{"id":2742,"date":"2017-11-18T17:37:30","date_gmt":"2017-11-18T15:37:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2742"},"modified":"2018-01-19T17:44:39","modified_gmt":"2018-01-19T15:44:39","slug":"arbeitskampf-in-der-gig-economy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2742","title":{"rendered":"Arbeitskampf in der Gig-Economy"},"content":{"rendered":"<p><em>Beni St\u00fcckelberger. <\/em><strong>Neue Formen der Besch\u00e4ftigung erfordern neue Mittel der Organisierung und des Kampfes. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Stell dir vor, du m\u00f6chtest die Belegschaft eines Betriebes organisieren, aber von den Arbeiter*innen kennt sich gegenseitig niemand. Genauso ist es uns ergangen, genauso ergeht es tausenden von Menschen in der Gig-Economy (der Begriff beschreibt eine neue Art der Wirtschaft, in der kleine Auftr\u00e4ge an eine Vielzahl von unabh\u00e4ngigen Freelancer*innen vergeben werden).<\/p>\n<p>Ich arbeite als Velokurier und liefere haupts\u00e4chlich Essen und ab und zu Pakete aus. Das Prinzip ist denkbar einfach: Man loggt sich in einer App ein, bekommt dort Auftr\u00e4ge zugeteilt, schwingt sich aufs Velo und erledigt diese. Das Problem dabei eben: Man lernt die anderen Velokurier*innen kaum kennen. Zwar gibt es eine Zentrale, wo Rucks\u00e4cke und Lastenvelos gelagert werden, dort verweilt aber kaum jemand f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit und auch auf der Strasse trifft man sich nur selten.<\/p>\n<p>Diesen M\u00e4rz probierten wir es trotzdem. Durch unsere Arbeitsbedingungen hatten wir kaum eine andere Wahl: Wir hatten einen tiefen Lohn, keine Ferienentsch\u00e4digungen, waren als Selbstst\u00e4ndige angestellt, bekamen daher weder Sozial- noch Unfallversicherungen einbezahlt und mussten unsere Veloreparaturkosten selbst bezahlen (die der Firma geh\u00f6renden Lastenvelos sollten zwar repariert werden, waren jedoch in einem so schlechten Zustand, dass sie teilweise w\u00e4hrend der Fahrt auseinanderbrachen. Wenn man Kritik daran anbrachte, kam ziemlich schnell eine E-Mail, dass \u201eman leider keine Auftr\u00e4ge mehr erhalten k\u00f6nne\u201c).<\/p>\n<p>Wir starteten mit einer WhatsApp-Gruppe. F\u00fcr die offizielle Kommunikation der Firma existierte bereits eine solche mit einigen Fahrer*innen, wir kopierten also einfach alle Nummern ausser derjenigen unserer Chefin und erstellten eine neue Gruppe. Nach einigem Hin- und Herschreiben entschlossen wir uns dazu, ein gemeinsames Treffen abzuhalten, zu dem wir auch einen Gewerkschaftssekret\u00e4r der Unia einluden. Wie tat das gut, einmal endlich offen \u00fcber die Frustrationen reden zu k\u00f6nnen, die alle von uns erlebt hatten!<\/p>\n<p>Aber nun begann die Knochenarbeit. Wir wollten eine reale Ver\u00e4nderung in der Firma, es war uns aber auch klar, dass wir dazu mehr werden mussten. Wir hatten die Nummern von etwa zwanzig Fahrer*innen, wussten aber, dass die Belegschaft alleine in Bern etwa doppelt so gross sein musste, von anderen St\u00e4dten, in der die Firma aktiv war, ganz zu schweigen. Wir \u00fcberlegten uns also verschiedene Massnahmen: Um Leute direkt kennenzulernen, wollten wir sie direkt vor der Zentrale abfangen. Wir stellten einen Schichtplan auf, nach welchem w\u00e4hrend zwei Wochen jeden Abend jemand dort wartete, um alle an diesem Abend Arbeitenden abzufangen. Zudem sprachen wir andere Fahrer*innen, die wir auf der Strasse trafen gezielt an und telefonierten alle bekannten Nummern wiederholt durch. Und etwa zwei Monate sp\u00e4ter hatten wir zudem unverhofft Gl\u00fcck: Wir erhielten alle E-Mailadressen der Berner Belegschaft und hatten so pl\u00f6tzlich eine Kontaktm\u00f6glichkeit zu allen. Parallel dazu versuchten wir unsere F\u00fchler in die anderen St\u00e4dte, in der die Firma Menschen besch\u00e4ftigt, auszustrecken. Durch einzelne Fahrer*innen, die an mehreren Orten arbeiteten und durch pers\u00f6nliche Kontakte konnten Verbindungen gekn\u00fcpft werden und der Aufbau einer Gruppe in Z\u00fcrich gestartet werden.