{"id":2817,"date":"2017-12-04T17:45:46","date_gmt":"2017-12-04T15:45:46","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2817"},"modified":"2018-01-19T17:39:03","modified_gmt":"2018-01-19T15:39:03","slug":"china-und-das-iphone-x-im-herzen-der-ausbeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2817","title":{"rendered":"China und das iPhone X: Im Herzen der Ausbeutung"},"content":{"rendered":"<p><em>Simon Lepl\u00e2tre.<\/em> Am Ausgang der Metro-Station bei der riesigen Fabrik von Foxconn machen sich vier Personalvermittlungsfirmen die Besucher von \u00ab<em>iPhone city<\/em>\u00bb streitig; dies der Spitzname dieses neuen Quartieres am Aussenrand von<!--more--> Zhengzhou, das von und f\u00fcr eine der gr\u00f6ssten Elektronikfabriken der Welt gebaut wurde. \u00ab<em>Keine Interviews, beeilt euch mit Einschreiben<\/em>\u00bb pl\u00e4rren die Lautsprecher. Drinnen fordert uns eine Frau in den Vierzigern mit fahler Haut auf, auf den Faltst\u00fchlen Platz zu nehmen. \u00ab<em>Wenn Sie uns einen Praktikanten f\u00fcr 45 Tage zuf\u00fchren, so bekommen Sie 3000 Yuan!<\/em>\u00bb, gibt sie zum Besten. \u00ab<em>Wenn Sie uns mehr bringen k\u00f6nnen, wenn Sie eine ganze Schule kennen, so k\u00f6nnen wir \u00fcber die Pr\u00e4mie diskutieren<\/em>\u00bb.<\/p>\n<p>Diesen Herbst laufen die Fabriken von Zhengzhou auf Hochtouren f\u00fcr die Auslieferung des iPhone X in die ganze Welt. Foxconn, der Hauptlieferant von Apple in China, hat sich 2012 in der Hauptstadt von Henan niedergelassen, um von den vielen und billigen Arbeitskr\u00e4ften dieser bev\u00f6lkerungsreichsten Provinz in Zentralchina zu profitieren.<\/p>\n<p>Neben den Arbeitern und Arbeiterinnen sind die Praktikantinnen und Praktikanten, die nur einige Monate bleiben und kaum Sozialabgaben kosten sehr willkommen, um die saisonalen Bed\u00fcrfnisse abzudecken. \u00dcber 3&#8217;000 Studenten und Studentinnen arbeiten momentan an den Montageb\u00e4ndern von Foxconn, unter denselben Bedingungen wie die Arbeiterinnen und Arbeiter. Die repetitiven Aufgaben, die sie erledigen, stehen in keinerlei Beziehung zu ihrem Studium. Sie leisten \u00dcberstunden und verletzen dabei die gesetzlichen Bestimmungen.<\/p>\n<p><strong>\u00abWenn wir das nicht tun, gibt die Schule uns kein Diplom\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Die Lage ist bekannt. Nach einer Reihe von Selbstmorden auf dem Areal von Foxconn in Shenzhen (im S\u00fcdwesten Chinas) im Jahre 2010 hat Apple, sein Hauptkunde, seine Kontrollen entlang seiner Versorgungsketten verst\u00e4rkt. Aber um 17 Uhr begegnet man am Nordausgang des ungeheuren grossen Gel\u00e4ndes der Foxconn-Fabrik zahlreichen sehr jungen Gesichtern. Eine kleine Gruppe von 16-J\u00e4hrigen vergisst den \u00c4rger des Tages in einem Spielsalon am Fusse der Schlafs\u00e4le. \u00ab<em>Diese Arbeit ist deprimierend, aber wir sind dazu verpflichtet<\/em>, seufzt ein junger Mann trocken (s\u00e4mtliche angetroffenen Studenten wollen anonym bleiben). <em>Wenn wir das nicht tun, gibt uns die Schule im n\u00e4chsten Jahr kein Diplom\u00bb<\/em>.