{"id":2674,"date":"2017-11-07T12:22:07","date_gmt":"2017-11-07T10:22:07","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2674"},"modified":"2017-11-10T15:59:57","modified_gmt":"2017-11-10T13:59:57","slug":"kopenhagener-rede-von-leo-trotzki-zur-verteidigung-der-oktoberrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2674","title":{"rendered":"Kopenhagener Rede von Leo Trotzki zur Verteidigung der Oktoberrevolution"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution ver\u00f6ffentlichen wir die &#8222;Kopenhagener Rede&#8220; (7. November 1932) von Leo Trotzki.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Werte Zuh\u00f6rer!<\/p>\n<p>Gestatten Sie mir von Anfang an dem aufrichtigen Bedauern dar\u00fcber Ausdruck zu verleihen, da\u00df ich nicht die M\u00f6glichkeit habe, vor einem Kopenhagener Auditorium in d\u00e4nischer Sprache vorzutragen. Lassen wir dahingestellt, ob die Zuh\u00f6rer dadurch etwas zu verlieren haben. Was den Vortragenden anlangt, so raubt ihm die Unkenntnis der d\u00e4nischen Sprache jedenfalls die M\u00f6glichkeit, das skandinavische Leben und die skandinavische Literatur unmittelbar aus erster Hand und im Original zu verfolgen. Und dies ist ein gro\u00dfer Verlust.<\/p>\n<p>Die deutsche Sprache, zu der ich hier Zuflucht zu nehmen gezwungen bin, ist m\u00e4chtig und reich. Meine deutsche Sprache ist aber ziemlich begrenzt. Sich mit der notwendigen Freiheit \u00fcber komplizierte Fragen auseinanderzusetzen vermag man \u00fcbrigens nur in der eigenen Sprache. Ich mu\u00df daher im voraus um die Nachsicht des Auditoriums ersuchen.<\/p>\n<p>Zum ersten Male war ich in Kopenhagen auf dem internationalen sozialistischen Kongre\u00df[1]\u00a0und nahm die besten Erinnerungen von Ihrer Stadt mit mir. Das liegt aber schon fast ein Vierteljahrhundert zur\u00fcck. Im Belt und in den Fjorden hat seither das Wasser viele Male gewechselt. Aber nicht allein das Wasser. Der Krieg hat dem alten europ\u00e4ischen Kontinent die Wirbels\u00e4ule zerbrochen. Europas Fl\u00fcsse und die Meere haben nicht wenig Menschenblut mit sich geschwemmt. Die Menschheit, insbesondere die europ\u00e4ische, ist durch schwere Pr\u00fcfungen hindurchgegangen, ist d\u00fcsterer und rauher geworden. Alle Arten des Kampfes sind erbitterter geworden. Die Welt ist in eine Epoche der gro\u00dfen Wende eingetreten. Ihre extremen \u00c4u\u00dferungen sind der Krieg und die Revolution.<\/p>\n<p>Bevor ich zum Thema meines Vortrages \u00fcbergehe \u2013 zur Revolution \u2013 halte ich es f\u00fcr meine Pflicht, den Veranstaltern der Versammlung, der Kopenhagener Organisation der sozialdemokratischen Studentenschaft, meinen Dank auszusprechen. Ich tue dies als politischer Gegner. Mein Vortrag verfolgt zwar wissenschaftlich-historische Aufgaben und nicht politische. Ich unterstreiche dies gleich eingangs. Es ist aber unm\u00f6glich von einer Revolution, aus der die Sowjetrepublik hervorgegangen ist, zu sprechen, ohne eine politische Position zu beziehen. In meiner Eigenschaft als Vortragender stehe ich unter derselben Fahne, unter der ich als Teilnehmer der revolution\u00e4ren Ereignisse stand.<\/p>\n<p>Bis zum Kriege geh\u00f6rte die bolschewistische Partei zur internationalen Sozialdemokratie. Am 4. August 1914 hat die Abstimmung der deutschen Sozialdemokratie f\u00fcr die Kriegskredite dieser Verbindung ein f\u00fcr allemal ein Ende gesetzt und die \u00c4ra des ununterbrochenen und unvers\u00f6hnlichen Kampfes des Bolschewismus gegen die Sozialdemokratie eingeleitet[2]. Soll dies bedeuten, die Veranstalter dieser Versammlung h\u00e4tten einen Irrtum begangen, indem sie mich als Vortragenden einluden? Dar\u00fcber wird das Auditorium erst nach meinem Vortrag zu urteilen imstande sein. Zur Rechtfertigung dessen, da\u00df ich die Einladung, einen Bericht \u00fcber die russische Revolution zu halten, angenommen habe, erlaube ich mir, darauf hinzuweisen, da\u00df w\u00e4hrend der 35 Jahre meines politischen Lebens das Thema der russischen Revolution die praktische und theoretische Achse meiner Interessen und meiner Handlungen bildete. Die vier Jahre meines Aufenthaltes in der T\u00fcrkei waren haupts\u00e4chlich der historischen Verarbeitung der Probleme der russischen Revolution gewidmet. Vielleicht gibt mir dies ein gewisses Anrecht, zu hoffen, da\u00df es mir gelingen wird, nicht nur Freunden und Gesinnungsgenossen, sondern auch Gegnern wenigstens teilweise zu helfen, manche Z\u00fcge der Revolution besser zu erfassen, die fr\u00fcher ihrer Aufmerksamkeit entgangen waren. Jedenfalls ist die Aufgabe meines Vortages: helfen, zu verstehen. Ich gedenke nicht, die Revolution zu propagieren oder zur Revolution aufzurufen. Ich will sie erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob es auf dem skandinavischen Olymp eine besondere G\u00f6ttin der Rebellion gab. Kaum! Jedenfalls werden wir heute nicht Ihre Gunst anrufen. Wir werden unseren Vortrag unter das Zeichen der Saotra stellen, der alten G\u00f6ttin der Erkenntnis. Ungeachtet der leidenschaftlichen Dramatik der Revolution als eines lebendigen Geschehens, werden wir uns bem\u00fchen, sie mit der Leidenschaftslosigkeit eines Anatomen zu behandeln. Wenn dadurch der Vortrag trockener wird, m\u00f6gen die Zuh\u00f6rer dies mit in Kauf nehmen.<\/p>\n<p><strong>Objektive und subjektive Faktoren der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Beginnen wir mit einigen elementaren soziologischen Leits\u00e4tzen, die Ihnen allen zweifellos bekannt sind, die wir aber beim Herantreten an eine so komplizierte Erscheinung wie die Revolution in unserem Ged\u00e4chtnis auffrischen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die menschliche Gesellschaft ist eine geschichtlich im Kampfe um das Dasein und die Sicherung der Aufrechterhaltung der Generation entstandene Kooperation. Der Charakter der Gesellschaft wird durch den Charakter ihrer Wirtschaft bestimmt. Der Charakter der Wirtschaft wird durch die Arbeitsmittel bestimmt.<\/p>\n<p>Jeder gro\u00dfen Epoche in der Entwicklung der Produktionskr\u00e4fte entspricht ein bestimmtes soziales Regime. Jedes soziale Regime sicherte bisher der herrschenden Klasse ungeheure Vorteile.<\/p>\n<p>Schon aus dem Gesagten geht klar hervor, da\u00df die sozialen Regimes nicht ewig sind. Sie entstehen geschichtlich, um dann zu Fesseln f\u00fcr den Fortschritt zu werden. Alles, was entsteht, ist wert, da\u00df es zugrunde geht.[3]<\/p>\n<p>Aber keine herrschende Klasse hat freiwillig und friedlich abgedankt. In Fragen von Leben und Tod haben niemals Argumente der Vernunft die Argumente der Gewalt ersetzt. Das mag traurig sein, aber es ist nun einmal so. Nicht wir haben diese Welt geschaffen. Es bleibt nichts \u00fcbrig, als sie so zu nehmen, wie sie ist.<\/p>\n<p>Die Revolution bedeutet folglich einen Wechsel des sozialen Regimes. Sie \u00fcbergibt die Macht aus den H\u00e4nden einer Klasse, die sich ersch\u00f6pft hat, in die H\u00e4nde der anderen Klasse, die im Aufsteigen begriffen ist. Der Aufstand bildet den kritischsten und sch\u00e4rfsten Moment im Ringen zweier Klassen um die Macht. Der Aufstand kann nur in dem Falle zum wirklichen Siege der Revolution und zur Errichtung eines neuen Regimes f\u00fchren, wenn er sich auf eine fortschrittliche Klasse st\u00fctzt, die f\u00e4hig ist, die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit des Volkes um sich zu scharen.<\/p>\n<p>Zum Unterschied von den naturgeschichtlichen Prozessen wird die Revolution von Menschen und durch Menschen verwirklicht. Aber auch in der Revolution wirken die Menschen unter dem Einflu\u00df der sozialen Bedingungen, die nicht frei von ihnen erw\u00e4hlt, sondern von der Vergangenheit her\u00fcbergenommen sind und die ihnen gebieterisch den Weg weisen. Eben darum und nur darum ist die Revolution gesetzm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Das menschliche Bewu\u00dftsein widerspiegelt aber die objektiven Bedingungen nicht passiv. Es pflegt aktiv auf sie zu reagieren. In gewissen Momenten nimmt diese Reaktion gespannten, leidenschaftlichen Massencharakter an. Die Barrieren von Recht und Macht werden umgest\u00fcrzt. Das aktive Eingreifen der Massen in die Ereignisse bildet ja auch das unerl\u00e4\u00dflichste Element der Revolution.<\/p>\n<p>Aber selbst die st\u00fcrmischste Aktivit\u00e4t kann im Stadium der Demonstration verbleiben, ohne sich auf die H\u00f6he der Revolution zu erheben. Der Aufstand der Massen mu\u00df zur Niederwerfung der Herrschaft einer Klasse und zur Aufrichtung der Herrschaft einer anderen f\u00fchren. Dann erst haben wir eine vollendete Revolution. Der Massenaufstand ist kein isoliertes Unternehmen, das man nach Belieben heraufbeschw\u00f6ren kann. Er stellt ein objektiv bedingtes Element in der Entwicklung der Revolution dar, wie die Revolution einen objektiv bedingten Proze\u00df in der Entwicklung der Gesellschaft. Sind aber die Bedingungen des Aufstandes vorhanden, darf man nicht passiv, mit aufgerissenem Munde abwarten: auch in menschlichen Dingen gibt es, wie Shakespeare sagt, Flut und Ebbe.<\/p>\n<p>Um das \u00fcberlebte Regime hinwegzufegen, mu\u00df die fortschrittliche Klasse verstehen, da\u00df ihre Stunde geschlagen hat und sich die Eroberung der Macht zur Aufgabe stellen. Hier erschlie\u00dft sich das Feld der bewu\u00dften revolution\u00e4ren Aktion, wo sich Voraussicht und Berechnung mit Willen und Wagemut verbinden. Mit anderen Worten: Hier erschlie\u00dft sich das Aktionsfeld der Partei.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4re Partei vereinigt in sich die Auslese der fortschrittlichen Klasse. Ohne eine Partei, die f\u00e4hig ist, sich in der Umgebung zu orientieren, Gang und Rhythmus der Ereignisse abzusch\u00e4tzen und rechtzeitig das Vertrauen der Massen zu erobern, ist der Sieg der proletarischen Revolution unm\u00f6glich. Das ist die Wechselbeziehung der objektiven und der subjektiven Faktoren der Revolution und des Aufstandes.