{"id":2654,"date":"2017-10-30T09:19:26","date_gmt":"2017-10-30T07:19:26","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2654"},"modified":"2018-01-19T17:49:27","modified_gmt":"2018-01-19T15:49:27","slug":"500-jahre-reformation-und-der-fluch-der-lohnarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2654","title":{"rendered":"500 Jahre Reformation und der Fluch der Lohnarbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Textauszug aus Otto R\u00fchle: Illustrierte Kultur-und Sittengeschichte des Proletariats, Berlin 1930. S. 18 und folgende.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>In der Feudalzeit war die Wirtschaft ausschlie\u00dflich oder vorwiegend betrieben worden in Hinblick auf den Bedarf, also nach Ma\u00dfgabe der vorhandenen Anspr\u00fcche. Entweder stand Art und Umfang des Konsums von vornherein fest, wie in der Familie, der Fronwirtschaft oder Dorfgemeinde, oder aber der Konsum wurde von der Kundschaft durch die Bestellung von Beginn der Produktion geltend gemacht. Bis zum st\u00e4dtischen Handwerk herauf war alle Produktion organisch eingeordnet, eingebettet in eine lebendige Einheit, ein \u00fcberindividuelles Leben, das Stamm, Sippe, Familie, Dorfgemeinschaft, Gilde oder Zunft hie\u00df. Erst kam der Mensch, dann die Arbeit, die der Sicherung des Lebens diente. Der Mensch arbeitet um zu leben.\u00a0Dies wurde mit Beginn der b\u00fcrgerlichen Epoche anders. An Stelle der nat\u00fcrlichen Gebilde, in deren Inneren sich die Produktion als ein Teilprozess des Stoffwechsels abspielte, trat ein Abstraktum: das Gesch\u00e4ft. Der Wirtschaftsprozess verselbstst\u00e4ndigte sich. Die einzelnen Wirtschaftsakte wurden nicht mehr auf eine bestimmte Person bezogen, sondern zielten auf ein vom rein wirtschaftlichen Geist erf\u00fclltes Abstraktum, gleichsam auf sich selber als Ganzes. Die Verm\u00f6gensbeziehungen waren entpers\u00f6nlicht, versachlicht. Diese Verselbstst\u00e4ndigung des Gesch\u00e4fts geh\u00f6rt zur Entstehung und zum Wesen der kapitalistischen Unternehmung. Denn die Versachlichung der Wirtschaftsakte erm\u00f6glicht es, sie ohne alle R\u00fccksicht auf andere Interessen nur auf den Gewinn auszurichten, und die Verselbstst\u00e4ndigung des Gesch\u00e4fts schaffte dem grenzenlosen Gewinn freie Bahn. So gewann in dem von allen Pers\u00f6nlichen abgel\u00f6sten Wirtschaftsmechanismus das Erwerbsprinzip volle Freiheit zu ungehinderter Entfaltung und Bet\u00e4tigung.<\/p>\n<p>Die auf Erwerbszweck und Gewinn abzielende Arbeit konnte aber zu keinem Resultat kommen, wenn weiterhin der Grundsatz galt, dass der Mensch nur arbeite um zu leben. Deshalb musste mit dieser These gebrochen werden. Der b\u00fcrgerliche Mensch kehrte sie um, indem er die Maxime aufstellte: Der Mensch lebt, um zu arbeiten. Nur unter Anerkennung dieses Grundsatzes hatte er Aussicht, dass sich der Erwerbszweck der Produktion und Wirtschaft f\u00fcr ihn praktisch realisieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Diese Umstellung der Postulate machte es notwendig, in der gesellschaftlichen Ideologie dem Begriff der Arbeit einen anderen Sinn unterzuschieben, besonders der Lohnarbeit einen anderen Wertakzent zu geben. Das mittelalterliche Denken hatte f\u00fcr die Lohnarbeit, um des Erwerbs und der Bereicherung willen geleistet, wenig Verst\u00e4ndnis. Jetzt galt es, Bauern und Handwerker f\u00fcr die Industriearbeit zu gewinnen. Dazu musste ihr Widerstand gegen die Erwerbsarbeit \u00fcberwunden werden. Mit dieser Aufgabe betraute der b\u00fcrgerliche Mensch die Kirche. Wie wir wissen, hat die Entwicklung der christlichen Kirche ihren Ausgang genommen von der christlichen Laiengemeinschaft. Sie ging also vom Kollektivismus aus, dessen ideologischer Tr\u00e4ger sie blieb. Aber indem sie sich eine hierarchische Organisation gab mit Zentralismus, Autorit\u00e4t, Disziplin usw., entwickelte sie in sich eine Machtposition und Befehlshaberschaften, deren Repr\u00e4sentanten notwendigerweise Pers\u00f6nlichkeiten, Kommandeure, Helden werden mussten. Sie z\u00fcchtete Herren, Machthaber, Kirchenf\u00fcrsten, K\u00f6nige und landete beim Prinzip des Individualismus. Im Katholizismus vollzog sich diese dialektische Entwicklung, soweit sie der Feudalismus brauchte. Dem Protestantismus fiel dieselbe Aufgabe f\u00fcr das b\u00fcrgerlich-kapitalistische Zeitalter zu. Das Charakteristische der protestantischen Ideologie liegt darin, dass sie den Individualismus in der religi\u00f6sen Gedankenwelt v\u00f6llig uneingeschr\u00e4nkt zur Anerkennung