{"id":2697,"date":"2017-11-13T10:00:13","date_gmt":"2017-11-13T08:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2697"},"modified":"2017-11-13T10:00:13","modified_gmt":"2017-11-13T08:00:13","slug":"fuenf-mythen-ueber-die-russische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2697","title":{"rendered":"F\u00fcnf Mythen \u00fcber die Russische Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Seiji Seron.<\/em> <strong>Auch wenn die Idee des Sozialismus an Beliebtheit gewinnt, halten sich Mythen \u00fcber die Russische Revolution hartn\u00e4ckig. Die Bourgeoisie f\u00fchrt seit einhundert Jahren eine Schmierenkampagne gegen die Russische Revolution. <!--more-->Obwohl mehr und mehr Menschen sich als Sozialist*innen verstehen, liegt der sogenannte Red Scare schwer auf dem US-amerikanischen und europ\u00e4ischen Bewusstsein. Dieser Artikel versucht f\u00fcnf Mythen \u00fcber die Russische Revolution aufzudecken.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><strong>Mythos 1: Die Oktoberrevolution war ein Putsch, ausgef\u00fchrt von einer Handvoll von elit\u00e4ren, machiavellistischen Intellektuellen, die an die Macht kamen, indem sie eine passive und gleichg\u00fcltige Arbeiter*innenklasse manipulierten.<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee, dass die Bolschewistische Partei eine kleine Organisation berufsm\u00e4\u00dfiger Verschw\u00f6rer*innen war, die den russischen Arbeiter*innen fremd war oder ihnen sogar feindlich gegen\u00fcberstand, wird von b\u00fcrgerlichen Historiker*innen f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit einer aus dem Zusammenhang gerissenen Passage aus Lenins Was tun? gerechtfertigt. Darin sagt er, dass Arbeiter*innen allein nur ein reformistisches Bewusstsein erreichen k\u00f6nnen und dass deshalb das revolution\u00e4res oder sozialistisches Bewusstsein von au\u00dferhalb der Arbeiter*innenklasse kommt. Diese Passage von 1902 bezieht sich auf die Schwierigkeiten, mit denen die ersten marxistischen Organisationen im damals reaktion\u00e4rsten Land Europas, regiert mit dem g\u00f6ttlichen Recht der K\u00f6nige, konfrontiert waren. Russland besa\u00df nicht einmal eine b\u00fcrgerliche Verfassung \u2013 politische Parteien waren illegal und die politische Polizei war die gef\u00fcrchtetste der Welt. 1905 revidierte Lenin diese Position selbst und kritisierte sogar bolschewistische Genoss*innen, die die bewusste F\u00fchrung einer marxistischen, revolution\u00e4ren Partei der Selbstorganisierung der Arbeiter*innen gegen\u00fcber stellten. In einer Partei organisiert w\u00fcrden die Arbeiter*innen ihre eigene Revolution machen.<\/p>\n<p>Als er im April 1917 in Russland ankam, rief Lenin nicht sofort zum Sturz der kapitalistischen Provisorischen Regierung auf, die noch von einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung unterst\u00fctzt wurde. Stattdessen rief er die Bolschewiki dazu auf, den Arbeiter*innen geduldig zu erkl\u00e4ren, dass die R\u00e4te die Staatsmacht \u00fcbernehmen sollten. Lenin zufolge konnte die Provisorische Regierung nicht gest\u00fcrzt werden, ehe die Bolschewiki die Unterst\u00fctzung der Mehrheit des Volkes besa\u00dfen. Er bestand darauf, dass die Menschen nicht passiv und noch weniger gleichg\u00fcltig waren. Im Oktober schloss sich eine Gruppe Marinesoldaten den Bolschewiki an und bewaffnet mit Bajonetten fragten sie: \u201eWann werden wir sie endlich benutzen?\u201c<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt hatten die Bolschewiki die Unterst\u00fctzung der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit gewonnen, weshalb die Provisorische Regierung gest\u00fcrzt wurde, ohne dass in Petrograd ein einziger Schuss abgegeben wurde. Es waren ebenso die Bolschewiki, die einen spontanen Sturz der Provisorischen Regierung w\u00e4hrend der Julitage vermieden, weil sie sich bewusst waren, dass ein verfr\u00fchter Aufstand die Stadt von den l\u00e4ndlichen Gegenden isolieren k\u00f6nnte, wo die Provisorische Regierung noch Unterst\u00fctzung genoss.