{"id":2754,"date":"2017-11-23T11:42:28","date_gmt":"2017-11-23T09:42:28","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2754"},"modified":"2017-11-23T11:42:28","modified_gmt":"2017-11-23T09:42:28","slug":"die-vergessene-revolution-was-der-oktober-1917-fuer-uns-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2754","title":{"rendered":"Die vergessene Revolution: Was der Oktober 1917 f\u00fcr uns bedeutet"},"content":{"rendered":"<p><em>Alex Callinicos.<\/em> <strong>Viele der gro\u00dfen\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/zur-verteidigung-der-oktoberrevolution\/\">Revolutionen\u00a0<\/a>der Neuzeit werden bis heute gefeiert. Dies gilt beispielsweise f\u00fcr die amerikanischen und franz\u00f6sischen Revolutionen, die Nationalfeiertage sind (4. bzw. 14. Juli), f\u00fcr den irischen<!--more-->\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/marxismus-und-das-selbstbestimmungsrechte-der-nationen\/\">Osteraufstand<\/a>, dessen hundertj\u00e4hriges Jubil\u00e4um im letzten Jahr umfangreich, wenn auch scheinheilig zelebriert wurde, und f\u00fcr die chinesische Revolution von 1949, die der herrschenden Kommunistischen Partei ihre Legitimit\u00e4t verleiht. Aber die Russische Revolution vom Oktober 1917 ist ein Waisenkind. Selbst ihr hundertj\u00e4hriges Jubil\u00e4um in diesem Jahr findet kaum Beachtung. Das ist deutlich anders als bei ihrem 50. Jahrestag 1967, an den ich mich noch erinnern kann. Selbst im Westen gab es damals eine widerwillige Anerkennung dieser Revolution als Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung.<\/strong><\/p>\n<p>1967 war die Zeit des\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/der-imperialismus-der-nato\/\">Kalten Kriegs<\/a>. Die Relevanz des Oktober 1917 war offensichtlich, da einer der beiden Antagonisten in diesem Konflikt, die Sowjetunion, ihre Legitimit\u00e4t aus dieser Revolution sch\u00f6pfte. 25 Jahre danach gab es die UdSSR nicht mehr. Wladimir Putin, einer der Hauptakteure ihres Nachfolgestaats, der Russischen F\u00f6deration, sagte der Duma im Jahr 2005: \u201eDer Zusammenbruch der Sowjetunion war die gr\u00f6\u00dfte weltpolitische Katastrophe des Jahrhunderts\u201c. F\u00fcr das Ereignis, dem sie ihre Entstehung verdankt, kann er sich allerdings nicht begeistern.<\/p>\n<p>Owen Matthews zufolge verehrt\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/ist-putin-eine-unterstuetzenswerte-alternative-zum-us-imperium\/\">Putin<\/a>\u00a0die Sowjetunion, der er als Mitglied der Kommunistischen Partei und KGB-Offizier gedient hat, lehnt aber den Volksaufstand ab, der sie erm\u00f6glicht hat.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren hat Putins Kreml verschiedene Versatzst\u00fccke der russischen Geschichte bem\u00fcht, um die eigene Legitimit\u00e4t zu unterstreichen, Statuen von F\u00fcrst Wladimir von Kiew und Iwan dem Schrecklichen wurden errichtet und Geschichtsb\u00fccher neu geschrieben, um Stalin als heldenhaften Kriegsf\u00fchrer darzustellen, ohne den von ihm ver\u00fcbten Mord und Genozid zu erw\u00e4hnen. Es gibt jedoch in der heutigen Partei keine \u201eoffizielle\u201c oder \u201epatriotische\u201c Meinung zu 1917. Der konservative vorrevolution\u00e4re Ministerpr\u00e4sident Pjotr Stolypin \u2013 ber\u00fchmt daf\u00fcr, Revolution\u00e4re an \u201eStolypin-Krawatten\u201c h\u00e4ngen zu lassen \u2013 kommt wahrscheinlich einem offiziellen Helden der Revolutionszeit am n\u00e4chsten. Stolypin wurde 2008 von Anrufern einer Fernsehsendung zum \u201egr\u00f6\u00dften Russen der Geschichte\u201c gew\u00e4hlt (eine manipulierte Umfrage, wie sich herausstellte \u2013 in Wirklichkeit hatten die meisten f\u00fcr Stalin gestimmt).<\/p>\n<p>Putin ist, wie Stolypin, in erster Linie ein russischer Imperialist, der abweichende Meinungen gewaltsam unterdr\u00fcckt. Er hat deutlich gemacht, dass er die Bolschewiki, die das Russische Kaiserreich gest\u00fcrzt haben, als gef\u00e4hrliche Verr\u00e4ter ansieht. Lenin und seine Revolution\u00e4re h\u00e4tten \u201edie nationalen Interessen Russlands verraten\u201c, erz\u00e4hlte er 2015 Teilnehmern des allj\u00e4hrlich vom Kreml organisierten nationalen Seliger-Jugendforum. Die Bolschewiki \u201ewollten ihr Vaterland besiegt sehen, w\u00e4hrend heldenhafte russische Soldaten und Offiziere an den Fronten des ersten Weltkriegs ihr Blut verloren\u201c. Nach Putins Ansicht hat die Revolution \u201eRussland als Staat zusammenbrechen lassen, so dass es sich ergeben musste\u201c<\/p>\n<p>In der Tat \u00e4hnelt Putins Russland in vielerlei Hinsicht dem Land, das wohl entstanden w\u00e4re, wenn die Wei\u00dfe Garde anstelle der Roten den russischen B\u00fcrgerkrieg gewonnen h\u00e4tte. Putins sozialer Konservatismus, sein Einsatz der Kirche zur Legitimierung seiner Herrschaft und seine Intoleranz gegen\u00fcber abweichenden Meinungen sind eine aktualisierte Version der zaristischen Formel von \u201eAutokratie, Orthodoxie und Volkswille\u201c. Boris Jelzin hat die Revolution r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, indem er die Kommunistische Partei gest\u00fcrzt hat. Aber Putin hat Russland auf den Stand vor 1917 zur\u00fcckgeworfen. Putin hat das Heilige Russland wiederhergestellt: eine Gesellschaft, in der Staat und Kirche vereint sind, wo abweichende Meinungen Hochverrat sind und wo die Geheimpolizei auf jegliches Aufflackern von Unzufriedenheit in der Bev\u00f6lkerung lauert.<\/p>\n<p>Im Westen ist die russlandbezogene Paranoia des Kalten Krieges noch immer gegenw\u00e4rtig, wie die Hysterie um Donald Trumps Verstrickungen mit Moskau gezeigt hat. Richard Painter, leitender Ethik-Anwalt f\u00fcr George W. Bush (mit diesem Job blieb ihm bestimmt viel Zeit f\u00fcr ein Studium historischer Fakten\u2026), f\u00fchrt diese auf das Jahr 1917 zur\u00fcck: \u201eWir wissen, was die Russen vorhaben, sie machen das schon seit der Revolution von 1917, als die Kommunisten begannen, alle westlichen Demokratien zu destabilisieren\u2026 und das hat sich bis 2017 fortgesetzt.\u201c F\u00fcr solch direkte R\u00fcckf\u00e4lle in den Kalten Krieg gab es jedoch im Oktober 1917 wenig Interesse.<\/p>\n<p>In akademischen Kreisen wird mittlerweile jegliche positive Interpretation der Revolution, um die man in den \u201aradikalen\u2018 1960er und 1970er Jahren noch bem\u00fcht war, weitgehend unterdr\u00fcckt. Der akademische Konsens schildert den Oktober 1917 als einen regressiven Staatsstreich, der Russland zu Chaos und Totalitarismus verurteilt hat, ob in \u2019sozial\u2019geschichtlichen Machwerken wie Orlando Figes \u201aA People\u2019s Tragedy\u2018 oder popul\u00e4rwissenschaftlich wie beim altgedienten Leninhasser Richard Pipes.<\/p>\n<p>Gut zu erkennen ist dieser Konsens in einem aktuellen Sammelband mit dem Titel \u201eHistorically Inevitable? Turning Points of the Russian Revolution\u201c (\u201eHistorisch unvermeidlich? Wendepunkte der russischen Revolution\u201c) Herausgegeben vom ehemaligen britischen Botschafter in Moskau Tony Brenton, ist die Haltung der Autoren von Anfang an klar: Vorangestellt ist ein Zitat des gro\u00dfen Dichters Aleksandr Puschkin: \u201eRussische Revolte, hirnlos und gnadenlos\u201c. Der Tiefpunkt ist tats\u00e4chlich nicht der Beitrag von Richard Pipes, sondern ein Essay von Edvard Radzinsky, der das Martyrium des elenden Zaren Nicholas II und seiner Familie beweint. Orlando Figes widmet sein Kapitel der Tatsache, dass eine Polizeipatrouille in Petrograd am 24. Oktober 1917 den verkleideten Lenin auf dem Weg zur Sowjetversammlung im Smolny-Institut f\u00fcr \u201eeinen harmlosen Betrunkenen\u201c hielt; h\u00e4tten sie ihn erkannt, \u201eh\u00e4tte die Geschichte eine ganz andere Wendung genommen\u201c. In ihrer Rezension dieses Buches kritisierte Sheila Fitzpatrick, herausragende Historikerin der Sowjet\u00e4ra, an Brentons eigenem Beitrag einen \u201eTriumphalismus des Freihandels\u201c, der wie Francis Fukuyamas \u201aEnde der Geschichte,\u2018 vielleicht doch noch irgendwann von der Realit\u00e4t widerlegt werden k\u00f6nnte. Brenton erwiderte, dies sei, als ob Fitzpatrick ihm \u201aRound earth triumphalism\u2018 vorwerfen w\u00fcrde. (Dass die historische \u00dcberlegenheit des Kapitalismus\/Neoliberalismus also genau so evident sei wie die Tatsache, dass die Erde eine Kugel ist. Ad\u00dc) So arrogant gibt sich die neoliberale extreme Mitte, w\u00e4hrend sich bereits ihr Untergang abzeichnet.