{"id":2765,"date":"2017-11-24T11:24:21","date_gmt":"2017-11-24T09:24:21","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2765"},"modified":"2018-01-19T17:44:24","modified_gmt":"2018-01-19T15:44:24","slug":"sklavenmarkt-libyen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2765","title":{"rendered":"Sklavenmarkt Libyen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Lebensbedingungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Nordafrika sind \u00adgrausam. Doch Medien und IOM spielen falsch. Derweil lebt die \u00bbInternationale Organisation f\u00fcr Migration\u00ab von der \u00bbRepatriierung\u00ab Schutzsuchender.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Knut Mellenthin<\/em>. Israel will in n\u00e4chster Zeit rund 38.000 Fl\u00fcchtlinge abschieben, die schon vor mehreren Jahren illegal ins Land kamen und seither dort leben. Einige haben Arbeitspl\u00e4tze gefunden, andere hausen nahezu mittellos in Armenvierteln im S\u00fcden von Tel Aviv oder im Lager Cholot in der Negev-W\u00fcste. Ihre Herkunftsl\u00e4nder sind haupts\u00e4chlich Eritrea, der Sudan und der S\u00fcdsudan. Aber abgeschoben werden sollen sie nach Uganda und Ruanda.<\/p>\n<p>In Libyen werden Fl\u00fcchtlinge auf Sklavenm\u00e4rkten versteigert. Dar\u00fcber berichtete\u00a0<em>CNN<\/em>\u00a0am 15. November und dokumentierte den Vorgang durch einen Videofilm mit versteckter Kamera. Nach eigener Darstellung hatte der US-Fernsehsender extra ein Team zu Recherchen in das nordafrikanische K\u00fcstenland geschickt, nachdem ihm unscharfe Handyaufnahmen zugespielt worden waren.<\/p>\n<p>Die Reaktionen der Mitverantwortlichen f\u00fcr die Zust\u00e4nde in Libyen erfolgten mit einigen Tagen Versp\u00e4tung oder lassen immer noch auf sich warten. Zwar versprach die international anerkannte Regierung in der Hauptstadt Tripolis umgehend eine \u00bbUntersuchung der Vorw\u00fcrfe\u00ab, als h\u00e4tte sie davon zum ersten Mal geh\u00f6rt und m\u00fcsste an deren Wahrheitsgehalt zweifeln. Aber unter den EU-Staaten preschte Frankreich vor, als es am Mittwoch \u2013 eine volle Woche nach der\u00a0<em>CNN<\/em>-Ver\u00f6ffentlichung \u2013 durch seinen Au\u00dfenminister Jean-Yves Le Drian bekanntgeben lie\u00df, dass eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats beantragt sei. Weil die Sache wirklich dringlich ist, k\u00f6nnte das Gremium vielleicht schon in der n\u00e4chsten Woche dar\u00fcber sprechen. In der Nationalversammlung drohte Le Drian sogar mit internationalen Sanktionen, falls \u00bbdas libysche Justizsystem\u00ab nicht in der gew\u00fcnschten Weise aktiv w\u00fcrde. Welches Justizsystem in dem durch die NATO-Intervention von 2011 desorganisierten Land ohne Zentralmacht er meinte, lie\u00df der franz\u00f6sische Au\u00dfenminister offen.<\/p>\n<p>Dass in Libyen regelrechte Sklavenm\u00e4rkte wie vor Jahrhunderten stattfinden sollen, ist in Wirklichkeit trotz der \u00fcberraschten Gesichter keine Neuigkeit. Die gleiche Geschichte, wenn auch ohne Video, war schon einmal um den 10. April dieses Jahres herum Thema der meisten Medien. Ausgangspunkt war damals ein Bericht der Internationalen Organisation f\u00fcr Migration (IOM). Die unter wechselnden anderen Namen schon seit 1951 existierende IOM ist im Grunde ein privater Dienstleister. Seit 2016 hat sie den Status einer der UNO nahestehenden K\u00f6rperschaft, ist aber kein Teil der Vereinten Nationen. Das wird in den Medien des Mainstreams oft ignoriert. Zu den standardm\u00e4\u00dfigen Dienstleistungen der IOM geh\u00f6rt neben der Durchf\u00fchrung von Massenabschiebungen Gefl\u00fcchteter in ihre Heimatl\u00e4nder oder andere Zielgebiete auch die Produktion von \u00bbvorbeugender Abschreckung\u00ab. Das schlie\u00dft die Herstellung und Verbreitung von Filmen ein, in denen potentiell Flucht- und Auswanderungswilligen \u00bbvor Augen gef\u00fchrt\u00ab wird, \u00bbwas sie erwartet\u00ab.