<\/p>\n<p><strong>Zwischenbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Bei Disputen pflegen, wie Sie wissen, die Widersacher \u2013 insbesondere in der Theologie \u2013 h\u00e4ufig die wissenschaftliche Wahrheit zu diskreditieren, indem sie sie zur Absurdit\u00e4t treiben. Diese Methode hei\u00dft ja auch in der Logik: reductio ad absurdum. Wir werden den entgegengesetzten Weg zu gehen versuchen: Das hei\u00dft, wir werden ein Absurdum zum Ausgangspunkt nehmen, um uns desto sicherer der Wahrheit zu n\u00e4hern. Wenn es sich um die Revolution handelt, l\u00e4\u00dft sich \u00fcber Mangel an Absurdums jedenfalls nicht klagen. Nehmen wir eines der frischesten und krassesten.<\/p>\n<p>Der italienische Schriftsteller Malaparte[4], so etwas wie ein faschistischer Theoretiker \u2013 es gibt auch solche \u2013, hat unl\u00e4ngst ein Buch \u00fcber die Technik des Staatsstreiches vom Stapel gelassen. Der Verfasser weist selbstverst\u00e4ndlich eine nicht unbetr\u00e4chtliche Seitenzahl seiner \u201eForschung\u201c der Oktoberumw\u00e4lzung zu.<\/p>\n<p>Zum Unterschied von der \u201eStrategie\u201c Lenins, die mit den sozialen und politischen Verh\u00e4ltnissen des Ru\u00dflands von 1917 verbunden bleibt, \u201eist Trotzkis Taktik\u201c, nach Malapartes Worten, \u201eim Gegenteil mit den allgemeinen Bedingungen des Landes nicht verbunden\u201c. Dies ist die Hauptidee des Werkes! Malaparte zwingt Lenin und Trotzki, auf den Seiten seines Buches zahlreiche Dialoge zu f\u00fchren, in denen beide Gespr\u00e4chspartner zusammen ebensoviel Tiefsinnigkeit zur Schau tragen, wie die Natur dem einen Malaparte zur Verf\u00fcgung gestellt hat. Auf Lenins Erw\u00e4gungen \u00fcber die sozialen und politischen Voraussetzungen des Umsturzes beauftragt Malaparte den imagin\u00e4ren Trotzki buchst\u00e4blich folgendes zu antworten: \u201eIhre Strategie erfordert viel zu viel g\u00fcnstige Bedingungen: die lnsurrektion[5]\u00a0braucht nichts, sie gen\u00fcgt sich selbst\u201c. Sie h\u00f6ren: \u201edie Insurrektion braucht nichts!\u201c Das ist eben, werte Zuh\u00f6rer, jenes Absurdum, das uns helfen mu\u00df, der Wahrheit n\u00e4herzukommen. Der Verfasser wiederholt beharrlich: Im Oktober habe nicht die Strategie Lenins, sondern Trotzkis Taktik gesiegt. Diese Taktik bedroht, nach seinen Worten, auch jetzt die Ruhe der europ\u00e4ischen Staaten. \u201eDie Strategie Lenins\u201c, ich zitiere w\u00f6rtlich, \u201ebildet keine unmittelbare Gefahr f\u00fcr die Regierungen Europas. Aktuelle und dabei permanente Gefahr bildet f\u00fcr sie die Taktik Trotzkis\u201c. Noch konkreter: \u201eSetzen Sie Poincar\u00e9[6]\u00a0an die Stelle Kerenskis[7]\u00a0und der bolschewistische Staatsstreich vom Oktober 1917 w\u00fcrde ebensogut gelingen.\u201c Schwer zu glauben, da\u00df solch ein Buch in verschiedene Sprachen \u00fcbersetzt und ernst genommen wird.<\/p>\n<p>Vergeblich w\u00fcrden wir zu ergr\u00fcnden suchen, wozu \u00fcberhaupt die von geschichtlichen Bedingungen abh\u00e4ngige Strategie Lenins notwendig ist, wenn \u201eTrotzkis Taktik\u201c die gleiche Aufgabe in jeder Situation zu l\u00f6sen vermag. Und warum sind die gl\u00fccklichen Revolutionen so selten, wenn zu ihrem Gelingen nur ein paar technische Rezepte ausreichen?<\/p>\n<p>Der vom faschistischen Schriftsteller vorgef\u00fchrte Dialog zwischen Lenin und Trotzki ist dem Sinn wie der Form nach eine abgeschmackte Erfindung \u2013 vom Anfang bis zu Ende. Solche Erfindungen treiben sich nicht wenige auf der Welt herum. So wird jetzt zum Beispiel in Madrid unter meinem Namen ein Buch gedruckt: La Vida de Lenin (Das Leben Lenins), f\u00fcr das ich ebensowenig verantwortlich bin, wie f\u00fcr die taktischen Rezepte Malapartes. Das Madrider Wochenblatt Estampa brachte aus diesem angeblichen Buch Trotzkis \u00fcber Lenin ganze Kapitel im Vorabdruck, die abscheuliche Sch\u00e4ndungen des Andenkens jenes Menschen beinhalten, den ich unvergleichlich h\u00f6her als sonst jemanden unter meinen Zeitgenossen sch\u00e4tzte und sch\u00e4tze.<\/p>\n<p>Doch \u00fcberlassen wir die F\u00e4lscher ihrem Schicksal. Der alte Wilhelm Liebknecht[8], der Vater des unverge\u00dflichen K\u00e4mpfers und Helden Karl Liebknecht[9], liebte zu sagen: \u201eder revolution\u00e4re Politiker mu\u00df sich mit einer dicken Haut versehen\u201c. \u201eDoktor Stockmann\u201c empfahl noch ausdrucksvoller jedem, der der gesellschaftlichen Meinung zuwiderhandeln beabsichtige, keine neuen Hosen anzuziehen. Wir wollen die beiden guten Ratschl\u00e4ge zur Kenntnis nehmen und zur Tagesordnung \u00fcbergehen.<\/p>\n<p><strong>Problemstellung der Oktoberrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Welche Fragestellungen erweckt die Oktoberrevolution bei einem denkenden Menschen?<\/p>\n<ol>\n<li>Warum und wie ist diese Revolution zustandegekommen? Konkreter: Warum hat die proletarische Revolution in einem der zur\u00fcckgebliebensten L\u00e4nder Europas gelegen?<\/li>\n<li>Was hat die Oktoberrevolution geleistet?<\/li>\n<li>Hat sie sich bew\u00e4hrt?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die erste Frage \u2013 \u00fcber die Ursachen \u2013 kann man schon jetzt mehr oder minder ersch\u00f6pfend beantworten. Ich habe versucht, dies in meiner Geschichte der Revolution zu tun[10]. Hier kann ich nur die wichtigsten Schlu\u00dffolgerungen formulieren. Die Tatsache, da\u00df das Proletariat zum ersten Male in einem so zur\u00fcckgebliebenen Lande wie dem ehemaligen zaristischen Ru\u00dfland zur Macht gelangt ist, erscheint nur auf den ersten Blick geheimnisvoll. In Wirklichkeit ist sie vollkommen gesetzm\u00e4\u00dfig. Man konnte sie voraussehen und man hat sie vorausgesehen. Noch mehr: Auf der Voraussicht dieser Tatsache bauten die revolution\u00e4ren Marxisten lange vor den entscheidenden Ereignissen ihre Strategie auf.<\/p>\n<p>Die erste und allgemeinste Erkl\u00e4rung: Ru\u00dfland ist ein zur\u00fcckgebliebenes Land, aber nur ein Teil der Weltwirtschaft, nur ein Element des kapitalistischen Weltsystems. In diesem Sinne hat Lenin das R\u00e4tsel der russischen Revolution mit der lapidaren Formel ersch\u00f6pft: Die Kette ist an ihrem schw\u00e4chsten Glied zerrissen.<\/p>\n<p>Eine krasse Illustration: Der gro\u00dfe Krieg, hervorgegangen aus den Gegens\u00e4tzen des Weltimperialismus, zog in seinen Wirbel L\u00e4nder verschiedener Entwicklungsstufen, stellte aber die gleichen Anspr\u00fcche an alle Teilnehmer. Es ist klar: Die B\u00fcrde des Krieges mu\u00dfte besonders unertr\u00e4glich f\u00fcr die zur\u00fcckgebliebensten L\u00e4nder sein. Ru\u00dfland war als erstes gezwungen, das Feld zu r\u00e4umen. Um sich aber vom Kriege loszurei\u00dfen, mu\u00dfte das russische Volk die herrschenden Klassen niederwerfen. So zerri\u00df die Kriegskette an ihrem schw\u00e4chsten Gliede.<\/p>\n<p>Doch ist der Krieg keine von au\u00dfen kommende Katastrophe wie das Erdbeben, sondern die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln[11]. Im Kriege \u00e4u\u00dferten sich nur krasser die Haupttendenzen des imperialistischen Systems der \u201eFriedens\u201c-Zeit. Je h\u00f6her die Weltproduktionskr\u00e4fte, je gespannter die Weltkonkurrenz, je sch\u00e4rfer die Antagonismen, je rasender der R\u00fcstungswettlauf, desto schwieriger ist es f\u00fcr die schw\u00e4cheren Teilnehmer. Eben darum nehmen die r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4nder die ersten Pl\u00e4tze in der Reihenfolge der Zusammenbr\u00fcche ein. Die Kette des Weltkapitalismus hat immer die Tendenz, am schw\u00e4chsten Gliede zu zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Sollte infolge irgendwelcher au\u00dferordentlicher oder au\u00dferordentlich ung\u00fcnstiger Bedingungen \u2013 sagen wie einer siegreichen milit\u00e4rischen Intervention von au\u00dfen oder nicht wiedergutzumachender Fehler der Sowjetregierung selbst \u2013 auf dem unerme\u00dflichen Sowjetterritorium der russische Kapitalismus wieder auferstehen, mit ihm zugleich w\u00fcrde unausbleiblich auch seine geschichtliche Unzul\u00e4nglichkeit wieder erstehen und er selbst wiederum in B\u00e4lde das Opfer der gleichen Widerspr\u00fcche werden, die ihn im Jahre 1917 zur Explosion gebracht haben. Keine taktischen Rezepte h\u00e4tten die Oktoberrevolution ins Leben rufen k\u00f6nnen, w\u00fcrde Ru\u00dfland sie nicht in seinem Leibe getragen haben. Die revolution\u00e4re Partei kann f\u00fcr sich letzten Endes nur die Rolle eines Geburtshelfers beanspruchen, der gezwungen ist, zum Kaiserschnitt Zuflucht zu nehmen.<\/p>\n<p><strong>Der Begriff der historischen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte mir erwidern: Ihre allgemeinen Erw\u00e4gungen m\u00f6gen hinl\u00e4nglich erkl\u00e4ren, warum das alte Ru\u00dfland Schiffbruch erleiden mu\u00dfte, dieses Land, wo der r\u00fcckst\u00e4ndige Kapitalismus bei verelendetem Bauerntum von einem parasit\u00e4ren Adel und einer verfaulten Monarchie gekr\u00f6nt war. Aber im Gleichnis von der Kette und dem schw\u00e4chsten Glied fehlt immer noch der Schl\u00fcssel zum eigentlichen R\u00e4tsel: Wie konnte in einem r\u00fcckst\u00e4ndigen Lande die sozialistische Revolution siegen? Die Geschichte kennt ja nicht wenige Beispiele des Verfalls von L\u00e4ndern und Kulturen bei gleichzeitigem Zusammenbruch der alten Klassen, f\u00fcr die sich keine progressive Abl\u00f6sung gefunden hatte. Der Zusammenbruch des alten Ru\u00dfland h\u00e4tte auf den ersten Blick das Land eher in eine kapitalistische Kolonie als in einen sozialistischen Staat verwandeln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dieser Einwand ist sehr interessant. Er f\u00fchrt uns direkt zum Kern des gesamten Problems. Und doch ist dieser Einwand fehlerhaft, ich m\u00f6chte sagen, bar innerer Proportion. Einerseits geht er von einer \u00fcbertriebenen Vorstellung in bezug auf die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Ru\u00dflands aus, andererseits von einer theoretisch falschen Vorstellung in bezug auf das Ph\u00e4nomen der geschichtlichen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Anatomie und Physiologie unterscheidet sich die Psychologie, die individuelle wie die kollektive, durch au\u00dferordentliche Aufnahmef\u00e4higkeit. Geschmeidigkeit und Elastizit\u00e4t: Darin besteht ja auch der aristokratische Vorzug des Menschen vor seinen n\u00e4chsten zoologischen Verwandten, der Gattung der Affen. Die aufnahmef\u00e4hige und geschmeidige Psyche verleiht als notwendige Bedingung des historischen Fortschritts den sogenannten sozialen Organismen, zum Unterschied von den wirklichen, d.h. den biologischen Organismen, eine au\u00dferordentliche Unbest\u00e4ndigkeit der inneren Struktur. In der Entwicklung der Nationen und Staaten, insbesondere der kapitalistischen, gibt es weder Gleichartigkeit noch Gleichm\u00e4\u00dfigkeit. Verschiedene Kulturstufen, selbst ihre Pole n\u00e4hern und verquicken sich nicht selten im Leben ein und desselben Landes.