{"id":2562,"date":"2017-10-03T08:18:53","date_gmt":"2017-10-03T06:18:53","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2562"},"modified":"2017-10-03T08:18:53","modified_gmt":"2017-10-03T06:18:53","slug":"was-sich-seit-1990-fuer-die-ostdeutschen-verschlechtert-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2562","title":{"rendered":"Was sich seit 1990 f\u00fcr die Ostdeutschen verschlechtert hat"},"content":{"rendered":"<p><em>Matthias Krau\u00df. <\/em>Erneut kommt der Jahrestag des Anschlusses heran und erneut ist das Publikum der Wiederholung der Jubelorgie von 1990 ausgesetzt, dem Tanz mit Sekt und B\u00f6llern und Deutschlandfahnen. \u00dcbrigens: Nicht einer der an jenem Tage vor 27 Jahren<!--more--> frenetisch feiernden Ostdeutschen hatte auch nur die Spur einer Ahnung davon, was ihn tats\u00e4chlich erwarten w\u00fcrde. Der Journalismus in Deutschland ist bei dem Thema auf Erfolgspropaganda fixiert. Was sich seit 1990 jedoch f\u00fcr die Ostdeutschen verschlechtert hat, ist weniger im Fokus. Die Aufz\u00e4hlung lohnt also. \u00dcbrigens ist die Liste der Verschlechterungen in etwa so lang wie die der Verbesserungen. Denn vielfach ergeben sie sich auseinander.<\/p>\n<p>Der DDR-B\u00fcrger lebte in einem Land, das Frieden hielt und dessen Politik Friedenspolitik war. Nun ist er B\u00fcrger eines deutschen Staates, der Krieg f\u00fchrt. Es mag Menschen geben, denen das gleichg\u00fcltig ist. Es gibt aber auch Menschen, f\u00fcr die ist das die Frage aller Fragen.<\/p>\n<p>Die DDR hat fl\u00e4chendeckend wirtschaftliche Entwicklung in vormals vernachl\u00e4ssigte Regionen getragen. In unvorstellbarem Ma\u00dfe hat sich der Fortschritt aus diesen Regionen nach 1990 wieder zur\u00fcckgezogen. Ostdeutschland bildet immer mehr das Bild einer Drittwelt-Struktur aus: \u00fcberbordende Megazentren zwischen riesigen toten Zonen. Die UNO warnt ausdr\u00fccklich vor einer solchen Entwicklung.<\/p>\n<p>Durch die politische Wende verloren rund drei Millionen Menschen ihre Arbeit, die Sozialstruktur Ostdeutschlands erlitt Schl\u00e4ge, von denen sie sich bis heute nicht erholt hat. Auf die Einkehr von Demokratie und Freiheit im b\u00fcrgerlichen Sinne reagierten die Ostdeutschen mit einem Geb\u00e4rstreik, f\u00fcr den es in der Geschichte kein Beispiel gibt. In den zehn Jahren nach 1989 wurden in Ostdeutschland mindestens anderthalb Millionen Kinder weniger geboren als in den zehn Jahren davor. Hinzu kam, dass Hunderttausende junge Menschen den Osten auf der Suche nach Arbeit verlie\u00dfen. Das Resultat war \u00dcberalterung, der Osten Deutschlands wurde in die Rolle gezwungen, Reservoir f\u00fcr Arbeitskr\u00e4fte, ewiges Transfergebiet und Altersheim der Nation zu sein.<\/p>\n<p>In den l\u00e4ndlichen Regionen gab es zu DDR-Zeiten Arbeitspl\u00e4tze, Bus- und Eisenbahnanschl\u00fcsse, Verkaufs- und Poststellen, Dorfkneipen, Gemeindezentren, Bibliotheken, Jugendklubs und Kinderg\u00e4rten \u2013 alles Dinge, die es heute gro\u00dfen- oder sogar gr\u00f6\u00dftenteils nicht mehr gibt. Der fl\u00e4chendeckende Schutz durch die Feuerwehr ist nicht mehr gew\u00e4hrleistet, denn es gibt vielerorts schlicht die Wehren nicht mehr.<\/p>\n<p>Im Falle der finanziellen Bed\u00fcrftigkeit \u2013 die es auch in der DDR gab, wenn auch in ungleich geringerem Ma\u00dfe als heute \u2013 wurde das Kindergeld erh\u00f6ht. Heute wird es gestrichen (in Beamtendeutsch hei\u00dft das: mit dem Hartz-IV-Satz \u00bbverrechnet\u00ab.) Dass die Beamten, die hier verrechnen, f\u00fcr ihre Kinder noch Extra-Kindergeld beziehen (Familienzuschlag) rundet das Bild in angenehmer Weise ab.