<\/p>\n<p>Den Studentinnen und Studenten ist klar, dass das Praktikum \u00fcberhaupt nicht gesetzeskonform ist; aber sie k\u00f6nnen nichts dagegen tun. Momentan arbeiten 2&#8217;500 Studierende der Urban Rail Transit School, einer Berufsschule von Zhengzhou, an den Montageb\u00e4ndern von Foxconn. Einige Hundert Andere kommen aus verschiedenen Berufs-Gymnasien in Henan.<\/p>\n<p>Meistenteils haben die \u00fcbernommenen Aufgaben nichts zu tun mit ihrer Ausbildung. \u00ab<em>Ich verbringe meine Zeit mit der Pr\u00fcfung der Frontalkamera der iPhones<\/em>, erkl\u00e4rt ein pausb\u00e4ckiger Junge mit einer von einer schwarzen Franse eingerahmten Stirn. <em>Ich lege sie in eine Maschine, dr\u00fccke auf einen Knopf und nehme sie dann hinaus. Das ist furchtbar langweilig<\/em>, gesteht er \u2013 im Billardzimmer &#8211; mit einer Zigarette schief im Mund. <em>Ich studiere graphische Gestaltung, in meiner Schule gibt es welche, die auf S\u00e4uglingspflege machen, andere auf Logistik und wir treffen uns alle beim Zusammenbau von Telefonen!<\/em>\u00bb. Seine Klassenkameradin poliert den ganzen Tag Bildschirme. Ein anderer versorgt die Montageb\u00e4nder mit Material.<\/p>\n<p><strong>Ein eingespieltes System<\/strong><\/p>\n<p>Als Apple durch die <em>Financial Times<\/em> bez\u00fcglich solcher Praktiken kontaktiert wurde, wurde am 22. November folgende Pressemitteilung publiziert: \u00ab<em>Im Verlaufe eines k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrten Audits stiessen wir bei einem unserer Lieferanten in China auf Studenten, die in einer Fabrik als Praktikanten \u00dcberstunden leisten. Wir haben uns versichert, dass sie freiwillig arbeiteten, entl\u00f6hnt wurden und Zusatzleistungen erhielten; sie w\u00e4ren aber nicht berechtigt gewesen, \u00dcberzeit zu leisten<\/em>\u00bb, hat die Firma eingestanden. Wenn es denn zutr\u00e4fe, dass die Praktikanten fortan vergleichbar wie Arbeiter entl\u00f6hnt w\u00fcrden, so trifft weiterhin zu, dass sie f\u00fcr die Anerkennung ihrer Ausbildung in der Tat verpflichtet sind, ein Praktikum zu absolvieren.<\/p>\n<p>Das gut eingespielte System funktioniert in der Zusammenarbeit der Berufsschulen, die die Vermittlungsgeb\u00fchren einheimsen, aber auch mit der Mithilfe der lokalen Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p>Im September, als die Produktion des iPhone X auf Hochtouren lief, hat der Erziehungsminister der Provinz Henan an alle Berufsschulen einen Brief gesandt und forderte diese auf, ihre \u00ab<em>Industrie-Praktikanten<\/em>\u00bb zu Foxconn zu schicken, wie die Financial Times berichtet.<\/p>\n<p>Die Schulen rechtfertigen diese Praktika als notwendige \u00ab<em>Arbeitserfahrungen<\/em>\u00bb. Sie dauern im Normalfall zwei bis drei Monate. Im Laufe des Herbstes sollen bis zu 15&#8217;000 Praktikantinnen und Praktikanten an der Produktion des iPhone X beteiligt gewesen sein, wie Arbeiter berichten. Die Fabrik in Zhengzhou besch\u00e4ftigt bis zu 350&#8217;000 Arbeiterinnen und Arbeiter, so dass die Zahl der Praktikanten h\u00f6chstens 5% der Gesamtbelegschaft betr\u00e4gt. Das taiwanesische Unternehmen l\u00e4sst in China ungef\u00e4hr eine Millionen Lohnabh\u00e4ngige f\u00fcr sich arbeiten.