{"id":2834,"date":"2017-12-07T09:30:32","date_gmt":"2017-12-07T07:30:32","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2834"},"modified":"2018-01-19T17:38:46","modified_gmt":"2018-01-19T15:38:46","slug":"das-system-zalando-miese-loehne-auch-im-aargau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2834","title":{"rendered":"Das System Zalando \u2013 miese L\u00f6hne auch im Aargau"},"content":{"rendered":"<p><em>BFS Z\u00fcrich. <\/em><strong>Es ist fr\u00fch am Morgen und noch dunkel am R\u00f6ssliweg in Rothrist, Kanton Aargau. Lastwagen eines der europaweit gr\u00f6ssten \u201eFashion Online-Versandh\u00e4ndler\u201c rollen heran. Im Geb\u00e4ude, in das 2018 ein M\u00f6bel XXLutz einziehen wird,<!--more--> hat die Firma <em>ingram micro<\/em> einen Logistik-Hub aufgebaut, um f\u00fcr <em>Zalando<\/em> R\u00fccksendungen zu verarbeiten. Hundert Personen arbeiten hier gleichzeitig und \u00f6ffnen die Retourenpakete, reinigen die Kleidungsst\u00fccke, falten sie sauber zusammen und machen sie f\u00fcr die R\u00fccktransporte in die Lager von Zalando bereit \u2013 das alles zu miserablen L\u00f6hnen und extrem schlechten Arbeitsbedingungen.<\/strong><\/p>\n<p>Bereits vor einigen Wochen wurde publik, dass die Firma <em>MS direct <\/em>aus St.Gallen f\u00fcr Zalando in Arbon (TG) R\u00fccksendungen verarbeitet und dabei miserable L\u00f6hne zahlt. <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/arv\/2017\/am-rande-vermerkt-griechische-notare-streiken-der-grund-ueberrascht-3\/\">Verschiedene Zeitungen hatten dar\u00fcber berichtet.<\/a>\u00a0Mit der ingram micro, mittlerweile eine Tochterfirma des gigantischen chinesischen Mischkonzerns <em>HNA Group<\/em>, ist uns nun eine zweite Firma bekannt, die f\u00fcr Zalando die Abwicklung der R\u00fccksendungen betreut.<\/p>\n<p>Dass Zalando \u00fcberhaupt R\u00fccksendungen in der Schweiz verarbeitet, scheint f\u00fcr das expandierende Unternehmen ein notwendiges \u00dcbel zu sein. Zollvereinbarungen zwischen der Schweiz und der EU verhindern den direkten R\u00fcckversand der Kleidungsst\u00fccke. Die Textilien und Schuhe m\u00fcssen deshalb in der Schweiz gesammelt, verarbeitet und sortiert werden. Die R\u00fccksendungen aus Deutschland und anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern verarbeitet Zalando hingegen in riesigen Logistik-Zentren in Deutschland und in Polen. Die Angestellten sollen an beiden Standorten etwas mehr als den Mindestlohn erhalten \u2013 dieser betr\u00e4gt in Deutschland <a href=\"https:\/\/www.watson.ch\/Wirtschaft\/Best%20of%20watson\/468927684-Willst-du-ein-Zalando-Mensch-sein--Entscheide--wenn-du-das-gelesen-hast\">8.50 Euro<\/a> auf die Stunde, in Polen sind es <a href=\"http:\/\/www.moz.de\/artikel-ansicht\/dg\/0\/1\/1531453\/\">461 Euro im Monat<\/a>. Und in der Schweiz?<\/p>\n<p><strong>Die Anstellungsbedingungen sind miserabel<\/strong><\/p>\n<p>Die Schweiz kennt historisch bedingt gar kein eigentliches Arbeitsrecht \u2013 es gab daher in den letzten Jahrzehnten der neoliberalen Umstrukturierung auch keine grundlegenden Errungenschaften oder Schutzmechanismen, die angegriffen und ausgeh\u00f6hlt werden mussten. Auch einen Mindestlohn gibt es nicht, es sei denn ein solcher wurde branchenspezifisch im Gesamtarbeitsvertrag festgelegt. F\u00fcr den Logistiksektor existiert kein GAV. Dementsprechend gestalten sich auch die L\u00f6hne, die wir in Erfahrung bringen konnten, beim Zalando-Verarbeiter: 3400.