{"id":2781,"date":"2017-11-27T14:23:07","date_gmt":"2017-11-27T12:23:07","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2781"},"modified":"2017-11-27T14:23:07","modified_gmt":"2017-11-27T12:23:07","slug":"streiks-bei-amazon-und-ihre-bedeutung-im-globalisierten-klassenkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2781","title":{"rendered":"Streiks bei Amazon und ihre Bedeutung im globalisierten Klassenkampf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Online-Handel:\u00a0Die Streiks bei Amazon haben zentrale Bedeutung f\u00fcr die Zukunft der Arbeiterrechte im digitalen Kapitalismus.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>J\u00f6rn Boewe, Johannes Schulten.<\/em>\u00a0Seit viereinhalb Jahren k\u00e4mpfen Amazon-Besch\u00e4ftigte mit ihrer Gewerkschaft Verdi in den deutschen Versandzentren des gr\u00f6\u00dften Onlineh\u00e4ndlers der Welt f\u00fcr einen Tarifvertrag. Z\u00e4hlt man die Streiktage zusammen, kommt man auf mehr als ein halbes Jahr. In diesen Tagen, da das Weihnachtsgesch\u00e4ft an Fahrt aufnimmt, t\u00fcrmt sich schon die n\u00e4chste Streikwelle auf. Seit Ende September legten in den meisten deutschen Versandzentren Hunderte Besch\u00e4ftigte die Arbeit nieder. Und das, obwohl Amazon die Stundenl\u00f6hne gerade erst um 26 Cent angehoben hat. Offenkundig ein unmittelbarer Effekt des Arbeitskampfes, der \u2013 so viel steht jetzt schon fest \u2013 als einer der z\u00e4hsten und langwierigsten in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eingehen wird.<\/p>\n<p>Dabei ist der Ausgang der Auseinandersetzung nach wie vor v\u00f6llig ungewiss. Das liegt daran, dass es sich eben nicht in erster Linie um einen Lohnkonflikt handelt, und um die Frage, ob Amazon den Fl\u00e4chentarifvertrag des Einzel- und Versandhandels oder jenen der Logistikwirtschaft anwenden soll. Ginge es im Kern tats\u00e4chlich darum, w\u00e4re der Streit wohl l\u00e4ngst beendet.<\/p>\n<p><strong>Zeitenwende in Bad Hersfeld<\/strong><\/p>\n<p>In Wahrheit dreht sich der Kampf aber eben nicht um ein paar hundert Euro mehr oder weniger im Jahr: Der Weltmarktf\u00fchrer des Onlinehandels weigert sich prinzipiell, mit Gewerkschaften Tarifvertr\u00e4ge abzuschlie\u00dfen. Werden bei Amazon auch k\u00fcnftig die Arbeitsbedingungen einseitig durch das zentrale Management festgelegt? Oder sollen sie Ergebnis eines Aushandlungsprozesses sein, an dem die Besch\u00e4ftigten durch eine kollektive, gewerkschaftliche Vertretung beteiligt sind?<\/p>\n<p>Als im Fr\u00fchjahr 2013 hunderte Amazon-Besch\u00e4ftigte im hessischen Bad Hersfeld die Arbeit niederlegten, handelte es sich nicht nur um den ersten Streik bei Amazon in Deutschland, sondern weltweit um den ersten Arbeitskampf in der Geschichte des 1994 gegr\u00fcndeten Unternehmens. Nirgendwo auf der Welt war der Onlineh\u00e4ndler bis dahin je bestreikt worden, nirgends hatte er sich je auf Tarifverhandlungen mit Gewerkschaften eingelassen oder gar einen Kollektivvertrag abgeschlossen. Das ist bis heute so und soll aus Sicht des Unternehmens so bleiben. Die Auseinandersetzung mit Verdi ist daher von fundamentaler Bedeutung. Ein Tarifvertrag in Deutschland h\u00e4tte Signalwirkung auch f\u00fcr andere L\u00e4nder. Amazon will einen Pr\u00e4zedenzfall deshalb unbedingt vermeiden.