{"id":2595,"date":"2017-10-11T17:04:10","date_gmt":"2017-10-11T15:04:10","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2595"},"modified":"2017-10-11T17:04:10","modified_gmt":"2017-10-11T15:04:10","slug":"zehn-sekunden-so-lange-existierte-die-katalanische-republik-von-puigdemont","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2595","title":{"rendered":"Zehn Sekunden: So lange existierte die Katalanische Republik von Puigdemont"},"content":{"rendered":"<p><em>Hovhannes Gevorkian<\/em>. Mit gro\u00dfer Spannung war die Rede des katalanischen Pr\u00e4sidenten Carles Puigdemont erwartet worden. In der ersten Sitzung des Parlamentes nach dem Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum vom 1. Oktober betonte er zwar, <!--more-->\u201eDas Ja hat gewonnen\u201c und \u201eDas ist der Weg, den ich beschreiten werde\u201c. Doch nur Sekunden sp\u00e4ter suspendierte er die Erkl\u00e4rung der Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Obwohl nach Puigdemont die Lage Kataloniens \u201ein den letzten Jahren immer schlimmer geworden\u201c sei, machte er in seiner Rede einen verr\u00e4terischen R\u00fcckzieher. Entgegen dem klaren Ergebnis des Referendums vom 1. Oktober, wo \u00fcber 90 Prozent mit Ja gestimmt hatten, erkl\u00e4rte er nicht die Unabh\u00e4ngigkeit. Es ist in erster Linie eine Verschiebung der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, die ein faules Man\u00f6ver darstellt: Mit der Aussetzung des Unabh\u00e4ngigkeitsprozesses und dem Angebot zum Dialog mit dem 78er Regime will er Zeit gewinnen, um die aufgebrachten Massen zu beruhigen und vor allem auf den institutionellen Weg zur\u00fcckzubringen.<\/p>\n<p>Denn sp\u00e4testens seit dem Generalstreik am 3. Oktober begannen diese, unter der F\u00fchrung der Arbeiter*innenklasse immer mehr die Eigeninitiative zu ergreifen. Das Einknicken Puigdemonts stellt eine Kapitulation gegen\u00fcber dem 78er Regime dar, denn dieses hat sich bis zum heutigen Tage nicht einen Millimeter in seiner kompromisslosen Haltung auf Barcelona zubewegt. Immer wieder bekr\u00e4ftigte die konservative Regierung um Mariano Rajoy, dass sie keine Vermittlung akzeptieren werde. Der Druck vergr\u00f6\u00dferte sich in den letzten Tagen: Aus dem ganzen Spanischen Staat wurde\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/regierungsparteien-und-faschistinnen-demonstrieren-in-barcelona-fuer-die-einheit-spaniens-mit-bildern\/\"><strong>am Sonntag nach Barcelona mobilisiert<\/strong><\/a>, um f\u00fcr die \u201eEinheit\u201d des Zentralstaates zu demonstrieren.<\/p>\n<p><strong>Aufgeschoben\u2026<\/strong><\/p>\n<p>\u2026 ist nicht aufgehoben? Die Parlamentssitzung fand mit einer Stunde Versp\u00e4tung statt, weil es vorher Diskrepanzen mit der CUP gab, die eine deutlich radikalere Erkl\u00e4rung haben wollten. Doch obwohl Puigdemont seine Rede mit zahllosen Anklagen gegen\u00fcber Madrid begann \u2013 er z\u00e4hlte auf, dass \u201eseit dem Tode Francisco Francos niemand mehr zur Demokratie beigetragen habe als Katalonien\u201d, und benannte die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/spanische-regierung-nimmt-katalonische-politikerinnen-fest-generalstreik-schwebt-in-der-luft\/\"><strong>Festnahmen vom 20. September<\/strong><\/a>\u00a0\u2013, konnte er letztlich nichts weiter tun, als vor Madrid auf die Knie zu fallen. Immer wieder kam er auf den friedlichen Charakter der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung zu sprechen; immer wieder betonte er den Wunsch, innerhalb der pro-imperialistischen Institutionen wie der EU oder der UN die Selbstbestimmung Kataloniens durchzusetzen. Doch diese verweigerten jedes Mal eine Vermittlungsrolle und stellten sich auf die Seite der Zentralregierung.