{"id":2791,"date":"2017-12-01T09:42:06","date_gmt":"2017-12-01T07:42:06","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2791"},"modified":"2017-12-01T09:42:06","modified_gmt":"2017-12-01T07:42:06","slug":"aegypten-krieg-und-blutbaeder-auf-der-sinai-halbinsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2791","title":{"rendered":"\u00c4gypten: Krieg und Blutb\u00e4der auf der Sinai-Halbinsel"},"content":{"rendered":"<p><em>Hovhannes Gevorkian.<\/em> <strong>\u201eLeichen stapelten sich \u00fcber mir. Auf jeden, bei dem sie sich nicht sicher waren, schossen sie noch einmal.\u201d Hintergr\u00fcnde des Massakers in der Al-Rawda-Moschee, das \u00fcber 305 Menschenleben forderte.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wenn der Winter kommt, f\u00e4llt die Temperatur manchmal so weit unter den Gefrierpunkt, dass sich die Menschen kaum mehr auf die Stra\u00dfen trauen. Schlimmer als jeder meteorologische ist allerdings der reaktion\u00e4re politische Winter im heutigen \u00c4gypten unter dem Diktator Abdel Fattah al-Sissi. Durch einen milit\u00e4rischen Putsch im Jahre 2013 an die Macht gekommen, erstickte er nicht nur endg\u00fcltig den revolution\u00e4ren Prozess der Massen, die im Zuge des Arabischen Fr\u00fchlings auf die Stra\u00dfen gegangen waren, sondern etablierte ein klassisches bonapartistisches Regime, das seither f\u00fcr Unterdr\u00fcckung und Repression steht. Das Los der \u00e4gyptischen Massen w\u00e4re wohl ein leichteres, wenn dieser politische Winter sie nur zu Hause einsperren w\u00fcrde \u2014 stattdessen jagt der Terror der islamistischen Gruppen sie bis in die Moscheen hinein und der \u00e4gyptische Staat f\u00fchrt einen gnadenlosen Krieg auf der Sinai-Halbinsel.<\/p>\n<p>All das ist Ergebnis der Diktatur des Milit\u00e4rregimes, welches ma\u00dfgeblich von den imperialistischen M\u00e4chten unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p><strong>Roter Teppich f\u00fcr al-Sissi\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Noch bevor Emmanuel Macron seine libanesische Marionette a.k.a. Ministerpr\u00e4sident namens Saad Hariri zu sich in den Elys\u00e9e-Palast holte, traf er sich etwa einen Monat zuvor schon mit dem \u00e4gyptischen Diktator. Es ist nichts Neues, wenn ein franz\u00f6sischer Staatspr\u00e4sident einen \u00e4gyptischen Diktator empf\u00e4ngt: Das selbe geschah schon mit Husni Mubarak, und auch mit Ghaddafi oder auch Baschar al-Assad. Es ist Merkmal der imperialistischen Staaten, dass sie einen Pakt mit Bluthunden wie al-Sissi schlie\u00dfen, damit ihre Konzerne die besten Bedingungen zur Ausbeutung der lokalen Arbeiter*innenklasse haben. Rund 160 franz\u00f6sische Unternehmen sind in \u00c4gypten t\u00e4tig, die rund 30.000 Besch\u00e4ftigte haben.<\/p>\n<p>Etwa doppelt so viele politische Gefangene sitzen auch in den Gef\u00e4ngnissen des Regimes. Doch das ist kein Grund zur Sorge f\u00fcr die imperialistischen M\u00e4chte. Im Gegenteil: Seit der gewaltsamen Etablierung des bonapartistischen Regimes florieren auch die Gesch\u00e4fte mit den Konzernen des deutschen Imperialismus. 2016 werden sie etwa ein Handelsvolumen von 5,7 Milliarden Euro haben; das sind rund 25 Prozent mehr als vor zwei Jahren.