{"id":2768,"date":"2017-11-24T16:19:30","date_gmt":"2017-11-24T14:19:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2768"},"modified":"2018-01-19T17:44:05","modified_gmt":"2018-01-19T15:44:05","slug":"us-niedriglohn-sexuelle-belaestigungen-und-schlechte-arbeitsbedingungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2768","title":{"rendered":"US-Niedriglohn: Sexuelle Bel\u00e4stigungen und schlechte Arbeitsbedingungen"},"content":{"rendered":"<p><em>Jane Slaughter.<\/em> Sexuelle Bel\u00e4stigung widerf\u00e4hrt nicht blo\u00df glamour\u00f6sen Frauen in glamour\u00f6sen Branchen. Da es bei sexueller Bel\u00e4stigung um Macht geht und nicht um Sex, ist es nicht \u00fcberraschend, dass Frauen in sch\u00e4bigen Jobs<!--more--> im Niedriglohnbereich ziemlich viel davon abkriegen.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>Equal Employment Opportunity Commission<\/em>\u00a0(EEOC, eine US-amerikanische Bundesbeh\u00f6rde zur Untersuchung von arbeitsplatzbezogenen Diskriminierungsvorw\u00fcrfen, d.\u00dc.) sagt, dass das Hotel- und Gastst\u00e4ttengewerbe die gr\u00f6\u00dfte Quelle von Klagen wegen sexueller Bel\u00e4stigung ist. In einer landesweiten Untersuchung mit 4.300 Restaurantbesch\u00e4ftigten durch die Anlaufstelle\u00a0<em>Restaurant Opportunities Center United<\/em>\u00a0(ROC) berichtete mehr als jeder\/jede zehnte, selbst sexuelle Bel\u00e4stigung erfahren oder dies bei KollegInnen beobachtet zu haben. ROC geht davon aus, dass diese besorgniserregende\u00a0Zahl h\u00f6chstwahrscheinlich noch deutlich zu niedrig ist.<\/p>\n<p>Gespr\u00e4chsgruppen und Interviews, die ROC landesweit durchgef\u00fchrt hat, zeigen sexuelle Bel\u00e4stigung als \u00bbakzeptierten Teil der Kultur\u00ab. Eine Arbeiterin sagte: \u00bbEs ist unvermeidlich. Wenn es keine verbale Attacke ist, will sich jemand an Dir reiben.\u00ab<\/p>\n<p>ROC hat Schlichtungsverfahren des EEOC und Urteile zu sexueller Bel\u00e4stigung aus vier Jahren ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, das vor allem gegen bekannte Ketten Klage erhoben wurde, darunter McDonalds (mit 16 Prozent der F\u00e4lle deutlicher Spitzenreiter), KFC, Sonic, IHOP, Applebee\u2019s, Cracker Barrel, Ruby Tuesday und Denny\u2019s.<\/p>\n<p>Meist wurden die ArbeiterInnen t\u00e4glich missbraucht und bel\u00e4stigt und waren mit Vergeltungsma\u00dfnahmen f\u00fcr ihre Beschwerden konfrontiert.<\/p>\n<p>Jenny Brown von den\u00a0<em>Labor Notes<\/em>, die jetzt f\u00fcr die feministische NGO\u00a0<em>National Womens Liberation<\/em>\u00a0arbeitet, betont, dass die d\u00fcsteren Statistiken f\u00fcr Gastronomiebesch\u00e4ftigte mit der Art und Weise ihrer Bezahlung zusammenh\u00e4ngen: Trinkgelder.<\/p>\n<p>ROC schilderte in einem Bericht 2014, \u00bbdass mehrheitlich weibliche Belegschaften sich das Wohlgefallen und die Gunst der Kundschaft erarbeiten m\u00fcssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen\u00ab. M\u00e4nner nutzen das mit aufdringlichen Fragen, Gesten, mit Grapschen und sogar mit Stalking aus. \u00bbDummerweise ist das zur gesellschaftlichen Normalit\u00e4t geworden, wir alle haben das akzeptiert und wir alle hassen das\u00ab, sagte eine Barkeeperin dem ROC.