{"id":276,"date":"2014-09-02T10:34:54","date_gmt":"2014-09-02T08:34:54","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=276"},"modified":"2014-09-02T10:34:54","modified_gmt":"2014-09-02T08:34:54","slug":"larissa-reissner-ueber-die-schlacht-von-swijaschsk-und-trotzkis-rote-armee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=276","title":{"rendered":"Larissa Reissner \u00fcber die Schlacht von Swijaschsk und Trotzkis Rote Armee"},"content":{"rendered":"<p><b>Nachfolgend bringen wir einen Augenzeugenbericht \u00fcber die Schlacht von Swijaschsk und Kasan, die 1918 im ersten Jahr des B\u00fcrgerkriegs gegen die siegreiche Oktoberrevolution einen Wendepunkt darstellte. Dieser Bericht wurde um 1922 von der politischen Journalistin und Bolschewistin Larissa Reissner<!--more--> verfasst, die als Soldatin der Roten Armee an der Schlacht teilgenommen hatte. Eine deutsche \u00dcbersetzung von \u00abSwijaschsk\u00bb erschien bereits 1924 als Teil der Brosch\u00fcre <i>Die Front 1918\u20131919<\/i> im Verlag f\u00fcr Literatur und Politik, Wien. Wir drucken diese Version leicht angepasst an die neue Rechtschreibung ab und folgen dabei weitgehend der deutschen \u00dcbersetzung und dem Kommentar bei der ICL auf <a href=\"http:\/\/www.icl-fi.org\/deutsch\/dsp\/29\/reissner.html\">Larissa Reissner \u00fcber Trotzkis Rote Armee<\/a><\/b><b>. \u00a0Die Zwischen\u00fcberschriften entstammen der englischen \u00dcbersetzung der damals trotzkistischen Socialist Workers Party, die in ihrem theoretischen Organ <i>Fourth International<\/i> (Juni 1943) ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/b><\/p>\n<p>Inmitten der Verw\u00fcstungen des Ersten Weltkriegs sah sich der junge Arbeiterstaat 1918 einem konterrevolution\u00e4ren Angriff von 14 imperialistischen und alliierten Armeen (die im Grossen und Ganzen mit der heutigen sogenannten westlichen Staatengemeinschaft identisch sind) sowie diversen wei\u00dfgardistischen Truppen gegen\u00fcber, die mit den vertriebenen Grundbesitzern und Kapitalisten gemeinsame Sache machten. Im Sp\u00e4tsommer wurde die Rote Armee unter Leo Trotzkis F\u00fchrung beim Vorr\u00fccken auf Kasan, 800 Kilometer \u00f6stlich von Moskau, an der Wolga in eine Schlacht verwickelt. Trotzkis ber\u00fchmter Panzerzug, der als Kommandozentrale in Swijaschsk stationiert war, kam bei diesem Feldzug erstmals zum Einsatz. Zahlenm\u00e4\u00dfig weit unterlegen schlugen die Soldaten der Roten Armee die dort stationierten tschechoslowakischen Konterrevolution\u00e4re durch reine revolution\u00e4re Begeisterung, Heroismus und Selbstaufopferung zur\u00fcck. Dieser Sieg erm\u00f6glichte die rasche Konzentration von Einheiten der Roten Armee, der Flotte und der Luftwaffe f\u00fcr die Einnahme Kasans, wo auch ein Arbeiteraufstand dazu beitrug, die Wei\u00dfen zu verjagen. 1922 schrieb Trotzki \u00fcber die K\u00e4mpfe:<\/p>\n<p>\u00abAus einer schwankenden, unsteten, sich in Aufl\u00f6sung befindenden Masse wurde eine echte Armee geschaffen. Am 10. September 1918 nahmen wir Kasan ein und am folgenden Tag eroberten wir Simbirsk [der Geburtsort Lenins; <i>maulwuerfe.ch<\/i>] zur\u00fcck. Dies war ein bedeutender Tag in der Geschichte der Roten Armee. Sofort sp\u00fcrten wir festen Boden unter unseren F\u00fc\u00dfen. Das waren nicht mehr unsere ersten hilflosen Versuche; von nun an konnten wir Siege erk\u00e4mpfen.\u00bb<\/p>\n<p>Aus: \u00abThe Path of the Red Army\u00bb[Der Weg der Roten Armee] (Mai 1922), <i>The Military Writings and Speeches of Leon Trotsky: How the Revolution Armed<\/i>, Bd. 1, New Park Publications, London 1979<\/p>\n<p>Reissners anschauliche Schilderung erweckt diese Ereignisse wieder zum Leben.<\/p>\n<p><b>Heroische Kommunistin<\/b><\/p>\n<p>Larissa Reissner wurde 1895 als Kind einer Familie polnisch-russisch-deutscher Abstammung im polnischen Lublin geboren, das damals unter zaristischer Herrschaft stand. Ihre ersten Jahre verbrachte sie in der sibirischen Hauptstadt Tomsk, wo ihr Vater Michail eine Rechtsprofessur erhalten hatte. 1903 floh ihre Familie vor der zaristischen Unterdr\u00fcckung nach Berlin, wo Larissa vier Jahre lebte. Im Exil lebende russische Revolution\u00e4re und f\u00fchrende Mitglieder der SPD wie Karl Liebknecht gingen in ihrem Hause ein und aus. Larissas Vater war einige Jahre lang Mitglied der Bolschewiki. Nach ihrer R\u00fcckkehr nach Russland f\u00fchrte Larissa in St. Petersburg ein privilegiertes, aktives intellektuelles Leben, sie verkehrte in sozialistischen Kreisen und schrieb Artikel und literarische Essays.<\/p>\n<p>Einige Monate nach der bolschewistischen Machteroberung trat Reissner den Bolschewiki bei und wurde zur ersten weiblichen Politkommissarin der Roten Armee. F\u00fcnf Jahre lang war sie mit dem Bolschewiken Fjodor Raskolnikow verheiratet, der im Juli 1917 den Matrosenaufstand von Kronstadt mit anleitete. W\u00e4hrend der Belagerung von Kasan wurde Raskolnikow zum Kommandanten der Wolgaflotte ernannt. Reissner f\u00fchrte die Geheimdienstabteilung der Wolgaflotte und spezialisierte sich auf Spionagearbeit hinter den feindlichen Linien.<\/p>\n<p>Wo auch immer Reissner hinkam, schrieb sie voller Leidenschaft \u00fcber ihre Erfahrungen in der Revolution. In einem Nachruf nach ihrem Tod durch Typhus 1926 schrieb Karl Radek, der Lebensgef\u00e4hrte ihrer letzten Jahre: \u00abDenn sie war nicht K\u00fcnstler-Zuschauer, sondern K\u00e4mpfer und K\u00fcnstler, der von innen den Kampf sah und seine Dynamik in menschlichen Schicksalen darstellen konnte\u00bb (Larissa Reissner, <i>Oktober <\/i>\u2013 <i>Ausgew\u00e4hlte Schriften<\/i>, herausgegeben und eingeleitet von Karl Radek, Neuer Deutscher Verlag, Berlin 1927).<\/p>\n<p>Anfang und Mitte der 1920er-Jahre erschienen zahlreiche Sammlungen von Reissners Essays und Artikeln auf Russisch. Einige wurden auch auf Deutsch ver\u00f6ffentlicht, doch es gibt sehr wenig auf Englisch oder in anderen Sprachen. Zu ihren B\u00fcchern geh\u00f6ren <i>Die Front<\/i>, eine Sammlung ihrer B\u00fcrgerkriegsskizzen, aus der wir \u00abSwijaschsk\u00bb entnommen haben; <i>Afghanistan<\/i>, gest\u00fctzt auf ihre Erlebnisse als Mitglied der sowjetischen diplomatischen Delegation am Hof des Emirs; sowie <i>Kohle, Eisen und lebendige Menschen<\/i>, Reportagen von ihren Reisen durch die Industriegebiete des jungen russischen Arbeiterstaates. Das Buch <i>Hamburg auf den Barrikaden<\/i>, Skizzen aus den Tagen der gescheiterten Revolution von 1923 in Deutschland (wo Reissner Kominternbeauftragte war), ist auf Englisch und Deutsch erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Reissner erz\u00e4hlt \u00fcber die vielen Heldentaten w\u00e4hrend der Schlacht von Swijaschsk. Auch sie selbst spielte eine bedeutende Rolle bei dem hart erk\u00e4mpften Sieg. In seiner Autobiographie <i>Mein Leben<\/i> (1929) schrieb