{"id":2677,"date":"2017-11-07T16:54:47","date_gmt":"2017-11-07T14:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2677"},"modified":"2018-01-19T17:45:54","modified_gmt":"2018-01-19T15:45:54","slug":"2677","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2677","title":{"rendered":"Arbeit und sozialer Widerstand im neoliberalen Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Jung, flexibel, dynamisch: Arbeitsverh\u00e4ltnisse haben sich im Neoliberalismus enorm gewandelt. Was bedeutet das f\u00fcr konkrete Praxen der Selbstorganisation und des Widerstandes? <\/span><\/b><!--more--><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Ein Kommentar zum Buch Sergio Bologna \/ Michael Danner \/ Willi Hajek \/ Holger Heide \/ Athanasios Karathanassis \/ Lars Meyer (Hg.): Selbstorganisation. Transformationsprozesse von Arbeit und sozialem Widerstand im neoliberalen Kapitalismus. 4. Auflage. Die Buchmacherei, Berlin 2015. 214 Seiten, ca. 15.00 SFr., ISBN 9783000213960<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Pia Probst. <\/span><\/i><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Bei der Suche nach einer erschwinglichen Wohnung, einer existenzsichernden Lohnarbeit, einem w\u00fcrdigen Platz zum Altern, einem Ort der F\u00fcrsorge f\u00fcr die eigenen Kinder oder in Auseinandersetzung mit staatlichen Beh\u00f6rden \u2013 allen voran der Arbeitsagentur und den Jobcentern \u2013 haben wir mit den Folgen neoliberaler Umgestaltungsprozesse zu k\u00e4mpfen. Die post-fordistische Arbeitsorganisation, Privatisierung des Sozialstaates, globale Konkurrenz, nationale Standortpolitiken, repressive Migrationsregime und rassistische, sozial-darwinistische Begleit-Ideologien pr\u00e4gen Gesellschaft und Individuen. Sie erschweren eine gemeinsame Organisierung von Betroffenen. Gleichzeitig entwickeln sich neue Anspr\u00fcche an Arbeit und Leben \u2013 vor allem in Bezug auf Geschlechterarrangements und Arbeitsinhalte. Es entstehen neue F\u00e4higkeiten zur Selbstorganisation, neue Akteure, m\u00f6gliche Koalitionen und Felder f\u00fcr Bewegungen. Was bedeutet dies f\u00fcr die heutigen sowie kommenden Praxen sozialer Selbstorganisation?\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">\u201eSelbstorganisation&#8230;\u201c ist ein Sammelband, dessen Beitr\u00e4ge aus einer Veranstaltungsreihe des Instituts f\u00fcr sozial\u00f6konomische Handlungsforschung (Social Economic Action Research Institute, SEARI) in Bremen 2005\/2006 hervorgegangen sind. Unter dem Titel \u201eVom Interesse zum Bed\u00fcrfnis \u2013 Neue Inhalte und Formen sozialer Selbstorganisation\u201c wurde in diesem Rahmen gefragt, wie es zur neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft gekommen ist, wie sie auf Gesellschaft und Individuen wirkt, was dies f\u00fcr die heutigen sowie kommenden Praxen sozialer Selbstorganisation bedeutet und was \u201eneue soziale Bewegungen\u201c beziehungsweise neue Formen sozial widerst\u00e4ndiger Selbstorganisationen \u2013 auch in Abgrenzung von den \u201ealten\u201c \u2013 ausmachen k\u00f6nnte. Der Band f\u00fchrt theoretische Analysen und praktische Beispiele f\u00fcr Formen der Selbstorganisation mit dem Ziel zusammen, aus ihren Erfolgen und Problemen zu lernen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Selbstorganisation und Gesellschaftstransformation<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, dass sie sich schwierigen und oft umgangenen Fragen zuwenden: Wie k\u00f6nnen die Formen der Selbstorganisation sozialen Widerstandes aussehen, wenn sie \u00fcber die bestehenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse hinausf\u00fchren wollen? Und was hat das mit Subjekten (ihrem Bewusstsein, ihrem Handeln) zu tun?