{"id":2645,"date":"2017-10-25T15:54:16","date_gmt":"2017-10-25T13:54:16","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2645"},"modified":"2018-01-19T17:49:40","modified_gmt":"2018-01-19T15:49:40","slug":"2645","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2645","title":{"rendered":"Die Linke ohne die Leute?"},"content":{"rendered":"<p><em>Anlass f\u00fcr das Papier von Wolfgang Schaumberg ist seine Beobachtung, dass gerade bei jungen Linken das Interesse an der Masse der den Reichtum und die Macht der Kapitalistenklasse in den Gro\u00dfbetrieben produzierenden Menschen und an ihrem Verh\u00e4ltnis zur Gewerkschaft relativ gering ist.<\/em><!--more--><\/p>\n<p><em> Entsprechend wenig ernst genommen werde die ideologische Beeinflussung im Betriebsalltag durch Theorie und Praxis vieler \u00bbInteressenvertreter\u00ab. Das Papier will die Diskussion anregen und dazu auffordern, systematisch auf einzelne Belegschaften zuzugehen und Vernetzung zu suchen. Das erfordert zwar langen Atem. Ohne den aber bleibt die ertr\u00e4umte Revolution in allen Ewigkeiten ein Traum<\/em>\u2026<\/p>\n<p><em>Wolfgang Schaumberg. <\/em>Ohne dass immer mehr Menschen gegen Verschlechterungen ihrer Arbeits- und Lebenssituation und f\u00fcr sinnvolle Reformen auf die Stra\u00dfe gehen, haben revolution\u00e4re Linke keine Chance, die notwendige Debatte \u00fcber die Systembedingtheit beklagter Entwicklungen sowie \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer anderen Gesellschaft wirksam unter die Leute zu bringen. Das ist nicht diskutierbar mit denjenigen \u2013 zumeist bildungsprivilegierten \u2013 Linken, die sich beim Weltinterpretieren im linksintellektuellen Selbstbefriedigungsmilieu wohlf\u00fchlen und die dann eines Tages mit dem guten Gef\u00fchl, Recht gehabt zu haben, das Zeitliche segnen.<\/p>\n<p>Zu unterst\u00fctzen sind deshalb all die Linken, die sich zum Beispiel in ihren Stadtvierteln, in den noch verbliebenen Betriebsgruppen, in Mieter- oder vielerlei anderen Initiativen mit den Leuten zusammentun, Gegenwehr organisieren oder ein anderes Zusammenleben und -arbeiten ein\u00fcben.<\/p>\n<p>Als revolution\u00e4re Linke m\u00fcssen wir uns mit der Tatsache auseinandersetzen, nach wie vor nur eine kleine Minderheit zu sein, m\u00fcssen unsere Schw\u00e4chen einkreisen und \u00fcber zukunftstr\u00e4chtige Vorschl\u00e4ge solidarisch streiten. Die folgenden \u00dcberlegungen sollen dazu einen Beitrag leisten.<\/p>\n<p>Dazu vorab: Bei allen \u00dcberlegungen und Ans\u00e4tzen, breite k\u00e4mpferische Solidarisierungen voranzubringen, ist David Harveys Hinweis hilfreich: \u00bbDer b\u00fcrgerliche und liberale Humanismus bildet nur eine verschwommene ethische Basis f\u00fcr das weitgehend folgenlose Moralisieren \u00fcber den traurigen Zustand der Welt und f\u00fcr das ebenso folgenlose Pl\u00e4neschmieden zur Bek\u00e4mpfung von Armut und Umweltverschmutzung. (\u2026) Ich halte es f\u00fcr unbedingt notwendig, dass ein s\u00e4kularer revolution\u00e4rer Humanismus formuliert wird (\u2026), um die Welt aus den F\u00e4ngen des Kapitalismus zu befreien.