<\/p>\n<p>Wollen wir, werte Zuh\u00f6rer, nicht vergessen, da\u00df die geschichtliche Zur\u00fcckgebliebenheit ein relativer Begriff ist. Gibt es r\u00fcckst\u00e4ndige und fortgeschrittene L\u00e4nder, so gibt es auch eine Wechselwirkung unter ihnen: Es gibt den Druck der fortgeschrittenen L\u00e4nder auf die zur\u00fcckgebliebenen. Es gibt die Notwendigkeit f\u00fcr die zur\u00fcckgebliebenen L\u00e4nder, die fortgeschrittenen einzuholen, bei ihnen Wissenschaft und Technik zu entlehnen usw. So entsteht ein kombinierter Typus der Entwicklung: Z\u00fcge der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit paaren sich mit den letzten Worten der Welttechnik und des Weltgedankens. Endlich sind die geschichtlich zur\u00fcckgebliebenen L\u00e4nder, um sich der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit zu entwinden, manchmal gezwungen, den \u00fcbrigen vorauszueilen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne kann man sagen, da\u00df die Oktoberrevolution f\u00fcr die V\u00f6lker Ru\u00dflands ein heroisches Mittel war, die eigene \u00f6konomische und kulturelle Barbarei zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>Soziale Struktur des vorrevolution\u00e4ren Ru\u00dflands<\/strong><\/p>\n<p>Gehen wir aber von diesen geschichtsphilosophischen, vielleicht etwas zu abstrakten Verallgemeinerungen dazu \u00fcber, dieselben Fragen in konkreter Form zu stellen, das hei\u00dft in Anschauung der lebendigen \u00f6konomischen Tatsachen. Die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Ru\u00dflands zu Beginn des 20. Jahrhunderts \u00e4u\u00dferte sich am deutlichsten darin, da\u00df die Industrie im Lande einen geringen Platz einnahm im Vergleiche zur Landwirtschaft, die Stadt im Vergleiche zum Dorfe, das Proletariat im Vergleich zum Bauerntum. Im Ganzen bedeutet dies eine niedrige Produktivit\u00e4t der nationalen Arbeit. Es gen\u00fcgt zu sagen, da\u00df am Vorabend des Krieges, als das zaristische Ru\u00dfland den H\u00f6hepunkt seines Wohlstandes erreicht hatte, das Volkseinkommen 8 bis 10mal niedriger war als in den Vereinigten Staaten. Dies ist zahlenm\u00e4\u00dfig ausgedr\u00fcckt die Gr\u00f6\u00dfe der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, wenn in bezug auf die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit das Wort R\u00fcckst\u00e4ndigkeit \u00fcberhaupt anwendbar ist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber \u00e4u\u00dfert sich das Gesetz der kombinierten Entwicklung auf wirtschaftlichem Gebiete bei jedem Schritt, in den einfachsten wie in den kompliziertesten Erscheinungen. Fast ohne Landstra\u00dfen, sah sich Ru\u00dfland gezwungen, Eisenbahnen zu bauen. Ohne durch das europ\u00e4ische Handwerkswesen und die Manufaktur hindurchgegangen zu sein, ging Ru\u00dfland direkt zu mechanisierten Betrieben \u00fcber. Die Zwischenstufen zu \u00fcberspringen, ist das Schicksal der zur\u00fcckgebliebenen L\u00e4nder.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die b\u00e4uerliche Landwirtschaft h\u00e4ufig auf dem Niveau des 17. Jahrhunderts verblieb, stand Ru\u00dflands Industrie, wenn nicht dem Umfange so dem Typus nach, auf dem Niveau der fortgeschrittenen L\u00e4nder und eilte diesen in mancher Beziehung voraus. Es gen\u00fcgt zu sagen, da\u00df die Riesenunternehmungen mit \u00fcber je tausend Arbeitern in den Vereinigten Staaten weniger als 18% der Gesamtzahl der Industriearbeiter besch\u00e4ftigten, in Ru\u00dfland dagegen \u00fcber 41%. Diese Tatsache l\u00e4\u00dft sich schlecht vereinbaren mit der banalen Vorstellung von der \u00f6konomischen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Ru\u00dflands. Sie widerlegt indes nicht die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, sondern erg\u00e4nzt diese dialektisch.<\/p>\n<p>Den gleichen widerspruchsvollen Charakter trug auch die Klassenstruktur des Landes. Das Finanzkapital Europas industrialisierte die russische Wirtschaft in beschleunigtem Tempo. Die industrielle Bourgeoisie nahm sogleich gro\u00dfkapitalistischen und volksfeindlichen Charakter an. Die fremden Aktienbesitzer lebten zudem au\u00dferhalb des Landes. Die Arbeiter dagegen waren selbstverst\u00e4ndlich Russen. Einer zahlenm\u00e4\u00dfig schwachen russischen Bourgeoisie, die keine nationalen Wurzeln hatte, stand auf diese Weise ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig starkes Proletariat gegen\u00fcber mit kr\u00e4ftigen Wurzeln in den Tiefen des Volkes.<\/p>\n<p>Zum revolution\u00e4ren Charakter des Proletariats trug die Tatsache bei, da\u00df Ru\u00dfland gerade als zur\u00fcckgebliebenes Land, unter dem Zwang, die Gegner einzuholen, nicht dazu gekommen war, einen eigenen Konservatismus, weder einen sozialen noch einen politischen, herauszuarbeiten. Als konservativstes Land Europas, ja der ganzen Welt, gilt mit Recht das \u00e4lteste kapitalistische Land: England. Das von Konservatismus freieste Land Europas d\u00fcrfte wohl Ru\u00dfland sein. Das junge, frische, entschlossene Proletariat Ru\u00dflands bildete jedoch nur eine verschwindende Minderheit der Nation. Die Reserven seiner revolution\u00e4ren Macht lagen au\u00dferhalb des Proletariats selbst: in dem in halber Leibeigenschaft lebenden Bauerntum und in den unterdr\u00fcckten Nationen.<\/p>\n<p><strong>Das Bauerntum<\/strong><\/p>\n<p>Den Untergrund der Revolution bildete die Agrarfrage. Die alte st\u00e4ndisch-monarchistische Fron wurde doppelt unertr\u00e4glich unter den Bedingungen der neuen kapitalistischen Ausbeutung. Der b\u00e4uerliche Gemeindeboden bildete ungef\u00e4hr 140 Millionen Desjatinen. Auf drei\u00dfigtausend Gro\u00dfgrundbesitzer, von denen jeder durchschnittlich \u00fcber 2.000 Desjatinen[12]\u00a0besa\u00df, entfielen im Ganzen 70 Millionen Desjatinen, d.h. ebensoviel wie auf ungef\u00e4hr 10 Millionen Bauernfamilien oder 50 Millionen Bauernbev\u00f6lkerung, mit dem Unterschied, da\u00df der beste Boden den Gutsbesitzern geh\u00f6rte. Diese Statistik des Grund und Bodens bildete ein fertiges Programm des Bauernaufstandes.<\/p>\n<p>Der adelige Boborkin schrieb im Jahre 1917 an den Kammerherrn Rodsjanko, den Vorsitzenden der letzten Stadtduma[13]: \u201eIch bin ein Gutsbesitzer und es will mir nicht in den Kopf, da\u00df ich meinen Boden verlieren soll und noch dazu f\u00fcr ein unglaubliches Ziel, f\u00fcr das Experiment der sozialistischen Lehre.\u201c Doch Revolutionen haben eben die Aufgabe, das zu vollbringen, was in die K\u00f6pfe der herrschenden Klassen nicht hinein will. Im Herbst 1917 wurde fast das ganze Land zum Territorium des Bauernaufstandes. Von 624 Kreisen des alten Ru\u00dfland waren 482, d.h. 77% von der Bewegung ergriffen: Der Widerschein der Dorfbr\u00e4nde beleuchtete die Arena der Aufst\u00e4nde in den St\u00e4dten. Aber der Bauernkrieg gegen die Gutsbesitzer \u2013 werden Sie mir erwidern \u2013 ist eines der klassischen Elemente der b\u00fcrgerlichen und beileibe nicht der proletarischen Revolution!<\/p>\n<p>Vollst\u00e4ndig richtig, antworte ich, \u2013 so war es in der Vergangenheit. Aber gerade darin kam ja die Lebensunf\u00e4higkeit der kapitalistischen Gesellschaft in einem geschichtlich zur\u00fcckgebliebenen Lande zum Ausdruck, da\u00df der Bauernaufstand die b\u00fcrgerlichen Klassen Ru\u00dflands nicht vorw\u00e4rtstrieb, sondern im Gegenteil, sie endg\u00fcltig ins Lager der Reaktion zur\u00fcckwarf. Wollte sie nicht zugrundegehen, blieb der Bauernschaft nichts anderes \u00fcbrig als der Anschlu\u00df an das industrielle Proletariat. Diesen revolution\u00e4ren Zusammenschlu\u00df der beiden unterdr\u00fcckten Klassen sah Lenin genial voraus und bereitete ihn von langer Hand vor. W\u00e4re die Agrarfrage von der Bourgeoisie mutig gel\u00f6st worden, dann h\u00e4tte freilich das Proletariat Ru\u00dflands im Jahre 1917 keinesfalls an die Macht gelangen k\u00f6nnen. Zu sp\u00e4t gekommen, fr\u00fchzeitig der Altersschw\u00e4che verfallen, wagte indes die habgierige und feige russische Bourgeoisie nicht, ihre Hand gegen das feudale Eigentum zu erheben. Dadurch aber lieferte sie dem Proletariat die Macht aus und damit zugleich das Verf\u00fcgungsrecht \u00fcber die Geschicke der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Damit der Sowjetstaat zustandekomme, war folglich das Zusammenwirken zweier Faktoren von verschiedener geschichtlicher Natur notwendig: des Bauernkrieges. d.h. einer Bewegung, die f\u00fcr die Morgenr\u00f6te der b\u00fcrgerlichen Entwicklung charakteristisch ist, und des proletarischen Aufstandes, d.h. einer Bewegung, die den Untergang der b\u00fcrgerlichen Bewegung anzeigt. Darin besteht eben der kombinierte Charakter der russischen Revolution.