<\/p>\n<p>Nach vierzehn Jahren der organisatorischen Arbeit in der russischen Arbeiter*innenklasse gewannen die von den Bolschewiki vertretenen Positionen an St\u00e4rke, weil sie die N\u00f6te und W\u00fcnsche der Massen ausdr\u00fcckten. Dies erlaubte der Partei von 17.000 Mitgliedern im Februar 1917 auf 240.000 im Oktober desselben Jahres zu wachsen, indem sie sich organisch mit der Arbeiter*innenklasse verband.<\/p>\n<p><strong>Mythos 2: Von Beginn an war das wahre Ziel der Bolschewiki eine Diktatur einer einzelnen Partei.<\/strong><\/p>\n<p>Die Oktoberrevolution legte die Macht in die H\u00e4nde des Zweiten Allrussischen Sowjetkongress, der am Tag des Aufstands, dem 25. Oktober 1917, er\u00f6ffnet wurde. Die Sowjets waren die R\u00e4te der Arbeiter*innendelegierten, die die Arbeiter*innen selbst in den Fabriken w\u00e4hlten. Sie wurden gleich bezahlte wie ein*e gew\u00f6hnlich*e Arbeiter*in und ihre Mandate waren jederzeit widerruflich. Diese R\u00e4te hatten neben der Provisorischen Regierung seit dem Fall der Monarchie bestanden und waren eine immens demokratischere Form der Regierung als die kapitalistischen \u201eDemokratien\u201c, in welchen die Politiker*innen Privilegien genossen, durch L\u00fcgen gew\u00e4hlt wurden, reich wurden auf Kosten der Massen und jahrelang an der Macht blieben, obwohl sie diejenigen betrogen, die sie gew\u00e4hlt hatten und die sie zu vertreten vorgaben.<\/p>\n<p>Die Sowjets waren Mehrparteienorganisationen, in welchen sich alle proletarischen politischen Tendenzen demokratisch messen konnten. Die Bolschewiki waren bis September 1917 in der Minderheit; die beiden Mehrheitsparteien waren die Menschewiki und die Sozialrevolution\u00e4re, die gemeinsam mit anderen kapitalistischen Parteien Teil einer Koalition der Provisorischen Regierung waren. Nachdem Lenin aus dem Exil zur\u00fcckgekehrt war, verlangten die Bolschewiki von diesen beiden Parteien, dass sie mit den Kapitalist*innen brachen, die kapitalistischen Kabinettsmitglieder ausschlossen und eine streng menschewistische und sozialrevolution\u00e4re Regierung bildeten, die den Sowjets verantwortlich sein w\u00fcrde, in welchen dieselben beiden Parteien die Mehrheit hielten. H\u00e4tten sie dies getan, w\u00e4re die Bolschewistische Partei zwar nicht an der Regierung gewesen, doch sie h\u00e4tten eingewilligt, keine Gewalt gegen die Regierung einzusetzen und gegen die R\u00fcckkehr des Zaren zu k\u00e4mpfen. Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re weigerten sich.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach dem Oktoberaufstand stimmte der Zweite Allrussische Sowjetkongress f\u00fcr ein Ende der Provisorischen Regierung mit einer Dreiviertelmehrheit bestehend nicht nur aus den Bolschewiki, sondern auch aus dem linken Fl\u00fcgel der Sozialrevolution\u00e4ren Partei.<\/p>\n<p>Die demokratisch geschlagene Minderheit aus Menschewiki und rechtem Fl\u00fcgel der Sozialrevolution\u00e4re verlie\u00dfen den Kongress und unterst\u00fctzten \u2013 mit dem Rat der britischen, deutschen, franz\u00f6sischen und US-amerikanischen imperialistischen Agent*innen \u2013 alle Versuche der zaristischen Gener\u00e4le, die bisher Feinde der Provisorischen Regierung gewesen waren, einen Putsch gegen den neu formierten Sowjetstaat zu organisieren. Die Details dieser und \u00e4hnlicher Verschw\u00f6rungen sind in Victor Serges Werk Year One of the Russian Revolution zu finden.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki betrachteten es nicht als Vorteil, die alleinige Partei an der Macht zu sein. Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re hatten ihre Waffen seit 1917 gegen den Sowjetstaat gerichtet, wurden aber erst im Juni 1918 verboten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der B\u00fcrger*innenkrieg nicht nur russische Monarchist*innen gegen die UdSSR mobilisiert, sondern auch vierzehn fremde Armeen \u2013 darunter die Vereinigten Staaten, das Vereinigte K\u00f6nigreich, Frankreich, Deutschland und Japan (die haupts\u00e4chlichen imperialistischen M\u00e4chte der Zeit). Das Verbot anderer Parteien war eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Verteidigungsma\u00dfnahme, die von den historischen Umst\u00e4nden diktiert wurde und die sich Trotzki zufolge, der w\u00e4hrend des B\u00fcrger*innenkriegs die Rote Armee anf\u00fchrte, nicht aus der bolschewistischen Theorie ergab. Tats\u00e4chlich sah das bolschewistische Parteiprogramm ein Mehrparteiensowjetsystem vor.<\/p>\n<p>Der Stalinismus, die konterrevolution\u00e4re Antithese des Bolschewismus, war f\u00fcr die b\u00fcrokratische, die Umst\u00e4nde ignorierende Institutionalisierung eines Einparteienregimes verantwortlich. Die Kapitalist*innenklasse setzt bewusst eine Kriegsma\u00dfnahme der Bolschewiki mit einer Konzeption der Stalinist*innen gleich.<\/p>\n<p><strong>Mythos 3: H\u00e4tte die Oktoberrevolution die Provisorische Regierung nicht gest\u00fcrzt, w\u00e4re Russland eine Demokratie geworden.<\/strong><\/p>\n<p>Die Provisorische Regierung wird von b\u00fcrgerlichen Historiker*innen h\u00e4ufig als fortschrittliche, von \u201edemokratischen Sozialist*innen\u201c gef\u00fchrte Regierung beschrieben, die in der Lage gewesen sei, Russland in eine Demokratie wie Frankreich oder Gro\u00dfbritannien zu verwandeln, h\u00e4tten sie mehr Zeit gehabt, bevor die bolschewistischen \u201eVerschw\u00f6rer*innen\u201c an die Macht kamen. Diese sogenannten \u201eVerschw\u00f6rer*innen\u201c gewannen die Unterst\u00fctzung der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit des russischen Volkes, indem sie geduldig erkl\u00e4rten, dass nur die in Sowjets organisierten Arbeiter*innen Russland aus dem Weltkrieg herausziehen, Land vom Adel an die arme Bauernschaft umverteilen und eine konstituierende Versammlung einberufen k\u00f6nnten. Kurzum waren die Arbeiter*innen die einzigen, die den Ruf der Februarrevolution nach Frieden, Land und einem Ende der Monarchie beantworten k\u00f6nnten. Die Forderungen der Revolution waren von der Provisorischen Regierung wiederholt aufgeschoben worden und konnten wegen der engen Verbindungen des Organs zum britischen und franz\u00f6sischen Imperialismus nicht erf\u00fcllt werden.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Stunden dekretierte der Zweite Sowjetkongress Frieden und eine Landreform \u2013 zwei Dinge, die die Provisorische Regierung acht Monate lang nicht geschafft hatte. Die Oktoberrevolution bewies Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Diese Theorie behauptet, dass die demokratischen Aufgaben, die die Kapitalist*innenklasse in den Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts angegangen war, wie die Landreform, in peripheren L\u00e4ndern nur durch eine proletarische Revolution zu erf\u00fcllen waren. Einmal an der Macht w\u00fcrde die Arbeiter*innenklasse die demokratischen Aufgaben l\u00f6sen k\u00f6nnen und auch zu sozialistischen Aufgaben schreiten, wie der Enteignung der Kapitalist*innen.<\/p>\n<p>Nach dem Juliaufstand zog ein zaristischer General namens Kornilow Nutzen aus dem Zustand der Erm\u00fcdung der Petrograder Massen und versuchte einen konterrevolution\u00e4ren Putsch gegen die Provisorische Regierung. Der rechte Putsch fand statt, obwohl die \u201eprogressive\u201c und \u201edemokratische\u201c Provisorische Regierung die Bolschewistische Partei kriminalisiert und ihre F\u00fchrung inhaftiert hatte.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Ereignis fand in Chile unter Salvador Allende, einem \u201edemokratischen Sozialisten\u201c, statt, dessen Regierung von einem von Augusto Pinochet gef\u00fchrten Putsch gest\u00fcrzte wurde. Pinochet war ein General, der von Allende selbst zwei Wochen vor dem Putsch zum Oberbefehlshaber der Truppen ernannt worden war.