<\/p>\n<p>Manager neigen dazu, sich auf die Seite der Kundschaft zu schlagen, wenn Besch\u00e4ftigte sich beschweren. Eine Bedienung berichtete vom Kommentar ihres Chefs: \u00bbNa ja, diese Leute zahlen viel Geld f\u00fcr unseren Service, und, guck mal, w\u00fcrde es denn wehtun, ein bisschen zu l\u00e4cheln, ein bisschen freundlicher zu ihnen zu sein?\u00ab<\/p>\n<p><strong>Auf dem Feld<\/strong><\/p>\n<p>Eine Feldarbeiterin beschreibt die Regeln auf dem Acker als vergleichbar mit denen im Restaurant: \u00bbDu l\u00e4sst es zu, oder sie schmei\u00dfen Dich raus.\u00ab Eine Untersuchung der Situation von Landarbeiterinnen kam 2010 zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent sexuelle Bel\u00e4stigung bei der Arbeit erlebt hatten. Landarbeiterinnen sind besonders verwundbar, wenn sie von einzelnen Vorarbeitern eingestellt und bezahlt werden, die damit direkte Kontrolle \u00fcber ihren Lebensunterhalt haben.<\/p>\n<p>Reinigungskr\u00e4fte sind ein weiteres typisches Beispiel aus dem Niedriglohnbereich, wie Sonia Singh dieses Jahr dargestellt hat. Sie sind \u00fcberwiegend weiblich und arbeiten oft sp\u00e4t abends an isolierten Arbeitspl\u00e4tzen. Die PBS-Dokumentation \u00bbVergewaltigung in der Nachtschicht\u00ab von 2015 zeigte, wie weit verbreitet und unterbelichtet sexualisierte Gewalt f\u00fcr Putzkr\u00e4fte ist.<\/p>\n<p>Im Mai 2016 setzte die Gewerkschaft\u00a0<em>United Service Workers West (USWW)\u00a0<\/em>einen neuen Rahmenvertrag in Kalifornien durch, der Kurse zum Thema sexuelle Bel\u00e4stigung f\u00fcr Vorabeiter und Besch\u00e4ftigte vorsieht, und der gew\u00e4hrleistet, dass ArbeiterInnen die M\u00f6glichkeit haben, sich bei F\u00fchrungskr\u00e4ften oberhalb ihrer unmittelbaren Vorgesetzten zu beschweren.<\/p>\n<p>Die USWW experimentierte bei den Kursen mit dem Einsatz eines Telenovela-\/Seifenopernformats, das unterbrochen werden konnte, um sich \u00fcber die gerade gesehenen Szenen auszutauschen.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaft arbeitete auch mit PolitikerInnen zusammen, um ein Gesetz f\u00fcr den Bundesstaat zu entwickeln, den\u00a0<em>Property Services Worker Protection Act<\/em>. Sie gewann B\u00fcrgermeisterInnen und gewerkschaftlich organisierte Unternehmen als Unterst\u00fctzung und finanzierte Plakatw\u00e4nde mit der Aufschrift \u00bbBeendet die Vergewaltigungen in der Nachtschicht\u00ab an strategisch bedeutenden Orten. Als nicht sicher war, ob Gouverneur Jerry Brown das Gesetz unterzeichnen w\u00fcrde, entschieden sich einige f\u00fcr eine Fastenaktion: Zw\u00f6lf Betroffene von sexualisierter Gewalt und Bel\u00e4s\u00adtigung am Arbeitsplatz begannen ihren Hungerstreik vor dem Capitol. Viele von ihnen verlasen offene Briefe an ihre Angreifer. Die meisten hatten vorher nie \u00f6ffentlich \u00fcber ihre Geschichte gesprochen. Nachdem die Gruppe f\u00fcnf Tage lang gefastet hatte, unterzeichnete Brown das Gesetz, das 2019 in Kraft treten wird. Es verpflichtet Reinigungs- und Sicherheitsdienste, Besch\u00e4ftigte und F\u00fchrungskr\u00e4fte zu sexualisierter Gewalt und Bel\u00e4stigung zu schulen.