{"id":2841,"date":"2017-12-10T15:14:56","date_gmt":"2017-12-10T13:14:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2841"},"modified":"2018-01-19T17:36:58","modified_gmt":"2018-01-19T15:36:58","slug":"kleinkrieg-in-die-grossbetriebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2841","title":{"rendered":"Kleinkrieg in die Gro\u00dfbetriebe!"},"content":{"rendered":"<p><em>Robert Schlosser.<\/em> Wolfgang Schaumberg fordert\u00a0<a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/?p=123105\">in seinem Beitrag \u00bbdie Linke\u00ab<\/a> dazu auf, ihre politische Arbeit auf die Gro\u00dfbetriebe auszurichten. (S.\u00a0<em>express<\/em>, Nr. 9-10\/2017) Das erinnert mich sehr an die fr\u00fchen 1970er Jahre, als wir \u2013 in diesem Fall<!--more--> die Mitglieder der K-Gruppen, zu denen damals auch ich geh\u00f6rte \u2013 unsere antikapitalistische politische Arbeit darauf ausrichteten und eine Minderheit auch in die Gro\u00dfbetriebe ging. Die Ergebnisse, die wir heute begutachten k\u00f6nnen, sind ern\u00fcchternd. Die Ursachen f\u00fcr das Scheitern sind schnell (und unsystematisch) \u2013 aufgez\u00e4hlt:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Haupttendenz in der Welt war nicht \u2013 wie angenommen \u2013 Revolution.<\/li>\n<li>In den hochentwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern hatten sich nach dem 2. Weltkrieg die sozialen Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr die LohnarbeiterInnen soweit verbessert, dass die Begr\u00fcndungen von und Aufrufe zu revolution\u00e4rem Aufbruch kaum Geh\u00f6r fanden.<\/li>\n<li>Die bolschewistischen Organisations- und Politikvorstellungen, der gepriesene Sozialismus in Stalins UdSSR und Maos China waren aus gutem Grund wenig \u00fcberzeugend.<\/li>\n<li>Die Sekten bek\u00e4mpften sich auch damals schon untereinander bis aufs Messer und trugen das auch vor den Gro\u00dfbetrieben in ihren Flugbl\u00e4ttern und Betriebszeitungen aus.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Und heute?<\/strong><\/p>\n<p>Was sollte gewonnen werden, wenn \u00bbdie Linke\u00ab \u2013 die heute noch weit buntscheckiger ist \u2013 ihre politische Arbeit auf die Gro\u00dfbetriebe ausrichtet, wenn all die Richtungen, die da so unterwegs sind, vor den Werks\u00adtoren der Gro\u00dfbetriebe ihre Bl\u00e4ttchen mit ihren speziellen Positionen verteilen?<\/p>\n<p>Auch in den 1970er Jahren zeigte die Agita\u00adtion vor den Werkstoren nur dort kleine Wirkung, wo es Leute in den Betrieben gab, die entsprechend auftraten und der Kritik ein Gesicht gaben. Nicht selten waren das Leute, die bewusst, aus politischer \u00dcberzeugung, in die Betriebe gingen. Meistens allerdings hielten sie nicht sehr lange durch, wurden entweder \u00bbgefeuert\u00ab oder gingen, weil sie das Scheitern ihrer oft zweifelhaften Bem\u00fchungen erkannten. Heute ist es \u2013 selbst wenn gewollt \u2013 nicht so einfach, \u00fcberhaupt in einen Gro\u00dfbetrieb zu kommen. Ohne solche AktivistInnen in den Betrieben \u2013 ob KollegInnen, die sich radikalisiert haben, oder Radikale, die in den Betrieb gegangen sind \u2013 ist das Verteilen der Flugbl\u00e4tter von Sekten vor den Werkstoren wie das Rufen des Einsamen im dunklen Wald. (Es g\u00e4be noch einige Einw\u00e4nde mehr \u2013 die ver\u00e4nderten Klassenverh\u00e4ltnisse betreffend \u2013, die ich hier nicht entwickeln will.) Es gilt, sich der Realit\u00e4t zu stellen \u2013 der der Verh\u00e4ltnisse und der \u00bbder Linken\u00ab. Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der antikapitalistischen AktivistInnen \u2013 sofern es sich dabei um LohnarbeiterInnen handelt \u2013 in Klein- und Mittelbetrieben arbeitet, die oft keine \u00bbklassischen\u00ab Industriebetriebe sind. Und dort, wo sie arbeiten, sollten sie auch praktisch-klassenk\u00e4mpferische Aktivit\u00e4t entwickeln. Weil die Fluktuation in den Betrieben allgemein heute sehr hoch ist \u2013 Pleiten, \u00bbRestrukturierungen\u00ab des Kapitals etc. \u2013, ist es besonders wichtig, sich \u00fcberbetrieblich zu vernetzen und zu organisieren. \u00bbVerankerung\u00ab in den einzelnen Betrieben verhei\u00dft wenig Perspektive \u2013 weder inhaltlich noch organisatorisch. Inhaltlich deshalb nicht, weil dabei allemal betriebliche Fragen im Vordergrund stehen und nicht Fragen, die mehr oder weniger alle LohnarbeiterInnen betreffen. Organisatorisch nicht, weil die Existenz einzelner Betriebe ziemlich verg\u00e4nglich geworden ist. Das gilt heute selbst f\u00fcr solche Gro\u00dfbetriebe wie Opel in Bochum.<\/p>\n<p>Wenn es heute in den Gro\u00dfbetrieben zu Widerstand kommt, dann will der vor allem verteidigen, was ist. Wenn es heute in Klein- und Mittelbetrieben zu Widerstand kommt, dann wollen die Belegschaften entweder das gleiche oder sie wollen soziale Standards durchsetzen, wie sie in vielen Gro\u00dfbetrieben selbstverst\u00e4ndlich sind. (In den Klein- und Mittelbetrieben ist dabei die Frage der Wahl eines Betriebsrats h\u00e4ufig von gro\u00dfer Bedeutung.) Das ist die Realit\u00e4t und darin ist von einem Streben nach sozialer Emanzipation im Sinne einer \u00dcberwindung des Kapitalismus wenig zu sp\u00fcren, weder in Gro\u00df- noch in Klein- und Mittelbetrieben.