\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Dabei haben sie eine Vorstellung davon, wie diese Subjekte und Arten der Selbstorganisation beschaffen sind: Es geht um \u201eein Subjekt, das dabei ist, sich von [&#8230;] in Stellvertretung agierenden Massenorganisationen zu emanzipieren\u201c (S. 10), das sich an eigenen Bed\u00fcrfnissen orientiert, selbstbestimmt und sich seiner gesellschaftlichen Macht und Widerst\u00e4ndigkeit bewusst ist. Die praktischen Versuche der Selbstorganisation, die im zweiten Teil des Buches thematisiert werden, kennzeichnet ihr Bem\u00fchen, sich nicht von Institutionen (gemeint sind vor allem Gewerkschaften) und Kapital vereinnahmen zu lassen. Alternative Praktiken orientierten sich \u201ean der Frage, inwieweit sie Bedingungen f\u00fcr eine Transformation der kapitalistischen Gesellschaftsformation in sich tragen\u201c (S. 11).\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Ob das NCI-Netzwerk bei Siemens (Network for Cooperation and Initiative, Beitrag von Inken Wanzek) solche alternativen Praktiken bietet, h\u00e4ngt vom optimistischen Blick der LeserInnen ab: Es vernetzt von Stellenk\u00fcrzung Bedrohte, die sich gegenseitig unterst\u00fctzen und sich dadurch von der Stellvertreterpolitik durch Gewerkschaften und Betriebsrat l\u00f6sen k\u00f6nnen. Sie sprechen \u00fcber Gef\u00fchle, \u00c4ngste und haben im Zuge der Selbstorganisation ein solidarisches Bewusstsein f\u00fcr die N\u00f6te der anderen Besch\u00e4ftigten entwickelt \u2013 durchaus Ansatzpunkte f\u00fcr eine gesellschaftliche Transformation. Gleichzeitig wird die Begrenztheit des Netzwerkes, das nur auf betrieblicher Ebene aktiv ist und die kapitalistische Einbettung nicht thematisiert, deutlich.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Die franz\u00f6sischen Sud-Gewerkschaften, die Willi Hajek vorstellt, sprengen hingegen in ihrer Programmatik das traditionelle Gewerkschaftsverst\u00e4ndnis, sprich: nur \u00fcber Bedingungen der Lohnarbeit zu verhandeln und nicht \u00fcber Lohnarbeit im Kapitalismus an sich. Sie begreifen und erfahren Lohnabh\u00e4ngige als gesellschaftliche ProduzentInnen, auf der \u201eSuche nach authentischem Arbeiten, Forschen und Leben [&#8230;], das nicht auf Kosten anderer geschieht, das gesellschaftlich n\u00fctzlich ist und auch bei dem Produzierenden Zufriedenheit schafft\u201c (S. 157). Lohnabh\u00e4ngige werden \u00fcber die Grenzen von Berufsgruppen hinaus angesprochen, zum Beispiel nicht nur LehrerInnen, sondern alle BildungsarbeiterInnen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Die Sud-Gewerkschaften organisieren sich basisdemokratisch in vielen Gesellschaftsbereichen (Agentur f\u00fcr Arbeit, Landwirtschaft, Verkehr, Gesundheit\/Pharmaindustrie, Post\/Telekom\/Kommunikation). Mit ihrem nicht-kapitalistischen Blick auf Arbeit und dem Zusammenf\u00fchren formal getrennter Berufsgruppen in einer gemeinsamen Organisation verk\u00f6rpern die Sud-Gewerkschaften alternative Praktiken mit dem Ziel einer Gesellschaftstransformation. Leider beschr\u00e4nkt sich ihre Darstellung auf einige wenige Seiten und bleibt an der