{"id":2751,"date":"2017-11-22T09:30:10","date_gmt":"2017-11-22T07:30:10","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2751"},"modified":"2017-11-22T09:30:10","modified_gmt":"2017-11-22T07:30:10","slug":"100-jahrestag-der-oktoberrevolution-angst-und-argwohn-im-kreml","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2751","title":{"rendered":"100. Jahrestag der Oktoberrevolution: Angst und Argwohn im Kreml"},"content":{"rendered":"<p><em>Clara Weiss.\u00a0<\/em>Die Kreml-Oligarchie reagierte auf den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution mit einer Mischung aus Angst und Argwohn. Die Geschichte wird gef\u00e4lscht und von einer nationalistischen und rechtsextremen Position aus attackiert.<!--more--><\/p>\n<p>Es gab praktisch keine offiziellen Feiern zum Jahrestag. Der Kreml veranstaltete eine Milit\u00e4rparade auf dem Roten Platz in Moskau, die aber ein Ereignis aus dem Zweiten Weltkrieg 1941 nachstellte. Nur die rechte Kommunistische Partei Russlands (KPRF), die die Verbrechen des Stalinismus verherrlicht und enge Beziehungen zu illegalen fremdenfeindlichen Gruppen pflegt, organisierte eine Gedenkveranstaltung.<\/p>\n<p>Wie feindselig die Oligarchie gegen\u00fcber der Oktoberrevolution ist, zeigte sich am deutlichsten in der Kampagne des Staatsfernsehens gegen die Revolution und vor allem gegen Leo Trotzki. Dieser war nicht nur neben Lenin der wichtigste Anf\u00fchrer des Aufstandes und Gr\u00fcnder der Roten Armee, sondern auch der wichtigste marxistische Gegner der stalinistischen B\u00fcrokratien, die mit ihrem nationalistischen Programm die Revolution verrieten.<\/p>\n<p>Anfang November zeigte Channel 1, der popul\u00e4rste Fernsehsender Russlands, eine aufwendig produzierte achtteilige Serie \u00fcber Trotzki. Sie bediente offen antisemitische und rechtsextreme Klischees und stellte Trotzki als sexs\u00fcchtigen und blutr\u00fcnstigen Egomanen dar. Eine weitere \u201eDokumentation\u201c auf Channel 1 mit dem Titel \u201eDer b\u00f6se Geist der Revolution\u201c w\u00e4rmte die alten Verleumdungen auf, die Bolschewiki seien von Deutschland finanziert worden.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Wladimir Putin, der selbst Multimilliard\u00e4r ist, distanzierte sich von allen \u00f6ffentlichen Gedenkfeierlichkeiten f\u00fcr die Revolution. Im Oktober \u00e4u\u00dferte er vor einer Gruppe von Akademikern seine Ablehnung gegen\u00fcber der Revolution: \u201eWar es nicht m\u00f6glich, dem Pfad der Evolution zu folgen, statt eine Revolution durchzustehen? H\u00e4tten wir nicht schrittweise und stetig nach vorne kommen k\u00f6nnen, statt unseren Staat und Millionen Menschenleben r\u00fccksichtslos zu zerst\u00f6ren?\u201c<\/p>\n<p>In der Vergangenheit hatte der Kreml M\u00fche mit der Frage, was er mit dem Verm\u00e4chtnis der russischen Revolution tun soll. Hinsichtlich der Ereignisse und ihrer politischen Folgen schwankte man zwischen drei Haupttendenzen.<\/p>\n<p>Die erste davon war eine neostalinistische Kampagne. In zahllosen B\u00fcchern wurde Stalin hochgelobt und seine Verbrechen gegen die Revolution und sogar der Terror der 1930er Jahre gerechtfertigt. Die zweite Tendenz war die Verbreitung rechtsextremer antisemitischer Angriffe auf die Revolution und ihre F\u00fchrer. Diese Tendenz \u00e4u\u00dferte sich in Werken, in denen Trotzki als Agent der \u201eRothschilds\u201c und \u201eMenschenfresser\u201c verunglimpft wurde. Die dritte und j\u00fcngste Tendenz war der Versuch des Kreml, die Revolution als im wesentlichen nationales Ereignis darzustellen, als \u201eGro\u00dfe Russische Revolution\u201c mit dem Ziel, den \u201erussischen Staat\u201c zu retten. Diese Verf\u00e4lschung findet sich u.a. in einem neuen Geschichtsbuch, das im ganzen Land an Schulen eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Die Kampagne gegen 1917 w\u00e4rmt in vielen F\u00e4llen Angriffe auf die Revolution und Trotzki wieder auf, die als charakteristisch f\u00fcr die konterrevolution\u00e4ren Wei\u00dfen Kr\u00e4fte galten. Hierin zeigt sich die extreme wirtschaftliche und politische Schw\u00e4che der russischen Oligarchie, die aus der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus hervorgegangen ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der russischen Bev\u00f6lkerung war die Wiedereinf\u00fchrung der Marktwirtschaft eine absolute Katastrophe. Sie hat eine parasit\u00e4re Schicht von Oligarchen geschaffen, die \u00fcber eine zutiefst ungleiche und gr\u00f6\u00dftenteils von Rohstoffexporten abh\u00e4ngige Wirtschaft herrschen.