quasi in die Wiege gelegt. Sie ist 55 Jahre alt, Sozialarbeiterin, in Stainforth geboren und aufgewachsen.\u00a0Ihr Vater, ihr Bruder und auch ihr Ex-Ehemann waren alle fr\u00fcher Kumpel in der Zeche der\u00a0<em>Hatfield Main Colliery<\/em>. Sie selbst arbeitete nie in der Mine, das war \u201eM\u00e4nnersache\u201c, so Sheena Moore. Aber 1984\/85 k\u00e4mpfte sie als junge Frau zusammen mit<u>\u00a0<\/u>zehntausenden Bergarbeiterfamilien\u00a0auf der Stra\u00dfe und bei den Massenstreiks ganz vorne mit an den picket lines. Mehrmals hat Sheena Moore die Kn\u00fcppel der britischen riot-police abbekommen und dabei Prellungen und blutige Wunden von der heftigen Konfrontation mit der Staatsmacht davongetragen. Hier wurde gemeinsam gek\u00e4mpft und hier ging man zusammen unter. Heute tr\u00e4gt das verarbeitende Gewerbe Gro\u00dfbritanniens nur noch ca. zehn Prozent zum BIP bei. Zum Vergleich: Die vor allem in\u00a0der\u00a0Londoner City angesiedelte Finanzindustrie liegt mittlerweile je nach Statistik zwischen 14 und 17 Prozent.<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>Die Zeche war das pulsierende Herz von Stainforth\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Heute arbeitet Sheena Moore als Sozialarbeiterin im sozial-psychologischen Dienst. Sie k\u00f6nnte Stunden \u00fcber die Menschen und Probleme vor Ort erz\u00e4hlen: Alleinerziehende M\u00fctter ohne Arbeit, junge M\u00e4nner, die von Alkoholismus und Hoffnungslosigkeit befallen sind, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte, die in den wenigen kleinen Shops, Call Centern und vor allem im Transportwesen oder im Servicebereich arbeiten. Amazon hat k\u00fcrzlich 500 Jobs in einem neuen Logistikzentrum geschaffen,\u00a0<em>\u201eschlecht bezahlt, aber wenigstens etwas\u201c<\/em>, so Sheena Moore. Die Arbeitslosigkeit liegt in der Region laut Statistik zwar nur bei sieben Prozent, aber die Einkommen z\u00e4hlen zu den niedrigsten in ganz Gro\u00dfbritannien. So sind sehr viele Haushalte von staatlicher Hilfe abh\u00e4ngig, denn der Lohn allein tr\u00e4gt nicht mehr die Lebenshaltungskosten. Die Tristesse des Alltags vermischt mit der Perspektivlosigkeit hat schwerwiegende Folgen: Psychische Erkrankungen h\u00e4ufen sich, die Suizidrate in Yorkshire ist im Verh\u00e4ltnis zu anderen Gegenden des Vereinigten K\u00f6nigreichs hoch. Als Sheena Moore mir das alte Kohlebergwerk zeigt, l\u00e4sst sie ganz nebenbei einen Satz fallen, der h\u00e4ngenbleibt:\u00a0<em>\u201eDie Zeche war das pulsierende Herz von Stainforth, jetzt hat es aufgeh\u00f6rt zu schlagen. Ungef\u00e4hr so schnell, wie der Rost sich durch die alten Stahltr\u00e4ger des Bergwerks frisst, sterben auch die H\u00e4user, die Stadt und die Menschen langsam mit.\u201c\u00a0<\/em>Wie um es zu beweisen, legt sie mit einer plausiblen Erkl\u00e4rung nach. \u00dcber 20 Pubs h\u00e4tte es damals gegeben, die abends nach der Schicht nat\u00fcrlich immer \u00fcberf\u00fcllt waren. Die Leute haben getrunken, waren zusammen, hatten Spa\u00df, man verliebte sich, feierte; die Kumpel, das war eine Community. Jetzt gibt es noch ein einziges Pub in Stainforth \u2013 und das steht kurz vor dem Aus.