Oberfl\u00e4che. Es ist unklar, wie basisdemokratische Organisation hier konkret ausgestaltet und wie die gesellschaftliche Wirkkraft ist, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind, welche Gruppen sie real organisieren. Insgesamt leidet die Darstellung unter einem Pathos, der von der Konstruktion des Beitrages herr\u00fchrt, in dem deutsche etablierte Grossgewerkschaften neuen, franz\u00f6sischen Kleingewerkschaften gegen\u00fcbergestellt werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Die Subjekte der Ver\u00e4nderung<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Besonders erhellend und interessant sind die Beitr\u00e4ge dort, wo es um die Subjekte der Ver\u00e4nderung geht. Holger Heide spricht von einer \u201everdr\u00e4ngte[n], strukturell gewordenen Angst, die Folge eines kollektiven Traumas ist, das in Jahrhunderten der gewaltt\u00e4tigen Durchsetzung des Kapitalismus entstanden ist und immer wieder reproduziert und dabei verst\u00e4rkt wird\u201c (S. 35). Sie durchdringt uns alle. Angst und Trauma gehen mit der Identifikation mit den Machtaus\u00fcbenden und ihrer Interessen einher und erfordern die permanente Unterdr\u00fcckung der eigenen \u00c4ngste, die sich unter anderem in der Aggression gegen\u00fcber (vermeintlich) Schwachen \u00e4ussert.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Der historischen und aus der Traumaforschung hergeleiteten Begr\u00fcndung struktureller Angst im Kapitalismus mag man folgen oder auch nicht: Schliesslich erzeugt das kapitalistisch verfasste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem tagt\u00e4glich aufs Neue Erfahrungen von existenzieller Unsicherheit und Repression. Wesentlich ist die Schlussfolgerung Heides: Soziale K\u00e4mpfe und ihre Organisationen werden nur dann nachhaltig weiterbestehen, wenn sie nicht nur abstrakte Interessen formulieren, sondern sich mit den Bed\u00fcrfnissen der Einzelnen auseinandersetzen. \u201eUm die eigenen Bed\u00fcrfnisse kennen zu lernen, ist eine Offenheit erforderlich, sich mit der tief verdr\u00e4ngten Angst auseinanderzusetzen. Dies ist ein Lernprozess, in dessen Verlauf sich die Gr\u00fcnde f\u00fcr Angst real verringern\u201c (S. 51). Die Offenheit zeigt sich in den Programmen, internen und \u00f6ffentlichen Diskussionen, der Organisationsweise selbst und im Umgang miteinander, der in dieser neuen Art von kooperativer Organisation entwickelt wird.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Und tats\u00e4chlich zeigt sich diese Orientierung auf Bed\u00fcrfnisse und die damit verbundenen \u2013 teils schmerzhaften Lernprozesse \u2013 in unterschiedlichen anti-kapitalistischen und kapitalismuskritischen Projekten, zum Beispiel in nicht-kommerzieller Landwirtschaft, Hausprojekten, Kollektiven sowie auch im Interesse an unterschiedlichen Methoden gewaltfreier Kommunikation. Beispiele daf\u00fcr finden sich in der Brosch\u00fcre \u201eIch tausch nicht mehr, ich will mein Leben zur\u00fcck\u201c oder \u2013 akademisch geadelt \u2013 im Buch von Friederike Habermann \u201eHalbinseln gegen den Strom\u201c (2009).