{"id":2665,"date":"2017-11-02T09:21:13","date_gmt":"2017-11-02T07:21:13","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2665"},"modified":"2017-11-02T09:21:13","modified_gmt":"2017-11-02T07:21:13","slug":"jedes-fuenfte-kind-in-deutschland-lebt-in-armut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2665","title":{"rendered":"Jedes f\u00fcnfte Kind in Deutschland lebt in Armut"},"content":{"rendered":"<p><em>Anna Rombach.\u00a0<\/em>In Deutschland lebt jedes f\u00fcnfte Kind dauerhaft in Armut. Weitere 10 Prozent verf\u00fcgen \u00fcber tempor\u00e4re Armutserfahrung. Das hat eine Studie des Instituts f\u00fcr Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) im Auftrag<!--more--> der Bertelsmann-Stiftung am 23. Oktober best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Die L\u00e4ngsschnittstudie \u00fcber f\u00fcnf Jahre ergab, dass sich rund 21,1 Prozent aller Kinder unter 14 Jahren \u00fcber eine Zeitspanne von mindestens f\u00fcnf Jahren dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage befanden. \u00dcber drei\u00dfig Prozent, mehr als drei Millionen Kinder, haben mindestens einmal die Erfahrung von Armut gemacht. Ein Kind gilt als \u201earm\u201c, wenn das Einkommen seiner Familie weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens betr\u00e4gt, bzw. wenn seine Familie von Sozialhilfe abh\u00e4ngig ist. Besonders von Armut bedroht sind Kinder von Alleinerziehenden, Kinder mit zwei oder mehr Geschwistern und Kinder gering qualifizierter Eltern.<\/p>\n<p>Die Studie erstellte einen Katalog von 23 G\u00fctern und Aspekten sozialer Teilhabe, die einer Familie aus finanziellen Gr\u00fcnden fehlen k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel eine ausreichend gro\u00dfe Wohnung, eine Waschmaschine, ein internetf\u00e4higer Computer. Auch gesellschaftliche Aspekte wie ein monatlicher Kinobesuch oder die M\u00f6glichkeit, Freunde zum Essen nach Hause einzuladen, wurden ber\u00fccksichtigt \u2013 alles Faktoren, die eigentlich f\u00fcr ein Aufwachsen in Geborgenheit selbstverst\u00e4ndlich sein m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Das Ergebnis: Durchschnittlich fehlen Kindern in einer dauerhaften Armutslage 7,3 dieser 23 G\u00fcter. Kindern, die kurzzeitig von Armut betroffen sind, fehlen 3,4. Dagegen m\u00fcssen Kinder aus Familien mit sicherem Einkommen im Schnitt nur auf 1,3 dieser G\u00fcter verzichten.<\/p>\n<p>Schon die einmalige Erfahrung von Armut ersch\u00fcttert das Sicherheitsgef\u00fchl eines Kindes nachhaltig. An einer dauerhaft gesicherten Einkommenssituation, einer Grundvoraussetzung f\u00fcr eine gelungene Kindheit, fehlt es demnach inzwischen praktisch jedem dritten deutschen Kind.<\/p>\n<p>Andere Statistiken haben ergeben, dass Kinder in Deutschland sogar hungern. In einem der reichsten L\u00e4nder der Erde, in dem 117 Milliard\u00e4re wohnen, ist die Mangel- und Fehlern\u00e4hrung im Vormarsch. \u201eViele Deutsche leiden unter verstecktem Hunger\u201c, lautet das Fazit einer Studie der Universit\u00e4t Hohenheim. Haupts\u00e4chlich Rentner und Fl\u00fcchtlinge, aber in wachsendem Ma\u00df auch Familien mit Kindern, sind nicht in der Lage, sich vern\u00fcnftig zu ern\u00e4hren. Jedes f\u00fcnfte Kind geht morgens ohne Fr\u00fchst\u00fcck aus dem Haus.<\/p>\n<p>In der Pressemitteilung zur j\u00fcngsten Studie hei\u00dft es: \u201eBeengtes Wohnen, wenig Geld f\u00fcr gesundes Essen, Bildung, Hobbies oder Urlaub und nur geringe Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg: Als Kind Armut zu erleben oder das eigene Kind in Armut aufwachsen zu sehen, bringt viele Schwierigkeiten mit sich \u2013 umso mehr, wenn es kaum ein Entrinnen aus der Armut gibt.