- Franken x 12, brutto, verdient ein*e Angestellte*r bei ingram micro am Sortiertisch. 3750.- x 12, brutto, sind es f\u00fcr ein*e Teamleiter*in. 100 Personen arbeiten am Standort Rothrist zu diesen Bedingungen. Sie sind festangestellt. Daneben arbeiten 180 Personen im Stundenlohn, m\u00fcssen auf Abruf bereitstehen.<\/p>\n<p>Eine ehemalige Mitarbeiterin des Betriebs zeigt uns eine SMS des firmeninternen Tempor\u00e4rdienstes: 10 Arbeitskr\u00e4fte werden gebraucht, f\u00fcr den Tag darauf: first come \u2013 first served. \u00dcber den Lohn, so erz\u00e4hlt man uns, wird oftmals erst nach der Schicht gesprochen. Ungef\u00e4hr 17.- Franken gibt es auf die Stunde. Die Zahlen sind damit dem Standort Arbon, wo die Firma MS direct die Retouren verarbeitet, sehr \u00e4hnlich. Viele Tempor\u00e4re w\u00fcrden deshalb nach der ersten Arbeitsschicht frustriert resignieren und keine weiteren Eins\u00e4tze mehr annehmen.<\/p>\n<p><strong>Motiviert arbeiten, auch wenn es kaum zum Leben reicht<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeit am Sortiertisch ist zudem k\u00f6rperlich anstrengend. Sie wird im Stehen verrichtet. Die Firma ingram micro wird von Zalando pro verarbeitetes St\u00fcck bezahlt \u2013 ohne R\u00fccksicht auf Verschmutzung, oder Komplexit\u00e4t des entsprechenden Textils. In der Schweiz, so munkelt man, d\u00fcrfte dieser St\u00fcckpreis bei etwas \u00fcber einem Franken liegen.<\/p>\n<p>Je schneller die Arbeiter*innen also sind, desto mehr Retouren schaffen sie pro Stunde. Und je mehr Retouren in der Stunde verarbeitet werden, desto mehr Gewinn macht ingram micro. Viele halten diesem Druck und den Leistungsanforderungen nicht stand. Oder sie k\u00f6nnen die hohen Anforderungen an das Arbeitstempo schlicht nicht erf\u00fcllen. Teilweise soll es deshalb bis zu 30 K\u00fcndigungen pro Woche geben \u2013 verbunden mit bis zu 30 Neueinstellungen im gleichen Zeitraum.<\/p>\n<p>Viele der Besch\u00e4ftigten haben Migrationshintergrund, ein betr\u00e4chtlicher Teil hat nur eine Aufenthaltsbewilligung B. Damit fallen f\u00fcr sie bei der Erwerbst\u00e4tigkeit noch Quellensteuern an \u2013 im Kanton Aargau in dieser Lohnklasse ungef\u00e4hr 200.- Franken. Damit sinkt das verf\u00fcgbare Netteinkommen nochmals betr\u00e4chtlich. \u00a0Und wo netto 2800.- schon kaum zum Leben reichen, tun es 2600.- schon gar nicht. Dazu kommt, dass die Samstagsarbeit obligatorisch ist. Eine Woche hat damit oftmals 6 aufeinanderfolgende Arbeitstage. Viel arbeiten f\u00fcr extrem wenig Geld, also.<\/p>\n<p><strong>An der Grenze des Legalen \u2013 und dar\u00fcber hinaus<\/strong><\/p>\n<p>Zalando bewegt sich mit den bezahlten L\u00f6hnen rechtlich gesehen im legalen Bereich. Das heisst aber noch lange nicht, dass die L\u00f6hne deshalb in Ordnung sind. Vielmehr weist dieser Umstand darauf hin, dass ein gesetzlicher Mindestlohn auch in der Schweiz dringend notwendig w\u00e4re.