{"id":2814,"date":"2017-12-04T16:38:12","date_gmt":"2017-12-04T14:38:12","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2814"},"modified":"2017-12-04T16:38:12","modified_gmt":"2017-12-04T14:38:12","slug":"china-geht-brutal-gegen-seine-unterschicht-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2814","title":{"rendered":"China geht brutal gegen seine Unterschicht vor"},"content":{"rendered":"<p><em>Hendrik Ankenbrand. <\/em><strong>Fast 300 Millionen Wanderarbeiter gibt es in der Volksrepublik, die k\u00fcmmerlich leben. Beh\u00f6rden behandeln sie wie Dreck. Die Wanderarbeiter sollen aus den \u00fcberf\u00fcllten St\u00e4dten verschwinden<!--more--> \u2013 und sei es mit Gewalt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>I<\/strong>m Wanderarbeitervorort Magezhuang, 23 Kilometer \u00f6stlich von Pekings Platz des Himmlischen Friedens, begann der Bau von Chinas sch\u00f6ner neuer Welt vergangene Woche um sechs Uhr abends. \u201eSchwarze W\u00e4chter\u201c tauchten vor den Unterk\u00fcnften im Dorf auf, dunkel gekleidete Hilfspolizisten. Die Bewohner h\u00e4tten ihre Sachen zu packen, Zeitfrist: drei Stunden.<\/p>\n<p>Dann rollten Bagger an und schlugen mit ihren Schaufeln alles kurz und klein. Lastwagen fuhren die Tr\u00fcmmer weg, daf\u00fcr brachten Transporter auf Ladefl\u00e4chen junge B\u00e4ume. Die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/polizei\">Polizei<\/a>\u00a0lie\u00df Steinbarrieren auf den Zugangsstra\u00dfen zum Dorf aufstellen, damit die Wanderarbeiterfamilien nicht mehr wiederkehren konnte. Dann begann der Staat zu pflanzen. Nach drei Tagen stand dort, wo eben noch Menschen gelebt hatten, ein Pappelwald.<\/p>\n<p>Wanderarbeiter \u2013 so hei\u00dft in den glitzernden Millionenmetropolen an Chinas Ostk\u00fcste die Unterschicht. 282 Millionen ist sie gro\u00df, was 35 Prozent von Chinas arbeitender Bev\u00f6lkerung ausmacht. Auf eine Wanderarbeiterin kommen zwei M\u00e4nner, ihr Alter liegt im Schnitt bei 39Jahren. F\u00fcr durchschnittlich 3572 Yuan (umgerechnet 453 Euro) im Monat putzen in Peking, Schanghai und Shenzhen die Stra\u00dfen, kochen in Restaurants, schneiden Haare, fahren Taxi, ziehen Wolkenkratzer hoch und bauen am Fabrikband das neue\u00a0<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/thema\/iphone\">iPhone<\/a>\u00a0zusammen.<\/p>\n<p><strong>Nur jeder Dritte mit Arbeitsvertrag<\/strong><\/p>\n<p>Einen Arbeitsvertrag hat nur jeder Dritte, in Umfragen geben 84 Prozent der Wanderarbeiter an, sie arbeiteten in der Woche mindestens 44 Stunden, oft eher das Doppelte. Gerade mal 16 Prozent haben Anspruch auf Rente, 18 Prozent eine Krankenversicherung. Ein Koch ohne Versicherung, der sich mit einer Schnittwunde den Finger entz\u00fcndet, ist im Krankenhaus schnell ein Jahresgehalt los.<\/p>\n<p>Der rasante Aufstieg der chinesischen Wirtschaft ist auch der Tatsache geschuldet, dass es Chinas Wanderarbeiter heute noch immer sehr billige Arbeitskr\u00e4fte sind. Ihnen geht es nicht viel besser als vor drei\u00dfig Jahren, am Anfang von Chinas wirtschaftlichem Aufstieg. Auch wenn sie das Registrierungssystem als \u201eArbeiter vom Lande\u201c z\u00e4hlt, sind sie oft in den St\u00e4dten an der Ostk\u00fcste aufgewachsen oder dort sogar geboren. Doch die \u201eLandarbeiter\u201c sind Menschen zweiter Klasse geblieben, die f\u00fcr die Schulbildung ihrer Kinder anders als die Stadtb\u00fcrger bezahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Abschaum der Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es das B\u00fcrgertum wie im smoggeplagten Peking nach frischer Luft verlangt, m\u00fcssen die Wanderarbeiter den B\u00e4umen weichen. Oder einer anderen Versch\u00f6nerung, wie der 35 Jahre alte Fahrer Zhu, der den Reporter im Wagen eines Taxidienstes zu den D\u00f6rfern am Pekinger Stadtrand bringt, die die Regierung derzeit r\u00e4umen l\u00e4sst. Viermal musste Zhu in der Hauptstadt bisher umziehen.