Trotzki \u00fcber sie:<\/p>\n<p>\u00abLarissa Rei\u00dfner, die Iwan Nikititsch [Smirnow] ,das Gewissen von Swjaschsk\u2018 nannte, nahm selbst einen bedeutenden Platz in der 5. Armee ein, wie in der Revolution \u00fcberhaupt. Diese herrliche junge Frau, die so viele bezauberte, ist wie ein feuriger Meteor am Himmel der Revolution vor\u00fcbergezogen. Mit dem \u00c4u\u00dferen einer olympischen G\u00f6ttin verband sie einen feinen ironischen Verstand und die Tapferkeit eines Kriegers. Nach der Einnahme Kasans durch die Wei\u00dfen begab sie sich, wie eine B\u00e4uerin gekleidet, in das feindliche Lager als Auskundschafterin. Aber ihr \u00c4u\u00dferes war zu ungew\u00f6hnlich. Sie wurde verhaftet. Ein japanischer Kundschafteroffizier verh\u00f6rte sie. W\u00e4hrend einer Pause schlich sie sich aus der T\u00fcr, die schlecht bewacht war, und entkam. Seit der Zeit arbeitete sie in der Kundschafterabteilung. Sp\u00e4ter schwamm sie auf Kriegsschiffen und nahm an K\u00e4mpfen teil. Sie hat dem B\u00fcrgerkrieg Erz\u00e4hlungen gewidmet, die in der Literatur weiterleben werden. Mit gleicher Anschaulichkeit schilderte sie die Industrie des Urals wie den Aufstand der Ruhrarbeiter. Sie wollte alles wissen und kennenlernen, an allem teilnehmen. In wenigen Jahren wuchs sie zu einer erstklassigen Schriftstellerin empor. Unversehrt durch Feuer und Wasser hindurchgegangen, verbrannte diese Pallas der Revolution pl\u00f6tzlich an Typhus in der ruhigen Umgebung Moskaus, bevor sie ihr drei\u00dfigstes Lebensjahr erreicht hatte.\u00bb<\/p>\n<p><b>Die Vision von Frauenbefreiung<\/b><\/p>\n<p>Der junge Arbeiterstaat mobilisierte die Arbeiter- und Bauernmassen in einem politischen und milit\u00e4rischen Krieg zur Niederschlagung der imperialistischen Invasion und zur Verteidigung der proletarischen Revolution. Zehntausende Frauen, zum Teil angefeuert durch das bolschewistische Versprechen der Frauenbefreiung, gingen zum Milit\u00e4r und wurden Soldatin, Krankenschwester, Befehlshaberin und politische Leiterin. Sie waren solch begabte Kundschafterinnen, dass Lenin die Errichtung einer speziellen Schule anordnete, wo zahllose junge Frauen zur Spionage, Aufkl\u00e4rung und Sabotage hinter den Linien der Wei\u00dfen ausgebildet wurden. Eine von ihnen war Warsenika Kasparowa, Leiterin der Agitationsabteilung des B\u00fcros der Milit\u00e4rkommissare im B\u00fcrgerkrieg, die wie viele andere zur Anh\u00e4ngerin von Trotzkis Linker Opposition wurde.<\/p>\n<p>Grundlegend f\u00fcr die Zukunftsvision der Bolschewiki war die Einsicht, dass die Befreiung der Frauen mit dem Kampf f\u00fcr die Emanzipation des Proletariats als Ganzes untrennbar verbunden ist. Doch angesichts der schrecklichen Bedingungen im B\u00fcrgerkrieg und der kolossalen Armut und sozialen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des \u00fcberwiegend b\u00e4uerlichen Landes wurde die Entschlossenheit der Bolschewiki, die Frauen ins wirtschaftliche, soziale und politische Leben voll einzubeziehen, zu einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Herausforderung. Lenin und die bolschewistische Partei wussten, dass die vollst\u00e4ndige Befreiung der Frauen von der internationalen Ausweitung der sozialistischen Revolution abhing, der sich die 1919 gegr\u00fcndete Kommunistische Internationale verschrieben hatte.<\/p>\n<p>Nach dem Scheitern der Oktoberrevolution in Deutschland und weiteren Niederlagen auf der internationalen B\u00fchne der Revolution wurden in der F\u00fchrung der Dritten Internationale und insbesondere in der bolschewistischen Partei, die mittlerweile stark b\u00fcrokratisiert war, die Tendenzen st\u00e4rker, die \u00a0kein Interesse mehr an der weltweiten Entwicklung der Revolution hatten und denen auch die entsprechende Erfahrung fehlte. Dies wurde nur umso st\u00e4rker, als dass Lenin ab 1923 durch seine schwere Krankheit bis zu seinem Tod 1924 vollst\u00e4ndig aus dem politischen Leben ausgeschieden war.\u00a0 Dies beg\u00fcnstigte den aufziehenden Thermidor unter Stalins F\u00fchrung, der sich bis 1928 weitgehend durchgesetzt hatte. Viele der von Reissner beschriebenen Helden fielen Ende der 1930er-Jahre Stalins S\u00e4uberungen zum Opfer. Unter ihnen war Iwan Nikititsch Smirnow, der wie viele Opfer Stalins der Linken Opposition angeh\u00f6rt hatte. Eine ganze Generation revolution\u00e4rer Kommunisten und Kommunistinnen wurde zerschlagen, viele von ihnen hingerichtet. Reissners Schriften verschwanden in der Versenkung. Selbst als ihre Arbeiten 1958 unter Chruschtschow eine Neuauflage erfuhren, wurde \u00abSwijaschsk\u00bb mit seiner Darstellung von Trotzki als F\u00fchrer der Roten Armee in diesem Band weggelassen.<\/p>\n<p>So wie die stalinistische B\u00fcrokratie Lenins Partei ausradierte, so machte sie auch viele Errungenschaften der sowjetischen Frauen r\u00fcckg\u00e4ngig. Doch der stalinistische Thermidor konnte die Errungenschaften, die die Frauen durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel erlangt hatten, nicht vollst\u00e4ndig ausl\u00f6schen. Die Restaurierung des Kapitalismus unter Boris Jelzin stie\u00df die Werkt\u00e4tigen dann aus der Armut und der Rechtlosigkeit ins Elend und in die Willk\u00fcrherrschaft unter einer besonders h\u00e4sslichen Variante des modernen Kapitalismus.<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"2\" width=\"100%\" \/>\n<\/div>\n<p align=\"center\"><b>Swijaschsk<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>von Larissa Reissner<\/b><\/p>\n<p>Wenn zwei Genossen, die 1918 zusammen gearbeitet, dann mit den Tschechoslowaken bei Kasan, dann auf dem Ural oder bei Ssamara und Zarizyn gek\u00e4mpft haben, sich nach langen Jahren wiedersehen, dann wird der eine es nach einigen Fragen gewiss nicht unterlassen, zu sagen:<\/p>\n<p>\u00abErinnern Sie sich noch an Swijaschsk?\u00bb Und beide werden sich nochmals fest die H\u00e4nde dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Was ist Swijaschsk?<\/p>\n<p>Heute ist es eine Legende, eine jener revolution\u00e4ren Legenden, die noch niemand niedergeschrieben hat, die aber schon an allen Ecken und Enden des gro\u00dfen Russlands erz\u00e4hlt wird. Keiner der demobilisierten alten Rotarmisten, der Gr\u00fcnder der Arbeiter- und Bauernarmee, wird, wenn er nach Hause kommt und an die drei Jahre B\u00fcrgerkrieg zur\u00fcckdenkt, diese m\u00e4rchenhafte Epop\u00f6e bei Swijaschsk vergessen, von dem aus, nach allen vier Seiten, die Wellen der revolution\u00e4ren Angriffe sich in Bewegung setzten. Im Osten \u2013 nach dem Ural, im S\u00fcden \u2013 nach dem Kaspischen Meer, Kaukasus und den persischen Grenzen, im Norden \u2013 nach Archangelsk und Polen. Das alles kam nat\u00fcrlich nicht auf einmal, nicht gleichzeitig, aber erst nach Swijaschsk und Kasan kristallisierte sich die Rote Armee zu jenen Kampfeinheiten und politischen Gebilden, die, sich \u00e4ndernd und vervollkommnend, f\u00fcr die RSFSR klassisch geworden sind.