<\/p>\n<p>Stellt er sich einmal auf die Hinterpfoten, wird der b\u00e4uerliche B\u00e4r furchtbar in seiner Wut. Doch ist er nicht imstande seiner Emp\u00f6rung bewu\u00dften Ausdruck zu verleihen. Er braucht einen F\u00fchrer[14]. Zum ersten Male in der Weltgeschichte hat das aufst\u00e4ndige Bauerntum in der Person des Proletariats einen treuen F\u00fchrer gefunden. Vier Millionen Industrie- und Transportarbeiter f\u00fchrten 100 Millionen Bauern. Das ist die nat\u00fcrliche und unvermeidliche Wechselbeziehung zwischen Proletariat und Bauerntum in der Revolution.<\/p>\n<p><strong>Die nationale Frage<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite revolution\u00e4re Reserve des Proletariats bildeten die unterdr\u00fcckten Nationen, \u00fcbrigens auch vorwiegend b\u00e4uerlicher Zusammensetzung. Eng verbunden mit der geschichtlichen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des Landes ist der extensive Charakter der Entwicklung des Staates, der wie ein Fettfleck vom Moskauer Zentrum bis zur Peripherie auseinanderflo\u00df. Im Osten unterwarf er sich die noch mehr zur\u00fcckgebliebenen V\u00f6lkerschaften, um auf sie gest\u00fctzt die entwickelteren Nationalit\u00e4ten im Westen zu ersticken. Zu den 70 Millionen Gro\u00dfrussen, die die Hauptmasse der Bev\u00f6lkerung bildeten, kamen allm\u00e4hlich an 90 Millionen \u201eAndersst\u00e4mmige\u201c hinzu.<\/p>\n<p>So entstand das Imperium, in dessen Zusammensetzung die herrschende Nation nur 43% der Bev\u00f6lkerung bildete, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen 57% auf Nationalit\u00e4ten verschiedener Kultur und Entrechtung entfielen. Der nationale Druck war in Ru\u00dfland unvergleichlich roher als in den benachbarten Staaten, und zwar nicht nur der jenseits der westlichen, sondern auch jenseits der \u00f6stlichen Grenze. Dies verlieh dem nationalen Problem eine ungeheure Explosivkraft.<\/p>\n<p>Die russisch liberale Bourgeoisie wollte in der nationalen wie auch in der Agrarfrage nicht \u00fcber gewisse Milderungen des Regimes der Unterdr\u00fcckung und Vergewaltigung hinausgehen. Die \u201edemokratische\u201c Regierungen Miljukows[15]\u00a0und Kerenskis, die die Interessen der gro\u00dfrussischen Bourgeoisie und B\u00fcrokratie widerspiegelten, beeilten sich geradezu, den unzufriedenen Nationen im Laufe der 8 Monate ihrer Existenz einzugeben: Ihr werdet nur das erreichen, was ihr gewaltsam entrei\u00dft.<\/p>\n<p>Die Unvermeidlichkeit der Entwicklung der zentrifugalen nationalen Bewegung hatte Lenin sehr bald in Betracht gezogen. Die bolschewistische Partei k\u00e4mpfte Jahre hindurch hartn\u00e4ckig um das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, das hei\u00dft um das Recht auf volle staatliche Lostrennung. Nur durch diese mutige Stellung in der nationalen Frage konnte das russische Proletariat allm\u00e4hlich das Vertrauen der unterdr\u00fcckten V\u00f6lkerschaften gewinnen. Die nationale Freiheitsbewegung wie auch die Agrarbewegung wendete sich zwangsl\u00e4ufig gegen die offizielle Demokratie, st\u00e4rkte das Proletariat und ergo\u00df sich in das Bett der Oktoberumw\u00e4lzung.<\/p>\n<p><strong>Die permanente Revolution<\/strong><\/p>\n<p>So entschleiert sich vor uns allm\u00e4hlich das R\u00e4tsel der proletarischen Umw\u00e4lzung in einem geschichtlich zur\u00fcckgebliebenen Lande. Die marxistischen Revolution\u00e4re haben lange vor den Ereignissen den Gang der Revolution und die geschichtliche Rolle des jungen russischen Proletariats vorausgesehen. Man wird mir vielleicht gestatten, hier einen Auszug aus meiner eigenen Arbeit vom Jahre 1905 wiederzugeben:<\/p>\n<p>\u201eEs ist m\u00f6glich, da\u00df das Proletariat in einem \u00f6konomisch r\u00fcckst\u00e4ndigen Lande eher an die Macht kommt als in einem kapitalistisch fortgeschrittenen Land \u2026 Unserer Ansicht nach wird die russische Revolution die Bedingungen schaffen, unter denen die Macht in die H\u00e4nde des Proletariats \u00fcbergehen kann (und im Falle des Sieges der Revolution mu\u00df sie dies tun), bevor die Politiker des b\u00fcrgerlichen Liberalismus Gelegenheit erhalten, ihr staatsm\u00e4nnisches Genie voll zu entfalten \u2026<\/p>\n<p>Das Schicksal der elementarsten revolution\u00e4ren Interessen der Bauernschaft \u2026 (ist) verkn\u00fcpft mit dem Schicksal der ganzen Revolution, d.h. mit dem Schicksal des Proletariats. Das Proletariat, das sich an der Macht befindet, wird vor die Bauernschaft als die sie befreiende Klasse treten \u2026<\/p>\n<p>Das Proletariat wird in die Regierung als der revolution\u00e4re Vertreter der Nation eintreten, als der anerkannte Volksf\u00fchrer im Kampf gegen den Absolutismus und die Barbarei der Leibeigenschaft \u2026<\/p>\n<p>Das proletarische Regime mu\u00df schon in der allerersten Zeit die L\u00f6sung der Agrarfrage in Angriff nehmen, mit der das Schicksal gro\u00dfer Massen der Bev\u00f6lkerung Ru\u00dflands zusammenh\u00e4ngt.\u201c[16]<\/p>\n<p>Ich habe mir erlaubt, dieses Zitat zu bringen als Zeugnis daf\u00fcr, da\u00df die von mir heute dargelegte Theorie der Oktoberumw\u00e4lzung keine fl\u00fcchtige Improvisation ist und nicht nachtr\u00e4glich unter dem Druck der Ereignisse konstruiert wurde. Nein, in der Form einer politischen Prognose war sie der Oktoberumw\u00e4lzung vorausgegangen. Sie werden mit mir \u00fcbereinstimmen, da\u00df die Theorie \u00fcberhaupt nur insofern von Wert ist, als sie den Gang der Entwicklung vorauszusehen und auf ihn zweckm\u00e4\u00dfig einzuwirken hilft. Darin besteht allgemein gesprochen die unsch\u00e4tzbare Bedeutung des Marxismus als einer Waffe der gesellschaftlichen und geschichtlichen Orientierung. Ich bedauere, da\u00df der enge Rahmen des Vortrages mir nicht erlaubt, das angef\u00fchrte Zitat bedeutend zu erweitern. Ich begn\u00fcge mich daher mit einem kurzen Res\u00fcmee der ganzen Schrift aus dem Jahre 1905.<\/p>\n<p>\u201eIhrer unmittelbaren Aufgabe nach ist die russische Revolution eine b\u00fcrgerliche. Doch das russische B\u00fcrgertum ist antirevolution\u00e4r. Der Sieg der Revolution ist daher nur als Sieg das Proletariats m\u00f6glich. Das siegreiche Proletariat wird aber beim Programm der b\u00fcrgerlichen Demokratie nicht stehen bleiben, sondern zum Programm des Sozialismus \u00fcbergehen. Die russische Revolution wird zur ersten Etappe der sozialistischen Weltrevolution werden.\u201c<\/p>\n<p>Das war die Theorie der permanenten Revolution, im Jahre 1905 von mir aufgestellt, unter dem Namen des \u201eTrotzkismus\u201c der sch\u00e4rfsten Kritik ausgesetzt. Richtiger gesagt: es ist nur ein Teil dieser Theorie. Der andere, jetzt besonders aktuelle lautet:<\/p>\n<p>\u201eDie heutigen Produktionskr\u00e4fte sind l\u00e4ngst \u00fcber die nationalen Schranken hinausgewachsen. Die sozialistische Gesellschaft ist in nationalen Grenzen undurchf\u00fchrbar. Wie bedeutend die Wirtschaftserfolge eines isolierten Arbeiterstaates auch sein m\u00f6gen, das Programm des \u201aSozialismus in einem Lande\u2018 ist eine kleinb\u00fcrgerliche Utopie. Nur eine europ\u00e4ische und sodann eine Weltf\u00f6deration sozialistischer Republiken kann die wirkliche Arena f\u00fcr eine harmonische sozialistische Gesellschaft abgeben.\u201c<\/p>\n<p>Heute, nach der \u00dcberpr\u00fcfung durch die Ereignisse, sehe ich weniger Grund denn je, mich von dieser Theorie loszusagen.<\/p>\n<p><strong>Der Bolschewismus<\/strong><\/p>\n<p>Ist es nach all dem Gesagten noch der M\u00fche wert, sich des faschistischen Schriftstellers Malaparte zu erinnern, der mir eine Taktik zuschreibt, die von der Strategie unabh\u00e4ngig sein soll und auf technische Insurrektionsrezepte hinausl\u00e4uft, die immer und auf allen Meridianen[17]\u00a0anwendbar sein sollen? Es ist wenigstens gut, da\u00df der Name des ungl\u00fcckseligen Theoretikers der Staatsstreiche ihn m\u00fchelos von dem siegreichen Praktiker der Staatsstreiche zu unterscheiden gestattet.<\/p>\n<p>Niemand riskiert somit, den Malaparte mit Bonaparte zu verwechseln. Ohne den bewaffneten Aufstand vom 7. November 1917 w\u00fcrde der Sowjetstaat nicht existieren. Der Aufstand selbst war aber nicht vom Himmel gefallen. F\u00fcr die Oktoberrevolution war eine Reihe geschichtlicher Voraussetzungen notwendig.<\/p>\n<ol>\n<li>Die F\u00e4ulnis der alten herrschenden Klassen, des Adels, der Monarchie, der B\u00fcrokratie.<\/li>\n<li>Die politische Schw\u00e4che der Bourgeoisie, die keine Wurzeln in den Volksmassen hatte.<\/li>\n<li>Der revolution\u00e4re Charakter der Bauernfrage.<\/li>\n<li>Der revolution\u00e4re Charakter des Proletariats der unterdr\u00fcckten Nationen.<\/li>\n<li>Das bedeutende soziale Gewicht des Proletariats. Zu diesen organischen Voraussetzungen mu\u00df man h\u00f6chst wichtige konjunkturelle Bedingungen hinzuf\u00fcgen:<\/li>\n<li>Die Revolution von 1905 war die gro\u00dfe Schule oder, nach Lenins Ausdruck, die \u201eGeneralprobe\u201c der Revolution von 1917. Es gen\u00fcgt zu sagen, da\u00df Sowjets[18]\u00a0als unersetzliche Organisationsform der proletarischen Einheitsfront in der Revolution zum ersten Male im Jahre 1905 gebildet worden sind.<\/li>\n<li>Der imperialistische Krieg versch\u00e4rfte alle Gegens\u00e4tze, ri\u00df die r\u00fcckst\u00e4ndigen Massen aus dem Zustand der Unbeweglichkeit heraus und bereitete dadurch das grandiose Ausma\u00df der Katastrophe vor. Doch alle diese Bedingungen, die vollst\u00e4ndig gen\u00fcgten f\u00fcr den Ausbruch der Revolution, waren ungen\u00fcgend, um den Sieg des Proletariats in der Revolution zu sichern. F\u00fcr diesen Sieg war noch eine Bedingung n\u00f6tig:<\/li>\n<li>Die Bolschewistische Partei.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wenn ich diese Bedingung als letzte in der Reihenfolge aufz\u00e4hle, so nur, weil dies der logischen Konsequenz entspricht und nicht, weil ich der Partei der Bedeutung nach die letzte Stelle zuteile.