{"id":2826,"date":"2017-12-06T09:21:19","date_gmt":"2017-12-06T07:21:19","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2826"},"modified":"2017-12-06T09:21:19","modified_gmt":"2017-12-06T07:21:19","slug":"die-kriegsverbrechen-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2826","title":{"rendered":"Die Kriegsverbrechen des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Rob Ferguson. <\/em><strong>Wie sollten wir Gewalt gegen Bev\u00f6lkerungsgruppen wie die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/gesellschaft\/rohingya-die-weltweit-am-meisten-verfolgte-minderheit-zahlen-fakten-und-hintergruende\/\">Rohingya<\/a>\u00a0definieren?\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/gesellschaft\/rohingya-die-weltweit-am-meisten-verfolgte-minderheit-zahlen-fakten-und-hintergruende\/\">Seit August sind mehr als eine halbe Million Rohingya aus ihren H\u00e4usern und D\u00f6rfern im Bundesstaat Rakhine in Myanmar geflohen.<\/a>\u00a0Im Rahmen<!--more--> der \u201eR\u00e4umungsoperationen\u201c des Milit\u00e4rs wurden D\u00f6rfer, H\u00e4user und Moscheen in Brand gesetzt. Tausende von Zivilisten, darunter auch Kinder, wurden brutal get\u00f6tet, viele wurden gefoltert und vergewaltigt.<\/strong><\/p>\n<p>Die Vereinten Nationen bezeichnen die Rohingya als \u201eeine der am st\u00e4rksten verfolgten Minderheiten der Welt\u201c. In zwei Monaten wurde die H\u00e4lfte der Rohingya-Bev\u00f6lkerung (1,1 bis 1,3 Millionen, stand 2015) aus ihren H\u00e4usern vertrieben. \u00dcber eine Million Rohingya sind seit den 1970er Jahren aus Myanmar geflohen.<\/p>\n<p>Die Rohingya-Krise ist das j\u00fcngste schreckliche Beispiel f\u00fcr die Art von Massengewalt gegen eine Bev\u00f6lkerungsruppe aufgrund ihrer ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit, Nationalit\u00e4t, Rasse oder Religion, die heute als \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c bezeichnet wird. Wie k\u00f6nnen wir solche Explosionen von Gewalt, Unterdr\u00fcckung und Massent\u00f6tung erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Die meisten Kommentare gehen davon aus, dass solche Spaltungen, selbst wenn sie die historischen Wurzeln dieser Gewalt anerkennen, irgendwie eine unvermeidliche Folge von Konflikten sind, die auf ethnischen oder religi\u00f6sen Unterschieden beruhen. F\u00fcr Sozialisten stellt sich jedoch die Frage, wie sich der Ursprung dieser Form von Gewalt innerhalb des Kapitalismus selbst verorten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Begriffe \u201eV\u00f6lkermord\u201c und \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c sind beide erst in neuerer Zeit gepr\u00e4gt worden. Der Begriff \u201eV\u00f6lkermord\u201c stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bezeichnung \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c fand erstmals w\u00e4hrend des Balkankriegs in den 1990er Jahren breitere Anwendung. Beide sind mittlerweile allgemein anerkannte Begriffe, die ein d\u00fcsteres Merkmal der modernen Geschichte beschreiben.<\/p>\n<p>Unter \u201eethnischer S\u00e4uberung\u201c versteht man im Allgemeinen die Anwendung von Massengewalt gegen einen Teil der Zivilbev\u00f6lkerung, um Territorium zu beschlagnahmen; \u201eV\u00f6lkermord\u201c bezeichnet den Versuch, eine Bev\u00f6lkerung ganz oder teilweise zu vernichten. Dennoch ist die Verwendung und Definition beider Begriffe umstritten. In der UN-Definition von \u201eV\u00f6lkermord\u201c zum Beispiel ist Massent\u00f6ten keine notwendige Bedingung. Sowohl \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c als auch \u201eV\u00f6lkermord\u201c werden manchmal verwendet, um dieselben Ereignisse zu beschreiben. Es gibt auch Debatten dar\u00fcber, ob k\u00fcnstlich herbeigef\u00fchrte Hungersn\u00f6te als V\u00f6lkermord angesehen werden sollten, oder ob V\u00f6lkermord auch Massenmorde an politischen Gegnern beinhalten kann.