<\/p>\n<p>Nach einem Bericht von 2016 besitzen die obersten zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung 89 Prozent des gesamten Haushaltsverm\u00f6gens des Landes, das sind zwei Prozent mehr als 2015. In den USA besitzt die gleiche Gruppe 78 Prozent des Haushaltsverm\u00f6gens, in China 73 Prozent. Weniger als 122.000 Personen geh\u00f6ren dem reichsten einen Prozent der Bev\u00f6lkerung an, darunter 79.000 Dollar-Million\u00e4re und 96 Milliard\u00e4re.<\/p>\n<p>Etwa 56 Prozent der russischen Arbeiter verdienen weniger als 31.000 Rubel (445 Euro) pro Monat; 29,4 Prozent bzw. 43 Millionen Menschen verdienen weniger als 218 Euro pro Monat.<\/p>\n<p>Die soziale Verzweiflung und das Elend \u00e4u\u00dfern sich akut in einer verheerenden HIV-Epidemie und weit verbreiteter Drogensucht. Mehr als eine Million Menschen, d.h. etwa ein Prozent der russischen Bev\u00f6lkerung, sind mit HIV infiziert. Nur in den afrikanischen Sub-Sahara-Staaten ist der Prozentsatz h\u00f6her. Im Jahr 2013 konsumierten fast zwei Millionen Menschen intraven\u00f6s Drogen. Seit 1991 haben mehr als eine Million Menschen in Russland Selbstmord begangen, die Bev\u00f6lkerung ist auf knapp \u00fcber 140 Millionen gesunken.<\/p>\n<p>Russland droht die Aufteilung durch die imperialistischen M\u00e4chte oder ein Atomkrieg. Die herrschende Elite des Landes schwankt zwischen Kriegstreiberei und verzweifelten Appellen an die Imperialisten, ihren Kurs zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen gewinnen die zentralen Ideale der russischen Revolution &#8211; der Kampf gegen imperialistischen Krieg und soziale Ungleichheit &#8211; bei betr\u00e4chtlichen Teilen der Bev\u00f6lkerung unweigerlich wieder an Attraktivit\u00e4t. Diese Stimmungen \u00e4u\u00dfern sich meist in einer vagen Nostalgie gegen\u00fcber der Sowjetunion, sind aber eher wirr. Nach jahrzehntelangen Geschichtsf\u00e4lschungen und Verbrechen des Stalinismus, vor allem auch durch die Ermordung der gesamten Bolschewistischen Partei, eines Gro\u00dfteils der Komintern und Leo Trotzkis sind grundlegende Tatsachen \u00fcber die russische Revolution und den Kampf der linken Opposition gegen den Stalinismus unbekannt.<\/p>\n<p>Die Angeh\u00f6rigen der herrschenden Oligarchie sind die historischen Erben der stalinistischen B\u00fcrokratie. Deshalb tun sie alles, was in ihrer Macht steht, um die Menschen \u00fcber die Urspr\u00fcnge und das Programm der russischen Revolution zu t\u00e4uschen, russischen Nationalismus zu sch\u00fcren und den Revolution\u00e4r zu attackieren, der am meisten mit dem Kampf gegen den nationalistischen Verrat an der Revolution in Verbindung gebracht wird: Leo Trotzki.<\/p>\n<p>Doch diese systematische Geschichtsf\u00e4lschung steht auf \u00e4u\u00dferst wackeligen F\u00fc\u00dfen. Die heutige herrschende Klasse ist so von Kriminalit\u00e4t und Parasitismus durchdrungen und so moralisch verkommen wie keine andere vor ihr. Wer wird ihr ihre billige Moral ernst nehmen und ihren Angriffe auf die Revolution und ihre Anf\u00fchrer unterst\u00fctzen?<\/p>\n<p>Die Krise nimmt zu in Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsgefahr, w\u00e4hrend Teile der internationalen Arbeiterklasse immer mehr in den Kampf gezogen werden. Vor diesem Hintergrund befasst sich eine neue Generation von Jugendlichen und Arbeitern wieder mit dem f\u00fcr Russland und die Welt wichtigsten Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/11\/22\/russ-n22.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 22. November 2017 mit einer leichten K\u00fcrzung durch die Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clara Weiss.\u00a0Die Kreml-Oligarchie reagierte auf den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution mit einer Mischung aus Angst und Argwohn. 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