<\/p>\n<p>Wolfgang Schaumberg will nicht nur die Aufmerksamkeit auf die industriellen Gro\u00dfbetriebe lenken, sondern hebt auch die notwendige Kritik an der Gewerkschaftspolitik hervor. Auch dieser Aspekt wird aus meiner Sicht \u00fcberbewertet. In zahlreichen Betrieben und an anderen Orten, wo Lohnarbeit Anwendung findet, sind die Gewerkschaften kaum oder gar nicht pr\u00e4sent und aktiv. Doch auch hier dominiert das \u00bbreine Stellvertreterdenken\u00ab. Dies kennzeichnet n\u00e4mlich den allgemeinen politischen Konsens in der \u00bbrepr\u00e4sentativen Demokratie\u00ab. W\u00e4re das nicht so, g\u00e4be es st\u00e4ndig Auseinandersetzungen um die und in der angeblichen \u00bbSelbstverwaltung der Kommunen\u00ab oder der angeblichen \u00bbSelbstverwaltung der Sozialversicherungen\u00ab. Durch Konzentration auf die Kritik an der Gewerkschaftspolitik kann man an diesem allgemeinen Bewusstsein auch nichts \u00e4ndern. Die Sozialdemokratie als Partei und als beherrschende politische Kraft in den Gewerkschaften hat sicher einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung und Dominanz des \u00bbStellvertreterdenkens\u00ab unter LohnarbeiterInnen. Das ist jedoch mehr Geschichte als Gegenwart. Dieses Denken ist heute so allgemein und selbstverst\u00e4ndlich, dass es dazu keiner besonderen Partei mehr bedarf, die speziell unter LohnarbeiterInnen daf\u00fcr wirbt. Wie wenig es noch einer Sozial\u00addemokratie bedarf, kann man an ihrem Niedergang ablesen.<\/p>\n<p>Auch oppositionelle, klassenk\u00e4mpferische Betriebsratsarbeit, die sich um Durchbrechung der \u00bbreinen Stellvertreterpolitik\u00ab m\u00fcht, vermag nur wenig an der Dominanz dieses Denkens zu \u00e4ndern. Auf lange Frist wird solche Aktivit\u00e4t regelm\u00e4\u00dfig vielmehr selbst durch dieses politische \u00bbStellvertreterdenken\u00ab gebrochen; streiten muss man daher f\u00fcr ein allgemeines politisches Bewusstsein, dass wieder Selbstorganisation von LohnarbeiterInnen als Klasse erm\u00f6glicht \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob sie in Gro\u00df- oder Kleinbetrieben arbeiten, in der Industrie oder dem \u00f6ffentlichen Dienst etc.<\/p>\n<p>Die Frage, die sich den antikapitalistischen Kr\u00e4ften f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Praxis stellt, ist ganz einfach die, ob sie sich auf den \u00bbKleinkrieg\u00ab mit dem Kapital einlassen wollen \u2013 wo immer sie f\u00fcr Lohn arbeiten \u2013 und mit welchen inhaltlichen Positionen sie die herrschende bornierte Praxis durchbrechen wollen. Die Entscheidung dar\u00fcber ist letztlich eine theoretische Frage bzw. h\u00e4ngt von theoretischen Positionen ab. (Das betrifft die Kritik am Kapital und die Ziele, die man verfolgt.)<\/p>\n<p>Ich halte diesen \u00bbKleinkrieg\u00ab und wie er inhaltlich und organisatorisch zu f\u00fchren ist, f\u00fcr unverzichtbar! Diese Kleinarbeit geh\u00f6rt zu den praktischen Grundlagen der \u00dcberwindung dieses elenden Sektierertums speziell in Deutschland. Eine Diskussion dar\u00fcber, welche Bedeutung die \u00bblinke\u00ab Aktivit\u00e4t an und in industriellen Gro\u00dfbetrieben hat, lenkt eher ab von den Problemen, vor denen \u00bbdie Linke\u00ab heute aus meiner Sicht steht. Sie gibt allenfalls Anlass dazu, sich die wirklichen Probleme vor Augen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>Es handelt sich um eine Erwiderung auf den\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2645\"><em>Debattenbeitrag \u201cDie Linke ohne die Leute?\u201d von Wolfgang Schaumberg<\/em><\/a><em>, erschienen in express, Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit: Ausgabe 9-10\/2017<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/orga\/kleinkrieg-die-grossbetriebe-robert-schlosser-zum-beitrag-von-wolfgang-schaumberg\/\">express, Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, Ausgabe 11\/2017&#8230;<\/a> vom 10. Dezember 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Schlosser. Wolfgang Schaumberg fordert\u00a0in seinem Beitrag \u00bbdie Linke\u00ab dazu auf, ihre politische Arbeit auf die Gro\u00dfbetriebe auszurichten. (S.\u00a0express, Nr. 9-10\/2017) Das erinnert mich sehr an die fr\u00fchen 1970er Jahre, als wir \u2013 in diesem &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,87,39,17],"class_list":["post-2841","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2841"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2842,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2841\/revisions\/2842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}