\u00ab (Harvey 2015, S. 333f.) Dass die Linke in der Bev\u00f6lkerung keine hoffnungstr\u00e4chtige Alternative darstellt und bietet, formuliert Harvey als zentrales Problem. Dessen L\u00f6sung ist jedoch nicht einfach aus sich verbreiternden Abwehr- und Reformk\u00e4mpfen zu erhoffen, auch nicht per se Ergebnis von Selbsterm\u00e4chtigungserfahrungen. Innerhalb solcher K\u00e4mpfe kann und muss vielmehr auch eine historische Kenntnisse vermittelnde breite Debatte \u00fcber das kapitalistische System, \u00fcber seine Abschaffbarkeit und \u00fcber eine nicht auf Privateigentum an Produktionsmitteln und Lohnabh\u00e4ngigkeit basierende gesellschaftliche Alternative provoziert werden.<\/p>\n<p>Bisher weitgehend au\u00dfen vor bleiben dabei die Leute in den Gesch\u00e4ften, Verwaltungen und Betrieben. Die Menschen in der realen Produktion f\u00fcr den revolution\u00e4ren Kampf zu gewinnen, ist zwar schwer, aber unabdingbar. Ein Angriff auf die Macht der Kapitaleigner muss auch von innen heraus entwickelt werden, von den Besch\u00e4ftigten. Wer \u00bbEine andere Welt ist m\u00f6glich\u00ab propagieren will, muss die Herrschaft des Kapitals angreifen wollen \u2013 und damit auch die \u00f6konomische und politische Macht solcher Multis wie VW, Daimler, Siemens, Deutsche Bank, Toyota, General Motors, Foxconn oder Allianz usw.<\/p>\n<p><strong>Erste Schritte?<\/strong><\/p>\n<p>Da w\u00e4re es vielleicht schon ein erster Schritt, im eigenen Umfeld, im eigenen Stadtgebiet zu untersuchen, welche Unternehmen es gibt (der Beschr\u00e4nkung halber z.B. solche mit \u00fcber 500 Besch\u00e4ftigten), sei es in Verwaltungen, in Gesch\u00e4ften oder in Industriebetrieben. Diese Auflistung k\u00f6nnte zu einer n\u00e4heren Auswahl f\u00fchren: Welche Unternehmen geh\u00f6ren zu gr\u00f6\u00dferen Konzernen? K\u00f6nnen wir ermitteln, welche Probleme in ausgew\u00e4hlten Belegschaften wohl am meisten diskutiert werden? Wie wird ihre gewerkschaftliche Situation eingesch\u00e4tzt? Haben sie einen Betriebsrat und was halten sie von ihm? Gibt es LeiharbeiterInnen, Befristete in der Belegschaft? Vielleicht lassen sich ein, zwei Betriebe einkreisen, wo man versuchen k\u00f6nnte, Besch\u00e4ftigte zu befragen? Sollte es gelingen, zu einzelnen KollegInnen Kontakt aufzunehmen, k\u00f6nnte man \u2013 mit sehr viel Zeit und noch mehr Geduld \u2013 den Versuch beginnen, Kontakte auszuweiten, Treffen zu organisieren, um zun\u00e4chst einmal zu lernen, wie die Leute \u00fcber ihre Arbeit denken, auch \u00fcber ihre Familie, ihre Zukunft, und schlie\u00dflich, welche Ideen sie vielleicht haben, wie ihre Situation am Arbeitsplatz verbessert werden k\u00f6nnte. Dabei k\u00f6nnte die \u2013 zun\u00e4chst mal selber sorgf\u00e4ltig zu erarbeitende \u2013 Information \u00fcber gesetzliche M\u00f6glichkeiten und deren Beschr\u00e4nkung, \u00fcber m\u00f6gliche gewerkschaftliche oder Betriebsrats-Initiativen und die Schwierigkeiten ihrer Nutzung sinnvoll sein. Und nicht zuletzt: ob es vielleicht auch naheliegende Beispiele gibt, wie sich Belegschaften erfolgreich gewehrt haben, was ja nicht einfach spontan passiert, sondern einen aktiven Kern voraussetzt\u2026<\/p>\n<p>Innerhalb eines solchen Prozesses der Solidarisierung mit \u203anormalen\u2039 Besch\u00e4ftigten ergeben sich immer Gelegenheiten, die Debatte darauf auszuweiten, dass man die Gegenwehr vor Ort nicht als ewiges Schicksal sieht, sondern Ursachen der Probleme und ihre Beseitigung mitdiskutieren muss.