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht automatisch, dass die IOM Falschmeldungen verbreitet. Die Verh\u00e4ltnisse sind schlimm genug, um immer wieder schockierende Beispiele in der Realit\u00e4t zu finden. Andererseits muss davon ausgegangen werden, dass die Organisation zumindest in der Vergangenheit Propagandafilme mit gestellten Szenen produziert hat. Ein Anfangsverdacht, dass auch bei dem von\u00a0<em>CNN<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichten Film \u00bbnachgeholfen\u00ab wurde, kann nicht ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p>\u00d6ffentliche Sklavenm\u00e4rkte in libyschen St\u00e4dten sind unter praktischen Gesichtspunkten eher unwahrscheinlich. Das US-Nachrichtenmagazin\u00a0<em>Time<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichte schon am 21. Oktober 2016 eine Fotogeschichte unter dem Titel \u00bbLibya\u2019s Migrant Economy Is a Modern Day Slave Market\u00ab (\u00bbLibyens Migrantenwirtschaft ist ein moderner Sklavenmarkt\u00ab). Um Sklavenm\u00e4rkte im historischen Wortsinn ging es dabei jedoch nicht. Menschen k\u00e4uflich als dauerhaftes Eigentum zu erwerben macht unter kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen nur in Ausnahmef\u00e4llen Sinn. Bei der\u00a0<em>Time<\/em>-Story ging es haupts\u00e4chlich um zwangsgest\u00fctzte Tagel\u00f6hnerverh\u00e4ltnisse wie etwa im folgenden Beispiel: Die IOM meldete im M\u00e4rz 2015 den erfolgreichen Abschluss einer von ihr in mehreren Sch\u00fcben durchgef\u00fchrten Abschiebungsaktion. Insgesamt hatte der Dienstleister nach eigenen Angaben seit dem 27. Februar 401 Senegalesen in ihr Heimatland zur\u00fcckbringen lassen. Sie waren in Libyen \u00bbgestrandet\u00ab, nachdem sie monatelang auf Baustellen gearbeitet hatten, aber im Dezember 2014 aus irgendwelchen Gr\u00fcnden nicht mehr ben\u00f6tigt wurden. Sie wurden bei n\u00e4chtlichen Razzien festgenommen und zusammen mit anderen Tagel\u00f6hnern zun\u00e4chst in einem Geb\u00e4udekomplex gefangengehalten und von ihren Bewachern ausgepl\u00fcndert, bevor sie die IOM-Formulare mit der \u00bbfreiwilligen\u00ab Bitte um Hilfe bei der Heimreise unterschrieben. An der Massenabschiebung waren neben der IOM auch der Libysche Rote Halbmond und das Libysche Direktorat zur Bek\u00e4mpfung Illegaler Migation (DCIM) in Tripolis beteiligt. Letzteres ist einer der wichtigsten Partner der EU bei der radikalen Eind\u00e4mmung der Migrationsbewegungen nach Europa.<\/p>\n<p>Die offizielle Fl\u00fcchtlingsorganisation der UNO, das B\u00fcro des UNHCR, sch\u00e4tzte die Zahl der Menschen in Libyen, die \u00bbhumanit\u00e4re Hilfe\u00ab ben\u00f6tigen, in einer Presseerkl\u00e4rung vom 23. Oktober des laufenden Jahres auf 1,3 Millionen. In einer fr\u00fcheren Meldung derselben Stelle vom 12. September war angegeben, dass die UN-Organisation in Libyen mehr als 535.000 Menschen Beistand und Schutz leiste. Im einzelnen handele es sich um 226.000 im eigenen Land gefl\u00fcchtete oder vertriebene Libyer, 267.000 in ihre Wohnorte zur\u00fcckgekehrte, aber immer noch hilfsbed\u00fcrftige Libyer sowie 42.834 beim UNHCR registrierte Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende aus dem Ausland.<\/p>\n<p>Diese Zahl ist unglaublich niedrig, denn die Zahl der Gefl\u00fcchteten und Migranten in Libyen wird auf ungef\u00e4hr 700.000 gesch\u00e4tzt. Viele kommen immer noch, weil sie im Land ihre Arbeitskraft anbieten wollen, ohne eine Weiterreise nach Europa zu planen. Mehr als eine Million ausl\u00e4ndische Arbeiter, \u00fcberwiegend aus anderen L\u00e4ndern Afrikas, gab es zur Regierungszeit von Muammar Al-Ghaddafi. Schon damals waren die \u00bbSchwarzafrikaner\u00ab h\u00e4ufig Opfer rassischer Diskriminierung und Gewalt, vor allem aber wurden sie es nach dem Sturz des Staatschefs.<\/p>\n<p><strong>Hauptaufgabe Abschiebung<\/strong><\/p>\n<p>Die Zahl der ausl\u00e4ndischen Fl\u00fcchtlinge, die in libyschen Lagern gefangen gehalten werden, wird auf etwa 20.000 gesch\u00e4tzt. Das ist mehr als eine Verdoppelung gegen\u00fcber September. Sie wird der h\u00f6heren \u00bbEffektivit\u00e4t\u00ab der libyschen K\u00fcstenwache zugeschrieben, die durch Ausr\u00fcstungs- und Ausbildungshilfe der EU erreicht wurde. In Wirklichkeit muss die Zahl der Fl\u00fcchtlinge, die in Libyen unter Zwangsverh\u00e4ltnissen und Gewalt leben, sehr viel h\u00f6her angegeben werden. Die\u00a0<em>Time<\/em>\u00a0schrieb in ihrem Bericht vom 21. Oktober 2016, dass die Lager nur als \u00bbVerteilungspunkte\u00ab f\u00fcr die Sklavenarbeit dienten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/322340.sklavenmarkt-libyen.html\">jungewelt.de&#8230;<\/a> vom 24. November 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lebensbedingungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Nordafrika sind \u00adgrausam. Doch Medien und IOM spielen falsch. 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