{"id":2862,"date":"2017-12-14T09:22:28","date_gmt":"2017-12-14T07:22:28","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2862"},"modified":"2017-12-14T09:22:28","modified_gmt":"2017-12-14T07:22:28","slug":"das-griechische-desaster-der-europaeischen-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2862","title":{"rendered":"Das griechische Desaster der europ\u00e4ischen Linken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Panagiotis Sotiris \u00fcber die politische und soziale Situation in Griechenland und die Aufgaben der europ\u00e4ischen Linken und eine \u203aBewegung des Volkes\u2039.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Panagiotis Sotiris lebt in Athen, war lange Zeit Vordenker des Parteienb\u00fcndnisses Antarsya und ist nunmehr in der Partei Volkseinheit aktiv. Das Interview f\u00fchrte Thomas Goes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hierzulande erf\u00e4hrt man nur noch wenig \u00fcber die jetzigen Verh\u00e4ltnisse in Griechenland. Wie sch\u00e4tzt Du die soziale Lage der Menschen dort\u00a0ein?<\/strong><\/p>\n<p>Panagiotis Sotiris: Die soziale Situation in Griechenland ist sehr schwierig aufgrund der anhaltenden Austerit\u00e4tspolitik und der beispiellosen Wirtschaftsdepression. Die L\u00f6hne sind sehr niedrig, insbesondere f\u00fcr junge Menschen. Die offizielle Erwerbslosigkeit liegt bei \u00fcber 23 Prozent. Die meisten Jobs sind in Teilzeit und prek\u00e4r. Vor diesem Hintergrund verlassen viele h\u00f6her Qualifizierte das Land. Es hat sich eine Stimmung breitgemacht, dass es keine Zukunft gibt. Das f\u00fchrt zu einer Mischung aus Angst und atomisierter Verzweiflung anstelle des Gef\u00fchls, dass Ver\u00e4nderungen m\u00f6glich sind. Bis 2015 \u00fcberwog durchaus die Hoffnung. Aber die Niederlage der Regierung von Alexis Tsipras im Sommer 2015 \u2013 trotz der gro\u00dfen Entschlossenheit, die die subalternen Klassen im Referendum zeigten \u2013 hat das Gef\u00fchl der Hilflosigkeit und Unver\u00e4nderbarkeit der Situation gesteigert. Daraus erkl\u00e4rt sich auch, weshalb es trotz der Schwere und H\u00e4rte der Ma\u00dfnahmen bisher keine soziale Explosion gegeben hat. Eigentlich sieht man lediglich in sehr konkreten und lokalen Auseinandersetzungen und in der Solidarit\u00e4tsarbeit mit Gefl\u00fcchteten noch ein wenig von der Dynamik, die es in der vorhergehenden Periode gab. Gleichzeitig sind aber die Momente einer tiefen politischen oder einer m\u00f6glichen Hegemoniekrise immer noch da. Die Herrschenden k\u00f6nnen den subalternen Klassen keine positive Erz\u00e4hlung anbieten. Es gibt eine konstante Erosion demokratischer Verfahren. Ohne dass die Linke Alternativen wieder denkbar macht, d\u00fcrfte es schwierig werden, eine soziale Erhebung oder Massenbewegungen zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Worauf f\u00fchrst Du diese Entwicklungen zur\u00fcck?<\/strong><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben mit der Unf\u00e4higkeit der griechischen Linken insgesamt zu tun, eine Strategie der Br\u00fcche zu entwickeln, die dem Druck der EU, der IWF und der Troika standhalten k\u00f6nnte. Es ist f\u00fcr mich klar, dass es innerhalb der Eurozone und im Rahmen der EU-Vertr\u00e4ge keine fortschrittlichen L\u00f6sungen geben kann. Immerhin stehen sie f\u00fcr die Bedingungen verringerter Souver\u00e4nit\u00e4t und des eingebetteten Neoliberalismus, die beide zur Memorandumspolitik gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Nach dem Bewegungszyklus von 2010 bis 2012, der an bestimmten Punkten \u2013 insbesondere w\u00e4hrend der sogenannten Pl\u00e4tzebewegung \u2013 fast einen aufst\u00e4ndischen Charakter annahm, haben die meisten Menschen ihre Hoffnung in einen politischen Wandel gesetzt, der zu einer anderen Reformpolitik f\u00fchren sollte. In den Augen vieler Menschen stand SYRIZA daf\u00fcr. Doch der tief verankerte \u203aEurop\u00e4ismus\u2039 von SYRIZA und der Glaube, dass ein Exit aus der Eurozone und der EU ein Desaster w\u00e4re, hat letztlich zum Dritten Memorandum gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Hat es daraufhin keine emp\u00f6rten Gegenbewegungen gegeben?