<\/p>\n<p>Zu DDR-Zeiten gingen Frauen mit 60 Jahren in Rente, heute m\u00fcssen sie arbeiten, bis sie 67 sind. Den 477 DDR-Mark, die ein ostdeutscher Durchschnittsrentner 1988 in der DDR erhielt, stehen 830 Euro gegen\u00fcber, die heute in Ostdeutschland als Durchschnittsrente angegeben werden. Wenn der heutige Rentner Wohnung und Essen bezahlt hat, ist seine Rente praktisch aufgebraucht. Wenn der DDR-Rentner Wohnung und Essen bezahlt hatte, verf\u00fcgte er noch \u00fcber die H\u00e4lfte bis zwei Drittel seiner Bez\u00fcge. Sein finanzieller Spielraum war deutlich gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Ab 1981 erhielten in der DDR alle Studierenden ein Stipendium unabh\u00e4ngig vom Einkommen der Eltern, das ihnen die Befriedigung der Grundbed\u00fcrfnisse gestattete. Kein Baf\u00f6g kann das ersetzen. Damals bekamen Sch\u00fcler der 11. und 12. Klasse monatlich ein Geld von Staat, das dem Lehrlingsentgelt entsprach. Dies wurde mit Einzug des bundesdeutschen Rechts gestrichen.<\/p>\n<p>Die Zeitung\u00a0<em>Die Welt<\/em>\u00a0verk\u00fcndete zehn Jahre nach der Wende, der durchschnittliche Intelligenzquotient ostdeutscher Kinder sei von 102 (\u00fcber dem europ\u00e4ischen Durchschnitt) auf 95 (westdeutsches Niveau) abgefallen. Das war dem Einzug bundesdeutscher P\u00e4dagogik geschuldet, wonach in den Kinderg\u00e4rten kein Erziehungsprogramm das Gehirn der Kinder anregte, sondern derzufolge sie in blo\u00dfen Aufbewahrungsanstalten einer liebevollen Verbl\u00f6dung ausgesetzt waren. Pisa-Sieger wie Finnland hatten sich bei ihrem Schulsystem von der in der DDR entwickelten Polytechnischen Oberschule inspirieren lassen \u2013 Ostdeutschland bekam nach der \u00bbWende\u00ab als Sondergeschenk die westdeutsche Beamtenschule \u00fcbergeholfen mit all ihren Geschw\u00fcren.<\/p>\n<p>Die DDR hatte es jungen Frauen erm\u00f6glicht, den Streitkr\u00e4ften beizutreten. Diese Frauen erhielten 1990 als erste einen Tritt und flogen aus der Armee, die erst zehn Jahre sp\u00e4ter Frauen zulie\u00df. Wehrmachtsdeserteure waren zu DDR-Zeiten rehabilitiert \u2013 nach 1990 wurden sie wieder Vorbestrafte. Die Verfolgung von Homosexuellen auf der Grundlage des Strafrechtsparagraphen 175 erfolgte in der DDR seit 1957 nicht mehr. 1988 wurde dort der Paragraph gestrichen. Die vergr\u00f6\u00dferte BRD brauchte daf\u00fcr bis 1994.<\/p>\n<p>In der DDR war das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt, auch und gerade in der Schule. Hier feierte nach 1990 der Atavismus ebenfalls seine Triumphe.<\/p>\n<p>Ist zu erwarten, dass die deutsche Aufarbeitungsindustrie sich diesen Dingen einmal zuwendet? Man wird die Hoffnung begraben m\u00fcssen. Denn das w\u00fcrde ihrem propagandistischen Auftrag zuwiderlaufen.<\/p>\n<p><strong>Westfernsehen<\/strong><\/p>\n<p>Zu den gro\u00dfen Vorteilen der DDR geh\u00f6rte, dass ihre B\u00fcrger bis 1990 geb\u00fchrenfrei Westfernsehen empfangen konnten. Also kostenlos, wenngleich nicht risikofrei. Es l\u00e4sst sich aber genau datieren, wann in der DDR der Westfunk gewisserma\u00dfen freigegeben worden ist. Am 28. Mai 1973 sprach Generalsekret\u00e4r Erich Honecker auf einer Sitzung seines Zentralkomitees beil\u00e4ufig vom Westfernsehen, dass \u00bbja bei uns jeder beliebig ein- und ausschalten kann\u00ab. Das war der Dammbruch. Und irgendwann fiel auch innerhalb der Partei der Satz vom DDR-B\u00fcrger als dem \u00bbbestinformierten Menschen der Welt\u00ab.