<\/p>\n<p>Umso mehr braucht es einen \u00f6ffentlichen Aufschrei und eine Skandalisierung solcher L\u00f6hne, die kaum zum Leben reichen. Die Verantwortlichen h\u00f6ren die Anschuldigung, sie w\u00fcrden Hungerl\u00f6hne bezahlen, nicht gerne. Im Gegenteil, im \u00f6ffentlich diskutierten Fall von Arbon versuchten sich die Firmenchefs als Wohlt\u00e4ter zu positionieren, indem sie darauf hinwiesen, in einer eher strukturschwachen Region Arbeitspl\u00e4tze geschaffen zu haben und Menschen, die bislang von der Sozialhilfe leben mussten, eine Alternative bieten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei zeigen Beispiele aus dem Arbeitsalltag, dass sich die Verantwortlichen zuletzt um das Wohlergehen ihrer Angestellten k\u00fcmmern \u2013 und dies auch \u00fcber die legalen Grenzen hinaus. Uns sind F\u00e4lle aus Rothrist bekannt, bei denen nach Softwareproblemen ganze Arbeitsschichten nach Hause geschickt wurden. 100 Personen konnten also jeweils ihren Arbeitseinsatz nicht antreten. Den Tempor\u00e4ren wurde dabei auch kein Lohn ausgezahlt, den Festangestellten die Stunden nicht angerechnet. Dies ist \u2013 im Gegensatz zu den Tiefl\u00f6hnen \u2013 ein klarer Verstoss gegen die gesetzlichen Bestimmungen.<\/p>\n<p><strong>Organisieren, sch\u00fctzen, reagieren \u2013 wo sind die Gewerkschaften?<\/strong><\/p>\n<p>Dass solche klaren Verst\u00f6sse nicht geahndet werden, hat viel mit der Struktur der Branche und dem Umfeld zu tun. Die sehr schnell wechselnde Belegschaft, die tempor\u00e4ren Arbeitsvertr\u00e4ge, die teilweise nur vor\u00fcbergehenden Aufenthaltsbewilligungen der Arbeitenden sowie eine strukturelle Schw\u00e4che der Gewerkschaften erschweren eine Organisierung und Solidarisierung.<\/p>\n<p>Dabei zeigen Beispiele aus Logistikzentren von Amazon in Deutschland, Italien und Polen, dass es durchaus m\u00f6glich ist, auch in dieser Branche f\u00fcr bessere L\u00f6hne und andere Arbeitsbedingungen zu k\u00e4mpfen. Denn auch wenn die grossen Online-Versandh\u00e4ndler gerne den Anschein erwecken, dass sie unangreifbar sind und ihre globalen Distributionsnetzwerke st\u00e4ndig neu ausrichten k\u00f6nnen \u2013 die Erfahrungen zeigen, dass dies nicht stimmt.<\/p>\n<p>Die ingram direct verarbeitet f\u00fcr Zalando bis zu 20\u00b4000 Pakete, die MS direct wohl gegen 10\u2019000 \u2013 am Tag. In all diesen Paketen finden sich Kleidungsst\u00fccke, die jemand in der Schweiz bestellt, dann aber f\u00fcr nicht passend befunden und zur\u00fcckgeschickt hat. Ohne die Arbeiter*innen von Rothrist und Arbon funktioniert das System Zalando in der Schweiz nicht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2017\/schweiz-das-system-zalando-miese-loehne-auch-im-aargau\/\">sozialismus.ch&#8230;<\/a> vom 7. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BFS Z\u00fcrich. Es ist fr\u00fch am Morgen und noch dunkel am R\u00f6ssliweg in Rothrist, Kanton Aargau. Lastwagen eines der europaweit gr\u00f6ssten \u201eFashion Online-Versandh\u00e4ndler\u201c rollen heran. 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