<\/strong><\/p>\n<p>Die Wirkungslosigkeit des OXI hat das Gef\u00fchl gest\u00e4rkt, die Austerit\u00e4tspolitiken seien alternativlos. Es hat auch zu Desillusionierungen, Verzweiflung, zunehmender Unsicherheit und einer Abkehr von kollektiven K\u00e4mpfen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Krise der Linken ist insofern zu einer Krise der Bewegung geworden. Das Ma\u00df der fehlenden Vorbereitung auf das Niveau und die Intensit\u00e4t der Konfrontation beschr\u00e4nkte sich aber nicht auf SYRIZA, sondern war ein Symptom der gesamten griechischen Linken. Sogar die Kr\u00e4fte, die eine klare Anti-EU-Position hatten, haben es vers\u00e4umt, einen konkreten Plan f\u00fcr einen Exit-Prozess auszuarbeiten, der mit einem notwendigen \u00dcbergangsprogramm h\u00e4tte einhergehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und trotz der Tatsache, dass sich gro\u00dfe Segmente der subalternen Klassen der Linken zugewendet haben, blieb das alles in den Grenzen der Repr\u00e4sentation in Wahlen beschr\u00e4nkt.\u00a0 Es gab auch keine Versuche, um auf der Basis der starken Verschiebungen in der politischen Repr\u00e4sentation an einem neuen \u00bbhistorischen Block\u00ab in der griechischen Gesellschaft zu arbeiten, also an einer Kombination einer Allianz subalterner Klassen, einer neuen Erz\u00e4hlung f\u00fcr die Gesellschaft und neuer Formen, um m\u00f6gliche gegenhegemoniale Apparate zu organisieren \u2013 alles auf der Basis kollektiver Erfahrungen und des Einfallsreichtums, der in K\u00e4mpfen aufkommt bzw. entsteht.<\/p>\n<p><strong>Was sind Deiner meiner Meinung nach die Hauptwiderspr\u00fcche in Europa heute?<\/strong><\/p>\n<p>Wir erleben heute eine Krise der Europ\u00e4ischen Integration, die zusammenf\u00e4llt \u2013 und dialektisch verbunden ist \u2013 mit einer globalen Wirtschaftskrise. Ein neues Regime der Akkumulation, das langfristig h\u00f6here Profitabilit\u00e4t von Investitionen garantieren w\u00fcrde, ist noch nicht aufgetaucht. Das alles geht Hand in Hand mit der Krise des Neoliberalismus als einem hegemonialen Projekt und der Krise einer bestimmten Art der Internationalisierung des Kapitals.<\/p>\n<p>Die Krise der Europ\u00e4ischen Integration hat sich klar durch den Brexit gezeigt. Wenn die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Wirtschaft der Welt sich dazu entscheidet, aus dem angeblich am weitesten entwickelten Beispiel wirtschaftlicher Integration auszuscheiden, dann funktionieren die Dinge offensichtlich nicht. Das zeigt sich auch in der Unf\u00e4higkeit, auf die Dynamik der Krise zu antworten, denn immerhin hat die bisherige Art der Austerit\u00e4tspolitik die Dinge nur verschlimmert. Durch die Austerit\u00e4tsauflagen wurde eine systemische soziale Gewalt gegen die Gesellschaften der europ\u00e4ischen Peripherie entfesselt. Auch das ist ein Beispiel f\u00fcr die Probleme der Europ\u00e4ischen Integration.