<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>Und jetzt nennt er mich Rassistin!\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nordengland ist Brexitland. In der Region Doncaster hat eine \u00fcberragende Mehrheit von fast 70 Prozent f\u00fcr\u00a0<em>Leave<\/em>\u00a0gestimmt. In London-City haben 60 Prozent dagegen gestimmt. St\u00e4rker k\u00f6nnte der Kontrast kaum sein. Die Zahlen passen zu der Entwicklung, die der franz\u00f6sische Autor Didier Eribon in seinem autobiografischen Roman\u00a0<em>R\u00fcckkehr nach Reims\u00a0<\/em>festgehalten hat. In Frankreich sind es die mittlerweile tendenziell \u00fcberfl\u00fcssig gemachten Proletarier der Schwerindustrie aus dem Nordosten, die fr\u00fcher die Kommunistische Partei gew\u00e4hlt haben und heute die Basis des rechtsnationalen Front National bilden. In Nordengland, eigentlich eine uneinnehmbare Hochburg der Labour Partei, konnte die nationalistische UKIP mit ihrer migrantenfeindlichen, rassistischen Brexit-Kampagne nun die alten Malocher aus den Zechen und Stahlwerken mobilisieren.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter, am 8. Juni sind wieder Wahlen in Gro\u00dfbritannien. Um f\u00fcr die Brexit-Verhandlungen mit der EU eine komfortable Mehrheit hinter sich zu wissen, hat Premier Theresa May kurzerhand zu Neuwahlen aufgerufen. Sheena Moore und ihre Leute sind f\u00fcr eine Tee-Pause zuhause eingekehrt. Von hier wird gleich weiter in die Schlacht gezogen. Die letzten Stimmen f\u00fcr den sozialdemokratischen Kandidaten Jeremy Corbyn sollen gesichert werden. Das Wohnzimmer gleicht einer inoffiziellen Parteizentrale; \u00fcberall liegen Flyer von der Labour Partei, Listen, mit den Namen der bereits abgeklapperten Stra\u00dfen fliegen herum, Leute diskutieren aufgeregt am Essenstisch. Es gibt ein kleines Buffet zur St\u00e4rkung \u2013 gekochte Eier, Salat, Kekse, Tiefk\u00fchlpizza und Fertig-Quiche aus dem Ofen. Das Haus ist voll. Aber nur einer aus der Runde, der sich seit Tagen t\u00fcchtig f\u00fcr die sozialdemokratische Partei einsetzt, ist Mitglied bei Labour. Ein Freund mit seinem kleinen Sohn ist da, Sheenas \u00e4ltere Schwester Linda, der eigene Sohn Brandon mit Tochter und die 40j\u00e4hrige Nichte. Auch die beste Freundin Karry. Als das Thema auf den Brexit kommt, erz\u00e4hlt Sheenas Schwester von ihrem Sohn. Er ist Grafikdesigner und lebt in der Hauptstadt, der \u201eLondon Bubble\u201c, wie sie sie nennt. Seit dem EU-Referendum redet er nicht mehr mit seiner Mutter. Er sagt, sie sei eine Rassistin, weil sie sich f\u00fcr den Brexit eingesetzt habe. Sheena Moore mischt sich ein:\u00a0<em>\u201eIch werde es immer wieder sagen: es geht nicht um Rassismus, sondern um Klassenkampf.\u201c<\/em>\u00a0Ihre Schwester wird w\u00fctend:\u00a0<em>\u201eWir sind Sozialisten. Ich habe meinen Sohn fr\u00fcher immer gesagt, dass er Fl\u00fcchtlinge und Migranten respektieren soll, dass Rassismus in meinem Haus nicht akzeptiert wird. Und jetzt nennt er mich eine Rassistin! Welche Drogen nehmen die denn da in London? Und: er ist nicht einmal reich. Hat keine richtige soziale Absicherung, hangelt sich von Job zu Job. Er ist blind.