<\/p>\n<p>Die Definition dieser beiden Begriffe ist also nicht immer eindeutig, hinzu kommt, dass ihre Anwendung oft politisch motiviert ist: Regierungen und Staaten sind schnell bereit, Gr\u00e4ueltaten eines Rivalen anzuprangern, w\u00e4hrend sie diejenigen ignorieren, die von ihnen selbst oder ihren Verb\u00fcndeten begangen wurden. Die USA und Gro\u00dfbritannien sind nur dann bem\u00fcht, solche Verbrechen zu identifizieren, wenn milit\u00e4rische Interventionen legitimiert werden sollen. So ignorierten sie zun\u00e4chst Saddam Husseins v\u00f6lkerm\u00f6rderische Al-Anfal-Kampagne gegen die Kurden in den 1980er Jahren, als sie den Irak im Iran-Irak-Krieg unterst\u00fctzten. Sp\u00e4ter wurde genau diese Kampagne zynischerweise als einer der Gr\u00fcnde genannt, um die Irak-Invasion zu rechtfertigen.<\/p>\n<p><strong>Zynismus<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Zynismus findet sich auch in historischen Darstellungen. Einige britische Historiker versuchen, das Britische Empire als wohlt\u00e4tig darzustellen, trotz des Verderbens, der Konflikte und der Toten, die es zu verantworten hat. Der Staat Israel lehnt es ab, den armenischen V\u00f6lkermord von 1915 anzuerkennen, weil er die T\u00fcrkei, einen wichtigen Verb\u00fcndeten in der Region, nicht ver\u00e4rgern will.<\/p>\n<p>Manchmal verstricken auch wir uns in dieser Problematik. Wenn wir ein bestimmtes Verbrechen gesondert hervorheben m\u00f6chten, kann es geschehen, dass wir eine Gr\u00e4ueltat gegen eine andere aufwiegen, auf eine Weise, die die Opfer trennt oder gegeneinander ausspielt. F\u00fcr Sozialisten ist es jedoch wichtig, aus diesen Geschehnissen universelle Lehren \u00fcber das System zu ziehen, in dem wir leben.<\/p>\n<p>Massaker und Massent\u00f6tungen von Zivilisten in Religionskriegen und Eroberungen hat es in den Klassengesellschaften zu allen Zeiten gegeben. Mit Beginn des kapitalistischen Systems entstanden die Nationalstaaten, wie wir sie heute kennen, definiert \u00fcber gemeinsame Sprachen und \u201eKultur\u201c. Bei der Gr\u00fcndung dieser Nationalstaaten wurden Minderheiten in ihren Kulturen, Religionen, Sprachen und Dialekten oft gewaltsam unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/die-revolutionaeren-ideen-von-karl-marx\/\">Karl Marx<\/a>\u00a0beschrieb die Geburt des Kapitalismus als \u201evon Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.\u201c Der Sklavenhandel, der das Leben von sch\u00e4tzungsweise 12 Millionen Schwarzafrikanern ruinierte, befeuerte die industrielle Revolution. Der Siedler-Kolonialismus erschloss sich die gewaltigen Ressourcen Amerikas und Australiens durch den V\u00f6lkermord an ihren indigenen V\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Als das kapitalistische System sich weiterentwickelte, f\u00fchrte der Wettbewerb zwischen Hauptst\u00e4dten und Staaten zu dem, was Marxisten \u201eImperialismus\u201c nennen. Dabei geht es nicht einfach nur um Gro\u00dfm\u00e4chte, die milit\u00e4rische Macht und Herrschaft \u00fcber andere aus\u00fcben, sondern um ein System von wirtschaftlichem und milit\u00e4rischem Wettbewerb, in welches alle Staaten eingebunden sind. Von Diesem Verst\u00e4ndnis des Weltsystems m\u00fcssen wir ausgehen, wenn wir untersuchen wollen, wie solche Gewaltformen wie ethnische S\u00e4uberungen und V\u00f6lkermord entstehen.