<\/p>\n<p>Aber dieses Schweigen, was den Oktober 1917 betrifft, ist auch auf Seiten der Linken zu finden:\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/David_Harvey_(Geograph)#Ver.C3.B6ffentlichungen\">David Harvey<\/a>\u00a0ist zweifellos einer der herausragendsten marxistischen Intellektuellen unserer Zeit, seine Schriften und Online-Vortr\u00e4ge haben viel zum \u00f6ffentlichen Interesse an\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/die-revolutionaeren-ideen-von-karl-marx\/\">Karl Marx Kritik der politischen \u00d6konomie<\/a>\u00a0beigetragen. Aber wenn wir in seiner aktuellen, popul\u00e4ren Darstellung dieser Kritik nachschlagen, die nicht nur untersucht, was Harvey die \u201esiebzehn Widerspr\u00fcche\u201c des Kapitalismus nennt, sondern dar\u00fcber hinaus auch versucht zu zeigen, wie sich eine politische Alternative entwickeln k\u00f6nnte, finden wir dort eine Diskussion von Frantz Fanons revolution\u00e4rem Humanismus, aber Lenin und 1917 bleiben unerw\u00e4hnt. Harvey beschreibt kurz ein Szenario, in dem unter wachsender Ungleichheit \u201eeine bewusst organisierte, antikapitalistische, revolution\u00e4re Bewegung (gef\u00fchrt, in leninistischen Begriffen, von einer Avantgarde-Partei) an die Macht kommt\u201c, nur um dies dann als \u201ezu vereinfachend, wenn nicht sogar grunds\u00e4tzlich falsch\u201c abzutun.<\/p>\n<p>Harvey hat sich schon immer vom\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/lenins-aprilthesen-der-weg-zur-oktoberrevolution\/\">Leninismus<\/a>\u00a0distanziert, aber andere f\u00fchrende marxistische Intellektuelle, die sich in der Tradition des Oktober 1917 verorten, haben darauf hingewiesen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Partnerstaaten 1989-91 eine Trennlinie zwischen der zeitgen\u00f6ssischen Linken und dem Erlebnis der russischen Revolution gezogen hat. Der gro\u00dfe Historiker Eric Hobsbawm, ein Mitglied der Communist Party of Great Britain bis zu ihrem Niedergang in den sp\u00e4ten 1980er Jahren, schrieb einen Epilog zu seiner ber\u00fchmten Trilogie \u201eThe long 19th century\u201c mit dem Titel \u201eAge of Extremes: The Short Twentieth Century 1914-1991\u201c. Diese Jahreszahlen implizieren, dass das historische zwanzigste Jahrhundert mit der Oktoberrevolution beginnt und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endet. In der Tat argumentiert Hobsbawm: \u201eDie Welt, die am Ende der achtziger Jahre auseinanderfiel, war die Welt, die von der russischen Revolution von 1917 gepr\u00e4gt war\u201c und beschrieb unsere Gegenwart als \u201edie Welt, die das Ende der Oktoberrevolution \u00fcberlebt hat\u201c. Hobsbawms eigentliches Subjekt bleibt dennoch der globale Kapitalismus mit seinen gro\u00dfen Krisen im fr\u00fchen und sp\u00e4ten 20. Jahrhundert und der st\u00e4ndigen Expansion dazwischen, neben dem \u201eDie Geschichte der Konfrontation von \u201aKapitalismus\u2018 und \u201aSozialismus\u2018 auf l\u00e4ngere Sicht nur f\u00fcr Historiker interessant sein wird, vergleichbar mit den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts oder den Kreuzz\u00fcgen\u201c.<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch h\u00e4ngt wahrscheinlich mit\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/nationalismus-und-geschichte\/\">Hobsbawms<\/a>\u00a0problematischer Beziehung zu seiner eigenen kommunistischen Vergangenheit zusammen \u2013 reflektiert in seinem endg\u00fcltigen Urteil \u00fcber die russische Erfahrung in \u201aAge of Extremes\u2018: \u201eDie Trag\u00f6die der Oktoberrevolution war gerade, dass sie nur diese Art von r\u00fccksichtslos-brutalem Kommandosozialismus hervorbringen konnte\u201c. Im Gegensatz dazu ist die \u00dcberzeugung, dass der Oktober 1917 nicht unvermeidlich zum Stalinismus f\u00fchren musste, eines der bestimmenden Merkmale des Trotzkismus. Daniel Bensa\u00efd war bis zu seinem fr\u00fchen Tod 2009 einer der herausragendsten Vertreter dieser Tradition, daher ist es interessant zu sehen, dass er Hobsbawms Darstellung des \u201akurzen zwanzigsten Jahrhunderts\u2018 teilt:<\/p>\n<p>\u201eEs war offensichtlich, dass die deutsche Wiedervereinigung, der Zerfall der Sowjetunion, das Ende des Kalten Krieges usw. das Ende eines gro\u00dfen Zyklus markierten, der mit dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution begann. Akzeptiert man das Konzept des \u201ekurzen zwanzigsten Jahrhunderts\u201c, dann war dieses Ende ein historischer Wendepunkt, der notwendigerweise mehr oder weniger sofort zu einer Neuordnung der geopolitischen Karten, aber auch zu neuen Definitionen und Gruppierungen innerhalb der Arbeiterbewegung f\u00fchren musste.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was ist von der Revolution geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Aber was genau ist gemeint, wenn von \u201edem Ende der Oktoberrevolution\u201c oder \u201edem Ende eines gro\u00dfen Zyklus, der mit dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution begann\u201c die Rede ist? Es ist klar, dass, wie Bensa\u00efd sagt, 1989\/91 eine geopolitische Transformation stattfand: der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks als rivalisierende Supermacht gegen\u00fcber dem westlichen Kapitalismus, durch den die letzten Hindernisse f\u00fcr eine globale Hegemonie der Vereinigten Staaten beseitigt waren. Dies wiederum erm\u00f6glichte die Konsolidierung des neoliberalen wirtschaftspolitischen Regimes, das Anfang der achtziger Jahre von Margaret Thatcher und Ronald Reagan ins Leben gerufen worden war. Gleichzeitig wurde der Neoliberalismus in die Dritte Welt exportiert, dank einer Schuldenkrise, die Paul Volcker, der Vorsitzende der US-Notenbank, ausgel\u00f6st hatte, indem er im Oktober 1979 hohe Zins- und Dollarkurse festlegte.<\/p>\n<p>Bensa\u00efd spricht auch von \u201eNeuen Definitionen und Gruppierungen innerhalb der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/next-stop-sozialismus-ein-revolutionaerer-weg-2\/\">Arbeiterbewegung<\/a>\u201e. Die Bildung der Kommunistischen Internationale im Jahre 1919 war der Versuch der Bolschewiki, die Oktoberrevolution zu einer weltweiten Bewegung zu machen. Das Scheitern dieser Strategie erleichterte Stalins Macht\u00fcbernahme in der Sowjetunion und die Umwandlung der kommunistischen Parteien in Instrumente der Moskauer Au\u00dfenpolitik. Bedeutende Teile der Arbeiterbewegung, viele ihrer besten K\u00e4mpfer, waren so an das Schicksal des sowjetischen Staates gebunden. Der Niedergang der Sowjetunion \u2013 und die Konflikte zwischen Moskau und Peking um die F\u00fchrung der internationalen kommunistischen Bewegung \u2013 trugen zum Zerfall dieser Bewegung bei, obwohl dieser Zerfall zunehmend durch die Ann\u00e4herungen der kommunistischen Parteien an eine reformistische Politik mitgetragen wurde, die sich kaum noch von der ihrer sozialdemokratischen Rivalen unterschied. Der Zusammenbruch der UdSSR beschleunigte diesen Prozess, insbesondere mit dem Selbstmord der Kommunistischen Partei Italiens, der wichtigsten westlichen KP. Heute gibt es nur eine Handvoll KPs, die noch relevant sind \u2013 die ultra-stalinistischen griechischen und portugiesischen Parteien, die Kommunistische Partei Indiens (Marxisten), die aber inzwischen ihre ehemaligen Hochburgen verloren hat, und die s\u00fcdafrikanische Kommunistische Partei, die seit 50 Jahren eng an den ANC (Afrikanischer Nationalkongress) gebunden ist, der sich in einer schweren Krise befindet.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen wir mit Sicherheit sagen, dass 1989-91 eine deutliche Verschiebung in zwei grossen Prozessen stattfand \u2013 die neoliberale Reorganisation des globalen Kapitalismus unter US-Hegemonie und der Niedergang der kommunistischen Bewegung. Hei\u00dft das, der Oktober 1917 hat uns nichts mehr zu sagen? Hat die Implosion des sowjetischen Blocks das Licht blockiert, das jener Oktober ausstrahlte? Wie man diese Frage beantwortet, h\u00e4ngt zum Teil davon ab, ob man wie Hobsbawm die russische Revolution mit dem Stalinismus gleichsetzt. Es ist bekanntlich ein Grundprinzip dieser Zeitschrift (International Socialism, Ad\u00dc), eine solche Gleichsetzung abzulehnen. F\u00fcr uns bedeutet die stalinistische Transformation der UdSSR in den sp\u00e4ten zwanziger und fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahren \u2013 erzwungene Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft \u2013 nicht den Aufbau des Sozialismus, sondern den Anfang einer Konterrevolution. Eine neue herrschende Klasse, die zentrale politische B\u00fcrokratie von Partei und Staat, beherrschte eine geteilte und entrechtete Arbeiterklasse, beutete sie aus, unterwarf sie unter dem Druck der milit\u00e4rischen Konkurrenz mit den westlichen imperialistischen M\u00e4chten der Logik der Kapitalakkumulation. Die Umw\u00e4lzungen von 1989-91 repr\u00e4sentieren f\u00fcr uns also nicht die Wiederherstellung des Kapitalismus, sondern, wie Chris Harman es ausdr\u00fcckte, einen Seitw\u00e4rtszug, von einer Form des Kapitalismus \u2013 b\u00fcrokratischer Staatskapitalismus \u2013 zu einer anderen \u2013 der Marktkapitalismus der neoliberalen \u00c4ra.