\u201c\u00a0<\/em>Sie atmet tief ein. Aufbruch: Die n\u00e4chste Runde Door-Knocking steht an. Es ist 15 Uhr, die Wahllokale schlie\u00dfen um 22 Uhr. Das Vertrauen, dass \u201eJeremy\u201c, wie sie den linksnationalistischen Neo-Keynesianer hier z\u00e4rtlich beim Vornamen nennen, nach einem Wahlsieg endlich anpacken und etwas ver\u00e4ndern w\u00fcrde, ist gro\u00df.<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>We want to take back control of our country!\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wir ziehen durch die Stra\u00dfen von Stainforth. Die kleinen, roten Backsteinh\u00e4user mit ihren Hinterhofparzellen erinnern an die Kulisse von\u00a0<em>Billie Elliot<\/em>\u00a0oder Szenen in Ken Loachs Film\u00a0<em>Kes<\/em>\u00a0von 1969, der von dem Arbeiterjungen Barry handelt, gedreht tats\u00e4chlich nur ein paar Kilometer weiter in der ehemaligen Kohlestadt Barnsley. An den T\u00fcren sind zwei Themen Dauerbrenner: Der Brexit und Theresa Mays angek\u00fcndigte Sparma\u00dfnahmen. Fast alle sind sich einig:\u00a0<em>Leave<\/em>war die richtige Entscheidung, denn so k\u00f6nne es nicht weitergehen. Ebenso vereint sind die Leute in den Hoffnungen, die mit dem Labour-Vorsitzenden Corbyn verbunden sind. Bei der Frage, was die Leute von dem Brexit erwarten w\u00fcrden, kommen Argumente, die stark an Trumps \u201eMake America Great Again\u201c-Rhetorik erinnern. Und auch hier sind des die nationalistischen Slogans der Leave-Kampagne, die ziehen: \u201e<em>We want to take back control of our country!\u201c. <\/em>Jeremy Corby hat sich diese Parole f\u00fcr die Wahlen selbst angeeignet und gibt ihr einen links-nationalistischen Dreh. So ist von seinen Anh\u00e4ngern zu h\u00f6ren:\u00a0Die abgewanderte Industrie solle wieder aus Deutschland und Frankreich zur\u00fcckgeholt werden. Man sei verarscht worden damals. London habe die Banken bekommen, Deutschland die exportstarken Fabriken. Es geht um die Wiederverstaatlichung von Bahn und Telekommunikation, aber auch um die Kontrolle der Migration. Da wird man hellh\u00f6rig. Gibt es denn keinen Zusammenhang zwischen der rassistischen Kampagne von UKIP und der erstarkten nationalistischen Stimmung, sowie den vielen \u00dcbergriffen auf Migranten nach dem Brexit Votum? Es wird abgewiegelt.\u00a0<em>\u201eDas waren Einzelne. Darum geht es nicht beim Brexit\u201c. <\/em>Wenn man aber tiefer gr\u00e4bt, geht es ans Eingemachte. Man sei\u00a0<em>\u201enicht prinzipiell gegen Fl\u00fcchtlinge oder Arbeitsmigranten\u201c,\u00a0<\/em>die seien ja nicht schuld. Zwei junge M\u00e4nner kommen uns mit dem Auto entgegen. Freunde von Sheena Moore. Auch sie machen Wahlkampf. Bei dem Thema Migration sind sie auf Corbyns Seite:\u00a0<em>\u201eEs kann nicht sein, dass die gro\u00dfen Firmen sich Menschen ins Land holen, denen man nur einen Hungerlohn zahlt und wir am Ende ohne Jobs dastehen. Das sei doch nur gut f\u00fcr die Unternehmer\u201c,\u00a0<\/em>so der stark gebaute, vollt\u00e4towierte Marc. Sie fahren weiter, mit runtergelassener Fensterscheibe durch ihren Stadtteil, das Megafon in der Hand.\u00a0<em>\u201eW\u00e4hlt Labour. W\u00e4hlt f\u00fcr Gerechtigkeit. St\u00fcrzt die Tories. St\u00fcrzt Theresa May. Jetzt.\u201c,\u00a0<\/em>schreit einer der beiden in die Blecht\u00fcte.