<\/p>\n<p>Nein, ich bin weit entfernt von diesem Gedanken. Die liberale Bourgeoisie, ja, sie kann die Macht ergreifen und hat sie schon mehr als einmal ergriffen als Ergebnis von K\u00e4mpfen, an denen sie nicht teil gehabt hatte: Sie besitzt hierzu auch prachtvoll entwickelte Greiforgane. Die werkt\u00e4tigen Massen befinden sich indes in einer anderen Lage: Man hat sie daran gew\u00f6hnt, zu geben und nicht zu nehmen. Sie arbeiten, dulden so lange es geht, hoffen, verlieren die Geduld, erheben sich, k\u00e4mpfen, sterben, bringen den anderen den Sieg, werden betrogen, verfallen in Mutlosigkeit, wieder beugen sie den Nacken, wieder arbeiten sie. Dies ist die Geschichte der Volksmassen unter allen Regimen. Um fest und sicher die Macht in seine H\u00e4nde zu nehmen, braucht das Proletariat eine Partei, die die \u00fcbrigen Parteien an Klarheit des Gedankens und an revolution\u00e4rer Entschlossenheit weit \u00fcbertrifft.<\/p>\n<p>Die Partei der Bolschewiki, die man mehr als einmal und mit hinl\u00e4nglicher Berechtigung als revolution\u00e4rste Partei in der Geschichte der Menschheit bezeichnete, war die lebendige Verdichtung der neueren Geschichte Ru\u00dflands, alles dessen, was in ihr dynamisch war. Noch mehr, die revolution\u00e4ren Tendenzen der europ\u00e4ischen und der Weltentwicklung haben zeitweilig im russischen Bolschewismus ihren vollendetsten Ausdruck gefunden. Zur Vorbedingung f\u00fcr die Entwicklung von Wirtschaft und Kultur war schon l\u00e4ngst der Sturz des Zarismus geworden. Zur L\u00f6sung dieser Aufgabe mangelte es aber an Kr\u00e4ften. Die Bourgeoisie f\u00fcrchtete sich vor der Revolution. Die Intelligenz versuchte die Bauernschaft auf die Beine zu bringen. Unf\u00e4hig, die eigenen M\u00fchsale und Ziele zu verallgemeinern, lie\u00df der Muschik[19]\u00a0diesen Mahnruf unbeantwortet. Die Intelligenz bewaffnete sich mit Dynamit. Eine ganze Generation verbrannte in diesem Kampfe.<\/p>\n<p>Am 1. M\u00e4rz 1887 vollf\u00fchrte Alexander Uljanow das letzte der gro\u00dfen terroristischen Attentate. Der Attentatsversuch gegen Alexander den Dritten mi\u00dflang. Uljanow und die \u00fcbrigen Teilnehmer wurden gehenkt. Der Versuch, die revolution\u00e4re Klasse durch ein chemisches Pr\u00e4parat zu ersetzen, hatte Schiffbruch erlitten. Selbst die heldenhafteste Intelligenz ist nichts ohne Massen. Unter dem unmittelbaren Eindruck dieser Tatsachen und Schlu\u00dffolgerungen wuchs und bildete sich Uljanows j\u00fcngerer Bruder Wladimir, der sp\u00e4tere Lenin, heran, die gr\u00f6\u00dfte Figur der russischen Geschichte. Schon in fr\u00fcher Jugend stellte er sich auf den Boden des Marxismus und kehrte das Gesicht dem Proletariat zu. Ohne einen Augenblick das Dorf aus den Augen zu verlieren, suchte er den Weg zum Bauerntum durch die Arbeiter. Indem er von seinen revolution\u00e4ren Vorg\u00e4ngern die Entschlossenheit, Aufopferungsf\u00e4higkeit, die Bereitschaft, bis ans Ende zu gehen, ererbt hatte, wurde Lenin in jungen Jahren zum Erzieher der neuen Generation der Intelligenz und der fortgeschrittenen Arbeiter. In Streiks und Stra\u00dfenk\u00e4mpfen, in Gef\u00e4ngnissen und in der Verbannung erhielten die Arbeiter die notwendige St\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Ihnen tat der Scheinwerfer des Marxismus not, um in der Finsternis der Selbstherrschaft[20]\u00a0ihren geschichtlichen Weg zu beleuchten. Im Jahre 1883 entstand in der Emigration die erste marxistische Gruppe.<\/p>\n<p>Im Jahre 1898 wurde auf einer geheimen Tagung die Gr\u00fcndung der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei verk\u00fcndet (wir alle nannten uns in jenen Zeiten Sozialdemokraten). Im Jahre 1903 setzte die Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki ein. Im Jahre 1912 wurde die bolschewistische Fraktion endg\u00fcltig zu einer selbst\u00e4ndigen Partei.<\/p>\n<p>Die Klassenmechanik der Gesellschaft lernte sie in K\u00e4mpfen, in grandiosen Ereignissen von 12 Jahren (1905-1917) erkennen. Sie erzog Kader, gleicherma\u00dfen bef\u00e4higt zur Initiative wie zur Unterordnung. Die Disziplin der revolution\u00e4ren Aktion st\u00fctzte sich auf die Einheit der Doktrin, auf die Tradition der gemeinsamen K\u00e4mpfe und auf das Vertrauen zur erprobten F\u00fchrung.<\/p>\n<p>So stand die Partei im Jahre 1917 da. W\u00e4hrend sie die offizielle \u00f6ffentliche Meinung und die papiernen Donner der Intelligenzpresse mi\u00dfachtete, richtete sie sich nach der Bewegung der Massen aus. Fest hielt sie das Heft \u00fcber Betriebe und Regimenter in der Hand. Die Bauernmassen wendeten sich ihr immer mehr zu. Versteht man unter Nation nicht die privilegierten Spitzen, sondern die Mehrheit des Volkes, d.h. die Arbeiter und Bauern, so wurde der Bolschewismus im Laufe des Jahres 1917 zur wahrhaft nationalen russischen Partei.<\/p>\n<p>Im September 1917 gab Lenin, der gezwungen war, sich im Versteck zu halten, das Signal: \u201eDie Krise ist reif, die Stunde des Aufstandes ist heranger\u00fcckt.\u201c Er hatte recht. Die herrschenden Klassen waren in die Sackgasse geraten angesichts der Probleme des Krieges, des Grund und Bodens und der nationalen Befreiung. Die Bourgeoisie verlor endg\u00fcltig den Kopf. Die demokratischen Parteien, die Menschewiki[21]\u00a0und Sozialrevolution\u00e4re[22], vergeudeten den letzten Rest ihres Vertrauens bei den Massen durch die Unterst\u00fctzung des imperialistischen Krieges, durch die Politik kraftloser Kompromisse und Zugest\u00e4ndnisse an die b\u00fcrgerlichen und feudalen Eigent\u00fcmer. Die erwachte Armee wollte nicht mehr um die ihr fremden Ziele des Imperialismus k\u00e4mpfen. Ohne die demokratischen Ratschl\u00e4ge zu achten, r\u00e4ucherte die Bauernschaft die Gutsbesitzer aus deren Gutsbesitzen aus. Die unterdr\u00fcckte nationale Peripherie des Reiches erhob sich gegen die Petrograder B\u00fcrokratie. In den wichtigsten Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten herrschten die Bolschewiki. Die Arbeiter und Soldaten forderten Taten. Die Eiterung war reif geworden. Es bedurfte eines Stiches mit der Lanzette.<\/p>\n<p>Nur unter diesen sozialen und politischen Bedingungen wurde der Aufstand m\u00f6glich. Und so wurde er auch unausbleiblich. Mit dem Aufstand l\u00e4\u00dft sich aber nicht scherzen. Wehe dem Chirurgen, der nachl\u00e4ssig mit der Lanze umgeht. Der Aufstand ist eine Kunst. Er hat seine Gesetze und seine Regeln.<\/p>\n<p>Die Partei f\u00fchrte den Oktoberaufstand mit kalter Berechnung und flammender Entschlossenheit durch. Dem gerade war zu danken, da\u00df sie fast ohne Opfer siegte. Durch die siegreichen Sowjets stellten sich die Bolschewiki an die Spitze des Landes, das ein Sechstel der Erdoberfl\u00e4che einnimmt.<\/p>\n<p>Die Mehrheit meiner heutigen Zuh\u00f6rer besch\u00e4ftigte sich, wie anzunehmen ist, im Jahre 1917 noch gar nicht mit Politik. Desto besser. Der jungen Generation steht zweifellos noch sehr viel Interessantes, wenn auch nicht immer Leichtes bevor. Doch die Vertreter der \u00e4lteren in diesem Saale werden sich gewi\u00df sehr gut erinnern, wie die Machtergreifung durch die Bolschewiki aufgenommen wurde: als Kuriosum, als Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, als Skandal, am h\u00e4ufigsten als Alpdruck, der sich mit dem ersten Morgenstrahl zerstreuen m\u00fcssen wird. Die Bolschewiki werden sich 24 Stunden halten, eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Man mu\u00dfte die Fristen immer weiter verschieben \u2026 Die Herrschenden der ganzen Welt r\u00fcsteten gegen den ersten Arbeiterstaat: Entfachung des B\u00fcrgerkrieges, neue und neue Interventionen, Blockade. So verging Jahr um Jahr. Die Geschichte hat inzwischen f\u00fcnfzehn Jahre Existenz der Sowjetmacht zu buchen gehabt.<\/p>\n<p>Ja, \u2013 wird irgendein Gegner sagen \u2013 das Oktoberabenteuer hat sich als viel solider erwiesen, als viele von uns dachten. Vielleicht war es nicht einmal ganz ein \u201eAbenteuer\u201c. Nichtsdestoweniger beh\u00e4lt die Frage ihre ganze Kraft: Was ist durch diesen hohen Preis erzielt worden? Sind etwa jene blendenden Aufgaben verwirklicht, die von den Bolschewiki am Vorabend der Umw\u00e4lzung verk\u00fcndet worden waren? Ehe wir dem vermeintlichen Gegner antworten, wollen wir bemerken, da\u00df die Frage an sich nicht neu ist. Im Gegenteil, sie folgt der Oktoberrevolution auf den Fersen, seit dem Tage ihrer Geburt.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Journalist Claude Anet, der sich w\u00e4hrend der Revolution in Petrograd aufhielt, schrieb schon am 27. Oktober 1917:<\/p>\n<p>\u201eLes maximalistes ont pris le pouvoir et le grand jour est arriv\u00e9. \u2013 Enfin, me disje, je vais voir se r\u00e9aliser l\u2019Eden socialiste qu\u2018on nous promet depuis tant d\u2018ann\u00e9es \u2026 Admirable aventure! Position privil\u00e9gi\u00e9e!\u201c (\u201eDie Maximalisten\u201c \u2013 so nannten die Franzosen in jenen Tagen die Bolschewiki \u2013 \u201ehaben die Macht ergriffen und der gro\u00dfe Tag ist angebrochen. Endlich, sage ich mir, werde ich die Verwirklichung des sozialistischen Paradieses erblicken, das man uns schon seit Jahren verspricht \u2026 Ein prachtvolles Abenteuer! Eine privilegierte Position!\u201c)<\/p>\n<p>Und so weiter, und so weiter und so fort. Welch aufrichtiger Ha\u00df hinter den ironischen Begr\u00fc\u00dfungen! Schon am Morgen nach der Einnahme des Winterpalais beeilte sich der reaktion\u00e4re Journalist, seinen Anspruch auf eine Eintrittskarte ins Eden anzumelden. F\u00fcnfzehn Jahre sind seit der Umw\u00e4lzung verflossen. Mit desto gr\u00f6\u00dferer Zeremonienlosigkeit offenbaren die Gegner ihre Schadenfreude dar\u00fcber, da\u00df das Land der Sowjets auch heute noch sehr wenig einem Reiche des allgemeinen Wohlstandes gleiche, wozu also die Revolution und wozu die Opfer?