<\/p>\n<p>Diese Analyse geht davon aus, dass der Oktober 1917 eine echte Arbeiterrevolution war, und dass daher der Konsens der Eliten, ihn als einen Staatsstreich darzustellen, falsch ist. Doch welche Art von Licht erreicht uns dann heute noch von jenem Oktober? Ist es nur eine allgemeine revolution\u00e4re Inspiration oder ist da eine spezifischere strategische Bedeutung? Trotzki screibt 1924 in seinem Buch Die Lektionen des Oktober:<\/p>\n<p>\u201eEs ist w\u00fcnschenswert, da\u00df die gesamte Partei und besonders die junge Generation Schritt f\u00fcr Schritt den Oktoberumsturz erfa\u00dft; die Erfahrungen dieser Revolution stellen die tiefste und unbestrittenste Pr\u00fcfung der Vergangenheit dar und \u00f6ffnen weite Perspektiven f\u00fcr die Zukunft\u2026. Zum Studium der Gesetze und Methoden der proletarischen Revolution gibt es bis heute keine wichtigere und tiefere Quelle als unser Oktober-Experiment..\u201c<\/p>\n<p>Die \u201aLehren des Oktobers\u2018 hatten einen polemischen Zweck: Trotzki versuchte, seinen politischen Rivalen in der bolschewistischen Partei das Versagen der Kommunistischen Partei Deutschlands im Oktober 1923 anzuh\u00e4ngen, insbesondere Grigori Sinowjew, dem Pr\u00e4sidenten der Komintern. Aber die Argumente, die er in dem Buch vorbringt, haben eine breitere Relevanz, und es ist unleugbar, dass Trotzkis eigene politische Praxis von dieser Sichtweise des Oktober 1917 als Pr\u00fcfstein revolution\u00e4rer Strategien und Taktiken geleitet wurde. Seine eigene Geschichte der Russischen Revolution ist un\u00fcbertroffen als Erz\u00e4hlung des gesamten Prozesses, mit seinen Siegen und Niederlagen, Fortschritten und R\u00fcckz\u00fcgen, die\u00a0 Zeugnis von Trotzkis theoretischer Brillianz geben. Die Faszination der fr\u00fchen Jahre der Komintern (Dritte KOMmunistische INTERNationale) liegt in den Bem\u00fchungen der F\u00fchrer der russischen Revolution \u2013 allen voran Lenin und Trotzki -, ihre Erfahrungen weiterzugeben und das Gelernte mit den F\u00fchrern der neuen kommunistischen Parteien, vor allem in Deutschland, zu teilen.\u00a0 Sp\u00e4tere Generationen revolution\u00e4rer Marxisten haben die Bedeutsamkeit dieser Erfahrung verstanden. Tats\u00e4chlich war ihre Reflexion, besonders in Lenins Schriften, entscheidend f\u00fcr Bensa\u00efds eigenes Denken, trotz dem, was er \u00fcber das Ende des 20. Jahrhunderts schreibt.<\/p>\n<p>Es gibt heute ein Wiedererstarken des\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/aufklaerung-revolutionen-und-die-entstehung-des-marxismus-wer-baute-das-siebentorige-theben\/\">marxistischen<\/a>\u00a0Interesses an Lenin, beginnend mit Lars Lihs umfangreicher Neubearbeitung von Lenins\u00a0 \u201eWas tun?\u201c, dann eine interessante Studie von Alan Shandro, Tam\u00e1s Krausz gro\u00dfartige \u201aIntellektuelle Biographie\u2018 (Gewinner des 2015 Isaac und Tamara Deutscher Memorial Prize), Tariq Alis elegante \u00dcberlegungen und John Molyneux Pr\u00e4sentation eines \u201aLenin for Today\u2018. Molyneux Buch steht fest in der international-sozialistischen Tradition. Aber in dem Rest dieser Werke geht es vor allem darum, Lenin von der Karikatur zu befreien, auf die er durch den akademischen Konsens reduziert wurde, und ihm seinen verdienten Platz in der Geschichte des Marxismus und der Russischen Revolution zur\u00fcckzugeben, weniger um seine heutige Relevanz. Die j\u00fcngste Ausnahme hiervon, neben Molyneuxs \u201aLenin for Today\u2018, kommt von Slavoj \u017di\u017eek, aber \u017di\u017eeks \u201eLeninismus\u201c ist so eigenwillig und durchdrungen von endlosen philosophischen Betrachtungen, dass darin nur wenig verwertbare Politikans\u00e4tze zu finden sind.<\/p>\n<p>Hat die Revolution vom Oktober 1917 also immer noch eine universelle Bedeutung und enth\u00e4lt wichtige Lektionen f\u00fcr Sozialisten, wie Trotzki argumentierte? Es gibt einen fundamentalen Grund, warum wir mit \u201aJa\u2018 antworten sollten. Eine noch \u00e4ltere Debatte innerhalb der Linken, die auf die Revisionismuskontroverse in der deutschen Sozialdemokratie am Ende des 19. Jahrhunderts zur\u00fcckgeht, betrifft die Frage, ob der Kapitalismus nach und nach wegreformiert werden kann. Mit den Worten von\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/wer-war-rosa-luxemburg\/\">Rosa Luxemburg<\/a>: \u201eReform oder Revolution?\u201c Wir erleben derzeit eine Wiederbelebung des linken Reformismus, der in Gro\u00dfbritannien besonders ausgepr\u00e4gt ist. Ihre F\u00fchrer, Jeremy Corbyn und John McDonnell, beantworten die Frage Luxemburgs mit \u201eReform!\u201c. Voll Mut und Eifer argumentieren sie, dass die britische Gesellschaft problemlos im Rahmen der Verfassung der parlamentarischen Demokratie umgewandelt werden kann. So sehen es auch die F\u00fchrer der anderen gro\u00dfen neuen linken Str\u00f6mungen in Europa \u2013 Jean-Luc M\u00e9lenchons La France Insoumise, Podemos und Syriza.<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass es nicht ein einziges historisches Beispiel einer erfolgreichen linken reformistischen Regierung gibt. Die wichtigste Labour-Regierung \u2013 die Regierung von Clement Attlee (1945-51) \u2013 f\u00fchrte zwar gro\u00dfe Reformen durch, aber sowohl die Konsolidierung des Wohlfahrtsstaates als auch die Verstaatlichungen wichtiger Industriezweige vollzogen sich im Einklang mit dem Konsens der Elite, dass der britische Kapitalismus erneuerungsbed\u00fcrftig war. Ganz \u00e4hnliche Reformen gab es 1944\/46 in Frankreich unter Charles de Gaulle, der gewiss kein Kommunist war. Die allgemeine Tendenz sozialdemokratischer Regierungen ist, dass sie unter dem Druck der Finanzm\u00e4rkte und der Sabotage durch staatliche B\u00fcrokratie und Gro\u00dfunternehmen gezwungen sind, die (oftmals bescheidenen) Reformen, f\u00fcr die sie gew\u00e4hlt wurden, wieder aufzugeben. Sollten sie standhaft bleiben, droht ihnen Gefahr. Das finsterste Beispiel daf\u00fcr bietet der chilenische Milit\u00e4rputsch vom September 1973, gegen die demokratisch gew\u00e4hlte Unidad Popular von Salvador Allende. Die Niederlage von Syriza im Juli 2015 zeigt eine neue M\u00f6glichkeit, eine linke Regierung zu zerst\u00f6ren: ihr Bankensystem wird von aussen lahmgelegt, um sie zur Zusammenarbeit bei der Verarmung der eigenen Bev\u00f6lkerung zu zwingen.<\/p>\n<p>Wenn also der reformistische Weg nicht m\u00f6glich ist, m\u00fcssen wir die revolution\u00e4re Alternative ernst nehmen. Die russische Revolution vom Oktober 1917 ist der erste erfolgreiche Sturz einer kapitalistischen Regierung. Tats\u00e4chlich halten wir es in der internationalen sozialistischen Tradition f\u00fcr die einzige erfolgreiche sozialistische Revolution: Die anderen gro\u00dfen Revolutionen des 20. Jahrhunderts \u2013 vor allem China, Vietnam und Kuba \u2013 brachen die koloniale Herrschaft, aber sie endeten mit b\u00fcrokratischem Staatskapitalismus nach dem Vorbild des stalinistischen Russland. Umso wichtiger ist es heute, zu untersuchen, was wir vom Oktober 1917 lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit verschiedenen intellektuellen Schachz\u00fcgen versucht man, die Erfahrung des Oktobers 1917 von uns fernzuhalten. Der offensichtlichste ist, dass das Russland von 1917 nichts mit dem globalisierten Kapitalismus von 2017 zu tun hat. Russland war eine riesige, vorwiegend landwirtschaftliche Gesellschaft, deren \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit Bauern waren, die von der zaristischen Autokratie, Landbesitzern und Adel, unterdr\u00fcckt und ausgebeutet wurden. Die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des sp\u00e4ten imperialen Russlands ist nicht zu leugnen, aber das bedeutet nicht, dass sich das Land au\u00dferhalb des globalen Prozesses der kapitalistischen Entwicklung befand. Lenin und Trotzki verstanden das sehr gut. Wie Krausz es ausdr\u00fcckt:<\/p>\n<p>\u201eSchon vor 1905 hat Lenin diese besondere Entwicklung erw\u00e4hnt, dass n\u00e4mlich Russland durch einen Prozess in das kapitalistische Weltsystem eingebettet wurde, den wir heute als \u201esemi-periphere Integration\u201c bezeichnen: in diesem Prozess bleiben einige pr\u00e4kapitalistische Formen innerhalb des Kapitalismus erhalten, um die Unterordnung unter westliche Kapitalismusinteressen zu verst\u00e4rken. Der Kapitalismus integriert pr\u00e4kapitalistische Formen in seine Funktionsweise.