<\/p>\n<p>Am 6. August fl\u00fcchteten aus Kasan zahlreiche, notd\u00fcrftig formierte Regimenter; ihr bester klassenbewusster Teil setzte sich in Swijaschsk fest und beschloss, stehenzubleiben und zu k\u00e4mpfen. Und w\u00e4hrend die von Kasan rollenden Deserteurmengen beinahe Nischnij-Nowgorod erreichten, hielt schon die in Swijaschsk gebildete Stauwehr die Tschechoslowaken an, und der General, der die Eisenbahnbr\u00fccke \u00fcber die Wolga st\u00fcrmen wollte, fiel bei der n\u00e4chtlichen Attacke.<\/p>\n<p>So zerschellte bei dem ersten Zusammensto\u00df der Wei\u00dfen, die eben erst Kasan besetzt hatten und daher moralisch und materiell st\u00e4rker waren, mit den Kerntruppen der Roten Armee, die die Wolgabr\u00fccke verteidigten, der Ansturm der Tschechoslowaken. In dem General Blagotitsch verloren sie ihren popul\u00e4rsten und begabtesten F\u00fchrer. Vermutlich werden weder die von dem eben errungenen Siege berauschten Wei\u00dfen noch die um Swijaschsk zusammengedr\u00e4ngten Roten eine Ahnung davon gehabt haben, welche historische Bedeutung ihre ersten Scharm\u00fctzel an der Wolga haben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ohne Unterlagen, ohne Karten und ohne die Hilfe seitens jener Genossen, die damals der 5. Armee angeh\u00f6rten, ist es sehr schwer, die milit\u00e4rische Bedeutung von Swijaschsk begreiflich zu machen. Vieles ist schon vergessen, die Gesichter und Namen \u2013 alles \u00fcberzieht der Nebel der Zeit. Aber das eine wird niemals vergessen werden: das Gef\u00fchl der gr\u00f6\u00dften Verantwortung f\u00fcr die Verteidigung von Swijaschsk, das alle seine K\u00e4mpfer vereinigte \u2013 vom Mitglied des revolution\u00e4ren Kriegsrats bis zu jenem letzten Rotarmisten, der sein irgendwo existierendes Regiment verzweifelt suchte und sich pl\u00f6tzlich umdrehte, mit dem Gesicht nach Kasan, um mit seiner elenden Knarre in der Hand und restloser Entschlossenheit bis aufs letzte zu k\u00e4mpfen. Alle fassten die Sachlage so auf: noch ein Schritt zur\u00fcck und der Weg von der Wolga nach Nischny und Moskau steht den Feinden offen. Der weitere R\u00fcckzug w\u00e4re der Anfang vom Ende, w\u00e4re ein Todesurteil f\u00fcr die Republik der Sowjets gewesen. Ob das vom strategischen Gesichtspunkt aus zutraf, das wei\u00df ich nicht. Vielleicht h\u00e4tte die Armee noch weiter zur\u00fcckgehen und von einer andern Stelle aus ihre Fahnen zum neuen Siege tragen k\u00f6nnen. Aber moralisch ist es zweifellos richtig. Und soweit der R\u00fcckzug von der Wolga damals eine vollst\u00e4ndige Niederlage bedeutete, soweit gab die M\u00f6glichkeit, uns zu halten, die Br\u00fccke zu verteidigen \u2013 uns ein Recht auf eine reale Hoffnung.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4re Ethik hat die komplizierte Lage mit zwei Worten formuliert: R\u00fcckzug bedeutet \u2013 Einzug der Tschechen nach Nischny und Moskau.<\/p>\n<p>Wenn Swijaschsk und die Br\u00fccke sich halten, dann bedeutet dies \u2013 R\u00fcckeroberung von Kasan durch die Rote Armee.<\/p>\n<p><b>Ankunft von Trotzkis Zug<\/b><\/p>\n<p>Am dritten oder vierten Tage nach dem Sturz Kasans kam Trotzki nach Swijaschsk. Sein Zug machte an der kleinen Station halt, und zwar mit der offensichtlichen Absicht, hier lange zu bleiben: die Lokomotive stand eine Weile schnaufend da, lie\u00df dann den Zug stehen, stillte ihren Durst und kam nicht wieder. Die Wagenkette des Zuges stand ebenso unbeweglich da, wie die schmutzigen H\u00fctten und Baracken, in denen sich der Stab der 5. Armee befand. Diese Unbeweglichkeit des Zuges schien ausdr\u00fccken zu wollen, dass dieser Ort nicht aufgegeben werden kann und darf.<\/p>\n<p>Nach und nach nahm der fanatische Glaube, dass diese kleine Station zu einem Ausgangspunkt f\u00fcr den neuen Angriff gegen Kasan werden w\u00fcrde, reale Formen an.<\/p>\n<p>Jeder Tag, den diese entlegene, armselige Bahnstation sich gegen den unermesslich st\u00e4rkeren Feind behauptete, st\u00e4rkte ihre Kraft und hob die Stimmung. Von irgendwoher, aus dem Hinterlande, aus entlegenen D\u00f6rfern kamen zun\u00e4chst vereinzelte Soldaten, dann kleine Abteilungen und schlie\u00dflich bedeutende Truppenteile nach Swijaschsk.<\/p>\n<p>Ich sehe diese kleine Station noch vor mir, wo es keinen einzigen Soldaten gab, der erzwungenerweise gek\u00e4mpft h\u00e4tte. Alles was da lebte und sich verteidigte, war durch die starken Bande einer freiwilligen Disziplin, einer freiwilligen Teilnahme am Kampfe miteinander verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Die Menschen, die auf dem Boden des Stationsgeb\u00e4udes in schmutzigen, mit Glasscherben und Stroh bedeckten Baracken schliefen, hatten fast keine Hoffnung mehr auf den Erfolg und verloren daher auch jede Furcht. Die Frage, wann und wie das alles ein Ende nehmen werde \u2013 interessierte niemanden. Ein Morgen gab es nicht \u2013 es gab ein kurzes, hei\u00dfes, dampfendes St\u00fcck der Zeit, das man Heute nennt. Und davon lebte man, wie man zur Zeit der Ernte lebt.<\/p>\n<p>Morgen, Tag, Abend, Nacht \u2013 eine jede Stunde musste bis aufs \u00e4u\u00dferste verwertet, ausgelebt und bis auf die letzte Sekunde verbraucht werden, man musste die Zeit sorgsam, fein s\u00e4uberlich m\u00e4hen, wie das reife Korn auf dem Felde. Jede Stunde schien reif, dem ganzen fr\u00fcheren Leben un\u00e4hnlich, sie schwand dahin wie ein Wunder. Und es war auch ein Wunder.<\/p>\n<p>Aeroplane kamen, warfen ihre Bomben auf die Station und die Z\u00fcge nieder und verschwanden wieder; das widerw\u00e4rtige Gebell der Maschinengewehre und die ruhige Stimme der Gesch\u00fctze n\u00e4herten sich und zogen sich wieder zur\u00fcck; irgendein Mensch im zerrissenen Milit\u00e4rmantel, mit einem Zivilistenhut und Stiefeln, aus denen die Zehen hervorsahen \u2013 kurz, einer der Verteidiger von Swijaschsk zog l\u00e4chelnd seine Uhr aus der Tasche und dachte:<\/p>\n<p>\u00abEs ist 6 Uhr 20, also heute, um 6 Uhr 20, lebe ich noch. Swijaschsk h\u00e4lt sich, Trotzkis Zug steht auf dem Bahndamm, im Fenster der Politischen Abteilung leuchtet die Lampe auf. Es ist gut. Der Tag ist zu Ende.\u00bb<\/p>\n<p>Es fehlte fast jedes Verbandsmaterial. Es ist unbegreiflich, wie und womit die \u00c4rzte ihre Verwundeten behandelten. Man sch\u00e4mte sich nicht dieser Armut und f\u00fcrchtete sie nicht. Die Soldaten gingen mit ihren Suppensch\u00fcsseln zur K\u00fcche, unterwegs sahen sie Tragbahren mit Verwundeten und Sterbenden. Der Tod schreckte nicht \u2013 jeden Tag, jede Stunde erwartete man ihn. In einem nassen Mantel, mit einem roten Fleck auf dem Hemde und einem Gesicht daliegen, in dem das Menschentum ausgel\u00f6scht ist \u2013 diese M\u00f6glichkeit wurde als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt.<\/p>\n<p>Br\u00fcder! \u2013 ein verbrauchtes, ungl\u00fcckseliges Wort. Aber es kommt zuweilen, in den Augenblicken der \u00e4u\u00dfersten Not und Gefahr, \u2013 dann ist es heilig, gro\u00df, unantastbar. Und jener hat niemals gelebt und wei\u00df nichts vom Leben, der nicht eines Nachts zerfetzt und verlaust auf dem schmutzigen Boden gelegen und sich nicht dabei gedacht hat, dass die Welt herrlich, unendlich herrlich ist. Dass z.B. das Alte zusammengebrochen ist, und dass das Leben mit nackten H\u00e4nden um seine unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheit k\u00e4mpft, um die wei\u00dfen Schw\u00e4ne seiner Auferstehung, um etwas unvergleichlich Gr\u00f6\u00dferes und Besseres, als dieses St\u00fcck Sternenhimmel, das durch das samtschwarze Fenster mit der ausgeschlagenen Scheibe sichtbar ist \u2013 um die Zukunft der ganzen Menschheit. Einmal im Jahrhundert ber\u00fchren sie sich und tauschen ihr lebendiges Blut aus. Diese Worte, diese unmenschlich sch\u00f6nen Worte \u2013 und der Geruch des lebendigen Schwei\u00dfes, des lebendigen Atems der andern, auf dem Boden Schlafenden. Das sind keine Fieberphantasien, keine Sentimentalit\u00e4ten \u2013 denn das Morgen wird einen Morgen haben, wo ein tschechischer Bolschewist, Genosse G., Setzeier f\u00fcr die ganze \u00abBande\u00bb bereiten wird, wo der Stabschef in sein holzsteifes, vereistes Hemd kriechen wird, das er am Tage vorher gewaschen; es wird ein Tag kommen, an dem jemand sterben und so sterben wird, dass er in der letzten Stunde wei\u00df, dass der Tod nur etwas unter allem anderen und nicht die Hauptsache ist, dass Swijaschsk wieder nicht genommen ist und dass auf der schmutzigen Wand noch immer mit Kreide geschrieben steht \u2013 \u00abProletarier aller L\u00e4nder vereinigt euch\u00bb.<\/p>\n<p><b>Gegen den Strom<\/b><\/p>\n<p>So vergingen einer nach dem andern die regnerischen Augusttage. Die mageren, schlecht bewaffneten Sch\u00fctzenketten haben sich nicht zur\u00fcckgezogen, die Br\u00fccke blieb in unsern H\u00e4nden, und aus dem Hinterlande, irgendwo aus der Ferne, begann Unterst\u00fctzung zu uns zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Au\u00dfer den im Herbstwinde wehenden Spinngeweben sah man jetzt auch richtige Telefonleitungen, und ein gewaltiger, schwerf\u00e4lliger, lahmer Apparat begann auf der Bahnstation zu arbeiten, \u2013 auf diesem auf der russischen Karte kaum sichtbaren schwarzen Punkt, an den sich die Hand der Revolution vor einem Monat im Augenblick der Flucht und Verzweiflung anklammerte. Hier zeigte sich das ganze organisatorische Genie von Trotzki. Er hat es verstanden, die Verpflegung in Gang zu bringen, frische Batterien und einige Regimenter auf den offenkundig sabotierenden Eisenbahnen nach Swijaschsk zu schaffen \u2013 alles, was f\u00fcr den bevorstehenden Angriff notwendig war. Es ist dabei nicht zu vergessen, dass man im Jahre 18 arbeiten musste, als noch die Demobilisation ihre zerst\u00f6rende Wirkung \u00fcbte, als eine gut equipierte rotarmistische Abteilung in den Stra\u00dfen von Moskau eine gro\u00dfe Sensation hervorrief. Es war ein Gegen-den-Strom-Schwimmen, gegen die Ersch\u00f6pfung von vier Kriegsjahren, gegen die das ganze Land \u00fcberschwemmenden Fluten der Revolution, die die Tr\u00fcmmer der Araktschejewschen Disziplin, den wilden Hass gegen alles, was an Offiziersbefehl, Kaserne und Milit\u00e4r erinnerte, \u00fcberall verbreitete.<\/p>\n<p>Trotz alledem ordnete sich zusehends die Verpflegung, es kamen Zeitungen, es kamen Stiefel und M\u00e4ntel. Und dort, wo Stiefel verteilt werden, dort ist ein echter, dauerhafter Armeestab, dort sitzt die Armee fest und denkt nicht an die Flucht. Stiefel bedeuten viel!<\/p>\n<p>Zur Zeit von Swijaschsk gab es noch nicht den Orden des\u00a0Roten Banners, sonst h\u00e4tte man ihn Hunderten geben m\u00fcssen. Alle \u2013 auch die Feiglinge und die nerv\u00f6sen Menschen und einfach mittelm\u00e4\u00dfigen Arbeiter und Rotarmisten\u00a0\u2013 alle ohne Ausnahme leisteten Unglaubliches und Heroisches, sie \u00fcbertrafen sich selbst, traten aus ihrem engen Flussbett heraus, \u00fcberschwemmten freudig ihr normales Niveau. So war die Atmosph\u00e4re. Ich erinnere mich an einige Briefe, die ich damals aus Moskau durch ungew\u00f6hnlichen Zufall erhielt. Es war in ihnen die Rede von der jauchzenden Freude des Kleinb\u00fcrgertums, das sich anschickte, die denkw\u00fcrdigen Tage der Pariser Kommune zu wiederholen.<\/p>\n<p>Und zu gleicher Zeit flammte die gef\u00e4hrlichste, an dem Faden einer Eisenbr\u00fccke h\u00e4ngende Front der Republik, in jener unerh\u00f6rten heroischen Begeisterung, die f\u00fcr weitere drei Jahre eines Krieges in Hunger und Typhus ausreichte.<\/p>\n<p><b>Die Menschen, die es vollbrachten<\/b><\/p>\n<p>In Swijaschsk war nicht nur Trotzki, der es verstanden hat, der neugeborenen Armee das eiserne R\u00fcckgrat zu geben, der sich hier festsetzte, entschlossen, keinen Zoll Erde aufzugeben, der es verstanden hat, diesem H\u00e4uflein von Verteidigern ein tiefer, metallisch gleichg\u00fcltiger F\u00fchrer zu sein, \u2013 dort versammelten sich auch die alten Parteiarbeiter, die k\u00fcnftigen Mitglieder des Revolution\u00e4ren Kriegsrats der Republik und der Armeen, von denen der Historiker des B\u00fcrgerkrieges als von Marsch\u00e4llen der Gro\u00dfen Revolution sprechen wird. Rosenholz und Gussew, Iwan Nikititsch Smirnow, Kobosew, Meschlauk, der andere Smirnow und noch viele Genossen, auf deren Namen ich mich nicht besinne. Von den Seeleuten \u2013 Raskolnikow und der verstorbene Markin.<\/p>\n<p>Rosenholz verwandelte seinen Eisenbahnwagen gleich am ersten Tage in eine Kanzlei des Revolution\u00e4ren Kriegsrats, es tauchten dort eine Menge Karten auf, Schreibmaschinen klapperten \u2013 es war unbegreiflich, woher sie kamen \u2013, kurz er begann sofort einen festen, geometrisch zweckm\u00e4\u00dfigen organisatorischen Apparat mit seinem pr\u00e4zisen Verbindungsdienst und klarem Schema zu bauen.<\/p>\n<p>Auch sp\u00e4ter, wenn in irgendeiner Armee, an irgendeiner Front die Arbeit zu stocken begann \u2013 sofort brachte man Rosenholz, wie die Bienenk\u00f6nigin in einem Sack, dorthin, setzte ihn in das zerst\u00f6rte Bienenhaus, und sofort begann er zu bauen, zu organisieren, Zellen zu bilden, mit telegraphischen Dr\u00e4hten zu summen. Trotz des Milit\u00e4rmantels und der gewaltigen Pistole am G\u00fcrtel war in seiner ganzen Gestalt und auf seinem wei\u00dfen, etwas weichen Gesicht nichts Kriegerisches zu entdecken. Aber seine ungeheure Kraft lag auch gar nicht in dieser Richtung, sondern in der organischen F\u00e4higkeit, zu erneuern, zu verbinden, das Tempo des stockenden Blutkreislaufs bis zu einer explosiven Geschwindigkeit zu steigern.