\u201c<\/p>\n<p>Wie die Studie zeigt, haben arme Kinder auch schlechtere Zukunftschancen: Ihre Bildungsbiografien sind z. B. durch h\u00e4ufigere Klassenwiederholungen, schlechtere Noten und niedrigere Schulabschl\u00fcsse st\u00e4rker belastet als die anderer Kinder. Auch werden sie \u00f6fter krank. Alle diese negativen Folgen sind umso gravierender, je l\u00e4nger ein junger Mensch in Armut aufw\u00e4chst. Und offensichtlich nimmt die Kinderarmut zu. Im Vergleich mit der Situation in 2013 hat sich die relative Anzahl der Kinder, die in einer ungesicherten Einkommenssituation aufwachsen, von 24,2 Prozent auf 31,1 Prozent erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>\u201eKinderarmut ist in Deutschland oft Dauerzustand: Wer einmal arm ist, bleibt lange arm\u201c, in Deutschland werde Armut oft von Generation zu Generation vererbt. Das sagte J\u00f6rg Dr\u00e4ger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, bei der Vorstellung der Studie.<\/p>\n<p>Dr\u00e4ger selbst muss es wissen. Er ist kein neutraler Beobachter, sondern f\u00fcr die in der IAB-Studie beschriebenen Zust\u00e4nde mit verantwortlich.<\/p>\n<p>Dr\u00e4ger ist ein aktiver F\u00f6rderer des neoliberalen und arbeiterfeindlichen deutschen Regierungskurses. Als Unternehmensberater hat er fr\u00fcher bei Roland Berger in Frankfurt am Main gearbeitet, die als Inbegriff f\u00fcr neoliberale Rationalisierung gilt. Sp\u00e4ter hat er eins der ersten privatisierten Unternehmen im Rahmen der ber\u00fcchtigten \u201epublic-private partnership\u201c im Hochschulbereich aufgebaut. Von 2001 bis 2008 war Dr\u00e4ger Senator f\u00fcr Wissenschaft und Forschung in Hamburg, wo er die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren durchsetzte. Heute leitet Dr\u00e4ger nebenher noch einen Sachverst\u00e4ndigenrat, an dem sich die Stiftungen von Volkswagen, Bertelsmann, Hertie, K\u00f6rber, Vodafone und der Zeit beteiligen und der die Regierung in Fragen von Integration und Migration ber\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Bertelsmann-Stiftung, die die Studie in Auftrag gab, ist eins der weltgr\u00f6\u00dften Medienunternehmen. Die 1977 gegr\u00fcndete Stiftung des Milliard\u00e4rs und Medienmoguls Reinhard Mohn ist heute ein gigantischer Konzern, zu dem die RTL Group, Penguin Random House, Gruner+Jahr (Spiegel, Stern) und viele andere Medien und Verlage geh\u00f6ren. Mohns Witwe und Erbin Liz Mohn (Privatverm\u00f6gen 1,7 Milliarden Euro) gilt als aktive Unterst\u00fctzerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der sie sich zusammen mit der Springer-Erbin Friede Springer (4,4 Milliarden Euro) regelm\u00e4\u00dfig zum Tee treffen soll.<\/p>\n<p>Die Studie, die Bertelsmann vorgelegt hat, kommt inmitten der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/10\/26\/jama-o26.html\"><strong>Jamaika-Verhandlungen<\/strong><\/a>\u00a0der CDU, CSU, FDP und Gr\u00fcnen, die dabei sind, europaweit einen versch\u00e4rften Militarismus und fl\u00fcchtlingsfeindlichen Kurs festzulegen. Im Innern haben sie sich bereits auf Schuldenbremse, Steuersenkung und Privatisierung geeinigt.<\/p>\n<p>Die Studie, die ein verheerendes Bild der aktuellen Klassengesellschaft liefert, zeigt: Die soziale Polarisierung hat eine Verelendung hervorgerufen, die gewaltigen Sprengstoff birgt. Der Kapitalismus befindet sich im Stadium offener F\u00e4ulnis. Er hat Kindern der Arbeiterklasse keine Zukunft mehr zu bieten.<\/p>\n<p>Wie eine europaweite Befragung von fast einer Million junger Erwachsener (\u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/05\/11\/juge-m11.html\"><strong>Generation What<\/strong><\/a>\u201c) ergab, haben die allermeisten Jugendlichen kein Vertrauen mehr in die bestehenden Institutionen, und eine Mehrheit von etwa 60 Prozent w\u00fcrde sich an einem \u201egro\u00dfen Aufstand\u201c beteiligen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/11\/02\/kind-n02.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 2. November 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Rombach.\u00a0In Deutschland lebt jedes f\u00fcnfte Kind dauerhaft in Armut. Weitere 10 Prozent verf\u00fcgen \u00fcber tempor\u00e4re Armutserfahrung. 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