<\/p>\n<p>In den ethnischen S\u00e4uberungen, die das ehemalige Jugoslawien heimsuchten, erlebte das europ\u00e4ische Festland zum ersten Mal seit 1945 wieder diese Dimension von Massengewalt und Terror. Die Namen der St\u00e4dte, die jetzt von Krieg und ethnischer Gewalt zerrissen wurden, kannten viele Europ\u00e4er bis dahin vor allem aus Reisebrosch\u00fcren.<\/p>\n<p>In anderen Teilen der Welt hatten ethnischen S\u00e4uberungen und V\u00f6lkermord bereits viele Opfer gefordert. Einige Beispiele aus dem Zeitraum seit den 1970er Jahren: die vietnamesischen \u201eBoat People\u201c \u2013 die aus Vietnam vertriebenen ethnischen Chinesen; Millionen von Bengalen, die w\u00e4hrend des Krieges von 1971 vom pakistanischen Milit\u00e4r aus Bangladesch vertrieben wurden; der kambodschanische Genozid unter Pol Pot; die kurdische Bev\u00f6lkerung im Nordirak w\u00e4hrend Saddam Husseins \u201eAl-Anfal\u201c -Kampagne; das Abschlachten von Tutsis durch das Hutu-Regime in Ruanda; die afrikanische Bev\u00f6lkerung von Darfur im Sudan und die Schiiten, Sunniten und Kurden, die nach dem Irak-Krieg von rivalisierenden Milizen aus ihren Vierteln und Regionen vertrieben wurden.<\/p>\n<p>Wie diese Beispiele zeigen, haben imperialistische Eroberungen und Kriege zwischen Staaten in vielen F\u00e4llen als Antriebsmotoren f\u00fcr ethnische Massaker gedient.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der russisch-t\u00fcrkischen Kriege des 19. Jahrhunderts starteten die Zaren Vernichtungsaktionen gegen die Tscherkessen\/Adyge und andere muslimische V\u00f6lker. Hunderttausende flohen in das Osmanische Reich, nur um nach der osmanischen Niederlage in den Balkankriegen von 1912\/13 erneut fliehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg wurde durch Konflikte im ethnisch gemischten Balkan ausgel\u00f6st. Im Jahr 1915 begannen die Herrscher des Osmanischen Reiches mit der Deportation und der ethnischen S\u00e4uberung der armenischen Bev\u00f6lkerung, was schliesslich in einem V\u00f6lkermord endete.<\/p>\n<p><strong>Ruinen<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der deutschen, osmanischen und \u00f6sterreichisch-ungarischen Reiche im Jahr 1918 entstanden neue Nationalstaaten aus den Ruinen. Diese waren ethnisch gemischt, es gab viele Minderheiten. Die Siegerm\u00e4chte bestanden auf Vertr\u00e4gen, die diesen Minderheiten Rechte und Freiheiten garantierten, nicht aus Sorge um deren Schicksal, sondern aus Angst vor weiterer Instabilit\u00e4t und Konflikten nach der Katastrophe des Krieges.<\/p>\n<p>Die Vertr\u00e4ge wurden nicht eingehalten. Griechenland und die T\u00fcrkei begannen einen \u201eBev\u00f6lkerungsaustausch\u201c, in dem Muslime aus Griechenland und orthodoxe Christen aus der T\u00fcrkei vertrieben wurden, insgesamt wurden 2 Millionen Menschen umgesiedelt. Dieser erzwungene \u201eAustausch\u201c wurde vom V\u00f6lkerbund gef\u00f6rdert und \u00fcberwacht. Nach dem Ersten Weltkrieg erhoben viele Staaten Anspr\u00fcche auf Teile der Nachbarl\u00e4nder, da die Staatsgrenzen nicht den Grenzen zwischen den V\u00f6lkern entsprachen; Diese Forderungen l\u00f6sten im zweiten Weltkrieg viele Konflikte aus.