<\/p>\n<p>Kann man heute sachlich diskutieren, was an dieser Bemerkung sogar richtig war? W\u00e4hrend man den meisten Westdeutschen ihre drei \u00f6ffentlichen Programme zur Ansicht \u00fcberlie\u00df, waren es in weiten Teilen der DDR f\u00fcnf Sender. Zu den Westprogrammen gesellte sich DDR-1 und DDR-2. Wie man es auch dreht und wendet, es sind zwei mehr, das Informationsangebot war reicher. Von den Radiostationen ganz zu schweigen. Wenn wir im heimatlichen Hennigsdorf, das n\u00f6rdlich von Berlin in einer Mauerbucht lag, auf das Dach unseres Plattenwohnblocks gestiegen sind, dann haben wir jene Sendeanlagen mit blo\u00dfem Auge gesehen, die uns mit Westprogrammen belieferten. Die haben wir also \u00bbmit \u2019nem nassen Schn\u00fcrsenkel empfangen\u00ab, wie es damals hie\u00df. Weil der allabendliche Westempfang nat\u00fcrlich bezogen auf die Lebensqualit\u00e4t ein wesentlicher Vorteil war, verengte sich das \u00bbTal der Ahnungslosen\u00ab, d.\u2009h. die Landstriche ohne Westempfangsm\u00f6glichkeit, im Laufe der Jahre zwangsl\u00e4ufig weiter. Anfang der 80er kam die Partei- und Staatsf\u00fchrung nicht umhin, in der ersten sozialistischen verkabelten Stadt auf deutschem Boden, Eisenh\u00fcttenstadt, das Westangebot ins Kabel einzuspeisen. Sonst w\u00e4ren Stahlwerker und Walzer knapp geworden in den deutschen Ostgebieten. Die Tage, als FDJ-Bergsteigertrupps auf Hausd\u00e4chern westgewandte TV-Antennen einfach abs\u00e4gten (Aktion \u00bbOchsenkopf\u00ab) lagen ein Jahrzehnt zur\u00fcck. Unser Klassenlehrer riskierte nichts, als er offen vor der Klasse zusammenfasste: \u00bbNicht alles, was bei uns kommt, ist gut. Und nicht alles, was im Westen kommt, ist schlecht\u00ab.<\/p>\n<p>Die DDR-B\u00fcrger hatten in all den Jahrzehnten nicht allein zwei Sender mehr, es waren dar\u00fcber hinaus Programme, die den Westsendern widersprachen. Prinzipiell widersprachen. Politisch, kulturell, wirtschaftlich, geistig, weltanschaulich widersprachen. Das ist eine hervorragende Situation f\u00fcr den Endempf\u00e4nger, f\u00fcr den Kunden vor dem Bildschirm. Und wer dieses interessante Gerangel und Tauziehen auf den Frequenzen bewusst erlebt hat, der kann das heutige Angebot, diesen Einheitsbrei, nicht mit Vielseitigkeit verwechseln.<\/p>\n<p><em>Quelle:<\/em> <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/319309.the-dark-side-of-the-wende.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a> <em>vom 3. Oktober 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Krau\u00df. Erneut kommt der Jahrestag des Anschlusses heran und erneut ist das Publikum der Wiederholung der Jubelorgie von 1990 ausgesetzt, dem Tanz mit Sekt und B\u00f6llern und Deutschlandfahnen. \u00dcbrigens: Nicht einer der an jenem &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[39,18,45],"class_list":["post-2562","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-deutschland","tag-imperialismus","tag-neoliberalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2562","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2562"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2562\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2563,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2562\/revisions\/2563"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}