<\/p>\n<p>Das Unternehmen reagiert aggressiv auf jegliche Form von gewerkschaftlichem Einfluss, und sieht Gewerkschaften durch eine sehr US-amerikanische Brille: Verdi besteht demnach nicht aus den dort organisierten Besch\u00e4ftigten, ist nicht etwa Teil der eigenen Belegschaft, sondern eine \u201edritte Partei\u201c, die sich von au\u00dfen zwischen Management und Mitarbeiter dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Genau das ist aber nicht der Fall. Wer einmal einen Streik in Bad Hersfeld oder Leipzig miterlebt, wird auf lebendiges gewerkschaftliches Leben sto\u00dfen, wie es h\u00e4ufig nicht einmal in vielen deutschen gewerkschaftlichen Hochburgen zu finden ist \u2013 und das trotz widriger Bedingungen, massiver Angriffe und Einsch\u00fcchterungen.<\/p>\n<p>Sicher, die gewerkschaftlich organisierten und regelm\u00e4\u00dfig an Streiks beteiligten Besch\u00e4ftigten sind im Unternehmen eine Minderheit und stehen unter enormem Druck. Dennoch sind \u00fcber Jahre hinweg an vielen Standorten selbstbewusste und erfahrene Verdi-Betriebsgruppen gewachsen, die deutlich mehr sind als Hilfstruppen des hauptamtlichen Verdi-Apparats. Nicht dieser pr\u00e4gt bei Amazon das Gesicht der Gewerkschaft, sondern die zahlreichen aktiven Besch\u00e4ftigten und die gewerkschaftlichen Vertrauensleute. Sie werben Mitglieder, stehen Kollegen bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite, sind als Streikleitung ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Organisation, Durchf\u00fchrung und Planung der Arbeitsk\u00e4mpfe zust\u00e4ndig und vernetzen sich betriebs\u00fcbergreifend, auch mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zu Verdi ist solidarisch, w\u00e4hrend zugleich die eigene Unabh\u00e4ngigkeit betont wird. Das f\u00fchrt auch zu Konflikten. Denn die aktive Basis fordert manchmal mehr Beteiligung ein, als es die eingespielte Gewerkschaftskultur normalerweise vorsieht. Ein zust\u00e4ndiger Gewerkschaftssekret\u00e4r bringt diesen Widerspruch auf den Punkt: \u201eWir haben als Verdi bei Amazon bewusst auf Organizing gesetzt. Die Folge ist, dass wir jetzt eine Belegschaft haben, die manchmal mehr m\u00f6chte als die Gewerkschaft. Das ist f\u00fcr uns nicht immer einfach.\u201c Insgesamt hat sich der Arbeitskampf auf hohem Niveau stabilisiert: Wurde im ersten Jahr des Konflikts an 18 Tagen gestreikt, waren es 2014 schon rund 25 Tage. Im Jahr 2016 wurde an 51 Tagen die Arbeit niedergelegt, ein Trend, der in diesem Jahr anhalten d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>So beeindruckend die Fortschritte auch sind, sie k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass Verdi mit enormen Problemen konfrontiert ist. Amazon hat sich in den vergangenen Jahren als lernf\u00e4higes Unternehmen erwiesen und begonnen, die Widerst\u00e4nde, auf die Verdi st\u00f6\u00dft, gezielt zu instrumentalisieren und zum eigenen Vorteil in der Auseinandersetzung zu nutzen.<\/p>\n<p>Amazon rekrutiert Personal in strukturschwachen Regionen. Viele Besch\u00e4ftigte kommen aus der Arbeitslosigkeit oder hatten vorher andere prek\u00e4re Jobs, etwa in der Logistik, dem Einzelhandel oder auf dem Bau. Im Vergleich dazu hat die Arbeit bei Amazon Vorteile: Die L\u00f6hne befinden sich meist \u00fcber dem regionalen Durchschnitt f\u00fcr vergleichbare T\u00e4tigkeiten und kommen p\u00fcnktlich. Es handelt sich um Vollzeitarbeitsverh\u00e4ltnisse, anders als etwa im Einzelhandel, wo der Anteil der Minijobs und unfreiwilligen Teilzeitarbeitsverh\u00e4ltnisse inzwischen bei fast 50 Prozent liegt.<\/p>\n<p><strong>Osteuropa als Packtisch<\/strong><\/p>\n<p>Ein Jahr nach Beginn der Streiks in Deutschland begann Amazon seine Expansion nach Osteuropa. 