<\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Entdeckung dieser Vermischung verschiedener Produktionsformen und divergierender historischer Strukturen hat Lenin in seiner \u00dcberzeugung gest\u00e4rkt, dass Russland eine Region \u201e\u00fcberdeterminierter Widerspr\u00fcche\u201c (Althusser) sei. Solche Widerspr\u00fcche k\u00f6nnen nur auf dem Weg der Revolution gel\u00f6st werden. Es brauchte mehr als zehn Jahre wissenschaftlicher Untersuchung und politischer Praxis, bis Lenin dieses Netz aus Beziehungen verstanden hatte, in dem die lokalen Besonderheiten des russischen Kapitalismus und die Voraussetzungen f\u00fcr den Sturz der zaristischen Monarchie zusammenliefen. Diese Untersuchungen f\u00fchrten ihn einer bedeutenden Entdeckung, die in seiner These von Russland als dem \u201eschw\u00e4chsten Glied in der Kette der imperialistischen L\u00e4nder\u201c zusammengefasst wurde.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/trotzkismus-heute-die-bedeutung-der-ideen-leo-trotzkis-fuer-das-21-jahrhundert\/\">Trotzki<\/a>\u00a0kam auf einem etwas anderen Weg zu derselben Erkenntnis. In seinen gro\u00dfen Studien der Revolutionen von 1905 und 1917 legt er mehr Gewicht auf die Rolle des zaristischen Staates. Die geopolitische Konkurrenz mit den fortgeschritteneren europ\u00e4ischen M\u00e4chten im Westen zwang die Autokratie von Peter dem Gro\u00dfen zu Beginn des 18. Jahrhunderts, fortschrittlichere Technologien (zusammen mit dem Kapital, um diese zu finanzieren und oftmals auch dem Personal, um sie zu betreiben) von diesen Rivalen zu importieren. In diesem Kontext formuliert er seine Theorie der ungleichm\u00e4\u00dfigen und kombinierten Entwicklung:<\/p>\n<p>Ungleichheit, das allgemeinste Gesetz des historischen Prozesses, offenbart sich am sch\u00e4rfsten und komplexesten im Schicksal der r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4nder. Unter der Peitsche der \u00e4u\u00dferen Notwendigkeit wird ihre r\u00fcckst\u00e4ndige Kultur zu Spr\u00fcngen gezwungen. Aus dem allgemeinen Gesetz der Ungleichheit leitet sich daher ein anderes Gesetz ab, das wir mangels eines besseren Namens, das Gesetz der kombinierten Entwicklung nennen k\u00f6nnen \u2013 womit wir eine Zusammenziehung der verschiedenen Etappen der Reise meinen, eine Zusammenlegung der einzelnen Schritte, ein Amalgam aus archaischen und zeitgen\u00f6ssischen Formen.<\/p>\n<p>Dieser Prozess f\u00fchrt zu dem \u201ePrivileg historischer R\u00fcckst\u00e4ndigkeit\u201c, das der r\u00fcckst\u00e4ndigen Kultur \u201eerlaubt oder vielmehr sie zwingt, Errungenschaften fortgeschrittener Kulturen sofort zu \u00fcbernehmen, indem sie eine ganze Reihe von Zwischenstufen \u00fcberspringt\u201c. Dieses \u201ePrivileg\u201c erm\u00f6glichte dem zaristischen Staat, der bem\u00fcht war, seine Position gegen\u00fcber den anderen Gro\u00dfm\u00e4chten beizubehalten, die schnelle Industrialisierung des Landes im sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert, finanziert durch Kredite seines Verb\u00fcndeten Frankreich. 1913 war Russland bereits die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte industrielle Wirtschaftsmacht mit der am st\u00e4rksten konzentrierten Arbeitskraft in Europa. So entstanden Inseln der fortgeschrittenen Industrie, aus denen schliesslich die militante Arbeiterklasse hervorging, die die Revolutionen von 1905 und 1917 antrieb. Die Widerspr\u00fcche der russischen Entwicklung \u2013 was Krausz als \u201eNetz aus Beziehungen, in dem die lokalen Besonderheiten des russischen Kapitalismus und die Voraussetzungen f\u00fcr den Sturz der zaristischen Monarchie zusammenliefen\u201c bezeichnet \u2013 waren bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgepr\u00e4gt genug, um die Explosion von 1905 zu erzeugen. Die Abh\u00e4ngigkeit der lokalen Bourgeoisie von staatlichem und ausl\u00e4ndischem Kapital und die Militanz der neuen Arbeiterklasse, f\u00fchrten zu diesem ersten aufleuchten proletarischer Aktion, wenn auch die brutale Reaktion nicht lange auf sich warten liess und in antij\u00fcdischen Pogromen den kommenden Faschismus vorwegnahm.<\/p>\n<p>Diese widerspr\u00fcchliche Kombination von fortgeschritten und r\u00fcckst\u00e4ndig gab es nicht nur im sp\u00e4tkaiserlichen Russland: auch andere Schwellenl\u00e4nder des ausgehenden 19. Jahrhunderts \u2013 zum Beispiel Italien und \u00d6sterreich-Ungarn \u2013 hatten jeweils ihre eigenen Versionen davon. Der konservative Historiker Norman Stone argumentiert, dass in den Jahren vor 1914 in ganz Europa ein allgemeiner Anstieg des Klassenkampfes zu verzeichnen ist, der die Auswirkungen der Gro\u00dfen Depression von 1873-1895 widerspiegelt, insbesondere bei der Verelendung von Bauern und (in ihrer Erholungsphase) steigenden Preisen:<\/p>\n<p>Als nach 1895 die Preise stiegen oder im Jahrzehnt davor, als sich die Agrarl\u00e4nder immer weniger leisten konnten, gab es starke Anreize, die Industrie auszubauen. In Deutschland und Gro\u00dfbritannien mussten die Kosten gesenkt werden, es wurde in Maschinen investiert. In Italien und Russland l\u00f6ste die Agrarkrise die Industrialisierung aus\u2026 In den 1890er Jahren wurde durch ausl\u00e4ndische Investitionen neue Technologie von den fortgeschrittenen L\u00e4ndern auf diese schw\u00e4cheren L\u00e4nder \u00fcbertragen, die dementsprechend in wenigen Jahren dramatische wirtschaftliche Ver\u00e4nderungen erfuhren. Proletarische (und b\u00e4uerliche) Armeen erschienen in den Fabriken. In den 1880er Jahren hatten sie sich an niedrige Preise und hohe Reall\u00f6hne gew\u00f6hnt. In den sp\u00e4ten 1890er Jahren und wieder nach 1906 stiegen die Preise betr\u00e4chtlich. Das Ergebnis war \u00fcberall eine gewisse Militanz der Arbeiter, die einige Beobachter schlussfolgern liess, dass eine Revolution kurz bevor stand.<\/p>\n<p>Sogar in der st\u00e4rksten imperialistischen Macht, Gro\u00dfbritannien, verursachten diese Gegens\u00e4tze die gro\u00dfe Unruhe der Jahre bis 1914. Russland, dessen sozio-politische Strukturen durch \u00fcbereilte Industrialisierung destabilisiert waren, war noch viel anf\u00e4lliger, wie Lenin 1917 in seinen \u201eBriefen aus der Ferne\u201c schrieb. Insbesondere das Streben der Autokratie nach einer aggressiven und expansionistischen Au\u00dfenpolitik brachte sie auf dem Balkan in Konflikt mit dem \u00f6sterreichisch-ungarischen Kaiserreich und damit mit dessen Verb\u00fcndeten, dem Zweiten Deutschen Reich; Dieser Todeskampf zweier verfallender Kaiserreiche l\u00f6ste den interimperialistischen Konflikt aus, der sich seit Jahren in den Streitigkeiten zwischen Gro\u00dfbritannien und Deutschland aufgeladen hatte und die meisten europ\u00e4ischen M\u00e4chte und ihre Kolonien in den Ersten Weltkrieg trieb. Stone argumentiert, dass \u201enach 1909 fast alle europ\u00e4ischen L\u00e4nder in eine Periode des politischen Chaos gerieten\u201c, nach der der Krieg zumindest den Rechten als eine Befreiung erschien. In der Tat fegte der Gro\u00dfe Krieg viel von den alten Regimes in Europa hinweg. In Ru\u00dfland vergr\u00f6\u00dferte das Inferno des Krieges die industrielle Arbeiterklasse betr\u00e4chtlich und unterwarf sie neuen Entbehrungen, w\u00e4hrend Millionen Bauern von ihren verstreuten H\u00f6fen verschleppt und zu einer riesigen Wehrpflichtarmee zusammengezogen wurden, deren Niederlagen das Urteil der Geschichte \u00fcber die Autokratie f\u00e4llten.<\/p>\n<p>Der neue revolution\u00e4re Prozess, der im Februar 1917 seinen Anfang nahm, gab der Arbeiterklasse, die bereits 1905 eine f\u00fchrende Rolle gespielt hatte, noch mehr Spielraum. Die vorwiegend b\u00e4uerliche Armee, deren Meutereien den Romanows den Todessto\u00df versetzten, bildete die Br\u00fccke zwischen den Fabriken und den D\u00f6rfern. Aber die Avantgarde der Revolution \u2013 die gelernten Metallarbeiter von Petrograd und Moskau \u2013 sah sich mit Problemen konfrontiert und entwickelte Organisationsformen, die denen von Arbeitern in fortgeschrittlicheren kapitalistischen Zentren entsprachen \u2013 in Berlin, Turin, Sheffield und Glasgow. Politisch waren die russischen Arbeiter sogar noch weiter fortgeschritten \u2013 bereits 1905 hatten sie den Sowjet (russisch f\u00fcr \u201aRat\u2018, Ad\u00dc) entwickelt, eine Form proletarischer Selbstorganisation, die die gesamte Klasse bei der Durchf\u00fchrung sowohl wirtschaftlicher als auch politischer K\u00e4mpfe vereinte und damit die Grundlage f\u00fcr eine Alternative zu dem bestehenden kapitalistischen Staat geschaffen hatte. Militante Arbeiter in Mittel- und Westeuropa fanden in den russischen Arbeiterk\u00e4mpfen eine L\u00f6sung f\u00fcr die Probleme, mit denen sie sich konfrontiert sahen. Es ist daher kein Zufall, dass sich viele Metallarbeiter in den kommunistischen Parteien versammelten, um die bolschewistische Revolution nach Westen zu bringen.