<\/p>\n<p><strong>Beispiel Auto-Belegschaft<\/strong><\/p>\n<p>Revolution\u00e4re Linke, in deren Umfeld es einen Betrieb der Autoindustrie gibt, haben eine besondere Chance sinnvollen Engagements: Der Versuch, sich deren Belegschaft anzun\u00e4hern, ist unbestritten sinnvoll. Denn die gr\u00f6\u00dfte deutsche Industriebranche ist eine Schl\u00fcssel\u00adindustrie, \u00bbmit Abstand der wichtigste Exporteur und Devisenbringer der Republik vor dem Maschinenbau und der Chemie\u00ab (B\u00fcschemann 2017). Jeder siebte Arbeitsplatz h\u00e4ngt laut Branchenverband VDA mit dem Auto zusammen, \u00bb\u00fcber 900.000 Besch\u00e4f\u00adtig\u00adte[n]\u00ab sind laut IG Metall-Vorstand in der Branche t\u00e4tig (IGM 2017).<\/p>\n<p>Auf Basis meiner drei\u00dfigj\u00e4hrigen politischen Arbeit und Erfahrungen in einer Autobelegschaft liste ich im Folgenden einige Diskussionspunkte auf, die ich als unvermeidbar und notwendig ansehe:<\/p>\n<p>1.\u2003Die gro\u00dfe Mehrheit der Besch\u00e4ftigten geh\u00f6rt zur privilegierten Schicht der Lohnabh\u00e4ngigen. Bei VW oder Daimler usw. haben sie am Flie\u00dfband derzeit locker \u00fcber 22 Euro die Stunde \u2013 ein Lohn, von dem die meisten anderen nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen! Dazu Schichtzulagen, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Anspruch auf Betriebsrente, plus einmal im Jahr, meist im April\/Mai, eine \u00bbMitarbeiter-Beteiligung\u00ab: 2017 bei Daimler 5.400 Euro an alle 130.000 nach Tarifvertrag Besch\u00e4ftigten (Vorjahr: 5.650 Euro), bei Porsche 9.111 Euro an 21.000 (Vorjahr: 8.911 Euro), bei VW 2.905 Euro f\u00fcr die 120.000 unter dem Haustarif Besch\u00e4ftigten (Vorjahr: 3.950 Euro), bei Audi 3.510 Euro an 58.000 ( Vorjahr: 5.420 Euro) und bei BMW, berechnet nach Gehaltsgruppe (hier in ERA 5, Bayern), f\u00fcr einen Facharbeiter 8.995 Euro (Vorjahr: 8.375 Euro)!<\/p>\n<p>2.\u2003An solch ein Einkommen hat man sich gew\u00f6hnt, das will man auch behalten. Doch die Angst nimmt zu, wie lange das noch gut geht. Alles redet von Jobabbau, Industrie 4.0, Standortsicherung, globalem Wettbewerb, und neben einem gibt es schon Leiharbeiter; befristete Jobs oder Hartz IV schon in der Verwandtschaft und Nachbarschaft\u2026<\/p>\n<p>3.\u2003Geschimpft wird im Betrieb von fr\u00fch bis sp\u00e4t: \u00fcber Stress, krankmachende Arbeitsbedingungen und Krankenverfolgung, Meisterschikane, Verleihungen und Versetzungen usw. All die m\u00f6glichen Anl\u00e4sse und deren Hintergr\u00fcnde w\u00e4ren genauer abzufragen. Zwar nickt man ab, dass ein Leben in Wechselschicht bei mehr oder weniger eint\u00f6niger Stressmaloche auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Aber das ist man von den Eltern oder Gro\u00dfeltern so gewohnt, und: \u00bbIm Vergleich zu denen oder zu den meisten anderen, zum \u203aGriechen\u2039 oder \u203aItaliener\u2039 usw. geht es uns doch gut!\u00ab<\/p>\n<p>4.\u2003 \u00bbKlar, die da oben zocken uns ab, horten Millionen auf unseren Knochen. Das war schon immer so. Die bestimmen \u00fcber die Politik. Unsereiner kann da eh nichts dran \u00e4ndern.\u00ab Nichts anderes haben die Leute in Schule, Berufsschule, Presse und Fernsehen gelernt: Jeder Unternehmer muss Profite erwirtschaften. Die Manager sind schlie\u00dflich Angestellte der Aktion\u00e4re. Das Bruttoinlandsprodukt muss wachsen. Krisen gibt es zwar immer wieder, aber dass sie \u00bbuns\u00ab weniger hart treffen, daf\u00fcr sorgt die Regierung\u2026<\/p>\n<p>5.