<\/p>\n<p>Werte Zuh\u00f6rer! Ich gestatte mir zu denken, da\u00df die Widerspr\u00fcche, Schwierigkeiten, Fehler und N\u00f6te des Sowjetregimes nicht minder bekannt sind als wem auch immer. Ich pers\u00f6nlich habe sie niemals verheimlicht, weder in Reden noch in Schriften. Ich meinte und meine, da\u00df die revolution\u00e4re Politik zum Unterschied von der konservativen auf Maskierung nicht aufgebaut werden kann. \u201eAussprechen, was ist\u201c[23], mu\u00df das h\u00f6chste Prinzip des Arbeiterstaates sein.<\/p>\n<p>In der Kritik wie in der sch\u00f6pferischen T\u00e4tigkeit tun richtige Proportionen not. Der Subjektivismus ist ein schlechter Berater, gar in gro\u00dfen Fragen. Die Fristen m\u00fcssen den Aufgaben angemessen sein und nicht individueller Laune. F\u00fcnfzehn Jahre! Wieviel ist dies f\u00fcr ein einzelnes Leben! In dieser Frist wurden nicht wenige aus unserer Generation zu Grabe getragen, bei den \u00dcbriggebliebenen haben sich die grauen Haare zahllos vermehrt. Aber dieselben 15 Jahre: welch nichtige Frist im Leben eines Volkes! Eine Minute nur auf der Uhr der Geschichte.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus brauchte Jahrhunderte, um sich im Kampfe gegen das Mittelalter zu behaupten, Wissenschaft und Technik zu heben, Eisenbahnen zu bauen, elektrische Dr\u00e4hte zu spannen. Und dann? Dann wurde die Menschheit durch den Kapitalismus in die H\u00f6lle der Kriege und Krisen gest\u00fcrzt! Dem Sozialismus aber gew\u00e4hren seine Gegner, das hei\u00dft die Anh\u00e4nger des Kapitalismus, nur anderthalb Jahrzehnte, das Paradies auf Erden mit allem Komfort einzurichten. Nein, solche Verpflichtungen hatten wir nicht auf uns genommen. Solche Fristen hatten wir nicht gestellt. Prozesse gro\u00dfer Umwandlungen mu\u00df man mit ihren Ma\u00dfst\u00e4ben messen. Ich wei\u00df nicht, ob die sozialistische Gesellschaft dem biblischen Paradies \u00e4hneln wird. Ich zweifele sehr daran. In der Sowjetunion gibt es aber noch keinen Sozialismus. Es herrscht dort ein \u00dcbergangszustand, voll Widerspr\u00fcchen, belastet mit dem schweren Erbe der Vergangenheit, noch dazu unter dem feindlichen Druck der kapitalistischen Staaten. Die Oktoberrevolution hat das Prinzip der neuen Gesellschaft verk\u00fcndet. Die Sowjetregierung hat nur das erste Stadium von dessen Verwirklichung gezeigt. Die erste Edisonlampe war sehr schlecht. Unter den Fehlern und Mi\u00dfgriffen des ersten sozialistischen Aufbaus mu\u00df man die Zukunft zu unterscheiden wissen.<\/p>\n<p><strong>Die Opfer der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Die Unbilden aber, die auf die lebenden Menschen niederprasseln? Rechtfertigen etwa die Ergebnisse der Revolution die von ihr verursachten Opfer? Eine fruchtlose, durch und durch rhetorische Frage: Als ob die Prozesse der Geschichte eine buchhalterische Bilanz zulie\u00dfen! Mit dem gleichen Rechte k\u00f6nnte man angesichts der Schwierigkeiten und M\u00fchsalen des menschlichen Daseins fragen: Lohnt es sich \u00fcberhaupt, auf die Welt zu kommen? Heine schrieb dar\u00fcber: \u201eund der Narr wartet auf Antwort\u2026\u201c Die melancholischen Gr\u00fcbeleien haben den Menschen nicht verwehrt, zu geb\u00e4ren und geboren zu werden. Die Selbstm\u00f6rder bilden selbst in diesen Tagen einer beispiellosen Weltkrise gl\u00fccklicherweise einen unerheblichen Prozentsatz. V\u00f6lker pflegen aber nie zu Selbstmord Zuflucht zu nehmen. Aus den unertr\u00e4glichen B\u00fcrden suchen sie den Ausweg in der Revolution.<\/p>\n<p>Wer entr\u00fcstet sich \u00fcbrigens \u00fcber die Opfer der sozialistischen Umw\u00e4lzung? Am h\u00e4ufigsten jene, die die Opfer des imperialistischen Krieges vorbereitet und verherrlicht oder sich wenigstens mit ihnen sehr leicht abgefunden haben. An uns ist jetzt die Reihe, zu fragen: Hat sich der Krieg gerechtfertigt? Was hat er gegeben? Was gelehrt?<\/p>\n<p>Der reaktion\u00e4re Historiker Hippolyte Taine schildert in seiner elfb\u00e4ndigen Schm\u00e4hschrift gegen die gro\u00dfe franz\u00f6sische Revolution nicht ohne Schadenfreude die Qualen des franz\u00f6sischen Volkes in den Jahren der Jakobinerdiktatur und danach. Am schwersten hatten es die unteren st\u00e4dtischen Schichten, die Plebejer, die als Sansculotten den besten Teil ihrer Seele f\u00fcr die Revolution hergegeben hatten. Sie oder ihre Frauen standen nun kalte N\u00e4chte hindurch Schlange, um fr\u00fchmorgens mit leeren H\u00e4nden zum erloschenen Herd der Familie zur\u00fcckzukehren. Im zehnten Jahre der Revolution war Paris \u00e4rmer als vor deren Ausbruch.[24]<\/p>\n<p>Sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlte, k\u00fcnstlich zusammengestoppelte Tatsachen dienen Taine zur Begr\u00fcndung seines vernichtenden Verdikts gegen die Revolution. Seht, die Plebejer wollten Diktatoren sein und haben sich ins Elend gest\u00fcrzt. Es ist schwer, sich ein flacheres Moralisieren vorzustellen! Die gro\u00dfe franz\u00f6sische Revolution ersch\u00f6pfte sich nicht in Hungerschlangen vor B\u00e4ckerl\u00e4den. Das gesamte moderne Frankreich, in mancher Beziehung die gesamte moderne Zivilisation ist aus dem Bade der franz\u00f6sischen Revolution hervorgegangen.<\/p>\n<p>Im Laufe des B\u00fcrgerkrieges in den Vereinigten Staaten w\u00e4hrend der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts sind 50.000 Mann gefallen. Lassen sich diese Opfer rechtfertigen?<\/p>\n<p>Vom Standpunkt der amerikanischen Sklavenhalter und der mit ihnen marschierenden herrschenden Klassen Gro\u00dfbritanniens \u2013 nein! Vom Standpunkt der Neger oder der britischen Arbeiter \u2013 vollst\u00e4ndig! Und vom Standpunkt der Entwicklung der Menschheit als ganzer \u2013 auch dar\u00fcber kann kein Zweifel bestehen. Aus dem B\u00fcrgerkrieg der Sechzigerjahre sind die heutigen Vereinigten Staaten hervorgegangen mit ihrer unb\u00e4ndigen praktischen Initiative, der rationalisierten Technik, dem wirtschaftlichen Elan. Auf diesen Errungenschaften des Amerikanismus wird die Menschheit die neue Gesellschaft aufbauen. Die Oktoberrevolution ist tiefer als alle ihr vorangegangenen in das Allerheiligste der Gesellschaft eingedrungen \u2013 in die Eigentumsverh\u00e4ltnisse. Desto l\u00e4ngere Fristen sind n\u00f6tig, um die sch\u00f6pferischen Folgen der Revolution auf allen Gebieten des Lebens zu offenbaren. Doch die allgemeine Richtung der Umw\u00e4lzung ist schon jetzt klar: Vor ihren kapitalistischen Ankl\u00e4gern hat die Sowjetrepublik keinesfalls Grund, den Kopf h\u00e4ngen zu lassen und die Sprache der Entschuldigung zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Das Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Das objektivste, tiefste und unbestreitbarste Kriterium das Fortschrittes ist das Wachstum der Produktivit\u00e4t der gesellschaftlichen Arbeit. Die Bewertung der Oktoberrevolution ist unter diesem Gesichtswinkel bereits durch die Erfahrung gegeben. Das Prinzip der sozialistischen Organisation hat zum ersten Male in der Geschichte seine F\u00e4higkeit bewiesen, in einer kurzen Frist nie dagewesene Produktionsergebnisse zu zeitigen.<\/p>\n<p>Die Kurve der industriellen Entwicklung Ru\u00dflands ist in groben Indexziffern ausgedr\u00fcckt die folgende: Setzen wir das Jahr 1913, das letzte Jahr vor dem Kriege, mit 100 an. Das Jahr 1920, der H\u00f6hepunkt des B\u00fcrgerkrieges ist auch der Tiefpunkt der Industrie: nur 25, das hei\u00dft ein Viertel der Vorkriegsproduktion. 1923 ein Anwachsen bis zu 75, d.i. bis zu drei Vierteln der Vorkriegsproduktion. 1929 ca. 200; 1932 \u2013 300, da\u00df hei\u00dft dreimal so viel wie am Vorabend des Krieges.<\/p>\n<p>Das Bild wird noch greller im Licht des Internationalen Index. Von 1925 bis 1932 ist die industrielle Produktion Deutschlands fast um zwei Drittel gesunken, in Amerika fast um die H\u00e4lfte, in der Sowjetunion ist sie um mehr als das Vierfache gestiegen. Diese Ziffer spricht f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p>Ich gedenke keinesfalls die Schattenseiten der Sowjetwirtschaft zu leugnen oder zu verheimlichen. Die Ergebnisse des Industrieindex werden au\u00dferordentlich beeintr\u00e4chtigt durch die ung\u00fcnstige Entwicklung der Landwirtschaft, das hei\u00dft jenes Gebietes, das sich im Wesen noch nicht zu sozialistischen Methoden erhoben hat, gleichzeitig aber auf den Weg der Kollektivierung gef\u00fchrt wurde, ohne gen\u00fcgende Vorbereitung, eher b\u00fcrokratisch als technisch und \u00f6konomisch. Das ist eine gro\u00dfe Frage, die jedoch den Rahmen meines Vortrages \u00fcberschreitet.<\/p>\n<p>Die angef\u00fchrten Indexziffern erfordern noch einen wesentlichen Vorbehalt. Die unbestreitbaren und in ihrer Art gl\u00e4nzenden Erfolge der Sowjetindustrialisierung erheischen eine weitere \u00f6konomische \u00dcberpr\u00fcfung vom Standpunkt der gegenseitigen Abgestimmtheit der verschiedenen Elemente der Wirtschaft, ihres dynamischen Gleichgewichts und folglich ihrer Leistungsf\u00e4higkeit. Hier sind noch gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten und sogar R\u00fcckschl\u00e4ge unvermeidlich. Der Sozialismus entsteigt nicht in vollendeter Gestalt dem F\u00fcnfjahrplan, so wie Minerva Jupiters Haupt oder Venus dem Meerschaum entstieg. Es stehen noch Jahrzehnte von hartn\u00e4ckiger Arbeit, von Fehlern, Verbesserungen und Umbau bevor. Vergessen wir \u00fcberdies nicht, da\u00df der sozialistische Aufbau seinem Wesen nach nur auf der internationalen Arena zur Vollendung gelangen kann.