<\/p>\n<p>\u201e<strong>Traum vom gerechten Staat gegen das Finanzkapital<em>\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In einem lesenswerten Interview mit der Wochenzeitung\u00a0<em>Die Zeit<\/em>hat Didier Eribon die neuen Entwicklungen des Linksnationalismus sehr treffend kommentiert: \u201e<em>Dass die Linken rechte Argumentationen \u00fcbernehmen, sieht man aber leider immer h\u00e4ufiger: Die Nation gegen die Oligarchie, die Heimat gegen die Finanzelite, das Volk gegen die da oben. Viele meiner Freunde sagen jetzt nach dem Brexit: Das ist der schlechte Nationalismus, wir aber vertreten den guten Nationalismus. Ich kann da keinen Unterschied erkennen.\u201c<\/em>\u00a0Der \u201erichtige Nationalismus\u201c, so argumentieren die Britischen Corbyn-Fans auch. Ihre \u201eTake back control of our country\u201c-Idee ist der Traum vom gerechten Staat gegen das Finanzkapital. Die Illusion vom guten Kapitalismus gegen den b\u00f6sen oder wie es hierzulande die Sozialdemokratie benennt: den Turbokapitalismus. Die Logik bleibt die gleiche: Politische Inszenierung und Stimmenfang mit reaktion\u00e4ren und rassistischen Ideen. Ob es der Franzose M\u00e9lanchon ist, der im Wahlkampf unter wehender Nationalflagge und dr\u00f6hnender Marseillaise verk\u00fcndet: \u201edas h\u00f6chste Gut der V\u00f6lker ist die nationale Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c, oder hierzulande die Linkspartei mit ihrer Spitzenkandidatin Sara Wagenknecht und ihrer Parole:\u00a0<em>\u201eWer Gastrecht missbraucht, hat sein Gastrecht verwirkt.\u201c\u00a0<\/em>Besser kann es eigentlich nur noch die NPD ausdr\u00fccken:<em>\u00a0\u201eKriminelle Ausl\u00e4nder raus\u201c<\/em>. Leider ist das keine neue Entwicklung. Die Linke und den Patriotismus verbindet eine lange Tradition. In entschiedenen Momenten konnten Sozialisten und Sozialdemokraten nationalistische Stimmungen unter den Arbeitern oft erst wirklich salonf\u00e4hig machen. F\u00e4ngt man einmal an mit der Blut- und Bodenrhetorik, dann ist es nicht mehr weit mit dem Hass auf die, die anders aussehen oder einfach nur den falschen Pass besitzen. So gab es in Gro\u00dfbritannien kurz nach dem Brexitvotum zahlreiche \u00dcbergriffe auf Migranten. Die polnischen Gastarbeiter beispielsweise k\u00f6nnen ein trauriges Lied davon singen.<\/p>\n<p>Ausgerechnet jetzt, ausgel\u00f6st durch den Krisenschub 2008, der die zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte der kapitalistischen Produktionsweise auch in Europa immer deutlicher zum Vorschein gebracht hat und mittlerweile selbst die flei\u00dfigen Schreiberlinge in den Feuilletons der B\u00fcrgerzeitungen fragen l\u00e4sst, ob der Kapitalismus denn\u00a0noch richtig funktioniere, verwechseln viele anscheinend Keynesianismus und Steuerpolitik mit radikaler Gesellschaftskritik. Obwohl es die Regierungschefs und ihre Minister sind, oft im Verbund mit den Gewerkschaftsbossen, linken Parteien und Arbeitgeberverb\u00e4nden, welche die massiven Austerit\u00e4tsprogramme gegen die Proletarisierten durchsetzen, sinkt nicht das Vertrauen in den Vater Staat, sondern in letzter Hoffnung klammern sich viele an die Nation wie an ihr letztes Hemd. Didier Eribon steht mit seiner deutlichen Ablehnung der