\u2003In dieser Richtung werden die Kolleginnen und Kollegen \u2013 meiner Erfahrung nach in Gro\u00dfbetrieben der Metallindustrie \u2013 tagt\u00e4glich auch von vielen ihrer gew\u00e4hlten Vertreter \u00bbaufgekl\u00e4rt\u00ab. Die meisten Betriebsr\u00e4te, gleichzeitig Repr\u00e4sentanten der IGM vor Ort, besonders die f\u00fchrenden im Betriebsausschuss, verstehen sich mittlerweile als Co-Manager. \u00bbNur wenn es dem Unternehmen gut geht, geht es der Belegschaft gut\u00ab, verk\u00fcndete VW-BR-Chef Bernd Osterloh in einem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung als Leitlosung (<em>SZ<\/em>\u00a0vom 3. M\u00e4rz 2014). Die im Betrieb verteilten BR-Infos vermitteln oft einen guten Eindruck und sind ein Beleg f\u00fcr diese Verklammerung: k\u00e4mpferisch klingender Protest einerseits, verbunden mit der Legitimation von Verzichtsvereinbarungen zwecks Wettbewerbssicherung als praktischer Ausrichtung andererseits. Dass viele Betriebsr\u00e4te mit der Zeit ein elit\u00e4res Expertenbewusstsein entwickeln, sich durch Sonderzahlungen und Freistellungen von der Arbeit weit von ihrer Belegschaft entfernen, wird in den Belegschaften oft beklagt. Auch das erfordert in jedem Einzelfall eine genaue Untersuchung, weil eben nicht alle Betriebsr\u00e4te die gleiche Entwicklung zeigen. Wohl das extremste Beispiel: VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, 1977 als Arbeiter in der Produktion angefangen, gibt als Grundgehalt \u00bbrund 200.000 Euro\u00ab pro Jahr an, mit Boni etwa eine halbe Million, \u00bbin der Spitze einmal mit Bonuszahlungen rund 750.000 Euro\u00ab (<em>Braunschweiger Zeitung<\/em>\u00a0vom 13. Mai 2017).<\/p>\n<p>6.\u2003Die Mehrzahl der KollegInnen ist in der IGM organisiert, in den einzelnen Betrieben oft \u00fcber 80 Prozent. Was lernen sie von ihren Gewerkschaftsf\u00fchrern?<\/p>\n<p>a) \u00bbUnser Ziel bleibt eine von materieller und geistiger Ausbeutung befreite internationale Gesellschaft des Friedens, der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, der sozialen Gleichberechtigung und der vollen demokratischen Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben.\u00ab Das war die ganzseitige Proklamation der IGM im \u00bbReport Ruhrfestspiele\u00ab, Nr. 1\/73. Da fehlt der Linken oft der klare Blick auf den gesellschaftlichen Hintergrund: Praktisch war damit schon 1973 ein Programm der Sozialpartnerschaft mit den Unternehmen vereinbart. Gegen Aktive, die ihre Kritik daran praktisch im Betrieb umzusetzen versuchten, hagelte es Gewerkschaftsausschl\u00fcsse.<\/p>\n<p>b) \u00bb\u00dcberf\u00fchrung von Schl\u00fcsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmen in Gemeineigentum\u00ab hei\u00dft es heute noch in \u00a7 2.4 der g\u00fcltigen IGM-Satzung. Eine Diskussion dar\u00fcber ist ausdr\u00fccklich nicht erw\u00fcnscht. Hatten noch 1994 die Abteilungsleiter beim IGM-Vorstand Klaus Lang und Reinhard Kuhlmann gefordert \u00bbGewerkschaftliches Handeln, das sich nur noch auf nationale Gesetze und Tarifvertr\u00e4ge konzentriert, ist \u00fcber kurz oder lang zum Scheitern verurteilt. (\u2026) Die Vision, die konkrete Utopie einer gerechten, menschenfreundlichen und durch und durch demokratischen Gesellschaft kann und mu\u00df beibehalten werden\u00ab (Lang\/Kuhlmann 1994, S. 279f.), so hei\u00dft es 2001 schon eindeutig: \u00bbIm Mittelpunkt unserer Zukunftsdebatte stehen nicht gesellschaftliche Visionen und politische Alternativen jenseits des Kapitalismus, sondern realistische Optionen und konkrete Projekte im Kapitalismus, die diesen ver\u00e4ndern\u00ab (Lang\/Legrand 2001, S. 76). Ende der Debatte.