<\/p>\n<p><strong>Im Hotelzimmer<\/strong><\/p>\n<p>Die vermutlich am st\u00e4rksten von unmittelbaren \u00dcbergriffen betroffene Gruppe bilden Reinigungskr\u00e4fte im Hotel. Offenbar denken m\u00e4nnliche G\u00e4ste, dass eine Frau, die sich in einem Schlafzimmer aufh\u00e4lt, verf\u00fcgbar sein muss. Jenny Brown schreibt: \u00bbArbeiterinnen berichten, dass m\u00e4nnliche Kunden sich entbl\u00f6\u00dfen, dass sie versuchen, sexuelle Dienste zu kaufen, dass sie grapschen und tatschen, und in manchen F\u00e4llen versuchen, sie zu vergewaltigen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbKunden bieten Geld f\u00fcr Massagen \u2013 aber sie wollen keine Massage, sie wollen etwas anderes\u00ab, sagt Eliza\u00adbeth Moreno, eine 18-j\u00e4hrige Hotelbesch\u00e4ftigte aus Chicago. Wenn sie Lieferungen des Zimmerservice bringt, kommen m\u00e4nnliche G\u00e4ste gelegentlich nackt an die T\u00fcr, sagt sie.<\/p>\n<p>Das Problem ist so weit verbreitet, dass Hotelbesch\u00e4ftigte auf Hawaii und in San Francisco sich gegen Bestrebungen des Managements gewehrt haben, ihnen das Tragen von R\u00f6cken vorzuschreiben. Die Arbeiterinnen sagten, dass die Uniformen sie angreifbarer f\u00fcr Grabscher machen in einem Beruf, der es n\u00f6tig macht, dass man sich \u00fcber Betten, Wannen und Fu\u00dfb\u00f6den b\u00fcckt.<\/p>\n<p>Im New Yorker Sofitel, wo Dominique Strauss-Kahn, damals Vorsitzender des Internationalen W\u00e4hrungsfonds, 2011 eine Reinigungskraft in einem Raum f\u00fcr 3.000 Dollar pro Nacht angriff, hat die Gesch\u00e4ftsleitung einer Gewerkschaftsvertreterin zufolge die Uniform mit Rock zugunsten von Hosen und Blusen abgeschafft.<\/p>\n<p>Die Sicherheit der Reinigungs- und Servicekr\u00e4fte wird gef\u00e4hrdet durch Personalk\u00fcrzungen, die die Frauen bei der Arbeit isoliert. Hawaiianische Hotelbesch\u00e4ftigte in der \u00bbWendeschicht\u00ab, zu der es geh\u00f6rt, am Abend in die Zimmer zu gehen, um Vorh\u00e4nge zuzuziehen und Betten zu machen, haben bislang paarweise gearbeitet. Jetzt verlangt die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung von ihnen, allein zu arbeiten, und sie sagen, dass sie sich daher unsicher f\u00fchlen.<\/p>\n<p>In Chicago haben Arbeiterinnen f\u00fcr das Recht gek\u00e4mpft, die Zimmert\u00fcr mit ihrem Servicewagen am Zufallen zu hindern, solange sie das Zimmer reinigen. Manche Gesch\u00e4ftsleitungen bezeichneten das als \u00bbunprofessionell\u00ab oder behaupteten, es w\u00fcrde Diebstahl von Gegenst\u00e4nden aus dem Zimmer erleichtern.<\/p>\n<p>\u00bbWenn wir das Wasser laufen lassen, h\u00f6ren wir nicht, wenn der Gast reinkommt\u00ab, sagt Moreno. In ihrem gewerkschaftlich organisierten Hotel wird die Zimmerreinigung von einer Vorarbeiterin beaufsichtigt, wenn ein Gast anwesend ist.<\/p>\n<p><strong>Und das Management lacht<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Strauss-Kahn-Vorfall veranstaltete die Gewerkschaft UNITE HERE Kundgebungen in acht St\u00e4dten. \u00bbDiese Kunden glauben, sie k\u00f6nnen uns f\u00fcr alles benutzen, weil wir nicht ihre Macht und nicht ihr Geld haben\u00ab, sagt Yazmin Vazquez, die in Chicago im Zimmerservice arbeitet.