{"id":2799,"date":"2017-12-02T09:50:04","date_gmt":"2017-12-02T07:50:04","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2799"},"modified":"2017-12-02T09:50:04","modified_gmt":"2017-12-02T07:50:04","slug":"streiks-bei-amazon-in-deutschland-und-italien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2799","title":{"rendered":"Streiks bei Amazon in Deutschland und Italien"},"content":{"rendered":"<p><em>Anna Rombach und Marianne Arens.\u00a0<\/em><strong>Gro\u00dfe Wut und Kampfbereitschaft breitet sich unter Amazon-Arbeitern aus. Das haben die j\u00fcngsten Streiks an mehreren europ\u00e4ischen Amazon-Standorten erneut gezeigt. In den letzten Tagen kam es<!--more--> in Italien, Deutschland, Frankreich und Polen zu Streiks, Aktionen und Protesten. Sie beleuchten die Dringlichkeit einer internationalen und sozialistischen Strategie.<\/strong><\/p>\n<p>Amazon ist bekannt f\u00fcr seine Sklavenbedingungen. In den \u201eFulfillment-Centers\u201c von Amazon schuften weltweit 300.000 Arbeiter. Die\u00a0<em>picker\u00a0<\/em>und <em>packer<\/em>, Kuriere und anderen Besch\u00e4ftigen arbeiten zu miesen L\u00f6hnen unter einem durchgetakteten und l\u00fcckenlos \u00fcberwachten Ausbeuterregime. Das hat zuletzt eine Undercover-Reportage der britischen Zeitung\u00a0<em>Mirror<\/em>\u00a0im Versandhaus Tilbury in S\u00fcdengland offengelegt (siehe: \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2017\/11\/30\/amaz-n30.html\"><strong>Wir sind Menschen, nicht Sklaven oder Tiere<\/strong><\/a>\u201c, auf Englisch).<\/p>\n<p>Am 24. November, dem Schn\u00e4ppchentag Black Friday, laut US-Tradition dem ersten Tag des hei\u00dfen Weihnachtsgesch\u00e4fts, legten Amazon-Besch\u00e4ftigte mehrerer europ\u00e4ischer Standorte gleichzeitig die Arbeit nieder. In Norditalien streikten etwa die H\u00e4lfte der 4000 Arbeiter des Logistikzentrums von Castel San Giovanni (Piacenza). Es war der erste gr\u00f6\u00dfere Streik in einem italienischen Amazon-Zentrum.<\/p>\n<p>In Deutschland wurden die sechs gr\u00f6\u00dferen Amazon-Standorte Bad Hersfeld, Leipzig, Koblenz, Graben, Rheinberg und Werne gleichzeitig bestreikt. In Berlin und Leipzig blockierten mehrere hundert Arbeiter die Amazon-Auslieferung. In Bad Hersfeld, dem \u00e4ltesten deutschen Amazon-Standort, wurden die Besch\u00e4ftigten auch am Montag, dem 27. November, erneut zum Streik aufgerufen. Anlass sollte laut Verdi das hohe Bestellvolumen der so genannten \u201eCyber-Monday Woche\u201c sein.<\/p>\n<p>Auch in Polen kam es zu vereinzelten, spontanen Aktionen w\u00e4hrend der \u201eBlock Black Friday\u201c-Woche. Die Amazon-L\u00f6hne betragen in Polen nur ein Bruchteil der entsprechenden L\u00f6hne in Deutschland. Vor drei Jahren erhielt ein Arbeiter bei einem Stundenlohn von drei Euro und einer 40-Stunden-Woche brutto 500 Euro, netto weniger als 400 Euro pro Monat, w\u00e4hrend der polnische Mindestlohn zu dem Zeitpunkt bei etwa 420 Euro lag. Seither ist der Lohn nur wenig angestiegen, aber der Druck nach Berichten der Arbeiter eher noch schlimmer geworden.<\/p>\n<p>Polen ist ein wahres Paradies f\u00fcr Amazon. Die polnische Regierung hat in Konkurrenz zu den \u00fcbrigen osteurop\u00e4ischen Staaten 14 Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, um ausl\u00e4ndisches Kapital anzulocken. Mit Steuererleichterungen, staatlichen Zusch\u00fcssen und g\u00fcnstigen Krediten haben wechselnde polnische Regierungen internationale Investoren angelockt. Au\u00dferdem finanziert der polnische Staat die Infrastruktur, wie Grundst\u00fccke, Geb\u00e4ude, Stra\u00dfenbau, Kanalisation, etc.