{"id":2590,"date":"2017-10-10T08:35:48","date_gmt":"2017-10-10T06:35:48","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2590"},"modified":"2017-10-10T08:35:48","modified_gmt":"2017-10-10T06:35:48","slug":"che-guevara-die-geschichte-eines-tragischen-helden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2590","title":{"rendered":"Che Guevara \u2013 Die Geschichte eines tragischen Helden"},"content":{"rendered":"<p><strong>1928 wird Ernesto \u201eChe\u201c Guevara als Sohn eines Plantagenbesitzers in Argentinien geboren. 200 Familien aus Gro\u00dfgrundbesitz, Handel, Industrie und Politik besitzen dort praktisch alles, w\u00e4hrend die Masse in Armut dahinvegetiert.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Unter den indianischen Wanderarbeitern w\u00fctet die Tuberkulose. In den Kohlegruben sterben die Arbeiter gew\u00f6hnlich mit 30, die Lungen von Kohlestaub zerfressen.<\/p>\n<p>Che w\u00e4chst in einem kritischen Elternhaus auf. In einem Liebesbrief an eine Tochter aus reichem Hause schreibt er mit 17: \u201eDie Summe des Elends ist zu gro\u00df, die Schuld dieser Klasse in die du hineingeboren bist, ist zu gro\u00df, als das ich sein k\u00f6nnte, sein m\u00f6chte wie sie: Ich versp\u00fcre diese Schuld manchmal nachts als einen Alpdruck.<\/p>\n<p>Der Duft Deines K\u00f6rpers kann nicht aus meiner Phantasie die Anklage verdr\u00e4ngen, die von dem Elendsgestank ausgeht, der aus den Slums herausdampft: Reichtum; nein, ich will keinen Teil daran haben. Ich will keinen Teil daran haben, dass diese Ungerechtigkeit fortbesteht.\u201c<\/p>\n<p>Als Medizinstudent reist er mit einem Freund auf einem Motorrad durch fast alle L\u00e4nder Mittel\u2013 und S\u00fcdamerikas. Das Tagebuch, das er auf dieser Reise gef\u00fchrt hat, ist jetzt verfilmt worden.<\/p>\n<p>Che erlebt, wie US-Konzerne riesige Mengen an Rohstoffen und Profiten aus dem Kontinent ziehen und Regierungen ein- oder absetzen, wie es ihnen gef\u00e4llt. Die L\u00e4nder bleiben unterentwickelt und abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Die einheimischen Herrscher verprassen ihren Reichtum oder schaffen ihn ins Ausland. \u00dcberall rebellieren Menschen, doch meistens ersetzt am Ende nur eine Clique die andere.<\/p>\n<p>1955 trifft Guevara in Mexiko den kubanischen Rechtsanwalt Fidel Castro, der seine Heimat von dieser Knechtschaft befreien will. Che ist begeistert: \u201e\u2026in diesem Kampf gab es nur Sieg. Ich teilte seinen Optimismus. Es war unausweichlich, mit dem Jammern aufzuh\u00f6ren und mit dem Kampf zu beginnen.\u201c<\/p>\n<p>Im Dezember 1956 stechen Castro und Guevara mit 80 weiteren K\u00e4mpfern in Richtung Kuba in See.<\/p>\n<p>Die Wirtschaft der Insel geh\u00f6rt praktisch den USA: Die US-Beteiligung an der Telefon- und Elektrizit\u00e4tsversorgung \u00fcbersteigt 90 Prozent, bei den Eisenbahnbetrieben macht sie die H\u00e4lfte aus, in der Rohrzuckerproduktion 40 Prozent. Zucker macht 80 Prozent aller kubanischen Exporte aus. Das Pro-Kopf Einkommen war seit 50 Jahren nicht gestiegen.<\/p>\n<p>Zwei Jahre Kampf gen\u00fcgen, um das Regime des Diktators Batista zu besiegen. Am Ende besteht die Streitmacht der Revolution\u00e4re aus 800 Mann und zivilen Einheiten von etwa 2200.<\/p>\n<p>Die Bauern unterst\u00fctzen die Revolution\u00e4re passiv, auch die Arbeiter bleiben weitgehend ruhig. Die Leitung des Kampfes liegt in den H\u00e4nden der Guerilla-F\u00fchrung, deren Kern aus Intellektuellen besteht.<\/p>\n<p>Batistas Regime ist so wenig verwurzelt und so korrupt, dass sich keine Hand daf\u00fcr r\u00fchrt, als Castro und Guevara in Havanna einmarschieren. Selbst die Regierung der USA glauben nicht mehr an Batista.<\/p>\n<p>Als wichtiger milit\u00e4rischer F\u00fchrer \u00fcbernimmt Che leitende Funktionen. Er wird Pr\u00e4sident der Nationalbank, Leiter des Instituts f\u00fcr Agrarreform und wichtiger Vordenker der \u201eneuen Gesellschaft\u201c.