<\/p>\n<p>In diesem \u201eau\u00dferordentlichen Moment von historischer Dimension\u201d konnte er den Arbeiter*innen und Jugendlichen jedoch nicht mehr bieten als die Suspendierung der Unabh\u00e4ngigkeitsprozesses. Damit legte er einmal mehr den Beweis dar, dass nur unter der F\u00fchrung der Arbeiter*innenklasse mit den Methoden Klassenkampfes das Selbstbestimmungsrecht der katalanischen Nation durchgesetzt werden kann. Ja, diese unterdr\u00fcckte Nation hat das \u201eRecht verdient, einen unabh\u00e4ngigen Staat\u201c zu haben, wie es auch Puigdemont feststellte. Doch dieses Recht kann nur mit einem unvers\u00f6hnlichen Bruch gegen\u00fcber dem reaktion\u00e4ren 78er Regime durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Das Regime in Madrid zeigte nicht zuletzt durch den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/live-harte-repression-beim-referendum-in-katalonien\/\"><strong>schonungslosen Polizeieinsatz beim Referendum<\/strong><\/a>, dass es eine kompromisslose Linie in der nationalen Frage f\u00e4hrt. Es ist das Erbe des Franquismus, und es ist eine Illusion \u2013 wie die kleinb\u00fcrgerliche F\u00fchrung um Puigdemont \u2013 zu glauben, auf dem pazifistisch-institutionellen Wege sei ein unabh\u00e4ngiges Katalonien zu erreichen. Diese Illusion ist mit dem heutigen Verrat von Puigdemont auf dem Friedhof der Geschichte gelandet. Es ist nun an der Zeit, dass unsere Klasse das Heft in die Hand nimmt und in Einheit mit der gesamten Arbeiter*innenklasse des Spanischen Staates f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht Kataloniens k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>In den letzten Tagen wurde Puigdemont nicht zuletzt von Pablo Casado, stellvertretender Sekret\u00e4r f\u00fcr Kommunikation des Partido Popular, mit Llu\u00eds Companys verglichen. Companys hatte am 6. Oktober 1934 die \u201eeigenst\u00e4ndige katalanische Republik\u201c ausgerufen. Am n\u00e4chsten Tag erfolgte die Niederschlagung der katalanischen Republik mit rund 80 Todesopfern. Companys wurde verhaftet und sa\u00df die n\u00e4chsten zwei Jahre in Haft.<\/p>\n<p>Die katalanische Republik von Companys existierte zehn Stunden \u2013 Puigdemonts Republik existierte nur zehn Sekunden. Tr\u00e4nen und Wut waren nach dem Verrat von Puigdemont vor dem Parlament zu sehen, wo sich tausende Menschen versammelt hatten, um die Parlamentssitzung zu verfolgen.<\/p>\n<p>Salvador Lou, Mitglied der Revolution\u00e4ren Arbeiter*innenstr\u00f6mung (CRT), wertet die Ereignisse aus:<\/p>\n<p>Heute hat sich gezeigt, dass das Referendum vom 1. Oktober nicht von der Regierungspartei PdeCAT, der traditionellen Partei der katalanischen Bourgeoisie, verteidigt wird. Sie wollen nicht mit dem Regime von \u201978 brechen, sie wollen sich nicht mit der Gro\u00dfbourgeoisie anlegen, die einen Wirtschaftskrieg gegen das Recht auf Selbstbestimmung der Katalan*innen er\u00f6ffnet haben.<\/p>\n<p>Das Ergebnis des Referendums kann nur durchgesetzt werden, wenn die Arbeiter*innen, die Jugend und die Frauen die F\u00fchrung des demokratischen Kampfes f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Kataloniens \u00fcbernehmen. Wenn die Komitees in Fabriken, Stadtteilen, Schulen und Unis m\u00fcssen ausgeweitet werden. Wenn sie den Generalstreik proklamieren. Wenn wir die Unternehmen besetzen, die jetzt Katalonien verlassen wollen. Und wenn wir jetzt k\u00e4mpfen, um einen freien und souver\u00e4nen verfassungsgebenden Prozess zu er\u00f6ffnen, um ein unabh\u00e4ngiges Katalonien zu schaffen. Ein Katalonien, das uns Arbeiter*innen, Jugendlichen und Frauen geh\u00f6rt und nicht den Kapitalist*innen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/zehn-sekunden-so-lange-existierte-die-katalanische-republik-von-puigdemont\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 11. Oktober 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hovhannes Gevorkian. Mit gro\u00dfer Spannung war die Rede des katalanischen Pr\u00e4sidenten Carles Puigdemont erwartet worden. In der ersten Sitzung des Parlamentes nach dem Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum vom 1. 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