<\/p>\n<p>Er war neben Trotzki eine Art Dynamo, der gleichm\u00e4\u00dfig, \u00f6lig-ger\u00e4uschlos, Tag um Tag sein unzerrei\u00dfbares organisatorisches Spinngewebe flocht.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich nicht genau, welche Arbeit Iwan Nikititsch Smirnow im Stab der 5. Armee offiziell leistete. Ob er nur ein Mitglied des Revolution\u00e4ren Kriegsrats war oder gleichzeitig auch noch die Politische Abteilung leitete, aber er verk\u00f6rperte jedenfalls die revolution\u00e4re Ethik, er war das h\u00f6chste moralische Kriterium, er war das kommunistische Gewissen von Swijaschsk.<\/p>\n<p>Sogar unter den parteilosen Soldatenmassen und auch unter den Kommunisten, die ihn fr\u00fcher nicht gekannt haben, war seine beispiellose Reinheit sofort anerkannt. Er wird es wohl kaum gewu\u00dft haben, wie man ihn f\u00fcrchtete, wie man sich f\u00fcrchtete, gerade in den Augen dieses Menschen, der niemals irgend jemand anschrie, feige und schwach zu erscheinen. Niemand war so sehr geachtet, als Iwan Nikititsch. Jeder f\u00fchlte, dass im kritischen Augenblick gerade er der Mutigste und St\u00e4rkste sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Mit Trotzki \u2013 im Kampfe sterben, nachdem die letzte Patrone verschossen ist, begeistert sterben, ohne die Wunden zu f\u00fchlen; bei Trotzki \u2013 das heilige Pathos des Kampfes, des Wortes und einer Tat, die an die besten Seiten der gro\u00dfen franz\u00f6sischen Revolution erinnert.<\/p>\n<p>Mit Smirnow aber (so schien es uns damals, so sprachen wir fl\u00fcsternd miteinander, wenn wir in jenen kalten, schon herbstlichen N\u00e4chten dichtgedr\u00e4ngt auf dem Boden lagen), mit Smirnow \u2013 ist die klare Ruhe an der \u00abWand\u00bb, bei der Vernehmung vor einem wei\u00dfen Untersuchungsrichter, im schmutzigen Loch des Gef\u00e4ngnisses. Ja, so sprach man von ihm in Swijaschsk.<\/p>\n<p>Boris Danilowitsch Michailow kam etwas sp\u00e4ter, wenn ich mich recht entsinne \u2013 aus Moskau. Er kam in einem st\u00e4dtischen Mantel, mit jenem hellen, leicht wechselnden Gesichtsausdruck, den Menschen haben, die aus einem Gef\u00e4ngnis oder aus einer gro\u00dfen Stadt in die freie Luft hinaustreten.<\/p>\n<p>Einige Stunden sp\u00e4ter hat der wilde Rausch von Swijaschsk ihn schon vollst\u00e4ndig erfasst. Er machte verkleidet einen Patrouillengang in der Richtung nach Kasan, kehrte nach drei Tagen zur\u00fcck, m\u00fcde, mit gebr\u00e4untem Gesicht, mit unvermeidlichen L\u00e4usen bedeckt. Vor allem kehrte er heil und ganz zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es ist interessant, zu beobachten, wie dieser tiefe, innere Prozess sich vollzieht, wenn Menschen, die in eine revolution\u00e4re Front geraten, pl\u00f6tzlich wie ein an allen vier Ecken angez\u00fcndetes Strohdach aufflammen, dann erkalten und sich in ein feuerfestes einheitliches Gussst\u00fcck verwandeln.<\/p>\n<p>Der J\u00fcngste unter ihnen war Meschlauk, Waleri Iwanowitsch. Seine Lage war ganz besonders schwer. Sein Bruder und seine Frau waren in Kasan geblieben und sind Ger\u00fcchten nach erschossen worden. Sp\u00e4ter stellte es sich heraus, dass sein j\u00fcngerer Bruder in der Tat dabei zugrunde gegangen ist, w\u00e4hrend seine Frau Entsetzliches durchgemacht hat. In Swijaschsk war es nicht \u00fcblich, zu klagen und von seinem Ungl\u00fcck zu sprechen. Und Meschlauk schwieg ehrlich, arbeitete, ging in seinem langen Kavalleriemantel durch den klebrigen Herbstschmutz, seine ganze Sehnsucht konzentrierte sich auf den einen brennenden Punkt, auf Kasan.<\/p>\n<p>Inzwischen begannen die Wei\u00dfen zu f\u00fchlen, dass Swijaschsk sich mit seinem gefestigten Widerstand zu etwas Gro\u00dfem und Gefahrvollen herauswachse.<\/p>\n<p>Gelegentliche Angriffe und Scharm\u00fctzel nahmen ein Ende; es begann eine richtige Belagerung mit organisierten gro\u00dfen Kr\u00e4ften. Aber die beste Zeit zum Angriff haben sie verpasst.<\/p>\n<p>Der alte Slawin, Kommandeur der 5. Armee, ein nicht sehr begabter, aber sein Handwerk gut beherrschender Oberst, fasste festen Fu\u00df, arbeitete einen bestimmten Plan aus und verwirklichte ihn mit echt lettischer Hartn\u00e4ckigkeit.<\/p>\n<p>Swijaschsk stand fest da, wie ein Stier, seinen breitstirnigen, niedrig gesenkten Kopf gegen Kasan gerichtet, es r\u00fchrte sich nicht vom Fleck und sch\u00fcttelte nur ungeduldig seine schweren, eisernen H\u00f6rner.<\/p>\n<p>An einem sonnigen Herbstmorgen kamen flinke, schnelllaufende Minenschiffe aus dem Baltischen Meer nach Swijaschsk. Ihr Erscheinen rief eine gro\u00dfe Sensation hervor. Die Armee f\u00fchlte sich jetzt an der Flussseite gesch\u00fctzt. Es begann eine Reihe von artilleristischen Duellen auf der Wolga, die einige Male am Tage stattfanden. Von dem Feuer der am Ufer versteckten Batterien gesch\u00fctzt, wagte sich jetzt unsere Flottille weit vor; diese Vorst\u00f6\u00dfe waren oft sehr tollk\u00fchn, so z. B. der am 9. September von Markin, einem der Gr\u00fcnder und ersten Helden unserer Roten Flotte unternommene. Auf seinem schwerf\u00e4lligen, eisengesch\u00fctzten Schleppdampfer wagte er sich bis zu den Anlegestellen in Kasan vor, er vertrieb mit Maschinengewehrfeuer die Mannschaft der feindlichen Batterie und nahm die Verschlussst\u00fccke von einigen Gesch\u00fctzen fort.<\/p>\n<p>Ein andermal, es war am 30. August sp\u00e4t nachts, n\u00e4herten sich unsere Schiffe dicht an Kasan, beschossen die Stadt, setzten einige K\u00e4hne mit Munition und Lebensmitteln in Brand und entfernten sich, ohne ein einziges Fahrzeug verloren zu haben. Unter anderen befand sich Trotzki zusammen mit dem Kommandeur gerade in dem Augenblick auf dem Minenschiff \u00abProtschny\u00bb, als es, um sein besch\u00e4digtes Steuerreep zu reparieren, sich unter den M\u00fcndungen der wei\u00dfgardistischen Gesch\u00fctze an einen feindlichen Schlepper anseilen musste.<\/p>\n<p>Der Hauptkommandierende Wazetis kam in dem Augenblick an, als die Angriffsbewegung auf Kasan schon im vollen Gang war. Die meisten, darunter auch ich, wussten nichts Genaueres von dem Ergebnis der Konferenz, \u2013 nur das eine wurde bald allgemein bekannt und von allen Seiten mit tiefer Befriedigung aufgenommen: Unser Alter (so nannte man unter uns den Kommandeur) erkl\u00e4rte sich gegen die Ansicht von Wazetis, der den Angriff auf Kasan auf dem linken Ufer vornehmen wollte; unser Alter wollte die Operation auf dem rechten, die Stadt beherrschenden Ufer, Werchny Uslon genannt, durchf\u00fchren und nicht auf dem linken, ungesch\u00fctzten.<\/p>\n<p><b>Die Wei\u00dfen r\u00fccken vor<\/b><\/p>\n<p>Gerade in dem Augenblick, als die ganze 5. Armee sich krampfhaft auf den Angriff vorbereitete, als ihre Hauptkr\u00e4fte nach schweren, tagelangen K\u00e4mpfen endlich unter fortw\u00e4hrenden Gegenangriffen der Feinde vorzudringen begannen, \u2013 beschlossen die drei \u00abLeuchten\u00bb des wei\u00dfgardistischen Russlands, der Swijaschsker Epop\u00f6e vereinigt ein Ende zu machen.