<\/p>\n<p>Die neue Regierung will Kuba aus seiner Abh\u00e4ngigkeit befreien, modernisieren und industrialisieren. Aber selbst wenig radikale Ma\u00dfnahmen der Regierung wie eine milde Landreform gehen den USA zu weit.<\/p>\n<p>Amerikanisches und kubanisches Kapital wird von der Insel abgezogen. Dann verh\u00e4ngt die US-Regierung eine komplette Wirtschaftsblockade, um das Regime in die Knie zu zwingen.<\/p>\n<p>Eine eigenst\u00e4ndige nationale Entwicklung gegen den Druck der USA und in deren unmittelbarer Nachbarschaft ist unm\u00f6glich. Die kubanische F\u00fchrung sieht keinen anderen Weg als die Ann\u00e4herung an die Sowjetunion.<\/p>\n<p>Castro erkl\u00e4rt sich 1961 pl\u00f6tzlich zum \u201eMarxisten-Leninisten\u201c. Die F\u00fchrung der UdSSR sieht die revolution\u00e4re Insel vor der Haust\u00fcr der USA als Trumpf im Kampf der Superm\u00e4chte. Sie nutzt die kubanische Wirtschaft zum eigenen Vorteil.<\/p>\n<p>Guevara ist entsetzt. Die Sowjetunion fordert Lebensmittel und Rohstoffe, f\u00f6rdert aber die industrielle Entwicklung auf Kuba nicht. F\u00fcr Zucker zahlen die Sowjets nur Weltmarktpreise. 1963\/64 muss sich die Regierung eingestehen, dass die Abh\u00e4ngigkeit vom Zucker so gro\u00df ist wie eh und je.<\/p>\n<p>Noch unter Ches Regierung versucht man, durch Rationierung von Lebensmitteln und Textilien Geld f\u00fcr die Industrie vom Lebensstandard der Arbeiter abzuknapsen. Mit Appellen an die soziale Verantwortung und die sozialistische Moral versucht Guevara, die Opferbereitschaft der Arbeiter zu erh\u00f6hen. Schlie\u00dflich greift das Regime mehr und mehr auf Zwang und Autorit\u00e4t zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Kuba steckt in einer Sackgasse. Jetzt treten Ches St\u00e4rken und Schw\u00e4chen klar hervor.<\/p>\n<p>Seine St\u00e4rke liegt in seiner revolution\u00e4ren \u00dcberzeugung und in seinem Tatendrang. W\u00e4hrend Castro versucht, den Spielraum des Landes zu erweitern, indem er Spannungen zwischen der Sowjetunion und China ausnutzt, will Che die Revolution ausbreiten.<\/p>\n<p>Er greift die UdSSR an, weil sie bereit ist, auf Aufst\u00e4nde zu verzichten, um das Gleichgewicht mit den USA zu halten. 1965 klagt Guevara die sozialistischen Staaten an, \u201eKomplizen der Ausbeuter\u201c zu sein.<\/p>\n<p>Obwohl die UdSSR keine von ihnen unabh\u00e4ngige Befreiungsbewegung tolerieren will, beharrt Che: \u201eWir k\u00f6nnen nicht aufh\u00f6ren, unser Beispiel zu exportieren.\u201c Sein Motto \u201eSchafft zwei, drei, viele Vietnams\u201c wird von der Studentenbewegung aufgegriffen, die sich im Westen w\u00e4hrend des Kriegs der USA gegen die vietnamesische Befreiungsbewegung entwickelt.<\/p>\n<p>Guevara versucht, aus seinen Erfahrungen in Kuba ein Drehbuch f\u00fcr andere Revolutionen zu machen. In Bolivien zeigen sich die Schw\u00e4chen dieser Idee. Dort will Che das Fanal f\u00fcr den Aufstand der Unterdr\u00fcckten in ganz S\u00fcdamerika setzen. Er scheitert kl\u00e4glich.<\/p>\n<p>1966\/67 f\u00e4ngt Guevara mit einigen kubanischen Mitstreitern an, ein Guerilla-Lager in Bolivien aufzubauen und K\u00e4mpfer um sich zu sammeln. Auf Bolivien f\u00e4llt die Wahl eher zuf\u00e4llig. Der Ort spielt in Ches Theorie keine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Guevara meint, dass ein Revolution\u00e4r nicht auf die Bedingungen f\u00fcr eine Revolution warten m\u00fcsse, sondern diese selbst durch seine Tat schaffen k\u00f6nne. Die Guerillas sollten einfach in einem begrenzten Gebiet mit ihrem \u201eheldenhaften Kleinkrieg\u201c beginnen.