<\/p>\n<p>Formal ist die Oktoberrevolution keinesfalls ein R\u00fcckfall in traditionell russischen Autoritarismus oder primitiv-popul\u00e4re Instinkte, wie Pipes und Figes argumentieren. Im Gegenteil, im urbanen Schmelztiegel sehen wir, was Trotzki als \u201edie aktive Orientierung der Massen durch eine Methode der sukzessiven Ann\u00e4herung\u201c bezeichnet hat: die moderne Arbeiterklasse<\/p>\n<p>und ihre Verb\u00fcndeten in der Armee erprobten verschiedene politische L\u00f6sungen, bewegten sich schrittweise nach links, w\u00e4hrend die Politik der moderateren Parteien als Bankrott entlarvt wurde. Das Bolschewistische Ideal der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/oktoberrevolution-sozialistische-hoffnung-fuer-die-welt\/\">Sowjetrepublik<\/a>\u00a0(R\u00e4terepublik) war der Endpunkt dieses Radikalisierungsprozesses, weil es den Bed\u00fcrfnissen der Situation entsprach und weil die Partei das genaue Gegenteil der geschlossenen totalit\u00e4ren Sekte war, als die sie in der Mainstream-Wissenschaft dargestellt wird.<\/p>\n<p>In seiner grundlegenden Studie der Oktoberrevolution in Petrograd, in der das M\u00e4rchen von der Revolution als Putsch einer kleinen Gruppe von Bolsheviken ein f\u00fcr allemal widerlegt wird, schreibt Alexander Rabinowitch:<\/p>\n<p>Der ph\u00e4nomenale bolschewistische Erfolg ist in nicht geringem Ma\u00dfe der Natur der Partei im Jahre 1917 zu verdanken. Ich denke dabei weder an Lenins mutige und entschlossene F\u00fchrung, deren historische Bedeutung niemand leugnen kann, noch die sprichw\u00f6rtliche, wenn auch enorm \u00fcbertriebene, organisatorische Einheit und Disziplin der Bolschewiki. Vielmehr w\u00fcrde ich die relativ demokratische, tolerante und dezentrale Struktur und Arbeitsweise der Partei hervorheben, sowie ihren grundlegend offenen und massentauglichen Charakter \u2013 in markantem Gegensatz zu dem, wie der Leninismus gew\u00f6hnlich dargestellt wird.<\/p>\n<p><strong>Das Besondere an 1917<\/strong><\/p>\n<p>Bedeutet das, dass der Oktober 1917 keine spezifischen Merkmale enthielt? Nat\u00fcrlich nicht: die Revolution repr\u00e4sentiert wie jedes historische Ereignis eine eigent\u00fcmliche Verschmelzung des Allgemeinen und des Besonderen. Zwei Unterscheidungsmerkmale lassen sich ausmachen. Das erste ist allen Gesellschaften dieser Epoche gemeinsam \u2013 der Gro\u00dfe Krieg selbst. Die provisorische Regierung, die im Februar 1917 das zaristische Regime abl\u00f6ste, war darauf bedacht, den Ententem\u00e4chten Frankreich und Gro\u00dfbritannien sowie dem neuen, m\u00e4chtigen Verb\u00fcndeten, den USA, ihre Loyalit\u00e4t zu versichern und Russlands weitere Teilnahme am Krieg zu garantieren. Trotzki hat den Krieg als eine der Hauptantriebskr\u00e4fte der Radikalisierung der Massen bezeichnet: Arbeiter und Soldaten zog es zu den Bolschewiki, weil diese als einzige Partei entschlossen waren, den Krieg zu beenden, dass es ihnen ernst damit war, zeigt der Vertrag von Brest-Litowsk. Die Opposition der Bolschewiki gegen den Krieg, zusammen mit ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Beschlagnahmung der Besitzt\u00fcmer des Adels durch die Bauern war f\u00fcr das \u00dcberleben der Oktoberrevolution in einer \u00fcberwiegend l\u00e4ndlichen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung.<\/p>\n<p>Lenins eigene pr\u00e4gnante Analyse des bolschewistischen Erfolgs betont, dass die Machtergreifung mitgetragen wurde von \u201e(1) einer grossen Mehrheit des Proletariats; (2) beinahe der H\u00e4lfte der Streitkr\u00e4fte; und (3) einer \u00fcberw\u00e4ltigenden \u00dcberlegenheit der Kr\u00e4fte im entscheidenden Moment an den entscheidenden Punkten, n\u00e4mlich: in Petrograd und Moskau und an den Kriegsfronten in der N\u00e4he des Zentrums\u201c, und dass das die sozialrevolution\u00e4re Praxis, den Landbesitz des Adels zu enteignen, \u201edie Bauernschaft neutralisierte\u201c.<\/p>\n<p>Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs er\u00f6ffnete eine Epoche der Kriege, Revolutionen und Konterrevolutionen, die bis zum August 1945 anhalte sollte. Der konservative deutsche Historiker Ernst Nolte fasste diese Epoche treffend als \u201eeurop\u00e4ischen B\u00fcrgerkrieg\u201c zusammen. Das industrialisierte Gemetzel in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben hatte geholfen, viele Arbeiter und Intellektuelle von ihren Loyalit\u00e4ten gegen\u00fcber den bestehenden herrschenden Klassen zu befreien. Au\u00dferhalb Russlands war das dramatischste Beispiel die deutsche Revolution von 1918-23. Aber die Erfahrung des Krieges hatte auch eine brutalisierende Wirkung: Viele Veteranen der Schocktruppen wurden von den faschistischen Bewegungen rekrutiert, die nach 1918 als die Speerspitze der Konterrevolution auftauchten. In Russland nahm die konterrevolution\u00e4re Offensive die Form eines blutigen B\u00fcrgerkriegs an, der von 1918 bis 1921 w\u00fctete. Dieser trug nicht nur wesentlich zum Zerfall der russischen Industriewirtschaft und zur Zerschlagung der Arbeiterklasse bei, die die Revolution gemacht hatte, sondern f\u00fchrte auch zu einer Militarisierung der Gesellschaft. Die Partei selbst hat einen Gro\u00dfteil ihrer Arbeiterwurzeln verloren. Sie wurde zu einer Partei der Waffengewalt, forderte von ihren Mitgliedern heldenhafte Selbstaufopferung und f\u00fchrte strenge Hierarchien ein.<\/p>\n<p>Die zweite Besonderheit des Oktober 1917 \u2013 und eine, die Ru\u00dfland von seinen westlichen Gegenst\u00fccken unterscheidet \u2013 war das Fehlen einer starken reformistischen Tradition. Lenin selbst bezieht sich darauf in der ber\u00fchmten Passage des \u201eLinken Radikalismus\u201c: \u201ees war f\u00fcr Russland in der konkreten, historisch au\u00dferordentlich eigenartigen Situation von 1917 leicht, die sozialistische Revolution zu beginnen, w\u00e4hrend es f\u00fcr Russland schwerer als f\u00fcr die europ\u00e4ischen L\u00e4nder sein wird, sie fortzusetzen und zu Ende zu f\u00fchren.\u201c Mit anderen Worten, die St\u00e4rke der Sozialdemokratie h\u00e4ngt vom Entwicklungsstand der jeweiligen Gesellschaft ab: die tief verwurzelte Macht der reformistischen Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und ihrer parlamentarischen Verb\u00fcndeten stellt ein Haupthindernis f\u00fcr jeden revolution\u00e4ren Kampf dar, aber wenn die Revolution in einer fortgeschrittenen Gesellschaft schliesslich die Macht ergreift, kann sie von dem relativ hohen Niveau an Produktivit\u00e4t und Bildung profitieren.<\/p>\n<p>Dieser Punkt ist zweifellos richtig. Antonio Gramsci wies bekannterma\u00dfen auf die viel st\u00e4rker entwickelten Institutionen der Zivilgesellschaft in Westeuropa hin, die als Verschanzungen gegen die Revolution fungierten. Aber er sollte nicht \u00fcberbewertet werden. Selbst zu Lenins Zeiten konnte die Sozialdemokratie mit einem gewissen Ma\u00df an R\u00fcckst\u00e4ndigkeit koexistieren. Gramsci selbst musste sich mit einer spezifischen Form von ungleicher und kombinierter Entwicklung in Italien auseinandersetzen, wo ein relativ entwickelter industrieller Kapitalismus im Norden den F\u00fchrern der Arbeiterbewegung wirtschaftliche Zugest\u00e4ndnisse bot, im Austausch daf\u00fcr, dass sie die s\u00fcdliche Bauernschaft in ihrem Kampf gegen Landbesitzer und Kirche nicht unterst\u00fctzten. Dar\u00fcber hinaus finden sich in allen grossen Revolutionen Beispiele f\u00fcr die schnelle Entstehung reformistischer Kr\u00e4fte nach der Krise des alten Regimes. Lenin selbst weist in \u201eDie Radikale Linke\u201c darauf hin:<\/p>\n<p>\u201eDie Menschewiki und die \u201eSozialrevolution\u00e4re\u201c eigneten sich in wenigen Wochen alle Methoden und Manieren, alle Argumente und Sophismen der europ\u00e4ischen Helden der II. Internationale, der Ministerialisten und des sonstigen opportunistischen Gelichters vortrefflich an. Alles, was wir jetzt \u00fcber die Scheidem\u00e4nner und Noske, \u00fcber Kautsky und Hilferding, \u00fcber Renner und Austerlitz, \u00fcber Otto Bauer und Fritz Adler, \u00fcber Turati und Longuet, \u00fcber die Fabier und die F\u00fchrer der Unabh\u00e4ngigen Arbeiterpartei in England lesen, alles das scheint uns eine langweilige WiederhoIung, ein Nachleiern bekannter und alter Melodien zu sein (und ist es in der Tat). Alles das haben wir schon bei den Menschewiki gesehen. Die Geschichte hat sich einen Scherz erlaubt und die Opportunisten eines r\u00fcckst\u00e4ndigen Landes gen\u00f6tigt, den Opportunisten einer Reihe von fortgeschrittenen L\u00e4ndern zuvorzukommen.