<\/p>\n<p>c) Dem Co-Management der Betriebsr\u00e4te auf Betriebsebene entspricht die Partnerschaftsrolle der f\u00fchrenden IGM-Funktion\u00e4re auf nationaler Ebene. \u00bbIn Deutschland weisen nicht nur Gewerkschaften, sondern auch die Bundesregierung, Unternehmen und Wirtschaftsverb\u00e4nde darauf hin, dass Dialog und Mitspracherechte der Arbeitnehmer zur St\u00e4rke der deutschen Wirtschaft beitragen\u00ab, so und \u00e4hnlich beschreibt der Vorstand seine Rolle und seine Bedeutung f\u00fcr \u00bbDeutschland\u00ab (IGM 2015, S. 33).<\/p>\n<p>d) Feste Anbindung der sozialen Lage der KollegInnen an das nationale BIP: Da braucht sich niemand wundern, wenn in der gewerkschaftsoffiziellen Propaganda, in der\u00a0<em>metall-Zeitung<\/em>, in Tarifinfos etc. immer wieder solche Nebelbomben auf die Mitglieder herunterhageln wie: \u00bbDie Arbeitgeber wollen Profite. Wir wollen Wachstum\u00ab, \u00bbfairer Handel f\u00fcr faire Produktion\u00ab (IGM 2015, S. 58), Lohnerh\u00f6hungen verbessern die Kaufkraft und sind damit gut f\u00fcr \u00bbunsere Wirtschaft\u00ab, gerechter Lohn, bessere Manager\u2026 Da setzt geduldige und oft nicht einfache Aufkl\u00e4rungsarbeit ein gut erarbeitetes Kapitalismusverst\u00e4ndnis voraus.<\/p>\n<p>7.\u2003Die unter den 2,2 Mio. Gewerkschaftsmitgliedern wegen ihrer Anzahl und Lohnh\u00f6he besonders wichtigen Besch\u00e4ftigten in den Autobetrieben sorgen mit ihren Gewerkschaftsbeitr\u00e4gen wesentlich mit daf\u00fcr, dass die f\u00fchrenden Leute im Apparat auch ihrer staatstragenden Rolle entsprechend bezahlt werden. So kann der IGM-Vorsitzende J\u00f6rg Hofmann mit seinem Monatseinkommen samt Aufsichtsratstantiemen von um die 30.000 Euro \u00bbauf Augenh\u00f6he\u00ab mit vielen Vertretern von Unternehmen und Regierung reden. Auch die eingesetzten IGM-Bezirksleiter kassieren durchweg noch Anteile von ihren Verg\u00fctungen in Aufsichtsr\u00e4ten. Sie geh\u00f6ren zu einer anderen Schicht der Bev\u00f6lkerung. Aber auch Ortsvorst\u00e4nde, Sekret\u00e4re, Teamer, Organizer \u2013 alle werden vergleichsweise gut bis sehr gut bezahlt \u2013 sind oft um ihre Karriere besorgt, und viele m\u00f6gen sogar Angst vor einem Verlust ihres Jobs haben.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hilft auch nicht die Tatsache hinweg, dass sich darunter viele als Linke verstehen, mit denen man oft sehr gut gemeinsame Schritte gehen kann, sowohl bei Aufkl\u00e4rungs- wie Mobilisierungsversuchen. Jedoch meist nur hinter vorgehaltener Hand trauen sich einzelne Apparat-Besch\u00e4ftigte zu klarer Opposition gegen die offizielle Linie des Vorstands. Kritik an dessen Reichtum bleibt tabu.<\/p>\n<p>Mit all diesen Diskussionspunkten ist zun\u00e4chst nur mal angesprochen, was bei der Beurteilung der Bewusstseinslage von KollegInnen in der Auto-Industrie mitzubedenken ist und genauere Untersuchungen mit viel Zeit und was noch mehr Geduld erfordert. Kontakt mit einzelnen Besch\u00e4ftigten kann dazu ein erster Schritt sein. Die mit 2,2 Mio. Auflage weit verbreitete Mitgliederzeitung\u00a0<em>\u00bbmetall\u00ab<\/em>kann regelm\u00e4\u00dfig daraufhin untersucht werden, wo es brauchbare Aufkl\u00e4rungsartikel gibt und wo und wie \u00bblinks geblinkt und dann rechts abgebogen\u00ab wird. Ebenso sind die im Betrieb verteilten Infos oft diskussionsw\u00fcrdig und lehrreich. Gute Aufkl\u00e4rung in verst\u00e4ndlicher Sprache, ohne sich gleich Handlungsvorschl\u00e4ge anzuma\u00dfen, kann man an den Toren verteilen, umso besser, wenn man Kritik oder Zustimmung aus der Belegschaft in Erfahrung bringen kann.