\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Eine Orientierung auf Bed\u00fcrfnisse zeige sich jedoch, so Holger Heide in seinem zweiten Beitrag, genauso bei Selbsthilfegruppen, die keinen explizit gesellschafts\u00fcberwindenden Anspruch formulieren, wie bei den Anonymen Alkoholikern. F\u00fcr eine konkrete Praxis der Selbst- und Gesellschaftstransformation lassen sich zwei Dinge mitnehmen: Zum einen f\u00fchrt das Eingest\u00e4ndnis der eigenen Machtlosigkeit zur Wiedererlangung von Handlungsf\u00e4higkeit. Zum anderen schafft die Organisations- und Kommunikationsform die Bedingung f\u00fcr Offenheit: nicht-hierarchisch, finanziell unabh\u00e4ngig, ehrenamtlich (das heisst: nicht-b\u00fcrokratisch), die Einzelwahrheiten und Selbsteinsch\u00e4tzungen anerkennend, im Sprechen bei sich bleibend.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Auch Michael Danner befasst sich mit dem Subjekt der Gesellschaftstransformation und zwar aus einer sozialphilosophischen Perspektive. Der Autor geht davon aus, dass in Prozessen der Selbstreflektion die Gr\u00fcnde des Handelns, Denkens und F\u00fchlens erkannt werden k\u00f6nnen und es damit m\u00f6glich wird \u201eaus einem nunmehr bewussten Grund heraus freie gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge zu gr\u00fcnden\u201c (S. 110). Anstatt wie der Autor ein zuversichtliches Postulat ohne Praxisbezug zu formulieren, sollte es jedoch bei der Suche nach anderen Formen der Selbstorganisation darum gehen, genau das \u2013 Handeln, Denken und F\u00fchlen \u2013 jedes f\u00fcr sich ernst zu nehmen. Ein Beispiel aus der Praxis daf\u00fcr: Sich aus bewussten, politischen, rational reflektierten Gr\u00fcnden f\u00fcr eine gemeinsame \u00d6konomie mit GenossInnen zu entscheiden, in der Einkommen und Verm\u00f6gen geteilt werden, bedeutet noch lange nicht, dies auch als gerecht zu empfinden.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Daran kn\u00fcpft die Frage an, inwieweit die bewussten, neuen \u201eGr\u00fcnde\u201c unabh\u00e4ngig von der Gesellschaft, \u201edie doch in uns hineingewachsen ist\u201c (S. 110) nachhaltig bestehen k\u00f6nnen. Das gilt auch f\u00fcr die Formen der Organisation: Inwiefern sind sie in ein kapitalistisches Gesellschaftssystem verstrickt und begrenzt letzteres eventuell Prozesse der Selbstreflektion? Ein Hausprojekt zum Beispiel, das rechtlich als Verein auftritt, wird in staatliche und \u00f6konomische Logiken hineingezogen: Es muss sich pl\u00f6tzlich mit Ordnungs\u00e4mtern auseinandersetzen, Vereinsberichte an staatliche Beh\u00f6rden schreiben, Gemeinn\u00fctzigkeit begr\u00fcnden, eine ordentliche Buchhaltung f\u00fchren, wird in st\u00e4dtische Aufwertungsprozesse einbezogen und anderes mehr. Mit dieser praktischen Ebene befasst sich Michael Danner leider nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Selbstorganisation im Postfordismus<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">W\u00e4hrend Holger Heide auf Inhalte und Form von Kommunikation abhebt, werfen andere Autoren die Frage auf, inwiefern sich die postfordistischen Formen der Arbeitsorganisation auf selbstorganisatorische Widerstandspraxen auswirken. Zum einen stellen einige Autoren \u201edie hohe F\u00e4higkeit von Selbstorganisierung\u201c (Martin Dieckmann, S. 204) heraus, welche mit den neuen Formen indirekter Steuerung von Arbeit in betrieblichen Kontexten einhergeht. Lars Meyer etwa schreibt, es m\u00fcssen Ziele gesetzt und Mittel gew\u00e4hlt, es muss kooperiert und kommuniziert, ausgehandelt und Entscheidungsprozesse strukturiert werden. Sergio Bologna zufolge pr\u00e4gen die sogenannten neuen Selbst\u00e4ndigen eine \u201ehumanistische, multidisziplin\u00e4re Sicht auf die Dinge\u201c (S. 184).