linksnationalistischen Irrwege auf der richtigen Seite und macht sich zum sympathischen Gef\u00e4hrten des bescheidenen Haufens der vaterlandslosen Genossen. Leider ist er, wie viele Kritiker der Stunde, kein gro\u00dfer Dialektiker, so hat er den Marxismus gegen bourdieuische Soziologie eingetauscht. Auch eine grundlegende Staatskritik bleibt ihm fremd. So sieht er die reaktion\u00e4re Wende der Industriearbeiterklasse vor allem im Versagen der Linken begr\u00fcndet: Sie seien es gewesen, die die neoliberalen Reformen mitgemacht und diskursiv verteidigt h\u00e4tten. Damit h\u00e4tten sie ihre W\u00e4hlerschaft verprellt und sich selbst unw\u00e4hlbar gemacht. So kann man sich dann auch seine diffuse Hoffnung auf eine neue linke Partei erkl\u00e4ren, die es richten soll. Dass die krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus, kurzum die kapitalistische Produktionsweise selbst, mit der aktuellen Misere zu tun haben k\u00f6nnte, darauf kommt er nicht. Wer am Ende nicht sehen will, dass es einen zentralen Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital gibt, das die Klassenfrage nicht durch Umverteilungspolitik geregelt und in Krisenzeiten die soziale Verelendung nicht mal gelindert werden kann, hat entweder die Tragweite der aktuellen Situation nicht begriffen oder ist schlichtweg borniert. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass heute ein gro\u00dfer Teil der Bourgeoisie und ihrer politischen Vertreter gegen Brexit, Trump und Le Pen zu mobilisieren versuchen, sich f\u00fcr offene Grenzen und gegen Protektionismus oder f\u00fcr die Schwulenehe einsetzen, aber die Proletarier auf der anderen Seite aus Angst vor den Folgen der n\u00e4chsten Rationalisierungswelle auf die nationale Karte, quasi als letztem Trumpf in der Arbeitsplatzkonkurrenz setzen und sich nebenbei zunehmend auch noch als H\u00fcter reaktion\u00e4rer, konservativer Werte versteht. So kann man wohl sagen: Die Klassenfrage ist wieder auf dem Tisch. Aber nicht als vereinigte Internationale, sondern in ihrem reaktion\u00e4rsten Gewand, zutiefst verunsichert, versprengt und h\u00e4ufig mit der h\u00e4sslichen Fratze des Chauvinismus sichtbar gemacht.<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>Mythos \u00fcber die guten alten Zeiten der Arbeiterklasse\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Mitten im Ortskern von Stainforth angekommen zeigt Linda, die \u00e4ltere Schwester Sheena Moores, auf die andere Seite der Hauptstra\u00dfe.\u00a0<em>\u201eHier war fr\u00fcher der Marktplatz und gleich daneben mehrere Pubs. Hier haben wir uns getroffen, hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht. Es wurde viel gelacht. Hier hat man sich sogar verliebt.\u201c<\/em>Ihre Augen f\u00fcllen sich f\u00fcr einen kurzen Moment mit Tr\u00e4nen.