{"id":2564,"date":"2017-10-04T08:32:18","date_gmt":"2017-10-04T06:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2564"},"modified":"2017-10-04T08:33:30","modified_gmt":"2017-10-04T06:33:30","slug":"150-jahre-das-kapital-ein-ungeloester-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2564","title":{"rendered":"Ein ungel\u00f6ster Fall: 150 Jahre Das Kapital"},"content":{"rendered":"<p>Ingo<em> Schmidt. Das Kapital<\/em>\u00a0ist einer jener Krimis, bei denen die Leser schon fr\u00fch wissen, wer der B\u00f6sewicht ist. Ob er gefasst wird, bleibt aber bis zum Ende offen. Bisher wurde er nicht gefasst. Deswegen ist seit Marx\u2019 Tod<!--more--> eine Reihe weiterer Folgen geschrieben worden.<\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt in einer gespenstischen Welt. Sie wirkt friedlich und frei. Sie wird von Menschen bewohnt, die untereinander Waren tauschen.\u00a0Jeder gibt, was er hat, aber nicht braucht, und jede nimmt, was sie braucht, aber nicht hat. Getauscht werden die verschiedensten Dinge, die nur eines gemeinsam haben: Alle haben den gleichen Wert. Deshalb kann sich auch niemand nach dem Kaufmannsmotto \u00abBillig einkaufen, teuer verkaufen\u00bb auf Kosten der jeweiligen Tauschpartner bereichern. Trotzdem, das ist das Gespenstische an dieser Tauschwelt, werden einige wenige immer reicher, w\u00e4hrend sich alle anderen abm\u00fchen, nicht \u00e4rmer zu werden. Unter diesen w\u00e4chst der Unmut. Wie k\u00f6nnen einige soviel Reichtum anh\u00e4ufen in einer Welt, in der doch alle gleich sind und Gleichwertiges tauschen? Sie sind emp\u00f6rt, k\u00f6nnen sich die zunehmende Ungleichheit aber nicht erkl\u00e4ren. Schlie\u00dflich heuern sie einen Detektiv an. Karl Marx verspricht, der Sache auf den Grund zu gehen. Nach jahrelangen Recherchen legt er 1867 seinen Abschlussbericht vor und schreibt den Namen des T\u00e4ters gleich auf den Titel: Das Kapital. Eine Organisation, die im Namen des freien Austauschs unter Gleichen die Bereicherung einer Minderheit vorantreibt. Tatort: Fabrik. Die Opfer: Lohnarbeiter und Umwelt.<\/p>\n<p><strong>Folge I: Der Verbrecher wird sich selber richten<\/strong><\/p>\n<p>Zur \u00dcberraschung seiner Auftraggeber behauptet Marx, besagte Organisation sei keinesfalls eine kriminelle Vereinigung. Sie operiere in aller \u00d6ffentlichkeit, ihre F\u00fchrung breche kein Recht, sondern habe die moralischen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit in die juristischen Formen privaten Eigentums und Vertragsfreiheit gegossen. Allerdings h\u00e4tten nur Personen, die \u00fcber Privateigentum an Produktionsmitteln verf\u00fcgen, Zugang zur F\u00fchrung der \u2013 in Marx\u2019 Worten \u2013 kapitalistischen Organisation der Produktion. Auch seine Auftraggeber seien \u00fcbrigens Mitglieder der Organisation, h\u00e4tten allerdings das Pech, dass ihre Arbeitskraft die einzige Ware sei, die sie im Tausch gegen Lebensmittel anzubieten h\u00e4tten. Dagegen h\u00e4tte die kapitalistische F\u00fchrung der Organisation das Gl\u00fcck, dass die Anwendung dieser Arbeitskraft in der Fabrik mehr Wert schaffe als sie in der Anschaffung koste. Dieser Mehrwert werde am Markt durch Verkauf der in der Fabrik hergestellten Ware realisiert und falle den Kapitalisten zu, weil die bei der Herstellung verwendeten Produktionsmittel und Arbeitskraft ihr Eigentum seien.<\/p>\n<p>Die Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten sei also legal und dar\u00fcber hinaus notwendig, weil nur die Aneignung und Reinvestition dieses Mehrwerts es den Kapitalisten erlaube, in der Konkurrenz, die sie untereinander austragen, zu bestehen. Sie seien nicht unbedingt moralisch verkommene, auf die Ausbeutung ihrer Arbeiter erpichte Subjekte, sondern Triebt\u00e4ter, die nicht aus Markt und F\u00fchrungspositionen verdr\u00e4ngt werden wollen.