und Geltung brachte. Sie erhob f\u00fcrs erste zum Grundsatz, dass jeder einzelne sich seinen eigenen Gott aus seinen Innersten neu erschaffen m\u00fcsse. Weiter verwies sie den Gl\u00e4ubigen zur Verrichtung seiner Gebets\u00fcbungen aus der gro\u00dfen Gemeinde ins stille K\u00e4mmerlein. Endlich verk\u00fcndete sie, dass jeder wahrhafte Gl\u00e4ubige ein Priester sei, der ohne Mittelsperson aus freien, eigenen Recht mit Gott in Verbindung treten k\u00f6nne. Aber auch den Intellektualismus f\u00fchrte Luther in das christliche Leben ein. An Stelle der Person des Papstes setzte er als h\u00f6chste Instanz das Wort Gottes, statt des Menschen also ein Buch. Und w\u00e4hrend der Katholizismus die Rechtfertigung durch gute Werke lehrte, trat er f\u00fcr Rechtfertigung allein durch den Glauben ein. Dieser Glaube aber lief auf nichts anderes hinaus, als auf ein Sichklammern an den toten Buchstaben der Lehre.<\/p>\n<p>Endlich hat Luther das Element der Weltlichkeit in die Religion getragen. Er erkl\u00e4rte, dass man \u00fcberall und zu jeder Zeit, in jedem Stand und Beruf, Amt und Gewerbe gottgef\u00e4llig leben k\u00f6nne. Er \u00fcbersetzte in der Bibel das Wort Arbeit mit dem Worte Beruf, dem er den Beiklang einer g\u00f6ttlichen Berufung, einer religi\u00f6sen Verpflichtung verlieh. Er ma\u00df auch der auf materiellen Gewinn abzielenden kapitalistischen Erwerbst\u00e4tigkeit den Wert einer von Gott den Menschen gestellten Aufgabe zu, die zu erf\u00fcllen Christenpflicht sei. Damit leistet er der b\u00fcrgerlichen Klasse den allerwichtigsten Dienst. Denn \u201ediese Auspr\u00e4gung des Berufsbegriffs hat\u201c, wie auch Max Weber konstatiert, \u201edem modernen Unternehmer ein fabelhaft gutes Gewissen und au\u00dferdem ebenso arbeitswillige Arbeiter geliefert, indem er der Arbeiterschaft als Lohn ihrer asketischen Hingabe an den Beruf und ihrer Zustimmung zu r\u00fccksichtsloser Verwertung durch den Kapitalismus die ewige Seligkeit in Aussicht stellte, die in Zeiten, wo die kirchliche Disziplin das gesamte Leben in einem uns jetzt unfassbaren Grade in ihre Zucht nahm, eine ganz andere Realit\u00e4t darstellte als heute.\u201c Indem die protestantische Abendmahlsgemeinschaft die \u201eethische Vollwertigkeit\u201c, von der die Zulassung abh\u00e4ngig war, mit der \u201egesch\u00e4ftlichen Ehrbarkeit\u201c identifizierte, war jeder einzelne im Interesse des Unternehmertums der Kirchendisziplin unterstellt. Die Weihe der Arbeit war auf diese Weise in einen seelischen Zwang zur Lohnarbeit verwandelt worden.<\/p>\n<p>Noch weiter als die Lutherkirche ging der Calvinismus. Er hat das b\u00fcrgerliche Element innerhalb der religi\u00f6sen Ideologie und kirchlichen Organisation zur Reinkultur entwickelt. Nicht nur, dass Calvin die wortw\u00f6rtliche Anbetung der Heiligen Schrift lehrte, er machte auch durch die Lehre von der Pr\u00e4destination die Kirche zum m\u00e4chtigsten Hilfsinstrument der b\u00fcrgerlichen Interessen. Denn wenn der Mensch erst durch seinen Wandel erfuhr, ob er zu den von Gott Begnadeten geh\u00f6rte, dieser Wandel aber durch Kirchengesang und Kirchenzucht bestimmt wurde, war es ein Leichtes, den Wandel nach den Bed\u00fcrfnissen zu regulieren, die das kapitalistische B\u00fcrgertum im Sinne ihrer materiellen Interessen und Vorteile entwickelte. In der Tat wurde durch den Calvinismus jeder Lebensdrang unterbunden, jede Lebensfreude unterdr\u00fcckt, jeder Lebensgenuss als S\u00fcnde und Verbrechen bestraft. In den Mittelpunkt der kirchlichen Ideologie wurde der Satz gestellt, dass Gott den Menschen in die Welt gesetzt habe, damit er arbeite. Damit wurden die Massen zu Flei\u00df, Unterw\u00fcrfigkeit, asketischer Lebensf\u00fchrung erzogen, die aufstrebenden Unternehmerschichten zu N\u00fcchternheit, Sparsamkeit, rechnerischen Verhalten und \u00f6konomischer Wirtschaftsweise angehalten. Der Entfaltung des Erwerbssinns und der Entwicklung der Erwerbswirtschaft war aufs kr\u00e4ftigste Vorschub geleistet. Eine derart machtvolle, unbewusst raffinierte Veranstaltung zur Z\u00fcchtung kapitalistischer Individuen hat es in keiner anderen Kirche oder Religion jemals gegeben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/gis.blogsport.de\/2017\/10\/29\/454\/\">Gruppe Internationaler SozialstInnen&#8230;<\/a> vom 30. Oktober 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Textauszug aus Otto R\u00fchle: Illustrierte Kultur-und Sittengeschichte des Proletariats, Berlin 1930. 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