<\/p>\n<p>Der Holocaust war der systematischste industrialisierte V\u00f6lkermord der Neuzeit. Die Vernichtung von 6 Millionen Juden entsprach der Absicht der Nazis, jeden einzelnen Juden in Europa auszul\u00f6schen. Millionen von Polen, Slawen, Roma und anderen wurden aus rein rassischen Gr\u00fcnden get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu kolonialistischen V\u00f6lkermorden ging es im Holocaust der Nazis um Ideologie, nicht um Territorien. Der Prozentsatz der get\u00f6teten j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung in Europa \u00fcberstieg die Opfer anderer V\u00f6lkermorde um ein Vielfaches, nur noch die Roma erlitten \u00e4hnliche Verluste. Das soll nicht hei\u00dfen, dass es keine Verbindung zwischen der Endl\u00f6sung und den Millionen anderer Opfer gab, ganz im Gegenteil. Die Nazis glaubten, dass ihre Utopie nur durch die Zerst\u00f6rung der \u201ej\u00fcdischen Herrschaft\u201c erreicht werden k\u00f6nne; Dieser Glaube war ein Antrieb f\u00fcr ihre Eroberungskriege.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, den einzigartigen Charakter des Holocaust anzuerkennen, nicht zuletzt auch, weil rechtsextreme und faschistische Organisationen zur Zeit wieder auf dem Vormarsch sind. Aber die gleichen Kr\u00e4fte des Nationalismus, Rassismus und Imperialismus, die die Schrecken verursachen, die wir hier diskutiert haben, trieben auch den Holocaust an. Diese Ereignisse sind in diesem Sinne also alle untrennbar miteinander verbunden.<\/p>\n<p>Deshalb ist es ein Fehler, das Leiden einer Gruppe von Opfern gegen eine andere auszuspielen. Rechte Regierungen in Osteuropa relativieren oder bagatellisieren den Holocaust mittlerweile systematisch, indem sie auf andere Opfer des Krieges verweisen. Dies dient dazu, die Kriegsverbrecher und Nazi-Kollaborateure der Vorkriegsregime zu rehabilitieren und gleichzeitig den rassistischen und islamophoben Hass von Fl\u00fcchtlingen und Migranten zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Einige Anh\u00e4nger Israels rechtfertigen die ethnische S\u00e4uberung der Pal\u00e4stinenser auf der Grundlage, dass Juden aufgrund des Nazi-V\u00f6lkermords einen h\u00f6heren Anspruch auf eigenes Territorium haben. Dies provoziert manchmal eine Gegenreaktion, in der die Bedeutung des Holocaust heruntergespielt wird. Beidem muss man entgegentreten. Der Holocaust ist die ultimative Schande nicht nur des Faschismus, sondern des kapitalistischen Systems, das diesen hervorgerufen hat, ein System, das von Anfang an ethnische S\u00e4uberungen und V\u00f6lkermord verursacht hat.<\/p>\n<p>Der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/ich-musste-stark-sein-interview-mit-der-holocaustueberlebenden-esther-brunstein\/\">Holocaust<\/a>\u00a0war der extremste unter den vielen Angriffen auf Minderheiten w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs. Bis zu 2 Millionen Polen wurden aus von Deutschland annektierten Gebieten vertrieben. In der Sowjetunion ordnete Stalin die Deportation der Krimtataren und der gesamten muslimischen Bev\u00f6lkerung Tschetscheniens und Inguschetiens in den Gulag an; bis zu 40 Prozent starben an Krankheiten und Unterern\u00e4hrung. Am Ende des Krieges wurden Millionen von Deutschen aus Osteuropa vertrieben.<\/p>\n<p>In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden 1947 sechs Millionen Muslime aus Indien vertrieben. F\u00fcnf Millionen Hindus und Sikhs wurden in umgekehrter Richtung ethnisch ges\u00e4ubert. Im Jahr 1948 vertrieben zionistische Milizen in der Nakba (Ungl\u00fcck\/Katastrophe) 700.000 Pal\u00e4stinenser von ihrem Land.<\/p>\n<p>Obwohl \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c ein allgemeiner Begriff ist, der verwendet wird, um Vertreibungen von Bev\u00f6lkerungen zu beschreiben, gibt es signifikante Unterschiede zwischen den hier diskutierten Beispielen. Die ethnische S\u00e4uberung der Krimtataren, der Armenier und der Pal\u00e4stinenser sind Beispiele f\u00fcr eine unterdr\u00fcckte Bev\u00f6lkerung, die von einem m\u00e4chtigen Staat (oder im Falle von Pal\u00e4stina von kolonialen Siedlermilizen) durch Gewalt und Terror vom Territorium ausgeschlossen wurde.