2014 wurden in Polen drei Zentren er\u00f6ffnet, in steuerbeg\u00fcnstigten Sonderwirtschaftszonen in N\u00e4he zur deutschen Grenze und in gro\u00dfem Stil von der EU subventioniert. In der Tschechischen Republik gibt es seit 2013 ein Retourenzentrum in der N\u00e4he des Prager Flughafens. Im Herbst 2015 wurde in unmittelbarer N\u00e4he ein weiteres Versandzentrum er\u00f6ffnet, der Bau eines weiteren bei Brno ist in Planung. Entgelte und Arbeitszeiten liegen weit unter den deutschen Standards, die Stundenl\u00f6hne bei rund einem Viertel der deutschen. Auf die nationalen M\u00e4rkte in Polen und Tschechien hat es Amazon dabei nicht prim\u00e4r abgesehen. Osteuropa dient praktisch ausschlie\u00dflich als verl\u00e4ngerter Packtisch f\u00fcr den deutschen und \u00f6sterreichischen Markt.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Google, Facebook, Apple und Microsoft geh\u00f6rt Amazon zu den \u201eBig Five\u201c, die heute das Internet beherrschen. Aber vielleicht mehr noch als die anderen versucht das Vorzeigeunternehmen aus Seattle, die Arbeitsbedingungen im digitalen Kapitalismus neu zu definieren. Amazon denkt dabei strategisch, langfristig und konsequent. Genau das muss auch Verdi tun, und zwar im Verbund mit der internationalen Gewerkschaftsbewegung.<\/p>\n<p>Amazon ist nicht irgendein Unternehmen, sondern einer der wichtigsten transnationalen Konzerne unserer Zeit und Trendsetter f\u00fcr Arbeits- und Fabrikorganisation im digitalen Kapitalismus. Der Streik der Amazon-Besch\u00e4ftigten f\u00fcr ihr Recht auf Tarifvertr\u00e4ge ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr die Frage, welche Standards in den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital im 21. Jahrhundert als normal gelten werden. Dringend br\u00e4uchte es auf Seiten der Gewerkschaft deshalb branchen\u00fcbergreifende strategische Planung: Amazon ist l\u00e4ngst nicht mehr nur Versandh\u00e4ndler, sondern auch Logistiker, Medienunternehmen, IT-Dienstleister, Hersteller von Hard- und Software und demn\u00e4chst mit einer eigenen Luft- und Schiffsflotte unterwegs. Mindestens 6 der 13 Fachbereiche von Verdi sind von den Aktivit\u00e4ten des Konzerns betroffen.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt wenig dazu, sich vorzustellen, wie bald auch Logistikunternehmen, bei denen noch tarifliche Standards gelten, unter Druck gesetzt werden. Bei DHL, wo bisher ein Gro\u00dfteil der Amazon-Bestellungen abgewickelt wird, bekommt man schon kalte F\u00fc\u00dfe. Doch eine Koordination der verschiedenen Verdi-Fachbereiche findet bisher praktisch nicht statt. Ideen und Wissen sind durchaus vorhanden \u2013 nicht zuletzt bei den Verdi-Vertrauensleuten in den Versandzentren, die in den vergangenen Jahren wertvolle Erfahrungen gesammelt haben. Die Gewerkschaft hat durchaus noch Tr\u00fcmpfe auf der Hand. Sie muss sie nur klug ausspielen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/tarifvertraege-fuer-die-welt\">freitag.de&#8230;<\/a> vom 27. November 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Online-Handel:\u00a0Die Streiks bei Amazon haben zentrale Bedeutung f\u00fcr die Zukunft der Arbeiterrechte im digitalen Kapitalismus.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,29,39,16,45,17],"class_list":["post-2781","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-deutschland","tag-freihandel","tag-neoliberalismus","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2781"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2781\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2782,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2781\/revisions\/2782"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}