<\/p>\n<p><strong>\u00abEs ver\u00e4ndert sich nichts\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Die von uns angetroffenen Studenten und Studentinnen haben uns gesagt, dass sie am 20. November durch ihre vorgesetzten informiert worden seien, dass sie nicht l\u00e4nger \u00dcberzeit arbeiten k\u00f6nnten. Eine Massnahme, die mit dem kurz vorher stattfindenden Besuch der Financial Times zusammenzuh\u00e4ngen scheint. Das britische Wirtschaftsblatt hatte Apple in einem Artikel vom 21. November angesprochen. Diese jungen Leute best\u00e4tigten ebenfalls, dass sie alle bis anhin \u00dcberzeit geleistet h\u00e4tten: \u00ab <em>Man arbeitete zehn Stunden am Tag, gelegentlich elf, an sechs Tagen die Woche<\/em>\u00bb, pr\u00e4zisiert ein junger Mann.<\/p>\n<p>Das macht mindestens sechzig Stunden pro Woche, was es den Studenten \u2013 wie den neuen Arbeitern \u2013 ihr Grundsal\u00e4r von 1900 Yuan (243,5 Euro) aufzubessern, um auf 3500 Yuan (gegen 450 Euro) im Monat zu kommen.<\/p>\n<p>Wenn auch diese Reaktionen von Apple und Foxconn als Zeichen des guten Willens interpretiert werden k\u00f6nnten, so sind doch Zweifel angebracht, da sich das Problem von Jahr zu Jahr neu stellt. So hat sich im Juli eine Universit\u00e4t in Shenyang, im Nordosten des Landes, daf\u00fcr entschuldigt, dass sie ihre Studentinnen und Studenten zu Praktika in einer anderen Fabrik von Foxconn, in Yantai an der Ostk\u00fcste, verpflichtet. \u00ab<em>Das ist normal f\u00fcr viele Elektronik-Zulieferfirmen. Die L\u00f6hne sind k\u00fcmmerlich, die Arbeitstage sehr lang, die Arbeitsbedingungen recht schlecht. Die Industrie verbraucht die Arbeitskr\u00e4fte schnell und stellt laufend neue ein. F\u00fcr die wenig qualifizierten Stellen werden massenweise Praktikanten und Tempor\u00e4re eingestellt<\/em>\u00bb, erkl\u00e4rt Keegan Elmer, Sprecher der NGO China Labour Bulletin mit Sitz in Hongkong.<\/p>\n<p>In den staubigen Strassen der \u00ab<em>Wirtschaftszone vom Flughafen Zhengzhou<\/em>\u00bb, der offiziellen Bezeichnung des Distriktes, sind Leute \u00fcber Dreissig selten anzutreffen. Nach zwei Jahren bei Foxconn ist Liu mit 23 Jahren bereits ein Veteran. Er sieht jedoch keine Verbesserung der Bedingungen. \u00ab<em>Die Firma sagt zwar, dass sie sich anstrenge, aber nichts ver\u00e4ndert sich. Denn wenn sich etwas verbessern w\u00fcrde, w\u00fcrde die Produktion teurer. Der Bedarf nach Arbeitskr\u00e4ften schwankt saisonal. Es werden \u00dcberstunden angeh\u00e4ngt und sobald die Auftr\u00e4ge zur\u00fcckgehen gen\u00fcgt der leiseste Vorwand f\u00fcr die Entlassung. F\u00fcr sind die Praktikanten, die 45 Tage kommen, perfekt.<\/em>\u00bb<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/alencontre.org\/asie\/chine\/chine-liphone-x-la-pomme-de-lexploitation.html\">alencontre.org&#8230;<\/a> vom 3. Dezember 2017, aus Le Monde vom 24. November 2017. \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Lepl\u00e2tre. 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