<\/p>\n<p>Allgemein gesprochen ist die Geschichte der peripheren kapitalistischen L\u00e4nder eine Abfolge von Putschs und Diktaturen. Ein stabiles \u201edemokratisches\u201c kapitalistischen Regime zu haben war \u00fcber das vergangene Jahrhundert ein Privileg imperialistischer Staaten. Die b\u00fcrgerliche Demokratie besitzt in peripheren L\u00e4ndern wie Chile oder Brasilien, wo die Kapitalist*innenklasse schwach und auf den Imperialismus angewiesen, die Arbeiter*innen \u00fcberausgebeutet sind und die ungel\u00f6sten demokratischen Fragen die Massen unterdr\u00fccken, keine langfristige Stabilit\u00e4t. W\u00e4re die Oktoberrevolution besiegt worden, w\u00e4re Russland keine Demokratie geworden; es ist viel wahrscheinlicher, dass es eine deutsche Halbkolonie (Trotzki zufolge \u201eetwas zwischen dem zaristischen Russland und Indien\u201c) geworden w\u00e4re, regiert von einer Diktatur unter Kornilow oder einem anderen zaristischen General.<\/p>\n<p><strong>Mythos 4: Der Stalinismus war die nat\u00fcrliche und unvermeidliche Konsequenz der Oktoberrevolution und des leninistischen Bolschewismus.<\/strong><\/p>\n<p>Die Bolschewiki dachten die Oktoberrevolution nicht als eine lediglich russische Revolution, sondern als den Z\u00fcnder einer internationalen Revolution, die sich auf alle L\u00e4nder, besonders die im Ersten Weltkrieg, ausbreiten w\u00fcrde. Die Bolschewiki sahen ihren eigenen Triumph daran gebunden, dass die Arbeiter*innenklasse in westeurop\u00e4ischen Staaten und besonders in Deutschland die Macht \u00fcbernehmen m\u00fcsste. In der Folge der Oktoberrevolution versuchten Arbeiter*innen Revolutionen in verschiedenen L\u00e4ndern Europas wie Italien und Deutschland; im letzteren entfaltete sich ein beinahe kontinuierlicher und ununterbrochener revolution\u00e4rer Prozess zwischen 1917 und 1923.<\/p>\n<p>Diese Revolutionen wurden jedoch besiegt. Der Hauptgrund daf\u00fcr war der Betrug der sozialdemokratischen Parteien, deren konterrevolution\u00e4re Rolle analog zu der der russischen Menschewiki war. Demzufolge war die einzige erfolgreiche proletarische Revolution der Geschichte in einem verarmten, von vier Jahren des Weltkrieges und weiteren drei des konterrevolution\u00e4ren B\u00fcrger*innenkrieges zerst\u00f6rten Lands isoliert.<\/p>\n<p>Der Aufbau des Sozialismus muss auf der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte aufgebaut und strukturiert sein, was die Reduktion des Arbeitstags und eine effiziente Produktion erm\u00f6glicht. Dies w\u00fcrde nach und nach die Trennung zwischen k\u00f6rperlicher und geistiger Arbeit abschaffen. Dies setzt voraus, dass administrative Posten zwischen allen Arbeiter*innen sozialisiert werden und rotieren sowie eine zunehmende Freizeit. Dies w\u00fcrde allen Menschen erlauben, Zeit mit Wissenschaft, Kunst, Kultur und der Entwicklung ihrer gr\u00f6\u00dften menschlichen Potentiale zu verbringen. Es ist unm\u00f6glich, dies in einem einzelnen Land zu erreichen, vorausgesetzt dieses Land, das von der Weltwirtschaft isoliert ist, hat nur begrenzte Produktivkr\u00e4fte. Deshalb kann der Sozialismus nur in globalem Ma\u00dfstab mit einer Planwirtschaft, die alle Produktivkr\u00e4fte der Menschheit umfasst, errichtet werden.<\/p>\n<p>Die Widerspr\u00fcche einer isolierten proletarischen Revolution wuchs in eine thermidorianische Reaktion \u2013 eine Konterrevolution fand statt, in welcher die F\u00fchrung der Revolution durch eine B\u00fcrokratie ersetzt wurde, deren haupts\u00e4chlicher Vertreter Stalin war. Die B\u00fcrokratie entwickelte sich zu einer privilegierten Kaste und entwickelte ihre eigenen, denen der Arbeiter*innenklasse entgegengesetzten Interessen, indem sie die russischen Arbeiter*innen politisch enteignete, die R\u00e4te zerst\u00f6rte, die bolschewistischen Revolution\u00e4r*innen ermordete und aus der Planwirtschaft Privilegien an sich raffte. 