<\/p>\n<p>In diesem Kleinkrieg w\u00fcrden dann Bastionen der Partisanen entstehen. Der Kampf w\u00fcrde die Diktatur zwingen, sich ohne Maske in ihrer Brutalit\u00e4t zu zeigen und so die Gesellschaft offen in Herrscher und Beherrschte polarisieren. Die Reihen der Partisanen k\u00f6nnten dann durch Bauern aufgef\u00fcllt werden. Immer weitere Gebiete w\u00fcrden unter die Kontrolle der Aufst\u00e4ndischen geraten \u2013 bis zum endg\u00fcltigen Sieg.<\/p>\n<p>Doch die bolivianischen Bauern haben kein Interesse an Ches Kampf. Die bolivianische Regierung ist lange nicht so wurzellos und schwach wie es das kubanische Regime unter Batista gewesen war.<\/p>\n<p>Die Partisanen bleiben v\u00f6llig isoliert. Regierungstruppen mit Unterst\u00fctzung aus den USA k\u00f6nnen immer mehr K\u00e4mpfer umbringen. Nach einem Jahr ist der Kampf endg\u00fcltig verloren: Am 9. Oktober ger\u00e4t Che mit seinen Guerilleros in einen Hinterhalt. Er wird gefangen und sp\u00e4ter erschossen.<\/p>\n<p>H\u00e4tte die Geschichte anders ausgehen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des bolivianischen Abenteuers streikten die dortigen Minenarbeiter \u2013 unabh\u00e4ngig von Guevaras Guerillakampf. Sie waren schon 1952 die Vork\u00e4mpfer einer Revolution gewesen.<\/p>\n<p>Che h\u00e4tte sein Ziel der nationalen Befreiung mit den Klassenk\u00e4mpfen der Arbeiter verbinden k\u00f6nnen, die immer wieder auf dem Kontinent aufflammten. 1969 regierten Arbeiter f\u00fcr eine kurze Zeit die argentinischen St\u00e4dte Cordoba und Rosaria.<\/p>\n<p>Ende der 1960er Jahre wehrten sich auch in Chile immer mehr Arbeiter. Das war 1970 die Grundlage f\u00fcr einen gefeierten Wahlsieg einer Koalition von Sozialdemokraten, Sozialisten und anderen unter F\u00fchrung von Salvador Allende.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr Che lag das Zentrum des Kampfes auf dem Land. Das bedeutete zwangsl\u00e4ufig, dass der Tr\u00e4ger der Revolution nicht die st\u00e4dtische Arbeiterklasse, sondern die Bauern \u2013 die allerdings von st\u00e4dtischen Intellektuellen gef\u00fchrt werden sollten \u2013 sein w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Guevara hatte seit den 1950er-Jahren immer wieder Texte von Karl Marx studiert. Er teilte mit Marx eine grunds\u00e4tzliche Feindschaft gegen\u00fcber Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>In seiner Politik wich Che aber von Marx Grund\u00fcberzeugung ab, dass die Befreiung vom Kapitalismus nur das Werk der Arbeiter selbst sein k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Guevara meinte, das revolution\u00e4re Potenzial erwachse aus der absoluten Armut und der Sch\u00e4rfe der Unterdr\u00fcckung. Es brauche nur die Entschlossenheit der Tat, gen\u00fcgend Mut und die richtigen Ideen der Partisanen, um die Bauern mit zu rei\u00dfen, zu erziehen und auf den richtigen Weg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Anders als auf Kuba\u00a0konnten Ches Elan und seine Opferbereitschaft in Bolivien die Selbstaktivit\u00e4t der Arbeiterklasse nicht mehr ersetzen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/wer-war-che-guevara\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10 Oktober 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1928 wird Ernesto \u201eChe\u201c Guevara als Sohn eines Plantagenbesitzers in Argentinien geboren. 200 Familien aus Gro\u00dfgrundbesitz, Handel, Industrie und Politik besitzen dort praktisch alles, w\u00e4hrend die Masse in Armut dahinvegetiert.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[71,45,4],"class_list":["post-2590","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-lateinamerika","tag-neoliberalismus","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2590"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2591,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2590\/revisions\/2591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}