{"id":2846,"date":"2017-12-11T09:32:53","date_gmt":"2017-12-11T07:32:53","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2846"},"modified":"2017-12-11T09:32:53","modified_gmt":"2017-12-11T07:32:53","slug":"es-reicht-zieht-ab-wir-wollen-unsere-freiheit-gespraech-ueber-palaestina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2846","title":{"rendered":"Es reicht. Zieht ab. Wir wollen unsere Freiheit \u2013 Gespr\u00e4ch \u00fcber Pal\u00e4stina"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/ein-dauerhafter-gerechter-frieden-ist-selbst-auf-diesem-so-unheiligen-flecken-erde-moeglich-im-gespraech-mit-jakob-reimann\/\">1948 herrscht Krieg im Nahen Osten<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/frieden-als-schimpfwort-50-jahre-sechstagekrieg\/\">1967 begann die Besatzung Gazas<\/a>, der Westbank und Ostjerusalems. Im Dezember begann die erste Intifada (Aufstand) gegen die Besatzung, diese j\u00e4hrt sich nun zum 30sten Mal.<!--more--> Helga Baumgarten ist deutsche Professorin an der Universit\u00e4t von Bir Zeit, sie berichtet im Gespr\u00e4ch \u00fcber die Bedeutung der Intifada, Friedensverhandlungen und die Versch\u00e4rfung der Situation nach Trumps Entscheidung!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Katja Hermann:\u00a0<\/strong>Frau Baumgarten, die Erinnerungen an die erste Intifada (1987-1991) sind tief im kollektiven Ged\u00e4chtnis der Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern verankert. Welche Momente spielen dabei eine besondere Rolle?<\/p>\n<p><strong>Helga Baumgarten:<\/strong>\u00a0Die erste Intifada war der erste pal\u00e4stinensische Massenaufstand gegen die Besatzung. Man kann ohne \u00dcbertreibung sagen, dass die gesamte pal\u00e4stinensische Gesellschaft, vom S\u00fcden in Gaza bis in den Norden der West Bank nach Jenin, mit Jerusalem im Zentrum, eine klare Botschaft an die israelische Besatzungsarmee schickte: Es reicht. Zieht ab. Wir wollen unsere Freiheit. Das Erstaunliche dabei war, dass sich die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern mit Steinen gegen eine hochger\u00fcstete moderne Armee wehrten und dabei betr\u00e4chtliche Anfangserfolge erzielten. Ein wichtiges Moment sollte die Vereinigung der Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern hinter einem klaren politischen Ziel sein: Ein unabh\u00e4ngiger pal\u00e4stinensischer Staat in den von Israel 1967 besetzten Gebieten. Dieses Ziel wurde von den Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern unter der Besatzung ebenso wie von den Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern in der Diaspora getragen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2000 begann ein weiterer Aufstand, die zweite Intifada. Die Unruhen im Jahr 2015, haupts\u00e4chlich getragen von jungen Leuten, haben sich dagegen nicht zu einem organisierten Aufstand entwickelt, obwohl die Stimmung au\u00dferordentlich angespannt war. Was begr\u00fcndet aus Ihrer Sicht diese Unterschiede?<\/p>\n<p>Ich denke, es sind zwei wesentliche Momente, die das erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Zum einen ist es die Serie von massiven Niederlagen, die der pal\u00e4stinensische Widerstand gegen die Besatzung einstecken musste. Die Intifada von 1987 mit dem Ziel der Beendigung der Besatzung und der Errichtung eines unabh\u00e4ngigen Staates scheiterte letztendlich. Stattdessen wurden die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern in die Osloer Vertr\u00e4ge gezwungen, die einen enormen Ausbau der kolonialistischen israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten erm\u00f6glichten. Selbst diese \u00absuboptimalen\u00bb Osloer Vertr\u00e4ge wurden von Israel, was die Verpflichtungen den Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern gegen\u00fcber betrifft, nicht eingehalten, was zur zweiten Intifada f\u00fchrte, an deren Ende der Tod Yasir Arafats stand.<\/p>\n<p>Die Verhandlungspolitik, die der neue Pr\u00e4sident Pal\u00e4stinas und Nachfolger Arafats, Mahmud Abbas, seitdem vertritt, erzielte nicht die geringsten Erfolge, ganz im Gegenteil, es gab nur R\u00fcckschritte zu verzeichnen.