<\/p>\n<p>Wie das\u00a0<em>Handelsblatt<\/em>\u00a0schreibt, sucht Amazon zurzeit f\u00fcr vier polnische Standorte insgesamt 10.000 Zeitarbeitskr\u00e4fte, die mit den 9.000 Festangestellten zusammen das Weihnachtsgesch\u00e4ft stemmen sollen. Jedes Jahr stellt Amazon f\u00fcr das Weihnachtsgesch\u00e4ft Abertausende Zeitarbeiter ein. Allein in Deutschland sollen es dieses Jahr 14.000, in den USA 70.000 befristete Stellen sein. Diese Arbeiter schuften unter besonderem Druck, weil ein geringer Prozentsatz von ihnen sp\u00e4ter in ein festes Arbeitsverh\u00e4ltnis \u00fcbernommen wird.<\/p>\n<p>Der globale Charakter der Konzerne legt es von vorneherein nahe, dass Arbeiter ihre K\u00e4mpfe \u00fcber die Landesgrenzen zusammenschlie\u00dfen. Amazon hat seine Pr\u00e4senz in Polen seit 2013 von Null auf heute f\u00fcnf Standorte ausgeweitet, um Streikaktionen in Deutschland zu unterlaufen. Die europ\u00e4ischen Kunden sollen es nicht einmal bemerken, wenn an deutschen Standorten gestreikt wird. So sagte der f\u00fcr den europ\u00e4ischen Markt zust\u00e4ndige Amazon-Manager Tim Collins, die 2013 er\u00f6ffneten Standorte \u202aPozna\u0144 und die zwei Betriebe bei \u202aWroc\u0142aw (Breslau) seien wegen der g\u00fcnstigen geografischen Lage, der guten Anbindung und einer \u201egro\u00dfartigen Besch\u00e4ftigten-Basis\u201c ausgesucht worden.<\/p>\n<p>\u00dcberall brodelt es in den Amazon-Belegschaften. In Frankreich hat es zuletzt spontane Einzelproteste bei Amazon gegeben, doch eine CGT-Entscheidung hat einen organisierten Streik am Standort Lauwin-Planque (Nordfrankreich) kurzfristig verboten. Der Streikverzicht an diesem Standort mit 4000 Besch\u00e4ftigten wurde absurderweise mit einem Man\u00f6ver des Managements begr\u00fcndet. Die Direktion des franz\u00f6sischen Zentrums hatte kurz zuvor Besch\u00e4ftigten eine Pr\u00e4mie versprochen, wenn sie Sicherheitsverst\u00f6\u00dfe von Vorgesetzten melden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Arbeiter stehen im Wesentlichen \u00fcberall vor denselben Problemen und sind mit denselben Zumutungen konfrontiert. Gegen global agierende Konzerne wie Amazon k\u00f6nnen sie ihre Interessen nur international gemeinsam verteidigen. Doch die Gewerkschaften \u2013 allen voran Verdi in Deutschland \u2013 vertreten alle dieselbe bankrotte, kapitalistisch beschr\u00e4nkte Perspektive.<\/p>\n<p>In Deutschland \u00fcbernahm Verdi anfangs 2013 die Initiative bei Amazon, nachdem die Besch\u00e4ftigten in Bad Hersfeld \u00fcber Weihnachten spontan den Kampf gegen unmenschliche Ausbeuterbedingungen aufgenommen hatten. Seither verheizt Verdi systematisch die Tatkraft und Loyalit\u00e4t der Arbeiter, indem sie st\u00e4ndig begrenzte Einzelstreiks um den Abschluss eines Manteltarifvertrags f\u00fchrt. Gleichzeitig versucht Verdi den Konzern davon zu \u00fcberzeugen, dass es auch unternehmerisch sinnvoll sei, die Gewerkschaft als Partner in das Management zu holen.<\/p>\n<p>Solange die Streik-Initiative den Gewerkschaften \u00fcberlassen bleibt, k\u00f6nnen die Arbeiter nichts erreichen. Das haben auch die j\u00fcngsten Streikaktionen wieder gezeigt.<\/p>\n<p>So hat Jeff Bezos, Besitzer und Chef von Amazon, ungeachtet der Streiks seine Profite st\u00e4ndig weiter erh\u00f6ht. Am Black Friday konnte Jeff Bezos seinen obsz\u00f6nen Reichtum\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/11\/28\/pers-n28.html\"><strong>erneut massiv steigern<\/strong><\/a>. Erst im Juli dieses Jahres wurde berichtet, dass Bezos 104 Millionen Dollar am Tag \u201everdient\u201c und mit 85,8 Milliarden Dollar Besitz der zweitreichste Mann der Welt sei. Nach einer Hausse an den Aktienm\u00e4rkten am Black Friday erh\u00f6hte der Multimilliard\u00e4r seinen Reichtum auf \u00fcber 100 Milliarden Dollar und \u00fcberfl\u00fcgelte den jetzt zweitreichsten Mann der Welt, Bill Gates, um 10 Milliarden Dollar.