{"id":2807,"date":"2017-12-03T12:14:36","date_gmt":"2017-12-03T10:14:36","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2807"},"modified":"2017-12-03T12:14:36","modified_gmt":"2017-12-03T10:14:36","slug":"libysche-milizen-konkurrieren-im-geschaeft-der-migranten-abwehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2807","title":{"rendered":"Libysche Milizen konkurrieren im Gesch\u00e4ft der Migranten-Abwehr"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid.<\/em> Wer solche Retter hat, braucht keine Feinde mehr: Am Montag dieser Woche (06.11.17) gab die in Deutschland ans\u00e4ssige Nichtregierungsorganisation Sea-Watch, die Seenotrettung im Mittelmeer betreibt, schockierende Bilder bekannt. <!--more-->Die NGO sprach davon, die brutalen Methoden libyscher K\u00fcstenw\u00e4chter h\u00e4tten unmittelbar dazu beigetragen, dass f\u00fcnf Menschen beim Aufnehmen der Insassen eines auf dem Mittelmeer treibenden Schlauchboots get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p>Das Boot der NGO unter dem Namen \u201eSea-Watch 3\u201c traf demnach fast gleichzeitig mit einem Schiff der libyschen K\u00fcstenwache an dem Ort in drei\u00dfig Kilometern Entfernung von der K\u00fcste ein, wo das Schlauchboot abtrieb. Das Schiff der K\u00fcstenw\u00e4chter behielt dabei eine erhebliche Geschwindigkeit bei, w\u00e4hrend die Migranten aus dem Schlauchboot \u00fcber eine Leiter an Bord geholt wurden. Mehrere Menschen fielen dabei ins Wasser. Auf Bildern, die durch die Nichtregierungsorganisationen verbreitet wurden, sieht man auch einen Helikopter der italienischen Marine, der die K\u00fcstenw\u00e4chter zum Abbremsen auffordert, sowie den Transport einer Kinderleiche. Sea-Watch rettete ihrerseits 58 Menschen aus dem Boot. Ihr Einsatzleiter Johannes Bayer sprach in einer Stellungnahme am Montagabend (06. November d.J.) von einer Mitschuld der EU, weil diese ein Aufbau- und Trainingsprogramm f\u00fcr die libysche K\u00fcstenwache unterh\u00e4lt, betreibt und finanziert.<\/p>\n<p>In diesem Falle trug die italienische Marine dazu bei, Menschenleben in der konkreten Situation zu retten, indem sie mildernd auf die rauen Methoden der libyschen K\u00fcstenw\u00e4chter einwirkte. Aber strukturell arbeiten beide eng zusammen. Im Oktober dieses Jahres kritisierte der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Nils\u00a0Mui\u017eniek, die italienische Marinemission vor den K\u00fcsten Libyens mit den Worten, wer im Mittelmeer aufgegriffene Migranten an libysche Stellen \u00fcbergebe \u2013 diese Praxis der R\u00fcckschiebung ist gang und g\u00e4be -, versto\u00dfe \u201egegen die Pflicht, deren Menschenrecht zu sch\u00fctzen\u201c.<\/p>\n<p>Ein Abkommen unterhielt Italien laut \u00fcbereinstimmenden Medienberichten \u2013 unter ihnen jener des Tunesienkorrespondenten der franz\u00f6sischen Abendzeitung\u00a0<em>Le Monde,<\/em>\u00a0Fr\u00e9d\u00e9ric Bobin &#8211; auch mit einem Warlord in der westlibyschen Stadt Sabratha. Ahmed Dabbashi, unter dem Spitznamen Al-Ammu (\u201eDer Onkel\u201c) bekannt, gr\u00fcndete zu Anfang des Jahres offiziell eine Miliz unter dem Namen \u201eBataillon 48\u201c, um bei der Verhinderung von Migrationsbewegungen \u00fcber das Mittelmeer mitzuwirken. Dabbashi bek\u00e4mpfte dabei andere Milizen, die mit dem Transport von Migranten ihre mafi\u00f6sen Gesch\u00e4fte betreiben und ihr Geld verdienen. Finanzmittel bezog Dabbashi, der aus einer einflussreichen lokalen Familie stammt, vor diesem Hintergrund aus Rom.<\/p>\n<p>Doch dies wiederum gefiel anderen bewaffneten Milizen nicht, die sich durch diese Kooperation ausgebootet f\u00fchlten und denen diese finanzielle Unterst\u00fctzung entging. Unter ihnen befinden sich die so genannten Madkhalisten. Bei diesen handelt es sich um eine salafistische Str\u00f6mung, die durch Saudi-Arabien unterst\u00fctzt wird. In \u00dcbereinstimmung mit dem reaktion\u00e4ren Golfstaat verfolgt sie die Strategie, die Milit\u00e4rmachthaber in \u00c4gypten und den in Ostlibyen zunehmend an Einfluss gewinnenden \u201estarken Mann\u201c \u2013 den General Khalifa Haftar, welcher sich als \u201eMarschall\u201c titulieren l\u00e4sst \u2013 zu unterst\u00fctzen und nicht etwa die Muslimbr\u00fcder, die im Konflikt mit diesen Milit\u00e4rherrschern liegen.