1923 organisierte Trotzki die Linke Opposition, die gegen die b\u00fcrokratische Degeneration der Revolution k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>Diese B\u00fcrokratie entwickelte sich aber nicht aus moralischen Problemen der Bolschewiki oder des jungen Sowjetstaates. Sie entwickelte sich vielmehr aus den materiellen Bedingungen der Sowjetunion. Der Sozialismus ist die Politik der gleichm\u00e4\u00dfigen Verteilung des durch die Massenproduktion geschaffenen \u00dcberfluss. Der Stalinismus erwuchs aus der Tatsache, dass eine B\u00fcrokratie verantwortlich wurde, die wenigen in der UdSSR verf\u00fcgbaren Ressourcen zu verteilen. Eine B\u00fcrokratie ist notwendig, um Knappheit zu verwalten. In einer Gesellschaft des \u00dcberflusses kann der Sozialismus aufbl\u00fchen.<\/p>\n<p>1924 erfand die stalinistische B\u00fcrokratie die Theorie des Sozialismus in einem Land. Under der F\u00fchrung Stalins f\u00fchrte die Kommunistische Internationale, die Komintern, eine Politik, die die Existenz der UdSSR sichern, sich aber nicht in Richtung Revolution bewegen sollte. Die Komintern rief die Kommunistischen Parteien in aller Welt dazu auf, den linken Fl\u00fcgel der Bourgeoisie des jeweiligen Landes zu unterst\u00fctzen. Dies bedeutete den Verrat der revolution\u00e4ren Prozesse, die in verschiedenen L\u00e4ndern, wie unter anderen im China der 1920er und im Spanien der 1930er, stattfanden.<\/p>\n<p>\u201eDie heutige \u201aS\u00e4uberung\u2018 zieht zwischen Bolschewismus und Stalinismus nicht nur einen blutigen Strich, sondern einen ganzen Strom von Blut\u201c, wie Trotzki es ausdr\u00fcckte. Entweder w\u00fcrden die Arbeiter*innen eine neue politische Revolution durchf\u00fchren m\u00fcssen, die die B\u00fcrokratie st\u00fcrzen und die Sowjetdemokratie wiederherstellen w\u00fcrde, oder die B\u00fcrokratie w\u00fcrde den Kapitalismus wiederherstellen. Der Kapitalismus wurde, wie wir wissen, Ende der 1980er wiederhergestellt.<\/p>\n<p><strong>Mythos 5: Die Oktoberrevolution verteilte nur Armut.<\/strong><\/p>\n<p>Kapitalist*innen haben sich bem\u00fcht, den Sozialismus mit Bilden von langen Schlangen und leeren Regalen in Verbindung zu bringen \u2013 Bilder, die nat\u00fcrlich zunehmend gew\u00f6hnliche Zust\u00e4nde kapitalistischer Staaten abbilden, wo acht Milliard\u00e4re so viel Reichtum auf sich vereinen wie eine H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung. Und doch zeigen diese Bilder eine Realit\u00e4t \u2013 die Periode der Perestroika, also der kapitalistischen Restauration in der Sowjetunion. Diese Bilder sind ein Beweis f\u00fcr den Zusammenbruch der Sowjetunion und unterst\u00fctzen nicht die Behauptung vom Scheitern des Sozialismus. Diese Bilder sollten in ihrem Kontext betrachtet werden. Dies bedeutet zu verstehen, dass das Scheitern der Sowjetunion m\u00f6glich war wegen einer Kombination verachtenswerter Politik des Stalinismus und imperialistischen Drucks.<\/p>\n<p>Trotz allem wuchs die sowjetische Wirtschaft j\u00e4hrlich bis 1985 um ungef\u00e4hr drei Prozent und im Schnitt w\u00e4hrend der 1970er Jahre um mehr als f\u00fcnf Prozent, eine Rate vergleichbar mit der in den Vereinigten Staaten vor der Krise von 2008. Vor der russischen Revolution waren neun Zehntel der Bev\u00f6lkerung Kleinbauer*b\u00e4uerinnen, deren landwirtschaftliche Techniken und Produktivit\u00e4t sich seit dem 14. Jahrhundert kaum verbessert hatten. Die Oktoberrevolution verwandelte das unterentwickelteste Land Europas in eine \u00f6konomische, milit\u00e4rische, wissenschaftliche und kulturelle Supermacht. Die Sowjetbev\u00f6lkerung war hoch gebildet, vollbesch\u00e4ftigt und hatte einen Lebensstandard f\u00fcr Arbeiter*innen, der allgemein gesprochen h\u00f6her war als in vielen kapitalistischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>1932 sagt Trotzki, als er f\u00fcr einen Vortrag von der sozialdemokratischen Jugendorganisation in D\u00e4nemark eingeladen worden war, dass die<\/p>\n<p><em>\u201eKurve der industriellen Entwicklung Ru\u00dflands ist in groben Indexziffern ausgedr\u00fcckt die folgende: Setzen wir das Jahr 1913, das letzte Jahr vor dem Kriege, mit 100 an. Das Jahr 1920, der H\u00f6hepunkt des B\u00fcrgerkrieges ist auch der Tiefpunkt der Industrie: nur 25, das hei\u00dft ein Viertel der Vorkriegsproduktion. 