<\/p>\n<p>Das alles hat die Form tiefer politischer Krisen angenommen, die die meisten europ\u00e4ischen Gesellschaften durchziehen. Wir k\u00f6nnen eine wachsende Distanz zwischen politischen Eliten und Gesellschaft beobachten, die sich beispielsweise im Mistrauen Politiker*innen gegen\u00fcber zeigt oder im Gef\u00fchl ausdr\u00fcckt, dass die Dreht\u00fcr zwischen Politik und Wirtschaft keinen Raum mehr l\u00e4sst f\u00fcr soziale Bed\u00fcrfnisse. Daraus erkl\u00e4rt sich auch das Bed\u00fcrfnis nach einer Erneuerung der Demokratie und <em>popularer<\/em> Souver\u00e4nit\u00e4t, eine Forderung, die bisher haupts\u00e4chlich die extreme Rechte versucht hat zu besetzen, indem sie sie mit ihrer rassistischen, reaktion\u00e4ren und xenophoben Agenda vermischt.<\/p>\n<p><strong>Und was hei\u00dft das alles f\u00fcr die Linke?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, die Linke sollte ihre Politik auf der Basis dieser Widerspr\u00fcche entwickeln. Auf der Ebene der \u00d6konomie ist es heute wohl offensichtlich, dass die gegenw\u00e4rtige Form der Europ\u00e4ischen Integration jeden Ansatz eines Europ\u00e4ischen Sozialmodells aush\u00f6hlt. Das liegt insbesondere an der w\u00e4hrungs- und finanzpolitischen\u00a0 sowie der institutionellen\u00a0 Architektur der Eurozone sowie an den verschiedenen Austerit\u00e4tsmechanismen, die in den Europ\u00e4ischen Vertr\u00e4gen verankert wurden. Einen Bruch mit der Austerit\u00e4tspolitik als der dominanten Strategie des Kapitals in Europa anzustreben hei\u00dft deshalb, dass wir mit der Eurozone und dem Rahmenwerk der EU-Vertr\u00e4ge brechen sollten. Es gibt keinen Raum f\u00fcr Alternativen in der gegenw\u00e4rtigen EU-Architektur.<\/p>\n<p>Auf der politischen Ebene liegt der entscheidende Widerspruch wohl darin, dass jeder Anspruch auf Demokratie untergraben wird durch die reduzierten Bedingungen von Souver\u00e4nit\u00e4t in der EU. Deshalb muss der Wiedereroberung popularer Souver\u00e4nit\u00e4t, verstanden als progressive Wiederaneignung der kollektiven demokratischen Potenziale zu Selbstbestimmung (nicht in einem nationalistischen Sinne von \u203anationaler St\u00e4rke\u2039), eine hohe Priorit\u00e4t beigemessen werden \u2013 gerade auch vor dem Hintergrund der Legitimationskrisen der gegenw\u00e4rtigen Regierungsformen in Europa (sowohl auf der Ebene der EU als auch auf der der Nationalstaaten).<\/p>\n<p>Ideologisch sollten die Linken deshalb auch die Auseinandersetzung um die Neudefinition, was \u203adas Volk\u2039 ist, aufnehmen. In der gegenw\u00e4rtigen politischen Phase gibt es einen Widerspruch zwischen, dem Versuch traditionelle Vorstellungen \u203ades Volkes\u2039 in den europ\u00e4ischen Kontext einzubinden, wobei auf Europa als unserem \u203agemeinsamen Haus\u2039 Bezug genommen wird, und den Versuchen der extremen Rechten, \u203adas Volk\u2039 in nationalistischen, reaktion\u00e4ren und rassistischen Begriffen zu bestimmen.<\/p>\n<p>Die Linke sollte vor diesem Hintergrund versuchen eine Konzeption \u203ades Volkes\u2039 als Befreiungskampf zu schaffen, als Verbindung aller, die dieselben Forderungen teilen, die gemeinsam k\u00e4mpfen und auf ein besseres Leben hoffen, unabh\u00e4ngig von ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Staatsb\u00fcrgerschaft oder Religion, eine Gemeinschaft im Kampf gegen die Kr\u00e4fte des Kapitals.<\/p>\n<p><strong>In der deutschen Linken ist es nicht besonders verbreitet und sicher nicht beliebt \u00fcber \u203adas Volk\u2039 zu reden \u2013 und noch unpopul\u00e4rer d\u00fcrfte es sein, es als Teil der eigenen Strategie zu sehen. Wenn \u00fcberhaupt, so wird von popularen Klassen gesprochen. Zum Teil ist das auf unsere Geschichte zur\u00fcckzuf\u00fchren. F\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Teile der heutigen Linken ist \u203adas Volk\u2039 sogar nur etwas f\u00fcr die Rechte. Was w\u00fcrdest Du antworten?