\u201c<\/p>\n<p>In sp\u00e4teren Jahrzehnten war vielerorts zu beobachten, wie schnell in weniger entwickelten Gesellschaften eine revolution\u00e4re Massenbewegung zum Reformismus verkommen kann. Als in den 1980er Jahren neue, unabh\u00e4ngige Arbeiterbewegungen in Schwellenl\u00e4ndern entstanden, entschied sich Solidarnosc in Polen f\u00fcr eine \u201eselbstbeschr\u00e4nkte\u201c Revolution; proletarische Aufst\u00e4nde in\u00a0Brasilien endeten mit der Eingliederung der neuen Arbeiterpartei in die Wahlpolitik; in den letzten Tagen der Apartheid entwickelte sich die Afrikanische Kommunistische Partei mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu einer sozialdemokratischen Massenpartei.<\/p>\n<p>In j\u00fcngerer Zeit, w\u00e4hrend der \u00e4gyptischen Revolution von 2011-13, nahm die Muslimbruderschaft die Funktion einer reformistischen Partei an und versuchte sich als Vermittler zwischen dem Staat und den Massen, mit katastrophalen Konsequenzen f\u00fcr die Bruderschaft und die Revolution. Diese Beispiele zeigen eine Tendenz von Arbeiterbewegungen, sich selbst zu begrenzen, aus Mangel an Selbstvertrauen seitens der Arbeiter, die noch tief gepr\u00e4gt sind von der Erfahrung von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung im Kapitalismus und daher schnell bereit, Kompromisse mit der bestehenden Ordnung zu schliessen.<\/p>\n<p>Wie 1917 gezeigt hat, kann dieser Mangel an Selbstvertrauen \u00fcberwunden werden: Zum einen in der revolution\u00e4ren Praxis, in der Erkenntnis, dass die reformistischen Kompromisse unzul\u00e4nglich sind und dass die Arbeiter selbst bessere L\u00f6sungen finden k\u00f6nnen; Zum anderen durch die Pr\u00e4senz einer revolution\u00e4ren Volkspartei, die den Arbeitern ihnen hilft, die notwendigen politischen Lektionen zu lernen.<\/p>\n<p>Auch in Westeuropa sind wir heute weit entfernt von den hochstrukturierten und relativ stabilen reformistischen Arbeiterparteien aus der Zeit Lenins oder nach dem Zweiten Weltkrieg. Es lassen sich zwei scheinbar gegens\u00e4tzliche, tats\u00e4chlich aber eng verwandte Ph\u00e4nomene beobachten.\u00a0 Einerseits l\u00f6sen sich einstmals m\u00e4chtige und erfolgreiche Parteien auf (die Italienische\u00a0 Kommunistische Partei PCI) oder werden marginalisiert (Pasok in Griechenland, die Parti Socialiste in Frankreich oder die Arbeiterpartei in Brasilien). Auf der anderen Seite k\u00f6nnen sehr schnell neue reformistische Formationen entstehen \u2013 Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien sind die klassischen j\u00fcngsten Beispiele, aber es gibt auch das Beispiel von Labour in Grossbritannien, einer der etabliertesten sozialdemokratischen Parteien, die sich mit neuen F\u00fchrungskr\u00e4ften neu erfindet, im Rahmen der Proteste gegen K\u00fcrzungen.<\/p>\n<p>Beide Ph\u00e4nomene sind Folgen des langfristigen Niedergangs der Sozialdemokratie, der durch den Sozialliberalismus in der \u00c4ra von Tony Blair und Gerhard Schr\u00f6der noch versch\u00e4rft wurde, und der Aufl\u00f6sung von b\u00fcrgerlichen politischen Strukturen in zehn Jahren Krise und Sparpolitik. Das bedeutet, dass selbst in den Zentren des fortgeschrittenen Kapitalismus die Revolution\u00e4re nicht l\u00e4nger den stabilen reformistischen Formationen gegen\u00fcberstehen, die f\u00fcr Lenin und Gramsci ein Haupthindernis f\u00fcr die sozialistische Revolution im Westen darstellten. Nat\u00fcrlich sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr die relative Instabilit\u00e4t der gegenw\u00e4rtigen Sozialdemokratie sehr verschieden von den Gr\u00fcnden (Unterdr\u00fcckung demokratischer Strukturen durch die Autokratie) die die Entwicklung eines stabilen Reformismus im vorrevolution\u00e4ren Russland verhinderten. Nichtsdestotrotz, die f\u00fcnfj\u00e4hrige Entwicklung von Syriza \u2013 von der gro\u00dfen Hoffnung der internationalen Linken zum Kollaborateur mit der EU \u2013 zeigt, dass die gegenw\u00e4rtige reformistische Politik eine Fluidit\u00e4t und Instabilit\u00e4t aufweist, in der sich M\u00f6glichkeiten f\u00fcr revolution\u00e4ren Aktivismus auftun, wenn man angemessen handelt.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die beiden wirklichen politischen Neuerungen der Oktoberrevolution zu betrachten. Die erste\u00a0\u2013 die Sowjets und die Logik der Doppelherrschaft, das Nebeneinander und Verflechten zweier antagonistischer politischer Formen, b\u00fcrgerlich und proletarisch, die ihre Entstehung nach dem Februar 1917 hervorgebracht hat \u2013 erwies sich als universalg\u00fcltig. Im Laufe des 20. Jahrhunderts brachte der Arbeitskampf Formen demokratischer Selbstorganisation hervor, die sich von Kampfstrategien zu einer neuen Form politischer Macht entwickelten, die die Souver\u00e4nit\u00e4t des kapitalistischen Staates in Frage stellte. In verschiedenen Formen und unter verschiedenen Namen \u2013 von den Arbeiterr\u00e4ten in Deutschland 1918 \u00fcber die Cordones in Chile 1973 bis zu den Arbeiter-Shoras in Iran 1978-79 \u2013 boten diese organisatorischen Improvisationen Einblicke in die selbstverwaltete Gesellschaft, die aus erfolgreichen Arbeiterrevolutionen hervorgehen w\u00fcrde. Die durch die gegenw\u00e4rtige Krise hervorgerufenen Massenbewegungen \u2013 vor allem die Besetzungen der Pl\u00e4tze im Jahr 2011, von Tahrir bis zur Puerta del Sol, Syntagma und Zuccotti Park \u2013 zeigten ein \u00e4hnliches Streben nach direkteren Formen der Demokratie, als sie uns innerhalb des kapitalistischen Rahmens angeboten werden, obwohl sie nicht von der Dynamik des Massenstreiks angetrieben wurden, der die urspr\u00fcnglichen Sowjets und ihre Pendants anderswo hervorbrachte.<\/p>\n<p>Die zweite gro\u00dfe Neuerung war die bolschewistische Partei selbst. Dies zu sagen widerspricht der ungeheuren Anstrengung, die Lars Lih unternommen hat, um die politische Eigenst\u00e4ndigkeit des Bolschewismus zu diskreditieren. Lih zufolge ist Lenin ein loyaler Anh\u00e4nger Kautskys gewesen, der versucht habe, dessen Konzept einer sozialistischen Bewegung auf die russischen Verh\u00e4ltnisse anzuwenden. Ohne im Detail auf Lihs kontroverse Thesen eingehen, m\u00f6chte ich anmerken, dass er sich auf ein naives vormarxistisches Geschichtsverst\u00e4ndnis st\u00fctzt, in dem das, was geschieht, eine Verwirklichung der Absichten einzelner Personen ist. Nehmen wir kurz an, Lenin h\u00e4tte tats\u00e4chlich seit \u201eWas Tun?\u201c beabsichtigt, im zaristischen Russland eine Version der deutschen Sozialdemokratie zu schaffen. Das Problem ist, dass dieses Projekt einfach nicht realisierbar gewesen w\u00e4re, weil schlicht die Bedingungen fehlten \u2013 insbesondere die Entwicklung eines fortschrittlichen und expandierenden Kapitalismus, der Reformen und ein quasi-parlamentarisches b\u00fcrgerliches Regime anbieten konnte \u2013 was es der SPD erlaubte, als Volkspartei an die Macht gew\u00e4hlt zu werden. Die Notwendigkeit der Revolution, wie Lenin sie sich vorstellte \u2013 zun\u00e4chst eine b\u00fcrgerliche Revolution, um die Autokratie zu vertreiben, dann eine popul\u00e4re, in der die russische Bourgeoisie von unten durch Massenbewegungen von Arbeitern und Bauern vertrieben wurde \u2013 erforderte eine ganz andere Art von Partei: die Art von Partei, deren Erscheinen von Tony Cliff im ersten Band seiner Lenin-Biographie nachgezeichnet wird. Lenin und seine Kameraden machten eine Partei unter Umst\u00e4nden, die sie sich nicht ausgesucht hatten, und schufen, ohne es zu wollen, etwas Neues.<\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit, den Unterschied zu erkl\u00e4ren, besteht darin, eine Formulierung von Kautsky zu leihen. Er sagte bekanntlich:<\/p>\n<p>Die sozialistische Partei ist eine revolution\u00e4re Partei, nicht aber eine Revolution machende Partei. Wir wissen, dass unser Ziel nur durch eine Revolution erreicht werden kann. Wir wissen auch, dass es ebenso wenig in unserer Macht liegt, diese Revolution zu kreieren, wie es in der Macht unserer Gegner liegt, sie zu verhindern. Es geh\u00f6rt nicht zu unserer Arbeit, eine Revolution anzuregen oder den Weg daf\u00fcr zu bereiten. Und da die Revolution nicht willk\u00fcrlich von uns erschaffen werden kann, k\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt nichts dar\u00fcber sagen, wann, unter welchen Bedingungen oder welchen Formen sie kommen wird. Wir wissen, dass der Klassenkampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat nicht enden kann, bis diese in vollem Besitz der politischen M\u00e4chte ist und sie benutzt hat, um die sozialistische Gesellschaft einzuf\u00fchren. Wir wissen, dass dieser Klassenkampf sowohl extensiv als auch intensiv wachsen muss. Wir wissen, dass das Proletariat weiter an Zahl wachsen und an moralischer und wirtschaftlicher St\u00e4rke gewinnen muss und dass daher sein Sieg und der Sturz des Kapitalismus unvermeidlich sind. Aber wir k\u00f6nnen nur die vagen Vermutungen haben, wann und wie die letzten entscheidenden Schl\u00e4ge im sozialen Krieg geschlagen werden.