{"id":2667,"date":"2017-11-04T12:20:04","date_gmt":"2017-11-04T10:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2667"},"modified":"2017-11-04T12:20:33","modified_gmt":"2017-11-04T10:20:33","slug":"2667","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2667","title":{"rendered":"Syrien nach dem IS: \u00abKeine Befreiung, aber eine Besetzung\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der IS ist aus der Grossstadt Rakka vertrieben worden. Der 27-j\u00e4hrige Syrer Aghiad al-Kheder wuchs in der N\u00e4he von Deir Essor auf und ging schon 2011 gegen das Assad-Regime auf die Strasse.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> Als der Islamische Staat (IS) 2014 die Provinzhauptstadt eroberte, fing der Student an, Flugbl\u00e4tter gegen die Terrormiliz zu verteilen. Er gr\u00fcndete zusammen mit anderen Aktivisten \u00abSound and Picture\u00bb, ein Webportal, auf dem bis heute Informationen \u00fcber die Entwicklungen in Rakka ver\u00f6ffentlicht werden. Das folgende Interview mit ihm wurde von Meret Michel gef\u00fchrt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>WOZ: Herr al-Kheder, vor gut einer Woche haben die Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF), ein kurdisch gef\u00fchrtes Milit\u00e4rb\u00fcndnis, die Eroberung Rakkas verk\u00fcndet. Was empfanden Sie, als Sie diese Nachricht h\u00f6rten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aghiad al-Kheder:<\/strong>\u00a0Ich war nat\u00fcrlich froh, dass der IS nicht mehr in Rakka ist und dass die Bombardierung der Stadt aufh\u00f6rt. Aber das ist ein kleines Gl\u00fcck. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen \u00fcber die neue Besetzung der Stadt.<\/p>\n<p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Die SDF sagen, sie h\u00e4tten Rakka befreit. Aber was heisst das, wenn 2000\u00a0Menschen gestorben sind, 7000 verletzt wurden und achtzig Prozent der H\u00e4user zerst\u00f6rt sind? Das ist keine Befreiung, das ist Vernichtung. Und wenn es wirklich eine Befreiung der Stadt gewesen w\u00e4re, m\u00fcssten die SDF die vom IS vertriebenen Bewohner in die Stadt zur\u00fcckkehren lassen. Aber sie sind alle in Camps im Umland und im S\u00fcden von al-Hasaka. 300\u2009000\u00a0Fl\u00fcchtlinge aus Rakka sind heute so untergebracht.<\/p>\n<p><strong>Sie koordinieren von Deutschland aus die Reporter von \u00abSound and Picture\u00bb. Wie hat sich ihre Arbeit in den letzten paar Wochen in Rakka ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten gegen Ende der K\u00e4mpfe noch zw\u00f6lf Reporter vor Ort. Sie hatten die Menschenrechtsverletzungen durch den IS dokumentiert. Doch als die K\u00e4mpfe um die Stadt begannen, mussten sie Verbrechen auf allen Seiten festhalten: der syrischen Regierung, der russischen und der amerikanischen Luftwaffe, der SDF. Und das gleichzeitig an verschiedenen Orten der Stadt. Schon das Haus zu verlassen und sich in der Stadt zu bewegen, war schwierig; die Stadt wurde t\u00e4glich etwa 150-mal beschossen.<\/p>\n<p><strong>Wo sind die Reporter jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>In den Camps. Der letzte hat die Stadt vor gut zehn Tagen verlassen. Er ist jetzt in der N\u00e4he von Tabka, etwa vierzig Kilometer von Rakka entfernt.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie mit ihnen sprechen?<\/strong><\/p>\n<p>Selten, der Empfang in den Camps ist sehr schlecht. Wenn, dann schaffen wir es bloss, wenige Minuten zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>Als sie noch unter IS-Kontrolle in Rakka waren, konnten Aktivisten \u00fcbers Internet nach aussen kommunizieren. Auch die WOZ hat auf diesem Weg vor zwei Jahren ein Interview gef\u00fchrt (siehe\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1548\/syrien\/vom-himmel-bomben-und-unten-messer\"><strong>WOZ Nr. 48\/2015<\/strong><\/a><strong>).<\/strong><\/p>\n<p>Internetverbindungen hatten wir heimlich in einigen H\u00e4usern installiert. Auch w\u00e4hrend der Eroberung, als unser letzter Reporter noch in der Stadt war, haben wir uns alle zwei Tage gesprochen. F\u00fcr die Aktivisten ist die Situation jetzt besonders hart: Sie haben ihr Leben riskiert, um die Menschenrechtsverletzungen durch den IS und die anderen Kriegsparteien zu dokumentieren. Jetzt stecken sie in den Camps fest. Die Vertreibung des IS m\u00fcsste f\u00fcr sie ein Erfolg sein. Doch dieselben Leute, die die Stadt befreit haben, sperren die Aktivisten jetzt in den Camps ein.