<\/p>\n<p>Im Fall des \u201eBev\u00f6lkerungsaustauschs\u201c zwischen Griechenland und der T\u00fcrkei in den 1920er Jahren oder der Teilung Indiens 1947 trieben jedoch rivalisierende herrschende Klassen auf beiden Seiten die Vertreibungen und ethnischen S\u00e4uberungen voran. Das galt auch im Wesentlichen f\u00fcr den Balkankrieg in den neunziger Jahren. Die herrschenden Eliten Kroatiens, Sloweniens, Serbiens und Bosniens versuchten, ihren Rivalen Territorien abzunehmen, und verwendeten ethnische Spaltungen als einen Mechanismus daf\u00fcr. Bosnische Muslime waren die Hauptopfer (obwohl die gr\u00f6\u00dfte Ausweisung die von 200.000 Serben aus der Krajina war). Der Konflikt wurde also von den herrschenden Klassen angetrieben, die f\u00fcr ihre neuen Staaten m\u00f6glichst viel Gebiet an sich reissen wollten.<\/p>\n<p>Solche Unterscheidungen sind wichtig, weil unser Interesse als Sozialisten darin besteht, die Arbeiter aller Nationen gegen ihre Herrscher zu vereinen. Dies bedeutet Solidarit\u00e4t mit allen unterdr\u00fcckten Nationen und Minderheiten, besonders seitens der Arbeiter in den \u201eunterdr\u00fcckenden\u201c Nationen. Aber nicht in jedem dieser Konflikte lassen sich Unterdr\u00fccker und Unterdr\u00fcckte ausmachen. Wir m\u00fcssen dem Argument widerstehen, dass interkommunale Gewalt die unvermeidliche Folge tief verwurzelter ethnischer, kultureller oder religi\u00f6ser Gegens\u00e4tze ist. Dieses Argument wird verwendet, um solche Spaltungen zu akzeptieren und zu institutionalisieren.<\/p>\n<p>Die Konflikte, die hier angesprochen wurden, m\u00fcssen im Kontext einer imperialistischen Weltordnung verstanden werden. Die Balkankriege von 1912-13 entstanden durch dieselben Rivalit\u00e4ten, die 1914 zum Weltkrieg eskalierten. Der griechisch-t\u00fcrkische Krieg und der Bev\u00f6lkerungsaustausch waren eine Folge der Streitigkeiten um die regionale Vorherrschaft nach dem Krieg. Der Balkankrieg der 1990er Jahre war ein Ergebnis europ\u00e4ischer M\u00e4chte, insbesondere Deutschlands, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Interessen durchsetzten: Deutschland ermutigte Kroatien und Slowenien, sich aus dem ehemaligen Jugoslawien zu l\u00f6sen, um die imperialistischen Interessen der Europ\u00e4ischen Union zu f\u00f6rdern. Die Nato unterst\u00fctzte die nationalen Spaltungen, w\u00e4hrend die bosnischen Muslime von Srebrenica von den Vereinten Nationen den serbischen ethnischen S\u00e4uberungen ausgeliefert wurden. Die Nato-Kampagne unter dem Banner der \u201ehumanit\u00e4ren Intervention\u201c lieferte dann eine Vorlage f\u00fcr die Kriege in Afghanistan und im Irak.<\/p>\n<p>Im Fall der Rohingya konzentrieren sich Medien und Politiker auf das Milit\u00e4rregime von Myanmar und den Unwillen der einstigen Menschenrechtsikone Aung San Suu Kyi, das Gemetzel zu verurteilen. Doch die ethnische S\u00e4uberung der Rohingya l\u00e4sst sich nicht allein anhand der Innenpolitik Myanmars erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die herrschende Klasse in Myanmar hat seit der Unabh\u00e4ngigkeit darum gek\u00e4mpft, eine nationale Identit\u00e4t durchzusetzen in einer ethnisch geteilten Bev\u00f6lkerung, die ein Erbe der britischen Kolonialherrschaft ist. Heute jedoch \u00fcbt die imperialistische Konkurrenz enormen Druck auf das Regime aus. Myanmar ist zum Dreh- und Angelpunkt der geopolitischen Dominanz in S\u00fcdostasien geworden; Sein Territorium bietet China die M\u00f6glichkeit eines Land- und Seewegs, der die Malakka-Stra\u00dfe umgeht, die von der US-Seemacht dominiert wird. China, Indien und Myanmar wollen Sittwe (an der K\u00fcste des Bundesstaates Rakhine) als wichtige Hafenstadt ausbauen, die die geopolitischen Verh\u00e4ltnisse der Region ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. In diesem Kontext f\u00fchrt das Regime seinen Angriff auf die Rohingya in Rakhine durch.