<\/p>\n<p>Ssawinkow, Kappel und Fortunatow unternahmen an der Spitze von bedeutenden Kr\u00e4ften einen tollk\u00fchnen Vorsto\u00df gegen eine Bahnstation neben Swijaschsk. Sie wollten auf diese Weise Swijaschsk und die Wolgabr\u00fccke endlich in ihre H\u00e4nde bringen. Der Vorsto\u00df wurde gl\u00e4nzend durchgef\u00fchrt; nachdem sie einen weiten Umweg gemacht hatten, st\u00fcrzten sich die Wei\u00dfen auf die Bahnstation Schichrany, schossen sie kurz und klein, zerrissen die Verbindung mit der \u00fcbrigen Linie und verbrannten den dort stehenden Munitionszug. Die wenig zahlreiche Besatzung von Schichrany wurde bis auf den letzten Mann niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Und nicht nur das: sie schlugen buchst\u00e4blich alles nieder, was in dieser Station lebte. Ich hatte Gelegenheit, Schichrany einige Stunden nach dem Vorsto\u00df zu sehen. Es trug alle Spuren jener sinnlosen Zerst\u00f6rung, die alle Siege dieser Herrschaften auszeichnete \u2013 sie f\u00fchlten sich niemals als die Herren und k\u00fcnftigen Bewohner des eroberten Bodens.<\/p>\n<p>Im Hofe lag eine bestialisch erschlagene (erschlagene und nicht get\u00f6tete) Kuh, der H\u00fchnerstall war voll toter H\u00fchner, die auf eine unsinnige, allzu menschliche Weise ums Leben gebracht waren. Mit dem Brunnen, mit dem kleinen Gem\u00fcsegarten, dem Wasserturm und den Wohnh\u00e4usern wurde ebenso verfahren, als wenn es gefangene Menschen \u2013 Bolschewisten und Juden w\u00e4ren. Man hatte den Eindruck, als wenn alldem die Ged\u00e4rme herausgerissen w\u00e4ren. Tiere und Gegenst\u00e4nde lagen vergewaltigt, entstellt herum. Neben dieser erschreckenden Entstellung alles dessen, was fr\u00fcher eine menschliche Siedlung war, \u2013 erschien der unbeschreibliche, nicht zu schildernde Tod von einigen \u00fcberraschten Eisenbahnern und Rotarmisten als etwas ganz Nat\u00fcrliches.<\/p>\n<p>Nur bei Goya, in seinen Illustrationen zu dem spanischen Feldzug und dem Guerillakrieg findet man eine \u00e4hnliche Harmonie der durch den dunkeln Wind und die Schwere der Erh\u00e4ngten geneigten B\u00e4ume, des Staubes am Wege, des Blutes und der Steine.<\/p>\n<p>Von der Station Schichrany schlug die Ssawinkowsche Abteilung den Weg nach Swijaschsk l\u00e4ngs des Eisenbahndamms ein. Man schickte ihr unsern Panzerzug \u00abFreies Russland\u00bb entgegen, der, soviel ich mich erinnere, mit weittragenden Marinegesch\u00fctzen armiert war. Sein Kommandeur war indes nicht auf der H\u00f6he seiner Aufgabe. Von zwei Seiten, wie es ihm schien, umzingelt, verlie\u00df er seinen Zug und eilte zum Revolution\u00e4ren Kriegsrat \u00abum ihm seine Meldung zu erstatten\u00bb.<\/p>\n<p>Der Panzerzug wurde w\u00e4hrend seiner Abwesenheit kurz und klein geschossen. Seine schwarzen verbrannten Tr\u00fcmmer lagen lange Zeit am Gleise, in n\u00e4chster N\u00e4he von Swijaschsk. Die Wei\u00dfen standen unmittelbar bei Swijaschsk, anderthalb bis zwei Kilometer von dem Stab der 5. Armee entfernt. Es brach eine Panik aus. Ein Teil der Politischen Abteilung, oder gar die ganze, st\u00fcrzte zu den Anlegestellen, um auf den Dampfern zu entkommen.<\/p>\n<p>Das Regiment, das fast an dem Ufer der Wolga k\u00e4mpfte, hielt den Angriff nicht aus und fl\u00fcchtete mit Kommandeuren und Kommissaren; am Morgen fand man Teile dieses Regiments auf den Stabsschiffen der Wolgaer Kriegsflottille an.<\/p>\n<p>In Swijaschsk blieben nur der Stab der 5. Armee mit seinen Kanzleien, und der Zug von Trotzki.<\/p>\n<p><b>Wie Swijaschsk gerettet wurde<\/b><\/p>\n<p>Lew Dawidowitsch Trotzki mobilisierte das ganze Zugpersonal, alle Schreiber, Telegraphisten, Sanit\u00e4ter und die Schutzwache, die unter dem Kommando des Stabschefs der Flottille, dem Genossen Lepetenkow, stand (\u00fcbrigens einem der mutigsten, aufopferungsf\u00e4higsten Soldaten der Revolution, dessen Biographie ein gl\u00e4nzendes Kapitel dieses Buches sein k\u00f6nnte) \u2013 kurz alles, was f\u00e4hig war, ein Gewehr in der Hand zu halten.<\/p>\n<p>Die Stabskanzleien standen nun leer da \u2013 \u00abHinterland\u00bb gab es nicht mehr. Alles wurde den Wei\u00dfen, die schon dicht vor der Station waren, entgegengeworfen. Der ganze Weg von Schichrany bis zu den ersten H\u00e4usern von Swijaschsk \u2013 und je n\u00e4her zu Swijaschsk, umso mehr \u2013 war von Geschossen zerw\u00fchlt, mit toten Pferden, Waffen und Munition bedeckt. Nachdem die Wei\u00dfen das starrende, rauchende und geschmolzene Gerippe des Panzerzugs erreicht haben, stockt ihr Angriff, flutet zur\u00fcck und st\u00fcrzt sich wieder gegen die schnell mobilisierten Reserveteile von Swijaschsk. Hier stehen sie sich eine Zeitlang gegen\u00fcber, hier gibt es viele Leichen.<\/p>\n<p>Die Wei\u00dfen glaubten, als sie uns bemerkten, dass sie einen frischen, gut organisierten Truppenteil vor sich h\u00e4tten, dessen Existenz selbst ihre Patrouillen nicht bemerkt h\u00e4tten. Die von einem 48st\u00fcndigen Kampf ersch\u00f6pften Soldaten \u00fcbersch\u00e4tzten die Kr\u00e4fte des Gegners und ahnten nicht, dass sie nur ein zusammengew\u00fcrfeltes H\u00e4uflein von K\u00e4mpfern vor sich hatten, hinter denen nichts war au\u00dfer Trotzki und Slawin, die schlaflos in einer verrauchten Stube des verlassenen Stabs an einer Karte sa\u00dfen, mitten im menschenleeren Swijaschsk, durch dessen Stra\u00dfen die Gewehrkugeln pfiffen.<\/p>\n<p>Auch diese Nacht stand Trotzkis Zug wie immer ohne Lokomotive da, und kein einziger Teil der f\u00fcr den Angriff bestimmten, weit nach Swijaschsk vorgeschobenen 5. Armee wurde diese Nacht beunruhigt und, um das fast wehrlose Swijaschsk zu decken, von der Front genommen. Die Armee und die Flottille erfuhren von dem n\u00e4chtlichen Angriff erst, als alles zu Ende war, als die Wei\u00dfen sich schon zur\u00fcckzogen, fest davon \u00fcberzeugt, dass sie nahezu eine ganze Division vor sich hatten.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tage wurden 27 Deserteure gerichtet und erschossen, die im kritischen Augenblick auf die Dampfer geflohen waren. Darunter waren auch mehrere Kommunisten. Von dieser Erschie\u00dfung der 27 wurde sp\u00e4ter viel gesprochen, besonders nat\u00fcrlich im Hinterlande, wo man nicht wusste, wie sehr der Weg nach Moskau und unser ganzer aus letzten Mitteln und Kr\u00e4ften unternommener Angriff gegen Kasan damals gef\u00e4hrdet waren.<\/p>\n<p>Erstens sprach die ganze Armee davon, dass die Kommunisten sich als Feiglinge gezeigt h\u00e4tten, dass es f\u00fcr sie kein Gesetz g\u00e4be, dass sie ungestraft desertieren k\u00f6nnten, w\u00e4hrend man einen einfachen Rotarmisten wie einen Hund erschie\u00dfe.