<\/p>\n<p>Eine revolution\u00e4re Partei im Sinne Kautskys ist somit eine Partei, die in den Tiefen der Geschichte treibt, ein organisches Produkt der Entwicklung des Kapitalismus und des Klassenkampfes, der die fortschreitende Verschmelzung der sozialistischen Ideologie und der Arbeiterbewegung darstellt. Wie Alan Shandro es ausdr\u00fcckt, nahm der Marxismus der Zweiten Internationale an, \u201edass das Wachstum der Produktivkr\u00e4fte die Richtung der Geschichte bestimmt, dass sich das Material und die intellektuellen Bedingungen des Sozialismus parallel entwickeln und dass die marxistische Theorie und die Arbeiterbewegung sich harmonisch vereinigen.\u201c Die Praxis des Bolschewismus beinhaltet einen Bruch mit gerade dieser Annahme der \u201eharmonischen Vereinigung\u201c: wie Lenin r\u00fcckblickend im \u201elinken Radikalismus\u201c schildert, h\u00e4ngt der Erfolg der wahren Revolution\u00e4re von genau der Art von unerbittlichem Konflikt verschiedener politischer Tendenzen ab, die Kautsky in der SPD vermeiden wollte \u2013 einschlie\u00dflich, wie Trotzki in den Lektionen des Oktober betont, der heftigen Debatten, die unter bolschewistischen Aktivisten und innerhalb der Parteif\u00fchrung w\u00e4hrend und nach der Revolution stattfanden.<\/p>\n<p>Aber dar\u00fcber hinaus waren die Bolschewiki eine Revolution machende Partei in dem Sinne, da\u00df sie aktiv in den Klassenkampf eingreifen, um den revolution\u00e4ren Proze\u00df mitzugestalten und zu lenken. Das wird am deutlichsten, wenn sie Aufst\u00e4nde organisieren \u2013 zuerst der Aufstand von Moskau im Dezember 1905 und dann nat\u00fcrlich die Machtergreifung im Oktober 1917. Lenins Schriften vom Herbst 1917 zeigen keine Sicherheit, dass \u201eder Sturz des Kapitalismus unvermeidlich ist\u201c. Im Gegenteil, er warnt eindringlich, dass, wenn die Bolschewiki den Moment nicht ergreifen, sie und die Arbeiterklasse von der konterrevolution\u00e4ren Katastrophe \u00fcberw\u00e4ltigt werden. Noch wichtiger war aber in vielerlei Hinsicht der Zeitraum zwischen April und Oktober, als die Bolschewiki systematisch die Mehrheit der Arbeiterklasse f\u00fcr ihre Sache gewinnen konnten. Lenin erkl\u00e4rte in seinen Aprilthesen, worauf es ankam:<\/p>\n<p>Die Massen m\u00fcssen begreifen, dass die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig m\u00f6gliche Form der revolution\u00e4ren Regierung sind und dass daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen l\u00e4\u00dft, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bed\u00fcrfnissen der Massen angepasster Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Fehler ihrer Taktik bestehen kann.<\/p>\n<p>Um die Mehrheit in den revolution\u00e4ren R\u00e4ten zu gewinnen, gebrauchten die Bolsheviki auch das, was sp\u00e4ter als \u201aEinheitsfront\u2018 bezeichnet wurde. Zum Beispiel schlossen sich die Bolschewiki im August 1917 mit den Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4ren zusammen, um den versuchten Milit\u00e4rputsch General Kornilows zu stoppen. Das demokratische und offene Leben der bolschewistischen Partei erm\u00f6glichte es, die zunehmende Radikalisierung der Arbeiter und Soldaten widerzuspiegeln und sie in Richtung der Machtergreifung zu lenken. Genauso wichtig waren die Debatten innerhalb der Partei. Die zentrale Frage, die im Herbst 1917 auf dem Spiel stand, war, ob man sich organisieren sollte, um die Macht an sich zu rei\u00dfen. Lenins und Trotzkis Argumente f\u00fcr den Aufstand (\u00fcber die genaue Taktik hatten sie verschiedene Ideen, Trotzkis Urteil erwies sich allgemein als besser) wurden \u00f6ffentlich von einer Gruppe unter F\u00fchrung von Sinowjew und Lew Kamenew abgelehnt. Schlie\u00dflich wurde ihre Opposition von einem Ultimatum der Mehrheit des Zentralkomitees \u00fcberwunden, das sie mit Disziplinarma\u00dfnahmen bedrohte. Eine Revolution machende Partei kann nur funktionieren, wenn Konflikte in den Debatten zumindest vorl\u00e4ufig gel\u00f6st werden und die Minderheit die Mehrheitsentscheidungen respektiert.<\/p>\n<p>Die intellektuelle Grundlage f\u00fcr die von den Bolschewiki verfolgte Strategie war die Theorie des Imperialismus, die Lenin w\u00e4hrend der Kriegsjahre entwickelt hatte. So schrieb er im April 1917: \u201eWir wollen Schluss machen mit dem imperialistischen Weltkrieg, in den Hunderte Millionen von Menschen hineingezogen, mit dem die Interessen von Hunderten und aber Hunderten Milliarden Kapital verstrickt sind, der ohne die gewaltigste Umw\u00e4lzung in der Geschichte der Menschheit, ohne die proletarische Revolution nicht durch einen wirklich demokratischen Frieden beendet werden kann..\u201c<\/p>\n<p>Wie Tamas Krausz bemerkt, verlagert diese Analyse den Konflikt von den Widerspr\u00fcchen innerhalb der russischen Gesellschaft, auf die Formen, die der Kapitalismus auf globaler Ebene angenommen hatte \u2013 monopolistische Bl\u00f6cke, die in ihrer Konkurrenz zueinander interimperialistische Rivalit\u00e4ten erzeugten, die jederzeit zu Weltkriegen eskalieren konnten, und zu denen die sozialistische Revolution der einzige Gegenpol war. Dies rechtfertigte den Drang nach sowjetischer Macht in Russland als den Beginn eines globalen revolution\u00e4ren Prozesses, in dem eine neue kommunistische Internationale versuchen w\u00fcrde, die Aufst\u00e4nde der Arbeiter und nationalistische Aufst\u00e4nde in den Kolonien zu verbinden. Diesen Prozess zu verfolgen, erforderte die Verallgemeinerung des bolschewistischen Modells einer Revolution machenden Partei.<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass diese Innovation viel schwerer zu exportieren war als die Organisationsform der Sowjetr\u00e4te, die die Arbeiter immer wieder spontan neu entdeckt hatten, indem sie einfach der Logig ihres Arbeitskampfes folgten. Die fr\u00fche Komintern stellte einen heldenhaften Versuch dar, unter enormem Zeitdruck genau das zu tun. Aber wie Tony Cliff in seiner Biographie von Lenin zeigt, war es \u00e4u\u00dferst schwierig, das, was an der bolschewistischen Strategie und Organisation wirklich neu war, auf die nationalen Besonderheiten verschiedener sozialistischer Traditionen zu \u00fcbertragen. Es gab keinen leichten Ersatz f\u00fcr den langen und harten Prozess, durch den sich die Bolschewiki durch Arbeitskampf und Reaktion, Repression und Exil, geformt und jene Traditionen gemeinsamen Handelns, solider Debattenkultur und gegenseitigen Vertrauens geschaffen hatten, die sich 1917 bew\u00e4hrten. Die Macht und das Prestige der Bolschewiki nach der Revolution erwiesen sich als entscheidendes Hindernis f\u00fcr eine wirkliche Internationalisierung, da sie eine Tendenz der nationalen F\u00fchrungen f\u00f6rderten, sich eher nach Moskau zu richten als kreativ die f\u00fcr ihre Situation geeignete Strategie und Taktik zu bestimmen. Ratschl\u00e4ge der Bolsheviki wurden wie Befehle gesehen. Diese Tendenz wurde durch die \u201eBolschewisierung\u201c der Komintern unter Sinowjew in der Mitte der 1920er Jahre institutionalisiert und dann in die systematische Unterordnung der nationalen kommunistischen Parteien unter die au\u00dfenpolitischen Bed\u00fcrfnisse des Sowjetstaates unter Stalin umgewandelt.<\/p>\n<p>Da die Revolution sich nicht wie erwartet nach Westen ausbreiten konnte, wirkte der Proze\u00df der ungleichm\u00e4\u00dfigen und kombinierten Entwicklung, der die Bedingungen f\u00fcr die Revolution in den Jahren 1905 und 1917 geschaffen hatte, jetzt in die umgekehrte Richtung und beg\u00fcnstigte die Konterrevolution. Die Logik der zwischenstaatlichen Konkurrenz im Zentrum von Trotzkis Analyse der Besonderheiten der russischen Entwicklung erforderte weiterhin eine rasche Industrialisierung. Um diesen Imperativ wieder in Kraft zu setzen, mussten die Errungenschaften der Oktoberrevolution zerst\u00f6rt werden. Dies nahm eine sehr spezifische Form an, die die Linke f\u00fcr zwei Generationen desorientierte \u2013 nicht der sichtbare Sturz des Sowjetstaates, sondern die Transformation des bolschewistischen Regimes, das in den fr\u00fchen 1920er Jahren eine Parteidiktatur war, deren F\u00fchrer gefangen waren zwischen ihrem subjektiven Engagement f\u00fcr die Arbeiterklasse und ihrer objektiven Lage als die Manager eines Staates, der mit imperialistischen Gro\u00dfm\u00e4chten konkurrieren musste. Wie Marx vorausgesagt h\u00e4tte, triumphierte das soziale Sein \u00fcber das Bewu\u00dftsein: Die erzwungene Industrialisierung Ru\u00dflands in den sp\u00e4ten zwanziger und fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahren unterwarf die Arbeiter und Bauern den Priorit\u00e4ten der Kapitalakkumulation und verwandelte die UdSSR in eine eigene imperialistische Macht, gefangen im globalen Prozess der wirtschaftlichen und geopolitischen Konkurrenz \u2013 unter dem Banner der \u201eKonstruktion des Sozialismus\u201c.