1923 ein Anwachsen bis zu 75, d.i. bis zu drei Vierteln der Vorkriegsproduktion. 1929 ca. 200; 1932 \u2013 300, da\u00df hei\u00dft dreimal so viel wie am Vorabend des Krieges.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Bild wird noch greller im Licht des Internationalen Index. Von 1925 bis 1932 ist die industrielle Produktion Deutschlands fast um zwei Drittel gesunken, in Amerika fast um die H\u00e4lfte, in der Sowjetunion ist sie um mehr als das Vierfache gestiegen. Diese Ziffer spricht f\u00fcr sich selbst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Einer der ersten Siege der Oktoberrevolution war der einer nie gekannten, von keinem kapitalistischen Regime erreichten Alphabetisierungskampagne. Die sowjetische Eisenproduktion verdoppelte sich zwischen 1933 und 1936. W\u00e4hrend derselben Periode sprang die Sowjetunion vom zehnten auf den vierten Rang der gr\u00f6\u00dften Kohleproduzenten, vom sechsten auf den dritten der Stahlproduzenten. 1936 hatte sich die Produktion von Eisen, Kohle und Stahl im Vergleich zum Vorkriegsniveau verdreifacht. 1935 besa\u00df Russland 95 Kraftwerke und eine produktive Kapazit\u00e4t von 4,4 Millionen Kilowatt; es waren nur zehn Kraftwerke und 253 Tausend Kilowatt, als die GOELRO-Kommission eingerichtet wurde.<\/p>\n<p>Diese Fortschritte schufen die Bedingungen f\u00fcr eine kostenlose \u00f6ffentliche Gesundheitsversorgung und Bildung. In kurzer Zeit beendete die Sowjetunion im Grunde den Analphabetismus. Menschen in der Sowjetunion hatten das Recht auf ein Heim wie auch auf Kindertagesbetreuung. Kein kapitalistischer Staat hat jemals eine solche Entwicklungsrate erreicht. \u201eDer Sozialismus\u201c, so schreibt Trotzki,\u00a0<em>\u201ebewies sein Recht auf den Sieg nicht auf den Seiten des \u201aKapital\u2018, sondern in einer Wirtschaftsarena, die ein Sechstel der Erdoberfl\u00e4che bildet, bewies es nicht in der Sprache der Dialektik, sondern in der Sprache des Eisens, des Zements und der Elektrizit\u00e4t.\u201c<\/em>\u00a0Diese Statistiken sind noch beeindruckender, wenn wir bedenken, dass die Sowjetunion kein sozialistisches Land war, sondern ein proletarischer \u00dcbergangsstaat, dessen Fortschritt zum Sozialismus von der B\u00fcrokratie unterbrochen worden war. Noch inmitten einer umgelenkten Revolution genossen die Arbeiter*innen gro\u00dfe Siege. Stellen wir uns nur die M\u00f6glichkeiten eines Arbeiter*innenstaates vor, in dem das in R\u00e4ten organisierte Proletariat die volle Kontrolle und Entscheidungsmacht aus\u00fcbt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/fuenf-mythen-ueber-die-russische-revolution\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 13. November 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seiji Seron. Auch wenn die Idee des Sozialismus an Beliebtheit gewinnt, halten sich Mythen \u00fcber die Russische Revolution hartn\u00e4ckig. Die Bourgeoisie f\u00fchrt seit einhundert Jahren eine Schmierenkampagne gegen die Russische Revolution. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,12,22,38,27,20,21],"class_list":["post-2697","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-lenin","tag-politische-oekonomie","tag-russische-revolution","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-trotzki"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2697"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2698,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2697\/revisions\/2698"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}