\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Zum anderen akzeptiert die \u201eneue Arbeitssubjektivit\u00e4t [&#8230;] den irrationalen Zweck der Produktion\u201c (S. 80). Zugleich k\u00f6nnen sich die neuen Arbeitsformen den Zw\u00e4ngen der (Selbst-)Verwertung nicht entziehen. Sie m\u00fcnden oft in eine \u201eselbst gew\u00e4hlte prek\u00e4re Existenz, [die] nur f\u00fcr wenige eine lebbare Perspektive bedeutet\u201c (S. 210). Dar\u00fcber hinaus verweist Dirk Hauer zu Recht auf die sozialen Hierarchien, die rassistischen, sexistischen und sonstigen Spaltungen, die eben auch die neue Arbeitswelt pr\u00e4gen und gemeinsamen Widerstand erschweren.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Als Fazit l\u00e4sst sich festhalten, dass es sich um einen inspirierenden Sammelband handelt, der bez\u00fcglich der Blickwinkel auf Selbstorganisation und auch Schreibstile sehr unterschiedliche Artikel vereint. Erfrischend ist vor allem die Erkenntnis, dass sich nachhaltiger Protest und Widerstand auch mit seinen\/ihren Tr\u00e4gerInnen und ihrer Verfasstheit, das heisst ihren Bed\u00fcrfnissen, Gef\u00fchlen, Denken und Handeln befassen muss. Die Reflektionen \u00fcber aktuelle sozio-\u00f6konomische Entwicklungen (etwa von Athanasios Karathanassis) und Formen der Arbeitsorganisation, \u00fcber die sich dabei entwickelnden F\u00e4higkeiten zum selbst-bestimmten Organisieren sowie \u00fcber sozial-psychologische und -philosophische Grundlagen kollektiver Widerst\u00e4ndigkeit regen zum Nachdenken \u00fcber neue Formen der Selbstorganisation an.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Leider gibt es einige Leerstellen, die problematisch sind: Ausgerechnet die Darstellung der praktischen Versuche kommt zu kurz. Nur die Darstellungen des NCI-Netzwerkes, der Genossenschaftsbewegung und der Anonymen Alkoholiker geht auch in die Tiefe der konkreten Organisationsform. Dar\u00fcber hinaus beziehen sich alle Beispiele, ausser das der Anonymen Alkoholiker, auf das Feld der Lohnarbeit, wo es doch Projekte mit transformatorischen Anspruch in zahlreichen Lebensbereichen gibt. Schade ist auch die in allen Beitr\u00e4gen dominierende Gleichsetzung von gesellschaftlichen mit \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen, womit weitere Herrschaftsverh\u00e4ltnisse wie Sexismus und Rassismus, welche die Produktionsverh\u00e4ltnisse durchziehen, weitgehend ausgeblendet werden. Nur Lars Meyer und Dirk Hauer erw\u00e4hnen zumindest deren Relevanz f\u00fcr post-fordistische Formen von Arbeit, Subjektkonstitution und Widerstand. Sich mit Herrschaftsverh\u00e4ltnissen zu befassen, hat jedoch in vielerlei Hinsicht praktische Relevanz: Zum Beispiel, wenn es um Hierarchien innerhalb selbstorganisierten Widerstandes geht, um die Frage, wer sich mit wem solidarisch zeigt (und k\u00e4mpft) oder um die Vision einer zuk\u00fcnftigen Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt;\"><cite><span style=\"font-size: 11.0pt; font-family: 'Calibri',sans-serif;\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.untergrund-bl\u00e4ttle.ch\/buchrezensionen\/sachliteratur\/sergio_bologna_michael_danner_selbstorganisation_4398.html\">untergrund-bl\u00e4ttle&#8230;<\/a> vom 7. November 2017<\/span><\/cite><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jung, flexibel, dynamisch: Arbeitsverh\u00e4ltnisse haben sich im Neoliberalismus enorm gewandelt. 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