<\/p>\n<p>Eine 30-j\u00e4hrige Besch\u00e4ftigte in Indianapolis, die als \u00bbG\u00e4stel\u00e4uferin\u00ab in der Abendschicht arbeitet, brachte Handt\u00fccher und Shampoo zu G\u00e4sten, die danach verlangt hatten. Sie berichtete, dass sie zweimal pro Woche mit M\u00e4nnern konfrontiert ist, die nackt zur T\u00fcr kommen, sie anmachen oder Schlimmeres. Die Mitglieder des Managements wussten das, sagte sie, wischten es aber meist mit einem Lachen beiseite.<\/p>\n<p>Die Hotelbesch\u00e4ftigte Andria Babbington aus Toronto berichtete ebenfalls von lachenden Managern als Reaktion auf ihre Beschwerde \u00fcber einen nackten Gast, der von ihr shampooniert werden wollte.<\/p>\n<p>\u00bbHotels sind Komplizen in einer Kultur des Schweigens\u00ab, sagt Annemarie Strassel von UNITE HERE. \u00bbDie Pr\u00e4misse ist, dass der Gast immer Recht hat.\u00ab Kommt der Wille der Gesch\u00e4ftsleitung hinzu, den G\u00e4sten zu gefallen und aufmerksamkeitserregende Vorf\u00e4lle unter den Teppich zu kehren, f\u00fchlen sich viele Arbeiterinnen unter Druck, Beleidigungen und \u00dcbergriffe als Teil ihrer Arbeit zu ertragen.<\/p>\n<p>Wenn Arbeiterinnen das Fehlverhalten von G\u00e4sten melden, wird selten die Polizei verst\u00e4ndigt. \u00bbEgal was wir sagen, das Management wird stets den Gast respektieren\u00ab, sagte Hortensia Valeria bei der Kundgebung in Chicago.<\/p>\n<p>Gleichwohl wurde Strauss-Kahn von der Polizei verhaftet (auch wenn die Anklage sp\u00e4ter fallen gelassen wurde) und kurz danach auch der \u00e4gyptische Bankier Mahmoud Abdel-Salam Omar, der von einer Haushaltshilfe eines \u00e4hnlichen Vergehens beschuldigt wurde. Beide New Yorker Frauen waren Gewerkschaftsmitglieder.<\/p>\n<p>Ebenso wie es jetzt durch die Flut an Berichten \u00fcber den Medienmogul Harvey Weinstein geschieht, machte das damalige \u00f6ffentliche Interesse es leichter f\u00fcr Arbeiterinnen, \u00fcber \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle zu sprechen. Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen beider Hotels versprachen, die Besch\u00e4ftigten mit Alarmkn\u00f6pfen auszustatten.<\/p>\n<p><strong><em>Quelle<\/em><\/strong><em>: Labor Notes, Online-Ausgabe vom 13. Oktober 2017, online unter:\u00a0<\/em><em><a href=\"http:\/\/labornotes.org\/2017\/10\/no-casting-couch-low-wage-women-lots-sexual-harassment\">http:\/\/labornotes.org\/2017\/10\/no-casting-couch-low-wage-women-lots-sexual-harassment\u00a0<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u00dcbersetzung<\/em><\/strong><em>: Stefan Schoppengerd<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/usa\/arbeitsbedingungen-usa\/keine-casting-couch-fuer-gering-entlohnte-frauen-aber-jede-menge-sexuelle-belaestigung\/\">labournet.de&#8230;<\/a><\/em><em> vom 24. November 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jane Slaughter. Sexuelle Bel\u00e4stigung widerf\u00e4hrt nicht blo\u00df glamour\u00f6sen Frauen in glamour\u00f6sen Branchen. 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