<\/p>\n<p>Ohne den au\u00dferordentlichen Mut Trotzkis, des Armeekommandeurs und der andern Mitglieder des Revolution\u00e4ren Kriegsrats w\u00e4re das Ansehen der in der Armee arbeitenden Kommunisten f\u00fcr lange vernichtet gewesen.<\/p>\n<p>Man kann einer Armee, die sechs Wochen lang die gr\u00f6\u00dften Entbehrungen leidet und nahezu mit nackten H\u00e4nden k\u00e4mpft, nicht mit Worten plausibel machen, dass Feigheit unter gewissen Umst\u00e4nden keine Feigheit sei, dass es \u00abmildernde Umst\u00e4nde\u00bb f\u00fcr die Feigheit gebe. Man sagt, dass manche unter den Erschossenen gute Genossen waren, und zwar solche, deren Schuld durch die fr\u00fcheren Verdienste, durch Jahre von Zuchthaus und Verbannung aufgewogen wurde. Das mag zutreffen. Niemand behauptet ja, dass ihr Untergang die Folge jener \u00abExempel statuierenden\u00bb alten milit\u00e4rischen Ethik war, die unter Trommelwirbeln \u00abAuge um Auge, Zahn um Zahn\u00bb richtete. Gewiss ist Swijaschsk eine Trag\u00f6die.<\/p>\n<p>Aber jeder, der mit der Roten Armee gelebt hat und in den K\u00e4mpfen bei Kasan mit ihr geboren und erstarkt ist, kann best\u00e4tigen, dass der eiserne Geist dieser Armee sich niemals herauskristallisiert h\u00e4tte, dass es niemals diesen engen Kontakt zwischen der Partei und der Soldatenmasse, zwischen den breiten Schichten und den Spitzen des Kommandos gegeben h\u00e4tte, wenn die Partei selbst am Vortage des Sturmes auf Kasan, bei dem Hunderte von Soldaten ihr Leben lassen mussten, vor den Augen der ganzen Armee, die bereit war, der Revolution dieses gro\u00dfe, blutige Opfer zu bringen, nicht deutlich gezeigt h\u00e4tte, dass auch f\u00fcr sie die rauen Gesetze der br\u00fcderlichen Disziplin bindend sind, dass sie den Mut hat, auch ihren eigenen Mitgliedern gegen\u00fcber die Gesetze der Sowjetrepublik r\u00fccksichtslos anzuwenden.<\/p>\n<p>Die 27 wurden erschossen, und das f\u00fcllte jene Bresche aus, die die Wei\u00dfen in das Selbstbewusstsein und in die Geschlossenheit der 5. Armee immerhin geschlagen hatten. Den minderwertigen, wenig klassenbewussten, zum Desertieren neigenden Teil der Soldatenmasse (und einen solchen gab es nat\u00fcrlich auch) zwang diese Salve, die die Kommunisten ebenso wie die Kommandeure und gew\u00f6hnlichen Soldaten f\u00fcr Feigheit und Ehrlosigkeit im Kampfe gestraft hat, \u2013 sich aufzuraffen und jenen gleich zu sein, die bewusst und ohne jeden Zwang in den Kampf zogen.<\/p>\n<p>Das Schicksal von Kasan entschied sich gerade in diesen Tagen und nicht nur von Kasan, sondern auch der gesamten wei\u00dfen Intervention. Nach den langen Wochen der Verteidigung hat die Rote Armee ihr Selbstbewusstsein gefunden, sie hat sich verwandelt und gefestigt.<\/p>\n<p>Unter der steten Gefahr und bei der gr\u00f6\u00dften Anspannung der moralischen Kr\u00e4fte arbeitete sie ihre Rechte, ihre Disziplin, ihre neuen heroischen Statuten aus. Zum ersten Mal verlor sich die panische Angst vor der vollkommeneren Technik des Gegners, hier lernte man jede Artillerie zu umgehen, und unwillk\u00fcrlich, aus einfachem Selbsterhaltungsinstinkt, entstanden jene neuen Methoden der Kriegsf\u00fchrung, jene spezifischen Kampfmethoden, die schon jetzt in hohen Akademien als die Methoden des B\u00fcrgerkrieges studiert werden. Es ist sehr wichtig, dass in Swijaschsk in diesen Tagen gerade ein solcher Mann wie Trotzki war.<\/p>\n<p><b>Trotzkis Rolle<\/b><\/p>\n<p>Ob Trotzki oder ein anderer an seiner Stelle, \u2013 es ist jedenfalls klar, dass der Sch\u00f6pfer der Roten Armee, der k\u00fcnftige Vorsitzende des Revolution\u00e4ren Kriegsrats der Republik, in diesem Augenblick in Swijaschsk sein musste, dass er die ganze praktische Erfahrung dieser Kampfwochen erleben und seinen ganzen Willen, sein ganzes organisatorisches Genie in die Verteidigung von Swijaschsk legen musste, in die Sache der Verteidigung der geschlagenen und unter dem Feuer der Wei\u00dfen neu erstehenden Armee.<\/p>\n<p>Und dann gibt es im revolution\u00e4ren Kriege noch eine Kraft, noch einen andern Faktor, ohne den es keinen Sieg geben kann. Es ist die gewaltige Romantik der Revolution, mit deren Hilfe die Menschen direkt von den Barrikaden sich in die harten Formen des milit\u00e4rischen Apparats ergie\u00dfen, ohne ihren kurzen, bei den politischen Demonstrationen erworbenen leichten Schritt, ohne ihre Selbst\u00e4ndigkeit und Elastizit\u00e4t zu verlieren, die in langj\u00e4hriger illegaler Parteiarbeit erworben sind.<\/p>\n<p>Um im Jahre 1918 zu siegen, musste man das ganze Feuer der Revolution, alle ihre zerst\u00f6renden Flammen nehmen und in das vulg\u00e4re, wie die Welt uralte, Schema der Armee spannen.<\/p>\n<p>Bisher l\u00f6ste die Geschichte diese Frage immer mit imposanten, aber verbrauchten theatralischen Effekten. Sie lie\u00df eine Person auf die B\u00fchne treten, die \u00abmit einem Dreispitz auf dem Kopf und einem grauen Feldrock\u00bb die Hauptrolle spielte und auf einem wei\u00dfen Kampfross Republiken, Banner und Parolen aus lebendigem revolution\u00e4ren Stoff bildete.<\/p>\n<p>Die russische Revolution ging bei ihrem milit\u00e4rischen Aufbau ebenso wie in vielem andern ihre eigenen Wege. Der Aufstand und der Krieg verschmolzen zu eins, Armee und Partei verbanden sich zu einem untrennbaren Ganzen, und auf den Regimentsfahnen schrieben die sch\u00e4rfsten Formeln des Klassenkampfs die Einheit ihrer Ziele nieder. Das alles war in jenen Tagen in Swijaschsk noch unausgebildet, man f\u00fchlte es in der Luft, es suchte damals seine Form und Gestalt.<\/p>\n<p>Die Arbeiter- und Bauernarmee musste sich irgendwie zum Ausdruck bringen, ihr \u00c4u\u00dferes, ihre eigenen Formen gestalten, aber wie \u2013 das konnte damals noch niemand genau voraussagen. Es gab damals nat\u00fcrlich keinerlei dogmatische Programme, keinerlei Rezepte, nach denen dieser gewaltige Organismus wachsen und sich entwickeln musste.<\/p>\n<p>In der Partei und in den Massen lebte nur eine Vorahnung, ein sch\u00f6pferisches Erraten dieser noch nie dagewesenen kriegsrevolution\u00e4ren Organisation, der jeder Kampftag einen neuen, realen Charakterzug verlieh. Trotzkis Verdienst besteht gerade darin, dass er die leiseste Bewegung der Massen, die bereits den Stempel dieser gesuchten, einzigartigen organisatorischen Formel an sich trug, im Fluge erfasste.<\/p>\n<p>Er sammelte und ordnete alle jene kleinen Methoden, mit deren Hilfe das belagerte Swijaschsk seine Kampfarbeit vereinfachte, ordnete und beschleunigte. Und dies nicht nur im eng technischen Sinne. Nein, eine jede neue und gelungene Kombination der T\u00e4tigkeit eines Fachmanns und eines Kommissars, jenes, der befiehlt, und des andern, der den Befehl durchf\u00fchrt und daf\u00fcr verantwortlich ist, wurde, wenn sie durch die Erfahrung gepr\u00fcft war und sich best\u00e4tigt hatte, sofort in einen Befehl, in eine Verordnung, in ein Rundschreiben verwandelt. Auf diese Weise ging die revolution\u00e4re Erfahrung nicht verloren, geriet nicht in Vergessenheit, wurde nicht entstellt.