<\/p>\n<p>Im Dorf Picun zwischen der f\u00fcnften und sechsten Ringstra\u00dfe mit 5000 von R\u00e4umung betroffenen Wanderarbeitern hockt der Alte Wang mit seinem Enkel auf einer Decke am Stra\u00dfenrand. Er kann sich gar nicht mehr erinnern, wie oft er in Peking schon sein Zuhause verloren hat. Bei f\u00fcnfzehnmal hat der Alte aufgeh\u00f6rt zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>\u201eDiduan renkou\u201c wurden die Wanderarbeiter von einer Bezirksregierung in der vergangenen Woche in einem internen Schreiben genannt, wo es von ihnen nach offizieller Z\u00e4hlung 8 Millionen gibt. Der absch\u00e4tzige Begriff ist mit Unterschicht nur unvollst\u00e4ndig \u00fcbersetzt, Bodensatz trifft es eher, der Abschaum der Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Parteichef verspricht mehr Zeit f\u00fcr Auszug<\/strong><\/p>\n<p>Den Bodensatz wollten die Beh\u00f6rden loswerden, nachdem vor einer Woche in einer \u00fcberf\u00fcllten Unterkunft f\u00fcr Wanderarbeiter im Pekinger Vorort Daxing ein Feuer ausgebrochen war und 19 Menschen get\u00f6tet hatte. Illegale und brandgef\u00e4hrdete Behausungen in den Au\u00dfenbezirken sollten geschlossen werden, ordneten die Beamten an, mancherorts traten die schwarzen W\u00e4chter den Bewohnern die T\u00fcren ein. Dass dann Zehntausende Menschen bei n\u00e4chtlichen Temperaturen von weit unter null Grad innerhalb von Stunden auf der Stra\u00dfe sa\u00dfen, st\u00f6rte die Obrigkeit wenig.<\/p>\n<p>Erst als eine Welle der Emp\u00f6rung durchs Internet ging, Nutzer von Chinas \u201eReichskristallnacht\u201c sprachen und ausl\u00e4ndische Reporter zu berichten begannen, versprach Pekings Parteichef Cai Qi den Wanderarbeitern f\u00fcr den Auszug mehr Zeit. F\u00fcr den Alten Wang, seine drei Enkel, seine Frau, Sohn und Schwiegertochter in Picun bedeutete dies: Statt bereits am vergangenen Sonntag hatten sie nun f\u00fcnf Tage l\u00e4nger Zeit. Der Strom bleibt trotzdem abgestellt, also tastet sich die Familie im Dunkeln durchs Zimmer, um Wasser zu kochen. Eine neue Bleibe haben sie in den f\u00fcnf Tagen nicht gefunden.<\/p>\n<p><strong>Chinas St\u00e4dte explodieren<\/strong><\/p>\n<p>Familie Wang will nicht weg, weil sie f\u00fcr zwei Kinder das Schuldgeld ein halbes Jahr im Voraus bezahlt hat, das w\u00e4re verloren. Was nun? \u201eWusuowei\u201c, sagt der Alte Wang auf der Decke, ein Umzugswagen f\u00e4hrt vorbei, eine Stunde Miete kostet 13 Euro. \u201eWusuowei\u201c bedeutet \u201eIst mir egal\u201c, ein Ausdruck von Leere und Resignation.<\/p>\n<p>23 Millionen Menschen werden im Jahr 2020 in Peking leben. In Schanghai sind es bereits heute 25 Millionen, Shenzhen nahe Hongkong im S\u00fcden war Ende der siebziger Jahre noch ein Fischerdorf und z\u00e4hlt heute 12 Millionen Einwohner, Tendenz schnell steigend.<\/p>\n<p>Republikgr\u00fcnder Mao hatte den Chinesen noch befohlen, viele Kinder zu geb\u00e4ren, weil der Herrscher darauf setzte, dank Chinas riesiger Bev\u00f6lkerung einen Atomkrieg mit der Sowjetunion zu \u00fcberstehen. Doch sp\u00e4testens seit 1972, als der Club of Rome sieben Jahre nach Maos Tod in seiner Studie \u201eDie Grenzen des Wachstums\u201c die M\u00e4r von der drohenden \u00dcberbev\u00f6lkerung in die Welt gesetzt hat, ist eine der gr\u00f6\u00dften \u00c4ngste von Chinas herrschenden Kommunisten die Furcht vor den Massen im eigenen Land.