<\/p>\n<p>Doch selbst die ung\u00fcnstigste Wirtschaftsbilanz der bisher erzielten Resultate k\u00f6nnte nur die Unrichtigkeit der Vorberechnungen, die Fehler des Planes und die Mi\u00dfgriffe der F\u00fchrung aufdecken, aber keineswegs die empirisch feststehende Tatsache widerlegen: die M\u00f6glichkeit, mit Hilfe sozialistischer Methoden die Produktivit\u00e4t der kollektiven Arbeit zu einer nie dagewesenen H\u00f6he zu steigern. Dieser Eroberung, die von weltgeschichtlicher Bedeutung ist, wird uns niemand und nichts berauben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Zweierlei Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Kaum lohnt es sich nach dem Gesagten, bei den Klagen zu verweilen, die Oktoberrevolution habe Ru\u00dfland zum Niedergang der Kultur gef\u00fchrt. Das ist die Stimme der beunruhigten Herrschaftsh\u00e4user und Salons. Die durch die proletarische Umw\u00e4lzung gest\u00fcrzte adelig-b\u00fcrgerliche \u201eKultur\u201c war blo\u00df eine Talmiverzierung der Barbarei. W\u00e4hrend sie dem russischen Volk unzug\u00e4nglich blieb, brachte sie wenig Neues in die Schatzkammer der Menschheit.<\/p>\n<p>Aber auch in bezug auf diese Kultur, die von der wei\u00dfen Emigration so beweint wird, mu\u00df man die Frage pr\u00e4zisieren: In welchem Sinne ist sie zertr\u00fcmmert? In dem einzigen: Das Monopol einer kleinen Minderheit auf die G\u00fcter der Kultur ist vernichtet. Doch alles, was wirklich kulturell war an der alten russischen Kultur ist unangetastet geblieben. Die Hunnen des Bolschewismus haben weder die Eroberungen des Gedankens noch die Werke der Kunst zertreten. Im Gegenteil. Sorgf\u00e4ltig haben sie die Denkm\u00e4ler der menschlichen Sch\u00f6pfung gesammelt und sie in musterg\u00fcltige Ordnung gebracht. Die Kultur der Monarchie, des Adels und der Bourgeoisie ist jetzt zur Kultur der historischen Museen geworden.<\/p>\n<p>Das Volk besichtigt diese Museen eifrig. Aber es lebt nicht in ihnen. Es lernt. Es baut. Die Tatsache allein, da\u00df die Oktoberrevolution das russische Volk, die dutzende V\u00f6lker des zaristischen Ru\u00dfland lesen und schreiben gelehrt hat, steht unerme\u00dflich h\u00f6her als die ganze einstige treibhausartige russische Kultur. Die Oktoberrevolution hat die Grundlage gelegt f\u00fcr eine neue Kultur, die nicht f\u00fcr Auserw\u00e4hlte, sondern f\u00fcr alle berechtigt ist. Das f\u00fchlen die Massen der ganzen Welt. Daher ihre Sympathien zur Sowjetunion, die ebenso gl\u00fchend sind, wie fr\u00fcher ihr Ha\u00df gegen das zaristische Ru\u00dfland.<\/p>\n<p>Werte Zuh\u00f6rer, Sie wissen, da\u00df die menschliche Sprache ein unersetzliches Werkzeug nicht nur f\u00fcr die Benennung der Geschehnisse, sondern auch f\u00fcr deren Wertung darstellt. Indem sie das Zuf\u00e4llige, Episodenhafte, K\u00fcnstliche ausscheidet, saugt sie das Wesentliche, Charakteristische, Vollgewichtige in sich ein. Beachten Sie, mit welcher Feinf\u00fchligkeit die Sprachen der zivilisierten Nationen zwei Epochen in der Entwicklung Ru\u00dflands unterschieden haben. Die adelige Kultur brachte in den Weltumgang solche Barbarismen wie Zar, Kosak, Pogrom, Nagalka. Sie kennen diese W\u00f6rter und wissen, was sie bedeuten. Der Oktober f\u00fchrte in die Sprache der Welt solche W\u00f6rter wie Bolschewik, Sowjet, Kolchos[25], Gosplan[26], Pjatilekat[27]\u00a0ein. Hier h\u00e4lt die praktische Linguistik ihr oberstes historisches Gericht<\/p>\n<p><strong>Revolution und Volkscharakter<\/strong><\/p>\n<p>Die tiefste, doch einer unmittelbaren Bemessung am schwersten unterliegende Bedeutung jeder gro\u00dfen Revolution besteht darin, da\u00df sie den Volkscharakter formt und st\u00e4hlt. Die Vorstellung vom russischen Volk als einem langsamen, passiven, schwerm\u00fctig-mystischen ist weit verbreitet und nicht zuf\u00e4llig. Sie hat ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Bis jetzt sind aber im Westen jene tiefgehenden Ver\u00e4nderungen nicht gen\u00fcgend in Betracht gezogen worden, die die Revolution in den Volkscharakter hineingetragen hat. Konnte es auch anders sein?<\/p>\n<p>Jeder Mensch mit Lebenserfahrung kann in seinem Ged\u00e4chtnis das Bild irgendeines ihm bekannten J\u00fcnglings wachrufen, der \u2013 empf\u00e4nglich, lyrisch, allzu empfindsam \u2013 sp\u00e4ter mit einem Male, unter der Wirkung eines starken Sto\u00dfes kr\u00e4ftiger, gest\u00e4hlter wurde und nicht wiederzuerkennen war. In der Entwicklung einer ganzen Nation vollf\u00fchrt derartige moralische Umwandlung die Revolution.<\/p>\n<p>Der Februaraufstand gegen die Selbstherrschaft, der Kampf gegen den Adel, gegen den imperialistischen Krieg, f\u00fcr den Frieden, f\u00fcr Grund und Boden, f\u00fcr nationale Gleichberechtigung, der Oktoberaufstand, die Niederwerfung der Bourgeoisie und jener Parteien, die Vereinbarungen mit der Bourgeoisie erstrebt hatten, drei Jahre B\u00fcrgerkrieg auf einem Frontg\u00fcrtel von 8.000 Kilometern, die Jahre der Blockade, des Elends, des Hungers und der Epidemien, die Jahre des gespannten wirtschaftlichen Aufbaus, der neuen Schwierigkeiten und Entbehrungen \u2013 das ist eine rauhe aber gute Schule. Ein schwerer Hammer zertr\u00fcmmert Glas, doch den Stahl schmiedet er. Der Hammer der Revolution schmiedet den Stahl des Volkscharakters.<\/p>\n<p>\u201eWer wird es glauben\u201c, schrieb mit Emp\u00f6rung bald nach der Umw\u00e4lzung einer der zaristischen Generale, Zaleski, \u201eda\u00df ein Portier oder ein W\u00e4chter mit einem Male Gerichtsvorsitzender wird, ein Krankenw\u00e4rter Lazarettvorsteher, ein Barbier W\u00fcrdentr\u00e4ger, ein F\u00e4hnrich Oberkommandierender, ein Tagel\u00f6hner Stadthauptmann, ein Schlosser Werkleiter\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWer wird es glauben?\u201c Man mu\u00dfte es schon glauben. Man konnte nicht umhin es zu glauben, als die F\u00e4hnriche Gener\u00e4le schlugen, der Stadthauptmann einst Tagel\u00f6hner \u2013 den Widerstand der alten B\u00fcrokratie brach, der Wagenschmierer den Transport in Ordnung brachte, der Schlosser als Direktor die Industrie instandsetzte. \u201eWer wird es glauben?\u201c M\u00f6ge man nur versuchen, es nicht zu glauben.<\/p>\n<p>Zur Erkl\u00e4rung der ungew\u00f6hnlichen Ausdauer, die die Volksmassen der Sowjetunion in den Jahren der Revolution beweisen, berufen sich manche ausl\u00e4ndischen Beobachter nach alter Gewohnheit auf die Passivit\u00e4t des russischen Charakters. Ein grober Anachronismus! Die revolution\u00e4ren Massen ertragen die Entbehrungen geduldig, aber nicht passiv. Sie schaffen mit eigenen H\u00e4nden eine bessere Zukunft und sie wollen sie schaffen um jeden Preis. M\u00f6ge doch der Klassenfeind nur versuchen, diesen geduldigen Massen von au\u00dfen her seinen Willen aufzuzwingen! Nein, mag er es lieber nicht versuchen.<\/p>\n<p><strong>Die Wirtschaft der Vernunft unterordnen<\/strong><\/p>\n<p>Versuchen wir zum Schlu\u00df den Platz der Oktoberrevolution nicht nur in der Geschichte Ru\u00dflands, sondern in der Geschichte der Welt festzulegen. W\u00e4hrend des Jahres 1917 treffen sich in der Zeitspanne von 8 Monaten zwei geschichtliche Kurven. Die Februarumw\u00e4lzung, \u2013 dieser versp\u00e4tete Widerhall der gro\u00dfen K\u00e4mpfe, die sich in vorangegangenen Jahrhunderten auf den Territorien der Niederlande, Englands, Frankreichs, fast des ganzen kontinentalen Europas abgespielt hatten \u2013 schlie\u00dft sich der Serie der b\u00fcrgerlichen Revolutionen an. Die Oktoberumw\u00e4lzung verk\u00fcndet und er\u00f6ffnet die Herrschaft des Proletariats. Es war der Weltkapitalismus, der auf dem Territorium Ru\u00dflands seine erste gro\u00dfe Niederlage erlitt. Die Kette zerri\u00df am schw\u00e4chsten Gliede. Es zerri\u00df aber die Kette und nicht nur das Glied.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat sich als Weltsystem geschichtlich \u00fcberlebt. Er hat aufgeh\u00f6rt, seine wesentliche Mission zu erf\u00fcllen: die Hebung menschlicher Macht und menschlichen Reichtums. Auf der erreichten Stufe kann die Menschheit nicht verharren. Nur eine machtvolle Steigerung der Produktionskr\u00e4fte und eine richtige, planm\u00e4\u00dfige, d.h. sozialistische Organisation von Erzeugung und Verteilung kann den Menschen \u2013 allen Menschen \u2013 ein w\u00fcrdiges Lebensniveau sichern und ihnen gleichzeitig das kostbare Gef\u00fchl der Freiheit ihrer eigenen Wirtschaft gegen\u00fcber verleihen. Der Freiheit in zweierlei Beziehung: Erstens wird der Mensch nicht mehr gezwungen sein, der physischen Arbeit den Hauptteil seines Lebens zu widmen. Zweitens wird er nicht mehr von den Gesetzen des Marktes abh\u00e4ngen, das hei\u00dft von den blinden und finsteren Kr\u00e4ften, die sich hinter seinem R\u00fccken herausbilden. Er wird seine Wirtschaft frei, d.h. nach einem Plan, mit dem Zirkel in der Hand aufbauen. Es handelt sich diesmal darum, die Anatomie der Gesellschaft durch und durch zu r\u00f6ntgen, alle ihre Geheimnisse aufzudecken und alle ihre Funktionen der Vernunft und dem Willen des kollektiven Menschen zu unterwerfen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne soll der Sozialismus eine neue Stufe im geschichtlichen Aufstieg der Menschheit werden. Unserem Urahn, der sich zum ersten Male mit einer Steinaxt bewaffnet hatte, stellte sich die ganze Natur als Verschw\u00f6rung geheimnisvoller und feindlicher M\u00e4chte dar. Die Naturwissenschaften haben seither Hand in Hand mit der praktischen Technologie die Natur bis zu ihren verborgensten Tiefen durchleuchtet. Vermittels der elektrischen Energie vollzieht jetzt der Physiker sein Gericht \u00fcber den Atomkern. Die Stunde ist nicht mehr fern, wo die Wissenschaft spielend die Aufgabe der Alchimie l\u00f6sen, D\u00fcnger in Gold und Gold in D\u00fcnger verwandeln wird. Dort wo die D\u00e4monen und Furien der Natur w\u00fcteten, gebietet jetzt immer mutiger der industrielle Wille des Menschen.