<\/p>\n<p>Konflikte m\u00fcssen konkret untersucht werden. Es gibt Gr\u00fcnde, zwischen Massengewalt zur Landnahme und der ideologisch motivierten Vernichtung einer Bev\u00f6lkerung zu unterscheiden. Das hei\u00dft nicht, Opfer in eine Hierarchie des Leidens einzuordnen. Der V\u00f6lkermord an amerikanischen Ureinwohnern begann als Kolonialprojekt zur Landnahme. Ethnische S\u00e4uberung und Vertreibung k\u00f6nnen sich wie bei den Armeniern zu V\u00f6lkermord entwickeln und zu Situationen wie in Srebrenica f\u00fchren, die viele Merkmale eines V\u00f6lkermords aufweisen.<\/p>\n<p>Terminologie ist wichtig; Das Hauptanliegen der Sozialisten besteht jedoch darin, zu k\u00e4mpfen, um ein Weltsystem zu beenden, das von Anfang an das Abschlachten ganzer Bev\u00f6lkerungen verursacht hat.<\/p>\n<p><strong>Wahre Menschlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den liberalen Mainstream sind Verbrechen wie V\u00f6lkermord und ethnische S\u00e4uberung Verfehlungen, eine Abkehr von den Normen der Gesellschaft, die es dank der modernen staatlichen und globalen Institutionen bald nicht mehr geben wird. Das V\u00f6lkerrecht wird als Korrektiv angef\u00fchrt, aber ignoriert, sobald es den wahren Interessen im Weg ist. Doch wie der Philosoph und Sozialtheoretiker Zygmunt Bauman argumentiert, sind solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit kein \u201eVersagen\u201c, sondern ein \u201eProdukt\u201c der kapitalistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Der Holocaust, der V\u00f6lkermord an den Armeniern, die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/68-jahre-nakba-zeit-das-schweigen-zu-brechen\/\">Nakba<\/a>, der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/termin\/der-balkan-und-die-neue-linke-die-vergessene-region-europas\/\">Balkankrieg<\/a>, die Teilung Indiens und die ethnische S\u00e4uberung der Rohingya sind schreckliche Episoden einer langen Geschichte rassischer und religi\u00f6ser Gewalt. Das Schicksal der Pal\u00e4stinenser, der Rohingya und anderer unterdr\u00fcckter V\u00f6lker sollte f\u00fcr uns alle Anlass f\u00fcr Solidarit\u00e4t und gemeinsamen Kampf sein.<\/p>\n<p>Sie sind aber auch eine Konsequenz einer in konkurrierende Nationalstaaten gespaltenen Welt, die sich auf Vorstellungen von rassischer und ethnischer \u00dcberlegenheit gr\u00fcndet, dominiert vom Imperialismus und zerrissen von der Krise. Der Kampf, das spezifische Leiden der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker zu beenden, muss Teil eines breiteren revolution\u00e4ren Kampfes f\u00fcr eine v\u00f6llig andere Gesellschaft sein, eine Gesellschaft der internationalen Solidarit\u00e4t und der wahren Menschlichkeit.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel von Rob Ferguson erschien zuerst im\u00a0<\/em><em><a href=\"http:\/\/socialistreview.org.uk\/429\/killing-fields-capitalism\">Socialist Review Nr. 429<\/a>\u00a0und wurde von San Holo \u00fcbersetzt<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-kriegsverbrechen-des-kapitalismus\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 6. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rob Ferguson. 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