<\/p>\n<p>Wenn die Arbeiter der Ausbeutung entfliehen wollten, m\u00fcssten sie zun\u00e4chst selbst zu Gesetzesbrechern werden, sich die Produktionsmittel von den Kapitalisten aneignen und in eigener Regie betreiben. Die Aussichten daf\u00fcr seien gar nicht so schlecht. Infolge der Konkurrenz untereinander werden einzelne Kapitalisten n\u00e4mlich in die Pleite getrieben, die verbliebenen von Krisen geplagt. Lassen sie viel produzieren, um der Konkurrenz Marktanteile abzujagen, steigen mit der Nachfrage nach Arbeitskraft auch die L\u00f6hne, die Profitrate ger\u00e4t unter Druck. Fahren die Kapitalisten die Produktion dann zur\u00fcck, um \u00fcber h\u00f6here Arbeitslosigkeit die L\u00f6hne wieder zu senken, fehlt es an Massenkaufkraft, um die zuvor in gro\u00dfer Zahl hergestellten Waren abzusetzen. Es kommt zu einer \u00dcberproduktionskrise.<\/p>\n<p>Versuchen Kapitalisten dem Zyklus von Profitklemme und Nachfragemangel durch die Einf\u00fchrung arbeitssparender Technologien zu entgehen, s\u00e4gen sie am mehrwertschaffenden Ast lebendiger Arbeitskraft. Infolge von Kapitalkonzentration und Krisen werden die Kapitalisten zu einer vom Aussterben bedrohten Art, w\u00e4hrend die mit der Kapitalakkumulation gewachsenen Reihen des Proletariats dem sozialistischen Umsturz die notwendige Massenbasis verschaffen.<\/p>\n<p>Um diese Basis zur Vollstreckung des historischen Urteils \u00fcber die Kapitalisten zu mobilisieren, gr\u00fcnden Marx\u2019 Anh\u00e4nger Gewerkschaften, Parteien und Arbeiterbildungsvereine. Allerdings schwindet der revolution\u00e4re Elan, als Mitte der 1890er Jahre ein anhaltender Aufschwung einsetzt, der im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0nicht vorgesehen ist. Mit dem Aufschwung steigen die L\u00f6hne vieler Arbeiter, die Zahl der Kapitalisten ist zwar gesunken, ihr Zusammenhalt untereinander aber gestiegen. Die Idee, Partei- und Gewerkschaftsf\u00fchrungen k\u00f6nnten sich mit Konzernspitzen und Regierungen auf soziale Reformen verst\u00e4ndigen, ohne die kapitalistische Organisation zu zerst\u00f6ren, gewinnt immer mehr Anh\u00e4nger.<\/p>\n<p>Marx ist tot. Aber eine neue Generation von Detektiven fragt sich, wie es seinen Prognosen zum Trotz zu einem anhaltenden Aufschwung kommen konnte. Sie gehen<em>\u00a0Das Kapital<\/em>\u00a0nochmals durch. Hat Marx etwas \u00fcbersehen? Oder hat sich der Kapitalismus so sehr ge\u00e4ndert, dass seine Analyse der neuen Zeit angepasst werden muss? Sie fahnden nach den Ursachen des Aufschwungs, aber auch nach Sollbruchstellen. Eine Spur f\u00fchrt in die Vorstandsetagen von Konzernen, Kartellen und Konglomeraten. Eine andere f\u00fchrt auf den Weltmarkt.<\/p>\n<p><strong>Folge II: Die Regel und die Ausnahmen<\/strong><\/p>\n<p>Das Ermittlungsergebnis der jungen Detektivgeneration: Eine neue Welle der Kolonialisierung hat gro\u00dfen Unternehmen erlaubt, Investitionen in \u00dcbersee, insbesondere in Schifffahrt und Eisenbahnen zu t\u00e4tigen. Diese haben einen allgemeinen Aufschwung ausgel\u00f6st. \u00adAngesichts der nat\u00fcrlichen Grenzen der r\u00e4umlichen Expansion werde es aber zu politischen Konflikten unter den Kolonialm\u00e4chten kommen. So kam es denn auch. Und aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben stieg die revolution\u00e4re Welle auf. Sie f\u00fchrte aber nur in Russland, wo mehr Bauern als Arbeiter in den Uniformen steckten, zum Sieg.<\/p>\n<p>Die Arbeiterbewegungen im Westen unterlagen der organisierten Konterrevolution, w\u00e4hrend Bauernbewegungen die antikoloniale Revolution in vielen L\u00e4ndern zum Sieg f\u00fchrten. Dadurch, so folgerten Mitglieder der Detektei Marx, werde der Weltmarkt eingeschn\u00fcrt, es komme zu Absatzkrisen und endlich zu der von Marx vorausgesagten Arbeiterrevolution. Die Krise kam. Allerdings schon in den 30er Jahren, als nur die Sowjetunion aus dem kapitalistischen Weltmarkt herausgefallen war. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Zahl nichtkapitalistischer L\u00e4nder stieg, kam es dagegen zu einem Aufschwung, der den am Ende des 19.Jahrhunderts noch bei weitem \u00fcbertraf. W\u00e4hrend in der Detektei noch dar\u00ad\u00fcber gegr\u00fcbelt wurde, wie viel der Neokolonialismus zum neuerlichen Aufschwung beigetragen hatte, kam es zu unerwarteten Arbeiterrevolten.