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend er siegreich mit der Natur rang, baute der Mensch seine Beziehung zu anderen Menschen blind, fast so wie die Ameise oder die Biene. Mit Versp\u00e4tung und h\u00f6chst unentschlossen tritt er an die Probleme der menschlichen Gesellschaft heran. Er begann bei der Religion, um dann zur Politik \u00fcberzugehen. Die Reformation war der erste Erfolg der kritischen Vernunft auf einem Gebiete, wo tote Tradition geherrscht hatte. Von der Kirche griff der kritische Gedanke zum Staat \u00fcber. Im Kampfe mit dem Absolutismus und den mittelalterlichen St\u00e4nden geboren, erstarkte die Doktrin der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t und der Menschen- und B\u00fcrgerrechte. So kam das System des Parlamentarismus zustande. Der kritische Gedanke drang in das Gebiet der staatlichen Verwaltung ein. Der politische Nationalismus der Demokratie bedeutete die h\u00f6chste Errungenschaft der revolution\u00e4ren Bourgeoisie.<\/p>\n<p>Zwischen Natur und Staat steht aber die Wirtschaft. Von der Tyrannei der alten Elemente: Erde, Wasser, Feuer und Luft hat den Menschen die Technik befreit, um ihn sodann Ihrer eigenen Tyrannei zu unterwerfen. Der Mensch h\u00f6rte auf, Sklave der Natur zu sein, um zum Sklaven der Maschine zu werden und, noch schlimmer, zum Sklaven der Nachfrage und des Angebots. Die gegenw\u00e4rtige Weltkrise bezeugt in besonders tragischer Weise, wie sehr der Mensch, der auf den Boden des Ozeans hinabtaucht, in die Stratosph\u00e4re emporsteigt, sich auf unsichtbaren Wellen mit den Antipoden unterh\u00e4lt, wie sehr dieser stolze und verwegene Gebieter der Natur Sklave der blinden M\u00e4chte der eigenen Wirtschaft bleibt. Die geschichtliche Aufgabe unserer Epoche besteht darin, das entfesselte Spiel des Marktes durch einen vern\u00fcnftigen Plan zu ersetzen, die Produktionskr\u00e4fte zu disziplinieren, sie zu zwingen, in Harmonie zusammenzuwirken, den Bed\u00fcrfnissen des Menschen gehorsam dienend. Nur auf dieser neuen sozialen Grundlage wird der Mensch seinen m\u00fcden R\u00fccken strecken k\u00f6nnen und \u2013 jeder und jede, nicht nur Auserw\u00e4hlte \u2013 zum vollberechtigten B\u00fcrger im Reiche des Gedankens werden!<\/p>\n<p><strong>Hebung der menschlichen Rasse<\/strong><\/p>\n<p>Doch ist dies noch nicht das Ende des Weges. Nein, es ist nur sein Anfang. Der Mensch bezeichnet sich als die Kr\u00f6nung der Sch\u00f6pfung. Er hat darauf gewisse Anrechte. Wer hat aber behauptet, der heutige Mensch sei der letzte und h\u00f6chste Vertreter der Gattung homo sapiens? Nein, physisch wie geistig ist er sehr weit von Vollkommenheit entfernt, diese biologische Fr\u00fchgeburt, deren Denken erkrankt ist und die sich kein neues organisches Gleichgewicht geschaffen hat.<\/p>\n<p>Zwar hat die Menschheit mehr als einmal Giganten des Gedankens und der Tat hervorgebracht, die die Zeitgenossen wie Gipfel einer Bergkette \u00fcberragten. Das Menschengeschlecht hat ein Recht auf Aristoteles, Shakespeare, Darwin, Beethoven, Goethe, Marx, Edison, Lenin stolz zu sein. Warum sind diese aber so selten? Vor allem darum, weil sie fast ausnahmslos aus h\u00f6heren und mittleren Klassen hervorgegangen sind. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, sind die Funken der Genialit\u00e4t in den niedergehaltenen Tiefen des Volkes, ehe sie noch auflodern konnten, erstickt. Aber auch deshalb, weil der Proze\u00df der Zeugung, der Entwicklung und Erziehung des Menschen im Wesen eine Sache des Zufalls blieb und bleibt: nicht durchleuchtet von Theorie und Praxis, nicht dem Bewu\u00dftsein und dem Willen untergeordnet.<\/p>\n<p>Die Anthropologie, Biologie, Physiologie, Psychologie haben Berge von Material gesammelt, um vor dem Menschen in vollem Umfange die Aufgaben seiner eigenen k\u00f6rperlichen und geistigen Vervollkommnung und weiteren Entwicklung aufzurichten. Die Psychoanalyse hob mit Sigmund Freuds genialer Hand den Deckel vom Brunnen, der poetisch die \u201eSeele\u201c des Menschen genannt wird. Und was hat sich erwiesen? Unser bewu\u00dftes Denken bildet nur ein Teilchen in der Arbeit der finsteren psychischen Kr\u00e4fte. Gelehrte Taucher steigen auf den Boden des Ozeans und fotografieren dort geheimnisvolle Fische. Indem der menschliche Gedanke auf den Boden seines eigenen seelischen Brunnens hinabsteigt, mu\u00df er die geheimnisvollsten Triebkr\u00e4fte der Psyche beleuchten und sie der Vernunft und dem Willen unterwerfen.<\/p>\n<p>Ist er einmal mit den anarchischen Kr\u00e4ften der eigenen Gesellschaft fertig geworden, wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den M\u00f6rser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten. Der Sozialismus wird ein Sprung aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit auch in dem Sinne bedeuten, da\u00df der gegenw\u00e4rtige, widerspruchsvolle und unharmonische Mensch einer neuen und gl\u00fccklicheren Rasse den Weg ebnen wird.<\/p>\n<p>(Ein Teil des Auditoriums stimmt die Internationale an.)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Dieser fand vom 28. August bis zum 3. September 1910 statt. 896 Delegierte aus 23 L\u00e4ndern repr\u00e4sentierten etwa acht Millionen ArbeiterInnen.<\/li>\n<li>Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges zerbrach die Sozialistische Internationale, weil die sozialdemokratischen Parteien trotz anders lautender Resolutionen \u201eihre\u201c Regierungen im Krieg unterst\u00fctzten. Nur eine Minderheit hielt an den internationalistischen Positionen der sozialistischen Bewegung fest \u2013 darunter waren nicht nur die Bolschewiki sondern auch der SPD-Parlamentsabgeordnete Karl Liebknecht mit seinem ber\u00fchmten Spruch \u201eDer Hauptfeind steht im eigenen Land!\u201c Aus dieser internationalistischen Minderheit ging nach dem Krieg die Kommunistische Internationale hervor.<\/li>\n<li>Zitat von Mephisto in Goethes Faust<\/li>\n<li>Pseudonym f\u00fcr Kurt Erich Suckert, faschistischer Journalist und Schriftsteller aus Italien.<\/li>\n<li><\/li>\n<li>Franz\u00f6sischer Staatspr\u00e4sident von 1913 bis 1920 und mehrmals Premierminister.<\/li>\n<li>F\u00fchrendes Mitglied des rechten Fl\u00fcgels der Bauernpartei der Sozialrevolution\u00e4re und Premierminister der Provisorischen Regierung in Russland bis zur Oktoberrevolution.<\/li>\n<li>Gr\u00fcnder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.<\/li>\n<li>Gr\u00fcnder der Kommunistischen Partei Deutschlands, im Januar 1919 von Freikorps mit Zustimmung der SPD-Regierung ermordet.<\/li>\n<li>Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1930\/grr\/index.htm\">http:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1930\/grr\/index.htm<\/a>.<\/li>\n<li>Ein Zitat vom preu\u00dfischen Offizier und Milit\u00e4rtheoretiker Karl von Clausewitz.<\/li>\n<li>Altes russisches Fl\u00e4chenma\u00df, etwas gr\u00f6\u00dfer als ein Hektar.<\/li>\n<li>Parlament im zaristischen Russland.<\/li>\n<li>Im Sinne einer politischen F\u00fchrung, versteht sich.<\/li>\n<li>F\u00fchrendes Mitglied der b\u00fcrgerlichen Partei der Konstitutionellen Demokraten (Kadetten) in Russland und Au\u00dfenminister in der provisorischen Regierung im Jahr 1917.<\/li>\n<li>Leo Trotzki: Ergebnisse und Perspektiven. 1906.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1906\/erg-pers\/index.htm\">http:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1906\/erg-pers\/index.htm<\/a>.<\/li>\n<li>L\u00e4ngengrade.<\/li>\n<li>Russisch f\u00fcr \u201eRat\u201c.<\/li>\n<li>Russisches Wort f\u00fcr einen leibeigenen Bauern.<\/li>\n<li>Bezeichnung f\u00fcr den zaristischen Absolutismus.<\/li>\n<li>Der rechte Fl\u00fcgel der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (RSDAP), bis etwa 1912, als der linke Fl\u00fcgel (Bolschewiki) zu einer eigenst\u00e4ndigen Partei wurde.<\/li>\n<li>Radikale Bauernpartei in Russland, die sich im Jahr 1917 spaltete: Der rechte Fl\u00fcgel nahm an der provisorischen Regierung teil, der linke Fl\u00fcgel an der Oktoberrevolution und der Sowjetregierung.<\/li>\n<li>Zitat von Ferdinand Lassalle, Gr\u00fcnder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.<\/li>\n<li>Die Jakobiner waren ein radikaldemokratischer Klub, dessen Macht\u00fcbernahme w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution im Jahr 1793 durch die Verbindung mit den verarmten Massen und der Kleinbourgeoisie (welche damals als Sansculotten bezeichnet wurden) den Sturz der Monarchie und die Durchsetzung b\u00fcrgerlich-demokratischer Forderungen gegen die europ\u00e4ische Konterrevolution erm\u00f6glichte. Urspr\u00fcnglich war das gro\u00dfkapitalistische B\u00fcrgertum, die \u201eBourgeoisie\u201c, Tr\u00e4ger der gro\u00dfen Franz\u00f6sischen Revolution. Doch nur in Verbindung mit der mittelst\u00e4ndischen und werkt\u00e4tigen Pariser Bev\u00f6lkerung gelang es ihr, die Aristokratie zu besiegen. Dieses n\u00f6tigte der Bourgeoisie Zugest\u00e4ndnisse an die verarmten Massen ab. Jedoch schreckte die Bourgeoisie bald vor der Kraft der Sansculotten zur\u00fcck und somit endete die fortschrittlichste Episode der b\u00fcrgerlichen Revolution mit dem 9. Thermidor (Datum des franz\u00f6sischen Revolutionskalenders), welcher deshalb als marxistischer Begriff f\u00fcr die Beschreibung einer Reaktion auf der Grundlage der Revolution dient.<\/li>\n<li>\u201eKolchosen\u201c waren in der Sowjetunion genossenschaftlich organisierte landwirtschaftliche Gro\u00dfbetriebe. Im Gegensatz dazu standen die staatlichen Gro\u00dfbetriebe, die\u201eSowchosen\u201c.<\/li>\n<li>Russische Abk\u00fcrzung f\u00fcr das Komitee f\u00fcr die Wirtschaftsplanung der Sowjetunion, vergleichbar mit der Staatlichen Plankommission in der DDR.<\/li>\n<li>Russische Abk\u00fcrzung f\u00fcr den F\u00fcnfjahresplan der Sowjetunion.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kopenhagener-rede-von-leo-trotzki-zur-verteidigung-der-oktoberrevolution\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a><\/em><em>&gt; <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution ver\u00f6ffentlichen wir die &#8222;Kopenhagener Rede&#8220; (7. 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