<\/p>\n<p>In einer Minute nimmt Bezos mehr Geld ein, als seine Besch\u00e4ftigten in einem ganzen Jahr verdienen. Mit dieser grotesken Anh\u00e4ufung von Reichtum, erzielt durch brutale Ausbeutung von Hunderttausenden, macht das Beispiel Amazon deutlich, dass die Bedingungen weltweit reif sind f\u00fcr eine sozialistische Umw\u00e4lzung. Dies wird auch durch einen weiteren Aspekt des Systems Amazon erhellt, n\u00e4mlich durch seinen mafi\u00f6sen Umgang mit lokalen H\u00e4ndlern.<\/p>\n<p>Eine\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ardmediathek.de\/tv\/Reportage-Dokumentation\/Das-System-Amazon\/Das-Erste\/Video?bcastId=799280&amp;documentId=47922078\"><strong>ARD-Doku<\/strong><\/a>\u00a0zeigte vergangene Woche, wie der Amazon-Konzern \u2013 selbst der gr\u00f6\u00dfte Verk\u00e4ufer \u2013 die H\u00e4ndler, die f\u00fcr teuer Geld \u00fcber Amazon Marketplace anbieten, als K\u00f6der benutzt, um neue Kunden anzuwerben, und sie anschlie\u00dfend ausbootet. Mehrere H\u00e4ndler und kleinere Unternehmer schildern in dem Dokumentarfilm, auf welche geradezu kriminelle Weise Amazon sie ihrer Kunden und Lieferanten beraubt hat, um sie f\u00fcr den eigenen Gewinn zu nutzen, w\u00e4hrend die H\u00e4ndler in die Insolvenz getrieben wurden.<\/p>\n<p>Diese Schilderungen und die Klagen der kleinen Unternehmer rufen Erinnerungen an eine Szene in dem ber\u00fchmten Roman \u201eDie eiserne Ferse\u201c (1907) von Jack London wach. Im Mittelpunkt der fiktiven Geschichte steht der sozialistische Revolution\u00e4r Ernst Everhard, der als Arbeiter vertraut ist mit \u201eSchmutz und Elend seiner Umgebung, wo K\u00f6rper und Geist gleicherweise Hunger und Qualen erleiden\u201c. Eines Tages diskutiert er mit einer Gruppe lokaler Gesch\u00e4ftsleute, die sich \u00fcber die r\u00fccksichtlose Konkurrenz der gro\u00dfen Trusts beklagen (\u201eNieder mit den Trusts!\u201c lautete ihre Losung).<\/p>\n<p>Ihnen setzt Everhard nun stichhaltig auseinander, dass sie noch naiver seien als die Maschinenst\u00fcrmer im 18. Jahrhundert. \u201eW\u00e4hrend Sie von der Wiederherstellung des freien Wettbewerbs reden, erdr\u00fccken die Trusts Sie v\u00f6llig\u201c, erkl\u00e4rt er ihnen offen, und fragt dann: \u201eStimmt es nicht, dass ein mechanischer Webstuhl schneller und billiger arbeitet als ein Handwebstuhl? \u2026 Finden Sie nicht, dass die unter dem Namen Trust bekannte Organisation wirksamer und billiger arbeitet als tausend miteinander konkurrierende kleine Gesellschaften?\u201c<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich lautet sein Res\u00fcmee: \u201eWir wollen diese wundervollen Maschinen, die so wirksam und billig arbeiten, nicht zerst\u00f6ren. Wir wollen Sie beaufsichtigen. Wir wollen Nutzen aus ihrer Wirksamkeit und Billigkeit ziehen. Lassen Sie sie f\u00fcr uns selbst laufen. Lassen Sie uns die gegenw\u00e4rtigen Besitzer dieser vorz\u00fcglichen Maschinen enteignen und selbst die Maschinen in Besitz nehmen. Das, meine Herren, ist Sozialismus, eine umfassendere Vereinigung als die Trusts, eine h\u00f6here wirtschaftliche und soziale Organisation, als die Erde sie je gesehen hat. Das ist die Entwicklungslinie. Wir begegnen der Organisation mit einer noch h\u00f6heren Organisation. Das schafft uns den Sieg. Kommen Sie her\u00fcber zu uns Sozialisten und k\u00e4mpfen Sie auf der Seite der Sieger.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/12\/02\/amaz-d02.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 2. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Rombach und Marianne Arens.\u00a0Gro\u00dfe Wut und Kampfbereitschaft breitet sich unter Amazon-Arbeitern aus. 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