<\/strong><\/p>\n<p>Es stimmt, dass das Wort \u203aVolk\u2039 und seine Ableitungen im deutschen Zusammenhang normalerweise mit der extremen Rechten oder sogar mit dem Nationalsozialismus assoziiert wird. Das liegt daran, dass im Deutschen \u201eVolk\u201c und \u201eNation\u201c als \u00e4hnliche Konzepte behandelt werden. Aber ich denke nicht, dass es nur eine Frage der \u00dcbersetzung ist. Die Irritation \u00fcber den Begriff des Volkes bringt vielmehr eine tats\u00e4chliche Spannung zum Ausdruck, die ihn durchzieht. Auf der einen Seite haben wir ja wirklich die Identifikation \u203ades Volkes\u2039 mit der Nation, und zwar im Sinne einer \u00bbimagin\u00e4ren Gemeinschaft\u00ab mit unterstellter gemeinsamer Geschichte und Identit\u00e4t, die die vollst\u00e4ndige Etablierung b\u00fcrgerlicher Hegemonie erlaubt, die Klassenausbeutung und -unterdr\u00fcckung legitimiert (weil wir alle zu einem Volk geh\u00f6ren) und die Rassismus und Nationalismus befeuert.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite k\u00f6nnen wir aber auch einen ganz anderen Begriff des Volkes haben, einen Begriff, der es von der Nation unterscheidet und dazu in einen Gegensatz bringt. In einer solchen Perspektive hat der Begriff nichts gemein mit einer gemeinsamen Geschichte oder Ethnizit\u00e4t, vielmehr geht er von gemeinsamen Bedingungen der Subalternit\u00e4t, des Widerstandes und des Kampfes in unseren Gegenwartsgesellschaften aus. In einer solchen Perspektive hat \u203adas Volk\u2039 nichts mit Nationalismus oder mit der abstrakten Identifikation der Volkssouver\u00e4ntit\u00e4t zu tun, die in Verfassungstexten angeboten wird. \u203aDas Volk\u2039 verweist vielmehr auf die m\u00f6gliche Einigkeit aller Teile der Gesellschaft, die in der einen oder anderen Weise vom Verkauf ihrer Arbeitskraft abh\u00e4ngen, verweist also auf das m\u00f6gliche B\u00fcndnis der beherrschten Klassen.<\/p>\n<p><strong>Die extreme Rechte dagegen arbeitet mit einer Identifikation von Volk und Nation, wobei entweder Abstammung oder mythisierte kulturelle Eigenarten die Nation ausmachen. Ist Dein Volksbegriff insofern antinational?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist eher ein post-nationales und post-koloniales Konzept \u203ades Volkes\u2039, weil es auf gemeinsamen Bedingungen der Ausbeutung, der Unterdr\u00fcckung und des Kampfes beruht, unabh\u00e4ngig von Staatsb\u00fcrgerschaft, Religion oder Ethnizit\u00e4t. Es ist der potenzielle \u203aKollektivwille\u2039 all derer, die in einem geographischen Raum leben und dieselben Bedingungen und dasselbe Verlangen nach einem besseren Leben teilen \u2013 all derer, die gemeinsam k\u00e4mpfen wollen gegen diejenigen, die sie ausbeuten und unterdr\u00fccken. In diesem Sinne geh\u00f6ren Migrant*innen und Gefl\u00fcchtete nat\u00fcrlich zu diesem potenziellen Volk dazu, ganz im Gegensatz zu Kapitalisten, zu Bankern und Rentiers. Wir k\u00f6nnten auch sagen, dass wir von einem \u203aVolk im Werden\u2039 anstelle einer \u203aNation, die war oder ist\u2039 sprechen. Wir reden nicht von einer unterstellten gemeinsamen Vergangenheit, sondern von der gemeinsamen Gegenwart und Zukunft.<\/p>\n<p>Ich sage nicht, dass das eine leichte Aufgabe ist. Denn es verlangt nach kollektiven Anstrengungen, gemeinsame K\u00e4mpfe, gemeinsame R\u00e4ume des Kampfes zu schaffen. Es verlangt auch, das Trauma des Rassismus und Kolonialismus anzuerkennen, dessen Existenz zu akzeptieren und sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Ebenso braucht es\u00a0 Anstrengeungen, die Geschichten, Kulturen und Identit\u00e4ten von Migrant*innen und Gefl\u00fcchteten als Beitrag zur Formierung einer neuen Volkskultur einzubeziehen, die auf Solidarit\u00e4t und gemeinsamen K\u00e4mpfen wie auch dem gegen Rassismus beruht.