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund waren es vereinzelte pal\u00e4stinensische Teenager, fast Kinder, die in individuellen Aktionen als Folge ihrer Verzweiflung \u00fcber ihre Lebenssituation zu Widerstand in Form von Messerangriffen gegen israelische Soldatinnen oder Siedler griffen. Sie bezahlten damit fast immer mit ihrem Leben, w\u00e4hrend die israelischen Verluste an Leben vergleichsweise gering blieben.<\/p>\n<p>Diese Jugendlichen, diese Kinder, waren nat\u00fcrlich in keiner Weise politisch organisiert, sie agierten als Einzelne und es gab keine politische Kraft in den besetzten Gebieten, die darauf h\u00e4tte aufbauen und eine neue Widerstandsbewegung h\u00e4tte entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Katja Hermann:\u00a0<\/strong>Die Jahrzehnte nach der ersten Intifada waren von verschiedenen langwierigen und schlie\u00dflich gescheiterten Friedensverhandlungen gepr\u00e4gt. Die Besatzungssituation dauert bis heute an. Sie halten sich dauerhaft in den Pal\u00e4stinensischen Gebieten auf, wie ist die Lage derzeit vor Ort?<\/p>\n<p><strong>Helga Baumgarten:<\/strong>\u00a0Die Lage zeichnet sich einerseits durch einen ungehinderten Siegeszug der menschenverachtenden und r\u00fccksichtslosen israelischen Besatzungspolitik aus, die ein brutales System von Siedlungskolonialismus erm\u00f6glicht hat und bis dato aufrechterh\u00e4lt. Einen der H\u00f6hepunkte bildet zweifellos die US-amerikanische Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels vom 6. Dezember. Damit ist die Zweistaatenl\u00f6sung endg\u00fcltig ad acta gelegt und auf dem Scheiterhaufen der Geschichte gelandet \u2013 wenn sie das nicht schon seit Jahren war. Und zwar aus dem schlichten Grund, dass die israelische Regierung diese L\u00f6sung nicht will und niemand bereit oder in der Lage ist, Israel zu zwingen, die daf\u00fcr notwendigen Kompromisse gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern zu machen.<\/p>\n<p>Auf der pal\u00e4stinensischen Seite und in der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft dominieren Frustration und ein Gef\u00fchl der Machtlosigkeit. Die Lage ist unertr\u00e4glich, wird t\u00e4glich unertr\u00e4glicher, aber es gibt keine politische Kraft, die dies in eine neue Massenbewegung und in einen wirkungsvollen Widerstand gegen die Besatzung umsetzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Katja Hermann:\u00a0<\/strong>Trotz der andauernden Besatzung erf\u00e4hrt Pal\u00e4stina international zunehmend weniger politische und mediale Aufmerksamkeit, andere Konflikte in der Region stehen derzeit im Mittelpunkt. Welche Szenarien sehen Sie f\u00fcr die Zukunft Pal\u00e4stinas?<\/p>\n<p><strong>Helga Baumgarten:<\/strong>\u00a0Wahrscheinlich m\u00fcsste man fragen, ob es \u00fcberhaupt eine Zukunft f\u00fcr Pal\u00e4stina und f\u00fcr die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern gibt. Israel tut alles, mit voller Unterst\u00fctzung der US-amerikanischen Regierung, um \u00fcberhaupt jegliche pal\u00e4stinensische Zukunft zu verhindern. Europa ist nicht zu mehr als einer verbalen Intervention bereit. Die arabischen Golfstaaten, angef\u00fchrt von Saudi Arabien, sehen derzeit den Machtkampf mit dem Iran um Hegemonie in der Region als den entscheidenden Konflikt und sind bereit, sich in diesem Konflikt mit Israel zu verb\u00fcnden. Damit sind die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern schlicht und einfach die Verlierer in einem Konflikt, der Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hat.<\/p>\n<p>Andererseits ist es die St\u00e4rke der Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern, dass sie nach wie vor da sind, dass sie nicht bereit sind, sich ihrem Schicksal zu ergeben, und dass sie verzweifelt, aber gleichzeitig auch unerm\u00fcdlich versuchen, neue Widerstandsstrategien zu entwickeln.