<\/p>\n<p>Die Ursache: Mit dem Aufschwung waren Arbeitshetze und eine die Reall\u00f6hne aufzehrende Inflation einhergegangen. Au\u00dfer den Arbeitern revoltierten auch die Frauen. Vom Aufschwung in den Arbeitsmarkt gezogen, sollten sie Doppelschicht arbeiten: im Haushalt und in der Firma. Und es revoltierte die Jugend, die in fremdbestimmter Arbeit und einer unter dem Wohlstandm\u00fcll erstickenden Natur wenig Zukunft f\u00fcr sich sah. Nicht die Krise, sondern der Aufschwung hatte zum Aufstand gef\u00fchrt. Bevor die verschiedenen Aufstandszentren sich jedoch zu einer gemeinsamen Front gegen die kapitalistische Organisation zusammenschlie\u00dfen konnten, begannen die Kapitalisten, die Welt auf den Kopf zu stellen. Dabei verloren ihre linken Gegner den Boden unter den F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Folge III: Ein z\u00e4her Hund<\/strong><\/p>\n<p>Der seit den fr\u00fchen 1980er Jahren erfolgte Aus- und Umbau der kapitalistischen Organisation in ein undurchsichtiges Netz von Waren- und Kapitalstr\u00f6men war bei Marx bestenfalls zwischen den Zeilen zu finden. Bei seinen Nachfolgern fast gar nicht. Bis in die Revolten der 70er Jahre gingen die meisten von ihnen davon aus, dass die gro\u00dfe Krise noch kommen werde. Die Bauernrevolutionen im S\u00fcden seien nur ein Umweg zur Generalabrechnung der Arbeiter mit der Bestie gewesen. Doch dann mussten sie erkennen, dass Revolten, die w\u00e4hrend des Aufschwungs begonnen hatten, sich in der Krise keineswegs zur Revolution zuspitzten.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr lernten die Kapitalisten, die Krise als Waffe im Klassenkampf zu nutzen. Eine Serie von Finanz- und Fiskalkrisen diente als Hebel, um soziale Dienste und Absicherungen zur\u00fcckzufahren und \u00f6ffentliche Betriebe zu privatisieren. Automation, Zergliederung hierarchischer Produktionsabl\u00e4ufe und Standortverlagerungen haben den alten Organisationszentren der Arbeiterklasse ihre Grundlage entzogen und die Klasse damit nahezu handlungsunf\u00e4hig gemacht. Der Geld- und Kapitalfetisch, von dem Marx nur in Andeutungen gesprochen hatte, wurde zur Massenreligion, je mehr undurchschaubare Produktions- und Distributionsnetzwerke von den Knotenpunkten der Finanzwelt ausgehend gesteuert wurden.<\/p>\n<p><strong>Vorschau<\/strong><\/p>\n<p>Marx und die Detektive haben sich geirrt. Nicht ein von Konkurrenzkampf und Krisen ersch\u00f6pfter Haufen Kapitalisten hatte den im Klassenkampf gest\u00e4hlten Proletariern aller L\u00e4nder die Organisation des gesellschaftlichen Lebensprozesses zwecks kollektiver Selbstverwaltung abzutreten. Vielmehr haben die Kapitalisten jede Herausforderung durch die Arbeiterbewegung und andere soziale Bewegungen in neue, von ihnen kontrollierte Produktionsprozesse und M\u00e4rkte verwandelt. Dabei haben sie eine Welt geschaffen, die jener, die Marx im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0beschreibt, zum Verwechseln \u00e4hnlichsieht. Die aber auch die Narben der K\u00e4mpfe tr\u00e4gt, die gegen das Kapital gef\u00fchrt wurden. Eine Welt, der es heute an einer systemischen Herausforderung fehlt, die den Ausgang aus selbstzerst\u00f6rerischen Krisen vorantreiben k\u00f6nnte. Eine kapitalistische Welt, die so ungeliebt ist, dass die Abwesenheit einer solchen Herausforderung \u00fcberraschen muss.<\/p>\n<p>Eine neue Generation von Detektiven wird\u00a0<em>Das Kapital<\/em>\u00a0weiterentwickeln und neue Spuren zu dessen \u00dcberwindung finden. Vielleicht. Wir arbeiten daran.<\/p>\n<p><em>Sachdienliche Hinweise zur Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen die kapitalistische Organisation bieten die Beitr\u00e4ge in:\u00a0<\/em><strong>Das Kapital@150. Russische Revolution@100. Hrsg. Ingo Schmidt. Hamburg: VSA, 2017 (320 S., 24,80 \u20ac)<\/strong><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2017\/10\/150-jahre-das-kapital\/\">Soz Nr. 10\/2017&#8230;<\/a> vom 4. Oktober 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ingo Schmidt. Das Kapital\u00a0ist einer jener Krimis, bei denen die Leser schon fr\u00fch wissen, wer der B\u00f6sewicht ist. Ob er gefasst wird, bleibt aber bis zum Ende offen. Bisher wurde er nicht gefasst. 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