\u00a0<em>\u201eDer Verlust des sozialen Zusammenhalts sei das schlimmste\u201c<\/em>, so Linda. Auf dem einstigen Marktplatz gegen\u00fcber liegt M\u00fcll, rostige Autos stehen herum, es sieht nicht danach aus, dass diese jemals wieder abgeholt werden w\u00fcrden. Die meisten Ladenlokale sind geschlossen und werden auch wohl nicht mehr \u00f6ffnen. An einem Eingang kann man noch die abgebl\u00e4tterte Aufschrift erkennen: \u201eFresh Fish Market\u201c<\/p>\n<p>Sowohl die ehemaligen Minenarbeiter selbst, als auch viele Linke verfallen bei dem R\u00fcckblick auf die goldenen 1960er Jahre auf eine Art Proletkult. So waren zwar f\u00fcr einen gewissen Teil der Arbeiterklasse die materiellen Verh\u00e4ltnisse besser und sicherer, aber trotzdem waren die Verh\u00e4ltnisse letztlich beschissen. Der Mythos der guten alten Zeiten der Arbeiterklasse ist falsch und es ist wichtig, damit aufzur\u00e4umen. Somit ist es auch kein Wunder, dass trotz der guten materiellen Bedingungen weltweit zwischen Detroit, Manchester, Paris, K\u00f6ln und Turin die Fabrikarbeiter seinerzeit auf die Barrikaden gegangen sind. Neben massiven Streiks und der Erk\u00e4mpfung h\u00f6herer L\u00f6hne \u2013 teilweise auch gegen die eigenen Gewerkschaften samt ihrer B\u00fcrokraten, denen die neue Aufm\u00fcpfigkeit ihrer Proletarier bald zu weit ging \u2013 wurde der Widerstand\u00a0<em>gegen die Arbeit<\/em>\u00a0zentraler Bestandteil. So brach in in vielen Werken fast ein Wettbewerb der Kreativit\u00e4t neuer Widerstandsformen gegen die Lohnplackerei aus: Krankfeiern, Bummelstreiks, Sabotage, \u00dcberziehung der Pausen usw. Mit der popul\u00e4ren Parole aus Italien \u201eWir wollen alles\u201c wurde aber auch \u00fcber das Werkstor hinaus der Alltag, der in allen Bereichen in der Monotonie und t\u00f6dlichen Langeweile des Flie\u00dfbands getaktet war, von der Schule \u00fcber den Betrieb, dem Krankenhaus, der Universit\u00e4t oder der K\u00fcche und dem Schlafzimmer zum Kampffeld erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Somit kommen wir zum zweiten Mythos, den man in einem kurzen Dialog mit den ehemaligen Minenarbeitern von Stainforth schwer entmystifizieren kann: Es waren vor allem (wild) streikende Proletarier, rebellierende Frauen, aufst\u00e4ndische Migranten, Schwule und Lesben, antiautorit\u00e4re Studenten und Sch\u00fcler selbst, die durch ihre unerbittlichen K\u00e4mpfe und Forderungen das Kapital und Staatslenker vor sich hergetrieben und die Profitraten in den Keller getrieben haben. Und das muss auch die Antwort auf die Anh\u00e4nger aller heutigen sozialdemokratisch-keynesianischen Tr\u00e4umer sein: Die Schuld an Privatisierungen, sozialem Kahlschlag und der Misere in S\u00fcd-Europa ist der krisenhaften, kapitalistischen Produktionsweise geschuldet und nicht den vermeintlich falschen Entscheidungen einzelner Politiker. Der Neoliberalismus sei an allem Schuld ist ein Mythos und verkl\u00e4rt, dass es einen anderen, sozial gerechten, nicht f\u00fcr Krisen anf\u00e4lligen Kapitalismus geben k\u00f6nnte oder jemals gegeben hat. So gern man den romantischen Erinnerung Lisa und Sheena Moores an die stolze k\u00e4mpferische Arbeiterklasse im Stainforth von einst zuh\u00f6rt \u2013 und zugegebenerma\u00dfen der Kommunist in mir f\u00fcr einen Augenblick Gl\u00fccksspr\u00fcnge macht \u2013 vermisst man das Bewusstsein dar\u00fcber, dass auch fr\u00fcher vieles schon schei\u00dfe war und es auch damals tausende von Gr\u00fcnden gab, die kapitalistischen Zust\u00e4nde in all ihren Formen zu bek\u00e4mpfen, die k\u00f6rperlich schwere Plackerei mehr Fluch als Segen war. Die situationistische Parole \u201e<em>Ne travaillez jamais\u201c\u00a0<\/em>(Arbeit? Niemals!), die heute ihren Inhalt entleert, h\u00f6chstens noch im Hochglanzprogramm der Staatsb\u00fchnen benutzt wird, um das hiesige hippe, urbane Publikum mit einem Hauch der Subversion ins Theater zu locken, war damals ein ernst gemeinter Ausruf der allgemeinen Revolte gegen die Zurichtung am Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>\u201e<strong><em>If there is austerity, there will be riots in UK.