<\/p>\n<p>Die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/bds-ist-unser-einziger-hebel-gegen-die-israelische-besatzung-und-apartheid\/\">BDS-Bewegung<\/a>\u00a0(Boycott-Divestment-Sanctions) ist sicher der Versuch, der in den vergangenen Jahren eindrucksvolle Erfolge erzielte und Israel die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten bereitet. Die weitere Entwicklung von BDS sollte man sehr genau verfolgen, nicht zuletzt im Kontext der internationalen Solidarit\u00e4t f\u00fcr Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit der Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern. Aber auch den innerisraelischen Widerstand, wie klein er derzeit auch sein mag, und die wachsende Kritik an der israelischen Besatzungspolitik durch j\u00fcngere US-amerikanische J\u00fcdinnen und Juden sollte man in diesem Kontext nicht au\u00dfer Acht lassen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich k\u00f6nnte \u2013 List der Geschichte \u2013 die US-amerikanische Anerkennung Jerusalems als israelischer Hauptstadt, also eben dieser zun\u00e4chst entscheidende und als endg\u00fcltig erscheinende israelische Erfolg gegen die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern, ins Gegenteil umschlagen: Eine politische Forderung, die sich in den vergangen Jahren in der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft immer st\u00e4rker durchgesetzt hat, k\u00f6nnte sich zur allein m\u00f6glich erscheinenden politischen Strategie entwickeln: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/palaestina-und-israel-die-zweistaatenloesung-ist-tot\/\"><strong>E I N<\/strong>\u00a0\u00a0Staat im historischen Pal\u00e4stina.<\/a><\/p>\n<p><strong>Katja Hermann:\u00a0<\/strong>Wie wird in diesen Tagen in den pal\u00e4stinensischen Gebieten an die erste Intifada erinnert?<\/p>\n<p><strong>Helga Baumgarten:<\/strong>\u00a0Es gab eine Reihe von Konferenzen, gro\u00dfe Demonstrationen waren f\u00fcr den Jahrestag des Beginns der Intifada am 9. Dezember geplant. Aber all dies ist inzwischen \u00fcberschattet von der neuesten Herausforderung durch die amerikanische Anerkennung Jerusalems als israelischer Hauptstadt. Jetzt geht es nicht mehr um Erinnerung, jetzt geht es um ganz aktuelle Herausforderungen von historischem Ausma\u00df. Wir wissen nicht, wie sich die pal\u00e4stinensische Gesellschaft dem stellen wird. Im Besonderen m\u00fcssen wir verfolgen, wie die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung Ost-Jerusalems reagieren wird. Die israelische Armee bereitet sich seit Tagen auf massive Konfrontationen vor bzw. versucht, durch Einsch\u00fcchterungsstrategien diese Konfrontationen schon im Keim zu ersticken durch eine Pr\u00e4sentation der \u00fcberw\u00e4ltigenden St\u00e4rke der Armee. Israel operiert also bis heute nur mit gewaltsamer Unterdr\u00fcckung, vergisst, dass niemals in der Geschichte ein Staat ein anderes Volk auf die Dauer milit\u00e4risch dominieren konnte. Anders ausgedr\u00fcckt, man verzichtet auf Politik und setzt ausschlie\u00dflich auf Gewalt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bleibt abzuwarten, ob sich in der arabischen Welt, in der islamischen Welt generell, eine neue Welle der Unterst\u00fctzung f\u00fcr Pal\u00e4stina herausbilden und wie sich diese ausdr\u00fccken wird.<\/p>\n<p><em>Helga Baumgarten\u00a0lehrt als Politologin an der pal\u00e4stinensischen Universit\u00e4t Birzeit n\u00f6rdlich von Jerusalem. Sie schrieb mehrere B\u00fccher und zahlreiche Artikel zum israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt und zur pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung. Zuletzt hat sie im Herder-Verlag das Buch: \u00abKampf um Pal\u00e4stina. Was wollen Hamas und Fatah?\u00bb publiziert.<\/em><\/p>\n<p><em>Katja Herman ist Referatsleiterin Asien\/Nahost der\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/\"><em>Rosa-Luxemburg-Stiftung<\/em><\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/es-reicht-zieht-ab-wir-wollen-unsere-freiheit-gespraech-ueber-palaestina\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 11. Dezember 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit\u00a01948 herrscht Krieg im Nahen Osten,\u00a01967 begann die Besatzung Gazas, der Westbank und Ostjerusalems. Im Dezember begann die erste Intifada (Aufstand) gegen die Besatzung, diese j\u00e4hrt sich nun zum 30sten Mal.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[18,35,11,49,46,17,33],"class_list":["post-2846","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-imperialismus","tag-palaestina","tag-rassismus","tag-repression","tag-usa","tag-widerstand","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2846","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2846"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2847,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2846\/revisions\/2847"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}