<\/p>\n<p>In seiner pr\u00e4zisen und gut recherchierten \u201aj\u00fcngeren Geschichte der russischen Revolutionszeit\u2018 schl\u00e4gt Steve Smith vor, dass dieses Ergebnis darauf hindeutet, dass das bolschewistische Projekt fehlgeleitet war. Er zitiert zustimmend die Warnungen des franz\u00f6sischen Sozialistenf\u00fchrers Jean Jaur\u00e8s und Kautsky gegen die Erwartung, dass die sozialistische Revolution aus dem Krieg hervorgehen k\u00f6nnte, und f\u00fcgt hinzu:<\/p>\n<p>Die Bolschewiki bezweifelten nie, dass das dekadente kapitalistische System eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter zusammenbrechen w\u00fcrde \u2026 Einhundert Jahre sp\u00e4ter \u2026 ist klar, dass die russische Revolution nicht durch die finale Krise des Kapitalismus entstanden ist \u2026 Im 20. Jahrhundert zeigte der Kapitalismus eine enorme Dynamik und Innovation \u2026 auch wenn sie in wenigen H\u00e4nden immensen Reichtum konzentrierte und neue Formen der Entfremdung schuf.<\/p>\n<p>Dieses Argument scheint sich auf eine andere Idee von Kautsky zu st\u00fctzen, n\u00e4mlich dass der Erste Weltkrieg selbst kein unabwendbares Resultat der Entwicklung des Kapitalismus war, der sich auch friedlich zu einem global integrierten \u201eUltra-Imperialismus\u201c h\u00e4tte entwickeln k\u00f6nnen. Ignoriert wird die Tatsache, dass der Kapitalismus in den Jahren nach der Oktoberrevolution die bis heute schlimmste Krise seiner Geschichte durchlief \u2013 die Gro\u00dfe Depression von 1929-39. Im Jahr 1934 schrieb der liberale \u00d6konom Lionel Robbins, dass 1914 und 1929 eng miteinander verbunden seien: \u201eWir leben nicht im 4. sondern im 19. Jahr der Weltkrise\u201c. Auf diese Krise folgte ein weiterer, noch destruktiverer imperialistischer Weltkrieg, in dem der Holocaust die menschliche Natur an ihrem Tiefpunkt zeigte. W\u00e4re Lenins Plan, durch die sozialistische Revolution den globalen imperialistischen Kolo\u00df zu st\u00fcrzen, aufgegangen, w\u00e4re diese Orgie der Barbarei verhindert worden. Er zitierte gern das deutsche Sprichwort: \u201eBesser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende\u201c.<\/p>\n<p>Steve Smith selbst ist bereit, solche alternativen Geschichtsmodelle ernst zu nehmen. Die folgende Kritik an Lenin hat eine interessante Wendung:<\/p>\n<p>Entscheidend war, dass er eine Machtstruktur hinterliess, die einen einzelnen F\u00fchrer bevorzugte, und in der die Ideen und F\u00e4higkeiten des F\u00fchrers weitaus wichtiger waren als in einer Demokratie. Was daraus folgt \u2013 obwohl es oft von jenen \u00fcbersehen wird, f\u00fcr die der Stalinismus nahtlos aus dem Leninismus hervorgeht \u2013 ist: mit Bucharin oder Trotzki als Generalsekret\u00e4r h\u00e4tte es die Schrecken des Stalinismus nicht gegeben, obwohl auch sie durch wirtschaftliche R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und internationale Isolation eingeschr\u00e4nkt gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Und was w\u00e4re gewesen, wenn die Revolution aus den Grenzen des Russischen Reiches ausgebrochen w\u00e4re? Vor allem, wie, wenn die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/gesellschaft\/die-revolution-ist-tot-es-lebe-die-revolution\/\">deutsche Revolution<\/a>\u00a0sich nicht mit dem Sturz des Kaisers und der Einf\u00fchrung einer demokratischen Republik begn\u00fcgt h\u00e4tte? 1918-23 wurde auch in Deutschland f\u00fcr einen Oktober gek\u00e4mpft, erfolglos, wie wir wissen. Aber wenn wir uns weigern, eine deterministische Sicht der Geschichte zu akzeptieren und bereit sind, alternative Szenarien f\u00fcr das bolschewistische Regime ins Auge zu fassen, dann gibt es logischerweise keinen Grund, die M\u00f6glichkeit eines revolution\u00e4ren Durchbruchs au\u00dferhalb Russlands auszuschlie\u00dfen. Und w\u00e4re das geschehen, dann w\u00e4re die Geschichte des 20. Jahrhunderts ganz anders verlaufen. Das Fehlen von Konsumkapitalismus w\u00e4re ein geringer Preis, um Auschwitz und Hiroshima zu vermeiden und eine warhaft kommunistische Gesellschaft aufzubauen.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Aber leider ist die Revolution gescheitert. Das bringt uns zur\u00fcck zum Anfang, zu Bensa\u00efds \u201eEnde eines gro\u00dfen Zyklus\u201c. Die Sowjetunion ist schlie\u00dflich der Logik der wirtschaftlichen und geopolitischen Konkurrenz zum Opfer gefallen, gegen die sie sich \u00fcberhaupt erst geformt hatte. Ein Grossteil der Linken \u2013 sogar viele Stalinkritiker \u2013 hatte sich bis zuletzt den Glauben an die UdSSR als eine \u2013 wenn auch deformierte und verzerrte \u2013 Alternative zum Kapitalismus bewahrt, so dass die Revolutionen von 1989\/91 der globalen neoliberalen Offensive weiteren Aufwind verschafften. Doch inzwischen befindet sich der neoliberale Kapitalismus selbst in einer tiefen Krise \u2013 nicht nur wegen des Crashs von 2007-8 und seiner Folgen, sondern auch wegen der Revolten gegen herrschende Klassenparteien. Vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich leicht best\u00e4tigen, dass die Oktoberrevolution auch noch in unserer Zeit von Bedeutung ist.<\/p>\n<p>Und das nicht nur, weil sie bis heute der gr\u00f6sste Schlag ist, den das kapitalistische System jemals hinnehmen musste. Nein, die gesamte Erfahrung des Bolschewismus muss ein grundlegender Bezugspunkt f\u00fcr diejenigen bleiben, die danach streben, die revolution\u00e4re marxistische Tradition fortzusetzen. Dies impliziert nicht die Art mechanischer Nachahmung, die Lenin selbst vor allem auf dem Vierten Kongress der Kommunistischen Internationale 1922 verurteilte. Trotzki, der Verfechter der \u201eLektionen des Oktober\u201c, bestand stets darauf, dass die Fortsetzung einer Tradition einen Prozess der Auswahl von dem, was aus der Vergangenheit noch brauchbar ist, voraussetzt. Die gro\u00dfen revolution\u00e4ren Erfahrungen am Ende des Ersten Weltkrieges \u2013 nicht nur Russland 1917, sondern auch Deutschland 1918-23 und Italien 1918-20 \u2013 erfordern eine gr\u00fcndliche kritische Untersuchung, nicht als antiquarische \u00dcbung, sondern um die wahren Ursachen der Triumphe und Misserfolge jener Jahre zu ermitteln und damit zu besseren Revolution\u00e4ren in der Gegenwart zu werden.<\/p>\n<p>Im Fall Russlands erm\u00f6glichte das Wirken der ungleichen und kombinierten Entwicklung im Kontext des imperialistischen Weltkriegs eine Verschmelzung des Allgemeinen und des Besonderen, vor allem die allgemeine Tendenz der Massenarbeitsk\u00e4mpfe, alternative Machtstrukturen zu erschaffen und die besondere Existenz einer revolution\u00e4ren Partei, die in der Lage war, diese Situation auszunutzen. Kann solch eine einzigartige Konvergenz wiederholt werden? Es ist die \u00dcberzeugung der revolution\u00e4ren marxistischen Politik, dass das m\u00f6glich ist. Das Zusammentreffen von popul\u00e4rer Selbstorganisation und einer revolution\u00e4ren Volkspartei wird sicherlich unter ganz anderen Bedingungen und Formen stattfinden als in Ru\u00dfland im Jahre 1917. Aber wie gross die Siege dieser kommenden Revolutionen auch sein m\u00f6gen, sie werden nicht das Licht \u00fcberstrahlen, das vom 25. Oktober 1917 ausgeht, dem Tag, als die russische Arbeiterklasse zeigte, dass \u2013 und wie \u2013 das Kapital gebrochen werden kann.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag erschien zuerst im Quartalsmagazin International Socialism Ausgabe 156. \u00dcbersetzt von San Holo.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-vergessene-revolution-was-oktober-1917-fuer-uns-bedeutet\/\">Die Freiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 23. November 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex Callinicos. Viele der gro\u00dfen\u00a0Revolutionen\u00a0der Neuzeit werden bis heute gefeiert. 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