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem vieles war anders damals: Mit Kollegen, hatte man mehr Zeit um zu scherzen, der Postbote musste nicht rennen, sondern konnte auch mal im Hauseingang eine Verschnaufpause f\u00fcr eine Zigarettenpause und Pl\u00e4uschchen einlegen, man verhielt sich unter Kollegen oft solidarisch gegen\u00fcber dem Chef, konnte satte Lohnerh\u00f6hungen durchsetzen und bei zu viel Krankfeierei verlor man seinen Job ohne gro\u00dfe Angst. Denn der n\u00e4chste Job in einer Zeche, am Flie\u00df- oder Montageband oder an der Kasse war nur einen Katzensprung entfernt und wegen der Vollbesch\u00e4ftigung auch fast garantiert. Auch von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe lie\u00df sich hierzulande relativ gut leben. Hier liegt wohl auch der qualitative Unterschied zu der Situation von heute.\u00a0Es ist wohl eines der absurdesten Zeichen unserer Zeit und damit des Kapitalismus selbst, dass sich heute kein Proletarier mehr \u00fcber Rationalisierungen freuen kann. So bekommt man es als Sortierer im Logistikzentrum bei Amazon bei der Ank\u00fcndigung vom Einsatz neuer Maschinen mit der Angst zu tun, dass der, ohnehin schlecht bezahlte, Arbeitsplatz bald schon durch einen ferngesteuerten Roboter ersetzt werden k\u00f6nnte. Der rasante technische Fortschritt produziert zunehmend \u00fcberfl\u00fcssige Proletarier, deren Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz und somit auch\u00a0auf\u00a0eine sichere Zukunftsperspektive immer beschissener aussieht. Dieser Zustand hat auch auf der Subjektseite verheerende Folgen, die aber f\u00fcr die Zuwendung zu national-chauvinistischen Ideen einen weiteren wichtigen Erkl\u00e4rungsgrund liefern k\u00f6nnen. Gerhard Vinnai formuliert aus sozialpsychologischer Sicht diese Entwicklung:\u00a0\u201eJe schw\u00e4cher das Ich ist, desto mehr ger\u00e4t die Psyche unter das Diktat unbewusster seelischer Kr\u00e4fte. Wenn sich das Ich aufgrund fehlgelaufener Erziehungsprozesse nicht entwickeln konnte oder aufgrund eines Mangels an sozialen Gestaltungsspielr\u00e4umen verk\u00fcmmert, sind Menschen besonders in Gefahr, undurchschauten inneren M\u00e4chten zu verfallen.\u201c\u00a0Treffender k\u00f6nnte man wohl die psychische Verfassung der Menschen kaum beschreiben, die sich an Trumps Mauerpl\u00e4nen erg\u00f6tzen, dem Brexit als nationaler Befreiung berauschen oder sich als schweigende Mehrheit hinter den EU-T\u00fcrkei-Deal stellen.<\/p>\n<p>Als ich mich nach einem langen Tag von Sheena Moore verabschiede, gibt sie mir neben einer herzlichen Umarmung noch eines mit auf den Weg: \u201eIf there is austerity, there will be riots in UK. You\u00b4ll see!