<\/p>\n<p>Nicht das Mittelma\u00df wurde zu einer alle verpflichtenden Norm, sondern gerade das Beste, das Geniale, das von den Massen in den hei\u00dfesten, sch\u00f6pferischsten Augenblicken des Kampfes erdacht war. Im gro\u00dfen und im kleinen \u2013 mag es eine solche schwierige Sache sein, wie die Arbeitseinteilung unter den Mitgliedern des Revolution\u00e4ren Kriegsrats, oder die schnelle, kurze freundschaftliche Geste, mit der sich der Rote Kommandeur und der Soldat \u2013 beide besch\u00e4ftigt, beide in ihrer Sache eilend \u2013 begr\u00fc\u00dfen, \u2013 alles musste dem Leben abgelauscht, erlernt und f\u00fcr den allgemeinen Gebrauch als Norm in die Massen zur\u00fcckgeworfen werden. Und dort, wo es nicht vorw\u00e4rts ging, wo es knarrte und stockte \u2013 dort musste man den Fehler erraten, musste man helfen, befreien, wie die Hebamme die Mutter aus den Wehen befreit.<\/p>\n<p>Man kann ein ausgezeichneter Wortf\u00fchrer sein und einer neuen Armee eine rationell untadelhafte, plastische Form verleihen und dabei doch ihren Geist einfrieren, ihn sich verfl\u00fcchtigen lassen, nicht imstande sein, diesen Geist in dem juristischen Formelnsieb lebendig zu erhalten. Damit dies vermieden wird, muss man noch ein gro\u00dfer Revolution\u00e4r sein, eine sch\u00f6pferische Intuition, ein hundert Kilowatt starkes inneres Radio haben, ohne das man nicht an die Massen herantreten darf.<\/p>\n<p>Letzten Endes erteilt gerade dieser revolution\u00e4re Instinkt die endg\u00fcltige Sanktion, gerade er reinigt das neue, im Entstehen begriffene Recht von allen versteckten, gegenrevolution\u00e4ren Tendenzen. Er verletzt die verlogene formale Gerechtigkeit im Namen einer h\u00f6heren proletarischen, er hindert das elastische Gesetz am Verkn\u00f6chern, er<br \/>\nmacht es unm\u00f6glich, dass der Kontakt mit dem Leben verloren geht und das starre Gesetz sich als eine aufreizende unn\u00f6tige Last auf die Schultern der Rotarmisten legt.<\/p>\n<p>Trotzki hatte diese intuitive F\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Niemals vermochte der Soldat, der Befehlshaber, der Kriegskommissar in ihm, den Revolution\u00e4r zu verdr\u00e4ngen. Und wenn er mit seiner \u00fcbermenschlichen, metallischen Stimme einen Deserteur heruntermachte, so f\u00fcrchtete er ihn als den gro\u00dfen Meuterer, der einen vernichten, niederschlagen kann \u2013 f\u00fcr gemeine Feigheit, f\u00fcr Verrat \u2013 nicht an der milit\u00e4rischen Sache, sondern an der allgemein proletarischen, revolution\u00e4ren.<\/p>\n<p>Trotzki konnte kein Feigling sein, sonst h\u00e4tte ihn die Verachtung dieser erstaunlichen Armee erdr\u00fcckt, sie h\u00e4tte dieses Blut ihrer 27 Br\u00fcder, das ihren ersten Sieg weihte, einem Schw\u00e4chling niemals verziehen.<\/p>\n<p>Einige Tage vor der Einnahme von Kasan durch unsere Truppen verliess Lew Dawidowitsch Swijaschsk; die Nachricht von dem Anschlag auf Lenin rief ihn nach Moskau. Aber weder der Vorsto\u00df Ssawinkows nach Swijaschsk, der von den Sozialrevolution\u00e4ren mit der gr\u00f6\u00dften Meisterschaft organisiert war, noch der von derselben Partei und fast gleichzeitig mit dem Ssawinkowschen Vorsto\u00df unternommene Versuch, Iljitsch zu t\u00f6ten, \u2013 konnte die Rote Armee mehr aufhalten, und die entscheidende Sturzwelle des Angriffs brach \u00fcber Kasan herein.<\/p>\n<p>Vom 9. auf den 10. September, sp\u00e4t nachts, wurden die Truppen auf die Schiffe verladen, und am Morgen gegen 5\u00a01\/2 Uhr bewegten sich die m\u00e4chtigen vielst\u00f6ckigen Transportschiffe unter dem Schutz von Minenschiffen zu den Landungsstellen von Kasan. Es war so seltsam, in der tr\u00fcbe vom Mond beleuchteten Finsternis an der halbzerst\u00f6rten M\u00fchle mit dem gr\u00fcnen Dach vor\u00fcberzufahren, hinter der gew\u00f6hnlich die Batterie der Wei\u00dfen lag; an dem halb verbrannten \u00abDelphin\u00bb vorbei, der brennend sich aufs Ufer hinaufgeworfen hatte, an all den bekannten Biegungen, Landzungen, Sandb\u00e4nken und Buchten vorbei, \u00fcber die vom Morgen bis zum Abend so viele Wochen lang der Tod hinwegfegte, Rauchwolken hinwegzogen, goldene Garben des Gesch\u00fctzfeuers hinwegschossen.<\/p>\n<p>Man fuhr mit gel\u00f6schten Lichtern, in absoluter Stille \u2013 \u00fcber die schwarze, kalte, glattflie\u00dfende Wolga. Hinter dem Heck \u2013 fl\u00fcchtiger Schaum auf dumpf summenden, sorglos ins Kaspische Meer hinabziehenden, alles hinwegsp\u00fclenden, alles vergessenden Wellen. Und doch war die Stelle, die der Schiffsriese in diesem Augenblick ger\u00e4uschlos durchschwamm, noch gestern von zahllosen explodierenden Geschossen durchfurcht. Dort, wo eben der Nachtvogel, die schweigende, kalt dampfende Wasserfl\u00e4che leicht ber\u00fchrend, hinweggeglitten ist, erhoben sich gestern noch so viele wei\u00dfe Schaumfont\u00e4nen, klangen gestern noch unruhige Kommandoworte und schossen schmale Minenschiffe durch Rauch, Flammen und einen Regen von Eisensplittern, \u2013 zitternd von der gepressten Ungeduld ihrer Maschinen und von den fortw\u00e4hrenden St\u00f6\u00dfen der beiden feuernden Gesch\u00fctze.<\/p>\n<p>Man schoss, entwand sich dem niederprasselnden Hagel der Geschosse, wischte das Blut vom Deck&#8230; Und jetzt ist alles still, die Wolga flie\u00dft, wie sie vor tausend Jahren geflossen ist und wie sie noch lange flie\u00dfen wird.<\/p>\n<p>Ohne einen einzigen Schuss gelangten wir zu den Landungsstellen. Es begann hell zu werden. In der rosagrauen D\u00e4mmerung tauchten bucklige, schwarze, verkohlte Gespenster auf. Hebekrane, Balken verkohlter Geb\u00e4ude, zersplitterte Telegraphenpfosten \u2013 alles das schien grenzenloses Leid durchgemacht, jede Empfindlichkeit verloren zu haben. Ein Reich des Todes, vom kalten Rosa des nordischen Morgens \u00fcbergossen. Und die verlassenen Gesch\u00fctze am Ufer mit hocherhobenen M\u00fcndungen, im grauen Licht niedergeworfenen Gestalten gleich, erstarrt in stummer Verzweiflung, den Kopf auf die kalten, taunassen H\u00e4nde gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Nebel. Die Menschen zittern vor K\u00e4lte und nerv\u00f6ser Spannung, es riecht nach Maschinen\u00f6l, nach geteerten Tauen. Der blaue Kragen des Matrosen am Gesch\u00fctz dreht sich verwundert mit dem Oberk\u00f6rper \u2013 das Ufer ist menschenleer lautlos, es ruht in toter Stille. Das ist der Sieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachfolgend bringen wir einen Augenzeugenbericht \u00fcber die Schlacht von Swijaschsk und Kasan, die 1918 im ersten Jahr des B\u00fcrgerkriegs gegen die siegreiche Oktoberrevolution einen Wendepunkt darstellte. 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