<\/p>\n<p>Diesen August dann hatten wir jedoch genug. Zwar waren uns neue Vertr\u00e4ge versprochen worden, in denen wir auch versichert gewesen w\u00e4ren, die restlichen Bedingungen waren jedoch weiterhin v\u00f6llig unklar. Wir w\u00e4hlten also Delegierte und forderten mehrmals zusammen mit Unia-Sekret\u00e4r*innen Verhandlungen, diese wurden jedoch jedes Mal abgelehnt. Zwar lud die Firma zu \u201eGespr\u00e4chen\u201c ein \u2013 jedoch nur von ihnen ausgew\u00e4hlte Fahrer*innen und als reine Informationsveranstaltung ihrerseits. Da wir uns in keinster Weise mehr respektiert f\u00fchlten, und die Firma auch eine unsere Versammlungen abgeh\u00f6rt hatte, entschlossen wir uns, an die Medien zu gelangen, um den Druck zu erh\u00f6hen. Nach einer \u00f6ffentlichen Aktion wurde unsere Problematik von Blick, Berner Zeitung, Tagesanzeiger u.v.m. aufgegriffen. Doch noch immer gab es keine Reaktion.<\/p>\n<p>Da jede weitere Minute am Arbeiten ohne Unfallversicherung in einem der zehn gef\u00e4hrlichsten Jobs der Schweiz uns sehr be\u00e4ngstigend erschien, dr\u00e4ngte die Zeit. Wir stellten also noch einmal ein Gespr\u00e4chsangebot an die Firma \u2013 diesmal jedoch ohne direkte Vertretung von Mitarbeitenden der Unia. Und siehe da, sie gingen darauf ein! Diese Verhandlungen wurden nun \u00fcber die letzten Wochen gef\u00fchrt mit doch mehrheitlich positivem Ausgang: Etwa 3.- mehr Lohn pro Stunde, ein institutionalisierter Belegschaftsrat und dass wir nicht, wie vorher verlangt, auf offene Anspr\u00fcche aus dem vergangenen Arbeitsverh\u00e4ltnis verzichten m\u00fcssen, sind gute Ergebnisse. Man sieht also: Ein Arbeitskampf lohnt sich auch heute noch.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzliche Probleme bleiben jedoch weiterhin bestehen. Was fr\u00fcher Maschinen waren, ist heute ein Programmcode. Wer diesen kontrolliert, hat sehr viel Macht: Durch wenige Klicks k\u00f6nnen unliebsamen Fahrer*innen die Schichtwahl verunm\u00f6glicht, Auftr\u00e4ge entzogen oder die l\u00e4ngsten Routen zugeteilt werden. Der Informationsfluss wird ebenfalls v\u00f6llig durch die Besitzenden des Codes reguliert und kontrolliert. Von Turiner Velokurier*innen wurde vorgeschlagen, den Code als Open Source frei zug\u00e4nglich und von den Fahrer*innen ver\u00e4nderbar zu machen, was dieser Machtkonzentration sicherlich entgegenwirken w\u00fcrde. \u00dcber Programme als Produktionsmittel in einer digitalisierten Gesellschaft m\u00fcssen jedoch sicherlich weitere Debatten gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><em>Momentan protestieren \u00fcbrigens Velokurier*innen in ganz Europa. Wer mehr \u00fcber diese K\u00e4mpfe erfahren m\u00f6chte, der*m seien folgende Quellen sehr empfohlen:<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><em>\u201cTotal Eclipse of Work? Neue Protestformen in der\u00a0<\/em>gig economy<em>am Beispiel des Foodora Streiks in Turin\u201c in: PROKLA Heft 187<\/em><\/li>\n<li><em>Die Arte-Reportage \u201eKuriere am Limit\u201c<\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/deliverunionberlin\/\">Deliverunion<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.juso.ch\/blog\/2017\/11\/17\/arbeitskampf-in-der-gig-economy\/#more-32852\">juso.ch&#8230;<\/a> vom 18. November 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beni St\u00fcckelberger. 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