<\/p>\n<p>Wie sich allt\u00e4gliche Arbeits- und Lebens\u00aderfahrungen nutzen lassen, um Schritte anzudiskutieren, die eine Aneignung des gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses durch eine deutliche Mehrheit vorstellbar machen, habe ich am Beispiel der Schlanken Produktion, Gruppenarbeit, Gruppenversammlungen in der Arbeitszeit etc. zu entwickeln versucht. (Schaumberg 2006) Vor der Aufgabe, diese Aneignung als langwierigen Prozess, nach \u00fcber 300 Jahren Kapitalismusentwicklung und noch viel l\u00e4ngerer Klassengesellschaft, zu diskutieren, sollten wir nicht zur\u00fcckschrecken. Sonst macht der allt\u00e4gliche Kampf gegen die aktuellen Bedrohungen des Kapitalismus zwar alle Ehre, aber keinen Sinn.<\/p>\n<p><strong><em>Literatur:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>B\u00fcschemann, Karl-Heinz (2017): \u00bbAutokonzerne gef\u00e4hrden die wichtigste Branche des Landes\u00ab, in: S\u00fcddeutsche Zeitung, 17. Juli 2017<\/em><\/p>\n<p><em>Harvey, David (2015): \u00bbSiebzehn Widerspr\u00fcche und das Ende des Kapitalismus\u00ab, Berlin<\/em><\/p>\n<p><em>IGM (Hrsg.) (2015): \u00bbSolidarit\u00e4t ohne Grenzen\u00ab, Frankfurt a.M.<\/em><\/p>\n<p><em>IGM (2017): \u00bbGemeinsame Erkl\u00e4rung\u00ab der IG Metall und der GBR-Vorsitzenden der deutschen Automobilindustrie zum Diesel-Gipfel, 31. Juli 2017, Frankfurt a.M.<\/em><\/p>\n<p><em>Lang, Klaus\/Kuhlmann, Reinhard (1994): \u00bbErneuerung und Kontinuit\u00e4t. Zur programmatischen Neuorientierung der Gewerkschaftsbewegung\u00ab, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Nr. 5\/1994, S. 269-281<\/em><\/p>\n<p><em>Lang, Klaus\/Legrand, Jupp (2001): \u00bbZukunft@igmetall.de. Hintergrund, Inhalte und Ziele der IG Metall-Zukunftsdebatte\u00ab, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Nr. 2\/2001, S. 73-82<\/em><\/p>\n<p><em>Schaumberg, Wolfgang (2006): \u00bbEine andere Welt ist vorstellbar? Schritte zur konkreten Vision, oder: Zur Aufgabe von postkapitalistisch orientierten Linken am Beispiel des Kampfes in Auto-Multis\u00ab, Reihe R\u00e4nkeschmiede, Nr. 16, online unter:\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/diskussion\/arbeit\/prekaer\/anderewelt.pdf\"><em>www.labournet.de\/diskussion\/arbeit\/prekaer\/anderewelt.pdf<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/orga\/die-linke-ohne-die-leute-ein-debattenbeitrag-von-wolfgang-schaumberg\/\">express, Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit: Ausgabe 9-10\/2017&#8230;<\/a> vom 25. Oktober 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlass f\u00fcr das Papier von Wolfgang Schaumberg ist seine Beobachtung, dass gerade bei jungen Linken das Interesse an der Masse der den Reichtum und die Macht der Kapitalistenklasse in den Gro\u00dfbetrieben produzierenden Menschen und an &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[25,87,39,26,45,22,17],"class_list":["post-2645","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2645"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2645\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2647,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2645\/revisions\/2647"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}