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die Situation in den Camps?<\/strong><\/p>\n<p>Die Camps sind in der W\u00fcste. Es gibt kaum Zelte, keine Medikamente und nur wenig zu essen und zu trinken. Viele m\u00fcssen im Freien auf dem Boden schlafen. Die SDF beschlagnahmen die Identit\u00e4tskarten der Leute, und es ist verboten, die Camps zu verlassen, ausser man hat eine Genehmigung der SDF. Diese kostet 400\u00a0US-Dollar. Und wer das Camp verl\u00e4sst, darf nicht nach Rakka zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Versuchen Ihre Reporter, aus den Camps zu kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Manche konnten sie verlassen, sie sind nach al-Bab bei Aleppo gegangen. Andere aber k\u00f6nnen nicht weg\u00a0\u2013 sie sind mit ihren Frauen und Kindern dort und haben keine 2000\u00a0Dollar, um alle rauszubringen.<\/p>\n<p><strong>Rakka ist also eine Geisterstadt?<\/strong><\/p>\n<p>Einige Leute k\u00f6nnen kurz in die Stadt, um zu schauen, ob ihr Haus noch steht. Nach einer Stunde m\u00fcssen sie wieder gehen. Hinein kommen sie nur mit Bewilligung, und die erh\u00e4lt nur, wer einen Beamten schmiert oder jemanden bei den SDF kennt. Ansonsten befinden sich in Rakka fast nur die K\u00e4mpfer der SDF.<\/p>\n<p><strong>Werden die Leute nicht bald wieder zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Die SDF sagen, dass sie in der Stadt nach zur\u00fcckgebliebenen IS-K\u00e4mpfern suchen m\u00fcssten. Aber das glaube ich nicht\u00a0\u2013 die IS-K\u00e4mpfer sind alle nach Deir Essor gefl\u00fcchtet, in Rakka ist keiner mehr. Warum also lassen sie die Zivilisten nicht in die Stadt? Ich glaube, sie wollen sie kontrollieren. Das ist in den Camps einfacher als in der Stadt. Und die Situation in den Camps ist so schlecht, dass viele Leute einfach so rasch wie m\u00f6glich rauskommen wollen, auch wenn sie dann nach Aleppo oder Idlib m\u00fcssen. Das bedeutet, dass immer weniger Menschen nach Rakka zur\u00fcckkehren werden.<\/p>\n<p><strong>Die SDF sagen, sie w\u00fcrden die Kontrolle der Stadt sp\u00e4ter einem Zivilrat, der die Stadt verwalten soll, \u00fcbergeben.<\/strong><\/p>\n<p>Richtig. Das Problem dabei ist aber, dass dieser Zivilrat genauso von den SDF kontrolliert wird\u00a0\u2013 sie haben ihn ja geschaffen und die Leute daf\u00fcr aufgestellt. Was in Rakka passiert, ist eine neue Besetzung, nichts anderes.<\/p>\n<p><strong>Trotzdem: Das ist doch immer noch viel besser, als wenn der IS weiter die Stadt kontrolliert.<\/strong><\/p>\n<p>Der IS hat den Leuten verboten, die Stadt zu verlassen. Die SDF verbieten ihnen, die Camps zu verlassen. Der IS hatte Bilder seines F\u00fchrers Baghdadi aufgeh\u00e4ngt. Die SDF h\u00e4ngen Bilder von \u00d6calan auf und benennen noch die Strassen nach ihm. Die Menschen starben sowohl durch den IS wie auch durch die Luftangriffe der Koalition. Ich sehe keinen Unterschied.<\/p>\n<p><strong>Die SDF schlagen den Leuten nicht die K\u00f6pfe ab.<\/strong><\/p>\n<p>Von aussen sieht es vielleicht anders aus\u00a0\u2013 aber f\u00fcr die Zivilisten sind die SDF genauso schlimm wie der IS. Sie haben sogar einen Ausdruck daf\u00fcr: Der IS und die SDF sind \u00abnifs al-khara\u00bb\u00a0\u2013 dieselbe Scheisse.<\/p>\n<p><strong>Das klingt bedrohlich nach einem neuen ethnischen Konflikt zwischen Arabern und Kurden\u2009\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht. Es gab Kurden, die beim IS waren, und es gibt Araber, die mit den SDF k\u00e4mpfen. Das hier ist ein Konflikt zwischen Zivilisten und denen, die ihnen ihre Freiheit nehmen. Erst wenn die Kurden versuchen, einer arabischen Stadt ihre Kultur aufzuzwingen, wird es ethnische Konflikte geben.<\/p>\n<p><strong>Wie geht die Arbeit von \u00abSound and Picture\u00bb weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen unsere Arbeit fortsetzen und den Leuten eine Stimme geben, auch bei dieser neuen Besetzung der Stadt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1743\/syrien-nach-dem-islamischen-staat\/keine-befreiung-aber-eine-besetzung\">woz.ch&#8230;<\/a>&gt; vom 4. November 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der IS ist aus der Grossstadt Rakka vertrieben worden. 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