<\/p>\n<p>Der entscheidende Aspekt wird eine neue \u203aErz\u00e4hlung\u2039 f\u00fcr unsere Gesellschaften sein, gegen den autorit\u00e4ren Neoliberalismus der EU; ein erneuertes sozialistisches Projekt, das auf kollektiven Ausarbeitungen, Experimenten und dem Einfallsreichtum k\u00e4mpfender sozialer Bewegungen beruht. In diesem Sinne ist die Bezugnahme auf \u203adas Volk\u2039 als Teil einer Strategie f\u00fcr einen neuen \u00bbgeschichtlichen Block\u00ab in einer marxistischen Klassenperspektive verwurzelt und dr\u00fcckt eine Intensivierung des Klassenantagonismus aus, sowohl sozial wie politisch. Geschichtlicher Block meint hier ein breites B\u00fcndnis der Subalternen, ein Programm tiefgreifender Transformation und neuer Formen der Organisierung und kollektiven Intellektualit\u00e4t. Deshalb reden wir auch nicht \u2013 wie etwa die Theoretiker*innen des Linkspopulismus Ernesto Laclau und Chantal Mouffe und ihre Anh\u00e4nger_innen \u2013 vom Volk als einer diskursiven Konstruktion oder dem Ergebnis politischer Kommunikation, sondern berufen uns auf eine Klassenperspektive, also \u203adas Volk\u2039 als Klassenb\u00fcndnis, das mit den Dynamiken und Widerspr\u00fcchen der kapitalistischen Akkumulation verbunden ist. Und darum behandele ich, wenn ich dieses Verst\u00e4ndnis \u203ades Volkes\u2039 zu Grunde lege, die Frage der politischen Organisation auch nicht im Sinne von \u00bbWahlmaschinen\u00ab (Errejon), wie man das etwa bei Podemos beobachten konnte. Dieses Verst\u00e4ndnis \u203ades Volkes\u2039 betont vielmehr die Notwendigkeit einer Einheitsfront, die verschiedene Str\u00f6mungen, Bewegungen und Formen der Repr\u00e4sentation zusammenbringen kann. Sie kann aber auch, wie Gramsci es vorgeschlagen hat, bei der Entstehung neuer Formen kritischer politischer Intellektualit\u00e4t helfen, um einen \u00bbModernen F\u00fcrsten\u00ab f\u00fcr unsere Zeit zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Welche Aufgaben ergeben sich aus Deinen bisherigen \u00dcberlegungen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, die Linke in Europa muss die tiefe strategische Krise anerkennen und verstehen, in der sie steckt. Sie sollte an einem Prozess arbeiten, in dem sie die Elemente neu ordnet, neu bestimmt, die die Essenz der Linken ausmachen \u2013 wir brauchen einen \u00bbkonstituierenden Prozess\u00ab f\u00fcr die Linke als einer Kraft der Emanzipation und Transformation. In einem solchen Prozess muss versucht werden, die Arbeit in sozialen Bewegungen und die Organisationen der subalternen Klassen neu auszurichten. Ein Beispiel: Sicher, man kann nicht darauf verzichten, in etablierten Gewerkschaftsstrukturen zu arbeiten, aber das reicht eben nicht. Neue Formen der Prekarit\u00e4t, der Mobilit\u00e4t und der flexiblen Arbeit, insbesondere f\u00fcr die j\u00fcngeren Teile der Besch\u00e4ftigten, verlangen nach neuen Formen der Organisierung, nach inklusiveren Strukturen und nach neuen Formen der Intervention, die die politische Arbeit am Arbeitsplatz und Kampagnenarbeit au\u00dferhalb kombinieren. Oder: Neue Herausforderungen, wie etwa die Arbeit mit Gefl\u00fcchteten und Migrant_innen, verlangen nach neuen Formen von Solidarit\u00e4tsbewegungen. Auch die Lage der Jugend, die ganz besonders der sozialen Gewalt der Arbeitslosigkeit und kapitalistischen Restrukturierung betroffen ist, verlangt nach neuen Formen einer Jugendbewegung. Und insgesamt macht all das eine neue \u203aDemokratie des Kampfes\u2039 n\u00f6tig, aktive Beteiligung der Mitglieder und neue Formen, um K\u00e4mpfe zu koordinieren. Die Linke sollte diesen ganzen Komplex als einen dr\u00e4ngenden Aspekt der Neuausrichtung sehen, anstatt lediglich zu versuchen, der linke Fl\u00fcgel der bestehenden Gewerkschaften zu sein.