<\/p>\n<p><strong>Volk sehnt sich nach besserem Leben<\/strong><\/p>\n<p>Der \u201eHauptwiderspruch\u201c in der chinesischen Gesellschaft seien heute die \u201estets wachsenden Bed\u00fcrfnisse des Volkes nach einem besseren Leben\u201c und die gleichzeitig \u201eunausgewogene und unzureichende Entwicklung\u201c, hat Pr\u00e4sident Xi Jinping im Oktober auf dem Kongress der Kommunistischen Partei gesagt. Angesichts der R\u00e4umungswelle, die einen Monat sp\u00e4ter rollte, d\u00fcrfen die Worte in der R\u00fcckschau als Warnung interpretiert werden: Ein besseres Leben mit weniger dreckiger Luft, weniger Stunden im Stau und ohne brennende Wanderarbeiterunterk\u00fcnfte k\u00f6nne es mit der millionenstarken Unterschicht am Stadtrand nicht geben. In Chinas \u201eneuer \u00c4ra\u201c mit blitzblanken St\u00e4dten, in die die neue \u201eGro\u00dfmacht\u201c nach dem Willen ihres F\u00fchrers eintreten soll, scheint der Bodensatz keinen Platz mehr zu haben.<\/p>\n<p>Wie Kriegsgebiet muten die Schuttberge in Pekings Wanderarbeiterd\u00f6rfern dieser Tage an. Selbst Pekings Mittelschicht, die sonst kaum etwas \u00fcbrighat f\u00fcr den Bodensatz am Stadtrand, \u00e4u\u00dfert ihren Verdacht, die Feuergefahr sei als Grund f\u00fcr die Massenr\u00e4umungen nur vorgeschoben und die Regierung tats\u00e4chlich im Krieg mit der Unterschicht. \u201eUnsere gr\u00f6\u00dfte politische Aufgabe\u201c, hatte Pekings Parteichef Cai Qi seine mitf\u00fchlende Weisung vom \u201eNichts \u00fcberst\u00fcrzen\u201c gleich wieder eingeschr\u00e4nkt, sei es, die \u201egrauen Nash\u00f6rner\u201c zu bek\u00e4mpfen, ein Sinnbild f\u00fcr so gewaltige wie omin\u00f6se Gefahren, die das sch\u00f6ne Leben der wohlhabenden Stadtb\u00fcrger bedrohen und damit die Machtbasis von Chinas Partei.<\/p>\n<p><strong>Wanderarbeiter sollen zur\u00fcck in ihre Heimatprovinzen<\/strong><\/p>\n<p>\u201ePeking falten\u201c hei\u00dft ein Bestseller der Schriftstellerin Hao Jingfang. Eine halbe Million Exemplare hat sie verkauft, seit August ist der Science-Fiction-Roman auf Deutsch erh\u00e4ltlich. Weil Luft und Sonnenlicht kostbar sind, wird im fiktiven Peking des Buchs im Schichtsystem gelebt und die 50 Millionen K\u00f6pfe z\u00e4hlende Unterschicht am Stadtrand zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens unter der Erdoberfl\u00e4che \u201eweggefaltet\u201c.<\/p>\n<p>Am Mittwochmorgen sitzt Hao Jinfang in Peking im Taxi, sie f\u00e4hrt ins B\u00fcro in einer Denkfabrik, die Chinas Staatsrat in Fragen der Stadt- und Bev\u00f6lkerungsentwicklung ber\u00e4t. Bis vor etwa zwei Jahren sind die Vorschl\u00e4ge des Instituts f\u00fcr das \u00dcberbev\u00f6lkerungsproblem in der Regierung auf offene Ohren gesto\u00dfen: bessere H\u00e4user zu bauen und ein schlaueres Verkehrssystem, Cluster zu entwickeln, anstatt einfach Menschen zu vertreiben. Nicht alles aus dem Gespr\u00e4ch mit Hao sollte ihr zuliebe zitiert werden, eines wird jedoch klar: auf die Strategien der Fachleute scheint Chinas F\u00fchrung nicht mehr viel zu geben. Stattdessen greift die \u201esozialistische Gro\u00dfmacht\u201c zu den Rezepten aus der Vergangenheit. Die Wanderarbeiter sollen zur\u00fcck in ihre Heimatprovinzen im Hinterland, auch wenn es dort weder Arbeit noch Wohnung f\u00fcr sie gibt.<\/p>\n<p>Ist der Zukunftsroman real geworden? Hao verwahrt sich gegen den Vergleich. \u201eIm Buch wurden den Wanderarbeitern am Stadtrand wenigstens Schlafpl\u00e4tze gestellt\u201c, sagt sie. Die Realit\u00e4t aber sei schlimmer.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/china-geht-mit-gewalt-gegen-wanderarbeiter-vor-15319942.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0\">faz.net&#8230;<\/a> vom 4. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hendrik Ankenbrand. 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