<\/p>\n<p>Im Kontext der Rivalit\u00e4t um die Geldfl\u00fcsse aus Italien brachen ab dem 17. September 17 mehrw\u00f6chige K\u00e4mpfe in Sabratha aus. Bis zum Monatsende wurden dabei mutma\u00dflich vierzig Menschen get\u00f6tet, rund die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung floh an den Stadtrand. Aufgrund der Bedrohung f\u00fcr die in der N\u00e4he von Sabratha liegende r\u00f6mische Ruinenst\u00e4tte schaltete sich auch die UNESCO ein, um ein Ende der Kampfhandlungen zu fordern.<\/p>\n<p>Infolge der Auseinandersetzungen entkamen jedoch auch Tausende von Migrantinnen und Migranten \u2013 \u00fcberwiegend aus dem subsaharischen Afrika \u2013 der Gewalt der Milizen, die sie bis dahin festhielten. Denn das aus offizieller italienischer Sicht mehr oder minder segensreiche Wirken von Warlords wie Dabbashi bestand haupts\u00e4chlich darin, die Hauptbetroffenen festzusetzen und zu internieren.<\/p>\n<p>Wie sich infolge der K\u00e4mpfe vor Ort herausstellte, waren rund 20.500 Migranten in und um Sabratha gefangen gehalten worden, zum Teil unter unbeschreiblichen Umst\u00e4nden, ohne Zugang zu Toiletten oder Waschm\u00f6glichkeiten und ohne \u00fcber einen Ventilator zu verf\u00fcgen. Viele von ihnen wurden, mit absolut unzureichender Ern\u00e4hrung und Wasserversorgung, tagelang zu Zwangsarbeit angehalten. Festgehaltene Frauen wurden mitunter als sexuelle Sklavinnen benutzt.<\/p>\n<p>Am 17. Oktober 17 erkl\u00e4rte das Hochkommissariat der Vereinten Nationen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge (UNHCR) in einer Pressemitteilung, 14.500 Migranten aus ihrer bisherigen Gefangenschaft gerettet zu haben. Weitere 6.000 Menschen w\u00fcrden jedoch zu dem Zeitpunkt noch immer durch die Milizen festgehalten, auf Bauernh\u00f6fen im Umland von Sabratha, in H\u00e4usern oder Fabrikgeb\u00e4uden. Unter den Freigekommenen bef\u00e4nden sich auch Kleinkinder. Einige der Betroffenen tr\u00fcgen Schussverletzungen oder andere Anzeichen von Misshandlungen. Das UNHCR transportierte auf f\u00fcnfzehn LKWs Hilfslieferungen und Hygieneartikel herbei und forderte die internationale Staatenwelt dazu auf, mittels\u00a0<em>Resettlement\u00a0<\/em>Gefl\u00fcchtete aus Sabratha aufzunehmen. Bislang blieb dieser Aufruf noch ohne gr\u00f6\u00dfere Folgen.<\/p>\n<p>Libyen war vor dem B\u00fcrgerkrieg von Februar bis August 2011, welcher zum Sturz des Gaddafi-Regimes f\u00fchrte, Zielland f\u00fcr viele Einwanderer aus dem subsaharischen Afrika. Damals spielte Libyen eher eine Rolle als Arbeitsort denn als Transitland auf dem Weg nach Europa. Rund zwei Millionen Arbeitsmigranten verrichteten einen Gro\u00dfteil der gesellschaftlich gering gesch\u00e4tzten k\u00f6rperlichen Arbeiten in dem nordafrikanischen Erd\u00f6lstaat. Das alte Regime verfolgte eine doppelb\u00f6dige Politik. Einerseits verband es die Ausbeutung migrantischer Arbeitskr\u00e4fte mit einem panafrikanisch klingenden Diskurs, der auch stark damit zusammenhing, dass Muammar Al-Qadhafi (eingedeutscht Gaddafi) internationale Machtambitionen auf dem afrikanischen Kontinent unterhielt. Auf der anderen Seite dienten Hassausbr\u00fcche und Pogrome gegen subsaharische Afrikaner in den 2000er Jahren mitunter auch als Ventil f\u00fcr den Unmut der libyschen Bev\u00f6lkerung \u00fcber ihre Lebensumst\u00e4nde, das Regime lie\u00df\u00a0gew\u00e4hren. Nach dem Sturz des Qadhafi- (eingedeutscht Gaddafi-)Regimes kam es jedoch 2011 zu einer Welle von rassistischer Gewalt gegen Schwarze, die pauschal verd\u00e4chtigt wurden, Gaddafi-S\u00f6ldner gewesen zu sein.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd1217\/t221217.html\">trend.online&#8230;<\/a> vom 3. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. 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