<\/p>\n<p><strong>Also andere Organisierungs- und Arbeitsformen entwickeln?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber zu einem solchen Prozess geh\u00f6rt es auch, Strategie neu zu denken. Bisher hat sich das strategische Denken der meisten Str\u00f6mungen der Linken darauf beschr\u00e4nkt, entweder in abstrakten Begriffen \u00fcber Sozialismus oder in taktischen Begriffen \u00fcber eine potenzielle antineoliberale oder Anti-Austerit\u00e4ts-Regierung nachzudenken. Das bedeutet, dass die wirklichen strategischen Fragen, wie etwa das Verh\u00e4ltnis zwischen einem \u00dcbergangsprogramm und der sozialistischen Perspektive oder das Verh\u00e4ltnis zwischen Regierungsbeteiligung und Mobilisierungen von unten kaum oder gar nicht diskutiert wurden. Als die Linke sich schlie\u00dflich mit der Frage der Macht konfrontiert sah, waren die Ergebnisse desastr\u00f6s. Man muss Strategie meines Erachtens deshalb in zwei Richtungen neu denken: Die eine hat mit der Frage des Programms zu tun. Ein \u00dcbergangsprogramm sollte nicht nur eine Sammlung von Unzufriedenheiten und Forderungen sein, es sollte eine alternative und koh\u00e4rente Erz\u00e4hlung f\u00fcr die Gesellschaften haben. In Europa sollte die Linke den Bruch mit der Eurozone und der EU als einen Ausgangspunkt f\u00fcr ein Programm nehmen, das auf Verstaatlichung, neuen Formen der demokratischen und partizipativen Planung, \u00bbArbeiterkontrolle\u00ab und Selbst-Management basiert.<\/p>\n<p>Die andere Richtung hat etwas mit der Frage der Macht zu tun. Die Linke sollte sich keine Illusionen \u00fcber die Regierungsmacht machen, selbst wenn sie diese unter den Bedingungen der akuten politischen Krise erlangen kann. Es ist vielmehr n\u00f6tig diese Fragen im Sinne einer \u203apermanenten Doppelmachtstrategie\u2039 zu durchdenken. Das hei\u00dft: Wie k\u00f6nnen populare K\u00e4mpfe und Formen der Organisierung von unten entwickelt werden, um den kapitalistischen Strategien und Priorit\u00e4ten entgegenzuwirken, die bereits in der Materialit\u00e4t der Staatsapparate eingeschlossen sind.<\/p>\n<p><strong>Wenn wir \u00fcber Macht sprechen, dann m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich auch \u00fcber die Spaltungen in den unteren Klassen und die Vielf\u00e4ltigkeit der Linken reden.<\/strong><\/p>\n<p>Richtig, deshalb geh\u00f6rt es zu den Aufgaben der Linken dazu, im Rahmen eines solchen konstituierenden Prozesses die Zentralit\u00e4t der \u00bbEinheitsfront\u00ab neu zu denken. Wenn man die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig starke Fragmentierung der radikalen Linken in Europa betrachtet, dann wird das zu einer dr\u00e4ngenden Aufgabe.<\/p>\n<p>Allerdings m\u00fcssen wir die einfache und bereits getestete Idee einer \u203aAnti-Austerit\u00e4ts-Front\u2039 oder \u2013 schlimmer noch, wie der Fall der italienischen Linken in den 2000er Jahren zeigt \u2013 einer Front gegen den gemeinsamen Feind, \u00fcberdenken (vgl. Porcaro 2012).<\/p>\n<p>Und wir brauchen Fronten, die nicht lediglich Wahlkampagnen oder -b\u00fcndnisse sind, sondern wirkliche politische Prozesse, die Mitglieder und Aktivisten dazu bef\u00e4higen, an Debatten teilzunehmen, und die dazu bef\u00e4higen, aus dem kollektiven Einfallsreichtum und den Experimenten zu lernen, die aus den K\u00e4mpfen, Bewegungen und der Solidarit\u00e4tsarbeit kommen. Diese Bewegungen und Organisierungen sind enorm wichtig. Man kann sie \u2013 um einen Ausdruck von Gramsci zu benutzen \u2013 als Laboratorien neuer kollektiver aktivistischer Intellektualit\u00e4ten verstehen.