\u201c Beim Schreiben dieser Zeilen brennt in London der Grenfell Tower. Eine der wenigen sozialen Wohnungsbauten der Millionenmetropole, die noch in zentraler Lage f\u00fcr Geringverdiener zur Verf\u00fcgung stehen. Das Hochhaus brennt, weil Brandschutzbestimmungen vom st\u00e4dtischen Eigent\u00fcmer nicht beachtet wurden. Bewohner des Hauses haben die Hausverwaltung schon seit Monaten darauf aufmerksam gemacht. 79 Menschen kommen ums Leben. Nur einen Tag sp\u00e4ter gibt es Proteste von Angeh\u00f6rigen und Bewohnern des jetzt in Schutt und Asche liegenden Hochhauses. Das Rathaus des wohlhabenden Stadtteils Kensington wird gest\u00fcrmt. Die Polizei wird angegriffen. \u201eMurderers, murderers\u201c und \u201eWe want justice\u201c, schreien sie wutentbrannt dem B\u00fcrgermeister entgegen. Eine junge Frau sagt einem Reporter: \u201eDieser Vorfall symbolisiert die Trennung zwischen arm und reich. Nur Leute aus der Arbeiterklasse sind hier ums Leben gekommen.\u201c Die linksliberale Zeitung The Guardian titelt Bezug nehmend auf Friedrich Engels Schrift\u00a0<em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/em>: \u201eOver 170 years after Engels, Britain is still a country that murders its poor\u201c. Sicherlich hat sich seitdem die Lage der arbeitenden Klassen in England erheblich ver\u00e4ndert: Die erb\u00e4rmlichen Baracken der Arbeiter von Manchester, ohne flie\u00dfend Wasser, verschlammten Wege, voll mit F\u00e4kalien, Kinder die an den einfachsten Krankheiten sterben \u2013 davon kann heute keine Rede mehr sein. Trotzdem: die Realit\u00e4t der Proletarisierten \u2013 egal ob aus dem Londoner Vorstadtghetto oder der ehemaligen Kohlestadt Stainforth \u2013 scheint perspektivlos, die bessere Zukunft unvorstellbar. Die Alternative zur Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Drangsalierung durch einen immer repressiveren Sozialstaat auf Sparflamme, sind miese Jobs in der Service- und Transportindustrie. Dass diese Bedingungen keinen guten N\u00e4hrboden f\u00fcr emanzipatorische K\u00e4mpfe bieten, zeigt sich gegenw\u00e4rtig nicht nur in Gro\u00dfbritannien. Stattdessen verselbst\u00e4ndigt sich ein Prozess der gesellschaftlichen Regression. Die erlebte Ohnmacht und Langeweile des tristen Alltags befeuern die kollektive Identit\u00e4tsst\u00f6rung und Herausbildung eines autorit\u00e4ren Charakters. Der Hass auf die eigene kl\u00e4gliche Existenz wendet sich in reaktion\u00e4rer Weise nach Au\u00dfen. Das h\u00e4ssliche und gleichzeitig verzweifelte Festklammern an der Nation als letzte Hoffnung im Kampf gegen den eigenen Untergang erscheint im krisengesch\u00fcttelten Zeitalter des Wahnsinns pl\u00f6tzlich rational. Somit hat der Nationalchauvinismus Hochkonjunktur. Und in diesem Fahrwasser erscheint auch die Wahl f\u00fcr den Brexit letztendlich nur konsequent.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2017\/09\/welcome-to-brexitland\/#more-5188\">lowerclassmag&#8230;<\/a> vom 2. Oktober 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jimmy Meyer. \u00abHurra, diese Welt geht unter!\u00bb, triumphiert Henning May in seiner Hook in dem gleichnamigen K.I.Z.-Song und liefert den Soundtrack f\u00fcr die Landschaften des Post-Kapitalismus. 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