<\/p>\n<p>Diese Wirtschaftsbeziehungen sind teuer erkauft, denn sie finden vor einem Hintergrund statt, wo das Regime jegliche Opposition verboten hat und alle, die nicht mit dem Regime stehen, verfolgt. Das ist Ausdruck der Fragilit\u00e4t, welches charakteristisch ist f\u00fcr Halbkolonien wie \u00c4gypten; noch dazu, wenn wir uns im zehnten Jahr einer Weltwirtschaftskrise befinden. Es ist fast schone eine Schablone der typischen Probleme, mit denen abh\u00e4ngige Halbkolonien zu k\u00e4mpfen haben: Hohes Haushaltsdefizit, die wachsende Auslandsverschuldung und die galoppierende Inflation sind Kernmerkmale der wirtschaftlichen Probleme \u00c4gyptens. Unter diesen Bedingungen k\u00f6nnen die nationalen Bourgeoisien nicht anders, als ein bonapartistisches Regime einzuf\u00fchren,<\/p>\n<p>\u201ewo die \u00f6konomisch herrschende Klasse, zu demokratischen Regierungsmethoden nicht mehr imstande [ist], sich im Interesse der Erhaltung ihres Eigentums gezwungen sieht, das unkontrollierte Kommando des Milit\u00e4r- und Polizeiapparats, mit einem \u201aRetter an der Spitze\u2018 \u00fcber sich zu dulden.\u201d (Leo Trotzki)<\/p>\n<p>Doch im Falle \u00c4gyptens ist das nicht genug. Das Milit\u00e4r besitzt auch Produktionsst\u00e4tten, kaum davon zu sprechen, dass die h\u00f6herrangigen Milit\u00e4rs ebenso zu den reichsten Menschen des Landes z\u00e4hlen. F\u00fcr sie bietet das bonapartistische Regime die\u00a0<em>idealen<\/em>, wenn auch nicht\u00a0<em>optimalen<\/em>\u00a0Voraussetzungen f\u00fcr die Anh\u00e4ufung ihrer Reicht\u00fcmer, w\u00e4hrend im vorletzten Jahr die Auslandsverschuldung auf fast 70 Milliarden USD explodierte. Doch kein Grund zur Sorge, die imperialistischen F\u00e4den halten die herrschende Klasse aufrecht: Erst im Mai 2017 gew\u00e4hrte der Internationale W\u00e4hrungsfonds weitere 1,25 Milliarden USD im Rahmen eines 12 Milliarden USD schweren Paketes frei.<\/p>\n<p>Diese labile, weil nur tempor\u00e4re Stabilit\u00e4t zeichnet sich in der imperialistischen Epoche allerdings auch dadurch aus, dass der nationale Diktator al-Sissis undenkbar w\u00e4re, ohne die Hilfe aus den Metropolen vornehmlich Washingtons, Berlins und Paris. So ist \u00c4gypten im Nahen Osten nach Israel das Land, welches die meisten Finanzhilfen von den USA bekommt.<\/p>\n<p><strong>\u2026rote Blutb\u00e4der f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung<\/strong><\/p>\n<p>Folge dieser instabilen politischen Situation ist auch, dass islamistische Gruppen wie der IS ein Blutbad inmitten einer Moschee auf der Sinai-Halbinsel ausrichten k\u00f6nnen, wo \u00fcber 305 Menschen ermordet werden. Die Terrorangriffe richten sich in der Regel zwar gegen koptische Christ*innen oder auch Tourist*innen, dieses Mal jedoch traf es diejenigen, die in die Moschee wollten, darunter viele Sufis, eine mystische Str\u00f6mung im Islam, viele Alte und Kinder.<\/p>\n<p>Das passiert in einer Region, die seit 2014 praktisch abgeriegelt ist und immer wieder Ziel von Milit\u00e4roperationen des Staates ist. Auch dieses Mal versuchte das Regime H\u00e4rte zu zeigen und flog Luftangriffe auf vermeintliche Stellungen des IS. Allerdings werden dabei auch immer wieder Zivilist*innen Opfer dieser Angriffe. Diese Angriffe, die mit Billigung der imperialistischen M\u00e4chte stattfinden, n\u00e4hren jedoch den Boden, auf dem der Islamismus gedeihen kann, denn sie zerst\u00f6ren jegliche Lebensgrundlagen. Der \u00e4gyptische Staat f\u00fchrt damit einen asymmetrischen Krieg gegen Terrorkommandos des IS immer mit dem gleichen Schema: Auf Terroranschl\u00e4ge wird mit Vergeltung geantwortet. Eine Strategie, die schon jetzt gescheitert ist. Die immer wiederkehrenden Terrorangriffe offenbaren auch, dass der \u00e4gyptische Staat trotz eines hochger\u00fcsteten Polizei- und Milit\u00e4rapparats nicht in der Lage ist, die Sicherheit zu gew\u00e4hrleisten. Einmal mehr demaskiert sich damit der Charakter dieser Organe, deren Ziel nur die Repression \u2026 ist.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/aegypten-krieg-und-blutbaeder-auf-der-sinai-halbinsel\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 1. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hovhannes Gevorkian. \u201eLeichen stapelten sich \u00fcber mir. 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