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Bergmann, Theodor, 1997: Einheitsfront, in: <em>Historisch-kritisches W\u00f6rterbuch des Marxismus<\/em>, Bd. 3, hgg. v. W.F.Haug u.a., 194-99, <a href=\"http:\/\/www.inkrit.de\/e_inkritpedia\/e_maincode\/doku.php?id=e:einheitsfront\">www.inkrit.de\/e_inkritpedia\/e_maincode\/doku.php?id=e:einheitsfront<\/a><\/p>\n<p>Candeias, Mario, und Alex Demirovic, 2017: <em>Europe \u2013 what\u2019s left? <\/em><em>Die EU zwischen Zerfall, Autoritarismus und demokratischer Erneuerung<\/em>, M\u00fcnster, entgeltfreier download: <a href=\"http:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/14782\/europe-whats-left\/\">www.rosalux.de\/publikation\/id\/14782\/europe-whats-left\/<\/a><\/p>\n<p>ders., 2016: Ein Moment der Katharsis. Syriza und die europ\u00e4ische Linke, in: <em>theoriekritik.ch<\/em>, Januar, <a href=\"http:\/\/www.theoriekritik.ch\/?p=2333\">www.theoriekritik.ch\/?p=2333<\/a><\/p>\n<p>Koronakis, Tassos, 2015: \u00bbWir haben es bis hierhin geschafft, weil die Einigkeit im Kern unseres Planes stand\u00ab, in: <em>LuXemburg-online<\/em>, August, <a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/wir-haben-es-bis-hierhin-geschafft-weil-die-einigkeit-im-kern-unseres-planes-stand\/\">www.zeitschrift-luxemburg.de\/wir-haben-es-bis-hierhin-geschafft-weil-die-einigkeit-im-kern-unseres-planes-stand\/<\/a><\/p>\n<p>Porcaro, Mimmo, 2011: Linke Parteien in der fragmentierten Gesellschaft. Partei neuen Typs: die \u00bbverbindende Partei\u00ab, in: <em>LuXemburg<\/em> 4\/2011, <a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/linke-parteien-in-der-fragmentierten-gesellschaft\/\">www.zeitschrift-luxemburg.de\/linke-parteien-in-der-fragmentierten-gesellschaft\/<\/a><\/p>\n<p>Schneider, Etienne, 2017: <em>Raus aus dem Euro \u2013 rein in die Abh\u00e4ngigkeit?<\/em>, entgeltfreier download: <a href=\"http:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/sonst_publikationen\/VSA_Schneider_Raus_aus_dem_Euro.pdf\">www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/sonst_publikationen\/VSA_Schneider_Raus_aus_dem_Euro.pdf<\/a><\/p>\n<p><strong>Zum Weiterlesen<\/strong><\/p>\n<p>Troost, Axel, 2017: <em>Griechische Politik im Faktencheck. Was Griechenland zur Krisen\u00adbew\u00e4ltigung tats\u00e4chlich geleistet hat<\/em>, rls-online, <a href=\"http:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/14754\/griechische-politik-im-faktencheck\/\">www.rosalux.de\/publikation\/id\/14754\/griechische-politik-im-faktencheck\/<\/a><\/p>\n<p>Quelle: <em><a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/ein-post-nationales-volk-schaffen\/\">zeitschrift-luxemburg.de&#8230;<\/a><\/em> vom 14. Dezember 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Panagiotis Sotiris \u00fcber die politische und soziale Situation in Griechenland und die Aufgaben der europ\u00e4ischen Linken und eine \u203aBewegung des Volkes\u2039.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[10,43,45,14,4],"class_list":["post-2862","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-breite-parteien","tag-griechenland","tag-neoliberalismus","tag-postmodernismus","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2862","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2862"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2862\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2863,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2862\/revisions\/2863"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2862"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2862"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2862"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}